Nummer 44 Montag, den 12. Juni Jahrgang <935 SiehemrZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Schöne Junitage. Von Detlev o. L i l l e n c r o n. Mitternacht, die Gärten lauschen, Flüsterwort und Liebeskuß, Bis der letzte Klang verklungen, Weil nun alles schlafen muß — Flußüberwärts singt eine Nachtigall. Sonnengriinsr Rosengarten, Sonnenweihe Stromesflut, Sonnenstiller Morgensriede, Der auf Baum und Beeten ruht — Flußüberwärts singt eine Nachtigall. Straßentreiben, fern, verworren. Reicher Mann und Bettelkind, Myrtenkränze, Leichenzllge, Tausendfältig Leben rinnt — Flußüberwärts singt eine Nachtigall. Langsam graut der Abend nieder, Milde wird die harte Welt, Und das Herz macht seinen Frieden, Und zum Kinde wird der Held — Flußüberwärts singt eine Nachtigall. Die große Nummer. Von Frederic V o u t e t. Als ziemlich schwächlich und leidend aussehender kleiner Schimpanse kam er damals aus dem Westen Afrikas. Seine Mutter war von Jagern einer Karawane erschossen worden. Diese Jäger hatten sich des kleinen Assen angenommen, der sich verzweifelt an den Hals der toten Mutter klammerte und ein klägliches Geschrei erhob. Der deutsche Agent einer Faktorei hatte ihn gekauft und nach Hamburg auf den Tiermarkt geschickt. Jetzt gehörte der Schimpanse dem alten Dresseur Merlis (fein wirklicher Name war Amadeus Merle) und dieser setzte auf den Affen seine einzige und letzte Hossnung, dem Elend zu entgehen. Der „alte Merle" spielte früher eine große Rolle in der Welt der Alrobaten, Jongleure, Seiltänzer und Clowns, jener Attraktionsnummern der Varietetheater. Merles Spezialität war die Dressur gelehriger Tiere. Er war durchaus kein „Tierbändiger" und mißachtete deren Erfolge. Er dagegen betrachtete sich als einen Künstler und Psychologen. Er wandte nur Sanftmut, Ueberredungskunst und Geduld an. Niemals wurde er grausam oder roh. Seine Zöglinge waren seine Freunde; er behandelte sie entsprechend, und er konnte auch nicht klagen: denn zwanzig Jahre lang hatte er in ganz Europa und auch in Amerika die schönsten Erfolge. Der berühmte Merlis hatte beinahe die Fünfzig erreicht, als er von mehreren schweren Schicksalsschlägen heimgesucht wurde. Das «chisf, das ihn mit seiner Truppe einem Dutzend hervorragend abgerichteter Hunde, von Algerien nach Europa zurückbringen sollte, hatte Schiffbruch erlitten, und wenn auch die Passagiere unter großen Schwierigkeiten gerettet werden konnten, hatte man in den Rettungsbooten für die Hunde keinen Platz mehr, obwohl ihr Herr aufs Heftigste Widerspruch erhob und sie durchaus mit sich nehmen oder mit ihnen zugrunde gehen wollte. Nur mit Gewalt setzte es der Kapitän durch, daß Merlis ohne die Hunde ansLand gebracht wurde. Kurze, Zeit darauf fah sich der Bankier, bei dem JJcerits feine Ersparnisse angelegt hatte, durch unglückliche Spekulationen gezwungen, seine Zahlungen einzustellen, so daß feine Kunden vor dem Ruin standen. Der arme Merlis, der durch diese beiden Geschehnisse den Kopf verloren hatte, war zu allem Unglück noch schwer erkrankt, und sechs Monate lang lag er unter qualvollen Schmerzen im Krankem Hause, verzweifelt und einsam: er hatte weder eine Familie noch ein Heim. , ,, Mutlos und gealtert hatte er schließlich das Krankenhaus verlassen. Er tat, was in feinen Kräften stand, um sich durchzukärnpsen; aber es fehlte ihm an Geldmitteln zum Ankauf brauchbarer Tiere. Auch suhlte er nur zu gut, daß er nicht mehr die Unternehmungslust der Jugend besaß und daß es ihm auch an Einfällen für eine erfolgreiche Sensations- nummer mangelte. ...... ™ Monate vergingen. Die Hilfsquellen des unglücklichen Mannes waren bald erschöpft. Schon sah er sich dem Elend preisgegeben, als der Sirettor eines Zirkus, in dem er einmal beschäftigt gewesen war, sich zufällig seiner erinnerte und sich entschloß, ihm den jungen Schimpansen zu überlassen, den er soben in einer Tierlotterie gewonnen hatte. Von da an hatte der alte Merle seinen Lebensmut wiedergefunden und sich mit aller Energie der Erziehung feines Affen gewidmet, dem er den Rainen Sam gab. Weil Merlis auf das erstaunliche Auffassungsvermögen der Affen und ihr bewundernswertes Nachahmungstalent rechnete, war er auf den Einfall gekommen, das gewöhnliche Repertoire der bekannten Kunststück« zu erweitern und Sam das Jonglieren mit buntfarbigen Kugeln und mit Tellern beizubringen. Aber dem Affen Sam fehlte es leider an dem richtigen Talent. Er war klug, von anschmiegsamem Charakter und hatte sich rasch an seinen Herrn angeschlossen, der ihn mit großer Güte behandelte. Doch Sam belaß ein träges, etwas furchtsames Wesen, und das war natürlich für feine Fortschritte hinderlich. Stundenlang ließ ihn der alte Dresseur mit unermüdlicher Geduld immer wieder dieselbe Geste, dasselbe Kunststück wiederholen. Für jedes Gelingen belohnte er ihn mit einem Stückchen Zucker und das Abrichten schien zu glücken, aber so langsam, daß der arme Mann mit Schrecken den Tag herannahen sah, an dem er nicht mehr einen Pfennig besitzen würde. Schließlich kam es so weit mit ihm, daß er sich selbst das Essen entzog, um seinen Affen zu ernähren. Dennoch nahte der große Augenblick, wo Sam nach Merlis Meinung nichts mehr zu erlernen hatte und für das Licht der Rampe reif war. Run mußte man daran denken, ein Engagement zu finden, und das war noch viel schwieriger, als Sam abzurichten. Merlis' früher berühmter Rame war in Vergessenheit geraten. Assen hatte man schon so oft gesehen, daß sie als abgespielte Attraktionsnummer galten. Trotzdem erreichte der alte Merle eine „Audienz" beim Direktor eines großen Spezialitätentheaters. Nie im Leben hatte sich feiner eine so starke Erregung bemächtigt, wie in dem Augenblick, als er sich dem gegenüber sah, von dem sein Leben abhing. Merles Vermögen bestand aus einem Talerstück, vier Groschen und — Sam. Eine beklemmende, unbekannte Furcht bedrückte ihn, die Angst eines Mannes, der [ein Letztes wagt. Der Direktor, der nicht viel Zeit zu haben schien, sah gleichgültig in seinem Sessel und rauchte eine Zigarre. Der Affe stand hinter einem Tisch Merlis, der ihn beaufsichtigte, ganz in feiner Rähe. Ohne Zwischenfall hatte Sam feine ersten Kunststücke vorgeführt. „Das geht nicht, nein, das geht nicht", brummte der Direktor, die Achseln zuckend. „Immer dieselbe Geschichtel Das machen alle Affen: sich hinsetzen, eine Serviette vorbinden, sich selbst bedienen, rauchen. Alle machen das, immer sieht man die gleiche abgeleierte Sache!" „Er wird jetzt Jonglierkunststücke machen", bemerkte Merlis verängstigt, „er ist erstaunlich geschickt, wenn er jongliert." Gehorsam ergriff Sam drei Teller. Er warf den ersten in die Luft, dann den zweiten, dann den dritten, und als der erste wieder herunter- kam, wollte er ihn auf fangen; aber, zweifellos eingeschüchtert, gelang es ihm nicht, ihn zu greifen, und schon fiel ihm der Teller auf die Nase. Er stieß einen kreischenden Schrei aus und sprang zurück. „Unerhört!" schrie der Direktor. „Also, um mir das vorzuführen, haben Sie'mich gestört ..." ....... „Er wird gleich noch einmal beginnen; das war ein unglücklicher Zufall! Es ist das erstemal, daß ihm das passiert!" Der alte Merlis war auf Sam zugeeilt. Der rieb sich die Nase, schnitt Grimassen und lieh feine kleinen erschreckten Augen rollen. Der alte Merle liebkoste ihn, streichelte seine Backen, sprach sanft auf ihn ein und führte ihn schließlich zu dem Tisch mit den Tellern zurück. Sam zitterte an allen Gliedern. Mit einem betrübten Blick auf feinen Herrn ergriff er von neuem die Teller mit den Fingerspitzen, schleuderte den ersten, den zweiten, den dritten zur Decke ... und, ohne ihr Herunterkommen abzuwarten, zog er sich mit einem kühnen Sprunge nach hinten vom Schauplatz zurück vor Schreck mit den Zähnen klappernd, während die Teller klirrend zur Erde fielen. „Großer Gott, großer Gott", jammerte der alte Merlis. , Na da sehen Sie's! Lassen Sie ihn endlich in Ruhe! Er hat Angst",'sagte der Direktor sarkastisch. „Nun Schluß damit! Er wird das natürlich jedes Mal so machen, Sie kennen doch die Affen ... Wenn Sie mir folgen mein guter Merle, dann gehen Sie lieber aufs Land, Ihren Kohl pflanzen. Sie sind fürs SBarietS schon etwas alt. Sie haben feine glückliche Hand mehr " Merlis antwortete nicht. Ein Alter voller Leiden, Elend und Demütigungen stand ihm vor Augen. Ein Zucken ging durch den Körper des armen Mannes. Er weinte. Sam, der sich von seinem Schreck erholt hatte, beobachtete ihn. Mit drei geräuschlosen Schritten war er an seiner Seite. Er griff mit seiner Hand in die Rocktasche seines Herrn, nahm das Taschentuch heraus, und sanft und zärtlich begann er ihm die Nase zu putzen und die Tränen vom Gesicht zu wischen, wie er es schon oft seinen Herrn hatte tun sehen. Denn es war nicht das erstemal, daß der brave Mann aus Verzweiflung meinte. Aber schon brach der Direktor strahlend und begeistert in h chste Bewunderung aus: „Bravol so muß es fein! Diesmal klappt die Sache' dem Wege. c Wenn dann aber die Herbststürme kommen, das Gewölk sich aus. türmt, und rasende Regen herabstürzen, wenn m sommerlichen Nachten die Gewitter wie die Gelächter von unsichtbaren Dämonen den Himmel entlanqtollen — ist es dem Bauer wohl zumute. Das gehört zu seiner Welt und die sremde drüben wird dabei ganz klein und sammerlich. Ler Sturm faucht sie ihm vom Leibe. Blick und Atem gehen weit unend ich weit über sie hinweg, und sein Hof, seine.Weiden, seine Aecker dehnen sich und wachsen über alles hinaus, was der Mensch mit seinen Sinnen nur erfassen kann. Prophezeiungen deutscher Größe. Von Dt. Kurt Haack. Eine neue Zeit ist für Deutschland angebrochen in der man wieder aus den Ausstieg des Vaterlandes zu Größe und Glanz hofft Gar ost schon im Lauf unsrer zweitausendjährigen Geschichte hat solche Hoss- nung die Besten erfüllt, und es ist ein stolzes Zeichen des festen Ver- trauens, das die Nation in die eigne Kraft bewahrt hat; gerade in Epochen der inneren Schwäche loderte ihr dieser Glaube am hellsten als wegweisende Feuersäule durch das Dunkel. Der große Germanist Rudolf Hildebrand hat einmal betont, wie viel solche nationalen Traume, die aus der Tiefe der Seelen aufleuchten, im Leben eines Volkes bedeuten, wie wichtig sie sind für das Verständnis seines Charakters, und so blickt man ergriffen in diesen fernen Spiegel der deutschen Vergangenheit, aus dem doch dieselbe Sehnsucht schimmert, derselbe Glaube wie Der alte Garten. Von Josef v. E i ch e n d o r f f. Kaiserkron und Päonien rot, Die müssen verzaubert sein, Denn Vater und Mutter sind lange tot, Was blllhn sie hier so allein? Der Springbrunn plaudert noch immer fort Von der alten schönen Zeit, Eine Frau sitzt eingeschlasen dort, Ihre Locken bedecken ihr Kleid. Die hat eine Laute in der Hand Als ob sie im Schlafe spricht. Mir ist, als hätt ich sie sonst gekannt — Still, geh vorbei und weck sie nicht. Und wenn es dunkelt das Tal entlang. Streift sie die Saiten sacht Das gibt einen wunderbaren Klang Durch den Garten die ganze Nacht. Der letzte Bauernhof. Von Manfred 6 tut mann. sche Weltherrschaft geworden, und in Kraft, Reinheit und Gesundheit die Grundelemente ^ebnt verschwunden.) Dann sitzen Bauer und Bäuerin, Sohne Knechte und IJlägbe inmitten der andächtigen Städteschar. Und der Sauer ist nach ungeschriebenem Gesetz der König der Kirchengememde^ Er sitzt breit und eigenwillig im vordersten Betstuhl und ist sich seiner Wurde bewußt. Auf seinem Hof hat sich nichts verändert. Ställe, Remise, Wohnhaus — sie bilden das übliche Viereck, als Schutzstellung gedacht gegen von außen herankommende Gefahr. Es ist, als wolle sich der Hof abkehren gegen alles was nicht zu ihm gehört; denn die Hauser umhegen einen allen Bezirk, in welchem das uralte Familiengesetz nach w,e vor seine strenge Geltung hat. An Winterabenden sitzt alles um den Herd, die Spinnräder der Mägde schnurren und die Männer beugen sich über ihre Schnitzarbeit. Sie alle sitzen um den alten wurmstichigen Eichenllsch und löffeln ihre einfache Mahlzeit in sich hinein. Sie fluchen über den Regen wenn er die Ernte bedroht, und machen das Kreuz nach getanem Dienst. Sie sind fromm und gradlinig und gleichen den Gestatten, die sie in abendlicher Muße aus ihren Hölzern schnitzen. Manchmal ist es dem alten Bauern arg, daß er den früheren Aus- blick verloren hat. Einst konnte er, stand er auf seinem Feld wett Umschau halten bis an die Bergkette, und sah nur Halme, ein Stuck Wald, em ländliches Dach vielleicht. Jetzt aber ist er eingekeilt, der Blick bricht sich an städtischem Machwerk, an Gemäuer. Es ift als mürbe der Atem schwer- bei dieser Enge, und man ist versucht, die Knechte zu rufen, um mit der Spitzhacke in den Fäusten bas alles elnzureißen, unb bem Boden gleich- zumachen, gutes Brot darein zu pslanzen. In solchen Augenblicken ist es nicht gut, dem Bauer zu nahe zu kommen. Man geht ihm besser aus Da haben wir eine Sensationsnummer! Der alte Komödiant mit weihen fiaaren — sie werden natürlich ein entsprechendes Kostüm und eine Perücke tragen — der Asse, dem sein Kunststück mißglückt der Mann bricht in Tränen aus, der Asse tröstet ihn! Das ist ergre, end, das 'st fabelhaft, das ist verblüffend! Wir werden es »Das Mißglückte Kunft- stück" nennen! Alle Wett wird zu uns t)inftromen. Ach, lieber Merle, ich wußte ja gar nicht, was für eine wertvolle Kraft Sie find! (Berechtigte Ueberfetzung von Lisbeth B r a n n.) Dem Deutschen ist das einzigartige Glück zuteil geworden, daß an 6er Pforte seiner Geschichte einer Fremder steht, der ihm mit bewunderndem Scharfblick die geheimen Züge seines Wesens deutete. Der Römer loci t u s ist mit seiner „Germania", ohne daß er es wollte, ein Prophet dos deutschen Sieges über die römische Weltherrschaft geworden, und in seiner Schilderung germanischer Kraft, Reinheit und Gesundheit haben unsere Geistesführer die Grundelemente der deutschen Nation gefunden, die wohl verwischt, aber nie ausgeloscht werden konnten, von Hutten bis E. M. Arndt und T r e i t s ch ke. So eröffnete der geniale Geschichtsschreiber aus Feindesseite die Reihe der großen Propheten. Walther von der Vogelweide in seinem Loblied auf die Deutschen und Freidank in seiner Spruchweisheit sind die ersten gewesen, die in deutscher Sprache von dem hohen Zukunftswert ihres Volkes kündeten. Das Reich hatte bereits die Sonnenhöhe feiner Macht überschritten; Schatten der Schwäche und Zwietracht senkten sich hernieder, und in dem mystisch durchglühten 14. Jahrhundert schweifen die Blicke sehnfüchtig in die Vergangenheit, suchend vorwärts in die Ferne. Ein um 1320 entstandenes Gedicht „Sibyllen-Weis- f a g u n g" erzählt von einem Jdealkaiser, in dem die Gestalten des edlen Friedrich Barbarossa und des genialen Friedrich II. zu- sammenfließen. Der deutsche Held schlechthin wird dieser Herrscher sem, de die ganze Christenheit regieren und eine neue Wettordnung des Friedens und Glückes heraufführen soll. Die Kölner Chronik von 1409 erwartet das neue Reich in nächster Zeit und durch einen ganz bestimmten Fürsten, der aus dem Hohenzollernstamm entsprossen ist, durch den Burggrafen Friedrich von Nürnberg, dem Sigismund zugleich mit der Kurwürde von Brandenburg das Amt der Neubildung des Reiches Übertragen. Aehnliches erhofft ein Mann aus dem Votte/Friedrich Reiser, in seiner vielgenannten Prophezeiung von der „Reformation des Kaisers Sigmund". Die beginnende Renaissance ließ ihre Blicke weiterschweifen und baute schöne Trugbilder auf den Wolkenhöhen des Geistes. Ein großer Philosoph auf der Wegscheide zwischen Mittelalter und Neuzeit, her geniale Nicolaus von Cues, gestaltete in (einer Schrift De con- cordantia catholica, die von der gottgewollten allgemeinen Harmonie zwischen Kirche und Reich handelt, das prophetische Idealbild eines von Rom unabhängigen, einheitlich geleiteten Deutschland, das sich im Kamp! gegen alle Feinde ringsum zu stolzer Macht erhebt. Die gleiche Hosp nungsfrohe Frühlingsstimmung, daß nun „alles neue werde", bejeeu die edelsten Geister der Reformation, unter denen besonders Hütte n zum Verkünder der deutschen Freiheit und Größe wird. Er beschwor als höchste Verkörperung des Deutschtums die Heldengestalt des Arm>- nius herauf, die dann so oft den Deutschen vorangeleuchtet, und er spricht es aus, daß die Deutschen noch immer die unbezwinglichen Krieger Er hat sich behauptet wider die sich ausbreitende Stabt unb roiber bte gegen ihn anstürmende Zeit, dieser letzte Bauernhof. Dicht an ihm vorbei verläuft die schöne asphaltierte Autostraße ins Innere der Stadt. Keine hundert Meter von ihm entfernt erheben sich bte neuen hellen Wohnhäuser. Aus der anderen Seite liegen sauber gepflegte Anlagen, Parks und Gärten, in denen die Villen der Reichen stehen. Mitten in dieser ihm neuen und, wie ihn dünkt, feindlichen Wett, sitzt der alte Bauer auf feinem Hof, den feine Väter Jahrhunderten inne hatten. Hart an die neue Autostraße grenzt seine Weide und sein Vieh hat sich an den Anblick der in der Sonne dahinblitzenden Fahrzeuge gewöhnt. Etwas weiter draußen, aber immer noch im Weichbild der Stabt liegen seine Aecker, und die Halme des Korns ragen in den noch nicht umbauten Hos eines neuen Wohnblocks hinein. Am Morgen fahrt der von Ochsen gezogene Leiterwagen zur Arbeitsstätte, manchmal, um öen Weg abzukürzen, über die Autostraße, und der Hofhund, em bunt- gekreuzter wolliger Gefeite, trottet mit hängenden Ohren hinterdrein. Abends sitzen bi'e Mägde auf dem Hofe. Sie sitzen, wie fönst auf dem Lande,! auf einer Wagendeichsel und schaukeln sich. Das Gelachter der Knechte dröhnt in die abendliche Stille und mischt sich seltsam mit bem krachenden Geräusch der Lautsprecher drüben in den Wohnhäusern. Wenn die Knechte im Juni das Heu mähen, sehen ihnen die herum- fpielenben Stadtkinder zu, und eine Schwester darf mit ihrem vergnügt zappelnden Säugling auf einem der Heuhofen Platz nehmen und sich sonnen. Es geschieht, daß ein im Rasen liegender und vor sich hmdosender Faulenzer von dem warmen Atem einer äsenden Kuh erschreckt wird, und daß der Bauer in plötzlich aufkommendem Unwillen, den Knüppel in der Faust, eine Rotte von Buben von seinem Kleeseid treibt. Ja hier liegen zwei Welten dicht beieinander: die ruhige, behagliche, breite'des bäuerlichen Lebens, und die zuckende, nicht Ruhe gebende, der K ausbreitenden und in die Landschaft sich hineinsressenden Großstadt. d es gibt einen fortdauernden Kleinkrieg zwischen diesen Welten. Aber der alte Bauer hat einen harten Schädel. Er trotzt der an- stürmenden Gewalt. Er gibt nicht einen Streifen seines Bodens her. Die städtischen Baupläne haben einen weißen Fleck: das ist der Hof des Bauern Vergebens hat sich der städtische ©artenbaumeifter eine wundervolle Anlage zurecht gedacht und in der Tagespreise öffentlich projektiert hier mitten im neuentstandenen Teil der Stadt. Der Bauer machte einen dicken Strich durch die Rechnung. Und als die Stadtväter mit ihrer verlockenden Ablösungssumme tarnen, hat der alte Bauer nur verächtlich den Kops geschüttelt. Hier waren seine Väter, hier wird auch er bleiben. Diesen Boden, von Ahnesohn ererbt, hatte er an Sohnesohn weiterzugeben. Hier wird er bleiben, unb wenn er sich mit ben Zähnen in ben Boben feft- deißen müßte, und wenn sie ibn vollends einschließen mit ihren Häusermauern — der Hof bleibt bestehen, und die Aecker tragen weitert Es hat um diese Sache Auftritte und Prozesse gegeben: Eine Stabt, unb noch bcizu eine große und von aller Wett gelobte, wird doch Herr werden über ein einziges eigensinniges Bäuerlein! Nein, sie wurde nicht Herr. Der Bauer fand sein Recht und behielt seinen Dickfchädel. Er blieb breit und selbstbewußt auf seiner Scholle sitzen, und die große und von aller Welt gelobte Stadt mußte sich bescheiden. Der Bauer wohnt in seinem alten Hause mit seiner Frau und seinen Söhnen, als hätten die Jahre keine Veränderungen rings um ihn gebracht. Für ihn ist die neue Zeit ohne Belang, er sieht die wachsenden Bauten nicht und nicht die hastigen Menschen, die man ihm als Nachbarn vor die Nase gesetzt hat. Er unb die Seinen kleiden sich bäuerisch und lassen nicht um ein Deut von ihren Gewohnheiten. Sonntags geht man in die Kirche, in die neue, ein schmuckes Gebäude in modernen Formen. (Die alte ehemalige Dorfkirche ist seit einem Jahr- Die Dame mit dem Otterpelz. Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Taren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.) Kommissar Kling bohrte seinen Blick nachdenklich in das verblichene Muster der Damasttapete. „Und was ist dann aus dem Bilde geworden? fragte er zerstreut. „Ich ließ mich von Kaspar Fuchs überreden ihm das Portrat zu verpfänden. Obgleich ich seine Absicht sofort durchschaute Er hasste natürlich daß ich nicht imstande sein würde, das wertvolle Pfand einzulosen. Nach achtzehn Monaten wäre es verfallen gewesen, und ich verzweifelte bereits an jeder Hoffnung, das Bild wieder zurückzugewinnen. Aber w,e durch ein Wunder gelang es mir kurz vor Ablauf der Frist, es doch noch ein- zulösen." „Und wie kam das?" und reinen Naturen feien, wie di« alten Germanen, aber zugleich Kulturmenschen, die das Pulver und die Buchdruckerkunst erfunden. Selbst Caesar und Cicero müßten ihre Taten und Reden bewundern. F r i s ch l i n hat diesen Gedanken in seinem „Julius redivivus" dramatisch gestaltet, Meißner ihn übernommen, und so hat dieser Triumph des Deutschtums über das Altertum noch auf Bismarck gewirkt. Wie Hutten den ruhenden „Deutschen Aar" feiert: „Entschwingt er dem Boden sich kühn in die offenen Lüfte, Wehe, wie breitet er dann Schrecken und Furcht um sich her"!, so hat Luther gesagt: „Teutsch- land ich wie ein schöner weiblicher Hengst, der Futter und alles genug hat, was er bedarf; es fehlt ihm aber an einem Reuter; es ist mächtig genug an Stärke und Leuten; es mangelt ihm aber an einem guten Haupt". Wieder klingt hier etwas von Bismarck an, der gesagt hat: „Setzen wir nur Deutschland in den Sattel; reiten wird es schon können". Der Dreißigjährige Krieg, der das größte Elend über Deutschland bringt, läßt dafür die Prophezeiungen wie glänzende Sterne einer fernen besseren Zeit am dunkeln Horizont aussteigen. In einem prachtvollen, unter leichtem Humor tiefen Ernst bergenden Traumbild seines „Siinpli- cissimus" läßt Grimmelshausen einen „Erzphantasten", der sich für den Gott Jupiter ausgibt, von einem neuen deutschen Weltreich künden: „Ich will einen deutschen Helden erwecken, der soll alles mit der Schärfe des Schwertes vollenden. Zuletzt wird er den größten Potentaten in der Welt befehlen und die Regierung über Meer und Erden jo löblich anstellen, daß beides, Götter und Menschen, ein Wohlgefallen darob haben sollen." Ja, Deutschland, soll sogar auch das Kulturerbe Alt- Griechenlands antreten, und Jupiter selbst gelobt, „alsdann die griechische Sprache abzuschwören und nur teutsch zu reden". Dem lustigen Phantasiegespinst des Dichters steht die tiefer gegründete Anschauung des Philosophen zur Seite. Leibniz hofft und wirkt für ein neues, von Deutschen geschaffenes heiliges, römisches Reich, dem alle Fürsten der Erde Achtung und Ehrfurcht darbringen. Der Prophet einer höheren Harmonie und Einheit, die in dem deutschen Gottesstaat ausgeprägt sein sollte, hat noch nichts von seiner Verwirklichung erlebt, es sei denn, daß er in dem großen Kurfürsten, dem Lohenstein seinen Roman „Armi- nius" ahnungsvoll als dem „Hermann Deutschlands" widmete, den Vorläufer des Zukunftshelden erkennen wollte. Das 18. Jahrhundert sah bereits in Friedrich dem Großen einen solchen Fürsten, der ganz Europa kühn und siegreich die Stirne bot. Der nationale Gehalt, den der König in die deutsche Kultur brachte, äußerte sich in kühnen Hoffnungen, wie sie z. B. K l o p st o ck und Justus Möser aussprachen. Friedrich selbst schaute in seiner merkwürdigen Schrift „De la litterature allemande" mit Seherblick in die Zukunft: , Wir werden unsere klassischen Dichter haben, unsere Nachbarn werden deutsch lernen, die Höfe werden es mit Freuden sprechen, und unsere veredelte und vervollkommnete Sprache wird sich durch unsere guten Schriftsteller von einem Ende Europas zum andern verbreiten." Rasch kam diese Zeit heran. Die junge Generation, die der greise Herrscher Nicht mehr verstand, wollte durch die deutsche Nation alle Nationen ausklären und erziehen, und 20 Jahre nach seinem Tode bekannte die geistvollste Franzsin, die erste Schriftstellerin ihrer Zeit, Frau v. Stael, die bereits Weimars Größe ahnte: „Deutschland muß durch seine Lage als das Herz Europas gelten, und die große Gemeinschaft dieses Kontinents würde ihrs Unabhängigkeit nur durch dies Land wiedererlangen, denn nur die Unabhängigkeit der Seelen wird die der Staaten begründen". Damals entwarf Schiller sein denkwürdiges Gedicht „Deutsche Größe", in dem er in einer Zeit des schlimmsten staatlichen Verfalls des Reiches die deutsche Nation als Volk der Zukunft feierte: „Jedes Volk hat seinen Tag in der Geschichte, doch der Tag der Deutschen ist die Ernte der ganzen Zeit — wenn der Zeiten Kreis sich füllt, wird der Deutscyen Tag erscheinen ... Die deutsche Würde ist eine sittliche Größe; sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation, die von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist. Die neue Jugend der Menschheit", die Frau von Stael in dem „Vaterland des Denkens" fand, erfüllte in den Freiheitskriegen ihren Traum von der Befreiung Europas. Die ganze Epoche des Jahrhunderck- anfanas drängt in kühnen Prophezeiungen auf diese Führerschaft Deutschlands hin, von Jean Paul und Hölderlin bis zu Fnebrich Schlegel und N o v a l i s. Die deutsche Romantik ist in Dichsung Philosophie und Musik eine einzige große Prophetin der Große des Vaterlandes. „Ob sich die deutsche Welt ausruht zum Außerordentlichen? fragt Arnim 1805 ahnungsvoll, und Fichte predigt Deutschlands Beruf zur Schaffung der Weltkultur, E. M. A r n d t preist das „Herz Europas und erkennt als seine „Weltmission": „Als ein Bollwerk zwischen Frankreich und Rußland und als ein Schildhalter skandinavischer hispanischer und italienischer Freiheit wird es wohltätig in der Mitte liegen und als der eigentliche Mittelpunkt des europa, chen Lebens das wütende und zerstörende Zusammenstürmen des Osten und Westen hindern." „Ein Vetter von mir, der seit fünfzehn Jahren in Indien lebt und schwer begütert ist war zufällig in Deutschland und hat mich gegen Ende Oktober besucht. Am 25. November war der Fälligkeitstermin für die von Fuchs geliehene Summe. Ich sah also nur noch eine Galgenfrist von einem Monat vor mir und nirgends auch nur die kleinste Möglichkeit, das Geld bis dahin zu beschaffen. Da entschloß ich mich, meinen Vetter einzuweihen und um sein« Hilfe zu bitten." „Und er hat Ihnen den Betrag zur Verfügung gestellt?" „Ja. Wenn auch erst nach einigem Zögern." Graf Werdenburg lächelte bitter. „Für meine inneren Beweggründe zeigte er nicht das geringste Verständnis. Aber als ich diesem indischen Nabob erzählte, daß das Bild einen Marktwert von rund einer Millionen habe, da begriff diese Krämerseele sofort, daß man Fuchs den Handel verderben müsse. Und er erklärte sich bereit, mir die Summe zu einem normalen Zinsfuß auf unbeschränkte Zeit zu leihen. Wenn auch unter der Bedingung, daß im Falle einer Veräußerung des Bildes ihm das Vorkaufsrecht zustehe. Ein Zugeständnis, da« ich ihm unbedenklich machen konnte. Denn, wenn es wirklich einmal so weit kommen sollte, wenn auch hoffentlich erst nach meinem Tode, dann bleibt das Bild wenigstens unserer Familie erhalten." Seine Stimme schwankte. Er bemühte sich, durch ein verlegenes Räuspern seine Bewegtheit zu verbergen. Kommissar Kling stand auf und verbeugte sich höflich. „Ich bin Ihnen für Ihre Mitteilungen sehr dankbar, Herr Graf, und will Sie nicht länger stören. Nur eine Bitte hätte ich noch. Sie haben mich auf dieses Bild neugierig gemacht. Und wenn ich auch nur ein durchschnittliches Laienverständnis besitze, so habe ich mich doch immer sehr lebhaft für bildende Kunst interessiert. Dürfte ich diese „Dame mit dem Otterpelz" einmal sehen? Vorausgesetzt, daß es Ihnen keine Schwierigkeiten macht, Herr Graf." Graf Dietrich war auf einmal sehr liebenswürdig. Es schien ihm mit dieser Unterredung ein Stein von der Seele gefallen zu sein. „Durchaus nicht, Herr Kommissar. Es ist mir sogar ein Vergnügen, Ihnen das Bild zu zeigen. Seit es wieder, gottlob, an seinem angestammten Platz hängt, gehe ich fast täglich in die Galerie hinüber und statte meiner schönen Ahne einen Besuch ab. Ich will nur Lorenz zuvor verständigen, daß er die Fensterläden öffnet. Vielleicht darf ich Ihnen inzwischen ein bescheidenes Frühstück anbieten?" Kling lehnte mit der Begründung ab, daß er bereits gefrühstückt habe und in einer Stunde schon wieder von Marienburg abreifen müsse. Seine Zeit reiche nur noch zu einer kurzen Besichtigung der Bildergalerie. Wenige Minuten später stand Kommissar Kling in sprachlosem Staunen der „Dame mit dem Otterpelz" gegenüber. Und auch er, der nüchterne und sachliche Verstandesmensch, mußte sich eingestehen, daß er für Sekunden dem unerklärlichen Zauber dieses Bildes erlegen war. Betroffen verfing sich sein Blick in diesen topasfarbenen Augen, die ihm mit einer abgründigen Zärtlichkeit, einer Verlockung ohnegleichen ent= gegenlächelten. Noch nie war er einem Gemälde begegnet, das so durchblutet war von imaginärem Leben, so voll magischer Gewalt des Ausdrucks, daß man kaum der Versuchung widerstehen konnte, feinen Finger auf die flaumige Wange, auf das feuchte Rot des geöffneten Mundes zu legen, um festzustellen, ob ihm nicht doch vielleicht ein warmer Hauch Cnt/J?™n,’ wie gefällt sie Ihnen?" fragte der Graf lächelnd. „Ich kann Ihnen eine Stelle aus unserer Chronik zitieren. Urteilen Sie selbst, ob sie stimmt. Es heißt da von ihr: „und war die frembbe Gräfin ein gar wunder chön und zaubrisch roeib, eine teufelinne, der teins mannes Hertz macht widerstahn. Und hat gross unheil bracht über manch ein tapfern ebelmann, halt aber ein gar grausam unb hoffärtig Hertz, bie welsche Gräfin, unb kein anber lieb, als ihr selbst." — Das scheint auch zu stimmen. Obgleich sie auf bem Bilde da nichts weniger als kalt unb hoffärtig aussieht. Finden Sie nicht?" ' Kling bewegte nur automatisch den Kopf. . „Der Chronist nennt sie „welsche Gräfin , well sie frembes Blut tn ben Abern hatte. Ihre Mutter ist Italienerin gewesen. Dieses Portrat ist bas einzige, was von ihr existiert. Es hat auch eine Geschichte — eine tragische sogar. Denn es hat bem Künstler, der es gemalt hat, bas Leben gekostet." „Das Leben? Wieso?" „Nun, bas ist nicht schwer zu erraten, wenn man sich bte Frau leben« big' vorstellt. Guarnabo verliebte sich natürlich in sie, unb zwar so toll, baft er sie überrebete, mit ihm zu fliehen. Sein Änfinnen scheint >edoch an ihrem „hoffärtigen Herzen" gescheitert zu sein. Und da nahm er statt ihrer bas Porträt an sich unb ergriff bamit bie Flucht. Er kam aber nicht weit. Der Gatte ber schönen Dianora ließ ihn verfolgen unb drang mit Bewaffneten bei ihm ein, um ihm das Bild wieder abzujagen. Als Guarnabo merkte, daß das Bild für ihn verloren war, zog er ein Me jer, um es zu vernichten, bevor es in bie Hände des Verfolgers fiele. Ader Graf Kolinfkn warf sich auf ihn unb entrang ihm bas Messer. Er würbe dabei selbst an ber Hanb verwunbet. Doch er verhinderte wenigstens das Zerstörungswerk. Was er aber nicht verhindern konnte oder aus nah^ liegenden Gründen nicht verhindern wollte, war, daß der Künstler sich selbst das Messer in ben Hals stieß. „Die Dame mit bem Otterpelz" ist sein letztes Werk gewesen. Sie selbst starb — erst vierunbzwanzigjährig, wenige Monate spater — von allen ihren einstigen Bewunberern unb sogar von bem eigenen (Satten aemieben — an ber Pest. Ein grausames Ende für so viel Schönheit! Ein Glück, daß sie wenigstens im Bilde für di« Nachwelt gerettet wor- bauerte eine ganze Weile bis Kommissar Kling sich zu seiner kritischen Ueberlegenheit zurücksanb. Er vermochte sich nicht darüber klar zu werben, was ihm dieses Unbehagen, diese ihm sonst fremde Beklommenheit verursachte. Er hatte das beinahe körperliche Gefühl, als wurde sein Herz in einer eifernen Spirale zufammengepreßt, fo daß er ein paarmal tief Atem holen mußte. Und er spürte mit Befremdung einen seinen, | kalten Schweiß aus seiner Oberlippe, was bei ihm stets bas Zeichen tiefer * Erregung war. Schöneberger Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Sieben. nie üßtÄfibcn Er brachte den Kommissar an den Wagen und blieb solange stehem bis das Gesährt im Dunkel der Torfahrt verschwand. Kling drehte ich noch einmal grüßend nach ihm um. Dann öffnete er rasch die geballte Hand und glättete auf seinem Knie den zerknitterten Zettel. _ , Und säst bestürzt las er die aufgedruckten Zeilen: „C . „ . . um vmci. W UHUI/Ui ------° L ...... , rr was konnten ihm, dem Kriminalbeamten, diese wenig tröstlichen Tatsachen nützen? Sie trugen auch nicht ein Iota zur Erhellung des Falles Grau bei — im Gegenteil! Allmählich ergrisf ein dumpfer, hilfloser Zorn von ihm Besitz, eine beinahe kindische Wut auf alles, was den Namen Fuchs trug. Diese verdammten Kerle, die ihn foppten wie aus dem Zaubertheater! Der eine war überhaupt nicht im geringsten tot, wie er es doch nach den unerschütterlichen Naturgesetzen kriminalogischer Folgerung eigentlich hätte sein müssen. Und der andere war höchst uber- flüssigerwei e an einer simplen Blutvergiftung gestorben. Nichts, was auch nur einigermaßen in ein sauberes Kriminalprogramm gepaßt „Cs ist eine verteufelte Stickluft in diesem Saal", sagte er mit einem Anlauf zur Forschheit und trocknete sich die Stirn. ,^Jch glaube, Herr Graf es wird Zeit, daß ich an die frische Luft komme. , „ Erst beim Abschied in der Halle durchzuckte ihn ein pl°tzEmf°ll. Ja, richtig, Herr Graf ... Wie heißt doch dieser Fuchs mit Dornamen . Ich glaube, ich habe mich vorhin geirrt. Und ich wäre Ihnen auch für seine Adresse sehr verbunden. Für alle Fälle — verstehen Sie? . Werdenburg besann sich einen Augenblick. Dann zog er seine.Brieftasche hervor und entnahm ihr nach einigem Suchen einen Brief in Ge- schästsformat, von dem er die obere Ecke abriß. „Hier haben Sie alles zusammen — Adresse, Telephonnummer und Bankkonto. Was Sie sich nur wünschen können!" sagte er scherzend und reichte Klmg das Papier. „Ich brauche sie nicht mehr Ich bin mit diesem Gauner ein für allemal fertig! Und er wahrscheinlich auch mit mir. Diesen Remfall wird er mir mit Stralsund anzumelden. . , m Wachtmeister Reuter kam selbst zum Apparat und teilte seinem Vorgesetzten in hörbarer Niedergeschlagenheit mit, daß während seiner drei- tägigen Abwesenheit in der Sache (Brau nichts eingebauten sei. Der Kommissar überlegte einen Augenblick, dann sagte er: „Es ist gut, Reuter. Dann kann ich hier noch einiges erledigen. Wenn ich nicht mehr anrufe, bin ich spätestens heute abend in Stralsund. Aber Sie brauchen nicht auf mich zu warten, wenn nichts Dringliches vornegt. Auf Wiedersehen!" Vor dem Bahnhof sprang er in eine Autodroschke und rief dem Chauffeur „Elisabekhkrankenhaus" zu. Es ließ ihm keine Ruhe, über den Tod dieses Caius Fuchs Näheres zu erfahren. Die Person dieses Menschen gewann immer mehr Interesse für ihn Sie war ganz unerwartete in den Mittelpunkt dieses mysteriösen Falles gerückt. Und wenn sich auch für Kling die Zusammenhänge dadurch nur noch mehr verwirrten, so stand doch wenigstens das eine fest, daß dieser Casus Fuchs in dem Fall Grau eine nicht nebensächliche Rolle gespielt haben mußte. Welcher Art diese Rolle war, konnte er heute noch nicht überblicken. Er zwang sich zu jener schematischen Sachlichkeit, die in jedem Kriminalfall ein mathematisches Exempel sieht, bei dem es gilt, aus den gegebenen Faktoren die „Unbekannte" zu errechnen. Diese seltsame Geschichte aber hätte ihn beinahe dazu verführt, sein Schema aufzugeben und der Lösung aus umgekehrtem Wege, nämlich von der „Un= bekannten" ausgehend, zu Leibe zu rücken. Aber während der langen Fahrt von Marienburg nach Berlin hatte der Kommissar Zeit genug gehabt, sich wieder einmal einer tiefschürfenden Selbstanalyse zu unterziehen. Er konnte sich nicht verhehlen, daß seine Handlungen während der letzten Tagen jeder mathematischen Exaktheit entbehrt hatten, und daß er, wenn er in diesem Fahrwasser weitertrieb, in einem Meer von Trugschlüssen enden mußte. Diese lobenswerte Erkenntnis war ihm, gottlob, noch rechtzeitig gekommen. Und der logische Instinkt des geschulten Kriminalsachmannes ergriff wieder in ihm die hätte ...! . . . .... , Der arme Kling fühlte sich wie zerschlagen von seiner dreitägigen Exkursion. Und mit einem Seufzer der Enttäuschung drückte er sich fröstelnd in feine Wagenecke. * Wäre Klings Anruf in Stralsund nur um eine Viertelstunde später gekommen, bann hätte Reuter ihm mit einer Nachricht dienen können, die seine abgeflauten Lebensgeister neu entflammt haben würde. Denn kaum hatte der Wachtmeister den Hörer angehängt, als ihm Frau Schnee gemeldet wurde. Sie war in diesen Tagen beträchtlich eingegangen. Die feisten Hamster- bäckchen schlotterten. Und ihre Augen hatten einen Ausdruck, als führten sie stumme Klage gegen ein Schicksal, das sie, die ehrenwerte Frau Schnee, unverdientermaßen in eine derartig zweideutige Situation gebracht hatte. „Wie Sie sehen, habe ich Wort gehalten, Herr Reuter , sagte sie mit einiger Herablassung. Der Wachtmeister suchte in seiner Erinnerung vergebens nach einem Versprechen von feiten der alten Dame. Aber noch ehe er seiner Unkenntnis Ausdruck geben konnte, fuhr Frau Schnee fort: „Ich habe Ihnen doch neulich versprochen, Herrn Graus Sachen zu durchsuchen. Und wenn ich etwas verspreche, bann tue ich es auch. Unb wenn es mir noch so schwer füllt. Unb das dürfen Sie mir glauben, Herr, — nur mein Pflichtgefühl hält mich noch in diesem Hause. Sonst hätte ich lieber meinen Lohn für diesen Monat schwimmen lassen und den Staub von meinen Füßen geschüttelt — jawohl — ehe ich mich dazu überreden ließe solch ein Haus noch einmal zu betreten! Aber ich habe es mir nun 'einmal zur Aufgabe gemacht, Herrn Grau zu retten. Und wenn ich mir etwas zur Aufgabe gemacht habe, bann führe ich es durch! Und es war wahrl>aftig kein Kinderspiel, Herrn Donalds Sachen auszu- tlauben. Den er hat in feinen Schubladen ein Durcheinander, daß es einem Christenmenschen grausen kann. „Na, und haben Sie was gefunden?" schnitt Reuter rücksichtslos ihren Gesprächsfaden entzwei. Er platzte beinahe vor Ungeduld. Frau Schnee nestelte umständlich ihren schwarzseidenen Pompadour vom Arm unb begann ihn langsam auf bem Tisch auszukramen. „Ja, ich habe Ihnen allerhand mitgebracht, was mir wichtig erschien. Einen Brief habe ich freilich nicht finden können. Herr Grau hat die schlechte Gewohnheit, jeden Brief gleich zu zerreißen, statt ihn. wie jeder ordnungsliebende Mensch, auf ein Päckchen zu binden und in seinem Schreibtisch aufzuheben. Aber was er so an Zetteln und sonstigem Kram herumliegen hatte, habe ich alles mitgenommen, sehen Sie!" I (Fortsetzung folgt.) Initiative. Im Elisabethkrankenhaus angekommen, erkundigte sich Kling zunächst beim Portjer, auf welcher Station der verstorbene Fuchs gelegen hatte, und ließ sich dann beim Stationsarzt melden. Er mußte säst eine Stunde im Sprechzimmer warten, weil der Arzt gerade eine Operation hatte. Endlich erschien er in nervöser Eile und sichtlch unerfreut über die Störung. Erst als der Kommissar sich als Kriminalbeamter zu erkennen gab, wuchs fein Entgegenkommen. Kling behandelte ihn mit geschäftsmäßiger Höflichkeit. * „Ich werde Ihre Zeit nicht lange in Anspruch nehmen, Herr Doktor. Aus bestimmten Gründen, die ich nicht näher erörtern kann, möchte ich von Ihnen eine Auskunft betreffs eines am 20. November auf Ihrer Station verstorbenen Patienten namens Fuchs — Cajus Fuchs. Sie erinnern sich gewiß." „Natürlich erinnere ich mich! Das war doch dieser hoffnungslos verschlampte Fall, über den wir uns so geärgert haben. Nichts kann einen Arzt so verdrießen, als wenn er einen Patienten in die Hände bekommt, der aus reinem Selbstverschulden nicht mehr zu retten ist." „Das kann ich verstehen! Was hat diesem Fuchs eigentlich gefehlt?" „Hochgradige Sepsis — nichts mehr zu machen! Vierundzwanzig Stunden früher, und er wäre vielleicht noch mit dem Leben davongekommen. Vielleicht, sage ich. Denn er hatte hochprozentig Zucker, und da bedeutet ja jeder chirurgische (Eingriff bekanntlich ein schweres Risiko. Immerhin ..." „Seine Verletzung — ich meine, die Wunde, wäre also an sich gar nicht absolut tödlich gewesen?" „I wo, keine Spur! Da haben wir im Kriege andere Löcher zugeflickt! Und die Leute laufen heute noch springlebendig herum. Aber als wir ihn eingeliefert bekamen, war natürlich schon alles ganz schwarz und brandig — eine ganz tolle Schweinerei! Aber soviel man sehen konnte, war der Vergiftungsherd verhältnismäßig klein. Eine Stichwunde im linken Handteller, nicht viel größer als eine Münze. Aber sehr tief." „Merkwürdig! Aus welche Weise hat er sich denn diese eigenartige Verletzung zugezogen?" „Das laßt sich leider nicht mit Sicherheit feststellen. Denn Fuchs war schon ohne Bewußtsein, als wir ihn bekamen. Und auch die Angehörigen wußten über die Art des Unfalles keinerlei Auskunft zu geben." Kommissar Kling sah nachdenklich auf seine heute nicht tadellos geputzten Schuhe herunter. „Sind Sie ganz sicher, daß es eine Stichwunde war? Könnte die Verletzung nicht auch von einer — Revolverkugel her» gerührt haben?" .Ausgeschlossen!" Der Arzt schüttelte entschieden den Kopf. „Das wäre auf den ersten Blick festzustellen gewesen. „Nein, er muß sich mit einem spitzen Instrument verletzt haben oder ..." Er begegnete aus einmal dem gespannten Blick des Kommissar. „Oder vielleicht — verletzt worden sein. Das ist natürlich nicht ausgeschlossen." Kling kniff die Lippen ein. „Hm — natürlich! Unb mit was für einer Art von Waffe — oder vielmehr, Instrument, wollte ich sagen, — denken Sie, kann die Wunde herbeigeführt worden fein? Der Anstaltsarzt überlegte eine Weile schweigend. Dann meinte er 'MU^ Bestimmtheit kann ich das natürlich auch nicht sagen. Solche Dinge gewinnen ja immer erst an Wichtigkeit, wenn man hinterher danach gefragt wird. Nach den zackigen Wundrändern zu schließen, muß es ein spitzes, aber stumpfkantiges Instrument gewesen jein — ich meine kein Dolch ober Messer ober dergleichen. Verstehen Sie? „Ja, das verstehe ich. Halten Sie es für möglich, daß es ein — Brecheisen gewesen sein könnte?" , .. , Der Arzt nickte langsam. „Ein ziemlich langes, spitzes Brecheisen ...? 0 ja, das wäre durchaus denkbar. Aber, wie gesagt, mit Sicherheit ... Können Sie es nicht behaupten! Selbstverständlich! Das wäre ja auch, wenn nötig, Sache des Gerichtsarztes. Jedenfalls bin ich Ihnen schon für die wenigen Anhaltspunkte sehr verbunden.' Er reichte dem Doktor die Hand. An der Tür drehte er sich noch einmal zu ihm um. „Es bedarf wohl keiner ausdrücklichen Betonung, Herr Doktor, daß diese Unterredung als streng diskret zu betrachten ist? Glicht fast bestürzt' las er die aufgedruckten Zeilen: „Cajus Fuchs, trger Ufer, Berlin SW." Auf der Heimreife benutzte Kling die dreiviertel Stunden Aufenthalt, die er in Berlin hatte, um auf dem Bahnpostamt ein dringendes Gespräch Der Anstaltsarzt gab seiner Zustimmung durch eine wenn auch stumme, so doch unerhört korrekte Verbeugung Ausdruck. Kling fuhr vom Krankenhaus direkt zur Bahn. Er hatte es satt, sich noch länger in Berlin herumzutreiben unb nach Indizien Zu fahnden. Dieser Besuch im Elisabelhenkrankenhaus — was hatte der ihm schon viel Neues gebracht? Nichts, als was er schon vor ein paar Tagen durch Fräulein Hohmann erfahren hatte. Nämlich die Bestätigung, daß Casus Fuchs eines durchaus natürlichen Todes gestorben war unb wahrichein- Uch noch am Leben sein würbe, wenn er nicht leibenb gewesen ober er I mit seiner Gesundheir weniger verschwenberisch umgegangen wäre. Aaer <, ....l ... __ htoi» monin frnfflimpn Tüt8