GietzeimZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Oie Flügelspielen«. Von Hermann B u r t e. D« kamst herein, von gelben Seidenfalten Den schlanken Leib umschmiegt, die sehngen Glieder. Ein Strom von Feuer wallte auf und nieder In deiner Adernbahn, gedämmt, verhalten. Du saßest an dem Flügel, seine kalten Erstarrten Tasten glühtest fiebernd wieder Vom Blicke deiner wimpernschönen Liber, Von deinem ruhevollen Händefalten. Empor die Stirn! Hinab die Finger jetzt! Und jene atemlose bange Stille Des menscherfüllten Saales lag zerfetzt, Denn siegreich drang durch jede Aetherrtlle, Von keinem Gegenstände mehr verletzt, Mit Sommersonnenkraft hervor dein Wille. Das Klavier im Walde. Von Hans H e y ck sGDS.j. Daß diese Geschichte eine Geschichte wurde, daran ist der Krieg schuld. Und daß sie traurig endete, daran auch. Im übrigen aber bildete der Krieg nur den düstcrn Hintergrund zu einem hellen Erlebnis, und weil wir Menschen der hellen Erlebnisse bedürfen, darum sei diese Erinnerung heraufbeschworen. Es war in der lieblichsten Maicnzeit des Jahres 1915, und wir lagen an der Aisne. Unsere Batterie stand versteckt am Rande eines hohen Buchenwaldes, der seine lichtgrünen, jungfrischen Zweige flimmernd über unfern Haubitzen wölbte. Haselnußbüsche, Schlehen und Brombeerstauden drängten sich um unsere Unterstände,' Primeln und Anemonen sproßten aus dem duftenden Waldboden: es war ein köstlicher Frühling, erfüllt von Träumerseligkeit. — ?)a wir Munition sparen mußten, schossen wir wenig und enzten viel. Oft lagen wir schnarchend im kühlen Moose neben dem Geschütz, sannen ins helle, lichtdurchzitterte Gewirr des zarten Laubes hinauf, ließen uns die Sonnenkringel über die Nasen huschen und lauschten den Finken, Amseln und Meisen, die in allen Büschen durcheinander jubelten und krakeelten. Ab und zu beschoß der Franzmann hoch über uns histweg mit schwerem Kaliber die rückwärtige Straßenkreuzung. Es war immer dieselbe 'Batterie, Abschuß und Echo traten sich fast auf den Fuß: Rums— bums!! Dann kamen die Koffer angeorgelt, einer wie der andere im gleichen Tonfall — erst qanz lieblich, nur aus einem Register: ite—ile—tle; dann anschwellend: ele—ele—ele,' immer stärker, 1 immer näher: ale—ale—ale! Nun war er über uns: ule—ule— ule!!! Machtvoll brauste Bellonas Weise aus allen gezogenen Registern. Dann war der Gruß vorüber — sekundenlange Stille — h und: Rrraxx!! saß er hinten am Straßenabhang, schwarzen Puder I turmhoch puffend wie ein geplatzter Riesenbovist! Es waren noch gemütliche Zeiten, damals anno 15! Und es war Frühling, I Frühling!! Etwa zweihundert Meter weiter am Waldabhang hin lag eine I jener geräumigen pikardischcn Höhlen: ihr malerischer Eingang | war vom sorglichen Schönheitssinn unserer Kämpfer säuberlich j mit Grasrabatten eingefaßt. Um den Eingang herum pflegten sich I im moosigen Buchcnschatteu die Infanteristen zu lagern, deren | Bataillonen die Höhle als Ruheguartier, als Verbandsplatz, als Kantine diente. Und in der Kantine machte ich zuweilen Einkäufe. Eines sonnenhellen Maientages stand mitten im Walde vor der Höhle ein Klavier. Wie ein Wunder stand cs da. Infanteristen hatten es aus dem Dorf unten im Tale mühsam heraufgeschleppt, und nun saß ein baumlanger Hamburger breitspurig davor und spielte „Püppchen, du bist mein Augenstern!", wobei er herzgewinnend danebenschlug. Die Kameraden umdrängten ihn be- geistert, pfiffen, sangen mit, — und die Amseln machten lange Hälse aus den Büschen. Wie die hüpfenden Töne in den Früh- 1 lingsmorgen hineinschwelgen! Freilich, daß es gerade „Püppchen" I sein mußte... „Junge, Junge, so'n Swienkram!" sagte plötzlich eine Helle Stimme ganz nahe neben mir. Da war ein blonder, frischer Bengel hinter mich getreten: die verschabte Mühe im Genick, die Hände auf dem Rücken geballt, so schaute er verachtungsvoll auf Jahrgang 1933 Montag, den 9. Oktober Nummer 78 den Spieler. Er trug das Eiserne und das Hamburger Bändchen; die ganze Wonne des Frühlingstages leuchtete aus seinem offenen Gesicht, aus den blauen Augen. „Nu fehlen bloß noch .Snuten und Poten'l" fuhr er grimmig-heiter fort. Der Lange aber ging zur „Liebeslaube" über. Der blonde Kamerad und ich schmunzelten uns verständnisvoll an. Plötzlich pfiff einer gellend auf zwei Fingern, und alles rannte zur Höhe, auch der Lange: es wurde nämlich Esten gefaßt. Verlassen und stumm stand das Klavier. Da setzte sich wortlos der Kamerad daran, und auf einmal spannen sich funkelnd und flimmernd die Weisen des Waldwebens aus dem „Siegfried" durch die sonnigen Buchenhallen. Es war weiß Gott kein Traum! Es war schöner, seliger als Traum und Wirklichkeit zusammen. Wie das raunte und rauschte. Wie das anschwoll, jubilierte, zurücksank und verdämmerte in die grüngolden kühle Waldeinsamkeit! Zett urch Krieg verhüllt von zartesten, süßesten Erinnerungen! Verhundertfacht umfing mein Wesen die blühende Natur, emporgetragen von den Schwingen des Entzückens —! Die Klänge verhallten, schwiegen. Schüchtern nahm eine Amsel die Melodie auf.und spann sie allmählich stärker, schließlich jubelnd weiter. — Der junge Spielmann stand auf, kam auf mich zu. Sonst war kein Mensch in der Nähe. „Hamburger Stadttheater, Galerie-Stehplatz —!" sagte er, wie zu sich selber. „Ich auch, ich auch!! Drei Jahre lang, jeden Winter —I" rief ich aus glückhaftem Ueberraschtsein. Der Junge war ja mein Freund seit Jahren! „Frau Fleischer-Edel!" „Die Ednth Walker!" „Lattcrmaun als Hagen!" „Wie Nikisch den .Ring' dirigierte —!" „Jung, Jung!" rief er plötzlich ausbrechend, „das waren Zeiten!!" Doch dann setzte er ruhiger hinzu, und sein Blick leuchtete: „Auch feine Zeiten, Mann!" Wir schwiegen und dachten zurück. Wie oft mochten wir früher Seite an Seite uns gegen die Galeriebrüstung gelehnt haben, — ohne uns zu kennen, und doch verbunden! „Komm man immer nochmal rüber!" sagte er beim Abschied. „Wir bleiben noch drei Tage hier!"-- Ich lief nun täglich zur Höhle, und es waren beseligende Minuten für uns, wenn er spielte. Seine Kameraden hatten ihm den Platz am Klavier überlassen, gebannt von mächtigen Kräften, die sie aus seinen Weisen heller oder dunkler ahnten. Am Abend des dritten Tages stand in unheimlicher Schwärze eine Gewitterwand über der Aisne. Mächtige, weißgoldene Som- mcrwolken türmten sich über der drohenden Wetterbank in den tiefblauen Himmel empor und wurden von Donars Widöerge- spann mit unmerklicher Hartnäckigkeit immer höher über die leuchtende Kuppel gedrängt: ihre schneeigen Zinnen begannen sich unheimlich auszufasern. — Der Franzmann ließ wieder einmal seine dicken Musterkoffer über uns hinweg orgeln: Rums—bums! Ile—ile—ale—ale—ule—ule—rraxx!!! Aber das dräuende Wetterbild am Himmel gab der vertrauten Kriegsmelodie etwas Gespenstisches. Eine schwüle Spannung lagerte über unserer Waldstellung. Ich ging zur Höhle, um von meinem Hamburger Freund Abschied zu nehmen. Er setzte sich ans Klavier: Tornister, Gewehr und Koppel lagen marschbereit neben ihm. „Kerl!" rief er mir entgegen, „ist das nicht eine großartige Stimmung heute in der Natur? Wie das Verhängnis da über den Himmel jagt! Mir ist, als flöge ich und raste mit Wotan und den Wunschmädels über Berg und Tal zur Walstatt! Und Franzmann schlägt die Pauke dazu, Mann, das ist doch noch ein Erlebnis!!" Und er ließ das Vorspiel zur „Walküre" niederrauschen und ging dann dröhnend, klirrend, jauchzend in den Walkürenritt über. Alles an dem Jungen bebte vor drängender Erregung. Diö feindliche Batterie schoß noch ein paarmal: dann verstummte sie. Und die riesige Wetterwand überzog den ganzen Himmel. Das Licht im Walde wurde fahl und geisterhaft: die Buchen stöhnten, ohne sich zu rühren. Mein Herz pochte wild, durchzittert von Lust und Grauen. Ein paar Infanteristen lungerten um den Höhleneingang. Rums—bums! Da kam wieder einer herangezwitschert. Das alte Lied. Aber — merkwürdig: das klang anders als sonst' Donnerwetter! Der kam ja auf uns zu —!! „Achtung!!" schrie einer. Wir spritzten auseinander. Ich sehe noch, wie der Spielmann aufspringt ... Das gellende Zischen in der bleigrauen Luft verstärkt sich bis -um Wahnsinn — Und nun — ein irres Heulen, Krachen, Splittern, Prasseln, — eine wirbelnde, schwarze Riesenfoutäne — ein kleckerndes Niederklatschen unzähliger Stücke —: fünf Meter vom Klavier klafft und qualmt ein tiefgerissener Krater. Mein Freund lag furchtbar zugerichtet am Boden. Wir schleppten ihn so schnell und behutsam wie nur möglich in die Höhle zum Sanitäter. „Mann, o Mann ...!" hauchte er; dann verlor er das Bewußtsein, und der Arzt hieß uns gehen. Noch fünf Schuß setzte der Franzmann vor die Höhle. Als es ruhig geworden war, trat ich an das Klavier. Ein schwefelgelbes, zerrissenes Sprengstück hatte sich wie eine starre Totenhand in die geschnitzte Lyra der Klavierwand eingekrallt, und zwischen den schwarzen und weißen Tasten zogen sich breite blutige Spritzer dahin. Schwarzweißrot! dachte ich erschauernd, und mein ganzes Lebensgefühl krampfte sich zu einem starren, lähmenden Entsetzen, zu machtloser Erbitterung zusammen. Kurz darauf krachte der erste Donnerschlag unterm bleigrauen Himmel hin, — und klatschender Gewitterregen schwemmte das rote Lebensblut von den Tasten. * Am andern Tag erfuhr ich, daß mein Freund noch in der Nacht gestorben war. — Das Klavier aber wurde in den Höhleneingang gestellt, und als ich ein paar Tage später notgedrungen dort vorüberkam, saß ein neuer Kamerad davor und haute die „Niedlichen kleinen Dingerchen" drauf herum. Die eingekrallte Eifenhand saß immer noch im zersplitterten Holze. Der Treffer mußte wohl eine Reihe von Saiten zerrissen oder gezerrt haben; denn kaum ein Akkord klang rein. Mich klirrte die schrille Weife an wie bitterer Hohn auf die Toten, auf den Toten, der hier seine himmelstürmende Jugend hatte lassen müssen. * Manches Mal während der trüben Nachkriegsjahre, wenn ich an dies Erlebnis zurückdachte, dünkte es mich ein unseliges Vorzeichen gewesen zu sein für den Lauf, den unsere Sache genommen hat. Die reine, beseligende Weise der Begeisterung hatte der Sturm zerrissen und zerfetzt; nur das frivole Gaffenhauerlied hatte Kampf und Untergang überdauert und tönte dreister als je. Doch die reine Weise der Begeisterung ist unvergänglich. Die Toten haben sie mit zur Walhgll hinauf genommen, und aus der Höhe fällt sie mit dem nächtlichen Tau auf Gras und Blumen, um im Morgenlichte neu zu funkeln und zu klingen! Und unser neuer Morgen ist angebrochen über Deutschland! In Wald und Feld, im Kreise kampfbereiter Gemeinschaft wollen wir die Begeisterung unserer Toten erwecken und ihre Weise aufs neue singen, fern den trüben Spelunken, wo der Gassenhauer im Dunste der Alltäglichkeit ersticken wird! Schwedisches Bilderbuch. Von Franz Karl G i n z k e y. Darf man über ein Volk, ein Land, dessen Gast man nur kurze Zeit gewesen, ein abschließendes Urteil abgeben? Die Frage verneint sich wohl von selbst. Es ist, als hätte man ein gewaltiges Buch mit unzähligen neuen Bildern aufgeschlagen. Es blieb wohl Zeit, die vielen Bilder aufmerksam zu betrachten, den Text jedoch bewältigte man nicht. * Und so hat man nun, da man wieder daheim ist, ein Bilderbuch im Kopfe mit leuchtenden Landschaften, Städten und Menschen, und sucht sie nun im Geiste zu ordnen zu einem erfaßbaren Ganzen. Man ging nicht völlig unvorbereitet hinauf, man brachte von Anfang an einen Rahmen mit, ein bißchen literarisches Wissen um ein bedeutsames nordisches Volk, noch aus der Schulzeit her, sagenhaftes Ahnen von Wikingerfahrt und Runenstein, von Ritterballade und Frithjofssage bis zu Strindbergs genialen Schwierigkeiten, Frödings Leben- und Liebeskühnheit, Verner von Heiden- stams edler Monumentalität und dem unsterblichen „Gösta Ber- ling". Und dieser etwas lockere Rahmen des Wissens ward dann, in Gesellschaft der jüngeren Dichter Schwebens, da man einer Sitzung des Pen-Club in Belmanns berühmtem Keller beiwohnen durfte, mit lebendigster Gegenwart erfüllt. Im Schein der Kerzen, der einzigen Beleuchtung, die es dort gab, leuchteten kluge Stirnen und Augen der Dichter, aus denen Leid und Freude der Berufung sprach. Man hörte eine Sprache, die man nicht verstand, und nahm hoch ahnungsvoll das Wesentlichste in sich auf: Gemeinsamkeit aller Freude am Schönen und an dem tiefen Ernst des fchöpfe- rischen Willens. ♦ Schweden ist kein Land, das sich verbirgt und nur mühsam erkannt wird. Es liebt die Offenheit, seiner Landschaft, seiner Kunst, wie seiner Rede. Schon in Göteborg, der von Gustav Adolf gegründeten größten Seehandelsstadt Schwedens, erkannte ich das, dem ersten Ort, in dem ich verweilte. Helle, breite, reinliche Straßen, großangelegte Parks und immer wieder der Drang nach einer wahrhaft vornehmen Monumentalität. Sie äußert sich vor allem in der großzügigen neuen Anlage des hochgelegenen Götaplatzes, der von der bronzenen Kolossalfigur des märchenhaften „Meergreises" von dem genialen schwedischen Bildhauer Milles beherrscht wird. Das Leben dieses Zauberbrunnens sprüht Geistigkeit nach allen Seiten, und von allen Seiten grüßt aus den Bauten, die den Platz umschließen, hohe geistige Lebendigkeit zurück. Da steht im Hintergrund, erhöht auf breiten Stufen, das neue Kunstmusenm, das einen erstaunlichen Reichtum ausgcwählter Gemälde und Skulpturen in sich birgt. Sie schließen sich als Kunst- schau zu einem Ganzen zusammen, wie es überzeugender un- lehrreicher gar nicht gedacht werden kann. Es war mir Freude und Gewinn zugleich, daß der Mitschöpfer und jetzige Leiter dieses einzigartigen Museums, der treffliche Professor Axel R o m d a h l, mein Führer durch diese entzückenden Räume war, die alle in Form, Farbe und Einrichtung mit Stühlen und Teppichen auf ihren Inhalt abgetönt sind. Dadurch entsteht eine wundersame Harmonie des Gcniehens nach innen und außen, eine Einheitlichkeit der Empfindung, die sich unvergeßlich einprägt. Zur Linken des großen Platzes wird noch an dem mächtigen Stadttheatcr gebaut, dessen kühnen freien Entwurf des Architekten Beigsten ich gleichfalls besichtigen konnte. In der Fassade wird hier durch Vereinigung leichter jonischer Säulen und schwerer Granitpfeiler erstaunliche Beweglichkeit erzielt. Zur Rechten des Platzes erhebt sich das gleichfalls noch im Bau begriffene neue Konzerthaus. Man beneidet Göteborg, die große Handelsstadt, um diese hier an erhöhter Stätte zusammengeballte Kundgebung künstlerischer Gläubigkeit, um diese tempelartige Vereinigung des Heimes der Genien der Musik, des Theaters, der bildenden Künste. * Mit Stockholm ist es in der Erinnerung so, daß man einen schönen farbigen Traum von Palästen und glitzernden Wasserflächen, von Brücken, Inseln und weißen Dampfern geträumt hat, durch dessen hohe Romantik auch das praktische Leben der zeitgemäßen Großstadt wie etwas Selbstverständliches flutet. Fremde Schönheit zu schauen, hat immer etwas Traumhaftes, zwischen Ankunft und Abschied füllt sie die wenigen Tage mit visionärer Freude und verkapselt sich später im Erinnern als etwas Kristallisiertes, Unverlierbares, was ja der tiefste Sinn und Gewinn jeder Reise ist. In seiner Hauptstadt versucht wohl jedes Land den höchsten Ausdruck seiner inneren Wesenheit, Gesittung und Geistespflege zu offenbaren, und gerade für Stockholm dürfte dies in besonderem Matze gelten. Was Eigenart eines Volkes bedeutet, äußert sich hier geradezu leidenschaftlich inmitten aller gefährlichen Gleichmacherei der europäischen Großstadt. Ueberall ist Charakter trotz aller praktischen Vangebote, überall Seelenäußerung trotz aller geschäftlichen Notwendigkeiten, und so formt sich das Gesamtbild zn etwas Einmaligem, höchst Persönlichem und Echtem, dem Beschauer durchaus Unvergeßlichem. Was mir am nötigsten zu sagen erscheint, ist dieses, baß man Stockholm bewundert um der Freiheit wegen, die es den Künstlern von heute ließ, und der Großzügigkeit und vornehmen Beherrschtheit wegen, mit der die Künstler von dieser Freiheit Gebrauch machten. Das leuchtendste Zeugnis hierfür gibt Stockholms herrliches neues „Stadthaus", an dem zwölf Jahre lang, von 1911 bis 1923, gebaut wurde. Man nennt es mit Recht das „letzte große Monumentalwerk einer nationl betonten romantischen Baukunst". Es ist ein wahr gewordener Künstlertraum, ich weiß es nicht anders zu sage«. Wie dankbar ist man dafür, von einem Kunstwerk heutiger Tage überwältigt zu werden, wie es sonst nur den edelsten Wundern der Gotik gelingt! Der Meister dieses einzigartigen Baues, Roguar Oestberg, hat hier in ganz genialer Schöpferlaune alles zusammengefaßt, was auf symboiksche Deutung wartete: die Landschaft, die bauliche Ueberliefcruug der Heimat, das Geheimnis ausländischer Schönheit bis nach Venedig hinab, vor allem aber das Gemüt seines eigenen Volkes in seiner schwerblütigen Beharrung, mit der Sehnsucht nach sonniger Heiterkeit. Für Kunstfreunde mag dieser herrliche Bau mit seinen vom Wasser durchschimmerten Arkaden, der grandiosen „Blauen Halle", dem ungeheuren „Goldenen Saal", dem „Gewölbe der Hundert" und tausend köstlichen Einzelheiten bildhaft gewordener Künstlerlaune die beispiellose Beantwortung der so selten gestellten Frage bedeuten: was wird zur Tat, wenn ein ganzes Volk einem seiner großen Künstler freien Lauf läßt? * Auch das edle Upsala nahm mich, wie später auch Schwedens zweite Universitätsstadt Lund, mit freundlicher Sonne und gütiger Gastlichkeit auf. Upsala, die alte Bischofs- und Universitätsstadt, erfüllte mir zwei Wünsche aus der Jugend: in der Universitätsbibliothek, die 700 000 Bände enthält, leuchtete mir des Bischofs Ulstlas auf purpurgefärbtem Pergament mit Silbertinte geschriebene Bibel entgegen, das einzigartige Zeugnis religiöser Gelehrsamkeit aus dem 4. Jahrhundert, das ich als Kind schon in Königs „Illustrierter Literaturgeschichte" bewunderte. Und an der Gruft des einst so berühmten Sinne mußte ich meines toten Vaters gedenken, der mich als Knaben nach des großen Botanikers System die Staubfäden der zur Strecke gebrachten bescheidenen Karstblüm- lein zählen und sie also „bestimmen" lehrte. Junge Doktoren geleiteten mich zu den Sehenswürdigkeiten, dem mächtigen Wasa- schloß, dem hochragenden Dom, der grötzten Kathedrale Skandinaviens, dem vornehm-gemütlichen Heim der studentischen Land^ Mannschaften mit feinen an das alte Weimar erinnernden idyllisch geschmückten Räumen. Am Nachmittag fuhren wir nach Gamla-Upsala, Alt-Upsala, und standen auf einem der drei alten Königshügel, unter denen nach neueren Forschungen die drei Svea-Könige Nun, Egil und Adils begraben liegen sollen. Ein Hauch uralter nordischer Zeit umwehte uns hier, die stille Ebene entlang, von deren Rand Schwedens sich ewig jugendlich erneuernde geistigeLebensguelle, die alte Universitätsstadt Upsala, mit sonnigen Türmen-herüber- grüßte. und «ud! dieses ahi lein > auf tlauie itlich- itigen testen wird roetet n des neue t um kunst- i des enden einen k >asier- i| räumt | n der 1 flutet lafteS, e mit | t als n und | Wen II pflege il defon- Hf iußeri I »eich- I ■ iroM! tk nibili I n Be- i man I Muft n Be- t G-- holniS , M Van-I eiß eS I einen [ Ml Lieft! I ffl i(-1 olW I 18 d-l k enedii | fein" I anig" I t tu)« I Halle', I ndei? itfHei' Fiag< sein" ie«<" Mi lillS" w Md- iW E el-in Ui» Als litt!« »P» dliiE ti9f S«? E «* Oer Teppich -es Himmels. Neue Forschungen über die Milchstraße. Von Dr. Erwin Kossinna. JÜBcn» Sie Zeit Ser Hellen Sommernächte vorüber ist und die Abende wieder länger und dunkler werden, spannt sich bei klarer Lust das zartschimmernde Band der Milchstraße über den Sternenhimmel. Keine Jahreszeit ist zur Beobachtung dieser überirdischen Naturerscheinung so geeignet wie der Herbst. Nur muß man sorgfältig alle störenden Lichtquellen vermeiden, wenn man mit freiem Auge die Mckchstraße über das ganze Firmament von den Sternbildern des Fuhrmann und Perseus im Nordosten bis zum Adler und Schutzen im Südwesten verfolgen will. Gerade die hellsten Teile der Milchstraße, tut Schwan, Adler und Schild des Sobieski, stehen zu Beginn der Dunkelheit hoch am Himmel, also beson- ders günstig. Die große, langgestreckte Sternwolke im Schwan zwischen den hellen Sternen Deneb und Albireo befindet sich dann nahe dem Zemt; an ihrem westlichen Rande funkelt die bläulichweiße Wega. J Ist der Anblick der Milchstraße für das freie oder nur durch em Opernglas unterstützte Auge schon von erhabener Schönheit, so steigert sich dieser Anblick im Fernrohr ungemein und erreicht auf der photographischen Platte die höchste Pracht. Der kürzlich verstorbene Direktor der Heidelberger Sternwarte, Professor Max Wolf, dessen photographischer Himmelsatlas berühmt geworden ist, schildert die Milchstraße als eine prachtvolle Sternlanöschaft, ern reiches Gewebe glitzernder und strahlender Diamanten auf dunklem Samtteppich. Hell leuchtende Sterne, schwache Lichtchen bis herab zu den eben zu ahnenden Fünkchen sind in bunter Mannigfaltigkeit in den Teppich gestickt. Wir erhalten den Eindruck, als ob das mattschimmernüe Band der Milchstraße sich in unmetz- barer Ferne hinter den helleren Fixsternen herumschlänge. Die Photographie hat uns mit der außerordentlich verwickelten Struktur der Milchstraße bekannt gemacht. Auf einem Drittel ihres Umfanges, nämlich vom Schwan bis zum Zentauren, ist sie in zwei Arme gespalten, die nebeneinander herziehen und durch dunkle Wolken getrennt werden. Diese kosmischen dunklen Massen blenden das Licht der hinteren Sterne ab wie ein Vorhang. Die Milchstraße ist also auch hier ein einheitlicher, in sich geschlossener Ring. Neven tiefschwarzen Sternleeren, die wie Löcher wirken, aber ebenfalls dunkle Wolken sind und „Kohlensäcke" genannt werden, gibt es Anhäufungen der Sterne zu großen Wolken von besonderem Glanz sowie leuchtende Nebelmassen von riesiger Ausdehnung. Der bekannte Orionnebel ist nur eine Verdichtung viel weiter ausgedehnter Nebelmassen. In neuester Zeit ist es gelungen, Entfernung und Größe einiger heller Sternwolken zu bestimmen. So ist die über 300 000 Sterne umfassende Scutum- wolke im Schild des Sobieski 9000 Lichtjahre von uns entfernt und besitzt einen Durchmesser von 1140 Lichtjahren (1 Lichtjahr = 10 Billionen Kilometer). Man hat ferner die photographischen Aufnahmen mit dem direkten Anblick verglichen und gefunden, daß das zarte Lichtband im wesentlichen von den Sternen 14. und 15. Größe herrührt, die rund 2000ma! schwächer sind als die kleinsten, mit bloßem Auge erkennbaren Sterne. Es ist also eine enorme Anzahl schwächster Sterne, welche das Bild der Milchstraße erzeugen. Irgendwelche Veränderungen des Anblicks der Milchstraße in historischer Zeit sind nicht festzustellen. Die genaue Beschreibung, die Ptolemäus, der berühmte griechische Geograph und Astronom, vor fast zwei Jahrtausenden entwarf, stimmt mit dem heutigen Bild in allen Einzelheiten überein. Generationen von Astronomen haben versucht, den Bau des Milchstraßensystems zu enträtseln. Nach H e rs ch e l, der als erster systematische Sternzählungen an verschiedenen Teilen des Himmels unternahm, haben namentlich Struve, Argelander, Seeliger und Kapteyn großzügige Untersuchungen über Bau und Gestalt unseres Sternsystems burchgeführt. Aber man kam trotz riesiger Vermehrung des Beobachtungsmaterials nur langsam, gewissermaßen schrittweise vorwärts, und auch heute noch gehört die Aufgabe der Entschleierung des Milchstraßensystems zu den größten und schwierigsten Problemen der modernen Astronomie. Der holländische Astronom Kapteyn organisierte die umfassendste statistische Untersuchung unseres Sternsystems, indem er nach einem einheitlichen Plan 206 ausgewählte Felder des Himmels bis zu den schwächsten Sternen herab durch zahlreiche Sternwarten erforschen ließ. Das Ergebnis dieser sich über mehrere Jahrzehnte erstreckende Arbeiten war kurz folgendes: Das Milchstraßensystem hat die Form einer flachen Linse, deren Durchmesser etwa 60 000 Lichtjahre, deren Dicke rund 10 000 Lichtjahre beträgt. An seinem Aufbau sind etwa 47 000 Millionen Sterne beteiligt. Ihre Verteilung ist zwar im einzelnen ziemlich unregelmäßig, im Durchschnitt aber nimmt die Sterndichte von der Erde aus nach allen Richtungen hin ab. Die sehr verschiedene Sterndichte in den einzelnen Teilen des Milchstraßenringes deutete jedoch darauf hin, daß wir uns nicht im Zentrum desselben befinden, wie man früher angenommen hatte. Die Sternöichte ist nämlich im Sternbild des Stiers am geringsten, im Schützen am größten. Hier zeigen auch die Kugelsternhaufen eine auffällige Konzentration. Aus dieser eigentümlichen Sternvertcllung konnte vor wenigen Jahren der amerikanische Astronom S e a r e s die Stellung 5er Sonne genauer ableiten. Er fand, daß unsere Sonne sich in beträchtlicher Entfernung vom Zentrum der Milchstraße befindet: dieses ist in der Richtung auf das Sternbild des Schützen W suchen. Die Ansicht von Seares erfährt nun eine wichtige Stütze farrS öern holländischen Astronomen Oorth aufgestellte, t« Deutschland namentlich durch Professor Bottlinger geförderte Rotattonstheorte. Diese Theorie gründet sich auf die Bewegung öer. Sterne tut Raum und zieht daraus Schlüsse auf die Größe und den Bau des ganzen Systems. Danach beschreiben die Sterne um den im Sternbild des Schützen gelegenen Kern kreisähnliche Ellipsen tut K ep le r schen Sinne. Wie bei der Bewegung der Planeten um die Sonne wird demnach die Geschwindigkeit der •fiUOT m näher sie dem Zentrum kommen, je enger ihre elliptischen Bahnen sind. Im Kern stehen die Sterne außerordentlich viel dichter als in der Umgebung der Sonne. Das Zentrum des Milchstraßensystems entspricht durchaus dem Hellen, stark verdichteten Kern vieler Spiralnebel. Die Entfernung der Sonne vom Zentrum beträgt nach vorsichtiger Schätzung etwa 16 000 bis 20 000 Lichtjahre. Infolge dieser stark exzentrischen Stellung der Sonne liegen die Grenzen der Milchstraße in der Rich- tung des Stiers und Fuhrmanns bereits in 10 000 Lichtjahren Entfernung, in der entgegengesetzten Richtung zum^Schntzen und Skorpion hin aber erst in 50 000 Lichtjahren Abstand. Die Sonne und die benachbarten Fixsterne bewegen sich mit einer Geschwin- dlgkett von 300 Kilometer in der Sekunde gegen das Sternbild des Schwans. Ihre Umlaufszeit berechnet sich auf 200 Millionen pWe. gür öen Beobachter, der jetzt im Herbst den Abenöhtmmel betrachtet liegt also öer Kern des Milchstraßensystems nahe dem südwestlichen Horizont, während unsere Bewegung durch de« Raum «ach dem im Zenit stehenden Hellen Fixstern Deneb gerichtet ist. Die ungeheuer lange Umlaufszeit öer Sterne macht es sofort verständlich, warum das Bild der Milchstraße während einiger Jahrtausende so gut wie unverändert bleibt. Der sicher sehr Helle Kern des Systems, eine gewaltige Anhäufung von vielen Millionen Sonnen, ist unfern Blicken durch ausgedehnte Dunkelwolken leider größtenteils entzogen. Was nun oie Abweichungen öer Sternbahnen von der Milchstraßenebens betrifft, so entfernen sich die absolut sehr Hellen weißen Sterne £°iUru6ent Spektraltypus, das heißt öie Helium- und Wasser- stoffsterne, nur sehr wenig von der Mittclebene. Sie bilden ein System von nur 300 Lichtjahren Dicke, das außerordentlich schmal tft im Verhältnis zum Durchmesser von 60 000 Lichtjahren. Die Sterne vom Sonnentypus sowie die Hellen, gelben und roten Riesen werden in einer Schicht von 1500 Lichtjahren Dicke an- getroffen. In diesem größeren zweiten System ist die Hauptmenge aller Sterne der Milchstraße vereinigt. Der Rest umfaßt Sterne, o/LmetS?UI$ besondere physikalische Eigenschaften, eigentümlichen Lichtwechsel und große Eigenbewegung am Himmel auffallen. Ihre Bahnen stnd stark gegen die Mittelebene der Milchstraße geneigt, von der sie sich daher sehr weit entfernen. Sie sind gewissermaßen dte Außenseiter und bilden ein drittes System von mehr als 20 000 Lichtjahren Dicke. Da ihre Zahl aber gering ist im Vergleich zu den übrigen Sternen, tragen sie nur wenig zum Aufbau der Milchstraße bei. Auf Grund der neuesten Forschungen läßt sich zusammenfassenü sagen: Die Hauptmenge öer Milchstraße rotiert in einem schmalen Raum von 60 000 Lichtjahren Durchmesser und nur 1500 Lichtjahren Breite, bildet also ein System, daß im Verhältnis 1:40 abgeplattet ist. Dem entspricht auch das Bild öer Milchstraße am Himmel. Obwohl wir uns innerhalb des Milchstraßenringes befinden, erscheint dieser nur als ein schmales Band. Aus großer Entfernung betrachtet, würde unser Sternsystem daher einem Spindelnebel gleichen, das heißt einem Spiralnebel, auf dessen Außenkante wir blicken. Ob das Milchstraßensystem wirklich öie Form einer Spirale besitzt, ob es gar öie Vereinigung von mehreren Spiralnebeln zu einem Nebelhaufen darstellt, wie Shapley meint, ist aber noch ein großes, ungelöstes Problem. Jedenfalls bildet unser Sternsystem die gewaltigste Anhäufung von Sonnen, öie wir kennen und übertrifft an Größe die andern fernen Sternsysteme, z. B. den Andromedanebel, ganz erheblich. Läßt sich zwar die Gesamtzahl der Sterne des Milchstraßensystems wegen der dunkle» Nebel kaum feststellen, so kann man aber doch aus der Anziehungskraft, welche alle Sterne zusammenhält und zu gemeinsamer Rotation um den Kern zwingt, seine Gesamtmasse mki einiger Sicherheit berechnen. Sie ergibt sich zu rund 100 000 Millionen Sonnenmassen. Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Walter Julius B l o e m sGDS.). sFortsetzung.) Damals, in seiner Grünkramzeit, beschäftigte er sich in bösen Stunden damit, daß er im Hause seiner Mutter herumputzte wie ein Dienstmädchen. Die alte Badewanne durch chemische Zauberei in eine neue verwandeln, uralten Anstrich vom Schmutz befreien, den erblinöeten Lack schlechter Möbel mit geheimnisvollen Mitteln polieren, das tat er damals. Rosemarie sitzt den Nachmittag bei ihm und steht ihm zu, wie er experimentiert, als gäbe es kein böses Enöe, eine neue Rasierkreme bemüht er sich zu mischen, die nicht nur den Bart aufweicht, sondern die zuvor das Wasser auf dem Rasierpinsel enthärtet; fo etwas hat er schon zusammengebraut, aber es greift noch ein wenig die Haut an. „Die Leute haben ja keine Einfälle, und wenn die Zeiten schlecht werden, dann geht man eben in schöner Eintracht zugrunde. Ich geriet in München in ein abgelegenes Lokal, hundert Schritt vom Rathaus, wunderbares Essen, winzige Preise, kein Mensch kannte es. Ich würbe zehn gutaussehende Damen und Serien anstellen, sie be- kämen besonders präparierte Schuhsohle», die bei jedem Schritt eine Schrift auf den Asphalt stempeln, eine Schrift „Folgen Sie ruinieren.' * und Peraniworilich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Brühl'jche Univrrjitäts.'Luch. und Steindruckerei.A. Lange, Gießen. gut. Sie wollen ober nicht, ich lasse die Leute nicht los, ich hypnotisiere sie, bis sie ohne meine Ware nicht leben können." „Ich glaube", antwortet der Händler Karezinsky, und er spricht aus, was alle denken, „Herr Doktor Wagenschanz in seinem Ueber- mut kommt noch ins Untersuchungsgefängnis, aber von dort schafft man ihn gleich in die Irrenanstalt." Alle Köpfe fahren herum zu dem, der sprach, und zu dem, der gemeint war. Starker Tobakl Was wird Doktor Wagenschanz antworten? Er antwortet gar nichts. Er zieht langsam ein Notizbuch hervor, greift einen Rotstift vom Schreibtisch seines Anwalts und hält fest: Karezinsky (dreimal unterstrichen) — Dr. Wgfchz. erst Untersuchungsgefängnis, dann Irrenanstalt. Buch zu, eingesteckt. „Wenn Sie mich verklagen wollen", schreit der Händler, „bann bekommen Sie es von mir sogar schriftlich, was ich eben gesagt habe." „Ich werde Sie nicht verklagen, Herr Karezinsky. Das geht mir zu umständlich." „Sondern?" Alle Augen zu diesem und zu jenem, ein hochroter Kopf und aufgeregtes Gestikulieren, ein unbewegliches Gesicht mit schräg von unten kommendem Blick. Aber der Herr Doktor Wagenschanz scheint trotzdem die Sprache verloren zu haben, klagen will er nicht, warum schrieb er sich die Beleidigung auf, warum tilgt er sie nicht mit einem gesalzenen Schimpfwort? „Sondern? Was wollen Sie tun?" „ Wie soll ich das einrenken, denkt Schönlern, alles steht die Angst ums Geld wird siegen, aber — Aber Doktor Wagenschanz antwortet endlich: „Ich werde mir!" Das ginge Schritt für Schritt immer in mein Lokal, eine ganze Menschenmenge hinterdrein, die Bude wurde gerammelt voll sein. Feine Idee, was?" „Grober Unfug", lacht Rosemarie. , $cin fo großer Unfug, u(§ roetut tuuu verlubciL ,',Das stimmt", gibt sie zu. Während des Tages war sie geschüttelt von Angst, angesteckt von der Wut kleiner Leute. Nun wird es dunkel, sie sieht Anton Wagenschanz im Lichtkreis ferner Lampe arbeiten, sie begreift: es wird offenbar nicht gut ausgehen mit dieser Fabrik, aber bestimmt wird es irgendwann gut aus- qehen mit diesem Mann. Es duldet ihn nicht in der Tiefe, er wird immer neue Versuche unternehmen, schließlich wird es ihm gelingen. , ,, , „Zweifeln Sie wirklich an mir, Rosemarie?" fragt er leise tu denselben Gedanken. „Nein, nicht mehr. Herr Wagenschanz." * „Danke." , Es ist halb sieben, sie müssen zu Rechtsanwalt Schönlein gehen. Anton nimmt ihren Arm und preßt ihn ganz vergnügt. Föhn weht hoch in der Luft, Modergeruch strömt aus den nahen Bergen wie Frühlingsatem. Sie kommen durch das Villenviertel, aber Anton zieht seine Schultern zusammen und redet nicht von der künftigen großen Wohnung, die sie ihm einrichten sollte. Daraus merkt sie endlich, wie schwer es ihn selber anficht. Die Glänbigerversammlnng beginnt mit einer Rede Schönleins. Er habe sich die Bücher der — der Kosmetischen Werke schicken lassen, der Geschäftsgang sei nicht gerade schleppend, rechtfertige allerdings auch nicht die aufgewendeten Mittel. Als Rechtsbeistand des Herrn Doktors Wagenschanz.ersuche er die geehrte Versammlung, keine übereilten Beschlüsse zu fassen, die der Entwicklung schädlich sein könnten. Man möge vielmehr eine gewisse Zeit abwarten, ob die drei übermäßig teuren Inserate eine Belebung des Geschäftsverkehrs bringen würden. Die geehrte Versammlung füllt Schönleins Arbeitszimmer und die angrenzende Kanzlei, sitzt auf Stühlen herum und verqualmt die Luft mit schlechten Zigarren, Rosemarie wird es beinah übel. Elli hingegen stenographiert ungerührt, als säße sie am offenen Fenster. Den Kandidaten Kieselbach hat man mit strengem Verbot zu Hause gelassen. Wann Herr Doktor Wagenschanz feine Schulden zu bezahlen gedenke, will man wissen. In vier bis sechs Wochen. Mit Verzugszinsen. So. Großartig. Das wäre ja sehr schön. Auf Grund welcher Abschlüsse der Herr Doktor solche Hoffnungen erwecken könne? Auf Grund der drei Inserate. Die Händler, die ihre Vertriebsgeschäfte meist von Vater und Vatersvater übernommen haben, schlagen sich knallend auf die Schenkel. Anton sitzt mit übereinandergeschlagenen Knien da und bemüht sich, den Leuten klarzumachen, daß er eine gute Ware fabriziert. „Jawohl, ich weiß schon, darauf kommt es beinah nicht an, weil auf der ganzen Welt alle Lager mit guter Ware bis unter das Dach gestopft sind." Aha! „Nicht einmal ein Bedürfnis besteht für meine Ware, es kommt also nur darauf au, ob ich es hervorzurufen verstehe. Meine Fabrik verfügte bisher über einen ständig wachsenden Absatz, meine Methoden sind also richtig." Dies bestätigt Schönlein mit Zahlen, Tabellen und Diagrammen. Es sieht genau so aus, als ob man friedlich ausetnanber- gehen und dem Doktor Wagenschanz noch eine Galgensrist zubilligen werde. , Aber jetzt wird Anton von einzelnen Händlern angegriffen, daß allein seine irrsinnigen Werbeziffern das ganze Unternehmen aushöhlten. „Und warum haben Sie uns bis aus den heutigen Tag von diesen Inseraten keinen Ton gesagt, Sie haben immer mehr Schulden ausgehäuft und hier gekauft und dort geliehen, warum haben Sie uns diese neuen Ausgaben verschwiegen? Anton verschränkt die Arme und mustert den Frager. „Sehr einfach. Weil Sie mich gehindert hätten." „Aber sicher hätten wir das getan, Herr!" Es entsteht ein Höllenlärm, den Schönlein erst nach einer Weile zu beschwichtigen vermag. Wie wird dieser Kampf ausgehen, den Doktor Wagenschanz so unvorsichtig führt? Rosemarie fiebert auf die Entscheidung, von der ihre Existe.nz abhängt und die Arbeit, die sie schon mit Leidenschaft liebt. Die eifrig schreibende Elli zittert vor Mitgefühl, alle haben recht: die Händler, denen man auf der Nase herumtanzte, recht hat Anton Wagenschanz mit seinem Arbeitsmut, und auch Herr Schönlein hat recht, der sichtlich nervös wird über das Benehmen seines Mandanten. Rosemarie erträgt diese Luft nicht mehr und geht hinüber ins Musikzimmer, lieber'dem Flügel liegt, wie sie bemerkt, ein Hauch Staub, man kann mit dem Finger hineinschreiben. Sie müßte diesen Flügel einmal wieder stimmen, er müßte wieder einmal singen. Aber durch diese entgötterte Wohnung schwebt nicht mehr Lisas dunkle Stimme, nicht mehr der Engelsgesang dieses Flügels, von drüben her schwirren die Mißtöne eines widerwärtigen Gezänkes, das in ziellosen Erörterungen verläuft. Schönlein findet die drei Unglücksinserate gut und wirkungsvoll, also möge man doch in Gottesnamen eine Weile Geduld üben. „Ich zwinge die Menschen, meine Ware zu kaufen", behauptet Anton Wagenschanz mit unbewegtem Bauerngesicht, „sie mögen Es kommt, rote mit Bewunderung gesagt werben mutz auch mit Bedauern, die grotze Zeit für Herrn Peter Schönlein. Wenn die Sterne der andern sinken, so geht fein Stern auf. Peter hatte zuweilen den Eindruck, er habe seinen Beruf verfehlt. Er fühlte sich nicht darin wohl. Wie soll man es ausdrücken: Kram fremder Leute, Schlechtigkeiten, die er weißwaschen soll. Die Menschen, mit denen er nun verhandelt, werden von den Wellen hin und her geworfen, sie sitzen mit gequälten Gesichtern vor ihm, er soll ihre Angelegenheiten betreiben. Diese Geschäftsleute werden zwar die Streitigkeiten ihrer Frauen vor Gericht zurechthadern, in dieser Hinsicht verlangen sie vom Staat, daß er Recht spreche. , „ rr ,, Hier findet Peter seine großen Fähigkeiten wachsen, ihn schleudern die Wellen nicht, er erteilt Rat und Zuspruch und steuert die Dinge so, daß nicht einmal der Handelsrichter sich hineinmischt, den dort würde alles sogleich zu einfach, dort würde der verwickelte Mechanismus mit Gewalt in einige säuberliche Teile zerlegt, und am Ende hätten alle den Schaden. „Sie sind ein erfahrener Geschäftsmann, werter Herr, Sie sehen das ein!" Wie ein Arzt und Helfer sorgt Peter Schönlein dafür, daß möglichst geringer Schaben entsteht. Den Doktor Wagenschanz allerdings kann er höchstens vor dem Offenbarnngseid bewahren.' Der Mann, der mit dieser Zeit fertig werden wollte, verschwindet von Tag zu Tag mehr unter den Wellen, noch schaut sein Vauern- schopf hervor, auch dieser wird demnächst verschwinden, daran läßt sich kaum etwas ändern. Schönlein betreibt die stille Liquidation der Wagenschanz- Werke. Das ist keine ausgesprochene Absicht, es bleibt von allem als die beste Lösung übrig. Niemand widerspricht. Daß Doktor Wagenschanz sich verteidigt wie ein umstellter Keiler, wer verdenkt es ihm? Schließlich wird die Zeit auch mit ihm fertig. Diese Zeit ist noch mit ganz andern Leuten fertig geworden! Uebrigens ist für Anton Wagenschanz gesorgt, er kehre dorthin zurück, wo sein Ursprung war: hinter die Theke im Grünkramladen feiner Mutter! Schönlein empfindet die furchtbare Gerechtigkeit gegen die Uebermütigen, die sich nicht unter das allgemeine Schicksal beugten wollten, jetzt werden sie genau dorthin zurück- gestoßen, woher sie kamen: Kieselbach in feine Kellerwohnung und in eine zerlumpte Existenz, und vielleicht findet sich für Rosemarie Reubold eine neue Tätigkeit in der Pmnofortefabrik Wehrhahn & Söhne, vielleicht durch seine, SchönlVins, Vermittlung ... Es dürste an der Zeit sein, daß man alte Beziehungen wieder aufnimmt, mein lieber Herbert, Kamerad von der Somme und Kamerad die ganze Kriegsliste herunter, über was stritten wir uns eigentlich, da die gejagte Hündin weder in deinem noch in meinem Revier abgeknallt wurde, anscheinend flüchtet sie noch springlebendig ins Dickicht, da und da, alte Adresse, dort wohnt sie nächstens wieder, dort kannst du sie stellen ... Es müßte nicht so sein, es hätte anders kommen können. Aber auch sie wollte aus dem allgemeinen Schicksal heraus, sie zögerte vor einer ungesicherten Empfindung, das war es, sie wollte sich hergeben nur gegen eine verbriefte Schuldverschreibung, Frau Schönlein wollte sie sein. Peter meint es weder böse noch unehrlich mit ihr, er hätte "sie gerne zu seiner Geliebten gemacht, alles stand dafür, und über das Fernere sprechen wir später, wenn die Dinge übersichtlich geworden sind. Das gefiel ihr nicht, bas war zu reich an Wagnissen. Gut, so muß auch sie zurück an ihren Ausgangspunkt. (Fortsetzung folgt.)