Ile. »r in u " Sitz 5t und ül Wort fa »kön>Z llIien, ü| '»SM “6 ite tu den. U,, hrzehni der Kitz. °» 9* Nun p^| »ung y rem Bk,, •^nungei Vesuchii ß in btt •«Hätten ■ „wie ti rngen ft •rrn. „Slt •Wer finl ubold?' tlein, uni Fräuick LürschM mit ein- ganz mt in. SÜitfili Mes A nr !R»ftt n, die fit gepackte« tau sag», jedensck- ssers ver ithle. Di! t wie tw i, marin rieben. ernch * ei er (eil geblieben. :en buch Zegabttw ier etwas tvtirdigen statt W it dir, I« s üt lischt tie et»«« w,H» rüg @ * tem alt" fäubout’1 w w in diö" tdf< untllt r ihit°! *s eno10® Le * GiehenerZaimiieMäüer Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang M3 Montag, den U- September Nummer 70 Nach der Mahd. Von Hans L e i f h e l m. Es sind die Wolken wie Silberhechte In grünen Lüften auf Wanderschaft, Vor dunklen Wäldern weht das Geflechte Der blonden Birken am schwanken Schaft, Wo in der Ferne die Höfe liegen, Siehst du phantastische Windvögel fliegen. Nun ist die Ernte bald in der Scheuer, Und bläulich wirbelnd ins Weite geht Beizender Rauch der Kartoffelfeuer, Die letzte Garbe im Felde steht Geweiht als Opfer nach alter Sitte Dem Schimmelreiter auf seinem Ritte. Und längs den Rainen und durch die Brache Treibt seine Herde der Wanderhirt, Vom Wald zum Felde, vom Felde zum Bache Die dunkle Wolke der Krähen irrt. Im Schober knistert heimlich Genage, Es halten Mäuse ihr Herbstgelage. Wenn auf die Aehre dann pocht der Flegel, Schwirrt um die Tenne die Sperlingsschar, Der Takt der Drescher wie Trommelschlegel Trommelt zu Ende das Bauernjahr. Wie Honigtropfen hörst du von allen Obstbäumen prallend die Früchte fallen. Lob des Landes. Von Werner Klaus. Wenn man die tiefste uitö geheimste Sehnsucht unserer heutigen deutschen Dichtung in ein paar Worte fassen will, wird man sagen müssen: sie sucht wieder den Weg zu den einfachen und elementaren Gegebenheiten unseres Daseins, zu einer neuen Schlichtheit und Wirklichkeit, die jenseits des Artistischen und Literarischen liegt. Nirgends zeigt sich das deutlicher als in dem un- gehuren Anschwellen der ländlich-bäuerlichen Dichtung, die in den letzten Jahren eine ganz neue und bisher unerhörte Bedeutung gewonnen hat. Wie jede literarische, jede geistige Bewegung, trägt auch diese Erscheinung ein doppeltes Gesicht: immer vermicht sich der echte Impuls mit unechter Mache, immer tritt der Konjunkturritter neben den legitimen Gestalter. Aber man darf sich durch gewisse Oberflächenzüge nicht darüber Hinwegtäuschen lassen, daß hier ein tiefer und mächtiger Drang am Werke ist, eine neue Sehnsucht nach dem ursprungsnahen Leben, ein neues Wissen um die alte, kreatürliche, gebundene Welt des Bauerntums. Allerdings: zu allen Zeiten hat die deutsche Dichtung Stoffe und Motive aus dieser Welt benutzt und gestaltet, und Hebel und Klaus Groth, die Droste und Jeremias Gotthelf schufen auch im bürgerlichen Zeitalter Werke, in denen die Stimme des Landes unverkennbar und eigen ertönt. Aber was die neue Bauerndichtung grundsätzlich von diesen früheren Schöpfungen unterscheidet und sie auch von der Heimatdichtung der Jahrhundertwende trennt, ist die Betonung der elementaren und trieb- dasten Züge des bürgerlichen Daseins, ist der neuerwachte Sinn für seine animalische wie seine mythische Sphäre, ist der Blick für seine tiefsten und verborgensten Gründe, die saft verschüttet schienen und nun mit besonderer Hingabe aufgespürt werden. Diese Dich- litngen wollen kein verklärtes, versüßlichtes, moralisch gereinigtes oder pathetisch übersteigertes Bild des bäuerlichen Lebens geben, sondern seine harte, gransame, arbeitbeladene Wirklichkeit selbst, mit dem ganzen Gewicht ihrer greifbaren, fühlbaren, schmeckbaren fiealitäten. Man braucht nur eine Dichtung wie Grieses „Winter" mit Jmmermanns „Oberhof" zu vergleichen, oder Theodor Kramers herbe und harte Bauernlyrik mit den oft platten «nd gemütscligen Gedichten Hebels, um den Unterschied zu spüren. Die junge Dichtung des Landes sieht mehr von der Oberfläche und mehr von der Tiese des bäuerlichen Daseins. Und sie strebt nach Schöpfungen von großem Format, die wieder gleichberechtigt Ue6en der bürgerlichen Dichtung genannt werden können. Aber sie entsteht zu einer Zeit, wo die bäuerliche Lebenswelt ihre frühere Einheit und Geschlossenheit längst verloren hat,' wo r arteigenes Denken und Fühlen sich nur mühsam gegen den Einbruch fremder Wertungen und Gesinnungen behaupten kann. Zwar sind die elementaren Grunbtatsachen des bäuerlichen Lebens die gleichen geblieben seit tausend Jahren; aber über dieser ewigen mythischen Grundlage der bäuerlichen Welt erhebt sich eine vielschichtige Tageswirklichkeit, die durch ganz andere Mächte bestimmt scheint als durch „Blut und Boden", eine zerrissene, sehr heutige, gar nicht bukolische Wirklichkeit, in der das Lied des Landes nur leise vernehmlich ist. Und die offene Problematik einer jeden Dichtung, die sich dieser Welt gegenüberstellt, liegt in dem Zwiespalt und der Spannung zwischen den mythischen Hintergründen und den heutigen Realitäten des bäuerlichen Daseins, die beide zusammen erst das ganze Bild ergeben, die aber ohne Bruch und Gewaltsamkeit in eins zu sehen heute nicht möglich ist. Hier setzt die Gefahr einer romantischen Verfälschung durch die Dichtung ein, die nicht immer vermieden wird: oft genug tilgt der Dichter alle Züge, in denen sich die Zerrissenheit der bäuerlichen Welt ausdrückt, betont einseitig das Mythisch-Irrationale und hebt es in Zeitlos-Gleichnishafte. Ernst Wiecherts viek- gelesener Roman „Die Magd des Jürgen Doskozil" ist ein Schulbeispiel dafür: diese schöne und reine Dichtung ist nicht aus der Realität heraus gestaltet, sondern oberhalb der Wirklichkeit komponiert, sie will nur die gelauerte Essenz, das Gleichnis eines naturnahen Lebens geben und betrügt sich damit um die Schwere der wirklichen Aufgabe. Diese Vereinfachung der bäuerlichen Wirklichkeit, die Betonung zeitlos gleichnishafter Züge, scheint nur dort gerechtfertigt, wo ihr ein kraftvoller Realismus, eine dringlich-konkrete Darstellung die Waage halten wie in Grieses „Winter". Hier kann nicht mehr von romantischer Verfälschung gesprochen werden, obwohl öiöse Dichtung ganz im Zeitlosen beharrt; denn hier bedeutet diese Zeitlosigkeit kein bequemes Ausweichen vor der wirklichen Realität, sondern dient gerade der Charakteristik des bäuerlichen Lebens, wie es sich seit Jahrhunderten vor den geschlossenen Horizonten der Sippen und Dorfgemeinschaften abgespielt hat. Dieselbe Geschlossenheit und Dichtigkeit der Atmosphäre zeigt auch Grieses letztes Werk, sein „Dorf der Mädchen", eine düstere Chronik aus der Zeit der Leibeigenschaft: die Flucht in eine reinere, echtere Frühzeit ermöglicht hier die Darstellung einer noch heilen, unverfälschten Bauernwelt. Aber wo der Gestaltungswille auf die Widerspiegelung der ganzen, vollen Gegenwartswirklichkeit des Bauerntums geht, scheint ein innerer Bruch unvermeidlich. Das erweist sich nirgends so deutlich wie am dichterischen Werk Richard Billingers, der wie kein anderer um die mythisch-heidnischen Hintergründe bäuerlichen Lebens und Denkens weiß und sich doch den offenen Blick für Gegenwärtigstes nicht trüben ließ. In der „Rauhnacht" und den „Rossen", seinen stärksten, aber auch umstrittensten dramatischen Schöpfungen, macht er den ungeheuren Versuch, die Spannung zwischen Aeltestem und Neuestem, zwischen dunkel gewußter Vorzeit und zerrissener Gegenwart in ihrer ganzen Tiefe auszuschöpfen. Aber in der „Rauhnacht" muß er das Mythische zur Schauerballade verflachen, um es theatralisch wirksam zu machen, und in den „Rossen" mengt sich Papiernes und hlotz Gewußtes mit echt Gefühltem, stoßen Mythos und Technik, uralt heidnisches Fühlen und Zivilisationsideologie hart und knallig aufeinander. Daß Billinger mit seinem Versuch scheitert, daß er keine heile und geschlossene Wirkung zu erzielen vermag, ist nicht inneres Versagen des Dichters vor seiner Aufgabe, sondern das Verhängnis einer unabänderlichen geschichtlichen Entwicklung, die die bäuerliche Welt ihrer früheren Einheit beraubt hat und die Spannung zwischen Mythos und Realität bis zur Unerträglichkeit vertiefen mußte. Das tritt bei Billinger nur mit besonderer Kraßheit zutage: aber alle Dichtungen leiben unter dieser Problematik, in denen der Wille zur ganzen, vollen Wirklichkeit des bäuerlichen Lebens Gestalt gewonnen hat. Man kann freilich Romane wie Bestes „Heidnisches Dorf" oder Josef Martin Bauers „Salzstraße" dagegenhalten, die jenseits dieser Problematik stehen und doch gerade die bäuerliche Gegenwart mit ihren harten, nüchternen Konflikten und Spannungen widerspiegeln. Die Tagwirklichkeit des Daseins scheint hier eingefangen und gestaltet; aber wer den Geschmack der Werke von Griese und Billinger kennt, spürt doch den Mangel eines fast Unnennbaren in den Dichtungen dieser Art. Es ist der Mangel einer mythischen Substanz, das Fehlen jenes zeitlosen Hintergrundes, der zur Tiefendimension der bäuerlichen Welt gehört. Diese Dichtungen lösen die Spannung zwischen Mythos und Realität auf ebenso einseitige Weise wie Wiecherts „Magd des Jürgen Doskozil", und sie unterscheiden sich von der früheren Heimatdichtung nur durch einen herberen, härteren Realismus „nd ein größeres Wissen um die dingliche Sphäre des bäuerlichen Lebens. Sic vermögen ebensowenig das Ganze au«zuiagen wie die mythisierende, archaisierende Bauerndichtung — aber itc tunöen das Bild nach der anderen Seite und treiben ans ihre Wetze den Prozeß der dichterischen Begegnung mit-der bäuerlichen Wel We®er Gesamtanblick der ländlich-bäuerlichen Dichtung ist verwirrend und vielfältig genug. Die Spannung zwischen Mythos und Gegenwartswelt bedingt tiefe Unterschiede in Geist und Gestaltung und zu dieser vertikalen Spannung kommt noch die horizontale der stammhaften und landschaftlichen Gegensätze. Wi deutlich unterscheidet sich die herbe, wortkarge, grubleriWe Art öes Mecklenburgers Griese von der bildkrästigen, sinnlich-plctzti- schen Darstellung des österreichischen Bajuvaren Billinger, welche Klüfte von Fremdheit trennen die mystisch durchgluhie Ostmteußcn- welt Wicchcrts von den oberschlesischen Schelmenstreichen Kaczmareks wie August Scholtis ste ausgezeichnet hat, und die bayerischen Dorgeschichten von Oskar Maria Graf. Und es ist mehr als der Unterschied von katholischer und protestantischer Religiosität was den Weg von den einfältig frommen ^Spielen Max Mells zu den zerquältcn Dramen von Alfred Brust so weit '"^Man kann noch viele Namen nennen, in denen ähnliche Gegensätze sichtbar werden: da sind Mechow und Reina ch er, Blunck und Alverdes, Kramer und Waggerl, von Aelteren Wilhelm Schäfer und Stehr. Aber die Werke dieser Dichter sind das Zeugnis einer „bäuerlichen Renaissance,, die auf vielen Wegen und Ebenen doch zu demselben Ziel hinstrebt, zu einer vertieften, echteren, innigeren Darstellung der ältesten Welt unseres Dascinsraumes, zu einem neuen Verhältnis zu Blut und Boden, zu einer seelischen Verjüngung und Reinigung durch das Anknüpfen an die uranfänglichen Dinge. Und obgleich diese Bewegung noch keineswegs abgeschlossen ist, obgleich wie vielleicht erst an ihren Anfängen stehen, müssen ihre Ergebnisse schon heute Erstaunen wachrufen: denn was bei Billinger, bei Griese, be, Mechow, bei Scholtis, Kramer, Waggerl und vielen anderen durchbricht, steht den Ursprüngen und der Wirklichkeit des bäuerlichen Lebens näher als alles, was seit Grimmelshausen in Deutschland geschrieben wurde. „ ... Diese Dichtungen werden die Zerrissenheit und Problematik der bäuerlichen Gegenwartswelt nie ganz verleugnen und überwinden können, und die natürliche Geschlossenheit der frühen germanisch-deutschen Schöpfungen bleibt ihr versagt. Aber es erweist bas Maß ihrer Größe und Bedeutung, daß sie uns heute in unserem schmerzhaft wachen Jahrhundert, die verschütteten Tiefen des bäuerlichen Fühlens wieder zu erschließen vermag. Das Lob des Landes, das in diesen Dichtungen gesungen wird, entspringt keiner träumerischen Romantik ohne Verpflichtung: es kommt au« echtem Wissen und echter Erfahrung, die das Schwerste und das Schönste in gleicher Weise umfaßt. Erinnerunaen an Sudermann. Von Liesbct Dill. Meine Bekanntschaft mit Sudermann liegt viele Jahre zurück. Ich ivar von Saarbrücken nach Berlin gekommen nut meinem ersten Roman. Ein großer Verlag hatte ihn abgelehnt, weil er „in ein Familienblatt nicht passe". Ich sollte ihn, umändern und wußte nicht, wie man bas macht. Ich fuhr von einem Verlag zum anderen, keiner wollte ihn auch nur lesen. Es schreiben jetzt so viele junge Damen Romane, sagte mir ein ganz großer Verleger, und führte mich in einen Saal, wo mich hohe Bücherregale voller Bücher vorwurfsvoll anstarrten. Alles noch unverkaufte Romane, fügte er lächelnd hinzu. Ein anderer schickte mich zu einem Verlag, der sich „für junge Autoren interessiere . Das war mein Fall. Ich fuhr dorthin, aber der Herr hinter dem Schreibtisch erklärte mir, ich käme zu spät, sie lösten heute gerade ihren Verlag auf. Da war es mit meiner Fassung zu Ende; ich sank aus einen Stuhl und weinte ... Der Verleger suchte mich zu trösten. Er nannte mir Namen großer Künstler, die alle auch jahrelang gerungen hätten, bis man sie gedruckt hätte. „Denken Sie an Sudermann; der hat sieben Jahre seine „Frau Sorge" in seinem Schreibtisch liegen gehabt." — In diesem Augenblick betrat, wie auf der Bühne, wo der Betreffende immer im rechten Augenblick erscheint, ein großer Herr das Reöaktionszimmer; es war Hermann Sudermann. Und der Verleger stellte mich ihm lächelnd vor, mit einer Handbewegung „eine junge Schriftstellerin in Tränen" ... So haben wir uns kennengelernt ... Auch Sudermann hat meinen ersten Roman nicht gelesen. Ich war damals zwanzig Jahre alt. Ich habe zwar nicht sieben Jahre warten müssen, bis der für ein Familienblatt nicht geeignete Roman „Lo's Ehe" gedruckt wurde; aber als ich einige Jahre später in Alexisbad Frau Klara zufällig traf, freundeten wir uns an, und seitdem kennen wir uns ... Als Sudermann sein Stadthaus in der stillen Bettinastraße im Grünewald einweihte, gab er ein schönes Fest. Es war ein glanzvoller Abend, mit rosengeschmückten Tischen. Jeder, den man dort traf, hatte einen großen Namen, war eine Berühmtheit, eine Persönlichkeit. Was macht die Arbeit?, war Sudermanns erste Frage, wenn wir uns sahen. Er war, im Gegensatz zu anderen Kollegen, immer interessiert an der Arbeit anderer. Nur durfte man ihn nicht damit belästigen ... Als ich ihm einmal mein fünfaktiges Saardrama „Die Grenze" vorlegte, sagte er: „Sehen Sie, beim fünften Akt hätten Sie anfangen müssen ..." Erarbeitete eigentlich immer. Er kam wohl auf eine halbe Stunde herunter zum Tee, dann entschuldigte er sich und kehrte zu seiner Arbeit zurück. Er arbeitete gewiffenhaft, fleißig, unermüdlich, regelmäßig, ohne Pausen. Ich warnte ihn einmal: „Weshalb machen Sie keine Pause?" — „Das kann ich nicht mehr", sagte er, „das ist ein Luxus, den ich mir nicht mehr gestatte, sonst wird nicht alles fertig, was ich noch zu sagen habe ..." Ist nun alles fertig geworden? Hat er alles, was er sagen wollte, gesagt? Man weiß es nicht ... Das Buch des „Steffen Tromhold" war ein Bekenntnis, mit dem er sich frei geschrieben hat. Für die, die ihm fern standen, brachte es Ueber- raschungen, den anderen war es erschütternd zu lesen ... Mit eurer fast grausamen Offenheit hat er ein Stück seines Lebens prei«- gegeben, ohne Schminke, ohne Retusche ... Die „Erinnerungen a u s m e i n e m L e b e n" schließen leider bereits mit seinem 26. Jahre. „Weshalb geht es nicht weiter?" fragte ich ihn. - Weil die meisten, die später in meinem Leben vorkamen, heute noch leben", sagte er. „Sie würden vielleicht gekrankt sein, daß ihr Porträt so ähnlich ist ..." Der zweite Band soll 80 Jahre nach seinem Tode erscheinen. „ , o. ,, . . Ich las das Buch noch in den „Fahnen", im Liegestuhl in der Sonne, umduftet von Rosen und umschwebt von Schmetterlingen, unter den alten Bäumen seines Parks ... Wie waren die Abendstunden schön auf S ch l o tz V l a n k e n s e e, seinem Sonnen chlotz in der Mark, wenn der Herbstwind draußen die letzten Blatter zusammenfegte, der Regen gegen die Scheiben prasselte, in der Halle das Kaminfener brannte und Sudermann etwas vorla«, einen Akt aus einem neuen Schauspiel, ein ungcdrucktes Stuck Roman im Manuskript. Vor Tisch pflegte er eine Stunde in seinem Kahn nach dem stillen, schilfumstandcnen „Schwarzen See hinauszurudern. Dann erzählte er ans seinem Leben, und sagte. „Das ist etwas für Sie. Daraus können Sie eine Novelle machen. Ich fragte, warum er das nicht selbst täte? „Ach, das liegt mir nicht", meinte er. „Ich schenke sie Ihnen." Er konnte reizend erzählen, mit soviel Humor. Einmal gingen wir abend« spazieren, gleich hinter seinem Park begann der Kiefernwald, die sandige Ebene, die das Haus umstand ... Eine Geschichte aus seinem Leben begann: „Als ich dreiundzwanzig Jahre alt war, hatte ich eine Geliebte, die mochte ich nicht. Man mag seine Geliebten ja meistens nicht ..." Ich habe diese Novelle später ziemlich genau so niedergeschrieben, wie er sie erzählt hat, an jenem stillen abcnb= liehen Gang durch die violettschimmernden Walder ... Er hatte einen Kanarienvogel „Hänschen", der immer.neben ihm saß. ..sorgens stand sein Käfig neben dem Fruhstucksttzch; Punkt halb neun Uhr mußten wir alle unten sein, in dem großen Spcisesaal mit dem alten grünen Kachelofen und den dünnen Beinen und der grünen Flämme. Manchmal war Hänschen feinem Käfig entflohen, dann mußten wir ihn fangen. Einmal im Sommer kam ich an und fand den Käfig leer. Hänschen war gestorben und lag begraben im Park. Sudermann war sehr traurig darüber. „So verläßt uns ein Freund nach dem anderen." . Seine Gattin Klara, die blonde Königsbergerin, hat er als Witwe geheiratet. Sie brachte drei Kinder mit in die Ehe: eine Tochter, die sich später verheiratete, einen Sohn, den Dramatiker Rolf Lauckner, der mit einer Malerin verheiratet ist; das dritte Kind verunglückte ganz jung in Dresden. Sudermann hat nur eine eigene Tochter, die mit einem Major Frentz ver- Fra,/Klara verstand es, ein großes Hans zu machen und Kameradin eines berühmten Dichters zu sein. Es war nicht immer leicht. Mit Schwierigkeiten, wie mancher andere Künstler, hatte sie nicht zu kämpfen; aber sie hatte einen Mann, der gefeiert, ost nervös, ein Künstler war, von Stimmungen abhängig ... Wenn er sich in sein Studierzimmer zurückzog, durfte keine Störung ihn davon abhalten. Und alles hielt sie ihm fern, seine Frau. Er hatte das Gut Blankensee vom Herrenhaus und dem Park abgetreunt und bewohnte nur das alte Haus während des sommers. Manchmal verbrachte er auch ein paar Winterwochen in verschneiter Einsamkeit dort. „Einsamkeitsrausch, wissen Sie, wc>« das ist?" sagte er einmal ... „Wenn alle Lampen brennen, alle Feuer flackern und man allein ist, ganz allein, in einem großen, todstillen Aaufe, um das der Schnee weht ..." Er hatte den verwilderten Park mit Plastiken und blumengefüllten Vasen, die er von seinen italienischen Reisen mitbrachte, geschmückt; die Allee schloß ein wundervolles Alt-Würzburger Tor ab; er sammelte Bilder, antike Möbel; er hatte Kunstsinn und Geschmack; in sein" klmgebung war nichts unschön oder wertlos ... Der Park hatte so viel Stimmung, so viel Poesie ... Er führte ein Tagebuch, worin er peinlich genau jeden Tag einschrieb, was sich ereignet hatte. Er las uns öfter daraus vor. Es war sehr amüsant ... „Wozu Sie alles Zeit haben", sagte ich. Aber er „machte sich Beit". Er las wenig. Wenigstens keine moderne Literatur. Das lenkt mich ab, meinte er. Er hattet die „Rheingrenze", stellten wir einmal fest. Da, wo mein „Stoffgebiet" beginnt — Frankfurt am Main, am „Tor zu dem Westen" —, endete das seine. Ihre weltlichen Stoffe liegen mir nicht, sagte er. Er lebte pünktlich, war Frühaufsteher, lebte ganz pedanttlch, arbeitete regelmäßig nach der Uhr und ging früh schlafen, um zehn Uhr mußten die Lampen im Salon ausgedreht werden m Blankensee. Das Schloß hatte kein Gas und kein elektrisches Licht- Nur Spiritiislampen. Im Kriege, als es an Licht mangelte, lua er mich nach Blankensee ein. Ich antwortete: „Ich tarne gern fürchte mich aber sehr im Dunkeln." „Keine Angst", schrieb er au« Heiligendamm, „kommen Sie nur, ich spare schon Kerzen für ®te. Seine Gesellschaften waren immer reizend und anregend. C- war das gastfreieste Haus, das ich kenne. Sudermann war anspruchsvoll in jeder Beziehung; er war nobel, ritterlich, umgänglich und liebenswürdig. Frau Klara war eine großartige Hausfrau, von der man nur lernen konnte. An ihrem letzten u burtstage hatte sich nur ein kleiner intimer Kreis um sie versammelt. Damals war sie schon schwerkrank, aber sie sprach nicht davon. Sie sprach überhaupt selten von sich. Sie lebte nur für ihren Mann. Sie hat selbst sehr feine Novellen geschrieben. „Aber mir bleibt ja dazu keine Zeit", sagte sie. Sie las seine Korrekturen, besprach seine Entwürfe mit ihm, er las ihr vor,' und wenn sie seiner Arbeit auch mehr bewundernd als kritisch gegcnüberstand, so muhte sie doch jederzeit für ihn bereit sein. Sic stellte ihre eigene Persönlichkeit ganz zurück für ihn. Und eines Tages, nachdem sie schon lange heimlich gegen ein Herzleiden gekämpft hatte, löschte sie still aus. Ich erfuhr es eines Morgens in Verdun ... Jemand rief es mir über den Tisch zu: Frau Sudermann ist tot ... Ich habe viel an ihr verloren. Sudermann hatte sich schon seit dem Tode seiner Frau ganz von der Geselligkeit zurückgezogen. Er ging nur noch selten zu einem guten Freund zum Diner. Aber er war im letzten Jahre nervös, nicht mehr „fertig zu werden". Er kam wohl noch einmal vorbei auf einem Gang -durch den Grünewald, setzte sich und plauderte,- aber er kam nie mehr zu einem Tee-Empfang zu mir. „Die vielen Menschen, das vertrage ich nicht mehr", sagte er. Er sah dabei frisch aus wie ein Fünfziger. Er lebte sehr regelmäßig und mäßig, achtete immer auf seine Gesundheit und — auf sein Herz, das in letzter Zeit nicht mehr intakt war ... Im letzten Sommer zog er sich, statt große Reisen zu machen, auf sctn stilles Blankensee zurück, in die Mark, die er liebte wie seine ost- preußische Heimat. Aber er lud keine Gäste mehr zu sich ein, wie sonst. Nur wenige besuchten ihn noch dort ... In Blankensee feierte er am 30. September 1928 zum letzten Male seinen Geburtstag. Aber er feierte ihn ganz still, er lud niemanden dazu ein; Privatbricfe las er kaum noch in der letzten Zeit. Er wollte nicht mehr gratuliert werde«. Kurz darauf bekam er den ersten Schlaganfall, die linke Seite war gelähmt. Er ließ sich ins Sanatorium fahren, sein Befinden besserte sich scheinbar; aber der zweite Schlag folgte bald. Nun wollte er nach Berlin zurück. Wurde ins Franziskuskrankcnhaus übergeführt, und bekam eine Lungenentzündung, an der er gestorben ist... Ernte-Tag auf dem Gutshof. Von Börries, Freiherrn von Münchhausen*. „Kommt wohl der Weizen rein vor Feierabend?" „Ich denke doch, wir schaffen's, Herr Baron! Das wär' doch traurig, wenn zum Erntefeste Ich meine Felder nicht ganz sauber hätte! Der Kühgründ ist schon drin, die Nelzige Mehr als dreiviertel leer — seit Mittag ist Auch Kaspar mit dem Hunger-Rechen draußen!" Ich schlendre langsam über meinen Hof... Die Kühe kommen von der Weide heim, Schwerfällig wandelnd, als ob auf dem Rücken Sie tausendjährige Erinnerung Gemeinsam durchgelebter Menschheitstage Unsichtbar trügen. — Bei dem Haufen Klee Zögert ihr Zug, und mit dem nassen Maule Wirft eine, schlappt die an'dre, reißt die dritte Noch einen Leckerbissen sich hervor. — Wie springt der Junge — hui, die Weidenpeitsche! Hoch auf dem Klee, wie sinkt sein nacktes Bein, Das staubig-heiße, wohlig in die Kühle! Ich fühl's ihm nach und kann's doch nicht genießen Wie er, weil ich an meinen Weizen denke, — Wir schaffen's nicht, zu dicht stand heute früh Noch auf den Feldern bis ans deutsche Holz Das unzählbare Heer der gelben Zelte. — Die Mägde treiben ihre Hühner ein Mit Rusen, Lachen, Schürzenscheuchen, Schrei'n, Und erst als siebzehn auf der Leiter wippen, Verzweiflungsvoll die kurzen Flügel schlagen, Wild gackern in Verzweiflung über die Welt, — Natürlich ist die Tür nicht aufgezogen Zum Hühnerstall! Und als die Emma kommt, Den Strick zu ziehn, stiebt alles auseinander, Und ganz von vorne hebt das Scheuchen an. Die Röcke wehen um die derben Waden , Und in den Blusen hüpft die Brust, wie sie Hierhin und dorthin übern weiten Mist Ihr Federvieh erneut zu Bette jagen. So sind die Mädchen! Ja, so waren sie: Spektakulös, unvorbedacht und feixend, Solang ich denken kann! Doch aus der Scheune, Wo triefend unsre braunen Knechte grad Ein neues Fuder kunstgerecht verbansen, Fliegt her ein Scherz, und schnippisch kommt die Antwort, Und Necken hin und her bezeugt mir deutlich. Daß sie doch mancher gern hat, wie sic sind! * AuS Münchhausens „Idylle n", die soeben im Verlag Albert Langen / Georg Mueller, München, neu erschienen sind lKleine Bücherei, Band 21), entnehmen wir mit freundlicher Erlaubnis des Verlages folgende Verse, die ein Bild geben von der Anmut und Lebensfreude dieser heiteren Gedichte. Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Walker Julius B l o e m (GDS). (Fortsetzung.) Anton trumpft nicht auf. „Es war vielleicht ein Glück für mich, daß ich nur nach vorne Raum hatte, weil es mir früher nicht widerlicher gehen konnte." „Andere nennen das ein Unglück." „Soviel Sie wollen. Natürlich kann ich eine Menge falsch machen. Natürlich kann das da", er wirft seine Hand gegen den Barackenplatz, auf dem zwischen Regengetrommel und Plätschern der Dachtraufen die Hammerschläge der Zimmerleute klatschen, „natürlich kann das da eines Tages zwangsweise versteigert werden." „Damit rechnen Sie?" „Natürlich! Aber ich kann nicht zwangsweise versteigert werden, und wenn das hier zu Ende gehen sollte, so fängt etwas anderes von vorne an." Diese Bereitwilligkeit, in all und jedem Fall obenauf zu bleiben, imponiert zwar, doch Schönlein kann sich eine spöttische Bemerkung nicht verkneifen. „Sie haben sich auf ein eigentümliches Betätigungsfeld begeben, Doktor Wagenschanz, wo unkontrollierbare Zustände herrschen. Wenn Sie sich mit Anilinfarben oder mit photochemischen Waren beschäftigen, so wären Sie nach zwei Wochen von der Konkurrenz zerquetscht." Nörgelei! „Die propagandistischen Fähigkeiten werden auch für Anilinfarben und für photochemische Artikel geschätzt, Herr Schönlein. Aber wie, wenn Schönheitskremes, Rasierpillen und Eishaarwässer für mich nur ein Sprungbrett sind, und wenn in zehn Jahren hier oder anderswo eine große Fabrik steht, die sich mit der Herstellung der von Ihnen bevorzugten Artikel befaßt?" „Mit solchen Möglichkeiten rechnen Sie also auch ..." „Jawohl, Herr Schönlein. Darum das Ganze." Sie begeben sich in Antons Laboratorium, das einen wahrhaftigen Schreibtisch erhalten hat, und auf der Seite ertönt das Ticken einer Schreibmaschine. Schönlein glaubte Elli hier zu finden, doch zu seiner großen Verwunderung bemerkt er ein spitzes Altjungferngesicht, das horubebrillt zu ihm aufblickt. Vor einigen Monaten diktierte Peter die Schreibereien der Hausfrauenausstellung in die maschinenhaft eilenden Finger. „Fräulein Aschenbrenner? Sie sind nun hier?" Sie nimmt seine Hand. „Seit kurzem." Für einen Augenblick wird Anton Wagenschanz fortgerufen, Elli ist es, die ihn holt, alles in Hast, Hochbetrieb, nur ein schneller Blick an Schönlein, ach, da sind Sie, sagt der schnelle Blick, und der Mund kräuselt sich ein wenig. Schönlein richtet ein paar höfliche Frage an Fräulein Aschenbrenner. „Haben Sie sich verbessert, liebes Fräulein, sind Sie zufrieden?" Sie läßt abgehetzt die Schultern fallen. „Es ist immer dasselbe, Herr Schönlein, es geht immer irgendwie weiter. So lebt man, aber man weiß nicht warum." Er erwidert, es könnten doch bessere Zeiten kommen. „Ob hier oder an einem andern Pult, Herr Schönlein, es bleibt sich gleich. Ich habe etwas gelernt, was viele können." „Ich habe Ihre Tüchtigkeit nicht vergessen, Fräulein Aschenbrenner." „Tüchtigkeit, ja. Aber wozu? Ist es genug, daß ich mich am Leben erhalte? Aber entschuldigen Sie, ich mutz arbeiten." Der Anwalt mustert das Laboratorium. Auf dem befleckten, sehr großen Arbeitstisch stehen Seifenproben in Schälchen, dazu viele Flaschen mit Parfüms, und unter jeder schaut ein Zettel hervor, der mit großen selbstbewußten Schriftzügen beschrieben ist. „Finde ich nicht gut", lieft Peter aus dem einen, „die Sorte 3 gibt viel mehr Schaum und nimmt den Oelschmutz besser fort —" Es trifft ihn wie ein Stoß aufs Herz, diese Schrift stammt ohne den mindesten Zweifel von Rosemaries Hand. Erst gestern schrieben ihm die gleichen Buchstaben, Rosemarie sei krank. „Was hat denn Fräulein Reubold mit dieser Fabrik zu tun?" fragt Peter, ohne daß der Klang feiner gleichmäßigen Stimme in der Erregung zittert, die fein Gesicht verrät. Die arbeitende Sekretärin blickt nicht auf. „Sie ist mit Doktor Wagenschanz' Auto unterwegs nach Westfalen, wo sie eine Reihe von Grossisten für unsere Fabrikate bearbeitet. Sie macht das sehr geschickt." Bei den Grossisten und den größeren Drogerien fährt eine junge Dame vor, mit einem fabelhaften Wagen, man nimmt ihren Besuch höflich und mit einigem Erstaunen an, man wird von Reisenden überlaufen, auch wenn sie nicht so up to date aus- fehen, die Bereitwilligkeit zum Einkauf ist gering. Die junge Dame öffnet ihr Stadtköfferchen, Schächtelchen und Tuben in blauen und silbernen Farben kommen zum Vorschein, Breite modische Verschlüsse und Plomben prunken. Das sieht sehr hübsch aus, die junge Dame ist darauf sehr stolz; denn sie war es, die un Auftrag der Wagenschanz-Werke mit Kunstgewerblern Verbindung suchte, und sie wählte die Entwürfe. Wirklich sehr hübsch. Zwei oder drei Käuferinnen haben wohl auch schön danach gefragt, aber wer bürgt dafür, daß das unbekannte Zeug etwas taugt? „Wenn man so aussieht wie Sie, meine Dame, daun ist es leicht, ein Schönheitsmittel zu rühmen." Rosemarie lächelt mit ihren weißen Zähnen. „Alles Kunst!" „Na, na!" „, ,r „Hier ein Prospekt mit Anerkennungsschreiben." „Verschonen Sie uns damit! Jedes Dienstmädchen macht sich wichtig und schreibt eine Anerkennung an die Fabrik. „Nun ja", meint sie leichthin, „hier sind unsre Jnseratfolgen aus Erfurt, Weimar und Braunschweig, in der allernächsten Zeit werden wir in die großen Zeitschriften eindringen. In acht Tagen wird Ihr Gebiet mit allen modernen Mitteln bearbeitet. Decken Sie sich ein, Sie haben für drei Wochen einen Ansturm der Käuferinnen zu erwarten." ™ , .. . . ., „Das kann jeder behaupten. Wir Westfalen sind ein nnß- trauischer Menschenschlag. Wat de Boer nich kennt, freet er nich. „Die Braunschweiger tanzen auch nicht am Werktag. Hier unsre Absatzziffern von dort." Kritische Blicke mustern die Tabellen und dann von neuem die Tuben und Schächtelchen, das sieht sich alles zum Verlieben an. Meistens kann Rosemarie jetzt den Füllfederhalter hervor- zichen und eine Bestellung buchen, oder doch eine Kommission. Ist das ein Erfolg oder nicht? Der Irrweg ihrer Berufe hat zu einer neuen Station geführt, meilenfern von ihrer Ausbildung: sie ist Reisende geworden. Nicht ausdrücklich, nicht etwa auf Grund einer Abmachung: von jetzt ab sind Sie unsre Reisende. Es wurde überhaupt nichts abgemacht. Es ergab sich zwanglos aus den vielfachen Unterredungen mit Doktor Wagenschanz. Mehrere Wochen hindurch führte Rosemarie ein Doppelleben, sie versorgte Peter Schönleins Haus, sie erfreute ihn durch ihren unermüdlichen Eifer am Flügel. Und sobald Peter für einige Stunden das Haus verließ, verreiste oder aufs Gericht mußte, ging sie hinüber in die Wagenschanz-Werke, suchte Schachteln aus und Briefbogen mit untadeligem Druck, sie wählte in den bestellten kunstvollen Entwürfen und prüfte die Angebote der Parfümerien für den „einzig richtigen" Duft, den man der Salbe Erotikon geben könnte. Anton Wagenschanz lachte sie aus. „Was sind das für lächerliche Heimlichkeiten! Zahlt Herr Schönlein Ihnen etwas dafür, daß Sie ihm seine Suppe kochen? Sagen Sie ihm, er soll sich eine Magd nehmen." Sie läßt ihn stehen. „Das kapieren Sie nicht." „Oh! Ich bin gar nicht so schwer von Begriff." Sicherlich hätte er sich auf die Dauer vergeblich bemüht, wäre da nicht dieser taubengraue Verführer, der jetzt in einer eigenen Wellblechgarage eine würdige und geräumige Unterkunft gefunden hat. Eines Nachts arbeitete Anton durch, er experimentiert mit allen möglichen chemischen Artikeln, will ein flüssiges Wachs zum Autoreinigen herausbringen, schon handelt es sich nicht mehr nur um Kosmetika. Am Morgen erstrahlte der Zweisitzer in einem noch nicht gesehenen Glanze, dieser Mann putzte im Morgengrauen herum wie ein Früharbeiter, und als Rosemarie auf der Bildfläche erschien, wurde sie gebeten, mit Anton zum Mittagessen in den Harz zu fahren, irgendwohin, wo es mächtig staubt, sagen wir ins Vodetal. „Aber ich habe doch nicht soviel Zeit." „Hilst nichts, Fräulein Reubold. Ich muß herausbekommen, wie die Politur hält." Sie überlegte, versuchte, ihren Peter zu benachrichtigen, und erwischte ihn endlich im Anwaltszimmer des Landgerichts. „Würdest du mir erlauben, daß ich heute für ein paar Stunden fort bin? „Ich habe dir nichts zu erlauben oder zu verbieten, Rofe- marie, was soll's denn?" „Elli will mir ein Hauskleid schneidern, wir müssen Stoss einkaufen." Peter wunderte sich. „Hat Elli denn keine Arbeit?" Sie zögerte. „Ich glaube, in der Fabrik machten sie Nachtschicht." „Brauchst du Geld?" „N—nein." Er lachte gemütlich. „Also zwanzig Mark dars's kosten." Das war also die erste Lüge. Aber wie sollte man sich auch nur ein wenig aus diesen Bindungen befreien? Das einfachste ist immer sehr schwierig. Sie hätte gleich im Anfang zu ihm gehen sollen: „Du, ich fahre so gern und kann mir hie und da in der Fabrik von Doktor Wagenschanz etwas verdienen, du siehst das doch sicher ein." Die Fahrt ins Bodetal führte sie und Anton kreuz und quer über die höchsten Erhebungen des Harzgebirges, Kampf mit dem Berge und adlerhaftes Hinunterstoßen in die Schluchten. Anton saß neben dem Mädchen und betrachtete voller Ruhe Rosemaries Nase, den schmalen Mund und das aufmerksam vorgestreckte Kinn. Allen Warnungen seiner Mutter zum Trotz, aber auf eine Andeutung Fräulein Ncubolds hin, ließ er sich „schon wieder" einen neuen Anzug bauen, in dem er schlanker erscheint und durchaus nicht mehr banernhaft. Eine unheimliche Macht liegt im Erfolge, irgend etwas glückt, nichts von Wichtigkeit, aber an die Stelle de« früheren Menschen tritt mehr und mehr ein gehäuteter, mit offenem Blick, der nicht mehr schräg unter den schwarzen Lidern hervorkommt. Wie viele aber mögen in dieser Zeit mit hängenden Schultern Herumlaufen, weil ihnen dieser unwichtige kleine Erfolg zum Aufmuntern versagt bleibt. Man kann sagen, daß Anton jetzt vorwärts kommt. Ungefähr so. Seine Einnahmen steigen, aber feine Unkosten und Schulden klettern gleich ins Riesenhafte. Wenn er es aber bis jetzt schaffte, warum soll es nicht glücklich weitergchen? Erst oben im Sattel sitzt man sicher. Aber auf dieser Fahrt in den Harz hatten sie beide etwas voneinander, sie sein Auto und den Genuß seiner veränderten Haltung, er ihre Schönheit. Es kam hinzu, daß Antons Seele noch ein wenig unter der Griinkramtheke stand, jetzt bedeutete es für ihn zwar kein unerhörtes Wagnis mehr, Fräulein Reubold zu einem Ausflug einzuladen, aber dabei blieb es auch, er ging zu keinem selbstbewußten Angriff über, keine Andeutung davon, darum fühlte man seine Gegenwart angenehm kühl, aber auch ohne Hochmut. Im Stillen dachte Rosemarie, daß kaum je ein Mann einer Frau solche unerregte Gemeinsamkeit zu bereiten versteht, fischblütige Engländer vielleicht, aber wir sind ein zu hitziges Volk. Es fügte sich abermals, daß die Seele der Klavierstimmerin Rosemarie Reubold sichtlich abstirbt, an diesem Tage wenigstens geschah es so, die Welt eröffnete sich mit leuchtenden Sommer- farben und mit einer gänzlich unbegrenzten Weite,' am Ende jener riesigen Ebene, auf die sie vom Brocken herunterblickten, rollt das Meer hinter dem braunen Luftwulst, man konnte es natürlich von hier aus nicht sehen, aber Schiffe schweben darauf, und man konnte sich unbegreiflicherweise wieder vorstellen, daß man sich vielleicht einmal eine Schiffskarte für große Fahrt lösen werde. Nichts von Bedeutung ereignete sich an diesem Tage, es sei denn, daß Elli sich am Abend beschwerte, als die Lampen in der Mansarde schon lange ansgelöscht war. „Ihr hättet mich übrigens mitnehmen können." „Ich glaube, Elli, Doktor Wagenschanz faßt diese Fahrt als Aröeit auf." „Genau so", klang es bissig aus dem Bett an der andern Wand. Gewiß, Elli besitzt nicht die anerzogcnen Eigenschaften ihrer Freundin, aber bis vor einigen Wochen war sie die erste in der Fabrik, für alles sorgend und an alles denkend und an allem beteiligt, Rosemarie dagegen drückte sich verzweifelt und arbeitslos irgendwo herum und tat die geringsten Dienste, nur um nicht so das Gefühl der Ueberflüsstgkeit zu haben. Aber es machte sehr bald den Eindruck, diese Besuche in der neuen Fabrik würden zu einer planvollen Beschäftigung führen. „Das Mädchen redet wie ein Buch", schwärmte der Kandidat, „vielmehr, es redet wie ein Inserat. Mir hat sie schon ein paar gute Stichworte geliefert." Anton meinte bedächtiger: „Wir können sie vielleicht brauchen, aber jedenfalls nur in geregelter Arbeit und nicht bloß, wenn Herr Rechtsanwalt Schönlein gelegentlich nicht Hinsicht. Den Rest besorgte der Taubengraue. Nun durchquert Rosemarie in sicherer Fahrt die Städte und saust über die Hügel des gesegneten Landes, in allem Sommerglanz und unter den vom Regen herabgerissenen grauen Augustwolken. Abgeerntete Stoppelfelder harren des Pfluges, Schlösser verbergen sich auf Waldkuppen, und im Westen lagert eine Nauch- maffe über dem Ruhrgebiet, an dessen Rande die uralten Städte mit gotischen Häusern und Domen ruhen. Sie fährt am frühen Morgen davon und sucht die Händler nach einem Verzeichnis auf, das Doktor Wagenschanz ihr gab, von Tür zu Tür, weiter, alles muß sehr schnell gehen, wir haben keine Zeit, Geschäftslady, die wir neuerdings sind, wir müssen fahren und viel Geld verdienen. Und wenn sie sehr lustig ist auf dieser einsamen Reise, so pfeift sie sich das lustige Allegro-Thema aus Mozarts „Kleiner Nachtmusik". Am Abend sucht Rosemarie eine Garage auf, zieht einen blauen Monteurkittel an und putzt ihren Wagen mit dem neuen Mittel von Doktor Wagenschanz, boshaft stehen hochherrschaftliche Chauffeure im Kreise hemm und ärgern sich über dies forsche Fräulein, das ohne männliche Hilfe mit allem fertig wird, aber sie entschließen sich doch, den Wagen und die Karosserie zu bewundern, sie leihen sich Rosemaries Wachssprihe aus und probieren an ihren eigenen Fahrzeugen damit. „Das geht ja großartig, Fräulein. Sagen Sie mal, wo gibt's denn das?" „Bei mir", erwidert sie, und von den Erstaunten notiert sie Bestellungen auf Probekauister und nimmt je eine Mark Anzahlung entgegen, als ob sie so etwas von jeher gewohnt fei. Im Hotelzimmer allerdings rechnet sie mit bedeutender Spannung zusammen, wieviel sie heute verdient hat, und zieht erstaunt ein Schnäuzchen, weil alles sich aus so ganz kleinen Beträgen zn- sarnmensetzt. Es bleibt immerhin ein Erfolg, so fürs erstemal. Sie liegt in einem einfachen Bett und fühlt sich seit langem wieder glücklich, vielleicht war sie zu sehr dem wirklichen Leben ferngeblieben, in das sie jetzt mit verhängten Zügeln aufholt. An diesem einfachen Bett spielen heute keine Engel auf Geigensaiten, ein traumloser Schlaf versiegelt augenblicklich die Lider. Früh heraus und auf Tour. Und je mehr sie's in den Griff bekommt, wie man mit den Händlern zu reden hat, je bester sie die verschiedenen Arten unter ihnen kennenlernt, eine moderne Zoologin — die Schwerfälligen, die Geizigen, die Smarten, die Höflichen, die Verbitterten, die Spießer und die eiligen Geschäftsleute, jene, die erst endlos daherreben, und die Knrzange- bnndenen — desto mehr versteift sich^Rofemarie auf die Wagenschanz-Erzeugnisse, als feien sie der Sinn der Welt. (Fortsetzung folgt.) 'verantwortlich: Dr. Hans Thyriol. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerf itäts-Duch« und Steindruckerei, L. Lange, Gießen.