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Leer, als hätte ber gurgelnbe Grund sich gesenkt, gleißt die Fläche, die Weiden nur ragen verschränkt; finster teilen die Raine und Dämme die Flut, nur ein Weiser, ein Kirchturmkreuz wirft feine ©lut, feine strahlende, schwarz übers Wasser. Weitab stehn bie Flecken, zum Weg wirb ber Damm. Selten stakt eine Zille sich schwer burch den Schlamm; still und warm wird die Lust, und mit grünlicher Haut überziehn sich die Wellen, und lappiges Kraut keimt und treibt auf dem schaumigen Wasser. Sechs deutsche Jungens besuchen Gandhi. Von Hans Q u e-l i n g. Ein echtes, modernes Abenteuer-Buch ist ber im Societäts-Verlag in Frankfurt erschienene Reisebericht „Sechs Jungens tippeln zum Himalaja" von Hans Q u e li n g. Im Erlebnis junger Menschen spiegelt sich hier bie ganze Wunberwelt Jnbiens. Als Probestück fei ber Besuch der deutschen Tippelbrüder bei Gandhi mitgeteilt. Ringsum ist ein kleiner, eingezäunter Vorgarten. Dann kommen wir auf eine Veranda. Das Haus hat nur zwei Zimmer; bie Türen stehen offen niemanb ist zu sehen. Nur in ber Ecke ber Veranba steht ein Mann unb putzt Gemüse. Er nickt uns freundlich zu. Es wird wohl jemand kommen, denken wir, und fetzen uns auf eine Bank und sehen bem Diener zu, wie er an bem Gemüse arbeitet. Er ist ein kleiner, hagerer Mann, mit einem Lenbentuch betleibet, wie alle Jnber ber ärmeren Klasse Die grauen Haare trägt er nach Bauernart kurz geschoren. Nur oben auf bem Kopf am Wirbel hat er eine lange Haarsträhne. So ist es bei den Hindus Sitte. Der Diener sieht uns fortwährend an unb nickt und lacht Ein freundlicher Mensch; man muh sich auch unwillkürlich freuen, wenn man ihn anblickt. Penner nickt ihm ermunternd zu, als wolle er sagen: — denn der Diener kann ja wahrscheinlich kein Englisch — „Schon so viel Arbeit am frühen Morgen?" Nun was hat euch getrieben, mich in meinem bescheidenen Heim aufzusuchen?" Wir find starr vor Erstaunen. Der „Diener" mit dem Kuchenmesser in der Hand ist der große Gandhi selbst! Wir sitzen da, alle in einer Reihe und wissen nicht, was wir sagen sollen. Eigentlich hatten wir gedacht, einen riesigen, breitschultrigen Menschen zu finden, mit kühner Hakennase und stechenden Augen, wie sich das doch für einen richtigen Nationalhelden gehört. Wir hätten uns gar nicht gewundert, wenn uns dieser Mann gleich wieder herausgeschmillen hatte, weil wir kleinen Jungens es wagen, ihn, den großen Heros, zu besuchen. Wir sind eigentlich enttäuscht, und doch — der Mann da, hinterm Kuchentisch, sieht uns so freundlich an, zwinkert uns mit feinen kleinen Augen unter ben großen Brillengläsern so lustig zu, baß es einem direkt warm ums Herz wird. Er zieht noch ein Mester unterm Küchentstch hervor, „Wenn einer von euch Lust hat, mir ein bißchen zu helfen ..." Wums! find wir alle auf. geimpft unb zum Küchentstch gesprungen. Natürlich, jeder will helfen. Gandhi gibt bas Mester Peter, unferm Jüngsten, und ber fängt gleich mit rotem Kopf an zu arbeiten. Wie er sich fühlt, baß er Gandhi helfen darf! „Aber zu Fuß seid ihr doch nicht nach Indien gekommen", sagt Gandhi. „Nein, wir haben alle Fahrzeuge benutzt, die wir unterwegs kriegen konnten. Autos, Wagen, manchmal ging’s auch zu Pferd ober mit dem Schif-f, wenn wir Geld hatten, aber wir mußten auch viel zu Fuß laufen. Wir haben uns fo richtig durchgeschlagen." „Und weshalb seid ihr gerade zu mir gekommen?" „Dch, das wissen wir eigentlich auch nicht", sagt Fred. „Wir waren nun einmal hier in Indien unb wir wollen hier alles Schöne sehen unb alles mitmachen, was es gibt. Wir wollen auf Tiger- jagb gehen, wir wollen mal auf Elefanten reiten, unb weil wir nun grabe hier vorbei tarnen, buchten wir, wir wollten auch Sie mal fehen." Gandhi lacht und klopft Fred auf bie Schulter. Wir finben, Freb hat bas nicht richtig gesagt, benn wir finb doch nicht fo von unyfätjr hier vorbeigekommen. Wir haben doch schon viel von Gandhi gehört und wissen, daß er ein feiner Kerl ist, den man einfach besuchen muß, wenn man nach Indien kommt. Aber man kann sich ja oft nicht so ausdrücken, wie man möchte, besonders wenn man etwas aufgeregt ist. Auf einmal fährt ein Auto vor, ein fabelhaftes Auto. Ein Herr in weißem Tropenanzug steigt aus. Er zieht sich, bevor er die Veranda betritt, die Schuhe aus. Aus seidenen Socken kommt er langsam näher und macht eine tiefe Verbeugung vor Gandhi. „Verflixt!" durchfährt es uns, „wir sind doch Tolpatsche, wir haben ja ganz vergessen, die Schuhe abzulegen." Wir sehen beschämt auf unsere großen, nagelbespickten Latschen hinab. Gandhi lacht sehr, als er unsere Ratlosigkeit an unseren roten Köpfen bemerkt. „Laßt nur, tut, als ob ihr zu Hause wärt." Peter, der schon einen Schuh ausgezogen hat, schlüpft wieder hinein. Der fremde Herr macht nochmals eine tiefe Verbeugung. „Ich bin", sagt er, „um die halbe Erde gereist, von Los Angeles in Kalifornien bis nach Ahmedabad in Indien, um den Mahatma zu sehen und von ihm zu lernen." Wie ein stechender Schmerz durchfährt es uns: „Ha, so etwas Schönes und Feierliches hätten wir doch auch zur Begrüßung sagen sollen." Und wir ärgern uns wieder mächtig über uns selbst. Gandhi aber sagt lächelnd: „I don't believe that" (das glaube ich nicht). Verdutzt stehen wir da. „Sie sind auf einer Weltreise, haben schon China, Java, Australien und Ceylon gesehen und machen jetzt eine kurze Reise durch Indien, wobei Sie im Vorbeikommen auch bei mir vorsprechen." Und jetzt sieht der Amerikaner verlegen auf seine Füße, obgleich er keine Schuhe an hat, und lächelt und zuckt die Achseln und gibt stumm zu, daß es wirklich so ist. „May I Help you?", (Darf ich Ihnen Helsen?) Er zieht ein Messer aus der Tasche und fängt ebenfalls an, Gemüse zu schnippeln. „Also nun erzählt mal", sagt Gandhi dann zu uns. Und wir berichten, wie wir uns in Wien getroffen haben und dann einfach lostippelten, ohne viel Geld in der Tasche,» um nach Indien zu kommen. Wie wir unterwegs unsere Lieder sangen und „Wilhelm Teil" ausführten und uns so unser Nachtquartier verdienten und ein bißchen Geld zum Leben. Wie wir nach Konstantinopel kamen und nach Rußland, wie wir schließlich Persien erreichten und unter großen Mühen durch die Wüste zogen. Und was für ein Glück wir hatten, als wir mit einem Auto weiterfahren durften bis zum Persischen Golf, von wo wir mit dem Schiff nach Indien fuhren. Wir erzählten ihm alles. Wie wir den Mönchen Volkslieder vorsangen, weshalb Päule versohlt wurde, wie wir bei den Russen Lieder „in allen Sprachen" zum besten gaben, obgleich wir nur deutsche Lieder können, und wie Peter, der Racker, ausriß und wie er fast zu spät zum Schiff gekommen wäre, als wir nach Indien übersetzten. — Die Glocke läutete zum Frühstück, sonst hätten wir vielleicht noch den ganzen Tag erzählt. Von allen Seiten kommen die Leute herbei zum Essen. Männer und Frauen, Jungens und Mädchen — in der Nähe von Gandhis Haus wohnen viele von seinen Freunden und Mitarbeitern mit ihren Familien. Außerdem gibt es einige junge Leute, die bei Gandhi studieren. Alle sehen sich in der Veranda auf den Boden, wie das in Indien Sitte ist. Männer und Frauen getrennt. Nur für uns werden Stühle herbeigeschleppt und rechts und links von Gandhi hingestellt. Ein paar Jungens gehen auch schon weg, einen Tisch zu holen. „Bitte nehmt Platz", sagt Gandhi und läßt sich neben uns auf den Boden nieder. Da thronen wir also auf unseren Stühlen, der große Gandhi zu unseren Füßen. Wir fühlen uns recht unbehaglich, so hoch über dem großen Mann. Auf einmal gibt sich Fred einen Ruck, steht auf, schiebt den Stuhl zur Seite und setzt sich neben Gandhi. Und schwubbs tun wir dasselbe. Großes Gelächter. Wir schämen uns etwas und schauen vor uns hin. Gandhi sagt nichts. Der reiche Amerikaner setzt sich nachher ebenfalls auf den Boden. Jetzt sitzen wir also alle in einer Reihe in der Veranda. Jeder bekommt eine Kupserplatte vor sich hingestellt. Dann kommt ein junger Mann und gibt aus einem großen Topf einen ordentlichen Schlag Reis darauf. Hinterher folgt ein anderer mit Gemüse. Dann bekommt man noch etwas Butter zu dem Reis — alles auf die eine Platte — und das Futtern kann losgehen. Aber das ist gar nicht so leicht, wie man sich das vorstellt. Denn man muß mit den Fingern essen. Man wollte uns zwar Gabeln bringen, aber als wir sahen, daß nur wir welche bekommen sollten, sagten wir kühn, wir brauchten keine. Also wir wollen zuerst mal sehen, wie die anderen mit den Fingern essen. Sie nehmen etwas Reis mit den Fingerspitzen und mengen ein wenig Gemüse dazu. Aha, so ... Dann formen sie es zu einem kleinen Kügelchen und schwubbs — werfen sie es sich in den Mund. Das sieht sehr graziös aus. Aber es ist gar nicht so einfach. Besonders: mit dem Mgelchen den Mund zu treffen. Man darf nicht etwa beide Hände dazu nehmen, nur die rechte Hand, denn die Linke "gebraucht der Inder zu den schmutzigen Arbeiten. Noch schwieriger wird es als es nachher noch Dickmilch zum Reis gibt. Die aus der flachen Schüssel heraus zu „fingern" ist ganz verflucht fchwer. Wir schwitzen richtig vor Anstrengung, und wir sehen viele belustigte Gesichter um uns herum, als wir uns so abplagen mit unserer Dickmilch. Dagegen machen das die Inder mit großer Geschicklichkeit ... Schwubbs, die Finger stiegen nur so zwischen Mund und Schüssel hin und her, und schon ist die Kupferplatte sauber. Sie legen, glaube ich, die Finger löffelartig zusammen, tauchen sie in die Dickmilch hinein und führen sie dann schnell zum Mund. Den letzten Rest entfernen sie von der Platte, indem sie die Finger einfach hineinlegen und dann ablecken. Eine seine Sache ist das Mit-den-Fingern-esfen. Was muß man sonst vieles Eifenzeug ablecken, ehe man richtig zum Essen kommt. Ein paar saubere Finger schmecken wirklich viel besser, selbst als der sauberste Löffel. Probiert es nur mal! Zum Nachtisch gibt es noch einen Becher Milch — hier gibt es nur Kupfergeschirr — und etwas Palmzucker dazu. Der schmeckt fein, wie Malzbonbons ... Am liebsten möchten wir noch wochenlang bei Gandhi bleiben, denn es ist so schön hier, und man kann so viel Interessantes sehen und lernen. Aber wir haben versprochen, uns morgen abend mit Jnderjungens auf dem Berge Abu zu treffen — eine Nachtreise von hier. Wir nehmen also Abschied von Gandhi. Er hält gerade eine Versammlung von Studenten ab. Gandhi drückt uns allen warm die Hand und sagt: „Betrachtet mein Haus als eure Heimat. Immer wenn ihr zurückkehrt, seid ihr herzlich willkommen." Und die Studenten springen auf, recken die Arme und rufen: „Djai! Djai! Djai!" Nachdruck verboten. lief) wild. Copyright by Albert Langen, München. (Fortsetzung.) Das Mangobaumwunder. Roman von Leo Perutz und Paul Frank. „Da begegnen sich wieder einmal unsere Neigungen. Auch ich liebe Tierüressuren über alles." „Heuer war ich elfmal im Zirkus. Achtmal hab' ich zugefchaut, wie der Wärter feinen Kopf dem großen Löwen ins Maul gesteckt hat." „Achtmal! Guter Gott, war das nicht schließlich doch ein bißchen langweilig?" „Nein. Gar nicht", sagte die Baronesse leise, lehnte sich zurück und schloß die Augen. „Ich bin immer wieder hingegangen. Ich hab' gehofft, daß der Löwe doch endlich einmal ganz wild werden und dem Wärter den Kopf abbeißen wird. Oh, das hält' ich gern gesehen, das hält' ich gern gesehen!" „Ist das Ihr Ernst?" fragte der Arzt. Er ließ peinlich berührt ihre Hand fallen. Dieser Zug ins Grausame an dem schönen Geschöpf erschreckte ihn. Er blickte sie an. Sie sah älter aus in diesem Augenblick als zuvor. Die leisen Falten des Verblühens um Mund und Augen waren niemals so deutlich zu erkennen gewesen wie jetzt. Ein Unbehagen beschlich ihn. Würde sie auch zu ihm passen? Kann ein Wesen mit solch bösen Neigungen den Mann, dem es angehört, wirklich lieben? Wird sie, deren Sinne nur noch nach den letzten Reizungen der Grausamkeit verlangten, nicht seiner bald überdrüssig werden und ihn bann kalt beiseite roerfen? Nein, sie ist kein guter Mensch, die Baronesse! ... Eine kleine Pause des Schweigens und der Besangenheit entstand. Es schien, als Hütte die Baronesse seine Gedanken erraten. „Jetzt muß ich gehen", sagte sie und sprang von der Tischplatte herab. „Es ist schon spät." Dr. Kircheisens moralische Bedenken waren bei diesen Worten sofort in alle Winde verscheucht. „Nein, ich lasse Sie nicht fort von hier, Grell!" „Wie wollen Sie mich halten?" fragte sie mit jenem trotzigen Vorschüben der Lippe, das der Arzt schon an ihr kannte. „Sie fönnen’s nicht." „Sie müssen mir versprechen, daß ich Sie noch heute abend Wiedersehen darf. Ich habe Ihnen noch so viel zu sagen." „Noch heute abend?" wiederholte die Baronesse nachdenklich. „Ja! Ich hab' Ihnen viel zu erzählen. Bestimmen Sie selbst den Ort und die Stunde! Oder, wenn Sie das mir überlassen wollen — sagen wir: Um zehn Uhr im Treibhaus. Dort sind wir sicher vor Störungen." „Um zehn Uhr?" Sie schüttelte den Kopf. „Nein, das geht nicht. „Aber warum denn nicht, Grell?" „Weil ich da schon schlafe." „Ich bitte um Verzeihung, ich bin mit den Gewohnheiten des Haukes noch nicht vertraut. Dann natürlich früher, wann es Ihnen angenehm ist. Etwa um sieben Uhr?" „Gut", sagte sie. „Also um sieben Uhr im Treibhaus. Wir werden ganz allein fein. „Ganz allein! Wird das aber luftig!" lachte die Baronesse. „Jetzt muh ich aber gehn." . Dr. Kircheisen nahm nochmals all feinen Mut zusammen. „Sind Sie wirklich der Instrumente halber hierher gekommen, Grell?" fragte der Arzt. Die Frage war wenig taktvoll, das sah er im gleiche« Augenblick ein, und er konnte sich's selbst nicht erklären, wie er den Diut zu solchen Worten gefunden hatte. Aber nun war's einmal gejagt und nun wollte er aus ihrem eigenen Mund erfahren, ob ihn nur leere Hoffnungen und Träume genarrt hatten. Die Baronesse errötete, gab jedoch keine Antwort. „Wirklich nur der Instrumente halber? Ist das der einzige Grund gewesen, Grell?" forschte er eindringlich. Die Baronesse senkte den Kopf und schwieg. Dann hob sie ihn mit einem plötzlichen Ruck. „Sie wissen's also?" fragte sie. "Ich fyab’s sofort geahnt! Gleich, als ich Sie in meinem Zimmer stehen sah", rief Dr. Kircheifen glücklich. Die Baronesse war ganz ernst geworden: „Schade. Es wär' so hübsch gewesen, wenn Sie die ganze Nacht wach geblieben wären und an mich gedacht hätten." „Das werde ich bestimmt tun. Grell! Ich schwöre es Ihnen. Den ganzen Tag und die ganze Nacht. Wenn Sie wüßten, Grell, was Liebe ist!" „Gewiß weiß ich das", sagte die Baronesse sehr sachlich und bestimmt. „Liebe ist, wenn der Ritter den Drachen erschlägt, der die Prinzessin bewacht, oder, wenn er ein Meer durchschwimmt." „Wenn Sie doch nur einen Augenblick ernst bleiben wollten, Grell! Sie paßt ja wunderbar zu Ihnen, diese unaufhörliche Lust, zu scherzen, aber die kostbare Zeit verrinnt, die wir für uns allein haben. Wenn Sie doch nur ein wenig Mitleid mit mir haben wollten." „Mitleid? Pfui!" sagte die Baronesse kalt und frostig. „Das ist langweilig: Mitleid. Der Ritter Blaubart, das war ein wirklicher Mann, der hat seinen Frauen den Kopf abgeschlagen und dann immer wieder eine andere genommen. Wenn ich heirate, muß mein Mann einen großen, blauen Bart haben, sonst nehm' ich ihn nicht." Dr. Kircheisen betastete nachdenklich sein glattrasiertes Kinn und suchte die Baronesse zugunsten seiner Bartlosigkeit umzustimmen. „Die Legende von dem blauen Bart des berühmten Frauenmörders", sagte er, „ist wissenschaftlich kaum haltbar. Die Historiker behaupten, daß es sich hier überhaupt nur um ein volksethymologisches Mißverständnis handle. Ihr Ritter Blaubart hat wahrscheinlich in Wirklichkeit nie im Leben einen blauen Bart gehabt." „Aber der Schauspieler im Theater hat doch einen blauen Bart getragen!" meinte die Baronesse. „Aber freilich, nirgends wird soviel gelogen, wie im Theater. Nicht die Hälfte ist wahr. Ich geh' darum auch am liebsten in den Zirkus zu den Tieren. Die sind doch wenigstens wirk- „Einen Kuß noch, Gretl, bevor Sie gehen. Einen einzigen Kutz zum Abschied!" Die Bitte war kaum ausgesprochen, als er sie auch schon bereute. Wie hatte er nur so kühn sein können! Am Ende hatte er jetzt mit seinem Ungestüm alles verdorben. Noch nein! Die Baronesse war gar nicht beleidigt. Ja, sie schien seine Bitte beinahe erwartet zu haben. Der aufs glücklichste überraschte Arzt sah sie plötzlich viel größer werden. Offenbar hatte sie sich, weiß Gott, warum! auf die Fußspitzen gestellt. Dann sah er einen Augenblick lang ihre Lippen, zugespitzt, sonderbarerweise gerade nach seinem rechten Nasenflügel zielen. Und dann fühlte er ihn, den Kuß, um den er gebeten hatte,, auf feiner Nase zwar, aber das tat seiner Glückseligkeit weiter keinen Eintrag. Gleich daraus ließ ihn ein Geräusch zusammensahren. „Hören Sie nichts, Baronesse?" fragte er voll Besorgnis. Beide schwiegen und lauschten. Schritte kamen die Treppe hinauf. „Wenn das Ihr Vater ist, Gretl, wenn es ihm nun einfällt, hier hereinzukommen! Wie unvorsichtig sind wir beide gewesen!" Wahrhaftig: Es kam jemand den Gang herauf. Dr. Kircheisen blickte sich verzweifelt im Zimmer um. Sein Blick fiel auf einen grünen Damastvorhang, der die Zimmerecke verdeckte. Mit einem Sprung stand er dort und hatte den Borhang beiseite gerissen. Kleider hingen dort, ein Rucksack und ein Mantel. Ein Bergstock lehnte neben einem Eispickel an der Wand und zwei zu Bündeln gerollte Seile, ein langes und ein kürzeres, lagen am Boden. .„Hierher, Baronesse!" rief Dr. Kircheisen leise. „Kommen Sie hierher. Rasch. Und rühren Sie sich nicht!" Er zog sie hinter den Vorhang. „Sie wollen mich verstecken?" rief sie und ließ ein leises Gekicher hören. „Gott, ist das ein Spaß!" Er zog den Vorhang vor. „Um aller Heiligen willen, still!" bat er. Da klopfte es auch schon an der Tür. Er hatte gerade noch Zeit, ans Fenster zu eilen und dort eine möglichst ungezwüngene Haltung einzunehmen. Dann rief er: „Herein." Es war wirklich der Baron selbst, der in das Zimmer trat. ... Allen Göttern Dank! ... hauchte Dr. Kircheisen und hielt sich am Fensterbrett fest, um nicht umzusinken. ... Wenn ich seinen Schritt überhört hätte! Die Baronesse ..., wenn sie sich jetzt nur ruhig, mäuschenstill verhalten wollte! Eine schwere Zumutung für solch ein unbändiges Temperament. Hoffentlich dehnt der Baron feinen Besuch nicht allzu lange aus. „Ich muß Sie um Entschuldigung bitten, Doktor", begann der Baron, „daß ich in Ihr Zimmer bringe. Aber ich konnte mir nicht anders helfen, die Sache läßt mir keine Ruhe." „Welche Sache, Herr Baron?" fragte Dr. Kircheisen und sandte zugleich einen besorgten Blick nach dem Vorhang, dessen Falten sich, wie ihm schien, verdächtig bewegten. „Ich komme aus dem Krankenzimmer. Doktor, er atmet kaum mehr! Sein Herz setzt zeitweilig ganz aus, Doktor! Wenn er nun plötzlich auslöscht, ohne daß wir es merken — —" „Das ist wenig wahrscheinlich, Herr Baron." „Aber ich -darf es gar nicht daraus ankommen lassen. Auch die leiseste Möglichkeit eines solchen Endes beunruhigt mich namenlos!" Dr. Kircheisen machte eine ungeduldige Bewegung. Diese Unterredung schien sich nun wirklich in die Länge ziehen zu wollen. Was wollte der Baron? Zielte er am Ende wieder nach dem Karasinserum? Wenn man ihn doch nur aus dem Zimmer hinaus bringen könnte! Dort hinter dem Vorhang mirb’s sehr unruhig. Am besten, ich schau gar nicht mehr hin, sonst fällt bem Baron meine Verlegenheit auf. Was für einen merkwürdigen Anzug er jetzt wieder trägt! Er paßt ihm gar nicht, er schlottert förmlich an ihm. Es scheint, daß der Baron Vogh prinzipiell nur Kleider trägt, die für einen andern, einen viel stärkeren Menschen gearbeitet sind ... „Doktor! Um es kurz zu sagen, Sie müssen das Mittel anwenden. Heute noch! Gleich! Das Karasinserum!" • •. Natürlich! Darauf ging’s wieder hinaus ... „Herr Baron", sagte der Arzt ernst. „Wenn ich gewissenlos genug wäre, dieses Gift..., ja, ich wiederhole es: dieses Gift!, denn etwas anderes ist das Karasinserum nicht — wenn ich gewissenlos genug wäre, dieses Gift anzuwenden, bann würbe gerabe das, was Sie befürchten, mit Sicherheit eintreten: In tiner Stunde wäre Utam Singh tot." „Ja!" fugte der Baron ruhig. „Aber vorher würde er auf eine halbe Stunde aus feiner Agonie erwachen." „Herr Baron, Sie bemühen sich vergeblich. Ich kann und darf dieses ungesetzliche Mittel nicht anwenden." „Und wenn ich Ihnen nun sage, Doktor, daß —" Der Baron hielt inne. Seine Augen bekamen plötzlich einen verwunderten Ausdruck. Ein leises Geräusch, das aus dem Hintergrund des Zimmers tarn, ließ den Arzt Fürchterliches ahnen. Er wagte es nicht, sich umzudrehen, sondern starrte gespannt in das Gesicht des Barons und erwartete einen wilden Zornesausbruch. Die Katastrophe ... jetzt war sie da! Aber nein, nichts dergleichen geschah. Nur ein unbefangenes Mädchenlachen ertönte und dann die Stimme der Baronesse: „Ich hab's nicht mehr ausgehalten dort in dem häßlichen Winkel. Da bin ich, Papa!" Der Baron sprach noch immer kein Wort. Dr. Kircheisen sühlte, wie eiserne Finger ihm die Kehle zuschnürten. Was muhte jetzt in der Brust des Vaters vorgehen!... Jetzt ist's meine Pflicht, dem Baron irgendeine Erklärung zu geben und die Schuld auf mich zu nehmen. Vielleicht ist es ganz gut, daß es so gekommen ist. Gleich vom Anfang die Wahrheit, das ist besser, als ein endloses Versteckspielen. Es ist am klügsten, ich sage ihm, was geschehen ist und was meine Absichten sind. „Herr Baron!" begann der Arzt und seine Stimme zitterte vor Erregung. „Ich muß Ihnen ein Geständnis machen. Sie sind erstaunt, Ihre Tochter hier anzutreffen. Ich bitte Sie, mir zu glauben, daß die Baronesse frei von jeder Schuld ist. Ich bin es, der sie veranlaßt hat, mir eine Unterredung zu gewähren. Herr Baron, seit dem Augenblick, in dem ich Ihre Tochter zum erstenmal gesehen habe, stand es für mich fest, .. .* „Aber lieber Doktor!" unterbrach ihn der Baron mit einem müden und verdrossenen Ton in seiner Stimme. „Lassen wir doch meine Tochter aus dem Spiel. Wir haben wahrhaftig wichtigere Dinge zu besprechen." Dann wandte er sich der Baronesse zu: „Schau, daß du hinauskommstl Mußt du überall dabei fein?" rief er böse. „Wirklich unglaublich. Mach lieber deine französische Arbeit zu Ende und geh schlafen." Die Baronesse warf dem Arzt einen Blick zu und huschte bann aus dem Zimmer. Dr. Kircheisen stand starr. Nein, diesen Ausgang hatte er nicht erwartet. Um Himmels willen ... dachte er ... wie muß es in den aristokratischen Häusern zugehen. Welche Moral herrscht hier! Der Vater findet seine Tochter im Zimmer eines fremden Herrn und sagt nichts, rein nichts! Kaum ein einziges Wort des Zornes oder des Vorwurfs! Ist nicht im geringsten empört über sein eigenes Fleisch und Blut. Du lieber Gott — — das verstehe, wer kann. Solche Zustände! Solche Zustände! ... „Ich frage noch einmal, zum allerletzten Male frage ich Sie, ob Sir das Mittel anwenden wollen, Doktor", ertönte die Stimme des Barons. Im Zimmer war es mittlerweile ziemlich dunkel geworden. Aber die Stimme, die der Arzt vernahm, klang jetzt, wie ihm schien, ganz anders als früher. Nicht mehr bittend, nein: fordernd, beinahe herrisch. Aber Dr. Kircheisen ließ sich nicht einschüchtern. „Nein!" sagte er nach kurzer Ueberlegung. „Ich kann meinen Standpunkt nicht ändern. Sie dürfen nicht weiter in mich bringen. Denn es ist ein Verbrechen, zu dem Sie mich bestimmen wollen, Herr Baron." Wortlos verließ der Baron das Zimmer. Dr. Kircheifen blieb allein zurück. Er drückte auf den Lichtkontakt und ließ den Lüfter aufflammen. Dann blickte er auf die Uhr: Zehn Minuten fehlten auf sieben. Nun rasch in den Garten! Die Baronesse durfte er nicht warten lassen... Wenn sie nur kommt! Am Ende hält sie der Baron zurück. Vielleicht wird fie’s erst jetzt zu büßen haben, daß er sie hier bei mir im Zimmer angetroffen hat... Dr. Kircheisen blickte sich um, ehe er aus der Tür trat. Alle Dinge hier im Zimmer waren ihm mit einemmal lieb und vertraut geworden. Dort der Tisch, auf dem sie gesessen hatte. Der Vorhang, hinter den er sie versteckt hatte. Dort--- Was war das? Die Decke, die über das Bett gebreitet lag, war verschoben und arg zerknüllt! Hier hatte jemand alles durcheinander geworfen und dann rasch wieder Ordnung schassen wollen. Sollte am Ende sie ... durchfuhr es ihn... Mein Kommen hat sie gestört! Sie hat am Ende eine Ueberraschung vorbereitet. Bielleicht hat Smir Ihr Bild gebracht! Aus jeden Fall ist hier etwas versteckt worden! ie hatte sie nur gesagt?: „Es mär’ so hübsch gewesen, wenn Sie die > ganze Nacht wachgeblieben wären und an mich gedacht hätten!" Natürlich! Ihr Bild hat sie mir gebracht, ganz bestimmt! Solch eine liebe, reizende Ueberraschung! Dr. Kircheisen fuhr mit der Hand unter die Bettdecke und tastete zwischen den Polstern. Er fühlte einen harten Gegenstand und zog ihn hervor. Ernst und nachdenklich betrachtete er dann das Sing. Es war eine Bürste. Der letzte Gast aus Ceylon. Dr. Kircheisen verließ leise und vorsichtig das Haus. Der Park lag in abendlicher Dunkelheit, und über den Baumwipfeln schimmerte ein grauvioletter Himmel. Einen Augenblick lang blieb der Arzt stehen und blickte sich um. Niemand in der Nähe. Finsternis ringsumher, nur die erleuchteten Fenster des Krankenzimmers warfen große, gelbe Lichtstreifen auf den Kies. Aus der Ferne ertönte das Klingeln der elektrischen Straßenbahn. Im Treibhaus war die Baronesse noch nicht. Dr. Kircheisen machte vor allem Licht; ein kümmerliches Licht allerdings nur, denn die kleine, grüne Glühlampe, die an der Decke hing, war zu schwach für den großen Raum. Dann ließ er sich auf einen zerbrochenen Gartenstuhl nieder und wartete. Cs dauerte eine Viertelstunde etwa, eh ihn ein leises Zirpen, in dem er das Geräusch der Türangel erkannte, aufschauen ließ. Endlich! Da war die Baronesie! Sie sah reizend aus! Ganz außer Atem war sie und das Tuch, das sie um die Schultern geworfen hatte, wehte hinter ihr her. „Gretl! Wie soll ich Ihnen dafür danken, daß Sie gekommen sind!" Er erinnerte sich plötzlich an die Bürste in feinem Bett und faßte die Baronesse bei beiden Handgelenken. „Sie Spitzbub, Sie kleiner!" Der „Spitzbub" schien ihr unendlich viel Spaß zu machen. „Haben Sie sie schon gefunden? Wie luftig! Ich hab's mit der Mama vor ein paar Tagen genau so gemacht. Ich glaub, sie ist noch heute bös darüber. Sind Sie auch bös?" „Sehr! Aber wenn ich einen Kuß bekomme, bin ich wieder gut!" Die Baronesse war keine Freundin von Zierereien. Nur, wie komisch: Sie stellte sich auf die Fußspitzen, wenn sie küßte! Weshalb nur? Dem Arzt blieb nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Der Kuß, den er verlangt hatte, landete irgendwo in der Umgebung seines rechten Auges und warf ihm beinahe den Zwicker von der Nase. Dr. Kircheifen rückte vor allem das Augenglas wieder an feinen alten I Platz. Dann faßte er die Baronesse an den Handgelenken. Der Augenblick der Entscheidung schien ihm gekommen zu [ein. „Gretl?" flüsterte er. „Wollen Sie . . . willst du meine Frau werden?" „Heiraten?" fragte die Baronesse nachdenklich. „Wann?" „Bald. In ein paar Wochen, wenn es geht." „Nein", sagte die Baronesse sehr ruhig und bestimmt. Aber gleich darauf schien sie sich's anders überlegt zu haben. „Oder ja", sagte sie. ' „Gut." (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: 0r. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'sche Univ ersitäts-Buch. und Steindruckerei. R. Lana«, Gießen.