GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <955 ____________________Zreltag, -en 10. November Nummer 87 Ein feste Burg. <• Von Martin Luther. Ein feste Burg tst unser Gott, Ein gute Wehr und Waffen,' Er hilft uns frei aus aller Not, Die uns jetzt hat betroffen. Der alt böse Feind Mit Ernst er's jetzt meint! Groh Macht und viel List Sein grausam Rüstung ist. Auf Erd ist nicht seins gleichen. Mit unser Macht ist nichts getan, Wir sind gar bald verloren. Es streit für uns der rechte Mann, Den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ, Der Herr Zebaoth, Und ist kein andrer (Sott; Das Feld muß er behalten. Und wenn die Welt voll Teufel wär Und wollt uns gar verschlingen. So fürchten wir uns nicht so sehr, Es soll uns doch gelingen Der Fürst dieser Welt, Wie saur er sich stellt, Tut er uns doch nicht; Das macht: er ist gericht, Ein Wörtlein kann ihn fällen. Das Wort sie sollen lasten stahn Und kein Dank dazu haben; Er ist bei uns wohl auf dem Plan Mit seinem Geist und Gaben. Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: Latz fahren dahin! Sie habens kein Gewinn, Das Reich mutz uns doch bleiben. Oer Mönch von Wittenberg. Z« Luthers 450. Geburtstage am 10. November. Von Wilhelm Schäfer. Das Lob der Torheit lachte in den Späßen des Erasmus, der Humanismus zahlte den Scholasten den letzten Schimpf, Leo der Medicäer war Papst, und Kaiser Maximilian, der letzte Ritter, starb als die unruhevolle Spindel verblaßter Herrlichkeit: da schlug zu Wittenberg in Sachsen die Stunde der neuen Zeit. Ein Mönch hob seinen Hammer, das Mauerwerk zu prüfen, darauf im Namen Christi das Freudenhaus der Kirche gebaut war; ein Augustiner rief im Gottesstaat der Priester die Losung der deutschen Seele aus; ein Bergmannssohn aus Sachsen trat in den Rat der Fürsten, das Reich von Rom zu lösen. Er hatte Welt und Würde abgetan nach harten Jünglingsjahren und schmerzensreich in seiner Zelle um Gott gerungen, bis sein Gewissen den Trost der Schrift, sein Glaube den Gnabenquell der Liebe fand. Von seinem Orden als Lehrer nach Wittenberg gesandt, fand seine Predigt das Ohr des Volkes, und die Inbrunst seiner Lehre zog viel Schüler an, als ihm der Ablaßhandel Predigt und Lehre störte. Sie schlugen ihre Buben auf gleich Kirmesleuten, mit Höllenpein und Fegfeuer das Christenvolk zu schrecken, mit gotteslästerlichem Witz die Gläubigen zu betrügen, daß sie für einen Groschen den Ablaß ihrer Schuld und die Vergebung ihrer Sünden kauften. Als aber T e tz e l sein Marktgeschrei in Jüterbog anhob, so daß dem Doktor Martin Luther seine Beichtkinder in Wittenberg die Ablaßzettel brachten: da schwoll dem Doktor der gottbemühte Geist im Zorn um diesen Seelenhandel. Er schlug seine Thesen an die Schloßkirchentür, mit jedem in der Welt zu streiten: daß die iamt ihren Meistern zum Teufel führen, die durch den Groschen für einen Ablaßbrief vermeinten, der Seligkeit versichert zu werden. Es sollte nur eine Streitschrift sein, dem Ablaßhandel zu begegnen, aber es wurde eine Botschaft Gottes daraus; denn wie Gewässer von den Bergen, so fing die Hoffnung an zu rinnen, daß hier ein Herold des Heilands die Wiederkunft verkünde. Noch schien dem Medicäer der Handel nur Mönchsgezänk; Rom drobte mit dem Finger, die Dreistigkeit zu dämpfen: es fandie C a j e t a n . den Kardinal, und danach Miltitz, den Kammerherrn; und was der eine hochmütig in die Grube warf, das scharrte der andere mit Taubenklughett wieder aus. Schon schien der Trotz des Mönchs in Milde eingepackt, da sprang der Schwabe Johann E ck dazwischen mit feiner Feuerzange. Der hielt sich für den Kirchenvater der neuen Zeit, und er gedachte, mit Gelehrsamkeit den Mönch zu packen, als er den Kühnen nach Leipzig rief, Antwort zu geben auf seine frechen Thesen. Da focht die fauchende Scholastik den letzten Hahnenkampf; durch zwanzig Tage sprangen die Kämpfer an und lieben Federn, bis der Schwabe zerrupft absuhr nach Rom, sich einen neuen Dorn zu schärfen. Der Bannstrahl, der den Salier barfüßig nach Canossa brachte und der dem Hohenstaufen das Henkerbeil zückte, der die Stedinger ausbrannte und den Scheiterhaufen in Konstanz flammen ließ: mit dem traf nun der Medicäer den Mönch in Wittenberg. Seines Sieges sicher brachte der Schwabe selbst die Bannbulle mit; doch war indessen der Doktor Luther hoch in der Gunst ge- stieaen, und seine Sendschreiben hatten den deutschen Zorn gezückt. Nicht mehr dem Tetzel galt der Zorn und nicht mehr dem Ablaßhandel, den Kutten nicht und nicht mehr den Ketzerrichtern, dem Wohlleben der Bischöfe und der Priesterverderbnis: er galt der dreifachen Krone der römischen Kirchengewalt So konnte der Mönch in Wittenberg wagen, was Jesus von Nazareth tat. da er im Temvel die Tische der Wechsler umwarf und seinen Wehruf über Jerusalem sprach. t Ein Wintertag klang in den Schritten der Männer und Schuler, die si'm vor das Elstertor zum verwegenen Hochgericht folgten; ein Wintertaa füllt den Himmel mit froftfattem Licht, als sie den Holzstoß ansteckten, daß die zuckenden Flämmchen sich einten zur Flamme, die steil und stolz auf dem Opferaltar stand. Da trat er vor in den Kreis. Magister und Mönch in der Kutte und Machthaber der ewigen Gleichung; da warf er die päpstliche Bulle hinein in das Feuer, das uralte Sinnbild der Entsühnung, und sprach das Wort aus Joina: Weil du den Heiligen des Herrn betrübt hast, so betrübe und verzehre dich das ewige Feuer! D« gerichtet war tm päpstlichen Spruch, stand richtend vor , seinen Richtern,- nicht ihren Irrtum allein verwarf er, er verwarf ihren Grund im Gesetz: mit der Bulle verbrannten die Bucher der kirchlichen Herkunft, verbrannte im Holzstoß des eifernden Doktors des kanonische Recht der römischen Kirche. Nie hatte einer so Kühnes gewagt, seitdem es römisches Kirchen- tum gab: die Flammen fraßen sich fröhlich hinein in die Schrift des tausendjährigen Reichs; eine tapfere Schar stand dem Tollkühnen bei auf dem Rand der brennenden Welt. Luther der Deutsche. Von Professor Dr. Erich Jenisch, Königsberg. Als ein Sinnbild eigenen Wesens ist die Gestalt Luthers den Deutschen seit langem erschienen. Der Jubel der Zeitgenossen begrüßte freilich Luther als den Reformator, der in der lutherischen Freiheit des Christenmenschen eine neue Lebenshaltung möglich machte. Neue Lebenslust regt sich in Ulrich von Hutten, und Hans Sachs begrübt in Luther ebenfalls den Anbruch einer neuen Zeit. _. „Die rotbrünstige Morgenröt Her durch die trüben Wolken geht", heißt es in seinem Gedicht von der Wittenbergischen Nachtigall. Bald jedoch ist sich der Deutsche der wesentlich deutschen Züge im Bilde Luthers bewußt geworden. Herder schon vermag Luther in folgendem Hymnus zu preisen: Mächtiger Eichbaum! Deutschen Stamms! Gottes Kraft! Droben im Wipfel braust der Sturm, Du stehst mit hundertbogigen Armen Dem Sturm entgegen und grünst! — Der Sturm braust fort! es liegen da Der dürren armen Aeste Zehn darntedergesaust. Du Eichbaum stehst, Bist Luther! In der Tat wirkt das Werk Luthers wie die Erfüllung einer deutschen Sehnsucht, die durch Jahrhunderte der Verwirklichung i entgegengreist, bis sie in Luther ihre Erfüllung findet. Trotz mancher völkisch bedingten Sondergestaltung war die Kultur des deutschen Mittelalters doch wesentlich charakterisiert durch die alle europäischen Völker in ihrer Gesamtheit bestimmenden, einheitlichen Kultur der christlichen Kirche. Seit den Kreuzzügen begann diese festgefügte Kultur gelockert zu werden durch das Erstarken des nationalen Gedankens, der die Sonderart jedes Volkstums in Staat und Kirche, Dichtung und Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft stärker zur Geltung zu bringen versucht. Das nationale Bewußtsein Deutschlands steigert sich in Kämpfen mit Rom erheblich. Aber wenn auch das Verlangen nach einer Reform des Reiches und nach einer Reform der Kirche immer drängender wurde, — erst Luther vollbrachte, was die Jahrhunderte erstrebt hatten. Es ist bezeichnend, daß Luther seine Tat aus den letzten Tiefen des religiösen Bewußtseins und nur aus diesem, heraus vollbrachte. Die spanische Kirche hatte sich auf den geistigem Grundlagen des dreizehnten Jahrhunderts erneuert, indem sie die alten Ideale romanischkatholischer Frömmigkeit zu neuer Glut entfachte. In Italien begann im Humanismus sich das Leben von der durch die christlichkirchliche Tradition bestimmten Ordnung zu lösen und eine weltliche Kultur zu schaffen, die, ohne die höhere Wirklichkeit der Glaubenswelt zu leugnen, doch „humanitas" als höchsten Wert der Schöpfung — wenn auch nicht als letztes Maß der Welterleben lehrte. In dieser Situation steht Luther. Er bringt eine Erneuerung des Lebens und seiner Ordnungen durch eine unerhörte Intensivierung der christlichen Gläubigkeit. Sie führt zur Bildung einer neuen Kirche, die, wie Luther lehrt, allein auf dem Fundament des in der Bibel geoffenbarten Gotteswortes sich erhebt und die dennoch eine eigentümlich deutsche Formung des Christentums darstellt. Denn Luther ist der Protest der zum Selbstbewutztsein erwachten deutschen Seele gegen den Geist der römischen Kirche. In Luther erlebt sie die Eiqentttmlichkeit ihres religiösen Bedürfnisses, in ihm vollzieht sich der revolutionäre Durchbruch deutscher Frömmigkeit durch den Zauberbann einer ehrwürdigen Tradition, die durch eine mehr als tausendjährige Geschichte gerechtfertigt ^^Auch damit gelang eine Jahrhunderte alte Entwicklung zur letzten Klarheit. In den deutschen Klöstern der Bettelorden, diesen Stätten äußerst gesteigerter Devotion und gelehrter Kontemplation, hatte sich früh schon die Bewegung des deutschen religiösen Empfindens gegen den Geist des römischen Dogmas geregt. Von Meister Ekkehart, dem Dominikaner, bis zu Luther, dem Augustinereremiten, prägen sich in einer Reihe von Theologen- gestalten charakteristische Züge deutscher Frömmigkeit aus. Nicht nur im Kreise der Mystiker, auch bei humanistisch bestimmten Geistern, wie N i c o l a u s v o n C u e s, zeigt sich diese neue Haltung. Aber erst bei Luther, dem aus deutschen Baucrnblut emporgewachsenen Reformator, gewinnen diese Kräfte die Macht entscheidender Wirksamkeit. In Luther erst prägt sich die religiöse Seele Deutschlands zu eigener Gestalt und löst damit Deutschland in deutlich erkennbarer Eigenart aus der allgemeinen europäischen Situation heraus. Denn in Luther tritt ein Zug deutscher Art in Erscheinung, der nie mehr in dem Bilde des deutschen Menschen verblassen soll: die Macht des Gewissens. Sie ist es eigentlich, die den Stnfenbau deS mittelalterlich-hierarchischen Weltbildes, das uns Dantes „Göttliche Komödie" künstlerisch widerspiegelt, umstößt. Das Gewissen, das nur an die Autorität der Bibel gebunden ist — noch ist nicht durch die persönliche Ueberzeugthcit allein gerechtfertigt — bildet den christlichen Glauben neu, hebt die Mtni^. stellung des Priesters zwischen Gott und Menschensecle auf und besteht allein aus dem einen, was not tut: auf dem unmittelbaren Ergreifen Gottes im Herzen der Gläubigen. In diesem einen seelischen Bedürfnis, Religion als unmittelbare, persönliche Erfahrung von Gott zu erleben, und in der verpflichtenden Bindung an dieses Erlebnis liegt die letzte Quelle lutherischer Kraft — und deutscher Kraft. Rücksichtslos lebt Luther aus dieser Forderung seines religiösen Gewissens heraus, und die Neuordnung der staatlichen, sozialen, politischen und kulturellen Verhältnisse Deutschlands, die er vollzieht, ergibt sich erst als durch dieses Motiv bedingt. So steht Luther auch heute noch vor uns da: der deutsche Held, die Bibel in der bäuerisch-derben Faust und in den klaren Augen den Glanz jenes Mutes, der der Ausdruck tiefster Sicherheit ist — jener Sicherheit, die sich aus der Bezogenhett alles Denkens und Wollens aus dem religiösen Kern der Persönlichkeit ergibt und die alles Handeln bestimmt weiß durch seine Fundierung in diesen tiefsten Gründen des menschlichen Bewußtseins überhaupt. So nur wird jede Haltung Luthers aus dem Wormser Reichstag möglich, in der er als symbolische Gestalt des Deutschen in die Geschichte eingegangen ist, jene Unbedingtheit des „Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!" sah die Auch das Wort heiligsten Güter!" Oer deutsche Staat und die Reformation. Von Oberstudtenrat Professor V ö l z i n g, Gießen. Wenn ein Volk in verhängnisvollen Tagen seiner Entwicklung, da Neues ans Licht drängt, mit einem anderen staatlich verbunden ist, so wird die freie Entfaltung seiner angeborenen Art gehindert, wenn nicht vielleicht erstickt. In solchen Zeiten ist es unerläßlich, daß das Volk sich entwickeln kann, wie es geschaffen ist, daß es sein Schicksal selbst bestimmt und f r e i ist. So mar die Lage, als Karl V. 1521 den Reichstag in Worms eröffnete. Religion und Volkstum, Staatsentwicklung und Bildung der Kirche gehören geschichtlich eng zueinander. Diese unlösliche Verbindung bleibt, wenn das Volkstum staatlich ausgebildet wird. Christus sagt zwar: „Gehet hin und lehret alle Völker!", aber seine Lehre vom Verhältnis der Religion zum Volkstum hat sich im Lause der Geschichte in ihr Gegenteil verkehrt Konstantins Uebertritt ist entscheidend geworden für die weltgeschichtliche Bedeutung des Christentums. Ohne Verbundenheit mit dem Staate ist sie nicht denkbar. Was bedeuten tm geschichtlichen Leben die Idee und die weltliche Macht? Jede Idee, die Bedeutung für die Menschheit haben soll, bedarf der weltlichen Macht. Beide hängen aufs engste zusammen, wie Körper und Geist. Im tiefsten Grunde des Menschenherzens hat die Religion ihre Heimstätte, aber kirchliche Lehren müssen ihre Stützen am Staate finden; sonst enden sie im Sektenwescn. Nie hat es die Kirche vermocht, Staaten zum gemeinsamen Eintreten für ihre Machtbestrebungen zu gewinnen. Frankreich und Spanien ließen sich im Interesse des Glaubens nicht vor einen Wagen spannen. Immer tritt der Staatsgedanke in den Vordergrund, wenn man das Verhältnis von Staat und Kirche im eigenen Volke verstehen will. Diese stehen im engsten Zusammenhänge. Im Mittelalter und weit darüber hinaus lassen sic sich getrennt voneinander überhaupt nicht vorstellen. Aber auch die politische Idee hat versagt. In der großen Politik kommt es nicht auf den Gegensatz der Regierungsweise an. Das hat uns der Weltkrieg zur Genüge gelehrt und Männer wie Beth- mann-Hollwca gründlich widerlegt. “ Wilhelms II.: „Völker Europas! Wahret eure Weltlage im falschen Lichte. Es ist bekannt, welchen Anhang Luther im deutschen Volke gefunden hat. Keine andere geistige Bewegung hat unser Volk mit der gleichen Wucht ergriffen. Tiefer als alle äußerlichen Fragen erfaßt die germanische Auffassung der Religion das Mcnschenherz. Der einzelne Mensch hat das Bedürfnis, Stellung zu nehmen zum Ewigen. Er will im tiefsten Innern ohne Vermittlung eins sein mit seinem Gotte. „Es gibt nur einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, welcher ist Christus." Das ist der Kern der Lehre Luthers. Sie geht auf Stillung eines seelischen Verlangens: „Wie werde ich gerecht vor Gott? Immer mehr entfaltet sich dieser Wesenszug deutschen Geistes, nationale Bildung macht sich frei von lateinischer lun- hüllung, Luthers Lehre hat nur bei germanischen Völkern durchschlagenden Erfolg gehabt. Luther will die Lehre Christi aus den Banden des Staates erlösen. In diesem Streben sehen nur den tiefsten Unterschied zwischen Luthertum und Calvinismus. Aber Luther verschließt sich im Laufe der Entwicklung nicht der deutlich erkennbaren Notwendigkeit, daß die religiöse Neuordnung sich an den Staat anlehnen müsse. So ist es auch nur erklärbar,daß die Ausgaben der neuen Lehre in einer eigenartigen deutschen Weise gelöst wurden. Die Verbindung mit den staatlichen Verhältnissen war unvermeidlich. , r , Karl V. dachte anders als sein Volk; er war in seinem Wesen ein Spanier und konnte in Deutschland nur spanilche Pou treiben. Er hatte auch kein Verständnis für die Unabhangigker persönlicher Gcwisiensüberzeugung. o ... _ In den letzten drei Jahrhunderten des Mittelalters ist Deutschland in eine Lage geraten, in der es se»ne staatliche oder lei kirchlich-religiöse Einheit oder gar beide verlieren mußte. Karis Negierung endete mit der Bestimmung des Augsburger Religion friedens: „euius regio, eius religio". Der dominus terrae, Landesherr, bestimmt das Bekenntnis seiner Landeskinder. Bis zum Jahre 1803 waren die Bekenntnisse nach den Gebieten der Landesregierungen verteilt. Das war das Ergebnis einer Eutwick- lung, die seit dem Ende des 12. Jahrhunderts an die Stelle der Neichsgewalt die Landesherren gesetzt hat. Der Kaiser konnte dem Wormser Edikt, das die Lehre Luthers verbot, keine Geltung verschaffen. Sein Verständnis für die geworbenen Tatsachen verkannte die Notwendigkeit einer Neuordnung nicht. Er konnte sich nur auf die Landesregierungen im Kampfe gegen Franz I. von Frankreich stützen. Die Ordnung: „cuius, regio, eins religio" erscheint uns Menschen einer neueren Zeit völlig unverständlich, erklärt sich aber mit Notwendigkeit aus den Zeitverhältnissen. Jahrhunderte hindurch haben auf dem deutschen Volke religiöse Spaltung und staatliche Zerrissenheit gelastet. Wir wissen, daß die staatliche Zersplitterung noch tiefer und unheilvoller in die Entwicklung zur völkischen Einheit eingegriffen hat als die religiöse. Religiöse Anlässe bedingten zwar den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, aber sehr bald zeigten sich die politischen Ziele. Der „allerchristltchste" König von Frankreich kämpfte mit protestantischen Fürsten gegen den Kaiser, der lutherische Christian IV. von Dänemark wendete sich gegen Schweden. Er und Gustav Adolf sind nicht aus rein religiösen Gründen in den Kampf eingetreten, sondern dachten auch an den politischen Vorteil ihrer Länder. Zwei wichtige geschichtliche Ergebnisse hat der Friede von 1648 gebracht: die bestehende Kaisergewalt kann nicht mehr die Geltung haben, die ein einheitlicher Staat verlangt, und Wafsengcwalt kann eine religiöse Einheit nicht wiederherstellen. Das Jahr 1803 und der Wiener Kongreß haben die Bekenntnisse völlig ineinander gemischt. Diese sind mehr noch als früher auf gegenseitige Duldung angewiesen. Es sollte ihr Grundsatz sein, durch geistige und sittliche Leistungen den Wert des gemeinsamen christlichen Glaubens zu erweisen. Beide Ueberzeugungen sind fest verankert, können nicht verschmolzen werden, aber sie können sich gegenseitig achten und ehren auf dem Boden des gemeinsamen Christentums. Bis zum November 1918 war beiden Bekenntnissen gleiche Bewegungsfreiheit gewährt,' niemand sollte es wagen, auf rein religiösem Gebiete einen Keil in die Einheit unseres deutschen Volkes zu treiben. Das wäre ein frevelhaftes Beginnen. Wehe dem Volke, dem die Kräfte wahrer Glaubensüberzeugung verloren gehen! Mit deutscher Sitte und deutschem Recht bräche auch die gewaltige, die Tiefen des Menschenherzens erschütternde Macht zusammen, die ihm in den Stürmen des Lebens Halt gibt, die es die trostlose Zeit der Gottlosenbewegung und sittlichen Verwilderung siegreich überstehen ließ, sein Gott und sein Glaube! Der neue Staat unserer Nation hat klar und bestimmt die tiefste Bedeutung christlichen Glaubens und den unersetzbaren Wert dieser geistig-seelischen Lebensbejahung als Richtlinie staatlichen Handelns bewiesen. Mit der Führung unseres deutschen Staates sind alle guten, vaterländisch gesinnten Deutschen von dem kräftigen Bekenntnis des großen Reformators erfüllt: „Und wenn die Welt voll Teufel wär', — — es muß uns doch gelingen!" Luthers Tafelrunde. Von Dr. Kurt Haack. Als der Bischof Dantiscus von Ermland, ein treuer Sohn der alten Kirche, 1523 durch Wittenberg reiste, konnte er der Neugier nicht widerstehen, den „berüchtigten Ketzer" Luther aufzusuchcn, und saß mit ihm, Melanchthon und einigen früheren Ordensbrüdern Luthers beim Abendbrot zusammen, wobei sie sich fast vier Stunden unterhielten. Der Bischof erwähnt die unheimlich funkelnden Augen, die fast elegante Kleidung Luthers, die sich von der eines Hofmannes nicht unterscheide, und schreibt dann: „Seine Redeweise ist heftig, voll von Anspielungen und Spöttereien. Als wir mit ihm beisammen saßen, haben wir uns nicht bloß unterhalten, sondern auch in heitrer Laune Wein und Bier getrunken. Er scheint in jeder Hinsicht „ein guter Geselle" zu sein, wie man im Deutschen sagt." Als solch „guter Geselle" hielt Luther seine Tafelrunde im „Schwarzen Kloster" zu Wittenberg, und die Leuchtfunken des Geistes, die aus setuem beredten Mund hervorsprtthten, sind das glänzendste Feuerwerk des Gesprächs, das je ein Einzelner in deutscher Sprache entzündet. Der Schöpfer einer neuen Glaubenslehre, der deutsche Schrck- salSmann, der gegen eine Welt aufstand, war ein großer Künstler, „inwendig voller Musik", und die Fülle des Wohllauts, die Mannigfaltigkeit der Klänge und Rhythmen ist die Grundlage für die zauberhafte Macht seiner rednerischen Wirkung. Wie jede vollendete Kunst der Sprache und Unterhaltung beruht die seine aus der Musik. Luther war ein „Metstersänger", „der kunstreichste und beste", wie ihn Cyriacus Spangenberg nennt, „Frau Musika seine Gefährtin in frohen und schlimmen Stunden, das Dkusika- lische ein Element seiner Persönlichkeit, ein notwendiges Mittel „zum Ausgleich furchtbarer Spannungen" und „ein wesentliches Stück seiner Frömmigkeit". Nur aus diesem Urgrund des Schaffens kann man das Wunder seiner Wortkunst begreifen, den unvergleichlichen Töne-Ncichtum seines Stils, der das Leidenschaftliche und Erhabene, das Wilde und Heftige ebenso zu treffen weiß wie das Zierliche und Zarte. Dramatische Wucht und lyrische Innigkeit wechseln mit dem breiten Behagen anschaulicher Erzählung. Die Sprache Luthers, frühlingshaft und blühend, wie alles Junge und Erste, ist nie für das Auge, stets für das Ohr berechnet. Seine Worte wollen laut gelesen werden: dann offenbaren sie die ganze Biegsamkeit dieser hxllen Stimme, die Feinheit der Rhythmik, die Melodik der Wortfolgen, die glückliche Anmut, die den brausenden Sturzbach der vorwärtsdrängenden ®e6