GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang <955 Montag, den 1V. April Nummer 29 Gebet. Von Eduard Mörit «. Herr, schicke was du willt. x ein Liebes oder Leides! ich bin vergnügt, daß beides aus deinen Händen quillt. Wollest mit Freuden und wollest mit Leiden mich nicht überschütten! Doch in der Mitten liegt holdes Bescheiden. Oie Zlucht. Novelle von Gerda von Bremen-Hirschheydt, GDS. I. Auf der Kirchhofswiese liegt Juliane langausgestreckt im Gras. Der kleine Bruder Christian hockt an ihrer Seite. Sie wollen nachher Blumen pflücken, blaßblaue Glockenblumen und die besonders großen weißen Margueriten — „weil morgen Sonntag ist" — hat Juliane zu Christian gesagt. Vor ihnen in der Sonne blendet der Wiesenhang, die niedrige Kirchhofsmauer aus Feldsteinen, die regellos gefügt, das ganze Gelände umschließt. Hinter der Mauer wogt ein Roggenfeld in grünen Aehren. Dann kommt der Wald. Ueber dem Walde stehen ein paar dicke weiße Wolken. Es ist sehr heiß. Juliane fallen die Augen zu. Still ist der Sommermittag um sie her. Vielleicht kommt Thomas über Sonntag auf Urlaub nach Runeküll, — im dunklen Wafsenrock, heiß und staubig den Feldweg geritten. Vor dem Friedhof springt er vom Pferd, wirft die Zügel über den Pfosten neben der Kirchhofspforte, stößt mit dem Fuß gegen die moosige Lattentür, daß der lose rostige Eisenhaken noch lange hin- und herbaumelt, geht über den gelben breiten Sandweg, — Juliane meint auf dem hohlen dumpfen Wiesenboden jeden einzelnen seiner Schritte im Rücken zu fühlen — an den Bauerngräbern vorüber und den kleinen Kreuzen aus graugewordenen Tannenholz, dann quer durchs gemähte Gras, das den Staub von seinen Reiterstieseln abwischt. Einen Augenblick bleibt er stehen zwischen den Birken am Wiesenzaun. Und dann liegt er neben Juliane im Gras, ganz nah seine große warme braune Hand. Und sie hört seine tiefe, etwas schläfrige Stimme Christian ein Märchen erzählen: „Der Tannenbaum ist ein Bräutigam — und die Birke — weiß du — das ist seine Braut". Juliane liegt ohne sich zu rühren, ohne zu atmen fast. Der kleine Christian sitzt nachdenklich und schweigsam da, die Knie hochgezogen, mit einem Grashalm im Munde. Ein paar Vögel verfolgt er mit den Augen, die aus dem Roggenfeld auffliegen, und die großen weißen Wolken, die sich langsam, ganz langsam übereinanderschieben. Allmählich wird es langweilig für ihn, so still zu sitzen. Er rutscht zu Juliane hinüber und kitzelt sie mit seinem Grashalm vorsichtig am Hals. Juliane biegt seinen Kopf zurück, lacht, öffnet die Augen und erschrickt. Sie sieht den kleinen Bruder über sich gebeugt, seinen verwunderten Kinderblick. Da wirft sie sich ins Gras zurück und schließt die Augen wieder, das Gesicht in ihrem Arm verbergend. Christian zupft sie am Kleid. Er ruft ihren Namen. Aber sie antwortet nicht. Da steht der kleine Junge auf und geht über die Wiese, ernsthaft von einer Blume zur anderen. Ties am Boden, nah über den Wurzeln knickt er die hohen Blumenstengel ab, wie er es von Juliane gelernt. Bald hat er den ganzen Arm voll blau und weißer Blumen. Juliane liegt immer noch im Gras und denkt an Thomas, aber sie fühlt nichts mehr von feiner rätselhaften Nähe. II. Spät am Abend kommen ein paar Fahnenjunker aus bcm Feldlager Märenholm die Allee nach Runneküll herausgeritten. Juliane hört oben in ihrem Zimmer — aus dem Flur herauf — die fremden Stimmen, den grüßenden Zuruf des Vaters, dann schwerklirrende Stiefeltritte über den Ziegelsteinsubboden der Halle, die sich gedämpft im Gartensaal verlieren, den Juliane und Christian am späten Nachmittag mit all den vielen Kirchhofsblumen schmückten. Dann sieht Juliane von ihrem Fenster aus die grr hen, zum Teil noch knabenhaften mageren. Gestalten, vom Vater geführt durch den Garten gehen. Sie schaut den Jungen nach, bis sie hinter dem runden Buchsbeergesträuch in der Tiefe des Gartens verschwunden sind. Draußen ist es nicht dunkel. Rot scheint der Abendhimmel über dem schwarzausgereckten Walde. Ganz hell, grünblau überwölbt er das nahe Roggenfeld, der Getreidescheune tief herabhängendes Strohdach, die Ltn- denkronen am Ende des Gartens, aus denen silberblank der halbe Mond sich hebt. Eine Schnarrwachtel quarrt im Roggenfeld. Aus dem Graben am Bretterzaun kommt der Geruch von Brennesseln scharf und bitter heraus und vom Ende des Gartens mit jedem warmen Auswehen der Luft der Duft von blühenden Linden. Darin jäh aufbrausend — abklingend — und wieder deutlicher vernehmbar — die Stimmen der Jungen. Juliane bleibt am offenen Fenster stehen, vor dem dünnen weißen Vorhang, lauschend, die ganze Nacht. Einmal ist Christian wach, Juliane hört ihn im Nebenzimmer. Er wirst sich herum, daß der Strohsack unter ihm knistert und schlägt nach den Mücken, die sein Gesicht umtanzen. Dann ist er wieder still. Immer wieder huscht Jürri, der rothaarige Diener, unter dem Fenster vorüber. Er trägt auf langen Brettern Weißbrot, Branntweinkarassen und silberne Becher an das Ende des Gartens in die Lindenlaube. Juliane fröstelt. Weshalb find wohl die Jungen gekommen? Worüber beraten sie mit dem Vater die ganze Nacht? Sind sie gekommen, um Abschied zu nehmen? Müssen sie fort in den Krieg? Ueber dem Wald schiebt sich ein purpurner Streif immer weiter nach Osten hinüber. Morgenwind weht in den Bäumen. Aus der Tiefe des Gartens kommt jemand den sehr schmalen schwarzen Weg ganz langsam herauf —: Thomas. Er geht, die Hände aus dem Rücken. In den blauweißen Schnüren seines Waffenrocks hängt eine große weiße Marguerite. Er hat den Kopf zurückgeworfen, jein braunes, etwas breites Gesicht glänzt im Morgen- licht. — „Er sieht nach den Wolken", denkt Juliane. Aber auf einmal fühlt sie seinen Blick gerade auf sich gerichtet, forschend — auf das weiße verhängte Fenster hinter dem sie steht. Erschrocken tritt sie tief ins Zimmer zurück. Aber der Vorhang, den sie losließ, entreißt sich förmlich ihren Händen, schwingt sich nun wie ein Segel im Morgenwind groß in den Garten hinaus. „Grüßend", denkt Juliane, „grüßend." Zwischen Lachen und Weinen setzt sie sich auf ihr Bett — mit zitternden Knien. In der Lindenlaube fangen die Jungen zu fingen an. lieber den Garten geht die Sonne auf. — III. Im Winter liegt Runeküll ganz begraben im Schnee. Keine Schlitten- fpur läuft darauf zu. Jede Nacht ist der Himmel rot von brennenden Höfen. Die Russen durchziehen das Land. Juliane und Christian sind allein in Runeküll. Jürri ist bei ihnen, der alte Diener, und Edde, Julianes Kinderfrau. Dazu ein paar Mägde und Knechte in den Ställen. Der Vater ist fort mit den jungen Reitern — den russischen Haufen entgegen. Einmal kommt ein versprengter Reitertrupp auf den Hof, Schlippenbacher Dragoner. Sie bleiben nur eine Nacht. Ihre schweren Pelze hängen- im Flur, Sattelgurte und Waffen liegen auf der Truhe. In den breiten" Gastbetten oben schlafen die jungen Soldaten fest und traumlos nach den vielen durchfrorenen und durchkämpften Nächten. Juliane hört durch die dünne Wand ihre tiefen ruhigen Atem- züge. Sie hört das Ticken der Standuhr unten im Flur, das Knacken im alten Eichenschrank. Aber es wird nicht wie sonst zu menschlichem Geflüster und menschlichem Tritt. Sie denkt an die frischen Spuren, die von der großen Straße durch den Schnee auf den Hof zuführen. Aber sie fürchtet sich nicht. Sie liegt unter warmen Decken, ruhig und geborgen. Die Kleider hängen über dem Strohstuhl neben dem Bett. Nach langer Zeit wieder fühlte sie wie ein Geschenk die Kühle der Leinwandlaken um ihre bloße Haut. — Vor dem unoerhängten Fenster ist die Nacht ganz schwarz. Kein Feuerschein am Himmel, so daß auch der Apfelbaum vor dem Fenster schläft mit seinen sonst dunkel drohenden Zweigensingern und Armen. — Diese Nacht sollte nie zu Ende gehen. — Aber am Morgen reiten die Jungen fort. Und wieder sind sie allein, Abend für Abend und warten im großen leeren Saal beim Schein einer Kerze: Christian über das Gesangbuch gebeugt, aus dem er laut und deutlich vorlieft, Edde und Jürri auf der Ofenbank nah der Tür, — Juliane auf der niedrigen Truhe am Fenster, das Gesicht in den Händen vergraben, eiskalt bis unter die Haarwurzeln, geschüttelt von Angst vor dem Unentrinnbaren — Grauenhaften, das sicher kommt. IV. (Es Ist In der Nacht. Der Himmel ist rot und voller Rauch. Ganz nah muh es brennen. Aber Juliane und Christian stehen draußen im Schnee, ^Die"Hunde"sind"'mit ihnen, springen am zugewehten Hoftor in die Höhe und bellen. Sie bellen vor Freude. Eine ferne heisere Stimme beruhigt von draußen: „Still Ruppo. — Kusch Prinz. “ »^“5 . Thomas" jauchzt Christian und rüttelt mit Surrt am Tor. Das steht wie aus Eisen. Christian hangt sich an den Torbalken, ruckt und lacht und stößt mit den Füßen nach den Hunden, die an ihm Hochspringern Endlich gibt der eine Torflügel knirschend ein wenig nach. Dann steht er wieder unbeweglich im Schnee. . ~ _ Durch den schmalen Spalt schiebt sich Thomas. Er lehnt am Tor zerlumpt, grau im Gesicht, mit scharfen Schatten um Nase und Mund. Christian wird ganz still, seine Augen vor Entsetzen groß. Er lech flcheii^Arm um Christians Schulter und wie er jetzt durch den tiefen Schnee auf das Haus zuwatet, sieht Juliane, daß er den einen lappenumwickelten Fuß schleppend nachziehll Sm Flur ordnet Juliane Pelze und Tücher für die Flucht. Christian hilft ihr dabei Draußen weht schon erste Morgenluft. Die Kerzenslammen flackern im Zuowind. Aus der Küche hört man Eddes tiefes brummiges schluchzen 3ür'ri ist auf dem Hof und sieht die Schlitten nach, Thomas (legt oben in Christians Kinderbett und schlaft. — Er will verjuchen, sie nach der Kreisstadt zu bringen, aus Umwegen ubers Moor, durch den Wald; er hat es dem Vater versprochen. Der Vater ist gesallen, fast alle sind gefallen ... erfroren ... verblutet ... tot. Christian hält den Deckel der Truhe hoch, aus dem Juliane em paar Filzstiefel heraussucht für Thomas; feine waren zerfetzt. Der kleine Junge ist ganz bleich. Juliane sieht ihn an. Er schüttelt den Kops mit zusammengebissenen Lippen, aber seine Augen füllen sich langsam mit ^^D^nimmt Juliane den kleinen Bruder rasch und sest in ihre Arme, streicht ihm die Haare aus der Stirn, fühlt seine heißen Tranen auf ihrer Hand und daß es um sie beide kalt und schaurig ist in dem dunkeln Nlur. Da sagt sie frfmell: „Komm Christian, wir bringen Thomas Sie Stiefel hinauf", Christian nimmt die Stiefel, Juliane das wehende Licht. Die Tür zu Christians kleinern Zimmer steht halb offen. Sultane leuchtet hinein, die Hand um die Flamme. — Hingeworfen auf das niedrige Kinderbett liegt Thomas, die eine Hand blau und erfroren bis auf den Fußboden herunter, der Kopf ist zurückgebogen, die Nase übergroß. Tot" — durchsäbrt es Juliane. Sie nimmt die herabhangende Hand, aber Thomas reißt sich los, wirft sich im Bett hoift starrt über Juliane und Christian weg. ganz wirr, voller Abwehr und Grauen. „Thomas" schreit Juliane — da kommt er zu sich. Aus dem Hoftor fahren zwei Schlitten — langsam hintereinander. Es sind zwei alte Bauernschlitten, die beiden Pferdchen davor steif und müde. Die Sterne am Himmel leuchten nur noch blaß. Draußen vor dem Tor sieht man, daß es über dem Walde leise anfängt zu tagen. Die Schlitten fahren die Hofmauer entlang. Dann biegen sie um die kahle Allee. Suliane sieht noch einmal zurück- sie sieht das langgestreckte niedrige Haus ganz zugefchneit — zwischen den zwei weißen Holzfäulen ein kleines ruhiges Licht — Edde wollte nicht mit, sie wollte bleiben, bei ihren Sachen und beiden Mägden. Wirklich, — sie war nicht zu bewegen mitzugehen. „Oder habe ich sie am Ende doch nicht genug gebeten?" denkt Juliane. Sie versucht zu denken, daß der Vater tot ist, daß sie Runekull nie wiedersieht. Aber sie fühlt und weiß im Grunde nur eines: Thomas ganz nah — ganz nah an ihrer Seite. Er hält die Lederleinen straff angezogen in der Hand und sieht immer geradeaus in die Dämmerung. Der Schnee ist lief, — der Weg verweht. Ganz langsam geht es vorwärts — bergauf über Schneewehen und wieder bergab. Juliane sieht sich nach Christian um Dunkel erkennt sie seine kleine Gestalt, wenn er sich aus dem Schlitten herausbeugt. Jürri sitzt neben ihm. Zuweilen greift er tn die Zugel, — aber eigentlich fährt Christian allein. . Thomas ruft dem Pserdchen zu, das mühsam zu traben beginnt. Sie kommen am Kirchhofswäldchen vorüber. — Schwarz und kalt steht es auf einer weißen, weiten Fläche. Thomas sieht Juliane an. „Hast dus auch warm?" fragt er. Er nimmt die Semen In die eine Hand, mit der anderen streicht er ihr die braunverwehten Haare unter das Bauerntuch. Dann zieht er die Pelzdecke fester um sie — und laßt [eine Hand auf ihrer Hüfte ruhen. So fahren sie schweigend. Thomas lenkt den Schlitten schräg übers Moor aus den Märenholmer Wald zu. Es wird immer Heller. Das Schneeseld vor ihnen leuchtet. Ein Hase springt in großen Sätzen auf. Dann kommt der Wald. Am Eingang steht eine große dunkle Tanne — eine Birke lehnt sich in die dunkelgrünen Zweige hinein. Thomas zieht Juliane noch fester an sich. Sie fühlt seine Wärme, die gestraffte Kraft feines Armes an ihrem Körper. Hinter dem Walde ist wieder Moor. Die Sonne ist aufgegangen und wirft rotes Licht über den Schnee, über die Krüppelbirken. In der Ferne sehen sie die große Straße, braun, zerfahren. Thomas schreckt zusammen — läßt Juliane los — ja, er stößt sie saft von sich — greift mit beiden Händen in die Zügel und beugt sich vor: „Russen!" schreit er, „Russenl" und haut mit den wirbelnden Enden der Lederleinen aus das kleine Pserd. Er wendet sich um: „Christian, vorwärts — Christian." Juliane sieht den Bruder totenblaß, die hellen Haare fliegen um feine verfrorenen Wangen. Er zerrt an den Hügeln. Jürri hält feinen kleinen Jungherrn umschlungen. Jetzt wirst er sich vor und bedeckt ihn ganz mit (einem Leibe. Schneebrocken fliegen. Die Pferde keuchen im Galopp. Auf einmal fühlt Juliane Thomas' Hand ihren Nacken umfassen, seine kräftigen Finger. Er biegt ihren Kops an seine Schulter, beugt sich zu ihr nieder, Juliane atmet feinen marinen Hauch. „Die Augen zu, Juliane", jagt er rasch — den Mund auf ihrer Stirn. Dann greift er mit der andern Hand in den Schlitten ins Stroh — „nach den Pistolen" denkt Juliane... Gleich daraus fallen Schüsse. Juliane will die Augen öffnen. Aber sie kann nichts sehen ... Thomas hält sie ... Thomas hält sie sest — Und bann ist alles aus. Oa Jesus in den Garten ging .. Volksweise. Da Jesus in den Garten ging Und ihm sein bittres Leiden anfing, Da traurct alles, was da was, Es trauert alles Laub und Gras. Maria, die hört ein Hämmerlein klingen: O weh, o weh, meins lieben Kindes! O weh, o weh, meins Herzen ein Kron, Mein Sohn, mein Sohn will mich oerlon. Maria kam unter das Kreuz gegangen. Sie fah ihr liebs Kind vor ihr hangen An einem Kreuz, was ihr nit lieb, Maria war das Herz betrübt. „Johannes, liebster Diener mein, Laß dir mein Mutter befohlen fjin! Nimm's bei der Hand, führ's weit hintan, Daß sie nit feh mein Marter an!" „Ach Herr, das will ich gerne tun, Ich will sie führen also schön, Ich will sie trösten also wohl. Wie ein Kind sein Mutter trösten soll." Nun bieg dich, Baum! Nun bieg dich, Ast! Mein Kind hat weder Ruh noch Rast. Nun bieg dich, Laub! Nun bieg dich, Gras! Laßt euch zu Herzen gehen das! Die Feigenbäum die bogen sich, Die harten Felsen zerkloben sich, Die Sonne verlor ihren gülbnen Schein, Die Vögel liehen ihr Singen sein. Das Abendmahl in der bildenden Kunst. Von Dr. Georg Kuhn. In bem burch heilige Erinnerung und uralte Ueberlieferung umschlossenen Kreislauf des Kirchenjahres nahen wir uns wiederum jenem geweihten Donnerstag der Karwoche, an dem Christus feinen Jüngern und der Gemeinde das teuerste Vermächtnis ihres ewigen Bundes geschenkt hat. Früh hat auch die bildende Kunst sich dieses großen Stosses bemächtigt und in unzähligen Darstellungen mit der gewaltigen Ausgabe gerungen. Die ganze Entwicklung der Kunstgeschichte ist in diesem Thema gespiegelt: die formalen Probleme der räumlichen Anordnung der Charakteristik lasten sich in der allmählichen Erkenntnis ihrer Gesetze, in dem langsamen Reisen seelischer Vertiefung, in der stetig vorschreitenden (Eroberung der Umwelt verfolgen; die höchsten geistigen Erschütterungen ganzer Kulturen, die Gegensätze des Göttlichen und Teuflischen, alle Formen religiöser Hingebung werden hier ausgedrückt. Die ältesten Darstellungen des Abendmahls, die wir kennen, stammen aus dem Ende des 5. Jahrhunderts. Es sind ein Mosaik aus S. Apollinare Nuove zu Ravenna und eine Miniatur aus der berühmten Bikderhand- schrift von Rossano. Die schlichten Schilderungen geben vor allem die heilige Mahlzeit. Christus, der zur rechten Seite der Tafel liegt, hebt segnend die Hand; ihm gegenüber ruht Petrus! im Halbkreis ringsherum sind die Jünger, ebenfalls nach antiker Sitte in liegender Stellung, ungeordnet. Im Codex Rossanensis ist Judas bereits herausgehoben, indem er die Hand nach der Schüssel ausgestreckt hat nach dem Worte des Matthäus: „Ser die Hund mit mir in die Schüssel taucht, der ist's." Aus solch unbeholsenen Anfängen entwickeln sich nun in der frühen Kunst zwei Typen, die sich nach dem ganz verschiedenen Geiste der latei° nifch-n und griechischen Kirche deutlich voneinander scheiden. Die byzantinischen Werke behalten eine starre Feierlichkeit bei; sie betonen besonders die Einsetzung des Sakramentes, die Schließung des neuen Bundes, bei dem David und Melchstedek, die Männer des alten Bundes, als Zeugen zu- gelasten sind; Christus, als hoher Priester am Altar stehend, teilt die Kommunion aus. Judas ist kenntlich gemacht, indem er die Hand nach dem Bisten oder auch nach dem Symbol des Herrn, dem Fisch, ausstreckt. Augenscheinlich liegt die Schilderung des Evangelisten Matthäus zu Grunde. Im Gegensatz dazu folgt die abendländstche Kunst, die schon früh einer individuellen Belebung und dramatischen Spannung zustrebte, dem erregten Bericht des Johannes. Danach wird das Moment des Verrates deutlicher betont, indem Judas, von den andern Jüngern getrennt, schon als ein Ausgestoßener erscheint und zugleich vom Herrn zum Zeichen seiner Untat über den Tisch hin den Bissen empfängt, mit dem er „sich bas Gericht ißt." So ist auf einer Relieftafel eines in Aachen aufbewahrten Antependiums ber Verräter bargeftellt, wie er mit ber rechten Hand ben Bissen empfängt und mit ber linken verzweifelt an ben Hinterkopf greift, da nun nach bem Wort ber Schrift „ber Satan in ihn gefahren ist." Auch auf andern beutfdjen Bildern des Mittelalters wird immer wieder die Gestalt des Judas dem segnenden Heiland entgegengestellt als eine vorn hockende häßliche Gestalt, ein Dämon des Bösen, während die andern Jünger noch fast gar nicht individualisiert sind. Am lebhastesten ist die Charakteristik der Jünger ausgebildet in dem schönen Tür-Relies von Saint Germain des pres in Paris aus dem 11. Jahrhundert; in ihren Gesten spiegelt sich schon der Eindruck einer gesteigerten Empsindung; nur Johannes hat sitzend den Kopf über den Tisch vor den Herrn gelegt, ein Beweis dafür, daß der Künstler die auf die morgenländische Sitte des Liegens bei Tisch bezüglichen Worte über den Lieblingsjünger, „der zu Tisch fast an der Brust Jesu", gar nicht mehr verstanden hat. Diese traditionelle Stellung ist dann dem Johannes bis in die moderne Zeit geblieben. Die steife hieratische Feierlichkeit der byzantinischen Zeremonienbilder mit einer in solchen nordischen Werken heroortretenden innerlichen Bewegung zu verschmelzen, war Aufgabe der großen Kunst, die in Italien im hohen Mittelalter langsam heranblühte, und der erste große Seelenloser und Verkünder zarter Empfindungen, Duccio, hat denn auch in seinem Abendmahl auf dem großen Dombild zu Siena die Pforte einer neuen seelisch reiferen Zeit aufgetan. Er ordnet die Jünger um Christus so, daß der Herr durchaus die dominierende Gestalt ist. Der Herr hat eben das verhängnisvolle Wort gesprochen, und die um ihn Versammelten sind wie erstarrt durch das Unsaßliche und Unerhörte des Verrates. Mitten in ihrem Tun halten sie inne. Nur in den Gesichtern malt sich ganz leise, wie zögernd der tiefe Schmerz, der heilige Zorn. Machtvoller, gewaltiger, wenn auch ebenfalls noch in einem ungeheuren Verstummen befangen, offenbart sich G i o t t o s Darstellung in Padua. Die Entdeckung des Verräters ist hier deutlich gemacht, indem Judas mit dem Herrn zugleich die Hand in die Schüssel taucht, aber nur Petrus hat aus ihn mit glühenden Zornesblicken die großen Augen gerichtet, die andern scheinen ergriffen, zweifelnd, noch ganz mit sich beschäftigt. Eine völlig deutliche, dramatische Erfassung der Handlung gelang erst Giottos größtem Schüler, Taddeo G a d d i, in einem kleinen Bilde der Akademie zu Florenz. Jesus hat den Verrat verkündet. Judas entweicht verwirrt aus dem Kreise der Jünger in die Nacht. Die andern blicken ihm in tiefer Aufregung nach, der Herr aber sieht zärtlich, in heiligen Sinnen versunken, aus den in seinem Schoß entschlummerten Johannes. Taddeo Gaddi schuf dann für das Refektorium von St. Croce in Florenz ein großes Abendmahl, und an die repräsentativ großartige Behandlung haben die toskanischen Werke des Quattrocento angeknüpft. Die aufgeregte Leidenschaft des Verrats lag Giovanni da Fie- f o l e, dem Klosterbruder von S. Marco, fern. Gibt er das Mahl, so sind im teppichverhangenen Gemach die Jünger zu traulichem Gespräch versammelt, ein Diener trägt Speisen herzu, und auch der den Bissen in die Schüssel tauchende Judas sieht recht freundlich aus. Lieber aber stellte der von den Wundern der Vergottung erfüllte Mönch die Kommunion selbst dar, die Einsetzung des erlösenden Sakramentes. Mit welcher demütigen Innigkeit, empfangen die betend vorgebeugten und knieenden Gläubigen auf den Bildern dieses Meisters und aus einigen deutschen Werken den Leib des Herrn! Das eigentliche Abendmahlsbild des Nordens verband die anheimelnde Wirkung eines farbenreichen Interieurs mit der starken seelischen Sammlung in der Andacht des Gebetes. Eine geschlossene feierliche Stimmung umfängt auf dem schönen Bilde des Dirk B o u t s die Jünger und die andern Teilnehmenden, den Wirt, die Diener, die ganz wie in den Passionsspielen dabei sind; sie läßt dies Bild als einen wunderbaren Ausdruck der Inbrunst erscheinen, mit dem germanisches Empfinden das Sakrament umschloß. Diese Leidenschaft des Fühlens äußert sich wohl auch in einer wilden unruhigen Bewegtheit, die Schongauer der Handlung verleiht und die in dem Relief Adam Kraffts am Sakvamentshäuschen von St. Lorenz in Nürnberg und den frühesten Darstellungen Dürers sich zu einem nervös verzücktem Tumult steigern. Dürers Abendmahl von 1503 hat dann alles Unruhige ausgeschieden, alles Wirre zu großen Linien vereinfacht, und eine erhabene Würde und Ruhe, von einem weihevollen Hauch umweht, geschaffen. Unterdessen war der Genius erschienen, der diesem von so vielen Meistern mehr oder weniger stark durchgefühlten Stoff eine völlig erlebte, alles Höchste ausschöpfende Stimmung, die Größe des Notwendigen verleihen sollten Lion ar do schuf sein Abendmahl. Dieses unbeschreiblich großartige Wunderwerk löst mit einem Schlage allen bisherigen Zweifel der Darstellung. Das ruhig und ergeben gesprochene Wort des Herrn, in dessen Zügen eine überirdische Verklärung liegt, obwohl sie Lionardo, an der ungeheuren Ausgabe verzweifelnd, nicht vollendet haben soll, fährt unter die Jünger wie ein Blitz und fügt sie wie von selbst zu wundervollen Gruppen zusammen, in denen sich alle Skalen des erregten Gefühls deutlich erkennen lassen. Die herrliche Charakteristik der Köpfe, die Gliederung und melodische Linienführung der Komposition in Gestalten und Händen, dabei die vollkommene Einheitlichkeit des Ganzen, all das sind einzelne Elemente der übermächtigen Wirkung, die das Werk auf die größten Geister durch Jahrhunderte hin ausgeübt hat. lieber eine solche Leistung in der geistigen Auffassung hinauszugehen, war unmöglich. Tizian schuf ein machtvoll glühendes Fest den Augen in seinen Abendmahlsbildern des Escorial und in Urbino, aber zum Herzen spricht diese mannigfach beschäftigte Tischgesellschaft nicht. R u - b e n s stellt in feinem Zyklus „Der Triumph des Abendmahls' in virtuos entworfenen Szenen den Sieg des Sakramentes über Unwissenheit und Verblendung, Götzendienst und Ketzerei dar. Allmählich beruhigten sich die Glaubenswirren und der kalte müde Hauch eines antikisierenden Klassizismus drang auch in die Darstellungen des Abendmahls ein. Poussin machte ein platonisches Symposium daraus, und auch die Nazarener stellten es in einem recht kühlen, wohl abgezirkelten Stile dar. Allein Cornelius in feiner Zeichnung zu dem sogenannten Glaubensschild belebte die Szene durch begeistertes tinb dramatisches, wenn auch etwas rhetorisches Pathos; bann tat Eduard von Gebhardt den kühnen Schritt, das Abendmahl in einem alltäglichen modernen Milieu vor sich gehen zu lasten, wo es seine heute noch lebendige Kraft schön bekundet, und nach ihm hat Fritz von Uhde den Herrn Jesus Christus in eine deutsche Bauernstube versetzt. Auf der tsm'versiiät. Novelle von Theodor Storm. (Fortfetzung.) So sehr ich aber an diesem Abend den Drang alleinzu sein empsunden, ebensosehr trieb es mich am andern Morgen unter Menschen. Ich hatte ein neues Gefühl der Freiheit und Uederlegenheit in mir, das ich nun auch andern gegenüber empfinden wollte. Sobald ich gefrühstückt und den etwas unbequemen Fragen meiner Mutter notdürftig genuggetan hatte, ging ich in die Werkstatt meines Freundes Christoph. Er war eifrig beschäftigt, kleine Mahagonifurniere auszuwählen und zu schneiden. „Was machst denn du da für Schönes?" fragte ich. „Ein Nähkästchen", sagte er, ohne auszublicken. „Ein Nähkästchen? Für wen denn?" „Für Lenore Beauregard; meine Schwester will's ihr zum Geburtstag schenken." Ich sah ihn von der Seite an; ein übermütiges Lächeln stieg in mir aus. „Die Lore ist wohl dein Schatz, Christoph?" Der eckige Kopf des guten Jungen wurde his unter die Stirnhaare wie mit Blut übergossen bei dieser treulosen Frage. Er schien selbst über feine Verlegenheit 'in Zorn zu geraten. „Ihr hättet sie nur aus eurer lateinischen Tanzschule sortlassen sollen!" sagte er, indem er mit seinem Messer grimmig in die Furnierblättchen hineinfuhr. „Du bist wohl eisersüchtig, Christoph?" fragte ich. Aber er antwortete nicht; er brummte nur halb für sich: „Das hätte meine Schwester sein sollen!" — Dieser Triumph sollte indessen mein einzigster bleiben; denn ich mühte mich vergebens, wieder allein mit Lore zusammen zu treffen. Ein paarmal zwar im Laufe des Sommers begegnete sie mir an Sonntagnachmittagen hinter den Gärten auf dem Bürgersteige; aber Christoph und feine Schwester begleiteten sie, und der gute Junge ging fo trotzig neben ihr, als wenn er sie einer ganzen Welt von Lateinern hätte streitig machen wollen; auch suchte sie selbst, wenn ich ein Gespräch mit ihnen begann, augenscheinlich die andern zum Weitergehen zu veranlassen. Als späterhin bei Beginn des Michaelismarktes das Karussell wieder ausgeschlagen wurde, wagte ich noch einmal zu hossen. Einen Abend nach dem andern, sobald die Dämmerung anbrach, sand ich mich auf dem Platze ein; zum großen Verdrösse meines Freundes Fritz, von dem ich mich unter immer neuen Vorwänden los zu machen suchte. Aber ebensooft spähte ich vergebens unter den jungen Reiterinnen, die sich zuweilen ein- fanden, die schlanke Braune zu entdecken, um derentwillen ich allein gekommen war. Einsam wanderte ich durch die dunkeln Gänge des Schloh- gartens und zehrte trübselig von der Erinnerung eines entflohenen Glückes. Dies alles nahm ein plötzliches Ende, als ich zu Anfang des Winters nach dem Willen meines Vaters die Gelehrtenschule unserer Heimat verließ und zu meiner weitern Ausbildung auf ein Gymnasium des mittleren Deutschlands geschickt wurde. — Ob mein Schmetterlingsketscher noch in dem blühenden Baum am Rande der Heide hängt? — Ich weiß es nicht; ich bin nicht wieder dort gewesen; auch den Brombeerfalter habe ich bis auf heute noch nicht gefangen. Auf der Universität. Jahren waren seitdem vergangen. Als ich den Zwang der klösterlichen Schulanstalt hinter mir hatte, brachte ich zum ersten Male wieder einige Herbstwochen im elterlichen Hause zu. Von allen meinen Kameraden fand ich nur noch Christoph im heimatlichen Neste; die übrigen, auch Fritz, waren alle schon ausgeflogen; ins luftige Studentenleben, aufs weite Meer hinaus, in die dunkle Schreibstube eines Kaufmanns oder wohin sonst Wahl und Verhältnisse sie gesührt hatten. Auch Christoph, der zum stattlichen, etwas untersetzten jungen Mann herangewachsen war, rüstete sich zum Abzug; er war Gesell geworden und wollte wandern. Aber zuvor arbeiteten wir noch einmal gemeinschaftlich in der Werkstatt seines Vaters; und ein ungeheurer Tabakskasten, der mit mir die Universität beziehen sollte, war das Resultat unserer Bemühungen. — Von meiner Mutter ersuhr ich, daß die rusttge Frau Beauregard vor Jahresfrist eines plötzlichen Todes verblichen und ihre Tochter bald darauf nach der kleinen Landesuniversitätsstadt zu einer alten, unverheirateten Tante gezogen sei, die sie testamentarisch zur Universalerbin ihres kleinen Vermögens eingesetzt hatte. Das schmale Häuschen mit der Linde war nach dem Tode der Mutter schuldenhalber verkauft worden, und der französische Schneider hatte sroh fein müssen, bei einem der andern Meister als Gesell ein Unterkommen gefunden zu haben. Ich traf ihn am Sonntagnachmittag in einer Ecke des Kirchhofs auf der Bank sitzend. Seine Haut über den scharfen Backenknochen war noch gelber geworden, und fein schwarzes Haar war stark ergraut; er hustete, aber die Sonne schien ihm wohl zu tun. „Ach, Monsieur Philipp! rief er, da er mich erkannte, und streckte mir zwei Finger seiner langen, knöchernen Hand entgegen, während die andern die alte, wohlbekannte Porzellandose umklammert hielten. „Damals — das waren anderen Zeiten, Monsieur Philipp!" suhr er seufzend fort. „Meine Alte, sie hat sich mit ihrer Menage unter die schwarzen Kreuze dort begeben; und das Kind, die Lore", — er schluckte ein paarmal und nahm eine starke Prise — , Sie'werden es ja gehört haben! — Sie wollte nicht, sie wollte ihren armen Vater nicht allein lassen, ich muhte mit Gewalt ihre kleinen Hände von mir losreißen; aber was Hilst es denn! Das Kind muhte doch sein Glück machen!" Er lieh den Kops sinken und legte schloss seine Hände auf die Knie. „Ich werde Ihnen ihre Briese zeigen!" begann er dann wieder. Sie werden sehen, Monsieur Philipp, Sie sind ja ein Gelehrter! Die 'allerliebsten Buchstaben, und all die lieben, guten Worte; eine Marquise könnte es nicht besser." — So sprach er noch eine Weile fort, bis ich '^Jch^habe den französischen Schneider nicht wieder gesehen; denn einige Tage darauf reifte ich ab, um zunächst auf einer ausländischen Universität meine juristischen Studien zu beginnen; und schon nach einem halben Jahre schrieb mir meine Mutter, der ich diese Begegnung erzählt hatte, daß auch Monsieur Beauregard, der Enkel des Ofenheizers vom Hofe Ludwig- XVI., unter den Schwarzen Kreuzen eine stelle gefunden habe. heiß in mir daheim." (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'scheUniversitäls-Vucb- und Steindruckeret.lR. Lange, Gießen. 1 studentisches Wort für Handwerker. - Fechten heißt in der Handwerkersprache: betteln. gefsen. Denn jene dunkeln Äugen schienen mich bittend anzublicken; ich hörte, wie die alte Nähterin ihr zusprach, wie der Schiffer sie nicht eben in den höflichsten Worten zum Einsteigen drängte; aber noch immer stand die schlanke Mäbchengestalt unbeweglich, wie im Traum, die Augen nach mir hingewandt. Schon hatte ich, wie von dunkler Naturgewalt getrieben, ein paar Schritte nach deni Boote zu getan; aber ich bezwang mich; ich dachte an Christoph; seine ehrlichen, blauen Augen schienen mich plötzlich anzusehen. „Es wird nicht Platz dort für uns alle sein", sagte ich zu den Damen. Dann gingen wir seitwärts nach dem andern Fahrzeug am Wasser entlang. — Doch noch einmal mußte ich nach Lore zurückblicken. Sie hatte den Kopf auf die Brust sinken lassen und stieg eben langsam über den Bord in das Innere des Bootes, das im Gold der Abendsonne aus dem regungslosen Wasser lag. Bei der Heimfahrt saß ich am Steuer, wortkarg und innerlich erregt; meine Augen mochten mahl mitunter auf dem andern, in ziemlicher Entfernung vor uns rudernden Boote ruhen, während die Zungen Damen mich vergebens in ihre Plaudereien zu ziehen suchten. „Aber Sie sind heut nicht zu gebrauchen!" sagte die eine; „unsere schöne Nähterin scheint Sie stumm gemacht zu haben!" „Ist Lore Ihre Nähterin?" fragte ich noch halb in Gedanken. „Lore! Woher wissen Sie denn, daß sie Lore heißt?" „Wir find aus einer Stadt; ich habe in der Tanzschule mein« erste Mazurka mit ihr getanzt." „So! — Sie soll auch jetzt noch gern mit Studenten tanzen." Unser Gespräch über Lore war zu Ende; aber ich wußte jetzt, weshalb Christoph nicht hatte reden mögen. Dennoch sah ich ihn später im Laufe des Winters mehrmals an öffentlichen Orten mit Lore zusammen, meistens in Gesellschaft der lahmen Marie oder einer ältern Person, welche niemand anders als die Erbtante sein konnte, die dem armen Schneider noch so kurz vor seinem Ende das Kleinod seines Herzens entführt hatte. Eines Abends, es mochte einige Wochen nach Neujahr fein, hörte ich von meinem Zimmer aus einen Tumult auf der Straße. Als ich das Fenster öffnete, bemerkte ich unter dem vorbeiziehenden Haufen hie und da rote Studentenmützen; endlich erkannte ich beim Schein der Straßenlaterne auch einen unserer Pedelle. „Was gibt's, Dose?" rief ich hinunter. ,F)ol; hat's gegeben, Herr Doktor." — Dose nannte mich aus einem nur uns beiden bekannten Grunde allezeit Herr Doktor. „So? Und wohl wieder auf dem Ballhaus?" fragte ich. „Nun, wo denn anders?" Das Ballhaus war ein öffentliches Tanzlokal. wo die altherkömmliche Feindschaft zwischen Studenten und Handwerksgesellen sich zuzeiten Luft zu machen pflegte. Es schien diesmal indessen arg geworden zu fein; denn Drei Jahre spater befand ich mich aus der Landesunioersität, um vor dem Examen noch das gesetzlich vorgeschriebene Jahr hier zu absolvieren Fritz mit dem ich das letzte Semester in Heidelberg zusammen gewohnt, wollte erst im nächsten Herbst zurückkehren. Aber mein Freund Chrtstoph war dort erster Arbeiter in einem großen Mobelmagazm. Ich traf tyn eines Nachmittags in einem öffentlichen Garten, wo er allein vor einem Seidel Lagerbier faß und, scheinbar in Sinnen verloren, den Rauch feiner Zigarre vor sich hinblies. Sein starker, blonder Backenbart und ferne seine, bürgerliche Kleidung ließen mich ihn erst in nächster Nahe erkennen Als ich schweigend meine Hand auf feine Schulter legte, warf er den Kops rafch und trotzig nach mir herum; denn, wenn ich letzt auch keine farbige Mütze trug, so gehörte ich boch-unverkennbar genug; zu den mutmaßlich noch immer nicht von ihm geliebten „Lateinern . Allem kaum hatte er mich angesehen, als auch sogleich die freudigste Ueber- raschunq aus seinen Augen leuchtete. „Philipp! du bist es? sagte er, indem er mit einer fast mädchenhaften Bescheidenheit meine bargebotene Hand nahm und sie bann befto kräftiger brückte. — Wir sprachen lange zusammen; als ich mich bann der verhängnisvollen Eisfahrt erinnerte, fragte ich auch nach unserer gemeinschaftlichen Knabenliebe. _ Lenore lebte noch im Hause ihrer Verwandten, einer alten Schneiderin, mit der sie zum Nähen in die Häuser der vornehmen Einwohner ging. Aber Christoph wurde bei den Antworten auf diese Fragen immer wortkarger und suchte endlich mit einer gewissen Hast das Gespräch auf andere Dinge zu bringen. Er schien in seinem treuen Gemute noch immer die Fesseln des schönen Mädchens zu tragen, die ich mit dem Staub der Heimat schon längst von mir abgeschüttelt zu haben glaubte. Ich mochte mich darin indessen irren. — Einige Zeit darauf hatte ich mit befreundeten Damen jenseits der Meeresbucht, an welcher die Stadt liegt, einen damals beliebten Vergnügungsort besucht. Der Nachmittag war zu Ende, und wir gingen an den Strand hinab, um nach einem Fahrzeug für die Heimkehr auszuschauen. — Zwei Boote, beide schon fast besetzt, lagen zur Abfahrt bereit. Neben dem einen, das etwa dreißig Schritte von uns entfernt sein mochte, stand an der Seite einer ältlichen, lahmen Nähterin, die ich mitunter im Wohnzimmer meines Hauswirts gesehen hatte, eine auffallend schöne Mädchengestalt. Sie hatte schon den Fuß auf den Rand des Bootes gefetzt und schien tm Begriff hineinzusteigen; aber sie zögerte plötzlich, da sie den Kopf nach uns zurückwandte. Zwei schwarze, fremdartige Augen, wie ich sie lange nicht, aber wie ich sie einst gesehen, trafen in die meinen; ich wußte letzt, daß es Lenore Beauregard sei. Sie war großer geworden, unb unter den braunen Wangen schimmerte bas Rot der vollsten Jungfräulichkeit; aber noch immer war ihr in der Haltung jene graziöse Lässigkeit eigen, die mir unbewußt schon einst mein Knabenherz entführt hatte. Es wallte - - - auf, und ich hatte der Damen neben mir fast ganz verfem dunkeln Äugen schienen mich bittend anzublicken; ich Dose machte andeutungsweise eine höchst kräftige Bewegung mit der ^",Wer hat's beim gekriegt?" fragte ich noch. Der Alte hielt die Hand vor den Mund unb flüsterte mir zu: „Es ist auf bie rechte Stelle gekommen, Herr Doktor." Ein Bekannter, ber unfer Gespräch hörte, rief im Vorübergehen: „Es ist der Raugraf; die Knoten haben ihm auf Abschlag gezahlt." Der sogenannte „Raugraf" war ein ebenso schöner als wüster junger Mann, ber in ben Hörsälen der Professoren selten, dagegen häufig aus der Mensur und regelmäßig auf der Kneipe zu finden war; einer von denen, bie auf Universitäten eine Rolle spielen, um bann im spatem Leben spurlos zu verschwinden. Von ben jungen Handwerkern, denen er ihre Mädchen abspenstig machte, wurde er ebensosehr gehaßt, als er für bie größere Anzahl der jüngern Studenten der Gegenstand einer scheuen Bewunderung war. Nachdem er eine Reihe anderer Universitäten besucht und, teilweise durch Delegation gezwungen, wieder verlassen hatte, fand er für gut, auch die unfrige zu versuchen; und bald gingen von feinem großen Wechsel und bann von feinen noch großem schulden die mannigfaltigsten Gerüchte im Schwange. Der Titel „Raugraf , den er mitbrachte, paßte insofern für ihn, als er an die Zeiten des Faustrechts erinnert, unb allerdings die Weife ber alte Junker, die Schwache- ren rücksichtslos für ihre Leibenfchaften zu verbrauchen, sich vollständig aus ihn vererbt zu haben schien. . „ Da ich ben „Raugrasen" roeber genauer kannte, noch em Interesse an feiner Perfon nahm, so schloß ich das Fenster und begab mich zur Ruhe, ohne des Vorfalles weiter zu gedenken. Am Nachmittage darauf sollte ich indessen aufs neue daran erinnert werden. — Ich hatte eben meinen Kaffee getrunken und faß im öofa über einer Pandektenkontrooerfe, als an die Stubentür gepocht wurde. Auf mein „Herein!" trat bie stattliche Gestalt meines Freundes Ehrt- stoph vorsichtig unb etwas zögernd in bas Zimmer. „Bist du allein?" fragte er. „Wie du siehst, Christoph." , „ Er schwieg einen Augenblick. „Ich muß fort von hier, Ph'bpp > Nöte er bann, „noch heute abenb; weit fort, an den Rhein zu meinem Mutier- bruber; er ist schwächlich unb braucht einen Gesellen, der nach dem Rechten sehen farm. Aber ich fürchte, meine Barschaft reicht nicht für die Reise, unb Fechtens das ist nicht meine Sache." Ich war schon an mein Pult gegangen und hatte eine kleine Geldsumme auf ben Tifch gezählt. „Reicht es, Christoph?" „Ich banke dir, Philipp." Und er steckte bas Gelb sorgsam m seine Börse, bie schon einen kleinen Schatz an Golb- unb Silbermünzen enthielt. Erft jetzt sah ich, baß er in seiner schwarzen Sonntagstleibung vor mir stand. , ., , ... . . „Aber bu bist ja in vollem Wichs", fragte ich; „wo bist du denn gewesen?" „Nun", sagte er unb rieb sich nachbenklich mit ber Hanb seine breite Stirn, „ich komme eben von der Polizei!" „Du hast schon deinen Pah geholt?" „Jawohl; meinen Lauspaß." Ich sah ihn fragend an. , n „Es ist wegen der dummen Geschichte auf dem Ballhause. Mir ging ein Licht auf. „So! also du bist es gewesen", sagte ich; „daß mir das nicht sogleich eingefallen ist!" „Freilich bin ich dort gewesen. Philipp." „Lenore war wohl mit dir?" Er nickte. 1 „Unb ba hast bu ben Rauqrafen burchgeprügeli?" Ein Lächeln befriebigten Hasses legte sich um feinen Munb. „Sie jagen ja, baß ich's gewesen fei", erroiberte er. Der alte Feinb der Gymnasiasten sprach dies in solchem Tone ber Genugtuung, bah ich über ben Sachverhalt nicht mehr zweifelhaft fein konnte. Ich mußte laut auflachen. „So erzähl' mir hoch! Wie kam denn bie Geschichte?" „Nun, Philipp — bu weißt boch, baß ich mit ber Lore gehe? „Selb ihr denn einig miteinander?" „Es ist wohl so was", erwiderte er. — „Sie ist eine anstellige Person; unb nach dem Tode der alten Tante bekommt sie auch noch eine Kleinigkeit." Ich sah ihn lächelnd an. „Nun, Christoph, sie ist auch sonst so übel nicht; du hättest so überzeugend sonst auch schwerlich zugeschlagen!" Er blickte einen Augenblick vor sich hin. „Ich weiß es kaum", sagte er, „mir standen in ber Reihe, Lore und ich — es geschah nur ihr zu Gefallen, daß ich hingegangen war — da kam der lange, blasse Kerl, der schon immer auf sie gemustert und dabei mit einem andern getuschelt hatte, und wollte extra mit ihr tanzen." „War er denn unverschämt gegen deine Dame?" „Unverschämt? — Sein Gesicht ist unverschämt genug!" „Unb Lore?" sagte ich, meinen Freund scharf fixierend, „sie hätte wohl gern mit dem schmucken Kavalier getanzt?" Er zog die Stirnfalten zusammen, unb ich sah, wie sich eine trübe Wolke über feinen Augen lagerte. „Ich weiß es nicht", fügte er leise.--„Es mar nicht gut, baß ihr das Mädchen damals in eurer lateinischen Tanzschule den Notknecht spielen ließet." Er reichte mir bie Hand. „Leb' rnohl, Philipp", sagte er, „das Geld schicke ich dir; sonst wirst du wohl nicht viel von mir zu hören hekorninen; aber um Jahresfrist, so Gott will, bin ich wieder hier, ober bei uns