Gießener FamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1955 Freitag, -en >2. Mai Nummer 56 Adelaide. Bon Friedrich von Matthisson. Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten, Mild vom lieblichen Zauberltcht umflossen, Das durch wankende Blütenzweige zittert, Adelaide! In der spiegelnden Flut, im Schnee der Alpen, In des sinkenden Tages Goldgewölken, Im Gefilde der Sterne strahlt dein Bildnis, Adelaide! Abendlüftchen im zarten Laube flüstern, Silberglöckchen des Mais im Grafe säuseln, Wellen rauschen und Nachtigallen flöten: Adelaide! Einst, o Wunder! entblüht auf meinem Grabe Eine Blume der Asche meines Herzens; Deutlich schimmert auf jedem Purpurblättchen: Adelaide! Es war einmal eine Insel, die hieß Venedig ... Bon Gustav ®. Eberlein. Venedig, im Mai. Es war einmal eine Insel, die hieß die Königin der Adria, und sie beugte ihrem Willen alles Land ringsum, sie führte sogar Krieg mit der Königin des anderen Meeres, mit Genua, la Superba genannt, und da war niemand, der ihr den Rang streitig machen konnte, also daß sie die unvergleichliche Macht erkannte, die ihr das Meer gab und sich mit ihm immer wieder aufs Neue vermählte. Des zum Zeichen warf der Doge einen goldenen Ring in die Flut, in die nixenaugengrüne... Denn so eine Stadt ist dem Wasser verbunden auf Gedeih und Verderb. Wenn der Feind anrückte, war es sein erstes Bestreben, die Lagunen abzudämmen und so die stolzen Handelsherren aufs Trockene zu werfen wie luftschnappende Fische. Venedig mußte, wie später England in seiner splendid Isolation, eine Insel sein oder es würde nicht sein. So sagten die Venetianer bis auf den heutigen Tag und wehrten sich mit der Kraft der Verzweiflung gegen die ketzerischen Pläne der Neuerer, sie mit dem Festland zu verbinden. Es ist wahr, schon vor drei Menschenaltern haben die Oesterreicher kurzen Prozeß gemacht, indem sie eine Eisenbahnbrücke hinüberwarfen, aber wer benützte sie schon? Die fremden Hochzeitspärchen, und die kamen ja nicht als Feinde. Fern blieben die Habenichtse von Fußgängern, die ordinären Radfahrer und die abscheulichen Automobile. Man blieb unter sich, führte die Märchen erlebenden Fremden in die gute Stube, in den Salon Europas, auf den Markusplatz, und ließ sie die Tauben füttern. Das gehörte zum Bildungsprogramm eines besseren Burgers, wie das Klavier zur Aussteuer der Mädchen. Außerdem liehen sie sich noch in der Gondel photographieren und dann natürlich am Lido! Unromantische Gemüter haben zuweilen behauptet, das ganze Venedig sei Kitsch. Nun, dann sind die schönsten Märchen Kitsch. Ich für meinen Teil, ich weiß mir als leidenschaftlicher Autofahrer noch heute nichts Schöneres, als in einer Stadt sorgenlos dahinschlendern zu können, ohne ständig in Gefahr zu fein, unter die Räder zu kommen. Eine Stadt ohne Verkehrslärm, ohne Fuhrwerke, ohne Radfahrer, ohne alles das, was sich irgendwie zum Fortkommen einer drehenden Bewegung bedient, ohne Signallampen und Verkehrspolizisten, ohne Staub und Lärm — ist das nichts? Wie, es soll kein Wunder sein, wenn im zwanzigsten Jahrhundert die Straßen und Gassen einer Großstadt aus Wasser sind und alles, was kreist und wirbelt und rattert und knattert, gleitet und lautlos dahinzieht wie ein Schwan? Stelle sich doch einer auf den Boulevard, auf bie Picadilly, auf den Potsdamer Platz, hebe den Stab und bringe unter Hokuspokus diese Verzauberung fertig! Gäßchen sind auch da, rings um den sagenschönen Markusplatz, gewiß, aber sie heißen Lalle und haben knapp'die Breite eines Liebespaars. Kommt dann em Kanal, er heißt Rio, so führt trapp, trapp, trapp, ein Brückchen hinauf und tapp tapp tapp, hinunter. Denn das Brückchen muß hochgeschwungen sein wie sollten denn sonst die Gondeln darunter hindurchglecken können? Das alles gibt es nur einmal auf dieser Erde, und wer es erlebt hat, im schwebendseligen Traum oder in Wirklichkeit, mit siebzigprozentiger Fahrkartenermähigung, der kann sich in die Seele dieser Inselbewohner hineinversetzen und wird verstehen, was darinnen vorgehen mußte, als es auf einmal hieß, die Gondeln würden verschwinden, Mussolini habe befohlen, die Lagunen aufzufüllen und aus den Wasserstraßen Autostraßen zu machen... Venedig solle aufhören, eine Insel zu fein. Venedig müsse mit der anderen Welt, der unserigen, die von Träumereien und Taubenfüttern und liebespaarbreiten Gäßchen weniger hält als von Geschwindigkeitsrekorden, Venedig müsse mit dem tosenden Babel Europas verbunden werden. Und dieser Tag des Schreckens, er kam! Zu Taufenden rückten die Feinde heran, die furchtbarsten Feinde einer Insel, die Automobile, sie ballten sich bis nach Padua hinein zusammen, um den großen Sturm am Morgen mitzumachen. Sie wollten sie einnehmen, die Wasserfestung, und wär sie mit Ketten am Himmel befestigt! Es ist schwer, es gestehen zu müssen, aber ich war auch dabei, war mit in dem Haufen, in Padua hatten wir genächtigt, Mann und Roß... * Unvergeßlich herrlicher Tag! Der Markuslöwe hob seinen Schweif, es war ja fein Namenstag, er hieb die Pranke auf das offene Buch, über das Wort Fax, daß jeder es lese: Friede! Friede! Und es kam der Kardinal-Patriarch und deutete auf das Wort und beschwor den Duce, der fallenden Insel und allen schwankenden Völkern den Frieden zu bringen. Aber der Abgesandte des Herrschers von Rom, der Kronprinz warf sich mit feiner frühlingstrahlenden Gemahlin in das erste Auto, er durchbrach die Kette der süßesten Mädchenjugend, die Venedig ausbieten konnte, und stürmte über die vom Himmel gefallene Zugbrücke hinüber, hinein in die Märchenstadt ... wir alle hinterdrein ... Hunderte, Tausende von Automobilen, Schwärme von Motorrädern und Fahrrädern, Lawinen von Fußgängern... Venedig fiel. Es ist eine Insel gewesen. * Nun, um es trocken zu sagen: die Brückenstraße, die wie schon kurz gemeldet, jetzt die Lagunenstadt mit dem Festland verbindet, setzt auf 233 Bogen, es können auch ein paar mehr fein, über das nixenaugengrüne Wasser, ist zwanzig Meter breit und weist fünf Fahrbahnen auf, zwei davon für die Straßenbahn mit Strombügel, aber ohne Schienen, die breiteste für die Automobile, die eine Geschwindigkeit nach Belieben einhalten können. Im Hundertertempo jagten sie kiesaufwirbelnd hinüber. Daß der Bau zwanzig Millionen Backsteine, ich weiß nicht mehr wie viele Doppelzentner Zement und ein österreichisches Fort namens Santa Lucia verschluckte, hat der Telegraph längst rund um den Globus berichtet. Vielleicht auch das, daß mein Wagen als erster in die Riesenhoch- gckrage am Canale grande einlief und dort aus die Koffer der Zettel Nr. 1 geklebt wurde. Dann aber trat etwas ein, was noch kein Insulaner gesehen halte: ein Verkehrspolizist. Und dann ein zweiter. Und sie begaben sich auf den großen Parkplatz, der in den ersten Tagen nichts anderes als ein toller Zirkus war und walteten in der Manege ihres Amtes, indem sie die aus den Kanälen herbeistürzenden, nein, herbeigleitenden Zuschauer ängstlich fernhielten. Auch die Unglücklichen mit dem Wagen in der Garage durften den Platz nicht mehr überqueren, sondern sollten jedesmal den giro machen, ringsherum laufen. Denn die Venetianer, wehrte er meinen Protest erklärend ab, haben noch keine Autos gesehen, sie kennen nur Gondeln ... Ja, so ist das in Venedig. Wer aus dem Tohuwabohu Roms kommt, möchte fast lächeln und kann doch nicht, denn ist diese „Zurückgebliebenheit" nicht auch ein Wunder? . Jedenfalls steigt man wundergläubig aus dem Auto in die Gondel und gleitet. Sie haben auch einen neuen Kanal angelegt für Eilige: dort bestehen die Autobusse, die in wenigen Minuten zum Markusplatz schwirren, aus Motorbooten. Vier Jahre gab der Duce den Ingenieuren zu der großen Wandlung, in zwanzig Monaten waren sie fertig. Ein Werk, das sich der cäsarischen Taten nicht zu schämen braucht. Und die Hochzeitspärchen? Und die Romantik? Die Tauben und die Brückchen, trapp, trapp, trapp? Alles beim Alten! Nichts ist zerstört worden von dem, was uns, was den Insulanern lieb ist. Sie können die Streitaxt begraben, die Pontisten und Antipontisten. Es wird kein einziger Rio aufgefüllt, keine Gondel braucht zu verschwinden. Wie ein fiegljafter Doge wurde der Kronprinz begrüßt, rote Teppiche hingen aus allen Marmorfenstern, die maurischen Paläste gaben sich mit verschwiegener staatlicher Unterstützung einen Ruck und versuchten stramm $u stehen. Ach, es ist ja so unendlich viel vermoost, verfault, verfallen in diesem Märchen, es wäre ohne den. Anschluß, an die Welt, an dar gesunde Leben, elendiglich in seinen malerischen Kanälen erstickt. Oer (Sänger. Bon I. W. von Goethe. „Was hör ich draußen vor dem Tor, Was aus der Brücke schallen? Laß den Gesang vor unferm Ohr Im Saale widerhallen!" Der König spracht, der Page lief; Der Knabe kam, der König rief: „Laßt mir herein den Alten!" — „Gegrüßet seid mir, edle Herrn, Gegrüßt ihr, schöne Damen! Welch reicher HirnrnelstStern bei Stern! Wer kennet ihre Namen? Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit Schließt, Augen euch, hier ist nicht Zeit, Sich staunend zu ergötzen." Der Sänger drückt die Augen ein Und schlug in vollen Tönen; Die Ritter schauten mutig drein, Und in den Schoß die Schönen. Der König, dem das Lied gefiel, Ließ, ihn zu ehren für sein Spiel, Eine goldne Kette reichen. „Die goldne Kette gib mir nicht, Die Kette gib den Rittern, Vor deren kühnem Angesicht Der Feinde Lanzen splittern; Gib sie dem Kanzler, den du hast, Und laß ihn noch die goldne Last Zu andern Lasten tragen. Ich singe, wie der Vogel singt, , Der in den Zweigen wohnet; Das Lied, das aus der Kehle dringt, Ist Lohn, der reichlich lohnet. Doch darf ich bitten, bitt ich eins: Laß mir den besten Becher Weins In purem Golde reichen." Er setzt ihn an, er trank ihn aus: „6 Trank voll süßer Labe! O wohl dem hochbeglückten Haus, Wo das ist kleine Gabe! Ergeht's euch wohl, so denkt an mich, Und danket Gott so warm, als ich Für diesen Trunk euch danke." Oie deutschen Heldensagen. Von Severin Rüttgers. Die deutschen Heldendichtungen sind das kostbarste Vermächtnis der Literatur unseres Volkes im Mittelalter. Soeben ist im Insel-Verlag ein Werk erschienen, in dem sie in einer kraftvollen Nacherzählung bargeboten werden. Wir geben im folgende» das Geleitwort der von Severin Rüttgers meisterhaft bearbeiteten Ausgabe wieder. « Mit tausend Rittern, neuntausend Knechten reiten die Burgonden- könige zu Etzels Hoffest. Weit über zweitausend Strophen zu je vier Langzeilen füllt der adelige Sänger mit der Erzählung ihrer Reisen und Kämpfe, mit den Charakterbildern einer schier unübersehbaren Zahl von stolzen, kühnen Recken und schönen Frauen. Wie zahlreich sind die Schauplätze der Handlung: Worms und Tanten, Sachsen-, Nibelungen- und Jsen'land, die lange Donau, Bayern und Ungarn! Als kaum ärmer stellt sich die Kudrun vor: da bleibt fast kein Strand und Belt zwischen den Küsten und Inseln des „nassen Dreiecks" bis zum fernen Irland und zur Normandie unhetreken und unbefahren. Wer nur die letzten Abenteuer (Sturm auf die Normannenburg, Heimkehr und Hochzeit) läfe, müßte staunen über die unvergleichliche Kunst des Dichters, weite Räume zu umfassen und zu erfüllen mit flutenden, wohlgeordneten Heerscharen, aus denen die Helden ausleuchten wie bunte Banner über breitem Volk. * Der Zug ins Weite, zur Fernbegegnung, .ist Wesenszug germanischer Heldendichtung, der deutschen inbefonbere (Walther, Wielanb, Rother, Wolsbietrich, Dietrich von Bern); aber selten verflacht bie Begegnung im Abenteuer (Wolfdietrich, König Dietrichs Heerfahrten ins Reußenland): in den vollendeten Sagen steht sie immer unter der „Notwendigkeit", dem Gesetz der innern Handlung. Diese Weiträumigkeit weist hin aus Schöpfer und Dichter, bie — mit seltenen Ausnahmen — alle Fahrenbe gewesen finb; beutlicher noch weist sie aus bie Ursprungszeit ber ältesten Lieber, auf die große Wanderzeit der germanischen Stämme und Reckengefolgschaften vom vierten bis zum sechsten Jahrhundert. Aus bitterster Pflicht, die waltendes Schicksal auferlegte, ziehen bie Helben aus ber Heimat: zweimal dreißig ber Sommer und Winter — klagt ber alte Hildebrand dem Sohn — wallt ich im Elend — dem Herrn geschworene Treue zu halten. Aus Treupflicht fahren Hetels Helden gen Irland zum wilden Hagen, führt König Rother gen Konftmtinopel, führt Hagen die Burgonben ihre Todesstraße. Um Recht und Treue reitet Wolfdietrich in Not und Fährnis um Recht und Rache __ der letzten, schwersten Treue — folgt Kriemhild Rüdiger ins ^‘iMUe* deutsche Heldendichtung ist Derleiblichung dieser höchsten, besten Tugend männlicher Gemeinschast und Geschichte mannskuhner Seelen: Selbsttreue (Hildebrand und Dietrich), Mannentreue (Hagen Berchter und Berchtung), Herrentreue (Rother, Wolfdietrich, die Burgonbenkonige, als die Schwester Hagen fordert), Opfertreue des Volkshirten (Beowulf), Spiegel jeder Treue: König Dietrich in Elend und Wunden. Durch sechs Jahrhunderte trug und trieb diese innerste Tugend germanischen Heldentums die Sagen, wuchs aus ihr der weitschattende Baum der großen Epen. Wir sind so ehrlich, zu bekennen daß wir wenig wissen von den Umständen und den Hergängen dieser Entwicklung. Wie ein ach ist das Lied vom alten Hildebrand! Ein Handlungsfelb: obe Lanbschast unter grauem Schicksalshimmel, an besten Morgenseite schmerzliche Erinnerung hämmert — ein Leben fern ber Heimat —, (frage unb Antwort, Gegenrebe unb Abweis: schon waltet bas Schicksal unb wirkt Helbenlos. Als bem Hildebranblied gleich gewachsen erkennen wir, aus den Nacherzählungen späterer Lateinschreiber und in wenigen nordischen Versbehandlungen festländischer Sagen, die Formwelt der ge- amten Heldendichtung aller germanischen Volkschaften: der Goten und Langobarden, der Franken und Friesen, Thüringer und Sachsen. Keine Volkschast hat die ihr eigene Sagenwelt bis zum Letzten pflegen und vollenden dürfen. Auch darin kündet sich das Gesetz der Wanderung unb Wanblung. Goten unb Langobarden versinken samt ihren Helden im Welschtum. Der Gote Walther verdankt Lied und Ruhm bem alemannischen Mönch Eckehart von St. Gallen, ber Jüte Beowuls einem Angelachsen auf ferner Insel, ber fränkische Sigsrib ben abeiigen Sangern an ber Donau — mit ihm Hagen unb Kriemhilb, Rübiger, Dietrich unb Etzel. Wolsbietrich, besten Einzeltrümmer kristallklare Spiegelung fränkischen Reckenungestüms, frühfränkischen Staatswesens aufweisen, zerspellt unb verwirrt sich säst gänzlich in ber fahrigen Fabulierkunst unbesorgter Spielleute von unsicherer Herkunft. Eigenartig unritterlich ist bas Gesicht jener Helben, beren Sagen in sächsischem Volkstum wurzelten unb aus- wuchsen, vor allem Wielands des Schmieds. Obwohl adeliger Abkunft und heldischen Sinnes, aber mit dämonischen Einzelzügen wie Hagen und Brünhild, ist er durchaus albstcher, elementarischer Natur und Charakters. Aus früher Tiefe erster Vorzeit entsprangen die Keime dieser Sage — gleich der sächsischen Beowulfsage —, und keines höfisch-ritterlichen Sängers Kunst schliff ihr albisches Düster blank, wie das Hagen und Brünhild, vielleicht auch Dietrich begegnete. Das Volk der niederdeutschen Städtebürger — alle bäuerlicher Herkunst, immer tüchtig und wacker, doch nie ritterlich geworden — wirkte eigenes Wesen in diesen Ursprung: zu Grimm und Groll des Schwarzalben handwerkliche Kunstfertigkeit, kleinbürgerliche Verschlagenheit: zum zwiefpältigsten aller Heldenbilder. In drei Jahrhunderte der Geschichte deutscher Heldendichtung scheint kein Lichtstrahl: sie liegt vom neunten bis ins zwölfte völlig im Dunkel. Aber obwohl alle Zeugnisse und Dokumente sehlen, läßt sich schließen, sie sei durch diese Nacht und aus ihr in Gestalt gewachsen: im frühesten Gedicht der Ausblüte, im König Rother, tritt sie uns fast in allen Zugen vollendet entgegen, ist höfisch-ritterlich geziert, abenteuerlich bewegt, zu kleinen und kleinsten Zügen epischer Darstellung ausgetrieben. Die epische Kunst des alten Römers Vergilius, besten Aeneibe bas lateinische Mittel- alter so fleißig las, bie Eckeharts Walther schon zahlreiche Züge eingeprägt unb seinen „Vortrag" beeinflußte, wirb auch ben Spielleuten im zehnten unb elften Jahrhundert nicht unbekannt geblieben fein. Als um bie Mitte bes zwölften Jahrhunberts bie höfische Sanges- fünft von ben Westfranken (Franzosen) über ben Nieberrhein nach Mittel- unb Südbeutschlanb einbrach, fanb sie nicht nur bie Lieber ber beim Volk umziehenben Spielleute in Länge unb Breite gewachsen: sie fanb auch bie Dichter bereit, bie Herzen ber Hörer erhoben unb ihre Augen so geöffnet, baß sie im gegenwärtigen Leben bes beutschen Staates, seines röeltumfaffenben Königtums, bem Fürstenprunk bes Stauferhoss Raum und Rahmen bereitet sah, bie altvertrauten Recken unb Helben ber Wanberzeit in bas reiche Leben und das prächtige Hoskleid dieser deutschen Stunden zu versetzen. Schiffe und ihre Namen. Von Dr. Hans M e n ck. Kinder spielen am Weiher. Ein Stück Holz, ein kleiner Stab und daran wieder ein Fetzen Papier — bas ist ihr Schiss. Später wenn sie größer finb, werben sie auf bem Fluß Boote fahren unb bie beladenen Kähne vorbeitreiben fehen. Sie wißen bann, baß man mit Dampfern ben Ozean befährt, bah es Kriegs- unb Hanbelsfchiffe gibt, unb hier und da noch große Segler; doch die find veraltet und befördern nur geringwertige Waren. Im „Robinfon" lafen sie von einer Brigg ober Bark, bie Schiffbruch litt; Jack ßonbon erzählt von Kuttern unb Jollen; Joseph Conrab fchilbert bie Schisse aller Meere. Unb wer weit herum- kommt, ber wirb bie Berliner Zille kennen lernen ober bie Ulmer Schachtel, unb vielleicht sogar ben stolzen Ewer, der bie Elbe hinabsegelt zum Fischsang auf hoher See. Doch bie ganze Mannigfaltigkeit ber verfchie- benen Gattungen ber Wasserfahrzeuge, sie ist schon vorhanben in bem einen unb boch so oielbeutigen Begriff „Schiff". Wer von ben vielen, die Schiffe sehen und in Schiffen fahren, kennt bie Bebeutung ihrer Bezeichnungen, spürt ben Stempel ber Geschichte in ber Verschiebenheit ihrer Namen? Denn in allen biefen Worten spiegelt sich die Entwicklung des deutschen Boltes als seefahrender Nation. Die Eintönigkeit der Benennungen ber Fahrzeuge, die heute unsere Gemässer beleben — verrät sie nicht die Sachlichkeit und durchsichtige Klarheit des Maschinenzeitalters? Da gibt es Motorboote und Motor- schifse, Fracht-, Schlepp- und Passagierdampfer. Kriegsschisse, die auch wieder Dampfer find. Und Dampfer, dies ganz deutsch klingende Wort, ist in Wahrheit nur die Uebertragung des englischen Wortes steamer, ist ebenso eine Uebersetzung wie Dampfschiff, von dem Goethe erstmalig im Jahre 1816 berichtete. Das seebeherrschende England ist allerdings die Nation, die bei der Taufe der meisten modernen Wassersahrzeuge Pate stand. Deutlicher als bei der Benennung der durch Maschinenkraft und Motoren betriebenen Schisse zeigt sich das an den Namen der Segelschisse. Die Hochseefischerei spricht heute noch häufig von ihren Fangschiffen als von „Trawlern . Sie Gebraucht damit ein englisches 3Bort, das von „trawl , d. y. „mit dem Schleppnetz fischen" abgeleitet ist. Der Schoner entspricht dem englischen „shoöner“, Brigg ist die britische Abkürzung des romam- Ichen „Brigantine", wie kleine für den Kamps gegen Seeräuber gebaute Schiffe im Mittelmeer ursprünglich hießen. Der Kutter, englisch „Cutter“ birgt das Verb „Cut", d. h. schneiden, eine eindrucksvolle Verbildlichung der rassigen Eigenart dieser schmalen Segler. Hierher gehört auch noch das Wort Bark, Las sich in dieser Form ebenfalls von England aus einbürgerte und ebenso wie die ältere deutsche Form „Barke" in langer Ahnenreihe auf frühe romanische Stämme zurückführt, deren legte Wurzeln aus spanische Herkunft deuten. So läßt sich fast der ganze Umkreis der Namengebung der Hochseeschiffe der beiden legten Jahrhunderte mit dem angelsächsischen Vetter verbinden, der in einer die Meer« besuhr und verwaltete, in der Deutschland noch um feinen Bestand und feine Einheit zu kämpfen hatte. Anders ist es mit den Namen der Schiffe, die den inneren Verkehr auf Seen und Flüssen besorgen. Die hier gebräuchlichen sind meist alte, als die oben behandelten Worte, die sich im Lauf des 18. und 19. Jahrhunderts durchsetzten. Schute dagegen, Schaluppe und Jacht gehören schon im 17. Jahrhundert zum deutschen Sprachgut. S,e stammen aus dem Niederländischen. Schute kommt von holländisch „Schuit , worin sich der germanische Stamm „skut“, d. h. schießen verbirgt. Auf dem Umweg über Frankreich erhielten wir das niederländische „sloep — so nannte man dort das Beiboot —, dem das Verb „sloepen , d. h. fchliipfen entspricht. In Anlehnung an das Romanische sprechen wir von der Schaliippe", doch hat sich der ursprüngliche Stamm in dem Kompositum „Slupseqel" erhalten. Jacht leitet sich ebenso wie das englische l)acht vom holländischen „Jaghet" ab, der Bezeichnung für eine bestimmte Art kleiner Schnellsegler. Die in den Elb- und Havelgewassern heimische Zille hat einen anderen, allerdings auch sremden Ursprungs man fuhrt sie meist auf einen slavischen Stamm zurück, der dem russischen „Celnu verwandt ist. Eigentümlicherweise gehört zu dieser Gruppe auch das B o o t" Es kommt zwar im Niederdeutschen seit dem 14. Jahrhundert vor ist jedoch erst um 1600 in der hochdeutschen Literatur belegt und erst' 150 Jahre später allgemein verbreitet. Ursprünglich ein englisches Wort, drang es über die Niederlande in plattdeutsche Dialekte ein. Jm- merbi'n lägt sich aus seiner Verwandtschaft mit dem nordischen „bite , d h Balken" schließen, daß wir hier den späten Abkömmling einer uralten germanischen Schifssbezeichnung vor uns haben. Damit nähern wir uns den Wortfamilien, die sich bis ins Althochdeutsche, also bis in die Ursprünge unserer modernen Schriftsprache verfolgen lassen. Da ist der Ewer, das seetüchtige Schifferboot der Niederelbe dem Gorch F o ck in seinem Roman „Seefahrt ist not ein Denkmal gesetzt hat. Er hieß ursprünglich „eenvare", d. h. Eiiisahrer, worin man den Einbaliin, das aus einem Stamm hergestellte Fahrzeug vermutet. Das Wort Kahn, das Luther 1522 ins Hochdeutsche emsuhrte, kommt aus dem Niederdeutschen und hat in allen nordischen Sprachen Verwandte die insgesamt auf den Stamm „kane , d. h. hölzernes Gesäß zurückgehen. Möglicherweise hängt dies Wort mit der. Familie des alt- fächfischen „Naca" zusammen, der auch das althochdeutsche „nahho und endlich unser „Rache n" angehört. Wir berühren hier die engen Zusammenhänge, die in vielen seemännischen Ausdrücken die alten nordischen Sprachen verknüpfen. Den deutlichsten Beleg dafür gibt das Wort „Schiff". Es bewahrte vom althochdeutschen Seif bis zum modernen Schiff, vom altnordischen Skip zum nordwegischen skib, vom angelsächsischen scip zum englischen ship überall die gleiche Grundform. Da fcis im Althochdeutschen zugleich „Schiss" und „Gesäß" bedeutete, dürste dies Wort einen der ältesten deutschen Schisssnamen darstellen. Lassen wir diese verschiedene Worte an uns vorbeiziehen und vergegenwärtigen wir uns die von ihnen bezeichneten Gegenstände, so $eigt sich, daß der ursprünglich deutsche Bestand nur das umfaßt, was den weitesten Begrisf des Wasserfahrzeugs umreißt, nicht aber das, was einen scharf umgrenzten Schiffstyp beschreibt. Schiff, Kahn und Nachen, darunter kann man sich sehr viel und zugleich sehr wenig vorstellen. Wo eine genaue Benennung gefordert wird, wie es die Berussschifs- fahrt verlangt, da treten fremde Bezeichnungen auf, da vernehmen wir Lehnworte, die der abschleifende Gebrauch der Jahrhunderte häufig fast ganz eingedeutscht hat. Und es ist nur verständlich, daß die Heimat dieser Gaste dort zu suchen ist, wo zur Zeit ihrer Aufnahme das Seewesen zur höchsten Blüte gediehen roar: im 17. Jahrhundert in Holland, spater in England. Denn' das Zentrum deutschen Volks- und Sprachlebens liegt im Inneren^ die Küste vermag nur dann ihrer Berufung zur Seefahrt zu genügen, wenn sie sich auf ein starkes Hinterland stützen kann. So ging in den Zeiten des Niedergangs des Reichs mit der Seemacht der ?lonfa das Erbe verloren, das sie unserer Sprache hätte hinterlassen können, so verschwand mit ihren Koggen die deutschen Namen von der freien See und ihren Schiffen. Die Dame mit dem Oi e pelz. Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.) „Nun, mein lieber Grau", begann er in freundlichem Plauderton, „ich hoffe, Sie haben es sich inzwischen ein bißchen bequem gemacht und sind etwas besserer Laune als vorhin. Also — wo waren wir doch stehen geblieben? Nichtig, ja, — bei dieser mysteriösen Bildergeschichte! Sie wollen mir also immer noch nicht sagen, um was für ein Bild es sich gehandelt hat, und warum Sie sich gerade auf dieses Bild so auffallend versteift haben — wie?" Donald Grau schüttelte nur mit zusammengepreßten Lippen den Kopf. „Also nicht! Schön, sprechen wir zunächst von etwas anderem. Sagen Sie, wie sah dieser arme Caspar Fuchs eigentlich aus? Beschreiben Sie ihn mir ein wenig." Grau dachte ein paar Sekunden lang nach. Dann antwortete er etwas unsicher: „Genau entsinne ich mich seiner nicht mehr. Ich habe ihn ja auch nur dreimal gesehen." „Aber ich bitte Sie, Sie haben als Maler doch ein gutes Physiognomie- gedächtnis. Strengen Sie sich ein bißchen an, es wird schon gehen! Ich will ja kein Porträt von ihm, sondern ein einfaches Signalement. Also: Atter? Für wie alt schätzen Sie ihn — ungefähr?" „Fünfzig, — vielleicht auch ein paar Jahre darüber." „Hm." Der Kommissar blätterte in seinen Notizen. „Also auf jeden Fall ein älterer Mann ... Weiter: Haarfarbe?" „Daraus habe ich nicht geachtet. Der Bart, glaube ich, — der $art ging ins Rötliche. Aber ich kann mich auch irren. Und seine Augen... „Aha! Herr Fuchs trug also einen Bart? Das ist sehr interessant." Kling lächelte abgründig. „Und die Augen? Was wollten Sie von feinen Augen sagen? Nun ...?" Der junge Mann rieb sich grübelnd die Stirn. „Ja — nämlich die Augen, die habe ich noch deutlich in Erinnerung. Aber beschreiben kann ich sie nicht. Unmöglich!" Kommissar Kling schien auf diese Beschreibung auch keinen erheblichen Wert zu legen. Mit unverkennbarer Ironie fuhr er fort: ,Bemühen Sie sich nicht, lieber Grau! Ich bin vollkommen im Bilde. Und ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß Herr Fuchs noch am Leben ist und sich einer ausgezeichneten Gesundheit erfreut." Er faßte Grau scharf ins Ange. Aber er begegnete einem ruhigen, betroffen fragenden Blick. „Was — wollen Sie damit sagen, Herr Kommissar? Oh, nichts weiter, als daß Sie uns eine amüsante, kleine Komödie vorqesp'ielt haben, mein Lieber. Aber die Pointe ist Ihnen leider unter den Tisch gefallen. Wir haben nämlich in Deutschland ein prompt funktionierendes System, um innerhalb einer Stunde festzustellen, ob ein Mensch qeftorben ist oder nicht. Und Herr Fuchs hak uns diese Ausgabe wesentlich erleichtert, indem er unseren 'Vertretern persönlich jeden gewünschte« Ausschluß über seine Person gegeben hat." Donald (Brau lächelte ein beinahe einfältiges Lächeln. „Aber das ist ja unmöglich! Ich habe ihn doch getötet! Jetzt fuhr der Kommiffar mit einmal von seinem Stuhl auf und schlug mit dem Lineal wütend auf den Tisch. „Zum Teufel, jetzt hab ich genug von Ihrer dreisten Flunkerei! Ich habe von Anfang an nicht an dieses Märchen geglaubt und werde ..." Er brach mitten im Satz ab. Mit einer leisen Beschämung gestand er sich, daß seine Wut etwas Ohnmächtiges hatte. Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich einem Untersuchungsgefangenen gegenüber hilflos. Hartgesottene Verbrecher hatten ihm nicht so viel zu schassen gemacht wie dieser stille, sympathische Mensch, der sich eigensinnig einer Tat beschuldigte, die er erwiesenermaßen gar nicht begangen hatte. Er machte weder den Eindruck eines Irrsinnigen, nöch konnte sich der Kommissar entschließen, ihn für einen gerissenen Schwindler zu hatten. Er hätte ihn, wie die Sache stand, entweder als Betrüger verhaften oder an die Lust setzen können. Aber es reizte ihn einerseits, in die Mentalität dieses Menschen noch tiefer einzudringen. Und andererseits konnte er sich des instinktiven Gefühls nicht erwehren, daß sich hinter der phantastischen Geschichte noch irgend etwas anderes verbarg. Vielleicht war dieser Grau nur das Wer^ zeug eines Dritten, der durch dieses Manöver die Aufmerksamkeit von sich ablenken wollte? Kommissar Kling faßte den Entschluß, den langen Mann nicht eher aus seinen Händen zu lassen, als bis er ihm das Geheimnis entrissen hatte. , Er zwang seine Stimme zu einem ruhigeren Ton. „Sagen Sie, Grau, wer hat Sie eigentlich dazu verleitet, uns diesen Bären aufzubinden? Sie machen mir nicht weiß, daß diese Geschichte Ihre eigene Erfindung ist. Und Sie täten besser daran, endlich einmal mtt der vollen Wahrheit herauszurücken, statt Ihre Existenz für andere aufs Spiel xu (eften." Donald Grau schüttelte apathisch den Kops. „Ich verstehe Sie nicht, Herr Kommissar , sagte er matt. Ober vielmehr, Sie wollen mich nicht verstehen! Gut, wie es Ihnen beliebt. Die Folgen haben Sie sich selber zuzuschreiben." Kling betrachtete eine Weile nachdenklich seine Fingernagel, bevor er sich entschloß, fortzufahren: (Beben wir also von der Voraussetzung aus, daß Sie tatsächlich diesen Caspar Fuchs in der Jnvalidenstraße 113 getötet haben. Schildern Sie letzt ben Vorgang! Um welche Zeit sind Sie gestern nach Berlin gefahren Welchen Zug haben Sie benutzt?" Welchen — Zug...? Das — bas weiß ich nicht mehr genau. Aber es war schon bämmrig, als ich nach Berlin kam. Die Straßenlaternen brannten bereits. Es regnete stark/ .... ., Das tut es schon feit vier Tagen. Und — wie man wohl annehmen bars — nicht nur in Berlin. Sinb Sie vorn Bahnhof aus zu Futz gegangen?" „Ja — ich glaube wenigstens. Was helkt das, Sie .glauben'? Sie waren doch nicht betrunken, daß ! Sie" sich nicht mehr erinnern können, ob Sie die Straßenbahn genommen haben oder nicht. Antworten Sie gefälligst genauer! Wer hat Ihnen bei SU$ßie9be°rfM?t>er Befragte in angestrengtes Nachdenken, als gelte es, eine jahrealte Erinnerung auszugraben und nicht em nod) frifctjes tebnis Er hielt den Blick starr in seine geöffneten Handflachen gerichtet. Und seine Antwort hatte etwas sonderbar Tastendes. ,^Herr Fuchs selbst, wenn ich nicht irre. Ich mußte erst einige Male läuten. Dann endlich kam er und lieh mich eintreten." , , Und dieser Caspar Fuchs war derselbe Mann, den Sie nnr soeben geschildert haben? Der ältere Herr mit dem roten Bart — ja? Denken Sie genau nach!" ,, „Ja, derselbe. Einen anderen Fachs kenne ich nicht. Kommissar Kling stieß einen Seufzer aus. Er beherrschte nur mühsam ^'",°Schön^ Nennen wir ihn mal vorläufig .Herr Fuchs mit dem roten Bart'. Ein seiner Filmtitel übrigens! Unser Caspar Fuchs hat nämlich überhaupt keinen Bart, kann ich Ihnen im Vertrauen verraten. Aber bleiben wir zunächst bei Ihrem Fuchs. Er öffnete Ihnen also höchst eigenhändig die Tür und ließ sie eintreten. Und was geschah weiterhin? Erzählen Sie alles folgerichtig, ich werde Sie nicht unterbrechen! Rauchen Sie?" Er hielt dem jungen Mann das gefüllte Etui hin. Grau griff hastig nach einer Zigarette und rauchte schweigend in raschen, gierigen Zugen. Dann versank er in ein abwesendes (L* Übeln, bis er sich an dem verglimmenden Rest der Zigarette die Finger verbrannte und der Schmerz ihn weckte. Er begegnete dem auffordernden Blick des Kommissars. Leise und stockend begann er zu erzählen. „Er führte mich in ein großes Zimmer, in dem es schon völlig dunkel war. Die Läden waren heruntergelassen. Auf einem Stuhl brannte eine elektrische Stehlampe." „Auf einem Stuhl? Das ist doch sonderbar!" „Vielleicht, damit Fuchs bei seiner Arbeit besser sehen konnte. Er war gerade dabei, eine Kiste zuzunageln. Ueberall lag Holzwolle herum und Handwerkzeug." „Wissen Sie nicht zufällig, was in der Kiste war? „Ja, das weiß ich. Mein Bild!" „Wie? Ihr Bild? Dasselbe Bild, das Sie an Fuchs verkauft hatten und dessentwegen Sie zu ihm kamen? Warum hatte er denn das Bild in eine Kiste getan?" „Weil er es wegschicken wollte. Er behauptete, es sei bereits verkauft und er könne das Geschäft nicht mehr rückgängig machen. Aber das war eine Lüge. Ich weiß, daß es eine Lüge war! Ich sagte es ihm auf den Kopf zu. Und ich sagte ihm auch, daß er ein Halunke sei, ja, ein ganz erbärmlicher Schuft!" Graus Stimme überschlug sich vor Ausregung. Dunkelrote Flecken brannten auf seinen Wangen. „Ader zu derartigen Beschimpfungen hatten Sie doch keine Veranlassung. Fuchs hatte doch das Bild rechtmäßig von Ihnen erworben, konnte insolgedesfen damit anfangen, was ihm beliebte. Warum nannten Sie ihn also einen Schuft?" „Ich — hatte meine Gründe." Grau preßte eigensinnig die Lippen zusammen, und der Kriminalbeamte befürchtete, daß er wieder in seine frühere Unzulänglichkeit zurückfallen würde. Darum forschte er sehr vorsichtig weiter. „Und was geschah bann? Ließ Herr Fuchs sich denn Ihre Beschimpfungen ohne weiteres gefallen?" „Ja, bas heißt, er verhöhnte mich in seiner niederträchtigen Art, so baß ich immer mehr in Zorn geriet. Schließlich hob ich ein Brecheisen vom Boben aus und ging auf bie Tür zu..." „Auf bie Tür — auf was für eine Tür?" „Die Tür zum Nebenzimmer. Aber Fuchs wollte mir bas Eisen aus ber Hanb roinben. „Unterstehen Sie sich nicht, hier einzubringen", schrie er außer sich, „ober ich bringe Sie um!" Da würbe es mir rot vor den Augen, unb ich schlug mit bem Stemmeisen blinb auf ihn los. Er fiel hin — bas Blut tief ihm übers Gesicht." Donalb Grau hatte sich in eine furchtbare Erregung hineingeredet. Sein Atem ging in trockenen Stößen. Der Schweiß stand ihm auf ber Stirn unb jein Gesicht leuchtete jetzt in einer beinahe gespenstischen Blässe. Erschöpft lehnte er sich in ben Stuhl zurück. Kommissar Kling ließ kein Auge von ihm. Dieser Ausbruch war nicht gespielt, das sah man dem Menschen an. Eine derartige Erregung konnte nur ber Reflex eines starken Erlebnisses sein. Unb ber Kommissar hielt vor Spannung ein paar Sekunden die Luft an, bevor er sich näher an das Geheimnis heranpirschte. „Und — warum wollten Sie denn um jeden Preis in das Nebenzimmer gelangen? Sogar um den Preis eines Menschenlebens?" Der junge Mann wurde unter feinem forschenden Blick ganz plötzlich glühend rot. Er schien sich bewußt zu werden, daß ihm in ber Aufregung mehr entglitten war als er hatte sagen wollen. Und in seine Züge trat wieder der abweisende, verstockte Ausdruck. „Ich hatte ein Geräusch gehört. Ich wollte wissen, wer im Nebenzimmer war. Aber die Tür war versperrt, die Klinke abgeschraubt." „Merkwürdig!" Kling machte sich eine Notiz. „Vermuteten Sie denn eine bestimmte Person in dem Zimmer? Eine Ihnen bekannte Person vielleicht...?" , Grau starrte finster vor sich hin. „Das sage ich nicht." In seinem Ton war eine feindselige Abweisung. Und Kling kannte ihn nun schon genug, um zu wissen, daß vorläufig nicht mehr aus ihm herauszuholen war. Immerhin durfte er sich nach dem Ergebnis dieses Verhörs der optimistischen Hoffnung bingeben, daß dieser spröde Stoss doch eines Tages noch unter seinen Händen geschmeidig werben würde. Und das milderte ein wenig seinen aufqueUenben Merger über bie unhöfliche Antwort. „Ich merke, die Sache nimmt Sie ziemlich mit", sagte er wohl- tartbutetts. (Fortsetzung folgt.) menge von Alligator unb bas r, __ decke Unb auf bem Vertiko prangten in Maiolikavafen verstaubte Rla- wollend. „Wir wollen Schluß machen für heute. Nur eine kleine Lokal- betoreibung möchte ich noch von Ihnen haben. Entsinnen Sie sich vielleicht noch irgendwelcher Gegenstände, die Ihnen damals tn der Wohnung von Caspar Fuchs aufgefallen sind?" e Die Augen des jungen Mannes gingen ins Leere. Sie bekamen einen starren, gleichsam visionären Ausdruck. Schleppend antwortete er: Das Zimmer hat eine borbeaurote Tapete mit — mit Tulpenmuster. An "ber Wand zwischen ben Fenstern steht eine Uhr — eine ganz alte Uhr mit ben zwölf Aposteln. Die Uhr steht — auf dreiviertel zehn. Ja ... Er hatte einen Bleistift ergriffen unb warf die Grundrisse eines Zimmers auf ein Stück Papier. „Und da — rechts — ift die große Flügeltür. Da- hinter steht ein Schrank — dreiteilig — aus dunklem Eschenholz unb... Der Bleistift rollte auf ben Teppich. Grau war ohnmächtig geworden und fiel mit bem Gesicht vornüber auf bie Schreibtischkante. 5. Frau Schnee schien, wie man zu sagen pflegt, mit dem Unken Fuß zuerst ausgestanden zu sein. Denn es ging ihr an bie em Morgen aßes schie. Das ganze Haus roch nach ubergelausener Milch, und der Vsen wollte unb wollte nicht brennen. Bis Frau Schnee nach anderthalb- stünbiaem Bemühen bie Ursache seines hartnäckigen Widerstandes ent« beette. Sie hatte ihn nämlich aus Versehen statt mit Kohlen mit bem Inhalt ber Aschentonne gespeist, einer Nahrung, bie selbst ber beste Ofen nicht verträgt. Aber die gute Frau Schnee schien ihm diesen Manges an Selbstüberwindung doch sehr nachzutragen. Denn kaum hatte er an ein paar dünnen Holzscheiten Feuer gefangen, würdigte sie ihn keines Blickes mehr. Was ihn gegen seinen Willen zwang, auszugehen. Auch die äußere Erscheinung ber braven Dame ließ an diesem Sonntagvormittag viel von ber ihr sonst eigenen Exaktheitvermissen. Der wollene Spenzer war ohne Zweifel >n großer Eile ubergezo^n worben, benn er kehrte seine linke Seite nach außen. Ein bunnes Nacht- zöpfchen baumelte melancholisch aus bem schwarzen Haarnetz Und die sonst so quicken Aeuglein ließen ben Verdacht auskommen, baß sie nicht nur vom Dfenraud) |o ausdauernd tränten. Frau Schnee zeigte heute eine auffallende Neigung, sich m der Nähe bes Fensters aufzuhalten. Und trotz ihrer rheumatischen Beran- lagung riß sie es von Zeit zu Zeit sperrweU auf unb ließ minutenlang bie neblige Feuchtigkeit einströmen. Draußen rauscht« ein unaufhörlicher Herbstregen. Die Baume des kleinen Gartens trieften vor Nässe, unb bie bunten Stabilen 9*' knickt unb verwüstet über ben Lattenzaun. Die ungepslasterte Vorstabt- straße schlief in einer tiefen Sonntagsstille, bte nur ab und zu durch einen Vogelschrei ober bas Bellen eines Hundes gestört wurde. Denn be7 so einem Wetter verirrte sich kein vernünstiger Mensch in diese ^Düft? Tatsache erklärt vollauf bas neugierige Staunen ber brauen ftrau Schnee, als sie plötzlich von ihrem -Fensterplatz aus einen sreinben Mann entbertte, ber unbeweglich an ber Gartenpforte stand unb über ben Zaun spähte. Ein Hausierer konnte es am Sonntag nicht (em, er sah auch nicht banach aus. Denn er trug einen sehr anständigen Leder- inantel und schien, wenigstens aus ber Entfernung gesehen, durchaus das, was Frau Schnee schlechthin als „besseren Herrn zu bezeichnen pile'2Hs nadj fünf Minuten erwartungsvoller Spannung bie Glocke immer noch nicht ertönt war unb ber Frembe immer noch am Zaun ftanb, hielt sie es für ihre unabweisbare Pflicht, sich darüber zu informieren, was ben Mann zu dieser ungewöhnlichen Handlungsweise veranlaßte. ~»d)nel( warf sie ein Tuch über ben Kopf unb lief burch ben ftromenben Regen auf die Gartentür zu. „Womit kann ich Ihnen bienen?" fragte sie unter asthmatischen Atemstoßen. „Ich hab« Sie vom Fenster aus hier stehen sehen. Vielleicht, geht die Glocke nicht? Bei dem feuchten Weiter kommt das öfters vor. Der Herr griff grüßend an die Mütze und antwortete höflich. „Ich habe die Hausnummer vergessen und war,, nicht ganz sicher, ob ick hier recht sei. Wohnt bei Ihnen ein Herr Grau? ^Gewiß. Das heißt, ich wohne bei ihm. Ich führe ihm ben HausAch so! Entschuldigen Sie. Kann ich Herrn Grau sprechen? Es ist zwar noch ein bißchen zeitig für einen Sonntagsbefuch. Aber ich komme direkt von der Bahn und möchte..." Es tut mir leid, aber Herr Grau ist schon ausgegangen. Sie seufzte, und ihre fetten Hamfterbäckchen wackelten bekümmert. „Ich kann auch gar nicht sagen, wann er zuruckkommt. Aber wenn Sie auf ihn warten wollen? Kommen «ie doch einen Augenblick mit in’s Haus. Hier werden wir beide windelnaß." Sie ließ den Herrn eintreten und eilte voran. Der fremde Besucher hatte inzwischen Gelegenheit, sich die Oertlichkeit naher anzusehen. Es war ein kleines, sauberes Häuschen, das nur aus einem Stockwerk und Mansarde bestand. Ringsherum dehnten sich em paar hundert Quadratmeter Garten mit Dbftbäumcn und verwilderten Blumenbeeten. Der typische Besitz eines kleinen Rentners, der sich mit feinen Spargroschen dieses anspruchslose Altersparadies geschaften hat. „Haben Sie die Güte, näherzutreten. Ich hange inzwischen Ihren Mantel zum Trocknen auf." . . , . „ Frau Schnee führte den Gast an der Küche vorbei in ein helles Zimmer mit niedriger Balkendecke, offenbar die wenig benutzte „gute Stube" des Hauses, mit altmodischen roten Plüschmobeln und gebotenen Schonerdecken auf jedem Gegenstand. Die Wände waren mit einer Un- Photographien unb Seestiicken betleiftert. Ein ausgestopfter b bas Modell eines Segelschiffes baumelten von ber Z'mmer- tv er antwortlich: vr. HansThyriot. — Druck und DerlagiBrühlZche Univ er sitäts-Buch» und Steindrucker ei, R. Lange, Gieße