GiehenerZamilieMätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (935 Freitag, den ((.August Nummer 6( Einkehr. Von Ludwig Uhland. Bei einem Wirte wundermild, Da war ich jüngst zu Gaste; Ein goldner Apfel war sein Schild An einem langen Aste. Cs war der gute Apfelbaum, Bei dem ich eingekehret, Mit süßer Kost und frischem Schaum Hat er mich wohl genähret. Es kamen in sein grünes Haus Viel leichtbeschwingte Gäste; Sie sprangen frei und hielten Schmaus Und sangen auf dos Beste. Ich fand ein Bett zu süßer Ruh Auf weichen, grünen Matten; Der Wirt, er deckte selbst mich zu Mit seinem kühlen Schatten. Nun fragt ich nach der Schuldigkeit, Da schüttelt er den Wipsel. Gesegnet sei er allezeit Von der Wurzel bis zum Gipfell Sinn und Heiligkeit des Volkstums. Von Josef Magnus Wehner. In unseren Tagen, in denen so viel die Rede ist von Blut und Boden und den Kräften des Volkstums, ist es nötig, einmal in die Tiefe hinunterzusteigen, dorthin, wo die ersten, feinsten und untersten Wurzeln der «Erscheinung sich zum Wachstum zusammenslechten. Wenn wir von Volkstum reden, dann denken wir gewöhnlich nur on die äußeren Erscheinungsformen, die diesem Worte entquellen. Wir denken vielleicht an farbige Trachten, Volksmoden längst vergangener Zeiten, an alte Reigen und Tänze, an derbe Schwänke in der Art des Hans Sachs oder des Till Eulenspiegel, an Sagen und Märchen, an einfache, der Landschaft angeschmiegte Bauformen, an scherzhafte, urkräftige Redewendungen — kurz an alles, was man mit dem Eigenschaftswort „volkstümlich" umschreiben könnte. Die Pflege des Volkstums müßte sich dann notwendigerweise auf die Pflege aller dieser Dinge erstrecken, und so sehen wir denn auch in der Hauptsache eine Flut von Vereinen in ganz Deutschland damit beschäf- .tigt, Trachten und alte Spiele, Bräuche und Sitten zu erhalten und zu Pflegen. Wir brauchen uns aber nur zu fragen, welchem Zwecke solche Pflege Dient, um sofort tiefer in den Sinn des Wortes Volkstum einzudringen. Solche Bestrebungen dienen nämlich nicht nur der Zerstreuung oder *er Ausfüllung der Langeweile, sie entspringen einem sehr tiefen und Alen Völkern gemeinsamen Triebe' dem innersten Willen, sich immer ®ieber mit den Urkräften des Volkes zu vermählen, aus denen jede Ge- toltung und insbesondere die Gestalten der hohen Kultur schöpferisch »eigen. Volkstum — das ist das Schöpfungsland, das find die ersten Tage ines jeden Volkes, Volkstum, das ist der ewig gegenwärtige mythische Buftonb, der, obwohl scheinbar seit Jahrtausenden und vor aller Geschichte Ergangen, sich dennoch immer wieder in veränderter Gestalt durch die Erscheinung des Tages hindurchdrängt und uns mit neuer Kraft begabt. Wenn wir etwa recht innig die Gestalten der Bauernschauspiele in den custchen Dörfern betrachten, ist es dann nicht, als grüßten uns aus den i endigen, geformten und ausdrucksvollen Gesichtern dieser unverdorbe- j en Spiele die Antlitze längst vergangener Landsknechte, Könige und Filter? Diese Gesichter könnten wahrhaft ebenso zur Römerzeit gelebt I 'Oben wie im neunten ober dreizehnten ober siebzehnten Jahrhundert. 3as sind die Gesichter derer, die unsere Geschichte gemacht haben, aus solch | 'peelten Formen könnte jeden Tag eine neue deutsche Geschichte geformt »erben, falls der Weltgeist sich ihrer bedienen wollte. Aus solchen Gesich- ssirn blickt uns eben der unzerstörbare und ewige Charakter, das Wesens- uld unseres Volkes, an. Das eben ist der tiefe Sinn des Volkstums, daß es der Aufbewah- j 'ungsort für die Urformen unserer Entwicklung ist. Im Volkstum schlummern die Keime der deutschen Geschlechter, der deutschen Einrichtungen wie Recht, Sitte, Brauchtum, Sprache, Gebärde, ja alle Möglichkeiten der Kunst, alle staatlichen und gesellschaftlichen Bildungen bis an den unter» gehenden Horizont unserer fernsten Zukunft. Das Kennzeichen jedes Volkstums ist eine tiefe, geheimnisvolle, farbige Lebendigkeit. Alle Gebilde, in denen noch die ursprüngliche Kraft des Volkstums wohnt, find dem ganzen Volk verständlich und zugänglich wie etwa bas Volkslied und jene Gebilde der Kunst, die noch nicht durch die Uebermächtigkeit des Intellekts verdorben oder versteinert sind. Auch in den höchsten Gebilden des menschlichen Geistes rollt noch jenes rätselhaft mütterliche Blut, das der Tiefe des Volkstums entquillt, das allein Unsterblichkeit verleiht, die weder durch die höchstausgebildete Form noch durch Ueberladenheit mit Geist verbürgt werden kann. Das Volkstum, recht verstanden, ist das Allerheiligste unseres Volkes. In ihm wohnt das Eigene. Eigen und heilig aber waren dem Germanen dieselben Begriffe. Wenden wir uns nun, um unsere Einsicht zu erweitern, der Entstehungszeit des Wortes Volkstum zu. Es wurde geprägt gegen das Ende des napoleonischen Zeitalters. Damals versuchte der gewaltig« Kaiser der Franzosen mit der von ihm geschaffenen Zivilisation, die seitdem die westliche heißt, Europa und die Welt zu überfluten. Diese Zivilisation, auf der französischen Ausklärung aufgebaut, war nicht nur der Feind jeder Religion, sie bedrohte auch durch Rationalisierung und Mechanisierung bas Leben selber an seiner Wurzel. Die napoleonische Zivilisation hat der Industrialisierung und der ganzen technischen Zivilisation unseres Zeitalters vorgearbeitet, die schließlich in den Materialschlachten des Weltkrieges ihren Höhepunkt fanden. Durch diese Zivilisation wurde, um ein Wort von Novalis zu gebrauchen, der heilige Sinn der Welt zerstört. Es waren damals wie heute die Deutschen, die Europa vor der napoleonischen Entseelung und Technisierung gerettet haben. Gerade aus den Tiefen des Volkstums heraus empörten sich die Kräfte aller noch ursprünglichen Volker gegen den Westen. Turnvater Jahn mar es, der das Wort Volkstum zum ersten Male prägte. Von ihm hat es feinen unverlierbaren Sinn erhalten. Es bedeutet seitdem den heiligen Widerspruch der organischen gegen die mechanischen Kräfte, der Kultur gegen die Zivilisation. Auch heute, in den Tagen des Ringens um den organischen Staat, bewährt das Bolkstum wieder feine Sendung. Cs ist in den Gestalten unserer großen volkstümlichen Führer Fleisch geworden. Es offenbart sich in hundert Einzelzügen, aus denen uns das Urantlitz unseres Volkes grüßt. Ueberall werden volkstümliche, lebendige Stücke gespielt; in fast allen deutschen Wäldern wachsen Freilichtbühnen aus dem Boden; Reigen, Tänze, Lieder werden erneuert; die Dichter des Volkes bringen langsam in bie Schulen unb in bie Stuben wieder ein, alle festgefahrenen und scheintoten Kräfte des Volkstums sind in Bewegung gekommen und es entsteht der Anblick einer großen Vermählung von oben und unten. In aller Freude aber dürfen wir eines nicht Übersehen. Das Volkstum bleibt ewig an den Boden, an die lebendig atmende und wachsende Erde gebunden. Es stirbt, sobald sich über diese Erde eine Steinschicht (egt. Das ist in den Städten der Fall. Sa muß das oberste Ziel einer bewußten Volkstumspsleg« sein: der lebendige Austausch der Kräfte von Stadt und Land. Es müssen Mittel und Wege gefunden werden, die Jugend der Städte so oft und so eindringlich wie nur möglich auf das Land hinaus zu führen, damit sie sich dort mit den Urkräften unseres Volkes berühre. Erfreulicherweise denkt das preußische Kultusministerium daran, sämtliche Junglehrer auf das Land zu schicken, damit sie sich dort mit den unverdorbenen Erscheinungen unseres Volkstums vollsaugen und sie der Stadt vermitteln können. Auch bie großen Aufzüge der Arbeitermassen, die Aufmärsche unserer nationalen Verbände sollen, soweit es möglich ist, in volkstümlichen Formen vor sich gehen und sei es nur, baß sie sinnfällige Abzeichen mit sich führen. Versammlungen politischen und beratenden Charakters sollten die bisherige bürokratische Fornozerbrechen und sich in den freien phantasievollen Formen des Volkstums bewegen. Die höchste und heiligste Forderung aber ist die Pflege der K u n st. Wie erst die Kunst, sei es nun die dichtende, bildende oder staatsformende Kunst, erst die Kräfte des Volkstums gestaltet und damit in das Leben hineinführt, so bedeutet Pflege der Kunst die höchste Steigerung des Volkstums. Durch bie Kunst wirb bas Volkstum weltgültig, bamit aber wird die Pflege des Volkstums sowohl wie die Pflege der Kunst zu einem politischen Mittel und zu einer politischen Pflicht ersten Ranges. Das Volkstum ist die Vorform der Kultur. Was der durch bie napoleonische Zivilisation morsch, brüchig und alt geworbenen Welt vor allem not tut, ist ein« neue, blutvolle Lebensgemeinschaft. Die Lebensgemeinschaft wirb es verhinbern, baß bie Welt enbgültig in den leisten Zustand ihres Daseins, den Zustand der technischen Zivilisation, eintritt. Die deutsche Revolution wird diese Lebensgemeinschaft schaffen. Das ist, wie Millionen glauben, ihre tiefste, ihre völkische Sendung. Wie die „Dicke Berta" den Engländern verraten wurde. Son * * * Die Bedeutung des militärischen Nachrichtendienstes im Krieg und im Frieden ist im allgemeinen nicht so bekannt, wie dies im eigenen Interesse notwendig wäre. Er spielt sich naturgemäß im Geheimen ab, kann aber in seiner Auswirkung ausschlaggebend für die Entschlüsse der betreffenden Heeresleitung werden. Erst der Weltkrieg hat den Nachrichtendienst, namentlich in Verbindung mit der Propagandatätigkeit, d. h. mit der zersetzenden Beeinflussung der Front und der Heimat durch die Feinde, zu einer bis dahin ungeahnten Bedeutung gebracht. Der deutsche Nachrichtendienst nach dem Kriege 1870/71 war vollkommen bedeutungslos. Wir hatten die sran- zofische Armee, ihre Ausbildung und Einrichtungen während dieses Krieges so genau kennengelernt, daß wir nach der Seite Frankreichs keinen Nachrichtendienst benötigten. Das Verhältnis zu England nötigte uns auch nicht zum Ausbau eines Nachrichtendienstes, und unser Verhältnis zu Rußland war so freundlich, daß auch nach dieser Seite ein Nachrichtendienst nicht nötig war. Erst die veränderte politische Lage von 1904 ab zwang uns dazu, diesem wichtigen Dienst unsere erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken. Schon damals begannen sich langsam die Fronten abzuzeichnen, mit denen wir in einem Zukunftskrieg zu rechnen haben würden. Eine immer mehr zunehmende Tätigkeit des russischen und französischen Nachrichtendienstes machte sich bemerkbar, immer deutlicher trat die gemeinsame Tätigkeit des russischen und französischen Generalstabs zutage. Während der englische Nachrichtendienst sich anfänglich mehr auf wirtschaftliche Fragen erstreckte, konnte man auch von dieser Seite ein zunehmendes Interesse für unsere Marine seststellen. Sowohl unseren Militärattaches, wie unseren Auslandsvertretungen war eine Tätigkeit auf dem Gebiete der Spionage verboten, unsere Gegner kannten diese Hemmungen nicht. Ihnen standen auch ganz andere Mittel zur Verfügung, denn mit 500 000 Mark, die bei uns ausgeworfen waren, ließ sich nicht allzu viel anfangen. Neben der größeren Skrupellosigkeit unserer Feinde und den ungeheuren Geldsummen standen ihnen aber andere Momente zur Verfügung, die den Nachrichtendienst erleichterten. Geographisch betrachtet hatten Frankreich, Rußland und England den Rücken frei, während wir auf allen Seiten offene Grenzen hatten, die ein konzentrisches Vorgehen ermöglichten, eine eiserne, rücksichtslose Energie, gestützt auf eine zielbewußte Staatsleitung, eine in vaterländischen Dingen gutdisziplinierte Tagespresse, zahlreiche Pressestützpunkte im Ausland, ein großes eigenes Kabelnetz und — namentlich in England und Frankreich — ein in politischen Fragen besser erzogenes Volk standen unseren Gegnern zur Verfügung. Trotz der geringen Mittel, trotz des mangelhaften Ausbaues unseres Nachrichtendienstes und trotz der Mängel, die uns in solchen Dingen anhasteten, hat unser Nachrichtendienst Ausgezeichnetes geleistet. Es mag hier nur erwähnt sein, daß uns sowohl der französische als auch der russische Aufmarsch und die Operationspläne dieser beiden Staaten bei Krfegsbeginn genau bekannt waren, während dies umgekehrt in dem gleichen Maße nicht der Fall war. In den letzten Jahren ist nun über Nachrichtendienst und Spionage eine. Fülle von Material an die Oeffentlichkeit gedrungen. In Büchern, Zeitschriften und im Film sind dem staunenden Publikum Dinge enthüllt worden, von denen es bis dahin keine Ahnung hatte. Daß diese Darstellungen oft romanhaft aufgezogen, übertrieben und unwahr waren, liegt in der Natur der Materie, denn auf keinem Gebiet sind Abenteurerlust, Verschlagenheit, Gerissenheit, Gemeinheit, aber auch Mut, Heldentum, Geistesgegenwart, Menschenkenntnis und technisches Verständnis so vereinigt, wie aus dem Gebiet des Nachrichtendienstes und der Spionage. Neuerdings ist nun im Verlag von Wilhelm Goldmann in Leipzig das Buch eines Engländers Bywater, „Englische Marinespionage", erschienen, das uns einen tiefen Blick in die Tätigkeit des englischen Nachrichtendienstes tun läßt, und, wenn auch manches vom englischen Standpunkt falsch gezeichnet und übertrieben ist, so ist für uns das Buch doch außerordentlich lehrreich um deswillen, weil wir erkennen, wie unverantwortlich leichtsinnig viele unserer Volksgenossen im Frieden und im Kriege gehandelt haben, wie sie aus Dummheit, mangelnder lieber« legung, Renommisterei, sinnlos und ohne jedes Derantwortlichkeits- gefiih! und, ohne es zu wissen, Verräter am Vaterland geworden sind. Man könnte hier aus eigener Kriegserfahrung manche Dinge berichten, die den Beweis für diese Behauptung erbringen würden. Aus der Fülle dessen, was Bywater in seinem Buche bringt, soll nur ein Ausschnitt wiedergegeben werden, weil er als typisch angesehen werden kann, nämlich wie unser 42-Zentimeter-Geschlltz, die „Dicke Berta", an die Engländer verraten wurde. Bekannlich hielt man die Forts von Lüttich und Namur mit ihren massiven Eistnbetonwällen und -Decken für uneinnehmbar, da nach fachmännischem Urteil die damals bekannten schwersten Geschütze außerstande waren, sie zu durchschlagen. Wie staunte aber damals die Welt, als unsere 42 Zentimeter-Geschütze diese gewaltigen Verteidigungsanlagen in Trümmer legten! Außer dem Kriegsministerium, dem Generalstab und den wenigen Ossizieren und Technikern hatte bisher niemand Kenntnis von diesen gewaltigen Geschützen. So meinte man damals. Daß aber das Vorhandensein dieser Geschütze den Engländern und sicher auch den Franzosen und Belgiern schon 12 Monate vor deren Tätigkeit bekannt war, ahnte damals niemand. Man mar nur wegen der Kürze der Zeit nicht mehr in der Lage, die Forts in Lüttich und Namur zeitgemäß umzubauen. „Es blieb deshalb nichts übrig", so schreibt Bywater, „als auf die Katastrophe zu wartey, die ja auch bald genug hereinbrach." Bywater schildert nun aussübrlich, wie nach dem Bekanntwerden der neuerbauten Forts in Lüttich, Namur, Verdun, Toul und Belfort der deutsche Generalstab den Auftrag erhielt, ein Geschütz zu bauen, das in E einet ihr 5et bas Transport- Wenn man diese Schilderung lieft, steigt einem heute noch die Schamröte ins Gesicht, daß es möglich war, einen solchen Verrat zu begehen. Man könnte aus dem Buche dieses Engländers, der natürlich viele Dinge durch die englische Brille betrachtet, der aber nichtsdestoweniger den Leistungen unserer deutschen Flotte im Kriege volle Anerkennung zuteil werden läßt, noch eine Fülle ähnlicher Beispiele anführen. Das eine möge genügen und uns zur Lehre dienen, nämlich, daß wir Ausländern gegenüber, und wenn sie uns noch so gut empfohlen sind, m unseren Aeußerungen größte Vorsicht walten lassen. Wir sollten endlich lernen, Fremden keine Einblicke mehr aus technischem, militärischem und wirtschaftlichem Gebiet zu gestatten. Der Krieg und die Nachkriegszeit haben durch Beispiele in Hülle und Fülle gezeigt, welchen Schaden wir durch sinnlose Schwatzhaftigkeit und verbrecherische Einstellung anrichten können. Man sollte dieses Buch von Bywater jedem Deutschen in die Hand geben, daß er daraus lerne, seine Zunge im Zaum zu hallen, und man sollte jedem Schwätzer, der Dinge auspiaudert, über die m 'n im pater ländischen Interesse schweigen sollte, wie der Artillerieoberst hier in Hannover getan hat, zurusen: „Achtung!" Die al ‘»ntraftie * bem ■Isbt'en *t eii de» Ptatte N, toi Hart > h: '«tit Ülgl unb nm Den scheint 5 äne Mia' Kbe> Ä Men t®efi K «et | Ne Nu >r V {H,( Bi Se i der Lage sei, auch die stärksten Gifenfreton« und Panzerplatten dieser Forts zu zertrümmern und wie Krupp auf Grund von Zeichnungen und Berechnungen von Professor Rauschenberger (des Sohnes eines Frankfurters) bis zum Jahre 1912 vier neue 42-Zentimeter-Geschutze ertigfteUte, die in einem besonderen Bau in Essen untergebracht waren und Tag und Nacht auf das schärfste bewacht wurden. Die Granaten dieser Geschütze wogen 900 Kilogramm, also 18 Zentner, sie wurden in ungeheure Höhen geschleudert, und ihre Wirkung stellte alles bisher Dagewesene in den Schatten. Von ihrer moralischen Wirkung sott hier gar nicht geredet werden. Jedes Geschütz mußte durch vier Traktoren fortberoegt werden, wobei der Mörser auseinandergenommen werden mußte. „Das eine Fahrzeug hatte das Geschützrohr geladen, das zweite die Lafette, das dritte einen Kran, mit dem die Munition beim Laden zum Geschütz gehoben wurde, und das vierte beförderte die Mannschaft." i Es ist wohl kaum bekannt geworden, daß im Jahre 1908 die ersten Transportversuche zwischen Northeim und Eatlenburg am Südharz vor- ; genommen wurden. Man wollte durch praktische Versuche feststellen, ob und wie ein so schweres Geschütz mit Munition auch in schwierigem Ge- ti länbe befördert und in kurzer Zeit verwendungsfähig aufgebaut werden | könnte. Die Versuche, die damals unter Leitung eines Majors aus Metz standen, sind zur vollen Zufriedenheit ausgefallen. Daß diese schweren । Geschütze nur eine geringe Zeit an der Front Verwendung sanden, soll hier nicht weiter erörtert werden. Nun schildert Brown, wie sich der englische Agent des Nachrichten- 1 bienftes nennt, wie er in Hannover von Freunden, darunter einem Re- t serveoffizier, den er Schulz nennt, zu einem „Bierabend" emgelnben | wirb, wie er biefe Einlabung mit Freuben annimmt, wie er freundschaft- ; llch unb kameradschaftlich ausgenommen wird und sich nach dem ein- . fachen Essen an dem gemütlichen Teil durch Vortrag deutscher Volkslieder beteiligte. Er findet begeisterten Beifall, man fordert ihn zu Zugaben auf: „Die Begeisterung seines Vortrags ist echt, denn Musik und Dichtkunst sollten keine Grenzen kennen, und die deutschen Kriegslleber gehören zu den besten, die existieren." Die Freundschaftskundgebungen waren echt unb herzlich. Im Gespräch kam man auch aus ben kommenden Krieg, „denn 1913 hingen schon schwere Gewitterwolken am Himmel Europas." Man beteiligte sich allgemein an diesem Gespräch, besprach die Aussichten eines Krieges nach zwei Fronten, erörterte die Frage, daß man erst Frankreich niederringen müsse, um dann den Russen entgegenzutreten unb rotes barauf hin, daß man erst die großen Grenzfestungen in der Hand haben müsse um in Frankreich einmarschieren zu können. Man war der Auffassung, baß unsere 30-Zentimeter-Haubitzen den Widerstanb dieser Festungen nicht zu brechen vermöchten. „Ach, auf die verlassen wir uns doch auch nicht", sagte der Major, „mein Bruder, der im Kriegsm,niste- rium ist, hat mir neulich etwas erzählt, was unseren Nachbarn jenseits der Grenze einen heillosen Schrecken einjagen würde, wenn sie davon horten. Wir haben nämlich viel schwerere Kaliber als 30-Zenti- meter-Geschütze. Ich sage Ihnen, so schwer, daß man es kaum glauben kann. Natürlich ganz im Vertrauen, sie stehen in Essen bereit. Die Geschosse sind kolossal, sie wiegen —" „Der Major beendete den Satz nicht, denn der Artillerieoberst, der sich mit seinem Freunde unterhalten hatte, horte gerade, was unten am Tische gesprochen wurde, schlug plötzlich auf die Tischplatte und rief „Achtung!" „Ein peinliches Schweigen folgte, und der Major wurde rot bis über die Ohren. Der Oberst erhob sich, winkte dem Major, unb ich hörte noch, wie biefer sagte: ,Zu Befehl, Herr Oberst.' Dann zogen sich die beiden in eine Ecke des Zimmers zurück. Es war ganz klar, daß der Infanterist eine Lektion erhielt, weil er zu offen und frei über Berufsgeheimnisse gesprochen hatte." ... „Zwei Tage später führten die Geschäfte Mr. Brown nach Wiesbaden. Wenigstens erzählte er das seinen hannoverschen Freunden. Offenbar geriet er aber in den falschen Zug, fcenn am selben Abend befand er sich in Düsseldorf. Diese hübsche Stadt liegt in nicht allzu großer Entfernung von Essen." Mich ■N g->- ■ siir um M äugen g>- jiliinien v ■ BzWißer Webe». - Minen [i i=t hier 1 h( nissisc Ifiort ,,ü' stülhe so T-s-hk! Piomze Infinit, n »»weis «derschwei Ilses uni m die Z> flohen m ichchewif -mit Kreid einig Bi ,iier beim mertt zu «ulalist hmdelsni tilfur de iiif mode Samelfar stchn... Wie d ■Ofiens, hi ' Wes € ^ergebt itbensarl M) such ins der ? :ij) auf! mnalte o tot, die Aus ! Iwopäijd; !. Witlid chinen. l * $ Ruhe ■Wien I «präge ! mb des ' ■H und Was Mr. Brown dort unternahm, berichtet er allerdings nicht, er erwähnt nur, daß er die meiste Zeit in Essen zubrachie. Dann schildert er eingehend, wie er am fünften Tage in Roermond mit einem Deutfckien „Friedrich Mütter" aus Essen, der zwanzig Jahre als Monteur in Essen tätig geroefen sei unb mit seinem richtigen Namen Otto Behnke geheißen habe, zusammengekommen fei, ber ihm gegen eine nahmhaste Vergütung die vollkommene Beschreibung der deutschen 42-Zentimeter- ss Mörser einschließlich der Lafetten und Munition und der Transport mäglichkeiten ausgeliefert habe. wurzeln noch sehr tief im Volke. Die Vielweiberei steht bei den Usbeken noch immer in hoher Blute. Doch dos romantische Wort „Harem" wäre hier durchaus nicht am Platze. Zer ..Harem" des Usbeken ist nichts anderes als einfach — seine Familie, die nur die Besonderheit aufweist, daß sie aus mehreren grauen »esteht. Sonst könnte dem Fremden daran nichts Ungewöhnliches auisal- 8 MN 1913 Dian be- en eines rantreid) nb wies lid habe» der Auf d diesei wir uns sminifte- Rattjbarn wenn sie M-Zenti- glanbei Die ®f! ie 6$® rli-h <* tfouxtf fe ’ dieser I !en uni I s eines ! ^Ichittze j waren i kannten '■ wurden ' bisher oil hier caftoten werden > Zweite ' Laden nschast.'. = ersten irj normen, ob jetn Ge- werden us Meh schweren den, soll hrichien- lem Re- ngeladen ndschasi- [ lern ein-1 r (Bolts. zu Zu- ujit und egslieder jebungen I »erst, del inten <® rief ,M bis übet orte n4 beiden it terift eine |c geipif ,ch »f» jreunh«1 übend de zu gr«i« ms * nlE De#’ ■ in ff hnkcf JaljtnW' entin* IransF Taschkent, das moderne Märchenland. Von unserem O. M.^SBeridjterftatter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Taschkent, im Sommer 1933. Im schnellen Tempo durchquert der Moskau-Taschkent-Expreß die unendlich scheinende Transkaspische Wüste. Wohin das Auge blickt, weit und breit, kein Baum, kein Strauch, kein menschliches Wesen. Man fühlt sich zuerst gelangweilt und ist schließlich doch von dem sonderbaren Zauber dieser unendlich weiten Landschaft entzückt. Zart liebkost und umschmeichelt sie das umherirrende, müde Auge, und behutsam schläfert sie ein Doch plötzlich wird die Luft leichter, saftiger, aromatischer, und vor den Augen gleiten kleine Häuser, üppige Gärten mit hübschen Bäumen und Blumen vorbei. Wir nähern uns Taschkent, dem russischen Bagdad. In unzähligen Reihen, auf viereckigen Rahmen, wachsen herrliche Weintrauben. Die Gärten sind von den vielen Bäumen stark beschattet und tg feit, die sie Tee nennen. Auf den Handelsplätzen der neuen Stadt findet man viele westeuropäische Produkte, auch sehr viele deutsche Waren und vor allem viel neuzeitliche Erzeugnisse der Technik, die hier besonders beliebt zu sein scheinen Unter den Händlern sieht man nur wenig Russen. Meistens sind es Einheimische, die in philosophischer Beschaulichkeit hinter ihren voll- Ibepackten Stäben sitzen und dem Markte ein würdiges und malerisches Gepräge verleihen. Die alte Stadt ist bedeutend weniger belebt. Bei Tage und des Nachts sieht sie so schläfrig, fast verlassen aus. Die Straßen sind eng und schlecht; auf jedem Schritt stolpert man auf winzige Kanälchen, mit einer dunklen, stinkenden Flüssigkeit. Dieser Kanalisation verdankt aber das von endlosen Wüsten umgebene Taschkent sein blühendes Aussehen, seine fruchtbaren Gärten und überhaupt seine Existenz - - - Die alten Usbeken sind nicht unschön; die schneeweißen, langen Barte kontrastieren effektvoll mit dem Tiefbraun ihrer charakteristischen Gesichter und dem etwas unheimlichen Glanze ihrer schwarzen Augen. Die jungen Usbeken dagegen sehen selten gut aus. Unter allen mohammedanischen Völkerschaften dieser Gegend (Tataren, Usbeken, Kirgisen und Persern) ündet eine dauernde Rassemischung statt. Doch trotzdem kann man ganz deutlich zwei vorherrschende Typen feststellen. Der eine Typ erinnert an den kirgisischem schmale Schlitzaugen, hervorstehende Backenknochen, Lplatte Nase und gelbe Gesichtsfarbe; unzweideutig erkennt man an ihm den starken Zusatz mongolischen Blutes. Der zweite Typ ist der persische; wenig hervorstehende Backenknochen, edle regelmäßige Gesichtszuge, gerade Nase; die Augen sind breit und ausdrucksvoll, die Hautfarbe dunkel und nur von geringer gelber Beimischung. Den denkbar ungünstigsten Eindruck machen die Usbeken-izrauen: unscheinbare Gestalten, deren Form man kaum feststellen kann. Mit willen, ängstlichen Bewegungen und dicht verschleierten Gesichtern huschen iie eilig über die Straßen; der schwarze Schleier wirkt entstellend und verleiht dem Antlitz der Frau etwas Maskenhaftes, Riisselartiges. Durch !>as schnelle Gehen oder durch die Launen des Windes verschiebt sich oftmals der Schleier, und man hat Gelegenheit, das Gesicht zu sehen, dessen Anblick sich indessen nur selten lohnt. Meistens häßliche, früh gealterte Frauen, die sich im übrigen auch ionst vor 'Ausländern sehr wenig geme- ren und nur. wenn ein Einheimischer vorbeikommt, beschämt und behend hr Gesicht wieder mit dem törichten Schleier bedecken. Nur die an Zahl '«hr geringen Kommunistinnen unter den Usbeken-Frauen geben auf der ■ötraije mit unverhülltem Antlitz. Hin und wieder veranstalten sie auch 1 inen Demonstrationszug. um die alte Kleidung lächerlich zu machen. Aber Ilies alles hilft nur wenig, denn die patriarchalischen Sitten ihrer Vater rasen ... Wie die meisten von europäischen Zivilisation berührten Städte des Ostens, hat auch Taschkent ein altes, einheimisches und ein neues, europäisches Stadtviertel. Doch auch in der „neuen Stadt" treten die malerisch althergebrachten Sitten und Gebräuche dieses Landes vor europäischer Lebensart nicht ganz zurück. Kleine unsaubere Teebuden „Tschaichane", .sinb auch hier in großer Zahl zu finden. Vor diesen Tschaichanen, direkt auf der Straße, sitzen auf viereckigen, niedrigen Schemeln ober auch einfach auf bem Boden, die Beine unter sich gekreuzt, die Usbeken, in buntbemalte ober gestreifte Chalats gehüllt, unb trinken eine braune Flüssig- scheinen finster, geheimnisvoll, wie bie strengen, exotisch-schönen Gesichter der hier ansässigen Menschen. Meistens sind es Usbeken, ober wie sie die russischen Eroberer einst nannten — Sorten. Heute bedeutet das Wort „Sorte" eine Beleidigung. Denn „Sorte" heißt in der Landessprache so viel wie Hund, belehrte mich ein einheimischer Reisebegleiter. Taschkent ist eine blühende Oase mitten in der Wüste und ein Zivi- lisationszentrum inmitten orientalischer Oede. Der Durst nach moderner Technik, nach Lichtreklame und schreienden Kinoklakaten übertrumpft hier stellenweise selbst eine große russische Stadt. Dichte Menschenmengen überschwemmen die Straßen und ergießen sich in die Vergnügungsparks, (Safes und Kinos. Wenig Kleinstädtisches gibt es hier und wenig — was an die Zugehörigkeit zu Rußland erinnern würde. Auf den öffentlichen Plätzen nur stößt man unvermutet auf große schwarze Tafeln, die von den bolschewistischen Behörden dort aufgestellt worden sind, und auf denen mit Kreide hingemalte Verordnungen prangen. Doch diese Tafeln finden wenig Beachtung. Offenbar versteht es die Sowjetregierung nicht, sich hier bemerkbar zu machen, ober — vielleicht versteht sie es, hier unbemerkt zu bleiben. Die ganze Stabt ist ein Gemisch zwischen einem bunten ; orientalisch-exotischen Basar unb einer nervösen, großen, westeuropäischen Handelsniederlassung. Es berühren sich hier die Jahrhundertei die alte Kultur der Epoche Tamerlans, die Welt aus „1001 Nacht", flößt kraß I-auf moderne Errungenschaften; neben einer von weit her kommenden Kamelkarawane sieht man die Straßenbahn und den Omnibus durch- len und nichts Romantisches seine Gedanken betören. Alles scheint sehr nüchtern und alltäglich, und so ist es auch in Wirklichkeit. Selbst die „Haremsbramen" finb bar jeder Romantik. Denn falls diese Frauen sich gelegentlich untereinander verfeinden, so geschieht das durchaus nicht aus Eifersucht oder Furcht, bem Manne nicht mehr zu gefallen und zugunsten einer anderen von ihm vernachlässigt zu werden. Die Zwistigkeiten des Harems drehen sich ausschließlich um häusliche und wirtschaftliche Dinge: schlechte Zubereitung des Essens, unforgfältige Säuberung der Wäsche usw. sind meistens die Gründe dieser Auseinandersetzungen. Und gewöhnlich ist es auch die jüngere Frau, die auf die ältere eifersüchtig ist und nicht umgekehrt, denn jede junge Frau will stets die alleinige Wirtschafterin sein. Die örtlichen kommunistischen Frauenvereine führen einen ziemlich energischen Kampf gegen die Vielweiberei, und die sowjetamtlichen Standesämter registrieren zur Zeit nie mehr als eine Frau „ä conto" jedes Usbeken. Doch die braven Usbeken kümmern sich herzlich wenig um die ungebetenen Bolschewiken-Gesetze: nachdem sie sich mit der einen Frau auf bolschewistische Art haben trauen lassen, gehen sie zu ihrem Mullah und lassen sich von ihm, auf ihre eigene Art mit anderen Frauen vermählen ... Auch den Kinderehen in Taschkent, wie überhaupt In ganz Zentralasien, haben die Moskowiter Machthaber den Krieg erklärt, denn immer noch ist es hier üblich, bie Mädchen bereits mit zehn Jahren zu verheiraten. Da aber das wahre Alter der Braut meist verheimlicht wird unb es den Gesetzgebern nur selten gelingt, das richtige Geburtsjahr festzustellen, so werden die Bräute vor der Eheschließung — einfach gemessen ... Erreichen nur die Arme nicht eine vorgeschriebene Länge, oder ist der Kopf- ober Brustumfang zu gering, so haben die jungen Schönen eben Pech gehabt; ihre Ehen werden nicht registriert, auch wenn sie in Wirklichkeit das behördlich genehmigte Heiratsalter von 16 Jahren erreicht haben. Schließlich sei noch einer anderen, erstaunlichen Erscheinung gedacht: trotz aller kommunistischer Gegenmaßnahmen gibt es im roten Turkestan noch einen regelrechten Sklavenhandel: die mittellosen Usbeken verkaufen ihre Kinder als Sklaven an reiche Kaufleute, Bauern usw. In der Stadt Taschkent sind derartige Fälle seltener zu finden, wenigstens verbirgt man sie sorgfältig, aber in den benachbarten Dörfern und auf dem flachen Lande ist dieses moderne Sklavenhaltertum gang und gäbe, unb niemand findet daran etwas Befonderes. Turkestans Alltag, besonders die Stadt Taschkent mit ihren Freuden unb Sorgen, ihren Sitten unb Gebräuchen, ihren malerischen Trachten unb Typen, eignet sich vorzüglich bazu, auf die Filmleinwand gebracht zu werden, und erstaunlich ist es, daß die Filmregisseure auf ihrer ständigen Jagd nach neuen Schauplätzen und Motiven dieses moderne Märchenland noch nicht entdeckt haben. Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Walrer Julius (Blaem (EDS.). (Fortsetzung.) Oben wirft Schönlein sein Fenster zu, daß die Scheibe klirrt. „Entschuldigen Sie mich, Fräulein Aschenbrenner, ich bin so unaufmerksam." j Sie heuchelt mit dünnen Sippen: „Es macht nichts, Herr Schönlein. Aber i ich muh jetzt gehen." — „Bleiben Sie doch ruhig noch ein bißchen, heute am Sonntag gibt es ja doch nichts zu tun." Er wünscht sie zu allen Teufeln und bemüht sich um ein abgerissenes Gespräch. Diese Rosemarie, denkt er dazu und erinnert sich an den Pantherschlag ihrer Hände, wird sie etwa mit diesen Zauberhänden im Krauskopf des Doktor Wagenschanz spielen? Denn wie geht so etwas weiter? Immer dasselbe! Auch Schönlein würde sich kaum mit der spitznasigen unb überdies langweiligen Schreibdame begnügen, wenn ihn nicht das Elend eines nicht mehr erträglichen Alleinseins gepeinigt hätte. „Ich bin ein unaufmerksamer Gastgeber", entschuldigt er sich ehrlich, „plötzlich geht mir etwas durch den Kopf, und ich vergesse Sie zu unterhalten." „Ach, Herr Schönlein, Ihnen sieht man immer an, daß Sie niemals gleichgültig finb. Aber traurig sind wir alle, gelegentlich." „0h, danke!" Er gibt ihr bie Hand, unb Fräulein Aschenbrenner zieht getröstet ab, unb bas ist ja schließlich auch ein Ergebnis. .Reden ist Gold', denkt er, ,ein paar herausgesagte Worte können bie ganze Seele verwandeln, aber Lisa und ich haben alles in uns hineingeschwiegen, unb dies ist bas Ergebnis.' Rosemarie sitzt nicht mit Anton im Boot ober unter den knospenden Büschen des Siadtparks, sie befindet sich mit ihm an einem Ort, wo alle Männer dazu verurteilt sind, komische und mitgeschleppte Figuren darzustellen, Anhängsel: bie beiden besuchen also nun doch die Stände der I Ausstellung .Die erfahrene Hausfrau'. Gleich am Eingang zieht Rose- ' tnarie ihren Begleiter in eine Art Kasperletheater hinein, auf einer Bretterbühne kocht ein beschwörend redender Herr, der einen weißen, befleckten Leinenkittel trägt, in einem vielfach verschraubten Wunderkochtopf. i Meine Damen", sagt er, „ich rufe Ihre wirtschaftliche Vernunft an und ! bitte Sie, aus Ihre Uhren zu blicken unb mit eigenen Augen festzustellen, j in wie vielen ober eigentlich wie wenigen Minuten bie Spargel unb ber 1 Rotkohl gargekocht finb, Speisen, welche, wie Sie wissen --" So geht es eine Viertelstunde hoch her, bann pfeift ber kluge Kochtopf ben enb- I losen Vortrag ab, unb bas Erzeugnis wirb auf kleinen Tellern herum- : geboten. Anton bankt. „Ich habe schon gegessen." Aber auch er kann nicht verhüten, daß ihm im Verlauf ber nächsten i halben Stunbe eine Unmenge Kostproben sämtlicher denkbarer Fleischbrühen, Malzkaffees und Fruchtfäfte aufgebrängt werben, man führt ihm übereifrig bie lächerlichsten Waschmaschinen vor. ,£s interessiert Sie nicht?" erkundigt sich Rosemarie in einem Hellen Augenblick. „Ö doch", gibt Anton zu, „beinah sehr. Meine Mutter ist arm, ich habe ihr 'eine Menge helfen müssen. Wenn ich einmal einen Sohn hab->n werde, muß er bei [einer Mutter schrubben und putzen unb Geschirr spulen, nur ergänzen müssen. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße». des Gewinnbüros sein Los vor, und morgen werde er die Karre abholen lassen. „Nun Hache ich sogar ein Lieferauto für meine Fabrik", versäumte er nicht hinzuzufügen. Das Lieferauto ist ein übertrieben eleganter Sportzweisitzer, es wurde der Kommerzienrätin Wehrhahn für ihre Ausstellung gestiftet, und zwar von ihrem Schwiegersohn, dem Direktor jener Autofabrik, die den Wagen herstellte. Von diesem Prachtstück hoffte man, daß es möglichst spät und hoffentlich gar nicht aus der Tombola ausschied, damit es solange wie möglich den Loskäufern ihre von der Vereinskaffe dringend benötigten Nickel aus der Tasche zog. Die Damen stecken ihre Köpfe zusammen. „Dafür kann man natürlich Herrn Schönlein nicht gut verantwortlich machen, aber fein Eintreten für diese junge Dame war ein ganz unerhörter Mißgriff, Die Kommerzienrätin wird toben." „Es tut mir wirklich leit), Herr Schönlein, daß ich Sie in Schwierigkeiten bringe", entschuldigte sich Rosemarie oben im Büro. „Was, ,Herr Schönlein', seit wann reden wir uns mit den Familiennamen an? Und Sie können doch gar nichts dafür. Ich habe mich wohl ein wenig von den Ereignissen überrumpeln lassen, wie? Aber der Kerl hat Ihnen ohne Zweifel und rechtsgültig das Los geschenkt, das weiß er auch ganz genau, und jedes Gericht wird sich auf diesen Standpunkt stellen. Das wäre ja noch schöner, wenn man ein Los nur dann Der-, schenkt, wenn es eine Niete ist." „Es tut mir leid, lieber Peter", wiederholte sie lächelnd, „daß ich Ihnen Ungelegenheiten bringe." „Ich werde selbstverständlich einen Prozeß für Sie führen, liebes Kind. Das ist klar." Und er berichtigt sich: „Das ist leider durchaus nicht klar. Erstens bin ich hier der Ausstellungsleiter, zweitens bin ich mit Ihnen seit langem befreundet, das stimmt doch?" Sie zeigt zwei schneeweiße Zahnreihen. „Das stimmt." Etwas Lieberes hätte er ihr im Augenblick nicht sagen können. „Drittens", Schönlein fährt sich durch bie- dünnen Haare, „soll ich Ihr Zeuge vor Gericht sein, und viertens Ihr Anwalt? Ein bißchen viel auf einmal, finden Sie nicht auch?" Das Mädchen kreuzt die schönen Füße, das Prinzessinnengesicht blickt erhoben, Rosemarie wünscht sich einstweilen nichts anderes als hier- bleiben zu dürfen und sich von Peter Schönlein beraten zu lassen, das gibt so ein angenehmes Schutzgefühl. „Ich werde mich doch nicht mit diesem Grobian streiten? Ja, wenn ein Konzertflügel zu gewinnen wäre, aber den hätte er mir niemals streitig gemacht, er hätte gesagt: äh, was soll ich mit dem Krempel anfangen, wollen Sie die Quietschkommode haben?" „Das gibt es nicht", wehrt Schönlein ab, „es ist zwar für mich eine gewisse Peinlichkeit entstanden, da ich als Ausstellungsleiter immerhin zur strengsten Objektivität verpflichtet bin und anderseits für eine mir befreundete junge Dame —" Seine energischen Bewegungen unterstreichen jedes einzelne Wort: „Wir werden uns hier also vollkommen auf den Rechtsstandpunkt stellen." Ihre Lippen zucken belustigt. „Und der wäre?" „Sie prozessieren. Natürlich auf Armenrecht. Hm. Also gegen Verpfändung auch Ihres künftigen Besitzes. Mithin des Autos. Der Prozeß dauert drei Jahre." „Dann ist das Auto ein Häufchen Rost. Und bann?" „Ja. Dann endet der Prozeß vermutlich mit einem Vergleich, daß das Auto Ihnen und diesem Herrn Wagenschanz gehört. Kostenpunkt Nebensache, wahrscheinlich müssen Sie noch was draufzahlen. Ah so, ja, Armenrecht. Armes, schönes Mädchen, so ist die Rechtslage. Dieser schlaue Bursche muß das instinktiv gefühlt haben. Warum sind Sie so vernagelt gewesen und haben ihm das Los überhaupt ausgehändigt? Und wie konnten Sie überhaupt mit diesem Mann ausgehen, Rosemarie?" „Es war ein Fehler", gibt sie zu, aber der Mann benahm sich den ganzen Nachmittag entzückend nett. Und wenn es in dieser Stadt etwa sonst noch jemand geben sollte, der sich mit mir befreundet fühlt, so hat der mich wochenlang schrecklich allein gelassen, und als ich ihn vor einiger Zeit besuchen wollte und stundenlang auf ihn wartete und derweilen auf seinem Flügel spielte, froh des Instruments, da kam er und nahm es mir übel, daß ich da war, und ging ungesehen wieder fort. Darum." Oh, was hat Peter Schönlein für Hände, nie fühlte sie einen so prickelnden Strom von ihnen ausgehen, und jetzt küßt er ihre Fingerspitzen, eine nach der andern. „Das werden wir schleunigst wettmachen müssen, ja? Und diesen Abend festlich zusammen sein, ja? Und das betrübliche Ereignis immerhin begießen, ja?" „Ja, Peter." Aber sie entzieht ihm doch ein wenig ihre Finger. „Schön, ich labe Sie zu Harzforellen und zu Hummern ein." „Die Harzforellen haben jetzt Schonzeit, lieber Herr, aber ob es Hummer in dieser Jahreszeit gib, daran kann ich mich wahrhaftig nicht mehr erinnern, beides zusammen paßt sowieso nicht." Peter zieht seine Brieftasche. „Das ist ein Glück, ich glaube nämlich, ich bin nämlich momentan — wahrhaftig, nur noch zehn Mark. Aber es ist heute schick, kein Geld zu haben, ich schlage demnach vor, wir richten uns bei mir eine Kleinigkeit." Sie denkt flüchtig an den schönen Flügel im Musikzimmer und denkt an Lisa, bie ihre Freunbin war unb von der sie keinen Bries und kein Sterbenswörtchen erhielt, unb sie benkt an künftige Verwicklungen, die möglich sind. Wenn die Leute in unserer kleinen Stadt ausgemerkt haben, sie merken allerdings immer auf, bie Frau Apothekerin sitzt bei Tag unb anichei- nenb auch bei Nacht hinter ihrem Spiönchen, dann müssen sie entdeckt haben, daß Rechtsanwalt Schönlein mit einer Dame im Haus der Einhornapotheke verschwand, es war nicht seine Frau. Und wer es noch nicht wußte, hörte Stunden später Bachs Jubilate hinter den Scheiben des oberen Stockwerks erbrausen. Man wird die Chronik um Schönlein morgen durch ein ganz neues und diesmal sehr aussichtsreiches Histörchen hamit er lernt, diese Arbeit nicht so zu mißachten, wie wir es meistens tun." „ _ , Rosemarie sieht ihn verblüfft an. „Wissen Sie eigentlich, daß ich Ihnen einen solchen Gedanken gar nicht zugetraut hätte?" „Doch. Das weih ich genau. Aber wie soll ich mich darüber beschweren? Ich "habe mir ja selber nichts zugetraut." Sie denkt betroffen darüber nach. Im Hause Wagenschanz beherrscht die alte verbitterte Frau mit ihrem Zank und Geiz und mit ihrer am Rest des Ledens festgekrallten Heftigkeit alle Gemüter, das ihres Sohnes so gut wie die Seelen ihrer beiden Mieterinnen, sie besitzt über diese jungen Leute eine ganz unberechtigte Gewalt, der sich rätselhafterweise niemand entziehen kann. Es ist wohl uralter Haß auf jene, deren Gesichter noch nicht von Runzeln entstellt sind, deren Hände sich noch nicht endgültig vergriffen haben in der Wahl des Liebesgefährten, deren Herzen noch nicht im einsamen Alter dürre geworden sind. Aus dem weiteren Wege durch die unheimlich große Ausstellung schießen Verkäuferinnen auf Anton und die .gnädige Fron' los und preisen die Vorzüge von Brauns trocknem Putztuch, und sie rühmen Friedemanns praktische Fensterreiniger und Gaugigls Schrubber von seltsamster Konstruktion. Anerkannt beste Holzgestelle mit Gumminäpschen gibt es hundertfach zu kaufen, welche den Topf für die Hausfrau fest- halten, und diese steht nunmehr, kokett und blitzsauber und mit einer Hand lose in der Hüfte da und rührt einen Kochlöffel mit der andern, so spielend leicht geht es demnach hinfort in der Küche zu. Schwindler unb echte Erfinder drängen sich in dieser riesigen Glashalle^usammen, um sparen zu helfen. .Und wo bist du?' sagt Anton sich wütend, ,wo sind hier die geheimnisvollen Putzmittel, die du an den Möbeln deiner Mutter ausprobiertest? Wo? Du hast anderthalb Jahre geschlafen, mein Lieber, und in deinen helleren Augenblicken auf diese Sauzeit geschimpft. Das hier, das hättest du alles mindestens genau so gut gekonnt, du hast es sogar gelernt.' Dann kauft er zu Rosemaries Vergnügen für feine Mutter eine kleine Gemüsebrause, die an jede Wasserleitung angeschlossen werden kann. Und an jeder Ecke findet ein anderes Kochtheater statt, die fanatischen Hausfrauen stehen mit sachkundigen Gesichtern im Kreise und können es doch nicht kaufen, meist sind es diese viel zu früh gealterten Gesichter der ärmeren Kreise, aber zur Einweihung saß wohl auch die Frau Regierungspräsidentin auf einem dieser Holzstühle und machte genau dasselbe Gesicht, kritisch, gläubig und sorgenvoll. .Ich werde euch meine Schönheitssalbe auf die Wangen und Schläfen streichen', überlegt Anton und glaubt es selber schon unbedingt, daß sie die Falten vertreibt — aber wie ist es mit den Sorgenfalten? Endlich spürt Anton den roten Hut Rosemaries wieder in einem Kasperletheater auf, doch diesmal werden Einmachgläser vorgeführt, deren Leistung alles Bisherige in den Schatten stellt. „Weih Gott", flüsterte er, „ich habe jetzt genug praktische Hauswirtschaftstheorie geschluckt. Wir wollen mal nachsehen, ob wir auf unser Los etwas gewonnen haben." „Ich komme gleich", wehrt sie seine Störung ab und gibt ihm aus ihrem Täschchen den grünen Losbrief. „Sie können ja schon mal die Nummern vergleichen, aber es ist ja doch eine Niete. Hier wird in ein paar Minuten Schluß sein, es interessiert mich." Endlich ist auch ihr Bedarf an den Erfahrungen des Hausfrauen- beruis reichlich gedeckt. Erschöpft erhebt sie sich. Sie hat noch ein paar Start} vom Zahltag bei sich und überlegt vergnügt, daß sie nun ihrerseits den Doktor Wagenschanz zum Kaffee einlaben wird, nach diesen Strapazen hat man eine Erholung wahrhaftig verdient. Um die Dom» bolg herum sieht sie eine ziemliche Menge Menschen stehen. Plötzlich hört sie in ihrer Nähe eine ihr sehr wohlbekannte Stimme: „Nun ist auch der andre Hauptgewinn schon weg!" Und eine weibliche erwidert in demselben kummervollen Ton: „Nun wird überhaupt kein Mensch mehr Lose kaufen wollen." Rosemarie steht dicht hinter dem Rechtsanwalt Peter Schönlein, der mit einer Vorstandsdame (offenbar, denn sie trägt keinen Hut) diese mißvergnügten Erwägungen tauscht. Im Augenblick, als sie sich ungesehen entfernen will, bemerkt sie den Doktor Wagenschanz, er hat merkwürdigerweise inmitten der Menge in einem Auto von taubengrauer Farbe Platz genommen, das dort steht, er probiert ohne die mindeste Sachkenntnis an den Hebeln herum und benimmt sich sehr vergnügt, als ob er der Besitzer sei. Rosemaries Herz fängt wie wahnsinnig an zu schlagen, sie gelangt ohne Mühe in 'Antons Nähe und fragt ins Fenster hinein: „Hat mein Los etwa dies Auto gewonnen?" „Ihr Los?" Es wird dem Rechtsanwalt Peter Schönlein von den ohnehin verärgerten Vorstandsdamen des Hausfrauenvereins noch höchst übel genommen werden, daß er sich der peinlichen Situation in keiner Weise gewachsen zeigte. Er nahm jedenfalls im Angesicht einer von allen Seiten herbeiströmenden Menge Partei für eine ihm befreundete junge Dame, ein Fräulein Reubold, indem er erklärte, jawohl, er erinnere sich ganz genau, er habe von feinem Fenster aus beobachtet, wie Doktor Wagenschanz dies Los dem Fräulein geschenkt habe. Statt also der Verwirrung mit der kühlen Ruhe seines Amtes entgegenzutreten und den Rechtsfall, der sich unversehens zu entwickeln drohte, oben in seinem Büro sachkundig zu Protokoll zu nehmen, versuchte er diesen Rechtssall auf der Stelle durchzusühren, indem er den Doktor Wagenschanz aussorderte, sofort das Auto zu verlassen und das „widerrechtlich angeeignete Los" umgehend der Gewinnerin auszuhändigen, widrigenfalls — Erst als der offenbar rabiate Herr im Auto ihn auslachte — widrigenfalls, na, was denn nu?" —, fand Herr Schönlein die Ueberlegung zurück, eine halbe Minute zu spät, und er verschwand mit den beiden Beteiligten im Büro der Ausstellungsleitung. Aus diesem kehrte Doktor Wagenschanz nach einiger Zeit verbissen und zufrieden zurück, mit dem Kopf eines wütenden Puters zeigte er den aufgeregten und empörten Damen