GietzenerzamilieMWer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <955 Sreitag, den 10. März Hummer 20 Nachtgeräusche. - Von Conrad Ferdinand Meyer. Melde mir die Nachtgeräusche, Muse, die ans Ohr des Schlummerlosen fluten — Erst das traute Wachtgebell der Hunde, dann der abgezählte Schlag der Stunde, dann ein Fischer-Zwiegespräch am Ufer, dann? Nichts weiter als der ungewisse Geisterlaut der ungebrochnen Stille, wie das Atmen eines jungen Busens wie das Murmeln eines tiefen Brunnens, wie das Schlagen eines dumpfen Ruders, dann der ungehörte Tritt des Schlummers. Kleider machen Leute. Novelle von Gottfried Keller. An einem unfreundlichen Novembertage wanderte ein armes Schneiderlein auf der Landstraße nach Golbach, einer kleinen reichen Stadt, die nur wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. Der Schneider trug in seiner Tasche nichts, als einen Fingerhut, welchen er, in Ermangelung irgend einer Münze, unablässig zwischen den Fingern drehte, wenn er der Kälte wegen die Hände in die Hosen steckte, und die Finger schmerzten ihm ordentlich von diesem Drehen und Reiben, denn er hatte wegen des Fallimenets irgend eines Seldwyler Schneidermeisters seinen Arbeitslohn mit der Arbeit zugleich verlieren und auswandern müssen. Er hatte noch nichts gefrühstückt als einige Schneeflocken, die ihm in den Mund geflogen, und er sah noch weniger ab, wo das geringste Mittagsbrot herwachsen sollte. Das Fechten fiel ihm äußerst schwer, ja schien ihm gänzlich unmöglich, weil er über seinem schwarzen Sonntagskleide, welches sein einziges war, einen weiten dunkelgrauen Radmantel trug, mit schwarzem Sammet ausgeschlagen, der seinem Träger ein edles und romantisches Aussehen verlieh, zumal dessen lange schwarze Haare und Schnurrbärtchen sorgfältig gepflegt waren und er sich blasser aber regelmäßiger Gesichtszüge erfreute. Solcher Habitus war ihm zum Bedürfnis geworden, ohne daß er etwas Schlimmes oder Betrügerisches dabei im Schilde führte; vielmehr war er zufrieden, wenn man ihn nur gewähren und im stillen seine Arbeit verrichten ließ; aber lieber wäre er verhungert, als daß er sich von seinem Radmantel und von seiner polnischen Pelzmütze getrennt hätte, die er ebenfalls mit großem Anstand zu tragen wußte. Er konnte deshalb nur in größeren Städten arbeiten, wo solches nicht zu sehr aussiel; wenn er wanderte und keine Ersparnisse mitführte, geriet er in die größte Not. Näherte er sich einem Hause, so betrachteten ihn die Leute mit Verwunderung und Neugierde und erwarteten eher alles andere, als daß er betteln würde; so erstorben ihm, da er überdies nicht beredt war, die Worte im Munde, also daß er der Märtyrer seines Mantels war und Hunger litt, so schwarz wie des letzteren Sammetsutter. Als er bekümmert und geschwächt eine Anhöhe hinauf ging, stieß er aus einen neuen und bequemen Reisewagen, welchen ein herrschaftlicher Kutscher in Basel abgeholt hatte und seinem Herrn überbrachte, einem fremden Grafen, der irgendwo in der Ostschweiz auf einem gemieteten oder angekauften alten Schlosse sah. Der Wagen war mit allerlei Vorrichtungen zur Ausnahme des Gepäckes versehen und schien deswegen schwer bepackt zu sein, obgleich alles leer war. Der Kutscher ging wegen des steilen Weges neben den Pferden, und als er oben angekommen den Bock wieder bestieg, fragte er den Schneider, ob er sich nicht in den leeren Wagen setzen wolle. Denn es fing eben an zu regnen und er hatte mit einem Blicke gesehen, daß der Fußgänger sich matt und kümmerlich durch die Welt schlug. Derselbe nahm das Anerbieten dankbar und bescheiden an, worauf der Wagen rasch mit ihm von bannen rollte und in einer kleinen Stunde stattlich und donnernd durch den Torbogen von Goldach fuhr. Vor dem ersten Gasthofe, zur Wage genannt, hielt das vornehme Fuhrwerk plötzlich, und alsogleich zog der Hausknecht so heftig an der Glocke, daß der Draht beinahe entzwei ging. Da stürzten Wirt und Leute herunter und rissen den Schlag auf; Kinder und Nachbarn umringten schon den prächtigen Wagen, neugierig, welch ein Kern sich aus so unerhörter Schale enthülsen werde, und als der verdutzte Schneider endlich hervorsprang in seinem Mantel, blaß und schön und schwermütig zur Erde blickend, schien er ihnen wenigstens ein geheimnisvoller Prim oder Grafensohn zu sein. Der Raum zwischen dem Reisewagen und der Pforte des Gasthauses war schmal und im übrigen der Weg durch die Zuschauer ziemlich gesperrt. Mochte es nun der Mangel an Geistesgegenwart oder an Mut sein, den Haufen zu durchbrechen und einfach (eines Weges zu gehen, — er tat dieses nicht, sondern ließ sich willenlos in das Haus und die Treppe hinangeleiten und bemerkte feine neue seltsame Lage erst recht, als er sich in einen wohnlichen Speisesaal versetzt sah und ihm sein ehrwürdiger Mantel dienstfertig abgenommen wurde. »Der Herr wünscht zu speisen?" hieß es, „gleich wird serviert werden, es ist eben gekocht!" Ohne eine Antwort abzuwarten lief der Wagwirt in die Küche und rief: „Ins drei Teufels Namen! Nun haben wir nichts als Rindfleisch und die Hammelskeule! Die Rebhuhnpastete darf ich nicht anschneiden, da sie für die Abendherren bestimmt und versprochen ist. Sv geht es! Den einzigen Tag, wo wir keinen solchen Gast erwarten und nichts da ist, muß ein solcher Herr kommen! Und der Kutscher hat ein Wappen auf den Knöpfen und der Wagen ist wie der eines Herzogs! und der junge Mann mag kaum den Mund öffnen vor Vornehmheit!" Doch die ruhige Köchin sagte: „Nun, was ist denn da zu lamentieren, Herr? Die Pastete tragen sie nur kühn auf, die wird er doch nicht auf- effen! Die Abendherren bekommen sie dann portionenweise, sechs Portionen wollen wir schon noch herausbringen!" „Sechs Portionen? Ihr vergeßt wohl, daß die Herren sich satt zu essen gewohnt sind!" meinte der Wirt, allein die Köchin fuhr unerschüttert fort: „Das sollen sie auch! Man läßt noch schnell ein halbes Dutzend Kotelettes holen, die brauchen wir so wie so für den Fremden, und was er übrig läßt, schneide ich in kleine Stückchen und menge sie unter die Pastete, da lassen Sie nur mich machen!" Doch der wackere Wirt sagte ernsthaft: „Köchin, ich habe Euch schon einmal gesagt, daß dergleichen in dieser Stadt und in diesem Hause nicht angeht! Wir leben hier solid und ehrenfest und vermögen es!" „Ei der Tausend, ja, ja!" rief die Köchin endlich etwas aufgeregt, »wenn man sich bann nicht zu helfen weiß, so opfere man die Sache! Hier sind zwei Schnepfen, bie ich den Augenblick vom Jäger gekauft habe, die kann man am Ende ber Pastete zusetzen! Eine mit Schnepfen gefälschte Rebhuhnpastete werben bie Leckermäuler nicht beanstanden! So- bann sind audj die Forellen da, bie größte fjabc ich in bas siedende Wasser geworfen, wie der merkwürdige Wagen kam, und da kocht auch schon die Brühe im Pfännchen, so haben mir also einen Fisch, das Rindfleisch, das Gemüse mit ben Kotelettes, ben Hammelsbraten und Sie Pastete; geben Sie nur ben Schlüssel, daß man bas Eingemachte und den Dessert herausnehmen kann! Und den Schlüssel könnten Sie, Herr! mir mit Ehren und Zutrauen übergeben, damit man Ihnen nicht allerorten nachspringen muß und oft in die größte Verlegenheit gerat!" „Liebe Köchin! Das braucht Ihr nicht übel zu nehmen, ich habe meiner seligen Frau am Totbette versprechen müssen, die Schlüssel immer in Händen zu behalten; sonach geschieht es grundsätzlich und nicht aus Mißtrauen! Hier sind die Gurken und hier die Kirschen, hier die Birnen und hier die Aprikosen; aber das alte Konfekt darf man nicht mehr aufstellen; geschwind soll die Lise zum Zuckerbeck laufen und frisches Backwerk holen, drei Teller, und wenn er eine gute Torte hat, soll er sie auch gleich mitgeben!" „Aber Herr! Sie können ja dem einzigen Gast das nicht alles aufrechnen, bas schlägt's beim besten Willen nicht heraus!" „Tut nichts, es ist um die Ehre! Das bringt mich nicht um; dafür soll ein großer Herr, wenn er durch unsere Stadt reift, sagen können, er habe ein ordentliches Essen gefunden, obgleich er ganz unerwartet und im Winter gekommen sei! Es soll nicht heißen, wie von den Wirten zu Seldwyl, bie alles Gute selber fressen unb ben Fremden die Knochen vorsetzen! Also frisch, munter, sputet Euch allerseits!" Während dieser umständlichen Zubereitung befand sich der Schneider in der peinlichsten Angst, da der Tisch mit glänzendem Zeuge gedeckt wurde, und so heiß sich der ausgehungerte Mann vor kurzem noch nach einiger Nahrung gesehnt hatte, so ängstlich wünschte er jetzt, der drohenden Mahlzeit zu entfliehen. Endlich faßte er sich einen Mut, nahm seinen Mantel um, setzte die Mütze auf und begab sich hinaus, um den Ausweg zu gewinnen. Da er aber in feiner Verwirrung, und in dem weitläufigen Haufe die Treppe nicht gleich fand, so glaubte der Kellner, den der Teufel beständig umhertrieb, jener suche eine gewisse Bequemlichkeit, rief: „Erlauben Sie gefälligst, mein Herr, ich werde Ihnen den Weg weisen!" und führte ihn durch einen langen Gang, der nirgends anders endigte, als vor einer schönen lackierten Türe, auf welcher eine zierliche Inschrift angebracht war. Also ging der Mantelträger ohne Widerspruch, sanft wie ein Lämm- lein, dort hinein und schloß ordentlich, hinter sich zu. Dort lehnte er sich bitterlich seufzend an die Wand, und wünschte der goldenen Freiheit der Landstraße wieder teilhaftig zu sein, welche ihm jetzt, so schlecht das Wetter war, als das höchste Glück erschien. Doch verwickelte er sich jetzt in die erste selbsttätige Lüge, weil er in dem verschlossenen Raum ein wenig verweilte und er betrat hiermit den abschüssigen Weg des Bösen. -aann sich in ihm zu bilden. „Es ist jetzt sich, von einem neuen Tröpflein Weines sich an den Braten gehalten!" „Ich sag's auch", meinte der Wirs, „es sieht sich zwar nicht ganz elegant an; aber so hab' ich, als ich zu meiner Ausbildung reiste, nur Generäle und Kapitelsherren essen sehen!" Unterdessen hatte der Kutscher die Pserde füttern lassen und selbst ein handfestes Essen eingenommen in der Stube für das untere Volk, und da er Eile hatte, ließ er bald wieder anspannen. Die Angehörigen des Gasthofes zur Waage konnten sich nun nicht langer enthalten und fragten, eh' es zu spät wurde, den herrschaftlichen Kutscher geradezu, wer sein Herr da oben sei, und wie er heiße? Der Kutscher, ein schalkhafter und durchtriebener Kerl, versetzte: „Hat er es noch nicht selbst gesagt?" „Rein", hieß es, und er erwiderte: „Das glaub' ich wohl, der spricht nicht viel in einem Tage; nun, es ist der Gras Strapinski! Er wird aber heut und vielleicht einige Tage hier bleiben, denn er hat mir besohlen mit dem Wagen vorauszufahren." Er machte diesen schlechten Spaß, um sich an dem Schneiderlein zu rächen, das, wie er glaubte, statt ihm für seine Gefälligkeit ein Wort des Dankes und des Abschiedes zu sagen, sich ohne Umsehen in das Haus begeben hatte und den Herren spielte. Seine Eulenspiegelei aufs äußerste treibend, bestieg er auch den Wagen, ohne nach der Zeche für sich und die Pserde zu fragen, schwang die Peitsche und fuhr aus der Stadt, und alles ward so in der Ordnung bekunden und dem guten Schneider aufs Kerbholz gebracht. ^JnzwWen sah der Wirt, daß der Gast nicht trank, und sagte ehrerbietig Der Herr mögen den Tischwein nicht, befehlen Sie vielleicht em Glas guten Bordeaux, den ich bestens empfehlen kann? Da beging der Schneider den zweiten selbsttätigen Fehler, indem er aus Gehorsam ja statt nein sagte, und alsobald verfugte sich der Wagwutt persönlich in den Keller, um eine ausgesuchte Flasche zu holen; denn es lag ihm alles daran, daß man sagen könne, es sei etwas Rechtes im Ort zu haben. Als der Gast von dem eingeschenkten Wein wiederum aus basem Gewissen ganz kleine Schlücklein nahm, lief der Wirt voll Freuden in die Küche, schnalzte mit der Zunge und rief: „Hol' mich der Teufel, der ver- steht's, der schlürft meinen guten Wein auf die Zunge, rote man einen Dukaten auf die Goldwaage legt!" ,,,,, . . . . s , „Gelobt fei Jesus Christ!" sagte die Köchin, „ich Habs behaupret, daß einmal, wie es ist", sagte er sich, von einem neuen Tropflein meines erwärmt und aufgeftadjelt; „nun wäre ich ein Tor, wenn ich die kommende Schande und Verfolgung ertragen wollte, ohne mich dafür fatt- gegeffen zu Haden! Also vorgesehen, weil es noch Zeit ist! Das Türmchen, was sie da ausgestellt haben, dürste leichtlich die letzte Speise sein, daran will ich mich halten, komme was da wolle! Was ich einmal im Leibe habe, kann mir kein König wieder rauben!" Gesagt, getan; mit dem Mute der Verzweislung hieb er in die leckere Pastete, ohne an ein Aushören zu denken, so daß sie in weniger als fünf Minuten zur Hälfte geschwunden war und die Sache für die Abend- Herren sehr bedenklich zu werden begann. Fleisch, Trüsseln, Klößchen, Boden, Deckel, alles schlang er ohne Ansehen der Person hinunter, nur besorgt, sein Rönzchen voll zu packen, ehe das Verhängnis hereinbrache; dazu krank er den Wein in tüchtigen Zügen und steckte große Brotbisfen in den Mund; kurz, es war eine so hastig belebte Einfuhr, wie wenn bei auffteigenbem Gewitter das Heu von der nahen Wiese gleich aus der Gabel in die Scheune geslüchtet wird. Abermals lies der Wirt in die Küche und ries: „Köchin! Er ißt die Pastete aus, während er den Braten kaum berührt hat! Und den Bordeaux trinkt er in Halden Gläsern!" „Wohl bekomm' es ihm", sagte die Köchin, „lassen Sie ihn nur machen, der weiß, was Rebhühner sind! Wär' er ein gemeiner Kerl, so hätte er Run mußte es sich aber fügen, daß dieser, ein geborener Schlesier, wirklich Strapinski hieß, Wenzel Strapinski, mochte es nun ein Zufall sein oder mochte der Schneider sein Wanderbuch im Wagen hervor- gewgen, es dort vergessen und der Kutscher es zu sich genommen hoben. Genug als der Wirt freudestrahlend und händereibend vor ihn hintrat und fragte, ob der Herr Graf Strapinski zum Nachtisch em Glas alten Tokaier oder ein Glas Champagner nehme, und ihm meldete, daß die Zimmer soeben-zubereitet würden, da erblaßte der arme Strapinski, verwirrte sich von neuem und erwiderte gar nichts. „hortnn(a fiöthft interessant!" brummte der Wirt für sich, tnbem er abermals in ben Keller eilte unb aus befonberem Verschlage nicht nur ein Fläschchen Tokaier, sondern auch ein Krügelchen Bocksbeutel holte und e,ne Cbampaanerslasche schlechthin unter den Arm nahm. Bald sah Strapinski einen ttemen Wald von Gläsern vor sich, aus welchem der Ghampagner- kclch wie eine Pappel emporragte. Das glänzte, klingelte unb duftete gar 00h oei \lLuu.3 _ e,___.,.4. ' —, (StnhtiAroiher und der Notar gekommen um Öen Kaffee’ zu trinken, und das tägliche Spielchen um denselben zu machen; bald kam auch der ältere Sohn des Hauses Haberlm und Cie der jüngere des Hauses Pütschli-Nievergelt, der^Suchhalter einer Sen Spinnerei, Herr Melcher Böhnl; allein statt ihre Partie zu spielen gingen sämtliche Herren in weitem Bogen hinter dem polnischen Grafen herum, die Hände in den hinteren Rocktaschen, nut den Augen blinzelnd und aus den Stockzähnen lächelnd. Denn es waren biejenigen Mitglieber guter Häuser, welche ihr Leben lang zu Hause blieben, deren Verwandte und Genossen aber in aller Welt saßen, weswegen sie selbst die Welt ett|uiiol3base"oUte ein polnischer Gras sein? Den Wagen hatten sie freilich von ihrem Comptoirstuhl aus gesehen; auch wußte man nicht, ob Wirt ben Grasen oder dieser jenen bewirte; doch hatte der Wirt bis jetzt rro* keine dummen Streiche gemacht; er war vielmehr als ein ziemlich schlauer Kopf bekannt, und so wurden denn d-e Kreise, welche die neugierigen Herren um den Fremden zogen, immer kleiner, bis sie s ch wule vertraulich an den gleichen Tisch setzten und sich auf gewandte Weise zu dem Gelage aus dem Stegreif einluden, indem sie ohne weiteres um eine Flasche zu würfeln begannen. ..... . „ * ich tranken sie nicht zu viel, da es noch früh war; dagegen galt es, Schluck tre slichen Kassee zu nehmen und dem Polacken, wie sie Nachruf für Teddy. Von Georg Hermann. lieber deine srühste Jugend ist mir nichts bekannt. Als wir uns kennen- lernten (du fielst mir auf der Straße auf, weil du einem kleinen Mädchen, das jämmerlich schrie, immer in die Nase beißen wolltest), warst du wohl ungefähr drei Monate, während ich siebenundvierzig Jahre war, ja bald achtundoierzig. Du warst weih, Teddy, wie ein Lämmchen mit ein paar schwarzen Haaren. Und ich war damals schwarz mit ein paar weißen chnareu. Als wir uns dann nach einem Dutzend von Jahren voneinander trennten, hatte ich mich — in dieser Hinsicht wenigstens — dir so ziemlich angepaht. Damals war noch Krieg, unb ein Solbat hatte bich, Tebdy, für fein Töchterchen aus bem Felb mitgebracht, damit sie mit dir, und du mit ihr spielen solltest. Ob die Sage, daß du als einziger lleberlebenöcr aus einem vergasten englischen Schützengraben gezogen worden warst, einen historischen Hintergrund hatte, oder nur dazu von dem Soldaten erfunden worden war, daß er an meine Sensationslust appellierend, den Preis für dich nicht von zwanzig auf zehn Mark herunterhandeln ließ, wird nie geklärt werden. Am nächsten Tage tratest du bei mir in Erscheinung. An einem schönen blühend-blauen Maitag des Jahres 1918. Klein, bildhübsch, weih unb sAws U NrSnD ÄTVL, 'M WUnb als?e?Schneider wieder aus dem langen Gange ^orgeroanbelt tarn melancholisch wie ber umgehende Ahnherr eines Stammschlosses, begleitete er ihn mit hundert Komplimenten und Hanbreibungen wleberum in den verwünschten Saal hinein. Dort wurde A ohne ferneres Verweilen an den Tisch gebeten, der Stuhl zurechtgeruckt und da der Dust d°r krastu gen Suppe/bergleidjen er lange nicht gerochen, ihn v o llends sein es Will en beraubte fo ließ er sich in Gottes Namen nieder und tauchte sofort den schweren'Löffel in die braungoldene Brühe. In tiefem Schweigen e,-f*lf$t Seine matten Lebensgeister und wurde mit achtungsvoller Stille und Alster Etzen Teller geleert hatte und der Wirt s 1 ........* —SeMd” " blante Messer zu brauchen, sondern hantierte schüchtern mid zimperlich mit der silbernen Gabel daran herum. Das bemerkte die Kochm, welche zur Tür hineinguckte, den großen Herren zu sehen, und sie sagte zu den Umstehenden: „Gelobt sei Jesus Christ! Der weiß noch einen seinen F sch ,u effcn mie es sich gehört, der sägt nicht mit dem Messer in dem zarten Wesen herum, wie wenn er ein Kalb schlachten wollte. Das ist ein Herr von großem Hause, daraus wollt' ich schwören, wenn es nicht verboten wäre! Und wie schön und traurig er ist! Gewiß ist er in ein armes Fräulein verliebt, das man ihm nicht lassen will! Ja, ja, die vornehmen Leute cr’s versteht!" , , . , . So nähm die Mahlzeit denn ihren Verlauf und zwar sehr langsam, weil der arme Schneider immer zimperlich unb unentschlossen aß unb krank unb der Wirt, um ihm Zeit zu lassen, die Speisen genugsam stehen lieh. Trotzdem war es nicht der Rede wert, was der Gast bis jetzt zu sich genommen; vielmehr begann der Hunger, der immerfort 1° gefährlich gereizt wurde, nun den Schrecken zu überwinden, und als die Pastete von Rebhühnern erschien, schlug die Stimmung des Schneiders gleichzeitig um unb ein fester Gebaute bei einen Schluck trefflichen Kaffee zu nehmen unb bem Poiacren, wie j,e den Schneiber bereits heimlich nannten, mit gutem Rauchzeug aufzuwarten, bamit er immer mehr röche, wo er eigentlich wäre. Darf ich bem Herrn Grafen eine ordentliche Zigarre anbieten? Ich habe sie von meinem Bruder auf Kuba direkt bekommen! sagte der eine Die Herren Polen lieben auch eine gute Zigarette, hier ist echter Tabak aus Smyrna, mein Kompagnon hat ihn gesandt , rief der andere, indem er ein rotseidenes Beutelchen hinschob. . Dieser aus Damaskus ist seiner, Herr Gras , rief der dritte, „unser dortiger Prokurist selbst hat ihn für mich besorgt!" Der vierte streckte einen ungefügen Zigarrenbengel bar, inbem er schrie: „Wenn Sie etwas ganz Ausgezeichnetes wollen so versuchen sie bieje Pslanzerzigarre aus Virginien, selbstgezogen, selbstgemacht unb burdiaus nicht käuflich!" , , , . <_ ,, Strapinski lächelte sauersüß, sagte nichts und war bald in feine Duft- roolten gehüllt, welche von der hervorbrechenden Sonne lieblich versilbert wurden. Der Himmel entroöltte sich in weniger als einer Viertelstunde, ber schönste Herbstnachmittag trat ein; es hieß, der Genuß ber günstigen Stunde fei sich zu gönnen, da das Jahr vielleicht nicht viele solcher Tage mehr brächte; und es wurde beschlossen, auszusahren, ben fröhlichen Amtsrat auf seinem Gute zu besuchen, der erst vor wenigen Tagen ge- keltert hatte, und seinen neuen Wein, den roten Sauser, zu kosten. Putschtt- Nieve-aelt, Sohn, sandte nach seinem Jagdwagen, und bald schlugen seine jungen Eisenschimmel das Pflaster vor der Waage. Der Wirk elbst lieh ebenfaUs anfpannen, man lud den Grasen zuvorkommend ein, sich anzu- schliehen und die Gegend etwas kennen zu lernen. Der Wein hatte seinen Witz erwärmt; er überdachte schnell, dah er bei dieser Gelegenheit am besten sich unbemerkt entfernen unb seine Wanberung sortsetzen könne; ben Schaben sollten die törichten und zudringlichen Herren an sich selbst behalten. Er nahm daher die Einladung mit einigen höslichen Worten an und bestieg mit bem jungen Putscht, ben Jagbwagen. (Fortsetzung folgt.) schwarz ... Silber mit chinesischer Tusche ... wollig und flockig, harmlos unO stubenrein. Erst bliebst du einen Augenblick im Garten sitzen und K dich um, um von deinem zukünftigen Reich wenigstens mit den en Besitz zu ergreifen. Denn du nahmst dir vor, von nun an, diesen Garten, der durch Holzzaun und Drahtgeflecht hinten von der Umwelt geschieden ist, gegen alles zu verteidigen, was keinen guten Rock trug, und vor allem gegen jeden Hund der Umgebung ... von der Dogge Moritz bis zu dem Rattenpinscher Bobbi von der Post. Dann aber hieltest du den Kopf schief, und beäugeltest noch einmal den Drahtzaun genauer, um seine schwachen Stellen herauszubekommen, wo du dich zum Stromern und für zukünftige Liebesfahrten durchwühlen könntest, und, um die Maschen dir zu merken, durch die du Hindurchbeitzen und den Feinden in die Rase zwicken könntest. Die Hühner, die du im Hintergrund picken sahst, betrachtetest du mit innigem Wohlwollen und beschlössest vorerst einmal, den Kücken die Hälse lang zu ziehen ... bis du groß genug wärest, das bei den Hennen zu tun. Den Hahn würdest du dir für zuletzt aufsparen. Und so tatest du. * Sodann jedoch gingst du in dein neues Haus und warst sehr erstaunt, dort eine schwierige Treppe zu sinden, die man mühsam erklettern mußte. Wie soll ich das sagen? Richt wahr: Du kletterst mal zuerst vorne rauf und flössest hinten über die neue Treppe wieder herunter; als ob du dir den Weg für alle zukünftigen Fälle bezeichnen wolltest. Du fandest eine Katze, und nachdem du die Oberlippe gehoben und sie angeknurrt hattest, während sie zischend einen Buckel machte, schlosset ihr ein für alleMal als kluge Tiere Frieden, und du stelltest sie in deinem Hause dafür an, daß sie auf den Tifch springen mutzte, um dir Wurstscheiben herunterzuwerfen. Kritisch sahst du dir die verschiedenen Menschen im Hause an und erkanntest sosort, dah der alte Herr deinem Schmeicheln und Betteln bei Tisch am wenigsten widerstehen konnte, und dah sein Ledersessel in seinem Arbeitszimmer ein Platz wäre, aus dem er die nächsten zehn Jahre deines Lebens nichts mehr zu suchen haben würde. * Du mutztest ganz genau, datz du ein reizendes Kerlchen warst, und dah du mal ein verdammt hübscher Bursche würdest, der Hundedamen mindestens so gut gefallen würde wie sie dir. Und du beschlössest sofort, etwas zur Besserung der Hunderassen der näheren Umgebung zu tun, wenn es dafür Zeit sein würde. Ach und so winzig du warst — denn diese Teddies werden nicht groß —, du warst ein unverbesserlicher Raufer. „Länger als fünf Jahre können Sie die Rasse nicht halten", sagten die Hundekenner, „denn dann werden sie so bissig, dah sie aus den eigenen Herrn losgehen." Aber das stimmte nicht. Mich hast du in all den zwölf Jahren nicht einmal angeknurrt. Rur meine Tochter haft du, als sie dich einmal aus einer Rauferei herausrih, versehentlich in die Hand geschnappt. Das hat dir sicher selbst nachher leid getan. Denn deine Zuneigung zu uns allen war uferlos. Wer nach Hause kam, den rissest du beinahe um mit deiner Liede. Und klug warst du. Sicherlich verstandest du wohl zwei- bis dreihundert Worte unserer Menschensprache. Du holtest das Kind vom Bahnhof ab, und du erschienest auch manchmal in der Schulklasse, um es zu besuchen. Du triebst berufsmäßig bei jedem Spaziergang die Gänse in den Fluß und schwammst ihnen gern noch ein Stückchen nach. In deinen Liebes- gesühlen beschämtest du den Ritter von Poggenburg. Denn nachdem deine Freundin schon längst in unirdische Gefilde hinübergewechselt war, kamst du noch jahrelang, um ihre teere Hütte anzuwinseln, und ließest dich weder durch Steinwürfe der Jugend, noch durch Wassergüsse der Großen in diesen deinen Gefühlen beirren. * Aber dann begann auch bei dir allgemach brr Abbau des Lebens ... Hub an das Alter sich auch bei dir und deiner nie ruhenden Vitalität zu melden. Erst wurde das eine Auge starblind, und bald darauf begann auch das andere sich langsam zu verschleiern. Wenn du gerade frisch gebadet warst, sahst du ja immer noch ganz gut aus. Wie ein alter Herr, der vom Friseur kommt. Aber die Glieder waren steif und rheumatisch, und die Treppen ging’s wieder herauf wie vor zwölf Jahren, Stufe um Stufe. Trotzdem aber witschtest du immer wieder heimlich aus, sobald jemand die Gartentüre aufgelassen hatte, um als alter Kavalier noch irgendeiner Hundesreundin von ehemals deine Aufwartung zu machen. Denn so alt und klapprig auch dein Körper geworden war, dein Herz war jung geblieben. Ach Gott (ich verstehe bas!), leider zu jung. Und von der letzten solcher Liebesfahrten kamst du nicht mehr selbst zuruck, sondern man brachte dich mir wieder. Was passiert war, weiß ich nicht. Ob dir jemand mit einem Prügel übers Kreuz geschlagen hatte, ob ein Auto dich zur Seite geschleudert hatte... Wer kann das sagen?! Du warft zwar äußerlich ganz unverletzt, aber die 5)interbetne hingen gelahmt herab. Vielleicht war auch nur die Wucht deiner Gefühle zu stark für deinen alten Körper gewesen. Schmerzen hattest du nicht, nur em unendliches Erstaunen mischte sich in den trüben Schimmer deiner alten Augen mit all der Zuneigung zu mir von zwölf langen lind gemeinsamen Jahren, als du mich hilflos das erstemal anblickteft. Doch da das von Tag zu Tag statt besser nur mit dir schlimmer und aussichtsloser wurde, so hat man dir endlich eben die letzten Qualen ersparen müssen. * Wie ich weiter erfuhr, bist du bann in ben Hunbehimmel gekommen, wo bu all beine Feinbe, bie bir längst vorangegangen waren, wieder trafst. In ber nächsten Sefunbe aber fing eine Beißerei an, wie sie ber Hunbehimmel seit seinem Bestehen noch nicht erlebt hatte, Unb Petrus soll bich mißgelaunt, wie alte Herren manchmal finb, mit einem mächtigen Tritt in bie Hölle beförbert haben. Unb da sollst bu jetzt mit zwei kleinen Hörnerchen auf bem Kopf vor bem Lehnstuhl ber Großmutter bes Teufe liegen, bie sich an beinern molligen Fell ihre alten, kalten Fuße beljag ch rot>Später, wenn ich selbst komme, will ich mal sehen, ob bu mich wieber erkennst, alter Freunb Tebby. Wie ost wurde Amerika entdeckt? Von Dr. Emil Carthaus. Viel von sich reben macht zur Zeit das Schicksal des englischen ©berften Fawce11, eines im Kolonialbienst erprobten Offiziers, ber noch im achtunbfünfzigsten Lebensjahr sich 1925 mit seinem Sohn und einem intelligenten jungen Australier in das unbekannte Hochland von Mato Eroßo (Brasilien) begab, um sich über ein angeblich dort vorhandenes Kulturgebiet von weißen, blauäugigen unb blonbhaarigen Jnbianern nähere Aufklärung zu verschaffen. Dieser eifrige Forscher ist verschollen, über sein Schicksal finb bie verschiebenften Gerüchte ausgetaucht. Rach mehrfachen vergeblichen Bemühungen ber Königlichen Geographischen Gesellschaft in Lonbon würben zwei Hilfsexpebitionen ausgeschickt, um bas Schicksal Faweetts klarzustellen unb vielleicht wissenschaftliche Aufzeichnungen von ihm in bie Hände zu bekommen. Blauäugige weiße Indianer, bie schon A. von H u m b o l b t in ben Tuscarora-Jnbianern zu seinem nicht geringen Erstaunen kennen lernte, sind wissenschaftlich insofern interessant, als sie auf alte Verbinbungen unb Blutmischungen zwischen Europäern unb Amerikanern schon lange vor Kolumbus Hinweisen. Die zur Aussinbung Faweetts — von besten Weiterleben seine Frau auf telepathischem Wege Kunbe haben will — ausgefanbten Expeditionen lenken deshalb zur Zeit bie allgemeine Aufmerksamkeit mehr als sonst auf biefe Verbinbungen. Wenn ber römische Philosoph Seneca schreibt: „Einst wirb kommen bie Zeit, ba ber Ozean bie Fesseln ber Natur sprengt, Tipbys (ber Steuermann ber Argonauten) eine neue Welt entdeckt und Thule (Jslanb) nicht mehr bas äußerste unter ben ßänbern sein wirb", so grünbet sich biefe Prophezeiung vielleicht auf bie Tatsache, bah wieder- holt Menschen durch ben Sturm noch lebenb ober tot von ber amerikanischen an bie europäische Küste verschlagen wurden. Auch haben in umgekehrter Richtung nach Ausweis alter Sagen gewaltsame Schiffsversetzungen ftattgefunben. So hätten bie Normannen trotz ihrer Kühnheit unter ber Leitung von Leis, bem Sohn Erichs bes Roten, im Jahre 1000 von Grönlanb aus nicht bie Fahrt burch ein ihnen ganz unbekanntes Meer zur Küste von Amerika gewagt, wenn biefe nicht, wie bas fechshunbert Jahre alte Flateyjar-Buch berichtet, ber islänbifche Seefahrer Björn Herolffon deut- lich gesichtet hätte. Nach Abam von Bremen, bem bekannten Chronisten bes elften Jahrhunberks unb ber Eirik Randa-Sagg (anbete Leif mit feinen Gefährten, worunter auch ein Deutscher namens Tyrker, zuerst im Narben von Amerika in einem oben, steinigen unb deshalb als Hellu- lanb (Steinlanb) bezeichneten Gebiet. Weiter süblich kam man zu einer mit Wald beftanbenen unb beshalb Marklanb, b. i. Walblanb getauften Küste. Später lanbete man in einer sehr anmutigen Gegend, wo Tyrker Weinstöcke mit Trauben, bie ihm von seiner deutschen Heimat her bekannt waren, fanb. Vinlanb, b. i. Weinlanb, hieß man deshalb-diesen Teil ber norbainerikanischen Küste, _ben man wegen ber noch heute bort wilb- wachsenden Weinreben im Staate Massachusetts zu suchen hat. Wenn auch keine ausbrücklichen Berichte barüber erhalten geblieben finb, so ist boch anzunehmen, baß bie Normannen auch noch nach einer Reise bes Bischofs Erik Gnupson nach Vinlanb 1121 weitere Fahrten von Grönlanb aus nach ber holzreichen amerikanischen Küste unternommen haben, bis sie nach 1400 ihre Siedlungen auf dieser Insel aufgaben. Deutlicher noch als bie europäischen Schrifturkunben spricht für bie Amerikafahrten ber Normannen im 11. unb 12. Jahrhundert ein an ber Bafsinsbai auf ber Insel Kongiktorstak gefunbener Stein mit nordischen Runen, welche, auch nach A. von Humbolbt bestimmt auf biefe Zeit Hinweisen. — Der englische Universitätsprofessor Eben konnte sogar bei ber heutigen Stabt Boston alte Dämme, Kanäle unb Reste von Blockhäusern feststellen, bie in ihrer Anlage durchaus der altgrönländischen bzw. normannischen entsprechen. Dazu sind bei Boston in Jndianergrädern, welche weit in bie Zeit vor Kolumbus zurückreichen, Pfeilspitzen unb Geräte aus Bronze wie auch aus Silber gefunben worben, bie nach Kronau altnormannischen Ursprungs sein müssen. Germanen — Normannen — haben also nahezu ein halbes Jahr- tausenb früher ben Weg nach ber Neuen Welt gefunben als Kolumbus. Unb wie bie Eirik-Ranba-Saga berichtet, hörten bie normannischen Seefahrer bie Jnbianer in Vinlanb schon von einem nicht fernen, großen Laub sprechen, worin Männer in weißen Sewänbern einherschritten, laut riefen unb Stangen vor sich hertragen ließen, an denen große Lappen hingen — wohl weißgekleidete Geistliche, bie betenb unb mit Fahnen in einer Prozession einherschritten. Die Normannen nannten bieses Land Hoitramannalanb, b. h. Weißmännerland, unb, was sehr bemerkenswert, auch Jrlanb — it Mikla, b. i. Großirlanb. Danach scheint es, baß biefe Seefahrer mit alten irischen Sagen unb Ueberlieferungen bekannt waren, nach benen lange vor ihnen Irländer christlichen Bekenntnisses ein im Westen von Grönland gelegenes, sehr großes Land entdeckt unb sich barin niebergelaffen hatten. Nach diesem war, wie bas um bas Jahr 1130 geschriebene „ßanbnamabot" berichtet, im Jahre 987 auch schon Ari Marsson auf einer Fahrt von Island nach dem Süden durch Stürme verschlagen worden. Später wurde dort ein Erik Marston von den Eingeborenen in hohen Ehren gehalten, aber an seiner Rückkehr gehindert. Unabhängig von ben Normannenfahrten finb verschiebene Male englische Seefahrer lange vor Columbus nach bem Norben ber Neuen Welt »orgebrungen. So berichten alte gälische Klosterhanbschristen von einer dorthin führenden Entdeckungsreise, die im 12. Jahrhundert von Wales ausging. Sie wurde von Madoc, bem Sohn bes Häuptlings Owen Gwyn- neb mit zahlreichen Begleitern unternommen unb führte bazu, bah ein- hunbertfünfunbzwanzig Kolonisten in ber Neuen Welt zurückblieben. — Ohne Zweifel hat Kolumbus auf feiner Reife nach Englanb borftge Seeleute von biefen Entbeckungsfahrten reben hören. Das hat ihn vielleicht mehr als alles anbere bewogen, von Spanien aus bie Fahrt burch bie große Wafferwüste bes Atlantischen Ozeans zu unternehmen. Viel in Zweifel gezogen, aber schon von A. von Humbolbt als echt unb wahr erkannt, ist ber Bericht bes Venezianers Antonio Zeno über eine kn den Jahren zwischen 1390 und 1405 mit einer Flotte des Fürsten Zicheny von den Färöern aus unternommene Entdeckungsreise nach der Küste von Kanada oder weiter südlich. In diesem Bericht ist von Estoti- land die Rede, eine geographische Bezeichnung, die sich mit der Halbinsel Labrador deckt. Es ergibt sich das aus einem 1574 erschienenen Buch von Wusliet, das zugleich von einer Forschungsreise spricht, die die Könige von Dänemark und von Portugal im Jahre 1472 und 1473 ms Werk setzten. Aus dieser drang ein Schiss unter Führung des Danen Ion Skolp im Norden bis zur Labradorkllste vor, während die anderen Schiffe die fischreichen Gewässer an der Mündung des St.-Lorenz-Stromes erreichten. Man gab dem angrenzenden Teil des Festlandes den Namen Dorschland. Es ist das deshalb ganz besonders bemerkenswert, weil dasselbe Gebiet wegen des Reichtums der angrenzenden Meerenge an Kabeljaus (Stockfisch) als Stoeafiskland (Stochfischland) und unter der gleichbedeutenden spanischen Bezeichnung Bacalaoland nicht nur auf einem sehr alten Atlas der St.-Markus-Bibliothek in Venedig verzeichnet ist, aber auch weil es in dem Bericht von Galvanos über die 1153 an die deutsche Küste verschlagenen Eskimos (Indianer) heißt, daß sie anscheinend von der Küste von „Bacalaos" stammten. , _ Bereits im siebenten Jahrhundert sollen nach Harisse auch Spanier, nämlich Basken, die fischreichen Gewässer Nordamerikas an der Küste von Neufundland aufgesucht haben. Jedenfalls ist das vor der Zeit von Kolumbus schon wirklich der Fall gewesen, wie Eugen Gele ich klargelegt hat. Spricht doch Kolumbus selbst von einer Begegnung mit zwei Leuten von diesem der Seefahrt so kundigen Volk, die einmal so weit nach Nordwesten aus dem Atlantischen Ozean verschlagen wurden, daß sie die „tatarische" Küste sichteten. Unter dieser ist ohne Frage die Küste von Amerika zu verstehen, da Kolumbus bekanntlich in Amerika Ostasien ober Indien entdeckt zu haben glaubte. Alle diese bekannt gewordenen ober unbekannt gebliebenen frühen Berührungen von Europäern mit amerikanischen Völkern sinb nicht nur anthropologisch wegen ber möglichen Rassenmischung interessant, sonbern auch kulturgeschichtlich. So sinb in ber Religion mehrerer alten amerikanischen Kulturvölker beutlich frühe christliche Einslllsse zu erkennen. Vor allem spielt bei einigen von ihnen bas Kreuz als Symbol eine große Rolle, ja, in Talenque (Mexiko) gibt es sogar einen „Tempel bes Kreuzes". Oie drei von Kleist. Von Kurt H e y n i ck e. Nach ber Schlacht von Jena unb Auerstädt ritt ber Fähnrich Hans Joachim von Kleist mit einem kleinen Detachement, bas ihm unterstellt war, gen Rorbosten. Hinter fahlen Felbern, noch weit, lag TOagbeburg. In Magbeburg befehligte jein Großoheim, ber General Franz Kasimir von Kleist, in Magbeburg wartete seine Base Bettina aus ihn, sie würbe ihn nun nicht tn einer stolzen Stunbe als Sieger empfangen. Jetzt hatten sie im Rücken ben verfolgenden Feind. Sie ritten Tag und Nacht und erreichten die Stabt. Der junge Kleist buchte nicht an Bettina, er bachte an seine Pflicht unb lag zwei Tage vergeblich vor ben Türen bes Kommandanten, ber boch sein Oheim war. Er hatte erwartet, baß ein Träger bes Namens Kleist ben anberen empfangen würbe wie einen Soldaten; er hatte sich banach gesehnt, ben Befehl zu irgenb einem wilben Streifritt zu empfangen. Als nichts geschah, eilte Hans Joachim voll ratloser Trauer zu Bettina. Er war verwirrt unb benahm sich stur unb steif vor ihr, fand keine guten Worte, wich ihrem Blick aus, seine Augen irrten umher; ba sah er gepackte Koffer unb Kisten, bie Zeichen eines eilig vorbereiteten Ausbruchs. Bettina warf sich ihm an ben Hals: „Hans Joachim, Lieber, bu wirft mich begleiten nach Berlin, nach Küftrin, vielleicht noch «eitert Die königliche Familie flieht nach Osten! Weg von biefem Bonaparte, weit weg von ihm mit bir!" Er sah Bettina in bas erregte Gesicht. „Flucht? Unb was wirb aus uns, wenn wir alle nichts als Angst empfinben? Wie können wir kämpfen, wenn nicht Euer Vertrauen bei uns ist?" „Kämpfen?" fragte Bettina, „Kämpfen?" „3a", schrie er unb vergaß, baß er mit einer Frau sprach, „Magdeburg ist Preußens stärkste Festung, wo anders könnte dem Korsen Halt geboten werden als hier? Dein Vater wird den Angriff befehlen!" Bettina war sehr ruhig, sehr still. Sie trat zu dem Vetter, nahm seinen Kopf in ihre Hände unb sagte ernst: „Hat bie Vernunft keine Stimme mehr? Willst bu nicht leben, Joachim?" Er zitterte, als sie ihn so hielt, aber er antwortete fest: „Kamps ist boch — Leben. Unb was ist mehr, Bettina? Der Ruhm — ober die Vernunft?" „Vater wird nicht kämpfen", sagte sie tonlos, „ich weiß es." Der junge Kleist riß sich los, er war bleich: „Nicht kämpfen ... nicht ..." „Napoleon ist zu stark", antwortete Bettina mit armseliger Begründung. Im Zimmer lag Unwägbares. Eine maßlose Unruhe. Doch war Aufschwung in solcher Unraft und Bettina fühlte eine fremde Beglückung. Als sie aber die Augen hob, war Hans Joachim davon. Er wählte seinen Wachtmeister Mattaus und einige seiner besten Leute und ritt mit ihnen auf Streife. Sie fingen eine französische Patrouille, beren Führer ungeschickt berichtete, bah Marschall Ney mit zehntausend Mann gen Magbeburg heranrücke, !"9te zurück. Er schrie, et habe Gefangene gemacht. Das öffnete ihm enblich bas hart behütete Tor zum Kommanbanten. Der General von Kleist saß mit seinen ganrnifonälteften Offizieren in seinem Zimmer unb hatte Nachrichten von Nieberlagen auf bem Tisch. Unb ba stanb nun Kleist, ber junge, stank» zwischen Grauköpfen unb schmetterte: „Zehntausenb Franzosen, nicht mehr sinb im Anmarsch. Zwanzigtausend unverbrauchte preußische Truppen aber lagern in Magdeburg. Gibt es da eine andere Losung als vorwärts gegen den Feind?" Kleist fühlte, wie Abwehr gegen feinen Ueberfchwang gleich Mauern stch langsam auftürmte. Er erschrak. Ganz ohne Subordination hatte er gesprochen, ein feuriges Wort zum Großschein. Unb nun noch einmal, tönenb, aber schon in verhaltener Angst, biefe Minute verloren zu haben, soldatisch: „Fähnrich von Kleist meldet einen Dragonerossizter und sechs französische Dragoner zur Vernehmung." Wieder ging ein Ruck durch bie Versammlung; hatte ber junge Kleist Aufhellung ber büfteren Minute erwartet, enttäuschte ihn bie gestellte Frage: „Franzosen? Wo angetroffen?" „Eine Reitstunde westlich von bett äußeren Forts", melbete Kleist unoerbrossen. Schweigen füllte ben Raum. Eine Stimme fiel: „So nahe schon?" Unb es war Angst in der Stimme. „Warten", sagte ber General von Kleist, „bis ich über dich befehle." Dies: „bis ich über dich befehle" erhob den Fähnrich, traf auf seine kühnen Träume, der Alte braucht mich also, bachte er. „Bald geht es vorwärts" rief Hans Joachim dem Wachtmeister Mattaus zu, aber Mattaus kniff ungläubig bie Augen ein. Der Tag verging, die Nacht kam. Hans Joachim wartete. Unb wieder kam ein neuer Tag, im Hof war plötzlich Geräusch, Kommandoruse, bann ein Trommelwirbel. Kleist sah hinunter. Im grauen Hof französische Uniformen. Da knallten schon Ehrenschüsse, ba preschten Offiziere aus bem tnarrenben Tor ber Kommandantur, ben Franzosen entgegen! Unb nun wußte ber junge Kleist: Unterhänblerl Sein Oheim kämpfte nicht, er Der« hanbelte mit Marschall Ney. Als ber junge Kleist sich unter rafenbem Toben, bei bem er bie ihm sich entgegenroerfenben Wachen mit übermenschlichen Kräften überwand, Einlaß in bas Zimmer bes Kommanbanten verschaffte, waren schon bie Unterhänbler Neys bei Franz Kasimir von Kleist. An ber Tür, noch in ben Armen ber ihn vergeblich zurückhaltenben Solbaten, schrie er: „Oheim, die Unterhänbler lügen! Zehntausenb Mann hat Ney, nicht mehr! Kämpfe doch! Schlage sie! Wir sind überlegen! Du schreibst Weltgeschichte, wenn bu jetzt wiberstehst!" Die Franzosen lächelten verhalten. Neys Abjutant Gras Beauregard meinte leise: „Weltgeschichte macht in biefen Tagen nur ber Kaiser, Herr Fähnrich". Der General von Kleist sagte gegen die Wand, ohne jemanden im Raume anzusehen: „Fähnrich von Kleist in Arrest, bis er gelernt hat, die Zimmer von Vorgesetzten nur aus Befehl zu betreten." Das Blut sauste bem jungen Kleist vom Herzen aufwärts ins Hirn unb jagte bie Vernunft zum Teufel. Er schrie: „Feigling!" Franz Kasimir von Kleist brehte sich um, sehr bleich, aber sehr beherrscht: „Bor ein Kriegsgericht mit bem Junker!" Der Fähnrich warf feinen Degen auf ben Tisch, auf bie äußerste Ecke, weitab von bem General, als gehöre eine Waffe nicht in seine Nähe. Dann ließ er sich abführen. Hans Joachim würbe von vier grauen Wänben bewacht. Ein blinbes Fenster burchbrach sie in Mannshöhe, aber es war von hartem Staub überkrustet, und das Licht, das mühsam hereinsickerte, glich dieser Stunde, es war grau unb hoffnungslos. Als Franz Kasimir von Kleist Bettina von bem wahnwitzigen Ansturm bes Neffen erzählte, bemerkte er, daß etwas Neues in ihrem Antlitz stand. Ein Widerstand, der dem des Fähnrichs glich, nur war bei Bettina alles stumm, ungesagt, verschleiert. Er polterte: „Soll ich Besseres wagen als der König, ber boch auch (;en Osten retiriert? Der König hat Unterhänbler zu Napoleon geschickt, oll ich noch, vielleicht kurz vor bem Frieben, eine Armee opfern?" Bettina aber fragte plötzlich: „Was ist mehr, der Ruhm ober die Vernunft?" Er erkannte wohl, daß dieses Wort nicht das ihre war, sondern ' aus der Gedankenwelt des Junkers kam, aber daß sie solchen Aufschrei | mit dem Ja ihres Herzens deckte. I „Du reisest noch heute", befahl er. Da geschah es, daß nach langem Schweigen sich ber Wille.Bettinas gegen ben bes Alten stemmte Er spürte biefen stummen Wiberstänb mit Entsetzen, er sank» sich wehrlos, bevor er ihrem Wort begegnen konnte, bas nun vor ihm stanb, wie etwas Lebenbiges: Ich bleibe. Da riß Franz Kasimir Papier herbei unb schrieb die Entlassungsordre für Hans Joachim Die griff den Zettel unb ging ohne Dank. Wachtmeister Mattaus, der mit feinen Gefangenen vergeblich auf Vernehmung gewartet hatte, fragte sich nach dem Fähnrich durch; es verwunderte ihn nicht allzusehr, seinen stürmischen Junker im Arrest zu finden. Die Kunde von ber Ueberqabe hat sich allenthalben verbreitet, bie ohnehin lockeren Fesseln ber Disziplin lösten sich vollenbs. Mattaus ritt mit seinen Leuten vor bas Arreftlokal unb behauptete kühn, baß ber soeben eingelieferte Fähnrich ihm zu übergeben fei. In bem Wirrwarr, ber herrschte, fragte niemanb nach einer schriftlichen Drbre. Als Bettina später mit ber Freilassungsurkunde kam, bedeutete man ihr, es sei alles bereits in Ordnung, der Junker fei entlasten. Sie lief verwirrt aus bem Wachtlokal unb eilte fuchenb burch bie Straften; sie barfite, baß sie ihn finben müsse sie wollte ihm sagen, baß sie zu ihm gehöre, sie wollte ihn trösten. Sie fand ihn nicht. Der junge Kleist hatte Mattaus in bas Quartier geschickt: „Mattaus, jetzt ist Deutschlanb verloren — unb ein Kleist ist mitschulbig!" Dann hatte er sich ausgemacht, allein, schweigen!). Er ritt westwärts. Westwärts war ber Feinb. Er ritt in ben Feinb hinein. Als ihn eine französische Patrouille umzingelte unb ihn auf« forberte, sich zu ergeben, schoß er. Da hieben sie ihn nieber. | Die bei ihm gefunbenen Papiere wiesen ibn aus. Der General erfuhr vom Tode des junoen Kleist am Tage der Uebergabe. als 20 000 Preußon in Magdeburg bie Waffen nieberlegten. Der Alte verschwieg Bettina, was geschehen war, aber sie las alles in seinem Gesicht unb stellte ihn. Er sagte ihr bie Wahrheit. Sie antwortete nicht. Sie blieb stumm. Sie blieb Tage und Wochen ftumm, unb es schien, als lebe sie nur noch nach innen, ivo ber Schmerz saß. Bettina von Kleist soll, einem unverbürgten Gerücht zusolae, in Männerkleibern in ein Freikorps getreten unb bei Stralsund unter Schill gekämpft haben und gefallen sein. Derantck>örtlich: Ur. Hans Thyriot. — Druck unb Verlag: Drühl'sche llniversitäts-Duch- unb Steinbruckerei, D. Lange. Gießen.