GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Nummer 96 Jahrgang (933 Montag, den (l. Dezember Maria. Von NovaltS. Ich sehe dich in tausend Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt, Doch ketns von allen kann dich schildern Wie meine Seele dich erblickt. Ich weiß nur, daß der Welt Getiimmel Seitdem mir wie ein Traum verweht. Und ein unnennbar süßer Himmel Mir ewig im Gemiite steht. 3d) klopfe an. Adventsgedauken zu Bildern und Liedern. Von Dr. Johannes G ii n t h e r. Wir verdanken dem Maler Fritz von Uhde ein schlichtes, erschütterndes Kunstwerk und Menschenzeugnts: „Auf dem Äöege nach Bethlehem" — zwei Menschen aus dein handarbeiteudeu Volke, wie es die Eltern Jesu waren, zwei arme Pkeuscheii: sie mühen sich die Straße hin, die Schwangere, mit einem Uimchlagc- tnch notdürftig geivärmt, einen Henkelkorb in der Rechten, wird von Josef treusorgltch gestüht. ES gibt nicht viele Bilder, die io, wie dieses, nur das Wichtigste andeuten, Bewegung ausdrücken, cinsachstc und doch sinnvolle, snmboltsche Bewegung, und, mit wenigen Strichen den Betrachter sofort in eine Stimmung, in die rechte Erwartungssttinmnng, in die AdventSsttmmung einführe». Unter den zarten (Gedichten der ßiuth Schaumann findet sich eines, bezeichnet „Der Weg", von dem man meinen möchte, es sei zu diesem Bilde geschrieben: „Es sank die Stadt Ein Wäldchen ivich, Joses führte so sorgentlich lind setzte seinen Stecken. Die Raben schwiegen überm Eis, ES hielt der Reis sich stumm am Reis Die Müde nicht zu schrecken. Der Abend baute graue Wand, Joses sah eine blasse Hand Auf seinem Aermel klagen Bo» fernem Ort ein Dvrfhnnd bellt Die Stunde bebt, nie bat die Welt Sv schweren Gang getragen. Die ganze Welt ist Gottes Haus — Josef sah nach de» Lichtern ans, Da siel der Schnee in Flocken Und rührte an das stille Paar. Des Himmels Tiefe aber war, Als läuten große Glocken" In einem alten Gesangbuchverse wird gebetet: „... lehre mich die Wethnachtskunst!" Es gibt auch eine bestimmte Lebenshaltung, die man „Adventsknnsi" nennen könnte. Diese Adventskunst machen jene beide» Menschen offenbar: ans dem 'jhlbe llhdeS ist IosefS Kopf zusptnchövoll Marie» zugeneigt lwir sehe» die beiden Gestalten fast nur vvu hinten,' so ist daS Gesicht Josefs, aller Sentimentalität fern,unfern Blicken eutzogens und die Hand, die „deu Stecken setzt", weist geradeaus Und in dem Liede heißt es, die Welt habe geivtß so schweren Gang nie getragen, dann aber erfahre» wir, daß Josef nach de» Lichter» auSscha»t, daß Schneeflocke» das stille Paar anrühre», und daß »m sie lauter Glocken zu klingen scheinen. Und daS ist nun eben die AdventS- kunst: Sorgen haben und doch der Lösung gewiß sein, Kämpfen und doch hoffen, im Dunkeln sein und doch daö Licht erspähen, schon in der Schwere und Bangigkeit gesegnet sich fühlen, in der Prüfung der Berufung sicher sein — das ist AdventSknnst Ein weitverbreitetes, mildes und doch sehr ernstes '.Hilft zeigt Jesus vor einem Hause stehend, an der Tür nnft »m Einlaß bitten. „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an." Advent heißt verdeutscht: Auluust. Jesu Ankunft. Nu» «icht bloß, sozusagen .geschichtlich' gefaßt, die Zett vor Jesu Geburt, da man ihn also erwartet, da man sein Nahen fühlt, sondern allgemetn-religtös gefaßt: Jesu Ankunft, nämlich seine Verbindung, sein Zusammen- schluß niit öe»i Menschen, die große entscheidende LebenSver- cinigung Gott und Menschenseele, das große Wachwerden dcS irdischen Menschen für die Notwendigkeit: wer sein Leben, seine Arbeit, seine Ziele, seine Schicksale unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit erfüllt, nur der ist es inert, Pt en sch zu sein, nur der trägt das Leben, nur der kann zu einem Glück kommen, das über vorübergelieufteS und selbstisches Wohlbefinden erhoben ist: nur der ist auch ein Freund unter den Menschen, liebend und geliebt, helfend und gefördert, ein GemeinschastSglied, — und zwar sind daS dann Eigenschaften, die eine religionslose Moral nicht zuwege bringt. Jene Eigenschaften, begnadet wohl von vornherein angelegt, angelegt in jedem Menschen, müssen zum Wachsen gebracht werden und können nur zum Wachsen gebracht werden dadurch, daß der Ptensch urmächtig angerührt, ja mehr: durchströmt wird von einer Kraft, die höher ist als alle Vernunft, vvu der GotteS- kraft. Denn jenes Lieben, Helfen, Fördern, GenteiuschastSbilden ist nicht leicht, eS verlangt Opfer, Entsagung, Demut — auch gerade in dem alten Sinne deö Wortes: „Dienemut" — Folge- richtigkeit, Entschlossenheit, Treue, lind daS kann nur derjenige leisten, der durchströmt ist vom GotteSwille«. Denn der Gottes- wille hat es vermocht, daß der ilnschnldigste, Reinste und Größte für das, ivas er lehrte nnft auch Wort nm Wort lebte, in den Tvft ging. Hilft die Gestalt dieses Größten bildet denn auch — eigentlich ganz selbstverständlich — die Mittlung zwischen Men- scbenkrast und segnender, ivachStumsschasfeuder Gotteskraft. Diese Gestalt klopft oii. Die Ankunft, der „Advent", dieses Ntittlers ist wichligste Zeit für unser Leben. Ein, dichterisch wohl nur tetl- wetfe bedeutendes, aber predigend, naiv, elirlidi, allgemetnverständ licheS und darum tief eindringliches Lied Karl Geroks sucht diese Tatsache in Worte zu bringen. Darin heißt es: . „Ich klvpfe an! Klopft dir dein Herze mit? O, hör aus deines Herzens Pochen, In deiner Brust hat Gott gesprochen! Ich klopfe an." ES ist wohl so, daß de» Menschen, wenn er dieses Klopsen hört, eine Angst erfaßt, weil er angesichts des Zieles, für daS er sich entscheiden soll, feine Unzulänglichkeit feststellt. Die große Sehnsucht ergreift ihn, sich dahin zu ändern, daß die begnadeten Anlagen in ihm wieder frei werden. „Buße" ist mit unserem Worte „Besserung" nächstverwandt und drückt den in Tat umgesevten leidenschaftlichen Willen ans, jenen gottgefälligen Zustand der Seele herzustellen In solchem Sinne ist Buße, auch vvu dem Täufer Johannes, einer bezeichnenden Adveutöerscheinung, gepredigt, nicht wegzudenken aus der Adventskunst, die also auch ein großer „Stirb nnft Ätzerde" Prozeß ist. Valentin Thilos Lied „Mit Ernst, o Menschenkinder, das Herz in euch bestellt, ist der innige, auch dichterisch nicht unbedeutsame Niederschlag dieser Empfindungen und Strebungen Kinder, die sich auf Wethuachteu freuen, die bemüht sind, in dieser Zeit svlgsaw zu fein, Kinder, denen man, halb scherzliast, halb erzieherisch, halb heidnisch-abergläubisch, halb wohlgläubig- christlich, im voraus ein Teilchen eines Weihnachtsgeschenkes zeigt oder röt, ihren Schuh herauözustellen, daß Nikolaus etwas hin- eiulege, Kinder und kindhasle Leute, die deu Knecht Ruprecht spielen, fürchten und gernhabeu, sinnige Menschen, die tu den Wochen vor Weihnachten Tannenkräuze flechten, im Zimmer aufhängen und mit stillen Lichtlein zieren, Menschen, ftic nm Tage der Bar bara. am t. Dezember, Kirfchzweige ins Wasser setzen, ans daß sie zu Weihnachten blühen sie alle sind liebenswerte Sinnträger der Steigerung, der Berettnug, der Heiligung. Im Krippenspiel des berühmten „Marionettentheaters Müuche- uer Künstler" ist die zarteste und gläubigste Szene die „Verkündigung Mariä". Mir jedenfalls ist es unvergeßlich, wie die kleine Maria, geduldig und so ihr Puppentum als lieblichstes Snmbol tragend, an ihrem Betpult fiele. Die Bibel erzählt von dem Gange der hoffenden Maria zur Elisabeth Sie trug bett Heiland — daS mußte ihrem Gauge einen ganz besonderen Nhtitbmus geben. Wenn man die innerlich strahlende Gehobenheit der Maria aus dem „Englischen Gruß" deS HolzbildmeisterS Bett Stoß, betrachtet, wenn mau das bekannte Gemälde Josef v. Führichs auf sich wirkett läßt, wenn mau 91 l l k e s Ptariengedichle liest und, wiederum, von Ruth Schaumann im (Gedicht „Maria in der Hossu ng" auf nimmt, dann mag mau, beseligt, etwas von diesem Rhythmus ahnen. So waren wir glücklich. Don Walter von Molo (GDS.j Wir waren eine lebhafte Familie. Mein Bruder Hans und ich ließen unsere Mama vom Herbst ab nicht mehr in Ruhe nut dauerndem Fragen und Erinnern an das Christkind, damit es uns nur ja nicht übersah. Wir waren die einzigen Kinder der unglücklichen Frau, deren Mann, unser Vater, sich über Weihnachten grundsätzlich ausschwieg — bis zum Heiligen Abend; davon will ich aber später erzählen. Im November bereits lagen in der Frühe des öfteren unversehens „Christkindhaare" auf dem Fußboden — „es" war also da- gewesen! Und wenn wir unsere Mutter bestürmten, so ergab sich aus den ihr herausgelockten Schilderungen, daß sie mit ihm gesprochen hatte. Was, erfuhren wir aber nicht. Dafür prügelten wir zwei Buben uns dann gegenseitig in wilder Freude kräftig durch. Und dann schrieben wir meterlange Weihnachtszettel mit unseren Wünschen, weil „Mama" durchschauen ließ, daß das Christkind darauf „warte". Diese Zettel hing Mutter mit unserer höchst besorgten Mithilfe des Abends vor die Fensterscheiben ins Freie hinaus — und am nächsten Tage waren sie verschwunden — waren die Zettel „abgeholt". Wieder Anlaß zu gegenseitigen barbarischen Gliederäutzerungen der beiden zukünftigen Schriftsteller. Ach Hans, nun bist du seit mehr als siebzehn. Jahren unheilbar krank; aber sieh, das haben wir doch zusammen erlebt, das ist unvergänglich ... Mutter hattet nun immer öfter „Besprechungen" hinter verschlossenen Türen, wenn wir aus der Schule heimkamen. Wir lagen auf dem Fußboden, die Nasen und Ohren in die Türfuge geklemmt, und da hörten wir „Mama" reden — und eine ganz feine, hohe Stimme gab ihr Antwort — was , war nicht zu unterscheiden. Wir erfuhren bloß, daß .es" wieder dagewesen sei. Und wenn wir zu sehr vor Begeisterung brüllten, dann dursten wir abends, wenn es dunkel geworden war, „greifen". Durch eine wenig geöffnete Türe in ein dunkles Zimmer, in dem „Mama" uns etwas hinhielt — sie packte allerhand in Papier ein, um uns anzuführen — niemals war darauf zu kommen, was wir da abtasteten. Und wenn wir zu stürmisch werden, zog sich die Mutter mit ihrem „Geschenk" des Christkindes zurück. Zehn Tage vor dem Heiligen Abend war das Festzimmer bereits dauernd abgesperrt. Und dann, als die Glocke schellte und die Türen vor dem hell leuchtenden Christbaum geöffnet wurden — doch davon will ich später erzählen. „ „ _ ,, „ Ich sagte, Vater war anders. Aber am Vortage des Festes erfaßte ihn doch sichtliche Unruhe, und dann erfolgte der Befehl zu uns beiden: „Ihr zwei holt mich morgen am Heiligen Abend um fünfzehn Uhr vom Geschäft ab!" Die Mutter und wir verständigten uns durch vielsagende Blicke, denn wir wußten, was das zu bedeuten hatte. Das war in jedem Jahre so. Bevor wir „abholten", bekamen wir von „Mama" die Weisung: „Patzt auf, daß .Päppäsle' sltebvolle schwäbische Bezeichnung der Mutter für Papa) nicht wieder soviel Unsinn kauft". — Und dann geschah es jedes Jahr ähnlich: „Nun gehen wir erst zusammen ein Glas Bier trinken". Das war der feierliche Dämmerschoppen, besonders stimmungsvoll, weil ein paar Stunden vor der Weihnachtsfeier niemand sonst am Biertisch saß. Diese Vorbereitung dauerte bis achtzehn Uhr, dann wurde barsch gefragt — mein Vater tat, als gäbe er viel auf seine Autorität: „Was würde der Mama nach eurer Ansicht eine Freude machen?" Wir redeten jetzt das los, was Mama beauftragt hatte zu sagen. Es wurde stets abgelehnt mit den Worten: „Was versteht denn ihr!" Und nun wird man wohl unserer guten „Mama" Unruhe verstehen, die tief begründet war. Die Jagd begann: Unser Vater voraus in einem Höllentempo durch die Menschenmassen. Wir wie zwei angebundene junge Hunde gegen starke Strömung schwimmend hinterdrein: Jeder schaue, daß er den Erzeuger nicht verliere. Zuerst wurden mehrere Schachteln „Mondseer Schachtelkäs" gekauft und dann Pakete von Mandarinen und Malagatrauben. Das war immer das erste. Aber dann kamen die „Effektstückel", wie sich der Vater ausdrückte. Lauter Zeugs, das gänzlich unnütz war. Ich erinnere mich an einen Römer mit eingelegter Lanze aus Bronze, oder halbmannshohe Krüge, die nirgends Platz finden konnten, chinesische Paravents, die ein Heidengeld kosteten und überall besser hinpatzten, als in unser Haus. Vater war ein gefährlich schnell entschlossener Käufer. Er wählte kurz, zahlte, ließ einpacken, und dann hieß es zu Hans und mir: „Hier, tragt es!" Dann ging's in gesteigertem Tempo weiter, denn schon begannen in einigen Fenstern der Häuser Weihnachtsbünme zu brennen. Wir schoben bepackt wie zwei athletische Schisse der Wüste hinter Vater drein, der immer lebendiger wurde. Durch die hastenden Menschen keuchend, und — wie gestanden werden muß — kräftig schimpfend über die gemeine Ausnützung und die väterliche Mißachtung, die uns widerfuhr. Wenn wir Vater einholten, maß er uns Schwitzende mit strengem Napoleonsblick, und wenn er sah: die können noch etwas tragen, verschwand er sofort wiede jäh ohne Nachdenken im nächsten Geschäft und kaufte noch etwas Größeres. Widerspruch wurde nicht geduldet. Und dann schüttelte er unwillig den Kopf, denn es war bald neunzehn Uhr, und ließ sich unwillig vernehmen: „Das richtige Effcktstückel ist noch nicht dabei". Und hierauf geschah stets das Endunheil. Einmal kaufte er für unsere sehr einfache „Mama" einen weltweiten, hellgrünen Plüschmantel, der nur zu einem Maskenkostüm zu gebrauchen war, und ein anderes Mal, „weil Mama die Tiere so liebt", ein ausgestopftes Reh! Vater kaufte lediglich nach dem Preis, und das Teuerste war danu das „Effektstückel". Wenn wir daheim verspätet angeschnauft kamen, zog unsere Mutter Hans und mich zur Seite mit der bangen Frage: „Sagt mir schnell, was hat er denn wieder angerichtet?" Wir beichteten, damit sie ihre „Geschenke" mit Faffung entgegennehmcn konnte, die nun der Herr des Hauses mit großem Gepolter im Festzimmer für sie ordnete. Und dann klanä die Glocke, öffneten sich die Türen — und für Papa und uns zwei war alles da und mehr, was innigste Liebe und Aufmerksamkeit überlegt und uns seit einem Jahre abgelauscht hatte. Mutter bewunderte sehr die Geschenke ihres Gatten, der stolz daneben stand: „Nein aber, .Päppäsle', ist das schön". Und dann küßte sie ihn dankbar, und er war erfreut und sah uns wegwerfend an, als wollte er sagen: Da habt ihr's! Ich weiß, was das Nichtige ist. Ich habe es „getroffen". Und Mutter war gerührt — über ihre drei unreifen Buben. So war sie, so waren wir glücklich. Kostbare Spitzen. Entstehung und Wiederbelebung einer alten Kunst. Von Dr. Georg Kuhn. Die deutsche Mode betont bewußt in ihren Schöpfungen einen Schmuck, der in früheren Jahren ungebührlich vernachlässigt wurde und doch stets auf die Frauenwelt einen magischen Reiz ausgeübt hat: die Spitze. Dabei gilt es in erster Linie der Förderung unserer hochentwickelten deutschen Spttzcnindustrie. Sodann aber soll überhaupt wieder ein Schönheits-Reich erschlossen werden, das von unzähligen fleißigen und geschickten Händen in langer Entwicklung zu einer besonderen Heimstätte des Geschmackes und der Anmut ausgestaltet wurde. Wie in der Sage die Göttin der Liebe aus dem Schaum des Meeres geboren ward, so möchte man sich auch die Geburt der Spitze denken, daß etwa dieses leichteste, zarteste Gebilde der Anmut aus dem leise sich kräuselnden, weißen, auf der Oberfläche des Wassers in Licht und Helligkeit spielenden Schaum sich verdichtet hätte zu dem wie aus Mondscheinstrahlen geflochtenen Spinngewebe der Valenciennes-Spitze. Aber die Spitze ist, wie der schimmernde leichte Schmetterling aus der plumpen Raupe in die Sonne emporstetgt, aus schweren Stickereien langsam entstanden. Aus der bunten Posamentrie hat sie sich zu einer besonderen Kunstgattung entfaltet. Man übertrug die Methode des Anziehens von Fäden beim Sticken, in dem richtigen Gefühl, auf leichterem, beweglicherem Stoff mit dieser graziösen Form feinere Wirkungen zu erzielen, auf Leinenstoffe beim Nähen. Bei früheren Arbeiten wurden aus einem einfachen genähten Muster die Fäden in einer Richtung herausgezogen. Es ist der sogenannte „punto tirato", der erste Vorläufer der Nadelspitze, die durchaus von der Näherei herkommt und von dem Leinenstoff und den Verbindungsstäben abhängig ist. Bald werden die Fäden in beiden Richtungen ausgezogen (punto tagliato) und allmählich breitet sich die pikante Variation von leeren Stellen und stehengebliebenem Stofs über die ganze Fläche aus. Es entstehen Stern- und Netzmuster, die man „Reticella" nennt. Es sind noch schwere volle Stücke durchbrochener Arbeit, die uns entgegentreten. Die Ornamente sind zu Knoten geballt, die Farben des darunterliegenden Stoffes stechen wie breite Flecken hervor; bordenartig und dicht breitet sich die massige Kante aus. Leichtigkeit aber, göttliche tanzende Leichtigkeit, das ist die Sehnsucht der Spitze. Ein stetes Streben nach ätherischer Verklärung, nach Befreiung von allem Lastenden, Stofflichen, das ist ihre Geschichte, bis sie schließlich als blasser Schatten, ein wesenloser Hauch in das All emporschwebt ... Im engen Anschluß an die „Reticella*, die mit der Nadel verfertigt wurde, bildet sich die K l ü p p e l s p i tz c. Ihr Maschengrund, von dem sich das Muster abhebt, besteht nicht ans lose verschlungenen und geschürzten Stichen wie bei der Nadelspitze, sondern aus kompliziert geflochtenen und gedrehten Fäden. So wird dem Fond alles Linienhafte, scharf Markierte genommen; statt der Knoten schimmert ein unergründlich feines, zartes Gewebe. Wir wissen nicht, woher diese frühesten Klöppellpitzen stammen, soviel auch die Legende an schönen Sagen und Namen berichtet, soviel Bücher auch darüber geschrieben worden sind. Allenthalben taucht die Technik auf mit jener Geschwindigkeit, mit der sich einmal reif gewordene Erfindungen ausbreiten. Doch die Nadelspitze bleibi zunächst hinter der neuen Schwester nicht zurück. Sie nimmt den Wettkampf um die Verfeinerung auf, sie ist ihr eine Zeitlang voraus, sie hält dann tapfer mit ihr Schritt, so daß man häufig einen Unterschied zwischen den beiden Arten kaum bemerken kann; endlich freilich erlahmt sie; die Klöppelspitze betritt allein jene herrliche und gefährliche Bahn, die zu einer höchsten Entmaterialisierung der Spitze führt, dann aber in einer Uebersteigerung und im künstlerischen Verfall endet ... Ihre erste Blütezeit erreicht die Nadelspitze, schon von der Klöppelspitze begleitet und beeinflußt, in der venezianischen Rencf- spttze. Sie ist die schöne Blüte der italienischen Hochrenaissance, majestätisch voll, von einem reichen Spiel stark stilisierter figürlicher und pflanzlicher Motive belebt, die plastisch und kraftvoll hervortreten. Der Schatz der dekorativen Ornamente, der aus jeder Flächenbehandlung der Renaissance strahlt, schlingt auch bier seinen graziösen Reigen aus Mädchenleibern, Urnen, Blumen, Blüten und Ranken; die strenge Stilisiernng paßt die Linien mit dem feinsten Geschmack dem Stoff an. Eine solche Spitze war es wert, sich von dem dunkeln schweren Sammet des venezianischen Staatskleides wie ein ernster Fries abzuheben; sie ordnete sich den vollen Formen, den runden Linien in ihrer schlichten faltenlosen Ruße wundervoll ein. Doch bald kam auch in die venezianische Spitze ein weicherer, lebhafter Geist. Er drang herüber aus der Entfaltung der französischen Nadelspitze, die eine neue klassische Zeit, ja die höchste Blütezeit der Spitze, heraufsührte. Unterdessen hatte die Klöppelspttze immer mehr an Geltung gewonnen. Sie wetteiferte mit der Nadelspitze, erlangte ihre Vollendung aber besonders in einer derberen, dtchtgemusterten, körnigen Art, die wir unter dem Namen „Niederländische Spitze n" zusammenfassen, obgleich sie in allen Landern und in großer Menge hergestellt wurde. Wir lernen sie vielleicht am besten aus den Bildern des Frans Hals kennen, der einer der größten Spitzenmaler aller -Zetten war. Diese Spitzen nehmen sich auf dem dunklen Tuch in leichten Falten vorzüglich aus,' ein resolutes kerniges Wesen leuchtet aus ihren nervigen, elastischen Mustern; es ist eine Leichtigkeit der Kraft, die sich hier kund gibt; sie ivaren so der beste Ausdruck des echten Vürgergeistes, der sich in der holländischen Kultur entfaltete. Ihr sauberes, blitzendes Weiß hebt die frischen Farben in diesen gesunden Gesichtern und läßt aus feinen Spitzenkragen die Gesichter mit den lustigen Augen noch einmal so vergnügt hervorsehen. Nach und nach wird die niederländische Klöppclspitze weicher, zarter, lockerer, sie tritt mit der französischen Nadelspitze in Konkurrenz und übertrifft sie dann später sogar im Rokoko an Duft und Anmut. Die Tracht des Rokoko atmet ebenso wie der Geist dieser Zeit eine üppige Lässigkeit. Wogendes Fließen, schmiegsames Herabgleiten, weiches Schmelzen ist die Nuance dieser Epoche. In vollen faltenreichen Garnituren rieseln nun die Spitzenwellen hernieder. Dem gepuderten Haar verleihen sie Lockerkeit und Glanz, sie bedecken es wie ein durchsichtiger Hauch; sie umspielen in flutenden Volants die Seide der Kleider, verwischen jede Linie, umhüllen jede Form. Auf einem ganz durchsichtigen spinnwebfeinen Netzgrund schimmern die nur hingehauchten Blumen und Ornamente. Sie lasten sich in ihrem zartem Duft nur noch etwa aus den Pastellbtldern von Lietard festhalten. Mit dem Namen der beiden Orte Balenciennes und M e ch e l n benennt man wohl diese Spitzen, wenngleich auch eine große Anzahl anderer, zum Teil französischer Manufakturen, be- fonders Alencon und Argentan, an der Herstellung beteiligt sind. An die Stelle des Netzgrundcs tritt bann auch Tüll, bisweilen mit Tupfen und Blumen, und so entwickelt sich noch eine späte Blüte in der Tüllspitzc der Maria Antoinette. Andere spätere Spitzen verflüchtigen sich völlig zu hauchartigcn Gespinsten, erscheinen kaum noch wie ein huschender Schatten in ihren verblaßten, verrutschten Mustern. Was sich über die Spitze des 19. Jahrhunderts sagen läßt, bildet ein ziemlich trübes Schlußwort. Zunächst wirkte die Rokokospitze nach; die verrvaschencn Abschattierungen nahmen noch zu. Die Applikationsspitze, bei der Spitzenblumen auf maschincnerzeugtem Tüll gelegt werden, fand Verbreitung. In den sechziger Jahren ; nahm man das Renaissancemuster mit seinen starken Kontrasten > wieder auf, ohne freilich eine plastische, künstlerisch befriedigende j Wirkung zu erreichen. Billige Maschinenware kam immer mehr in ! Aufnahme. Man erging sich in naturalistischen, körperlich aufgesetzten Blumen und ertötete jede feinere Wirkung durch nüchterne ; Regelmäßigkeit. Versuche, die Spitzenfabrikation zu beben, sind vielfach gemacht worden. Am besten gelang es in Venedig, wo die Königin Margherita eine Schule einrichtete. Bet uns hatte sich die Spitzenkunst hauptsächlich in der bäuerlichen Volkskunst erhalten. Die seit 1910 in Berlin bestehende Deutsche Spitzen-Schule hat viel zur Erhaltung der Ueberlieferung und zur Pflege der, Heimindustrie beigetragen. ^ieseke. Die Geschichte eines kleine« Pferdes. Von Nikolaus Schwarzkopf. «Nachdruck verboten.» lSchluß.) Als Riesele am Abend mit dem Wagnergesellen heimkehrte, kamen ihm schon ein paar Kinder entgegen, und setzten sich zu dem Burschen auss Wügel. Zu Hause hinter den Fensterscheiben winkte Trudel, das Mädchen, das ein blaues Band im Krönchen seiner Haare trug. Es kam heraus zu Riesele, liebkoste es und fprach: „Aber wo sind deine goldenen Hufe, Riesele, wo sind sie denn geblieben? Ich für meinen Teil, wenn ich fortzöge in ein Märchenland wie du, ich käme nicht heim ohne goldene Schuhe!" „Geh du lieber gar nicht fort!" sagte Gustav, „sonst kann es geschehen, daß du barfuß wiederkehrst; denn der Krieg hat Deutschland zum Aschenbrödel der ganzen Welt gemacht!" Gustav schirrte daS Riesele ab; am rechten Brustbein hatte das Kummet der Mutter, das dem Niesele zu weit war, eine Wunde aufgeschurft, die Trudel mit essigsaurer Tonerde sofort auswusch. Sie sang dazu das Lied von den drei Lilien, und Niesele spürte keinen Schmerz, trat in seinen Stall und legte sich nieder. Uebcr Nacht schneite es ein wenig. Am andern Morgen bekam Riesele vom Sattler ein weiches Unterkummet an, und nun zog es den Wagen in den Fichtenwald. Der Bauer saß oben und klapperte mit der Peitsche in die kalte Morgenluft, und immer fiel der Knall in den weiß beladenen Fichtenwald und kam zurück und traf niemals Rieseles Ohren. Hat Riesele je einen solchen Wald gesehen? Die Stämme stehen zu Tausenden im Lot nebeneinander wie sonstwo die Soldaten und versinken nach der Tiefe zu im Dunkeln. Die saftgrünen Aeste hängen breit herab übern Weg, und Schnee, der auf ihnen liegt, wiegt sich im Wind. Unendlich schier senkt sich der dicht ineinander verwuchertc Fichtenwald ins Tal hinab, steigt wieder empor und verliert sich ins Weite. Hie und da bricht eine Schneelast vom Zweig und zerstäubt, denn die Sonne stochert durch die brüchigen Wolken. Der Wagen ist mit Tannen schwer beladen, ein leichter Dampf schwebt über dem kleinen Pferderücken, als der Bahnhof sichtbar wird! Aber Kinder sind da, Kinder! Sie schreiten neben Riesele drein und rufen: „Weihnachten, Weihnachten!" und es ist, als freue sich auch das Riesele auf Weihnachten, und als freuten sich auch die erschlagenen Fichten ihres frühen Todes, da sie für das Glück der Kinder sterben durften ... Oft und jeden Tag fast mußte Riesele diesen Weg machen und mußte Christbüume aus den Bahnhof fahren. Jndeß wurde es kälter, und das Wasser, das über den Wiesen stand, ward zu Eis. Die Kinder warfen ihre Schlittschuhe über die Schultern, gingen, die Hände in den Hosentaschen, hinaus, schnallten die Schlittschuhe an und fegten über die glatte Fläche, hielten die Arme seitwärts und die roten Nasen hochauf. Riesele durfte auch zu den Kindern! Der Bauern Klaus brach das Eis, um es in die Brauerei des Städtchens zu fahren, und Niesele durste lange neben der Eisfläche stehen und gucken, und die Kinder kamen zu ihm, wärmten ihre Hände an seinem Leib und unter seiner Rückendecke, und umstanden das liebe Gäulchen wie die Stadtkinder den Maronimann. Was mußte Riesele nicht alles schaffen in der langen Winterszeit! War etwa der Herr Doktor aus dem Nachbardorf zu holen: wer anders als Riesele hätte das so eilig besorgen können? Weilte der Amtsrichter im Dorf, und er wollte, nachdem er am Abend noch ein dunkles Geschäft erledigt hatte, samt der schweren Tasche, die das dunkle Geschäft verhüllte, rasch an den Bahnhof gebracht werden: wer anders als Riesele hätte den Herrn Amtsrichter über den Berg gezogen? Sollte der Pastor ins Gebirg hinauf, und Glatteis klebte an den Steinen, oder der Schnee sauste, vom Nordwind zerpeitscht, hernieder: wer anders als Riesele wäre mit dem Herrn Pastor durch die Nacht und Wind gestürmt, zu denen, die es eilig hatten auf dem Weg zu ihrem Glück? Weihnachten kam und die Neujahrsnacht! In dieser Nacht betrat Cornel, der Schweinehirt, den Stall, setzte sich vor Riefele und dessen steinerne Krippe und sprach: „Ich will dir Prosit Neujahr sagen Riesele, alter Freund! Nichts weiß ich von dir aus deiner Zeit der Freude! Einst aber, wollte ich dir erzählen, wie deine Vorfahren glücklich waren und wie die Menschen sich die Tiere zu Haustieren machten, und ich will es dir jetzt rasch erzählen! Als die Menschen noch so einfach und noch so gut waren wie die Tiere, lebten deine Vorfahren frei und fröhlich draußen in den großen Wiesengärten. Sie lebten vereinzelt, zu zweien und in großen Herden; sie fraßen das Gras vom Erdboden, sonnten sich und pflegten der Minne. War im Winter die Erde Überschnett, so scharrten sie mit breiten Hufen das Gras bloß und warteten auf den Frühling. Feinde lauerten manchmal auf die Jungen, auf die Mütter, auf die starken Väter. Blutgierige Raubtiere brachen aus den Hecken, aus den Wäldern hervor, sprangen geschickt an ihre Kehlen und soffen ihr Blut. Nicht minder geschickt aber wußten sich die Pferde zu verteidigen. Schon lange, bevor der Feind zur Stelle sein konnte, horten sie ihn mit den hochgestellten Ohren, sahen sie ihn im Kreise schleichen, und nun ordneten sie sich eiligst in der Runde, streckten die Köpfe nach innen, daß die bewehrten Hinterbeine nach außen im Kreise standen, und wenn der Feind es wagte, hcran- zukommen, feuerten diese Hufe gegen ihn aus, baß er keine Lücke fand, anzugreifen. Dann kam der Mensch! An einem Fluß hing seine Hütte halb tm Wasser; sein Feld erstreckte sich den Wald entlang, seine Frauen und Kinder muschelten im Schilfrohr, nahmen den Kiebitzen und den Enten die Eier ans den Nestern und stachen die Fische aus dem Wasser. Mühsam warfen sie die Schollen der Erde um, daß neues Korn nm so besser wachsen konnte, und sie sahen die starken Pferde in göttlicher Freiheit auf den Wiesen umhertollen. Ste kamen gedankenreich wie sie sind, darauf die Pferde einzufangen und vor die Pflugschar zu spannen. Mit einem großen Seil fingen sie das erste Pferd ein. Es ward an den Pfahl gebunden, es ward mit Nindsbautriemen gezügelt, es warb gebändigt, alsdann zog es bereitwillig mit seiner Kraft den Pflug, weil ihm ein gutes Fressen bereitstand. Zur Regenzeit stand es unter einem Dach, zur Winterszeit in einem warmen Stall Gab es dem Menschen seine Kraft, so erhielt es dafür ein reichliches Futter, und es brauchte besonders im kalten Winter nicht das spärliche Gras aus dem Schnee zu scharren. Durch ein Loch in der Lehmwand seines Stalles sah es seine Kameraden draußen in der Kälte des Winters nach dem spärlichen Grase scharren, indes es selber seine warme Suppe nicht ganz verzehren konnte. Wie gesagt, Riesele: Freiheit tauschten sie für die Bedürfnisse des Bauches und für die Vcguemlichkeit! Ich für mein Teil und du nicht minder, Niesele, wir wären nicht in die Falle gegangen; wir wären draußen geblieben, denn auch der garstige Winter ist schön, wie alle Natur in jeglichem Zustand schön ist, gleich jedem Menschen, der sich natürlich gibt." Es schlug zwölf, als Cornel seine Rede beendet hatte, Schüsse krachten tm Tal umher, das Geknall vorlauter Feuerfrösche hüpfte zwischen den Nevolverschläqen umher, und junge Stimmen riefen das neue Jahr ein, was wie jedes seiner Vorgänger den Menschen bas Glück und reichen Segen bringen sollte... Wiedersehen, nm sollten ' ~rn nttnortlid): Dr. Hans Thyriot. — Druck und 'Betlag; Brühl'jche Universitäts-'Buch» und Steinbruderei, *K. Lange, Oießen. wie ehedem mit den Kin- schaffen solange der Tag Spiel! Es zog den Wagen scharfe Sense; der Gustav ihn auf, und Niesele zog die Hasen und schließlich in ihn An! Waldschwer witter- „Da guck, Und du? Wo Die Leute versuchten sich zu beugen die Hinterbeine strafften sich, als sie die ganze Last des Körpers in sich aufnehmen! Ging R>e>'ele an den Strängen, so sing es, wenn das Horn beraickchwebte, an zu tänzeln, mochte die Last noch so sein. Die Obren stellten sich, die Nüstern weiteten sich und angesteckt hatte! O, wenn Riesele Zeit gehabt hätte, dern umherzutollen! Aber es mußte währte, und schaffen war schließlich kein hinaus, und auf der Leiter glänzte die schlug den würzigen Klee um uud lud es ®e' Erj ihr Ju Rh still an Hu ild teil den Tönen nach, der lange Schweif peitschte hin und her, als schwärmten Bremsen an seinen Lenden, Das Kummet begann an dem Halse zu zerren, weil der Hals steil aufragte, das kindliche Spiel der Muskeln trat deutlich aus dem Ebenmaß der Glieder hervor, und die Räder des Wagens schnitten über die Gleise. Dem Bauern Klaus und seinen Kindern konnte dies Gebaren nicht entaeben, und da sie vermuteten, daß Riesele draußen in der Fremde für allerband .Kunststückchen abaerichtet worden sei, so ließen sie ibm diele seine Freude uud crsreuteu sich selber daran. lich und sagt, ohne sich um die Menschen zu kümmern: „Mein Bräutigam, Dauphinettele. weißt du, mein König, dein König, er ist gefallen im Krieg!" Man schwieg ringsum; man sah bestürzt zu der so fröhlich gekleideten Frau und schwieg irgendwie gerührt. Die Frau aber bindet das Güulchen von seinem Wagen weg, bindet ihm ein Seil ans Halfter, und siehe da: sogleich beginnt dies, wie wenn's gar nicht anders könnte, im Kreise zu trippeln, und es nickt mit dem Kopf und niest vor Freude. Die Umstehenden, die das Räpp- chen kannten, jubelten ihm zu, und ein Bursche, dem es offenbar gehört, kommt aus dem Bahnhof gerannt mit einer schweren Rolle Maschendraht auf den Schultern, läßt den Draht fallen und tritt zur Dame in den Kreis, um auch dabei zu sein. „Komm her, mein Schatz!" befiehlt die Dame und sogleich kommt das Tierchen zu ihr und scharrte auch schon mit dem linken Vorderhuf. „A genoux!" schreit sie nun, aber sie schreit es nicht zum zweitenmal, denn sie küßt bas Kerlchen schon wieder auf seine weiße Blesse und sagt dann zu ihm: „Geh heim in deinen Sonnenschein, o, du mein Sonnenschein du! Und nimm mich mit, nimm mich mit!" Es geschah, daß der Erzähler und seine Frau mit dem Bauern- burschen und der bunten Reiterin gemeinschaftlich den Berg hinanschritten, und daß die Buben und das Mädchen mit dem kleinen Gaul einen Steinwurf wett hinterdrein humpelten in fröhlichem Fuchhei. Und es geschah, daß die Familie beim Bauern Klaus Wohnung nahm oben im Dachstübchen. Die Künstlerin allein batte es nicht so gut und mußte schon am nächsten Tag mit den Seiltänzern weiter ziehen. Da Hub in dem Bauernhaus eine große Freude an, denn Riesele hatte wieder Kinder nm sich, und die Kinder hatten einen Freund, wie sie ihn in der Stadt keinen finden konnten. Auch mit August freundeten sie sich an, mit dem Herrn Gustav, mit dem Fräulein Trudel, mit allen Dorfkiudern. mit den Wiesen, dem Wald, dem Bergwind und mit der lieben Frau Sonne. Die Weintrauben reiften früher als sonst, und als der Bauer seinen Wingert las, stand das junae Volk mit den Alten in den Zeilen, nnd es las mehr tu die Münder als in den Eimer. Die Kinder schleppten die vollen Eimer herunter an den Weg. wo Riefele vor der großen Bütte eingespannt stand, und sie fuhren die Bütte, wenn sie voll war, heim an die Kelter. Wenn ihnen aber Eornel begegnete, der nfte Sauhirt, so mußte er in die Bütte greifen und sich an den schwarzen Burgundertrauben laben. Gern hätten die Stadtbuben das Riesele, als die Ferien zu Ende waren, mitgenommen. Allein der Vater konnte es nicht kaufen, hatte doch auch keinen Stall für das liebe Tier und schrieb deshalb die Geschichte, wie er sie erfahren und erträumt, nieder. Fm Sommer wird er sodann mit Kind und Kegel wieder hinter die Berge ziehen, das Brot des Bauern Klaus zu esien. seine Lieder zu singen, seine Sonne einzuheimsen und manch wackeres Wort. !ein Sxj und das Riesele auch! Es mußte den armen Kindern helfen seinen Freunden, wo immer es konnte. Sah es. daß ein Kind eine Last Futter auf dem Kopfe beimschleppte, so mußte das Kind seine Last ans des Pferdchens Wagen legen und durste noch selber ausstcigen! Welch eine Kraft bändigte das kleine Niesele in seinen dünnen Beinchen, loenn es irgendwie helfen konnte! Eines Abends erwachte hinten im Armenhaus auch ein anderes Lied wieder und schivebte in breiten Flügelschlägen übers Dorf hin. Einmal erwacht, wollte dieses Waldhorn nicht mehr schlafen gehen und kam jeden Abend und oft über Tag. Vielleicht rief dieses Waldhorn ganz frühe Fugenderinnerungen in Riesele ivach, vielleicht auch sein buntgekleidetes Künstlerleben im Zirkus. Lag Niesele im Stall uud ruhte sich aus nach des Tages Mühen, so sprang es sogleich auf, wenn Cornels Waldhorn ertönte, so rauschte sein Blut in allen Pulsen, so regten sich alle Muskeln, die draußen in der Welt, für irgendein Kunststück zngestutzt worden waren: der linke Vorderfuß scharrte, der Kopf nickte, die Knie bei des «eh Ne im Um lich Trj Ni, fiib: 6nd bist bist du so lang geblieben?" sind bestürzt uud kommen näher zu diesem seltsamen wicvciftvt«, das niemand sich erklären kann. Die erregte Frau aber verliert sich in ihrer Frende oder in ihrem Schmerz gänz- spreizt die Finger und schreit: ' mein Schatz, Granaten hab' ich gedreht, Granaten! ihn heim, daß die Kuh, die Geißen, „ , auch die Gänse und die Bequemen Enten etwas zu fressen hatten «nd wiederholt sagte der Vater zv allen, die sich darüber aufhielten: Wir wollen so fröhlich, wie es nur sein kann, miteinander unser schweres Tagwerk vollbringen und unfern Vater preisen, der mit uns ist!" Und Riesele war voll der Lieder dieses Tals und trug sie mit sich durch sein arbeitsreiches Leben: Lieder des Freundes und Lieder der Lerchen, die aus dem Himmelsblau über es herabfielen, die Lieder der Blumen, die allhin läuteten, der Wälder, der Winde, der Wolken, und der verborgenen Schisse, — und seine unentwegte Fröhlichkeit verschenkte Feiertag und Glück, wohin es auch kam; denn es war ja selber nur ein Lied draußen in dem großen Jubclruf der Natur. * Die Geschichte ist aus. Der Erzähler sah das Riesele zum erstenmal, als es neulich noch voll vom Staub der Stadt, mit Frau und Kind hinter den Bergen aus dem Bahnhof trat. Inmitten einer großen Menschenmenge schwang sich just im selben Augenblick eine buntgekleidete Frau in kurzem, weitfaltigem Röckchen aus einen Schimmel, der im Kreis raste, blieb aufrecht stehen, hielt einen Reif über sich und hopste auf dem breiten Pferderücken von einem Fuß auf den andern. Des Erzählers Buben aber sahen sogleich das schwarze Gäul- chen seitab stehen und rannten zu ihm hin und streichelten es. Und weil es wie toll an seinen Strängen zerrte, banden sie es kurzerhand los. Und auf einmal schießt das Gäulchen wie toll mitten in die Menge hinein, daß alles vor solcher Wut auseinanderstiebt und Platz macht. Der Erzähler dachte, seine Buben hätten das Tierchen etwa gefoppt, aber dem war nicht so! Die bunte Frau stößt einen Schrei aus, herzzerreißend schier, wie Frauen ja schreien können, hüpft vom Schimmel, stürmt auf das Räppchcn zu, umarmt und küßt es, und will es immer wieder küssen! „Dauphin, Dauphin!" ruft sie, breitet die Arme weit aus, 18. f Als der Frühling kam, erwachte in dem Dorf sogleich die alte Fröhlichkeit wieder. Die Kinder sangen aus den Gassen, sie be- ; suchten Niesele, sie liefen neben ihm her, sie schenkten ihm Zucker und gutes Brot, denn an solcherlei Dingen fehlte es in dem Ge- birgsdörschen nicht. Sie steckten ihm die ersten Blumen ins Halfter, ganze Ketten von Löwenzahn schoben sie ihm übers Kummet, und sie riefen seinen Namen auf Weg und Steg. Die Burschen suchten in den Wiesen nach den schönsten Blumen, banden Sträuße und stellten sie ihren Liebsten vor die Fenster. Des Abends saßen sie bis tief in die Nacht auf der steinernen Haustreppe bei den Mädchen, erzählten vom schrecklichen Krieg und boten mitten im Schlachtengeheul ihre liebenden Herzen preis. Sie spielten Ziehharmonika, die alle Vertraulichkeiten des Herzens so trefflich zu sagen versteht, und sangen jene alten Lieder wieder, die unmittelbar von Herz zu Herz gehem Riesele führte tagsüber den Mist auf die Aecker, kehrte heim, holte den Pflug und die leichte Egge und zog sie auf einer Schleife hinaus. Als es aber vor dem Pfluge eingespannt war und die Schollen aufwerfen sollte, da war seine Kraft zu schwach. ; Der rothaarige Gustav begann zu fluchen, wie wenn er ein Feldwebel wäre, schnitt sogar am Waldrand eine Gerte ab und schlug auf Riesele drein, bis er sich überzeugt hatte, daß sein Räppchen nicht aus böser Absicht den Pflug nicht zog! Da holte der Bauer Klaus die Trudel, die jeweils den Acker, wenn auch mühsam, durchpflügt hatte, und spannte Mutter und Tochter nebeneinander, und die Schollen stürzten wacker um. Ha, wie gingen dem Gänlchen die Nüstern aus, als die frische Erde zu duften begann, die den Winter ausstrahlte und den Frühling behielt und neuen Frühling aus der Sonne trank! Wärme und Kraft stiegen ans den Schollen, und die Dohlen kamen von den kahlen Bäumen heruntergeflogen und die zierlichen Bachstelzen, ganze Schwärme von Staren, ein Ungeziefer zu picken oder ein verbummeltes Samenkorn! Dann niußte Riesele mit seiner alten Mutter ein Stündchen am Wege stehen, Gustav aber stapfte mit großen Schritten über die dampfende Erde und streute in mächtigen Bogen den Weizen ans, und der Wtizen knisterte, als sehne er sich nach dem weichen Schoß, weithin in die gleichmäßig nebeneinander gezeilten Furchen. Riesele fraß neben der Mutter unterdessen das kaum ersproßte Gras ! des Weges ab, und die Stränge mit dem Sellscheit schleiften hinter ihnen drein. In langen gelben Bändern blühte der Raps, und der Wind warf in breiten Schwaden den würzigen Honigduft herüber, und - die Bienen summten drüber her Der Weizen sproßte, das Korn schoß auf, die Weinstöcke streckten ihre grünen Fähnchen heraus, und alles, was unten wuchs, ‘ ward von den kugeligen Apfelbäumen überblüht und von den ; aufstrebenden Birnbäumen, und der Blütenjnbel sprang hügelauf, ; hügelab im Tal einher, und niemand war, der sich nicht freute! j Kaum ein Tag verging, ohne daß Riesele nicht irgendwie geschmückt worden wäre von Trudel oder von den anderen Kindern des Dorfes. Einmal flatterte schier ein ganze Woche lang ein lila Bändchen an seinem Halfter, und niemand wußte, wer es ihm