Gießener Hamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang (935 Montag, -en lv.Iuli Nummer 52 Oer römische Brunnen. Von Conrad Ferdinand Meyer. Aufsteigt der Strahl und fallend gießt Er voll der Marmorschale Rund, Die, sich verschleiernd, überfließt In einer zweiten Schale Grund; Die zweite gibt, sie wird zu reich. Der dritten wallend ihre Flut, Und jede nimmt und gibt zugleich Und strömt und ruht. Betrachtung über das Lesen. Von Hermann Hesse. i, zu Zeiten ist es dennoch recht gut und fruchtbar, finden lassen. Es ist ein eingeborenes Bedürfnis unseres Geistes, Typen aufzustellen und die Menschheit nach ihnen einzuteilen. Von den „Charakteren" des Theophrast und den vier Temperamenten unsrer Großväter bis in die modernste Psychologie hinein ist das Bedürfnis nach Typenordnungen zu spüren. Und auch unbewußt teilt jeder Mensch die Menschen seiner Umgebung in Typen ein, nach Aehnlichkeiten mit Charakteren, die in seiner Kindheit ihm wichtig geworden sind. So fördernd und aufschlußreich nun solche Einteilungen sind. „ 2 7 _ s den Querschnitt durch das Reich der Erfahrung auch einmal anders zu legen und eftzuftellen, daß jeder Mensch Züge von jedem Typus an sich trägt und daß die diversen Charaktere und Temperamente sich als einträgt und daß die diversen Charaktere und Temperamente sich ander ablö ende Zustände, auch innerhalb einer einzelnen Persönlichkeit Wenn ich im folgenden drei Typen, oder besser drei Stufen, von Bücherlesern aufstelle, so meine ich denn auch damit nicht, daß die Leserwelt sich in diese drei Ordnungen teile so, daß der eine dieser, der andre jener Gattung angehörte. Sondern jeder von uns gehört zeitweise zu dieser, zeitweise zu jener Gruppe. Da ist zuerst der naive Leser. Jeder von uns liest zu Zeiten naiv. Dieser Leser nimmt ein Buch zu sich wie der Essende eine Speise, er ist lediglich Nehmender, er ißt und saugt sich voll, sei es als Knabe am Jndianerbuch, als Dienstmagd am Gräfinnenroman oder als Student an Schopenhauer. Dieser Leser verhält sich zum Buche nicht wie Person zu Person, sondern wie das Pferd zur Krippe, oder auch wie das Pferd zum Kutscher: das Buch führt, der Leser folgt. Das Stoffliche wird objektiv genommen, wird als Wirklichkeit anerkannt. Aber nicht nur das Stoffliche! Es gibt auch sehr gebildete, ja raffinierte Leser, namentlich von schöner Literatur, welche durchaus zur Klasse der Naiven gehören. Diese bleiben zwar am Stosslichen nicht hängen, sie schätzen einen Roman zum Beispiel nicht nach den darin vorkommenden Todesfällen oder Heiraten ein, aber sie nehmen den Dichter selbst, sie nehmen das Aesthetische am Buche völlig objektiv, sie genießen oder erleiden die Schwingungen des Dichters mit, sie fühlen sich in seine Stellungnahme zur Welt vollkommen ein und übernehmen restlos die Deutung, welche der Dichter selbst seinen Erfindungen gibt. Was den schlichten Seelen Stoff, Milieu und Handlung ist, das ist diesen kultivierteren Lesern die Kunst, die Sprache, die Bildung des Dichters, seine Geistigkeit — die nehmen sie als etwas Objektives, als letzten und höchsten Wert einer Dichtung hin, ebenso wie der junge Leser Karl Mays die Taten Old Shatterhands als tatsächliche Werte, als Wirklichkeit hinnimmt. Dieser naive Leser ist, in seinem Verhältnis zur Lektüre, überhaupt nicht Person, nicht er selbst. Er wertet die Geschehnisse eines Romans nach ihrer Spannung, nach ihrer Gefährlichkeit, ihrgr Erotik, ihrem Glanz oder Elend, oder er wertet statt dessen den Dichter, indem er dessen Leistung an Maßstäben einer Aesthetik mißt, die ja doch immer eine kurzfristige Konvention bleibt. Dieser Leser nimmt ohne weiteres an, ein Buch sei einzig dazu da, getreu und aufmerksam gelesen und in seinem Inhalt oder seiner Form gewürdigt zu werden. Man kann aber zu allen Dingen in der Welt, und so auch zum Buch, auch eine völlig andere Stellung einnehmen. Sobald der Mensch seiner Natur folgt und nicht seiner Bildung, fo wird er Kind und beginnt mit den Dingen zu spielen, das Brot wird ein Berg, in den man Tunnels bohrt, und das Bett zur Höhle, zum Garten, zum Schneefeld. Etwas von dieser Kindlichkeit und diesem Spielgenie zeigt der zweite Typ von Leser. Dieser Leser schätzt weder Stoff noch Form eines Buches als seine einzigen ober wichtigsten Werte. Dieser Leser weiß, wie die Kinder es wissen, daß jedes Ding zehn und hundert Bedeutungen und Sinne haben kann. Dieser Leser kann zum Beispiel einem Dichter oder Philosophen zuschauen, wie er sich Mühe gibt, seine Deutung und Bewertung der Dinge sich selber und dem Leser einzureden und kann dazu lächeln und in der scheinbaren Willkür und Freiheit des Autors lediglich Zwang und Passivität sehen. Dieser Leser ist schon so weit, daß er weiß, was den mei ten völlig unbekannt ist: daß es solche Dinge wie freie Wahl des Stoffes und der Form gar nicht gibt. Wo mancher Literarhistoriker sagt: Schiller wählte anno soundso diesen Stoff und entschloß sich, ihn in fünffüßigen Jamben zu bearbeiten — da weiß dieser Leser, daß weder der Stoss noch die Jamben dem Dichter zu freier Wahl ofsen standen, und sein Vergnügen besteht darin, daß er nicht den Stoff in den Händen seines Dichters sieht, sondern den Dichter im Zwang seines Stosses. Für diesen Standpunkt sallen die sogenannten ästhetischen Werte ganz dahin, und es können gerade die Entgleisungen und Unsicherheiten den allergrößten Reiz und Wert haben. Denn dieser Leser folgt dem Dichter nicht wie das Pferd dem Kutscher, sondern wie der Jäger einer Fährte, und ein plötzlich gefundener Blick in das Jenseits der scheinbaren Dichterfreiheit hinein, in des Dichters Zwang und Gebundenheit, kann ihn mehr entzücken als alle Reize einer guten Technik und einer kultivierten Sprachkunst. * Auf diesem Wege noch eine letzte Stufe weiter finden wir den dritten und letzten Typus des Lesers. Nochmals sei betont, daß keiner von uns einem dieser Typen dauernd anzugehören braucht, daß jeder von uns heute der zweiten, morgen der dritten, übermorgen wieder der ersten Stufe angehören kann. Nun also die dritte und letzte Stufe. Sie ist anscheinend die genaue Umkehrung dessen, was man üblicherweise einen „guten Leser" nennt. Dieser dritte Leser ist so sehr Persönlichkeit, ist so sehr er selbst, daß er seiner Lektüre völlig frei gegenübersteht. Er will weder sich bilden noch sich unterhalten, er benutzt ein Buch nicht anders als jeden Gegenstand der Welt, es ist ihm lediglich Ausgangspunkt und Anregung. Es ist ihm im Grunde einerlei, was er lieft. Er lieft einen Philosophen nicht, ihm zu glauben, auch nicht, um ihn zu befeinden oder^zu kritisieren, er liest einen Dichter nicht, um sich die Wett von ihm deuten zu lassen. Er deutet selber. Er ist, wenn man so will, völlig Kind. Er spielt mit allem — und von einem gewissen Standpunkt aus ist nichts fruchtbarer und ergiebiger, als mit allem zu spielen. Findet dieser Leser in einem Buch eine schöne Sentenz, eine Weisheit, eine Wahrheit ausgesprochen, so dreht er sie probeweise erst einmal um. Er weiß längst, daß von jeder Wahrheit auch das Gegenteil wahr ist. Er weiß längst, daß jeder geistige Standpunkt ein Pol ist, zu dem es einen gleich guten Gegenpol gibt. Er ist insofern Kind, als er das assoziative Denken liebt, nur kennt er auch das logische. Und so kann dieser Leser,' so kann jeder von uns in der Stunde, in der er diese Stufe einnimmt, lesen, was irgend er will; einen Roman, eine Grammatik, einen Fahrplan, Schriftproben einer Druckerei. In der Stunde, wo unsre Phantasie und Assoziationsfähigkeit auf voller Höhe ist, lesen wir ja überhaupt nicht mehr, was vor uns auf dem Papier steht, sondern schwimmen im Strom der Anregungen und Einfälle, die uns aus dem Gelesenen zukommen. Sie können aus dem Text kommen, so können sogar nur aus den Schriftbildern entstehen. Das Inserat einer Zeitung kann zur Offenbarung werden. Es kann der beglückendste, der bejahendste Gedanke entstehen aus einem völlig gleichgültigen Wort, das man umdreht, mit dessen Buchstaben man spielt wie mit einem Mosaikspiel. Man kann das Märchen vorn Rotkäppchen in diesem Zustande lesen als eine Kosmogonie und Philosophie oder als eine blühend erotische Dichtung. Man kann auch das „Colorado maduro" auf einer Zigarrenkiste lesen, mit den Worten, Buchstaben und Anklängen spielen und dabei innerlich einen Gang durch alle hundert Reiche des Wissens, der Erinnerung und des Denkens tun. Aber ist das noch Lesen, wird man fragen. Ist der Mensch, der eine Seite Goethe, unbekümmert um Goethes Absichten und Meinungen, lieft wie ein Inserat oder ein zufälliges Durcheinander von Buchstaben, überhaupt noch ein Leser? Ist nicht die Stufe des Lesers, die ich als dritte und letzte nenne, gerade die niedrigste, kindlichste, barbarischste? Wo bleibt für einen solchen Leser die Musik Hölderlins, die Leidenschaft Lenaus, der Wille Stendhals, die Weite Shakespeares?! Der Einwand ist richtig. Der Leser der dritten Stufe ist kein Leser mehr. Das Muster eines Teppichs oder die Ordnung der Steine in einem Gemäuer wäre ihm genau so viel wert wie die schönste Seite im besten Buche. Das einzige Buch für ihn wäre ein Blatt mit den Buchstaben des Alphabets. So ist es: der Leser der letzten Stufe ist überhaupt kein Lefer mehr. Er macht sich nichts aus Goethe. Er braucht Shakespeare nicht. Der Leser der letzten Stufe lieft überhaupt nicht mehr. Wozu Bücher? Hat er nicht die ganze Wett in sich selber? Ist er nicht im Stand der Gnade? Hat nicht Eros ihn angerührt? Wer dauernd auf dieser Stufe stände, würde nichts mehr lesen. Aber noch niemals stand ein Mensch dauernd auf dieser Stufe. Wer indessen diese Stufe überhaupt nicht kennt, sei es auch nur als aufblitzendes Er- lebnis seltener Augenblicke, der ist ein schlechter ein unreife Leser, Er weib ja nicht daß alle Dichtung und alle Philosophie der Leit auch i ihm selbst Hegt, dah auch der größte Dichter aus keiner andern Quelle Schöpfte als aus der, die jeder von uns im eigenen Wesen hat. Sei auch nur e nmal im Leben eine Stunde, einen Tag lang auf der dritten Stufe, aus der des Nichtmehrlesens, so wirst du nachher (die Rückkehr ist so leicht') ein desto besserer Leser, ein desto besserer Hörer unb Detter alles Geschriebenen sein. Habe nur ein einzigesmal auf der Stufe gestanden, wo der Stein am Wege dir ebensoviel bedeutet wie Goethe und Plato, so wirst du nachher aus Goethe, Plato und allen Buchern unendlich mehr Wert, mehr Saft und Honig ziehen als jemals vorher. Denn die Werke Goethes sind nicht Goethe, und die Bände Dostojewskys sind nicht Dostojewsky, sie sind nur sein Versuch, sein zweifelhafter und n,e! zum Ziel gebrachter Versuch, die vielstimmige, vieldeutige Welt, deren Mittelpunkt er war, zu bannen. . Versuche ein einzigesmal eine kleine Gedankenreihe, wre sie dir im Svalierenaehen kommt, festzuhalten! Oder scheinbar leichter, einen em= taten Iraum den du in der Nacht gehabt hast! Du hast etwa geträumt, ein Mann bedrohe dich erst mit einem Stock, verleihe dir dann aber einen Orden Aber wer war der Mann? Du besinnst dich, du findest an ihm Zuge deines Freundes, deiner selbst, deines Feindes, aber etwas an ihm ist auch anders, ist weiblich, er hatte, nicht zu sagen wie etwas an sich, was dich an eine Geliebte, an eine Schwester erinnert. Und sein Stock, der dich bedrohte, hatte eine Krücke, d,e erinnert dich an den Stock, mit dem du einst deine erste Ferienwanderung als Schuler gemacht hast, und da brechen hunderttausend Erinnerungen ein, und wenn du den Inhalt des einfachen Traumes festhalten und aufschrelben willst, sei es auch nur stenographisch und in Stichworten, so kannst du ehe du nur bis zum Orden kommst, schon ein Buch oollgeschrieben haben ober Zwei, oder lehn Denn der Traum ist nichts als das Loch, durch das du in den Inhalt deiner Seele siehst, und dieser Inhalt ist die Welt, nicht mehr und nicht minder als die Welt, die ganze Welt. — Und so tote ein Versuch, deinen Traum aufzuschreiben, sich zur Welt verhalt, tue dein Traum um- suht so verhält sich das Werk des Autors zu dem, was er sagen wollte. Am zweiten Teil von Goethes „Faust" haben Gelehrte und Liebhaber nun bald hundert Jahre herumgedeutet, sie haben die ichonsten und die dümmsten, die tiefsten und banalsten Deutungen gesunden. Aber m jedem Dichterwerk ist, wenn auch verhüllter, heimlich unter der Oberfläche die namenlose Bieldeutigkeit vorhanden, diese „Ueberdetermmiertheit der Symbole", wie die neuere Psychologie in ihrer Sprache sagt. Ohne sie, sei es auch nur ein einzigesmal, in ihrer unendlichen Fülle und Unaus- beutbarteit erkannt zu haben, stehst du jedem Dichter und Denker beschränkt gegenüber, nimmst für das Ganze, was nur ein kleiner Teil ist, glaubst an Deutungen, die kaum der Oberfläche gerecht werden. Die Wandlungen des Lesers zwischen den drei Stufen sind, wie sich von selbst versteht, jedem Menschen auf jedem Gebiete möglich. Dieselben drei Stufen mit tausend Zwischenstufen kannst du einnehmen der Baukunst der Musik, der Zoologie, der Historie gegenüber. Ueberatl wird die dritte Stufe, auf der am meisten du selbst bist, deine Leserschast ausheben, die Dichtung aufläsen, die Weltgeschichte auflösen. Sie wird für Augenblicke, alle Gestaltung und Ordnung auflöfen, weil sie nichts andres ist als die Einkehr in die Einheit, welche hinter dem Vielerlei der Gestaltungen steht. Und doch wirst du, ohne diese Stufe ahnungsweise zu kennen, alle Bücher, alle Wissenschaften und Künste immer nur lesen wie ein Schuler eine Grammatik liest. Der Spinnerin Lied. Von Clemens Brentano. Es fang vor langen Jahren Wohl auch die Nachtigall, Das war wohl süßer Schall, Da wir zufanmien waren. Ich fing und kann nicht weinen Und spinne so allein Den Faden klar und rein, Solang der Mond wird scheinen. Da wir zusammen waren, Da sang die Nachtigall, Nun mahnet mich ihr Schall, Dah du von mir gefahren. So oft der Mond mag scheinen. Gedenk ich dein allein, Mein Herz ist klar und rein, Gott wolle uns vereinen! Seit du von mir gefahren, Singt stets die Nachtigall, Ich denk bei ihrem Schall, Wie wir zusammen waren. Gott wolle uns vereinen, Hier spinn ich so allein, Der Mond scheint klar und rein, Ich fing und möchte meinen! saure Gurken und ungesüßten -Lei des Wartens —, verließ man c.. Stunde, so konnte man gewärtig Oer Chinese. Erzählung von Werner Sergengruen. Während eines jener kleinen Feldzuge bie im °^en.®ur°p° Beendigung des großen Krieges geführt wurden, hatte ich auf einer bebeutungslofen Bahnstation drei Tage lang auf eine Möglichkeit zur Weiterfahrt zu warten; dergleichen gefchah einem bamals häufig. Nichts iit mir aeaenroärtiaer als solche Bahnhofsraumlichkeiten: der faue.liche Lruch LL SoWLuch, Leder, schwamm Brot und Machorka-Tabak, die Zigarettenstummel, die ausgespuckten Hülsen von S°nnenblumen- temen aus dem Boden, die unbegreiflich jufammengebrangten Menschen Haufen,Flüchtlinge mitBünbeln und schreienden Kindern, kla^nde grauen, Männer in Solbatenmänteln, liegend, hockend, viele rm Stehen Ma send, bewaffnet ober unbewasfnet; niemand konnte Nochfoldaten und Nichtmehrsolbaten untertreiben. An ber Wanb bes Wartesaales die fliegenbeschmutzte Preistafel von einst: die große Portion Hasenbraten in saurer Sahne für vierzig Kopeken —, am Busctt aber nichtsals saure Gurken und ungesüßten Tee, das Glas für dre, Rubel. Eme Holle Lg Wartens —, verließ man aber den Bahnhof auch nur für eine Stunde, so konnte man gewärtig oder geasth sein, den Zug zu ver- Jch faß auf meinem Koffer, den zweiten Sitzplatz uberheß ich einem Oberstleutnant, der auf den Gegenzug wartete. Es war em schlich ter und gesammelter Mensch in den Vierzigern mit.°ng°nehmer e was leiser Stimme und mit einer goldenen Brille Sein Gestcht habe ich nicht vergessen: dars ich sagen, dah er etn belegtes Gesicht hatte, wie andere Menschen eine belegte Zunge haben? Wahrhaftig, em treffenderes Wort finde ich nicht für diesen sonderbaren ^g geduldigen °b r unaMdjüttelbaren Orüblcrtums. Im übrigen war er ein Popensohn wie so viele Osfiziere von der Linieninfanterie; er stammte aus einem jener zahllosen Jnsanterieregimenter, die sich durch nichts unterschieden als durch ihre Nummern, und aus einer jener zahllosen Promnzgarmsonen, die sich durch nichts unterschieden als durch ihre Namen. Man weih, welch eigentümliche Verrückung des Zeitsinns auf See= führten zu geschehen pflegt: am Abend des ersten Tages sind einem bie Mitreisenden so vertraut, als habe man vier Wochen miteinander in einer Pension gelebt. Aehnliches vollzog sich hier . . Wir hatten bald festgestellt, dah wir >m großen Kriege einander gegenübergelegen hatten, in einem Geländeabschnitt, den wir die Bub- noroer Mulde nannten, während er bei den Russen ber «rigabiers= winkel hieh, unb wir Erinnerten uns mancher Vorfälle aus jener Zeit. Wir bewirteten einander mit unseren Mundvorräten; er teilte seine Lektüre mit mir, indem er mir sorgfältig, sobald er zwei Seiten gelesen hatte, bas herausgerissene Blatt hinreichte, es war eine russische Ausgabe bes „Hundes von Baskerville". Wir wechselten uns ab in den halbstündigen Erkundungsgängen zum Stationsvorsteher Kurz wir teilten- eine Zeitspanne, die uns das Gewicht eines >w Kerker verbrachten Jahres zu Haden schien. Unsere Gespräche unterbrach häufig das auf. springende Gerücht, der Zug sei im Anrollen. Da hieh das Gepäck nehmen und auf den Bahnsteig stürzen, um sui'den Kamps um de Wagentür in vorderster Linie bereit zu stehen. War das Gerücht als trügerisch erwiesen, so galt es die gleiche Hetzjagd zurück in den Warteaal wollte man nicht der paar Kubikfuß geheizten fftaumes Dcrluftig gehen. Am zweiten Tage erzählten wir uns Dinge, die nicht mehr an der Oberfläche unfern Existenzen lagen. Am dritten berichtete er mir fein ^Ein'^Jahr vor unserer Begegnung war der Oberstleutnant mit einem Freiwilligenbataillon im Vormarsch gegen die Rote Garde. In Ki^rowo kommen zwei halbwüchsige Jungen mit einem Gesungenen zum Batall- lonsftob unb mit einer schriftlichen Meldung ihres Kompaniefuhrers. der Chinese sei mit geladenem Militärgewehr in einer Dorstadtgasse er- wischt worden, Munition, Ausrüstungsstücke ober Papiere habe er nicht gehabt, Russisch spreche und verstehe er nicht. U Der Oberstleutnant läßt ihn vorsühren. Er hat ein paar Jahre in ber Mandschurei Dienst getan, Chinesengesichter sind ihm gelau ig; über die gängige Meinung Europas, alle Chinesen hätten ununterscheidbar, eine einzigartige Physiognomie, ist er hinaus. Dieser Gefangene hat zu- dem noch ein Merkmal, nämlich das rechte Ohr ist verkrüppelt, ob von Geburt ober infolge einer Verletzung, ist nicht zu ersehen. Auch meint ber Oberstleutnant, die Augen bes Arrestanten feien runder gebildet, als es bei feiner Nation die Regel ist; übrigens find es freundliche Augen, ja man muß vielleicht sagen: gute Augen.-Sonst besagen seine Zuge, daß er ein Kuli ist ohne mehr Verstand als zum Sandschippen gehört vermutlich arbeitsam und leicht zufrieden zu stellen, jetzt inbeffen oon Schrecfniflen verschüchtert unb voll einer unbestimmten Erwartung. Er hat hohe Stiesel an unb einen zerrissenen stäbtischen Anzug. Man mag bei ber Kompanie geglaubt haben, der Oberstleutnant verstehe von srüher her ein wenig Chinesisch. Daher hat man ihm den Mann geschickt, vielleicht, daß ein Verhör Wissenwertes zutage bringt Nur aus diesem Grunde hat der Kompaniesührer ihn nicht erschießen lassen, wozu er berechtigt, ja, verpflichtet war; denn der Chinese wurde mit der Waste in der Hand betroffen, und es war längst durch Maueranschlag bekannt gemacht worden, welches Schicksal den unbefugten Waffenträger er- w°D*er Oberstleutnant hat seine zehn ober zwölf chinesischen Worte längst vergessen. Er fragt russisch. Der Gefangene antwortet: „Nicht Russisch - Fragen, Drohungen, Kunstgriffe, wie man sie zur Entlarvung von Simulanten anwendet — das Ergebnis bleibt unverändert: „Nicht Rustycy . In Westeuropa wissen wenige, welche Mengen chinesischer Shihs als billige Arbeitskräfte in ber männerarmen Kriegszeit nach Rußland strömten. Bei Bahn-, Straßen-, Dammbauten arbeiteten sie zu Tausenden, hausten in Kolonnen miteinander, hatten ihre Köche, Einkäufer, fprcuy- kundige Vertrauensleute, die für sie mit Behörden, Unternehmern, Loyn- zahlern verhandelten, — da konnte es geschehen, daß einer zwei Jahre im Lande war, ohne ein Wort Russisch zu lernen. Als die Ordnung I löste, schlossen sich viele den roten Abteilungen an, findige Raubsucht uno blinder Alarm. Wir haben keinen Abschied nehmen können. Diese Begegnung bewegte mich lange auf eine sehr eindringliche Art. Es kam mir vor, wenn ich des Oberstleutnants weitere Schicksale erführe, dann mühten mir allerlei Fragen, die mich sehr beschäftigten, plötzlich beantwortet sein. Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach dem Wesen der Welt und des Schicksals: denn so drückt man sich ja wohl aus in dem Alter, in welchem ich mich damals befand. Ich bin ihm nicht wieder begegnet; Nachforschungen, die ich in den Kreisen der Emigranten anstellte, blieben ohne Erfolg; später wurden mir andere Dinge wichtig; man weiß, wie das zugeht; ich habe Kinder und Arbeiten und finde den Namen des Oberstleutnants heute nicht mehr in meinem Gedächtnis. kalte Grausamkeit machten sie verhaßter, ckls es der unmenschlichste Russe seinen Landsleuten hätte werden können. Andere begriffen nur, daß die Weihen irgendeinen Streit unter sich hatten, dah die Brote teuer und die Schießereien häufig geworden waren und daß man trachten mußte, irgendwie, zu Fuß und auf Waggondächern, mit den gesparten Rubeln zu Eltern und Kindern nach Tschang-Ling oder Sam-Schm sich durchzuschlagen. „Was für ein Kerl war dieser?" sagte der Oberstleutnant. „Ein Mitganger der Roten? Oder hat er ahnungslos ein weggeworfenes Gewehr aufgehoben und gemeint, vielleicht gibt ihm einer ein paar Rubel Reisegeld dafür? Ich habe mir eine Weile den Kopf zerbrochen, er tat mir leid. Schließlich, — ich hatte keinen Dolmetscher, mitschleppen konnten wir ihn nicht, zuwarten auch nicht, der Marschbefehl lag vor. Wenn er ein roter Freischärler war, sollte ich ihn im Rücken der Truppe laufen lassen? Meine Instruktion war deutlich. Und was zum Teufel hat denn unser Beruf für einen Sinn, wenn nicht den, daß wir Gewissensverantwortungen aus uns nehmen, di« dem gemeinen Mann zu schwer zu tragen wären? Ich gebe dem Ehinesen ein Stück Brot, einen Schnaps, eine Zigarette, ich sage zu meinem Adjutanten: Ab an die Wand. Nachher frage ich und höre, er hat immer lauter und höher geschrien: „Nicht russisch! Nicht russisch!" — womit er vielleicht ganz andere Dinge hat ausdrücken wollen, nur fehlten ihm di« Worte. Dann ist er still geworden und hat mit gesenktem Kopf aus seine Kugeln gewartet. Da habe ich gedacht, ich hätte ihn wohl laufen lassen dürfen, ohne daß es eine Pflichtverletzung gewesen wäre. Ich muß Ihnen aber noch mehr von diesem Chinesen erzählen. Da wär« es ja nun sehr leicht für mich, die Geschichte mir nachträglich zurechtzulegen, wie man das meistens tut, und etwa zu sagen, der Vorfall habe mich in der Erinnerung beunruhigt. Aber ich habe kaum mehr an ihn gedacht, es gab so viel anderes und auch Aergeres, und auch geträumt habe ich nicht von ihm. Ein halbes Jahr darauf werde ich mit einem Auftrag zum General Subrinski geschickt, irgendwo hinter Taganrog. Der Stab liegt auf einem Gut, dreißig Werst von der Bahnstation. Mein Zug kommt an, es ist ein klarer. Frühlingsmorgen. Vor dem Bahnhof hält ein Kraftwagen mit dem Stabsfähnchen. Ich frage den Fahrer, er soll ExzellenzSoundso abholen, es war irgendein früherer Dumadeputierter oder Minister, was weiß ich. Er kommt und hat Eile, ich frage, ob er mich mitnehmen will. „Bitte sehr!" Ich habe den Fuß schon auf dem Trittbrett, da sehe ich jenseits des Wagens auf fünfzehn Schritt einen Chinesen stehen. Ich denke, warum soll da kein Chinese stehen, und will den anderen Fuß nachziehen. Der Chinese winkt mir, ich stutze. Das alles war in Sekunden. Er winkt dringlicher, ich trete zurück. Ich habe keinen bestimmten Gedanken gehabt in diesen Augenblicken, es kam mir einfach so vor, als sei es wichtiger, auf ihn zuzugehen, als in den Wagen zu steigen. Ich ging also um den Wagen herum, der Chinese entfernte sich, ich ging hinter ihm her auf den kleinen Garten zu, in welchem der Stationsvorsteher seine Laube und seine Fliederbüsche hatte. Der Cinese wandte sich um und winkte mir wieder, vom Wagen her wurde nach mir gerufen. Jetzt fällt mir ein, daß er ja einen Anzug hat wie der Gefangene in Kudrowo, und ein verkrüppeltes Ohr, ja, das hat er auch. Es wurde mir eiskalt ums Herz, ich wußte, er führt mich in die Dunkelheit einer unausdenkbaren Rache; aber ich hatte nicht die Gewalt, umzukehren oder stehen zu bleiben. Der Chinese war in die Laube getreten; ich bin aus die Laube zugegangen, wie ich bei Brzezany aus Ihre Stellung zugegangen bin, da habe ich ja auch nicht umkehren oder abbiegen können, obwohl das vielleicht angenehmer gewesen wäre. Aber wie ich in die Laube komme, da ist sie leer, und sie hat doch nur einen Zugang. Ich denke, ich habe mich geirrt; ich schaue mich im Garten um, vergebens. Ich beginne plötzlich zu lausen, denn es gab für mich nichts Wichtigeres als diesen Chinesen; ich renne auf den Bahnsteig, an ine Rampe, durch die Warteräume, über die Gleise, ich frage Soldaten und Eisenbahner: Nichts. „ Nun, ich war sehr verstört: aber ich hatte ja meinen Auftrag, was blieb mir übrig? Der Stahswagen war weg, der Politiker hatte es ja eilig gehabt, wie hätte er warten sollen, wenn ich plötzlich wie ein Unsinniger davongegangen war? Mit einiger Mühe beschaffte ich mir ein Bauernsuhrwerk. Unterwegs hörte ich, was geschehen war. Das «tabs- auto war in der Kurve mit einem Lastkraftwagen zusammengestohen, einem behelfsmäßigen Panzerauto, irgend so ein junger Bengel von der Junkerschule hat es gesteuert, weiß der Teufel, wie es zuging, aber der Stabswagen ist darausgegangen, und der Fahrer und der Politiker waren auf der Stelle tot. ...... ... Ich habe Ihnen eigentlich nichts mehr zu erzählen, d,e G^chichte ist xu Ende. Aber das Wichtigste fängt doch jetzt erst an, nämlich es muß sich ja noch der Sinn offenbaren. Denn sehen Sie, wenn eine Sache auf der Welt einen Sinn hat, dann muß alles auf der Welt einen Sinn haben, und wenn Sinnloses möglich ist, dann muß alles ohne Sinn [ein. Davon ist natürlich nicht zu reden, daß ich mich getäuscht habe oder daß es irgendein anderer Chinese gewesen sein könnte, ich kann ja chinesische Gesichter auseinanderhalten, dieses hatte noch seine Merkmale, und es ist ja auch von niemandem auf der Station ein Chinese gesehen worden, hat sich mein Schutzengel dieser Verkörperung bedient? Ader warum gerade dieser? Oder war es der Chinese, der sich in Kudrowct selber sein letztes Loch schaufeln mußte? Wenn ich an feine guten Augen denke, dann könnte ich es mir vorstellen. Wollte er sich vor mir rechtfertigen? Was konnte ihm daran liegen? Oder mein Gewissen beladen? Vielleicht sollte auch durch dies Geschehnis irgend etwas Besserndes in mir bewirkt werden, ich weiß es nicht. Dann aber bin ich auch zu der Meinung gekommen, ich sollte gerettet werden, um einem noch viel, viel schrecklicheren Schicksal aufgespart zu bleiben, und das hat der Chinese so einzurichten verstanden, der ein gerissener roter Zaunschütze gewesen ist oder ein armes Gotteskind." * Jemand schrie: „Der Zug aus Alexandrowka!" Der Oberstleutnant sprang auf und rannte mit den anderen davon. Diesmal war es kein Oie Dame mit dem Otterpelz. Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.) „Als ich in die Heimat zurückkchrte, war mein Bruder bereits auf dem besten Wege, ein reicher Mann zu werden. Er hatte die Zeit benutzt und sich durch geschickte Spekulationen in die höhe gearbeitet. Damals hatte er gerade um ein Spottgeld von einer verarmten Kriegerwitwe das Haus am Schöneberger Ufer gekauft und forderte mich auf, zu ihm zu ziehen. Aber ich schlug sein Anerbieten aus. Ich hatte die feste Absicht, mich nach und nach von ihm loszulösen. Und ich begann mit dieser räumlichen Trennung ... Zum Glück sand ich auch bald darauf ein« Anstellung bei Neff & Petersen, wo ich all die Jahre auch verblieben bin ... Es ist keine sehr anregende Tätigkeit. Und das Gehalt steigt nur sehr langsam. Ader man muh ja heutzutage froh fein, wenn man überhaupt irgendwo unterkommt ..." „Und — wie ging es weiter?" Kling reichte ihm eine neue Zigarette, „haben Sie die „geschäftlichen" Beziehungen zu Casus Fuchs wieder ausgenommen?" „Vorerst nicht. Ein paar Jahre lebte ich von meinem Gehalt. Mein Bruder stellte auch kein neues Ansinnen mehr an mich — seine anderen Geschäfte schienen genug abzuwersen. Er hatte inzwischen eine entfernte Verwandte zu sich genommen, Olly Hohmann. Sie hatte schnell hintereinander ihre beiden Eltern verloren und war damals ein Kind von elf Jahren. Soweit Casus Überhaupt imstande war, zu lieben — liebte er dieses kleine Mädchen. Er ließ ihr die beste Erziehung angedeihen. Er war für seine Person der anspruchsloseste Mensch. Er gönnte sich nicht einmal einen anständigen Anzug. Aber für Olly war ihm nichts gut genug. Sie hätte in dieser Umgebung ein verwöhntes Durchschnittsgeschöpf werden können, wenn sie anders veranlagt gewesen märe. Aber sie zeigte schon fehr früh einen starken Drang zur Unabhängigkeit. Sie setzte es durch, eine bakteriologisches Examen machen zu dürfen und eine Stellung als Laborantin anzunehmen. Obwohl sie zu Hause ein bequemes, wenn nicht luxuriöses Leben hätte führen können." Kling nickte zustimmend. „Das entspricht ganz dem Eindruck, den ich von ihr empfangen habe. Aber erzählen Sie weiter! Wann haben Ihre geschäftlichen Beziehungen zu Fuchs wieder eingefetzt? Denn daß Sie diese Geschäfte schon seit einiger Zeit wieder betrieben haben, dafür spricht ja Ihr „Atelier", das wir ausfindig gemacht haben. Wegen einer einzigen „Restaurierung" haben Sie sich diesen Raum wohl nicht zugelegt." „Nein — ich habe ihn mir vor etwa anderthalb Jahren ausbauen lassen. Denn aus einmal fing mein Bruder wieder an, mich mit Aufträgen zu bestürmen. Eine wahnsinnige Geldgier schien ihn plötzlich gepackt zu haben. Er konnte gar nicht genug Mammon anhäufen. Und ich glaube auch den Grund zu erraten, warum er plötzlich so unersättlich im Erraffen war ..." „Warum meinen Sie?" „Weil er in Olly verliebt war ... Weil er beabsichtigt«, sie zu heiraten. Und weil er fühlte, daß er, ein alternder und schwerleidender Mann, seinem Antrag nichts mehr entgegenzusetzen hatte — als — Geld. Und nochmals Geld ..." ..... „hat er denn diese Absicht Fräulein Hohmann gegenüber schon einmal geäußert? ..." .... „Nein — aber sie ahnte es wohl. Und wir berieten bereits, ob es nicht besser für sie wäre, fein Haus vorher zu verlassen. Aber ich — mit meinem bescheidenen Gehalt — was hätte ich ihr bieten können! Und da ..." . Er geriet ins Stocken und langsam stieg ihm eine dünne Rote ,ns Gesicht. Erst nach einem kurzen inneren Ringen entschloß er sich, weiter zu sprechen. „Da kamen mir Cajus Aufträge sehr gelegen. Ich sah darin die einzige Möglichkeit, Geld zu machen. Und ich hoffte, wenn alles glatt ging, in etwa einem Jahr soweit zu sein, daß wir — Olly und ich — unseren eigenen haushalt gründen könnten. Da kam die Geschichte mit Grau ..." „Eine Frage noch! hatte Ihr Bruder eine Ahnung von den Beziehungen zwischen Ihnen und Olly Hohmann?" „Das glaube ich nicht. Wir waren in seiner Gegenwart immer sehr vorsichtig ... Nein, — er war bestimmt ganz ahnungslos. Denn er räumte mir ja selbst eine Art von brüderlichem Beschützeramt über Olly ein. Er fchickte mich mit ihr Ins Theater und zum Tennisspielen und anderen Vergnügungen, an denen er selbst durch Geschäfte oder sein körperliches Leiden verhindert war. Und er kannte unsere gemeinsame Leidenschast für das Schachspiel. Schon als kleines Ding hat Olly ganze Sonntage mit mir vor dem Schachbrett gesessen." ,Und wenn er es eines Tages doch gemerkt hatte? Was glauben Sie — würde er bann getan haben? ..." Fuchs zuckte die Achseln: „Ich weiß nicht. Vielleicht hätte er mich ...Ich sagte Ihnen ja vorhin schon, daß er zu allem fähig war." Der Kommissar spielt nachdenklich mit seinem Bleistift. Plötzlich hob er den Blick und sah dem Angeklagten durchdringend in die Augen. Blick. Grau unterschied ... Casus hatte sein Ziel erreicht!" ... Eine Pause trat ein. Kling stützte versonnen das Kinn in die Hand. Ein wirrer Gedankenknäuel wälzte sich in seinem Gehirn. Endlich gelang es ihm, den verlorenen Faden wiederaufzunehmen. „Und Grau hat dann die Kopie, wie es ihm in der Wachsuggestion befohlen war, an Ihre Adresse geschickt, und Sie haben sie in der Inoalidenstraße in Empfang genommen? Das stimmt also. Und was geschah weiter damit?" „Ich habe dann die Kopie nach unserer bewährten Methode antikisiert und mit dem Originalrahmen versehen. Auch das geübteste Auge hätte Abklatsch. . ., Mein Bruder wurde immer nervöser. Er war förmlich verbissen in diese Sache und wollte seine Absicht unter allen Umständen durchführen. Zuletzt entschloß er sich — gegen Ende Oktober — zu einer Reise nach Kopenhagen, um vielleicht dort noch einen Maler aufzutreiben, der imstande war, dqs Bild zu kopieren. Aber schon am gleichen Abend kehrte er zu meinem Erstaunen von dieser Reise zurück und suchte mich noch spät in der Nacht auf. Er war wie ausgewechselt. Wie elektrisiert. Seine Augen funkelten triumphierend. Er packte mich bei den Schultern. „Du — Spatz —, heute habe ich ein Experiment gemacht ... Ein fabelhaftes Experiment! Wenn das glückt — dann gehört uns die Welt, mein Söhnchen! Dann kann uns nichts mehr passieren!" Und er erzählte in überstürzten Worten, daß er aus der Fahrt im Kupee einen jungen Maler kennengelernt habe: „Einen seltenen Kauz sage ich dir! Ganz primitiv noch — beinahe kindlich. Und dabei von einer Sensibilität ...! Man brauchte bloß anzutippen — prompt reagierte er. Zuerst interessierte er mich nur als pathologischer Typ. Aber dann — aus einmal — kam mir ein Einfall. Ein grandioser Einfall! Dieser Bursche da — sagte ich mir — müßte ein famoses Objekt fein für ein hypnotisches Experiment. Und — warum sollte ein Mensch, wenn er aus hypnotischen Befehl eine rohe Kartoffel für den besten Apfel ißt, nicht auch ein Bild — für eine lebende Person ansehen . Der Richter und Kommissar Kling wechselten einen überraschten Eine ganz vage Erkenntnis schien in Kling aufzudämmern. „Dann war also — diese — Gräfin nichts anderes als ..." „Ein Bild. Ja, meine Herren — nichts anderes, als das! — a— war nur in dem Glauben, daß er ein lebendiges Modell vor sich hatte. Mein Bruder hate ihm das suggeriert. Er brachte das Originalgemälde zu einer ,einmaligen Sitzung' nach Stralsund und stellte es ihm als feine „Nichte" vor. Und Grau verliebte sich unter der Einwirkung feiner Hypnose derartig in das Modell, daß er eine Kopie zustande brachte, die ein Kunstwerk für sich darstellte und sich in nichts vom Original „Dann — wäre Ihnen also fein Tod eigentlich — fefyr gelegen ge- tommen ? ** Caspar Fuchs starrte ihn eine Sekunde sprachlos an. Dann antwortete er ohne Erregung, mit einem fast traurigen Lächeln. „Jcem Herr Kommissar, - ich habe ihn nicht getötet! Ich weiß, daß Sie diese Möglichkeit im Augenblick erwogen haben. Aber das ist ein Absurdum. Wenn Sie mein inneres Verhältnis zu Casus begriffen hatten, wurde Ihnen dieser Gedanke nie gekommen fein. Niemals wäre ich imstande gewesen, ihn zu morden. Auch nicht aus Siebe zu Olly ... „Auch nicht — in Notwehr?" „Vermutlich — nein —! Aber ich versichere Ihnen — Caius ist eines durchaus natürlichen Todes gestorben." Er lächelte ironisch. „Und außerdem haben Sie ja — was für Sie mehr ins Gewicht fallen dürfte als alle meine Beteuerungen — mein Alibi! Ich war an jenem Samstag als Cajus "sich die Verletzung zuzog, wirklich bei Pastor Lenck in Potsdam. Das ist ja bereits einwandfrei festgestellt. Er hatte die letzten Sätze mit so ruhigem und überzeugenden Ernst gesprochen, daß Kling sich gezwungen sah, den plötzlich in ihm aufge- ftiegenen Verdacht wieder fallen zu lassen. Er ging schnell zu einem anderen Punkt über: ..., r Dann wollen Sie uns also, bitte, die Sache mit Grau erzählen, Herr Fuchs! Ist Ihnen bekannt, wann und wie Ihr Bruder den Maler kennen 9eler@eroi6, fogär mit allen Einzelheiten ist mir dies bekannt! Aber wenn Sie'erlauben, möchte ich der Reihe nach erzählen, damit Sie em vollständiges Bild bekommen ... Also eines Tages — es ist schon über ein Jahr her, zeigte mein Bruder mir das Oelgemälde „Die Dame mit dem Otterpelz" von Guarnado, das er von Graf Werdenburg in Pfand genommen hatte. Er machte wohl öfter derartige Geschäfte und meist verfielen die Pfänder und blieben in feiner Hand. Auch diesmal hatte er es wohl auf die e Spekulation abgesehen. Er war ganz verrückt nach dem Bild. Und einmal sagte er, er hätte bereits einen Interessenten dafür gefunden. Und es sei mindestens eine Million daran zu verdienen. „Die Million ist mir schon so gut wie sicher, mein Lieber", lachte er. „Denn der alte Pleitegeier wird die sechzigtaufend Mark nie mehr aufbringen können." — Aber diesmal hatte er sich verrechnet. Vor etwa anderthalb Monaten kam er eines Tages, weiß vor Aufregung, zu mir und zeigte mir einen Bries, worin der Gras ihm mitteilte, daß er die Schuldsumme bis zu einem bestimmten Termin bei seiner Bank hinterlegen werde und die Rücksendung des Bildes erwarte ..." Mein Bruder war außer sich. Er tobte vor Wut und Enttäuschung. Dann plötzlich sagte er mit wildem Entschluß: „Wir müssen es — .restaurieren', Spatz! Dieses Geschäft darf uns nicht durch die Lappen gehen — so wahr ich lebe!" Anfang Dejember kommt mein Interessent aus Amerika. Und wenn unsere schöne Grasm erst mal jenseits der großen Pfütze ist, dann können sie uns nichts mehr wollen ..." ... , , . , Aber je näher der Ablieferungstermin ruckte, um so mehr schwand feine Zuversicht. Die Kopisten, die er für derartige Zwecke an der Hand hatte, verfugten vor diesem Bild. Keiner war imstande, auch nur annähernd den subtilen Reiz des Gemäldes wiederzugeben. Alle Kopien erwiesen sich im Vergleich mit dem Original als roher und stümperhaster keinen Unterschied gefunden. Und ich war — so grotesk es klingt — so stolz aus diese Fälschung, daß ich sie am liebsten behalten hätte ... Alles übrige hat Cajus dann selbst besorgt. Er hat an jenem Samstag wahrend meiner Abwesenheit bas Bild in meiner Wohnung verpackt und zur Post chafsen lassen. Und bei dieser Gelegenheit hat er sich auch die Verletzung beigebracht, an der er später gestorben ist ..." ' Der Kommissar grübelte in sich hinein. „Merkwürdig ... Wissen Sie über den Unfall etwas Näheres? ,^a, soviel mein Bruder mir davon erzählt hat. Ich ries ihn am Sonntagmorgen, nachdem Ihre Beamten bei mir gewesen waren, sofort an um ihn zu warnen. Denn ich merkte natürlich, daß irgendwas gegen uns im Gange mar. Nur — was es war, konnte ich nicht erraten. Einen Augenblick fürchtete ich schon, daß es sich um eine Verwechslung handelte, und daß Cajus währens meiner Abwesenheit in meiner Wohnung umgebracht worden war. Erst, als ich am Telephon feine Stimme hörte, war ich beruhigt. Ich kleidete mich sofort an und fuhr zu ihm. Er sah da schon sehr schlecht aus und ich merkte, daß er Schmerzen hatte. Seme linke Hand war dick umwickelt — mit Taschentüchern und allerhand unsauberem Zeug. Wie das so in seiner nachlässigen und gleichgültigen Art lag. Und er erzählte mir auf Befragen, daß er sich beim Verpacken der Kiste ein Brecheisen durch die Hand gerannt habe. „Wie hast du denn das angestellt?" fragte ich noch halb im Scherz, denn mir war eine solche Ungeschicklichkeit ganz unverständlich. Und auch seine eigene Schilderung des Unfalls klang völlig rätselhaft. . , Ja — denke dir" — erzählte er mit einer gequälten Grun-che — „wie ich am Boden knie und den Deckel aufnagele — wird mir plötzlich fürchterlich schlecht. Weiß Gott, was es war — vielleicht eine plötzliche Herzschwäche, oder das Bücken ist mir nicht bekommen — jedenfalls wurde mir mit einem Mal ganz grün vor den Augen. Das ganze Zimmer drehte sich um mich. Ich will aufstehen und — ich weiß nicht mehr — habe ich das Eisen schon in der Hand gehabt oder habe ich erst in meiner Verwirrung blindlings danach gegriffen ... Aber wie ich schon halbaufgerichtet war, verlor ich auf einmal das Bewußtsein ... Nur aus ein paar Sekunden. Aber das hat genügt. Ich merkte noch, daß ich vornüberfiel, aber ich konnte mich nicht mehr halten ... Die Bilderkiste stand mir im Weg. Und ganz dunkel spürte ich einen rasenden Schmerz in meiner linken Hand ... Als ich kurze Zeit darauf wieder zu mir kam, lag ich mit dem Oberkörper am Boden und mit den Seinen aus der Kiste. Ein Wunder, daß ich nicht den Hals gebrochen habe! Mein Gesicht war voller Blut — und ich dachte zuerst, ich hätte eine Kopfverletzung. Aber da war alles intakt. Nur an der linken Hand hatte ich eine Wunde, die stark blutete. Ich muß mir im Fallen das Stemmeisen hineingerannt haben. Es ging durch und durch ... Na, bloß keine Ausregung — es hätte schlimmer ausfallen können! ... Er war nicht zu bewegen, nur die Wunde zu zeigen. Er ließ ja nie etwas an sich tun und vernachlässigte jedes Leiden. Wir waren alle schon so daran gewöhnt, daß wir uns gar nicht viel Gedanken machten. Aber schon am Montag rief Olly mich aus dem Krankenhaus an, daß fein Zustand bereits hoffnungslos fei. Ich habe ihn nicht mehr lebend wiedergesehen ..." „Und was für eine Absicht hatten Sie weiterhin mit dem Bild?" ergriff nach einer kurzen Stille der Untersuchungsrichter das Wort. „Ich meine natürlich den echten Guarnado. Was gedachten Die damit anzu- fangen?" Der Angeklagte zuckte die Achseln: „Ich weiß nicht. Ich habe in all dem Trubel der letzten Tage überhaupt noch keine Zeit gesunden, darüber nachzudenken —" „Aber Sie haben es doch sorgfältig versteckt!" „Das habe ich bereits getan, als ich das erstemal durch den Besuch der Polizei alarmiert war. Das Bild hatte bisher in meinem großen Kleiber» schrank gestanden. Aber dieses Versteck schien mir nicht mehr sicher genug. Ich mußte ja jeden Augenblick eine Haussuchung erwarten. Und da versteckte ich es auf Casus' Rat noch an jenem Sonntag zwischen zwei Ma- tratzen hinter der Tür ..." „Ich danke Ihnen ..." Der Richter warf Kling einen fragenden Blick zu. Dieser nickte schweigend. „Wir wollen Sie für heute in Ruhe lassen, Fuchs. Das Verhör scheint Sie ziemlich mitgenommen zu haben ..." Der Angeklagte erhob sich schwerfällig. Im Abgehen streifte er die beiden Herren mit einem unsicheren Blick. Endlich — nach einem verstockten Zögern — rang er sich die Frage ab: „Wird es mir jetzt vielleicht gestattet sein — ein paar Zeilen an Olly Hohmann zu schreiben? Ich möchte nicht, daß sie allzu schlecht von mir denkt." Und Kommissar Kling antwortete mit einem Blick auf den Richter: „Ich glaube — dem steht jetzt nichts mehr im Wege!" 20. An einem der nächsten Abende suchte Kommissar Kling Dr. Morris in feiner Privatwohnung aus. Er fühlte das unbezwingliche Bedürfnis, sich mit diesem klugen und feinfühligen Arzt über einige Fragen auszufprechen, die ihn feit Tagen beschäftigten und fein seelischs Gleichgewicht in nicht unbedenklicher Weise bedrohten. Dr. Morris sah ihn prüfend an. „Sie sehen gar nicht sehr frisch aus, lieber Kling! Es scheint, daß Sie sich mit dem Fall Grau ein wenig übernommen hakPn!" Kling ließ sich seufzend in einen bequemen Klubsessel sollen. „Das scheint mir beinahe auch!" nickte er mit leiser Selbstironie. „Wenn auch in anderer Hinsicht, als Sie meinen; lieber Doktor!" „Das verstehe ich nicht", verwunderte sich der Arzt. „Mir scheint im Gegenteil, daß man Ihnen zu dieser Sache ausrichtig gratulieren darf. Sie hat doch eine geradezu überraschend schnelle Lösung gefunden." Kling hob die Schultern. „Mag fein. Nach außen hin vielleicht. Aber für mich selbst, verstehen Sie, wird sie immer unter den .unaufgeklärten Fällen rangieren." (Schluß folgt.) 'Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Derlag: Brühl'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.