Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Zreitag. -en 9. Juni Jahrgang 1955 Nummer 45 Ä Daheim. Vom Prinzen Emil von Schoenaich-Earolath. Ein Weg durch Korn und roten Klee, darüber der Lerche Singen, das stille Dorf, der Helle Set, süßes Wehen, frohes Klingen. Es wogt das Korn im Sonnenbrand, darüber die Glocken schallen — sei mir gegrüßt, mein deutsches Land, du schönstes Land vor allen! Oer Zweikampf im Weizen. Von Hans Fallada. Alle Rechte im Rowohlt-Verlag. Auf Rittergut Bredenau hatten wir einen Inspektor, der hieß Schöne- terl, und einen Eleven namens Edmund Ranft. Manchmal stimmt es mit den Namen, manchmal stimmt es nicht, hier stimmt es. Inspektor Schönekerl «ar ein Kerl von einem Mann, groß und stark, mit einem roten, blühenden Gesicht, einem Nacken wie ein Stier und einer Stimme wie ein Nebelhorn. Der Edmund Ranft dagegen stellte sich dar als ein schmächtiger Jüngling, blaß, mit braunen Augen und braunem Haar, ein halbes Mädchen. Unnötig zu sagen, daß die beiden sich nicht riechen konnten. Nun ist ein Inspektor ein großer Mann, ein hochgestellter Mann, er hat Befehlsgewalt über achtzig Leute oder hundert oder zweihundert (darunter die Eleven) — ein Eleve aber ist ein Garnichts, eine Art Renntier, er hat zu laufen, wenn der Inspektor ruft, zu springen, wenn er brüllt, das Maul zu halten, wenn er donnert. Der Inspektor konnte seinen Ranft .fein merken lassen, daß er ihn nicht riechen konnte, der Eleve dagegen hatte stille zu sein und höflich zu tun und Knickschen zu machen. Inspektor Schönekerl genierte sich keinen Deut, er schickte Ranft um drei Uhr morgens in den Pferdestall, dann ließ er ihn in der Mittagspause auf den Futterboden gehen und Säcke nachzählen und wartete nur ob, bis abends Ranft um neun erschlagen in seiner Klappe lag, um ihn zu einer kalbenden Kuh zu schicken. Wir sagten zu Ranft: „Mensch, such dir eine andere Lehrstelle. Hier hältst du es nicht durch." Aber das sanfte Mägdlein Ranft hatte Energie. „Keine Bohne", sagte er. „Den Spaß soll ich dem machen...? So blau!" Und tief weiter und sprang und machte seine Dienerchen und dachte, er schaffte es. Er hätte es vielleicht auch geschafft, denn innerlich war er dem dicken Inspektor weit überlegen, wenn nicht die Sache mit Wrunka gekommen wäre. Ich weiß nicht, wie Wrunka wirklich hieß, ob Wrunka überhaupt ein Name ist, genug, sie kam aus dem Schlesischen zu uns und wurde unsere Meieristin. Die vorige Meieristin hatte Rosinen im Kopf gehabt, sie hatte Besitzer und Inspektor rum und dumm geredet, bis wi^aus unserer guten Milch pickfeinen Camembert machten, den uns nachher kein Mensch abkaufte (schließlich fütterten wir den Schweinen Camembert). Wrunka hingegen machte einen schlichten Backsteinkäse, einen Magerkäse, der nach nichts aussah, aber packte man ihn eine Woche in salzwassergetränkte Tücher, so wurde da ein Käse draus — kurz, der Laden klappte. Nun, Ranft hatte die Aufsicht beim Melken im Kuhstall, an den Kuhstall stößt die Meierei, in der Meierei wird die Milch abgegeben bei der Meieristin, Ranft hatte die Aussicht beim Milchabgeben und Wrunka sah ganz und gar nicht übel aus, eine dunkle Schönheit — und wie sie lochen konnte! Außerdem läßt sich der Name Wrunka verdammt zärtlich aussprechen, schon dieser Name ist die reine Verführung. Warum Schönekerl sich auch mit dieser Geschichte zu befassen hatte, ist klar. Schönekerl hatte eine Frau, eine ständig verweinte, zitternde Frau, und zwei ständig geohrfeigte, brüllerische Kinder. Schönekerl war futterneidisch, und darum befaßte er sich mit der Sache: eines frühen Morgens um fünf erfüllte er den Kuhstall mit dem Gebrüll einer Nedel- tute, und Ranft wurde bei der Milch abgelöst. Kein Kuhstall, keine Meierei, keine Wrunka mehr, dafür Außendienst, auf den entferntesten Schlägen, beim Dungfahren und Getreidehacken, zwei Kilometer vom Hos, vier Kilometer vom Hof. Man hat es ja in den Naturgeschichtsbüchern gelesen, ein Schmetterling wittert ein gefangenes Weibchen stundenweit und findet zu ihm, Tierlein gesellt sich zu Tierlein: kaum war Inspektor Schönekerls Pferdeschwanz hinter der nächsten Waldecke verschwunden, so setzte sich Ranst in Trab und rannte zu seiner Wrunka. Zweimal am Vormittag inspiziert kein Inspektor die Außenschläge. Die Leute grinsten und halfen dem Eleven noch, dazu ist ein Rittergut mit seinen Scheunen und Ställen und Schuppen eine unübersichtliche Sache. Wenn der Inspektor vielleicht auch Feuer roch, Rauch und Flammen bekam er feit jenem Ueberfall im Kuhstall nicht mehr zu sehen. Sicher aber roch er das Feuer. Unter des Inspektors Fenster lag ein großer Grasgarten mit vielen Obstbäumen, in anderen Jahren hatten wir dort das Jungvieh geködert. In diesem Jahr erging plötzlich die Order: „Der Schlappschwanz, der Ranft, kann noch immer nicht mähen. Ronft, Sie mähen den GrasgartenI" — jawohl, Herr Inspektor", sagte Ranft und holte sich eine Sense. Ranft stand im Grasgarten und befaßte sich mit der Mäherei. Es stand da ein schönes kräftiges Gras, gar nicht schwer zu mähen, ober darin hatte der Inspektor nun wirklich recht: vom Mähen hatte Edmund Ranft keine Ahnung. Mol ging die Sense in die Erde, mal in einen Obstbaum, mal fielen auch ein paar Gräser um, und zuweilen tat sich oben das Fenster auf und der Inspektor legte los. Ranft war am ersten Morgen gerade dabei, feine Sense, die durch Erde, Stein und Baumrinde ewig stumpf war, zu wetzen, da ertönte von oben dies Gebrüll. Ranft paßte nicht auf ober er kriegte einen Schreck, und schon lief es schön rot über seine Hand: Ranft hatte sich den Daumen durchgewetzt. Dies hinein in die Daumenkuppe, durch den halben Nagel ging der Schnitt. Etwas blaß lehnte Ranft die Sense sacht gegen einen Baum, der Inspektor oben prustete los und warf das Fenster zu. Ranst ging auf den Hof und ließ sich den Daumen verbinden, der Inspektor aber erzählte in der Küche seiner verheulten Frau den Spaß und schickte Ranst dann von neuem an seine Mäherei. Am Abend hatte sich “Ranft bann auch noch ben anderen Daumen durchgewetzt, aber das war kein Grund für Krankenurlaub: „Werden Sie lernen, Sie Roß, ben Wetzstein richtig anzufassen. So faßt man einen Wetzstein an...!" * Im ganzen aber kamen weder Inspektor noch Eleve auf ihre Kosten bei dieser Mäherei. Ranft zwar lernte es mit der Zeit einigermaßen, aber sein „Jawohl, Herr Inspektor" klang gar nicht mehr so wie früher und in unseren Kreisen führte er lästerliche Reben von „bem Schönekerl eins besorgen". Der Inspektor seinerseits entdeckte, bah auch ein unter seinen Fenstern arbeitenber Ranft keine völlige Sicherheit bot, schließlich mußte er boch zweimal täglich aufs Felb reiten und sicher sanb sich immer einer, der bem Ranft einen Wink gab, bie Luft sei jetzt rein. Wie Wrunka selbst zu ber ganzen Sache stand, das war schwer auszumachen, rein vom Liebesstandpunkt war Ranst sicher der bessere Partner, aber schließlich war der Inspektor berjenige, welcher ... welcher nämlich die Löhne auszahtte und bie Milchtantieme berechnete unb der einem armen, alleinstehenden, hilflosen Mädchen viel Schaden tun konnte. Wenn Schönekerl schon lange Feuer roch, so roch es in letzter Zeit der Ranft nicht weniger... „Wenn ich den Bullen mit der Wrunka erwische ...!" drohte er düster. Die Weizenernte kam uns in diesem Sommer nach einer vierzehn- tägigen Dürre wie ein Gewitter über ben Hols, es war nicht nachzukommen, so rasch würbe Schlag um Schlag reif. Binber unb Ableger mähten vom Morgengrauen bis in bie Nacht, aber »es half alles nichts, schließlich mußte jeber, ber nur eine Senfe hatten konnte, antreten zum Weizenmähen auf bem Großen Weisel. Es war eine scheckige Mähmannschaft, die dort am frühen Morgen zusammenkam: Junge Ochsenknechte und wacklige Altenteiler, ber bucklige Schweinemeister, ber Gutsschmieb, zwei stäbtische Elektriker, bie gerabe im Herrenhaus eine neue Lichtleitung legten, und natürlich auch mit uns jüngeren Beamten ber Eleve Ebmunb Ranst. „Na, nun ist es gut, Ranft, daß du im ©rasgorten mähen gelernt hast", sagten wir. „Ach rutsch!" antwortete Ranst wütend. Er sah nicht gut aus, das Ränfttein, er sah käseweiß aus, und seine braunen Augen wirkten schwarz, so finster fah er. Sicher war er wieder bie ganze Nacht unterwegs gewesen, hatte hinter ber Wrunka spioniert. Ob er nun roütenb war, weil er was gesehen hatte ober weil er immer noch nichts gesehen hatte, gleichviel, er steckte so voll Wut, baß wir kein Wort weiter zu ihm sagten, sonbern ihn seinem Mähen überließen. Wir waren sie ja alle nicht mehr gewöhnt, biefe Mäharbeit im schweren Winterweizen. Um sechs Uhr früh war es losgegangen unb um halb sieben schien uns die Frühstückspause um acht schon endlos fern, unb als sie bann schließlich boch ba war, wären bie meisten von uns sicher ganz gern roieber ins Bett gegangen, so weh taten bie Knochen. Aber Schönekerl war so schlau gewesen, uns einen richtigen Taglöhner mitzuschicken, der bas Mähen gewohnt war, unb ber stanb punkt halb neun roieber auf unb sagte: „Na, benn man wieder los!“ Unb mähte uns voran, unb mir mutzten nach, es half alles nichts. Wir konnten es uns so leicht machen, wie wir wollten, mir konnten ben Schwab so schmal nehmen, daß es eine Schande war, immer kam ber Moment, wo man nicht mehr mitkam, wo ber Hintermann brüllte: „Paß Achtung, Nachbar", unb seine Senfe nur noch ein Paar Zentimeter hinter unserer Hacke zischte. Unb babei brannte bie Sonne wie ein höllisches Feuer, unb unser Gaumen war trocken wie eine staubige Lanbstraße, unb von Zeit zu Zeit würbe es schwarz in unserem Hirn, unb wir beichten nichts mehr unb mähten nur so hin In einem Taumel, und dann wurde plötzlich alles feuerrot, und wir dachten wieder: „Ich kann nicht mehr! O Gott, wird es denn Aber^erst einmal wurde es elf, und kurz nach elf kam der Inspektor Schönekerl zu uns auf den Großen Weisel geritten Schonekerl schon hoch zu Roß, in blütenweihem Hemd, rotbraun gebrannt..,, und da brach er los wie ein Platzregen, als er unsere Mähleistung und unsere Mah- künste sah. Es prasselte nur so von „stinkenden Faultieren , von „Trotteln", von „Schlappschwänzen", von „Nachtmützen . Bet int Grunde hatten wir anderen nicht viel auszustehen, er nahm sich gleich nach den ersten zehn Sätzen seinen Freund Ranft vor die Binde, und was der da zu hören bekam, war wirklich selbst für Schonekerl eine saftige ^Aber vielleicht hatte Ranft wirklich diese Nacht was zu sehen.gekriegt, diesmal hielt er das Maul nicht, sondern sagte ganz vernehmlich: „Halt die Klappe, dämlicher Hund!" ., . „Wie?!" schrie der Inspektor, der vielleicht nicht ganz verstanden hatte oder sich nicht getraute zu verstehen. „ , . „Hab' gesagt, daß ich Sie noch nie habe mähen sehen , sagte Ranft brUngÄQ5?" schrie der Inspektor, und nun ging es los: ... in Ranfts Jahren ... und was so ein Schnösel sich einbildete ... und so em Gewitschel und Gepritschel mit der Sense mache ihn krank .. . Und plötzlich brüllte er: „Weg, Stachu, nimm den Gaul! Mir die Sense! Dir wollen wir's zeigen, fauler Knochen! Du mähst vor und ich mah nach ... und wehe dir .. .1" ,, , . , . „. .. Nun ging es los, und das muhte man schon sagen, eine feine Fahrt legte der Ranft vor, und einen Schwad nahm er wie der Stärkste, hinter ihm der Inspektor — der konnte auch mähen — und wahrend der Ranft immer wortlos weiterzog wie eine Lokomotive, brüllte alles, was recht war. Ein Schlappschwanz war der Jüngling nicht, aber einen Rochus hatte er im Bauch darum konnte er so mähen. Doch der Inspektor hinter ihm ununterbrochen: Du fauler Hund, du! Dir will ich es zeigen! Nimm deine Haxen in acht, ich mäh' dir deine Haxen ab! Bei den Madels bist du ein Kerl, was, aber hier..." r . ... Es war schon ein Theater, und wir gingen eigentlich nur so em bißchen hinterher und fiddelten mit unseren Sensen, daß das Kind einen Namen hatte, und wünschten inbrünstig, daß der Ranft die Tour durchhielt bis oben an die Chaussee, wo wir anhalten mußten... Und er hielt durch einen phantastischen Murr hatte der Bengel, und mit all seinem Geschrei und seinen Viechskräften war ihm der Inspektor nicht einmal näher als einen halben Meter aus die Pelle gerückt. Da standen wir nun oben und wetzten unsere Sensey und gingen langsam wieder zurück zum Anfang des Schwads, und die ganze Zeit schimpfte der Schönekerl den Ranft und verhöhnte ihn. Der Jnspektt>r sah blaurot angelaufen aus, der Schweiß lies nur so über sein Gesicht, und sein blütenweihes Hemd war klatschnaß. „Dir wollen wir s, zeigen, du Schmachtlappen, dir will ich schon deine Haxen abmähen ...!" Dem Ranft ging die Brust auch wie ein Blasebalg, aber Farbe hatte er nicht ein Fitzelchen bekommen, und er konnte ganz ruhig sagen: Haxen abmähen .. .1 Mähen Sie mal vor, und ich will Ihnen die Haxen abmähen!" (Das „Herr Inspektor" sparte er sich schon ) Er sagte das ganz leise und friedlich, aber uns blieb die Spucke weg, wir dachten, der Inspektor haute ihn mit einem Schlag zur Erde. Aber nichts davon. „Das versuch nur, du Weiberknecht", brüllte er. „Das versuch nur! Nicht aus einen Meter kommst du an mich, du Muttersöhnchen. Weg da, los, ich mäh' vor!" Und wieder ging es los, den endlosen Großen Weiher hinaus, vorne Schönekjtrl, hintennach Ranft, und schließlich wir, ziemlich außen vor. Der Inspektor legte höllisch los, das hatte er nun doch gemerkt, daß es hier um seine Ehre und sein Ansehen ging, viel sagte er auch nicht mehr, nur manchmal schrie er noch: „Du Schwächling ... Haxen ... komm ran, wenn du eine Traute haft ..." Und hinten nach der Ranft, nun, ich kann wieder nur sagen: wie eine Dampfmaschine^ sicher hatte er überhaupt keine Ahnung, was er tat mähte ganz mechanisch und sah nur vor sich die braunen schicken Reitstiefel von dem Schönekerl in der weißgelbm Weizenstoppel. Die Sense zischte und der Weizen seufzte leise, wenn er sich umlegte, und es war heiß, und sicher war, daß Ranft aufholte, langsam und allmählich aufholte. Gegen solche Viechsmäherei kam eben auch der Schönekerl nicht an mit seinen Bärenkräften, weil er nicht die richtige innerliche Wut hatte, bei Schönekerl war es doch nur Geblubber. Aber ebenso sicher ist es, daß Ranft den Schönekerl bis zur Chaussee doch nicht eingeholt hätte, so viel gab auch die Wut nicht her, und oben wären sie beide ausgepumpt gewesen und hätten nichts mehr angeben können, also das Rennen wäre sicher tot ausgegangen. Da aber reitet doch den Schönekerl der Teusel, er fühlt sich so sicher, er muß wieder mit Stänkern anfangen und reht sich um und schreit: „Was nimmst du denn für einen Schwad, Hund, verfluchter, ist das ..." „Oh ...", sagt der Inspektor plötzlich ganz sanft und leise. Sein Mund war rund wie ein Osterei und blieb offen, die Sense rutschte ihm aus den Händen, und er sackte sanft hin auf die Erde. Und „Oh ..." sagte auch Ranft und sah verblüfft feine Sense an, deren funkelnde Schneide einen breiten roten Streifen hatte. Und dann sah er und sahen wir nach dem Schuh des Inspektors und der Schuh war aufgetan wie ein Mund und es lief rot daraus ... Wir standen alle atemlos, wie die Schafe, roenn’s donnert, und nun war der Inspektor auch schneeweiß, genau wie der Ranft. Und dann richtete er sich aus und eine ganz hübsche Portion von der alten Polteret lag schon wieder in seinem Ton, als er ein bißchen schwächlich sagte: „Hast du verdammter Trottel mir wahrhaftig die Haxen durchgemäht. Na, warte ...!" Aber Eleve Edmund Ranft wartete nicht mehr auf Weiteres. Er fchmiß seine Sense hin, daß es klapperte, er schmiß Wetzstein und Leibriemen und das Wetzfaß dazu, auch er sagte: „Oh, ich verdammter Trottel ...!" Und lief fort Als wir auf den Hof kamen mit dem verwundeten Inspektor, war er schon fort mit all feinen Sachen, nicht einmal der Wrunka hatte er zidteu gesagt. Die hakte er sich gleich mit den Haxen, nut dem Elevenposten, mit den landwirtschaftlichen Aussichten, mit dem Durchhalten abaem'äbt auf alle Zeit und Ewigkeit. fflas der Inspektor Schönekerl sich über den Trottel noch amüsiert hat, trotz der durchgemähten Haxe ..." Neue Zeit. Bon Alfred P a b ft. Es steigt herauf ein neues Morgenrot. Die neue Zeit marschiert mit diesem Lied: Vorbei sei Haß und Hunger, Leid und Not, zerschlagen sei der Klassen Unterschied! Wir kehren in ein neues Deutschland ein, und unser aller Deutschland soll es [ein! Nun flamme auf, Brandfackel dieser Zeit, daß unsre Volksgemeinschaft stählern wird! Brenn aus die Zwietracht und den Bruderstreit, und leuchte dem, der noch im Dunkel irrt! Entzünde alle, glüh uns stark und rein, denn unser aller Deutschland soll es sein! Erwachen muß die Kraft, die in uns schlief! Entbrennen muß der Herzen Leidenschaft: daß wir im Sturme stehen wurzeltief, wenn Geist und Faust am gleichen Werke schafft! Wir bauen auf, wir mauern Stein auf Stein, denn unser aller Deutschland soll es fein! o Es steigt heraus ein neues Morgenrot. Die neue Zeit marschiert mit diesem Lied: Vorbei sei Haß und Hunger, Leid und Not, zerschlagen sei der Klassen Unterschied! Wir kehren in ein neues Deutschland ein, und unser aller Deutschland soll es sein! Das merkwürdige £e6en des Bildschnitzers Bett Stoß. Von Wilhelm H a u s e n st e i n. In diesem Jahre 1933 begeht man festlich die 400. Wiederkehr der Todeszeit des Meisters — und zwar in Krakau wie vollends in feiner Vaterstadt Nürnberg. Diese doppelte Begehung des Jubiläums in zwet heute so entgegengesetzten Bereichen wird interessieren. Davon nachher.. Das Merkwürdige in der Geschichte des Meisters scheint schon in der Persönlichkeit gegründet zu sein, und es ist natürlich zuerst auf sie zu blicken, von ihr zu sprechen. Wie seltsam steht er da! Er ist voll von starker Spannung, bezeigt eine ausfallende Entschiedenheit des Wesens, ja Stolz — ja eine leidenschaftliche Erregbarkeit, einen heftigen Charakter. Dian würde es schon glauben, wenn man kein Zeugnis hätte als die Werke feiner Hand, die eine außerordentlich nachdrückliche, fast etwas gewalttätige Künstlerhand gewesen ist: die Bildwerke, besonders die in Holz, aber auch die Kupferstiche und die dem Meister zuerkannten oder wenigstens zugetrauten Malereien sind an einer eigentümlichen Uebertriebenheit kenntlich — an einer temperamentvollen Schärfe der Form und des Ausdrucks, an einer überdrastischen Art. Gewiß, man kann dies nicht bei allen Werken des Meisters finden: er hat auch ruhige, beschwichtigte Dinge gemacht. Aber des leidenschaftlich Gespannten ist in seinem Werk doch so viel, daß man die eigentümliche Erregtheit als eines der Kennzeichen seines Stiles betrachten kann. Es sind nicht wenige Stücke feiner Arbeit, die in ihrer Spannung mit der Energie einer geballten Faust verglichen werden mögen. Daß der Meister Stoß ein merkwürdig leidenschaftlicher Mensch gewesen sein muß, wird aber auch aus den Uebertieferungen deutlich, die von seinem bürgerlichen und künstlerischen Leben berichten. Sehen wir zu. m In einer nürnbergischen Urkunde wird der Meister einmal gar ein „irrig geschreyig man" (Mann) genannt. Das will besagen: ein Mann, der sich von feinem ungewöhnlichen Temperament leicht in Irrtümer und zu heftigen Ausbrüchen treiben läßt. Wir würden heute lagen: er scheine ein überaus reizbarer Mensch gewesen zu sein — ein Mensch mit Nerven. Wobei der Begriff „Nerven" freilich nicht eine Schwäche bezeichnen würde, nicht also bas, was wir „Neurasthenie" nennen, sondern vielmehr eine Fülle ausschlaggebender Lebendigkeit. Sagen wir kurz: dieser Meister, den wir um der zeitgeschichtlichen Stilform feiner Werke willen noch als einen mittelalterlichen, ob auch spätmittelalterlichen Meister, jedenfalls als einen Gokiker zu verbuchen pflegen, ist tatsächlich als Persönlichkeit, als psychologischer Typus oder „Fall", schon ein moderner Mensch gewesen. Allerdings brauchen wir uns darüber nicht zu sehr zu wundern. Denn gerade der Ausgang des Mittelalters war eine überaus komplizierte Zeit: eine Zeit voll von Wehen der Seele, eine Zeit mit beunruhigenden Perspektiven in eine gleichsam explodierende Zukunft, in eine Zukunft, der die mittelalterlichen Sicherheiten nicht mehr gewährleistet zu fein schienen. So kann man sich freilich denken, daß in einem Menschen der Zeit und gerade in einem begabten Menschen dieser Zeit (nämlich der Zeit um 1500) die Schwierigkeiten der Epoche sozusagen verpersönlicht sich zusammenzogen — und ein Mensch dieser Zeit wäre eben unser Meister V e i t S t o ß. Er gehörte zu den vorgeschobenen Menschennaturen, in denen die geschichtliche Entwickluna sich auf eine schmerzhafte Weife barfteUt: man könnte sagen, daß der Meister zu der Gattung von Menschen gehörte, der es aufgebürdet ist, die K o st e n einer zeit- , geschichtlichen Entwicklung zu bezahlen. Auch hier mag ein Grund dafür liegen, daß Veit Stoß als „irrig geschreyig man" einigermaßen in den Ruf eines Querulanten gekommen ist: daß er den Rus eines unruhigen Bürgers hatte; daß er besonders in Nürnberg, nicht aufhören konnte, in Handeln zu stehen. Man muß sich vorstellen: die anderen lebten noch recht in den überlieferten Ordnungen, aus denen die moderne Ungebärdigkeit dieses Einzelnen aber herausstrebte. So mußte es zu Unstimmigkeiten kommen zwischen ihm und seiner Umwelt, die gerade als Reichsstadt Nürnberg auch das Bürgerlich-Unduldsame der alten Ordnungen, nicht bloß das Gute der Ueberliefcrungen geltend gemacht zu haben scheint. Auch der gleichzeitige Dürer empfand es ja so, als er nach Venedig und Antwerpen entwich. Daß man mit diesen erklärenden Einblicken alles, was an dem Leben des Veit Stoß merkwürdig, nämlich unmöglich, ja schon verbrecherisch war, entschuldigen könnte, soll nun allerdings nicht behauptet werden. In diesem vielleicht seltsamsten aller deutschen Meisterleben gibt es Dinge, die nicht aufgehcn. Dahin gehört vor allem die düstere Geschichte einer Fälschung. Veit Stoß stand in einem trüben Geldhandel, in dessen Verlaus er schwer geschädigt wurde. Der erbitterte Mann machte sich, impulsiv und wohl auch überheblich, wie er war, daran, das Glück oder Unglück zu korrigieren: seine künstlerisch geübte und wendige Hand mußte ihm dazu Helsen, einen Schuldbrief zu fälschen. Die Sache kam auf. Die Tat des Meisters war vom nürnbergischen Gesetz mit dem Tode bedroht. Die Aeußerste der Strafen wurde ihm nun zwar von der Obrigkeit erspart, der man ohne Zweifel nachrllhmen muß, daß sie wußte, was Nürnberg an diesem Künstler Veit Stoß besaß, und daß sie darum die Liberalität besaß, für diesen Künstler eine Ausnahme zu machen. Die Strafe, die ihn traf, war allerdings noch furchtbar genug: er wurde auf beiden Wangen gebrandmarkt. Und nun kann man sich freilich auch denken: die Schrecklichkeit der Strafe mußte in dem Meister alle Elenzente der Erbitterung, des Trostes, des Widerstandes stärken, die ohnehin, sowohl aus der Zeit wie aus seinem persönlichsten Wesen, zu ihm gehörten. Darum gab es nun keine Ruhe mehr. Er brach den Eid, den er im Gefolge feiner Brandmarkung hatte leisten müssen: den Eid, den Boden der Stadt nicht zu verlassen. So kam er in den Turm. Allmählich überzeugt, daß er ungerecht behandelt werde, scheint er in eine Art von Verfolgungswahn verfallen zu fein. Dies mußte nun wieder bedeuten, daß mit ihm schwerer und schwerer auszukommen war; schließlich wollte kein Gehilfe mehr bei ihm arbeiten. Mit um so unermüdlicherer Initiative betrieb der Meister an anderer Stelle die Wiederaufrichtung feines Ansehens. Seine künstlerische Geltung reichte weit; so gelang es ihm, vom Kaiser einen Rehabilitations- bricf zu erlangen, der alles liebte tilgen sollte. Aber auch damit war die Ruhe nicht hergestellt. Man sieht den Alten immer eigensinniger werden; seine ohne Zweifel außerordentliche Lebenskraft, in einem Leben von weit über achtzig, ja vielleicht neunzig Jahren bezeugt, zersplittert sich in trotzigen Prozessen eines Greises, der den Unfrieden roiU: zuletzt e r - blindet, steht er fast zur gesamten Umwelt im Gegensatz: beinahe eine Chimäre in der bürgerlich geregelten Stadt Nürnberg, ein tragischer Patriarch der Unverträglichkeit mit den Brandmalen auf den Backen. Es ist ein schauerliches Bild. Zu allem Erzählten paßt schließlich ein Zug aus der Werkgeschichte des Meisters, der an seiner Stelle berichtet werden muß. Als er in seine Heimat Nürnberg zurückgekehrt war, hatte er einen Kunstguß zu machen. Nach der nürnbergischen Zunftordnung konnte das Gießen aber nicht seine Sache sein: nicht die Sache des Bildschnitzers, dem wohl die Arbeit am Holz verstattet war, aber nicht die Kunst der Ausübung des Metallgusses, die eben nur den Gießern zustand. Stoß erhielt um des Kaisers willen eine Ausnahmegenehmigung für das Gießen — nicht ohne verdrießliche Händel hin und her. Man kann sich denken, daß allein schon diese Strenge der Zunftordnung einen Meister von der ausgreifenden persönlichen Begabung des Stoß zum Rebellen hätte machen können. Wahrhaftig liegt hier auch die Mitte eines dramatischen und tragischen Stoffes. Dergleichen Umstände mußten von einem Menschen, der schon den Individualismus der neuen Zeit im Blut hatte, um so mehr empfunden werden, als der Meister in Polen, wo er die Frühzeit feiner Meisterschaft verlebt hatte, offenbar einer regellosen Freiheit der Betätigung teilhaftig geworden war, die [einen sehr persönlichen, das Hemmungslose liebenden Impulsen entsprochen hatte. In K r a k a u , wo er jedenfalls von 1477 bis 1486 auch von 1489 bis 1496, aber wahrscheinlich auch vor 1477 einen tragenden Boden gesunden hatte, war ihm eine Betätigung von uneingeschränktem Radius möglich geworden. Nicht nur im Dienst des Rates und der Marienkirchegemeinde, sondern auch im Dienste eines Fürsten von Format, des Königs K a s i m i r I a g i e l l o, von Polen. Für diesen Fürsten konnte er ein monumentales Grab schaffen, und mit ber Vollendung von Grabmälern für polnische Erzbischöfe war seine Tätigkeit noch keineswegs umgrenzt. Es scheint vielmehr, daß er recht als das absolute Oberhaupt der Kunst in Krakau betrachtet wurde. Die Werkstatt des Meisters beherrschte die ganze polnische Bildnerkunst, solange die Zeit noch im Zeichen der Gotik stand — denn in ber roerbenben Renaissance verloren sich bie maßgebenben Einflüsse ber Schule bes Meisters. Zu ben Merkwürdigkeiten ber Geschichte dieses Meisters, dessen Leben eine Ellipse mit den Brennpunkten Nürnberg und Krakau gewesen ist, scheint es nun endlich noch gehören zu sollen, daß man sich um die Doktorfrage streitet, ob Stoß ber beutschen „o b e r" ber nolnischen Kunstgeschichte angehöre? Sillen Ernstes ist er schon ganz unb gar für bie zweite in Anspruch genommen worben. Da muß freilich sehr entschieden gesagt werben: an ber nürnbergischen Herkunft bes Meisters kann ebenso wenig gezweifelt werben wie baran, baß er ben größten Teil feines Lebens in seiner Heimat' Nürnberg verbracht hat. Es muh hinzugefügt werben: ber Ma- rienaltar in Krakau war von beutschen Bestellern in Auftrag gegeben — wie ja überhaupt bas Polen, bas Krakau bes 15. Jahrhunderts von deutschen Lebensströmen und Kulturströmen durchflossen war und die geprägten Kunstsormen aus dem Westen empfing; aus Magdeburg zum Beispiel und am allermeisten aus Nürnberg. Schließlich bleibt aber noch zu erinnern, daß die Schärfe nationaler Unterscheidungen dem Mittelalter bekanntlich ebenso wenig geläufig war, wie sie dem 19. Jahrhundert und ber Gegenwart zur S e l b st v e r st ä n Ist i ch k e i t geworben ist. Stoß war ein beutscher Meister, ber seine Kunst nach Polen trug, das so gänzlich erfüllt war von deutschem Geiste, deutscher Kultur und deutscher Kunst, deutschem Handwerk und Bürgersinn wie seinerzeit Prag, wie Ungarns Städte. Krakau hat den Marienaltar für dies Jubiläumsjahr instandgefetzt. Das Germanische Museum in Nürnberg hat, wie gemeldet, eine Ausstellung der erreichbaren beweglichen Werke des Meisters vorbereitet. Sie ist Ende Mai eröffnet worden. Die Dame mit dem Otterpelz. Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.) Kling mußte sich einen Augenblick ernstlich daraus besinnen, was für eine „bestimmte Angelegenheit" er eigentlich mit dem jungen Mädchen hatte besprechen wollen. Schließlich sagte er ins Blaue hinein: „Ach, es betrifft eine rein geschäftliche Sache. Herr Fuchs hatte mich beauftragt, für ihn in der Nähe von Küstrin ein Grundstück zu kaufen, und die Kaufverträge sind auch bereits ausgefertigt. Ich wollte sie ihm persönlich zur Unterschrift bringen — aber nun ..." Das Fräulein erhob sich achselzuckend. „In dieser Sache kann ich Ihnen leider keinen Rat geben. Ich bin in die Geschäfte meines Onkels nicht eingeweiht und verstehe auch nichts davon. Rechtsanwalt Bräuer, ein Bekannter meines Onkels, ist fürs erste bevollmächtigt, feine Geschäfte weiterzuführen. Vielleicht wenden Sie sich an ihn. Ich werde Ihnen die Adresse aufschreiben." Sie riß von einem Notizblock ein Blatt ab und schrieb daraus mit einer etwas fahrigen Handschrift, die nicht ganz zu ihrem sicheren Wesen paßte, die Adresse des Advokaten. Im selben Augenblick läutete im Nebenzimmer das Telephon. Frl. Hohmann verabschiedete ihren Besuch mit einem festen Händedruck und eilte zum Apparat. Durch die nur angelehnte Tür konnte Kling deutlich ihre ein wenig spröde Stimme hören. „Hallo — ja — hier Olly. Ich konnte dich noch nicht anrufen — es war Besuch da." Der Kommissar hätte viel darum gegeben, wenn er dieses Gespräch noch länger hätte belauschen können. Aber er hörte draußen auf dem Flur bas Dienftmäbchen hin- unb hergehen. Und er hätte es ebenso unschicklich wie auffallend gesunden, wenn er mit dem Fortgehen noch länger gezögert hätte. Schloß Werdenburg — bas Stammschloß der Grasen von Werden- burg-Kolinsky, war ber Typus des altpreußischen Adelsitzes. Es lag zwei gute Wegstunden von Marienburg entfernt. In feiner Bauart unb der zeitbeladenen Schwere, mit ber es in bie Landschaft gestellt war, erinnerte es an bie büfteren Burgen ber beutschen Drbensritter. Und zu einem echten, romanfähigen Gespensterschloß fehlte ihm eigentlich nichts als Unkenruf ünd Eulenschrei und eine emsig „wandelnde" Ahnfrau. Die Grafen von Werdenburg waren eines ber ältesten Adelsgeschlechter des Landes. Sie führten ihren Stammbaum bis auf die Zeit der Kreuzzüge zurück. Bischöfe und höchste Würdenträger waren aus ihnen hervor- gegangen. Und bis vor einem Jahrzehnt gehörte es zur Tradition, daß ein Werdenburg Mitglied des Herrenhauses war. Aber die Zeit hatte von dem einst so starken und lebensvollen Stamm einen Zweig um den andern abgerissen unb in alle Winbe gestreut. Mehrere Werdenburg waren im Weltkrieg gefallen. Zwei hatten sich bereits vor Jahren in ben Kolonien angefiebelt. Ein anderer dieses Namens trieb sich, moralisch und pekuniär abgewirtschaftet, als Hochstapler in internationalen Badeorten umher. Das Majorat hatte keinen direkten Erben mehr, denn der derzeitige Inhaber des Titels, Graf Dietrich von Werdenburg-Kolinsky war kinderlos. Er hatte feinen einzigen Sohn in ber Seeschlacht am Skagerrak verloren. Und seine Frau war bei ber Nachricht einem Herzschlag erlegen. Nach biefen traurigen Ereignissen hatte das alte Schloß jahrelang leergeftanben. Graf Dietrich hielt sich dauernd im Ausland auf unb verfiel einem rastlosen unb kostspieligen Wanberleben, bas einen beträchtlichen Teil seines Vermögens verzehrte. Den Rest verschlangen verunglückte Spekulationen und bie verschwenberischen Ansprüche einer schönen grau, der er lange Zeit verfallen war, und die er wahrscheinlich zur Gräfin Werbenburg gemacht haben würde, wenn ihre Neigung den plötzlichen Zusammenbruch seines Vermögens überdauert hätte. Verbittert und ohne Hoffnung reifte er nach der Heimat und zog sich ganz in die Einsamkeit zurück. Teils aus Ueberdruß an dem sinnlosen Taumel mondänen Lebens und teils aus Gründen der Sparsamkeit, zu der feine zerrütteten Verhältnisse ihn zwangen. Denn er mußte nun seine persönlichen Bedürfnisse aufs äußerste einfchränken, um feinen Verpflichtungen nachkommen zu können. Die riesigen Waldbestände von Werdenburg waren längst verpfändet, das Schloß selbst mit Hypotheken überlastet, für die er die Zinsen kaum noch aufzubringen imstande war. Und alle Einkünfte, die fein Grundbesitz abwarf, wanderten restlos in die Hände von Gläubigern und Wucherern. Von Monat zu Monat wurde feine Lage verzweifelter. Aber Gras Kolinsky wurzelte zu tief in den Grundsätzen seines Geschlechts, um sich durch eine Kugel aus seiner hoffnungslosen Lage zu befreien. Und er kämpfte bis aufs äußerste weiter, bas Schloß feiner Väter nicht unter ben Hammer kommen zu lassen. Mit zwei anspruchslosen Dienstboten unb seinen Lieblingen, ein paar prachtvollen Perserkatzen, führte er ein eigenbröblerisches Dasein unb versorgte mit ben Erträgnissen von Jagd unb Fischfang selbst feinen bescheibenen Haushalt. So lagen bie Verhältnisse auf Schloß Werbenburg, als der Graf eines Morgens kurz nach dem Frühstück bie Depesche erhielt, bie ihm ben Besuch von Kommissar Kling antünbigte. Sie war bereits in Marienburg aufgegeben, unb es war anzunehmen, daß der Absender dem Boten auf dem Fuße folgen würde. Und tatsächlich hatte der Graf auch kaum eine halbe Stunde Zeit, darüber nachzudenken, was tiefen khm oolb kommen unbekannten Kommissar Kling zu ihm führen mochte, als auch schon sein Diener Lorenz mit der Meldung eintrat, daß der fremde Herr angekommen sei. ,, „ „ „ , ... , Kling wurde in einen finsteren Salon mit verschossenen Brokatmobeln geführt in dem es nach Alter roch und eingeschlossener Luft. Er konnte sich nicht enthalten, die Fenster zu öffnen. Aber er fuhr betroffen und beinahe ängstlich zurück, als ein riesiger schwarzer Angorakater sich mit elegantem Satz auf das Fensterbrett schwang und ihn in statuenhafter Unbeweglichkeit anstarrte. In der nächsten Minute ertönte ein dünner Pfiff, und das Tier sprang, vor Freude schnurrend, seinem Herrn entgegen. - Graf Werdenburg-Kolinsky war ein großer, hagerer Mann, der alter aussah, als er war. Er hatte die Fünfzig kaum überschritten, aber er machte' den Eindruck eines Sechzigjährigen. Sein noch volles Haar war schneeweiß. Und die blassen Augen hatten einen stumpfen Blick, wie er Menschen eignet, denen das Leben nicht mehr bedeutet als eine mit stummer Resignation getragene Bürde des Schicksals. Er verzog seine schmalen Lippen zu einem konventionellen Lächeln und reichte Kling ein paar eiskalte Fingerspitzen. „Womit kann ich Ihnen dienen, mein Herr? Hoffentlich ist es nichts Unangenehmes, was mir die Ehre Ihres Besuchs verschafft?" Die blassen Augen streiften Kling mit einem ängstlich forschenden Blick. Kling schlug einen leichten Ton an. „Aber warum denn, Herr Graf? Mache ich einen so unheilverkündenden Eindruck?" Werdenburg ließ sich mit müdem Achselzucken in einen Sessel fallen. „Das gerade nicht. Aber das Schicksal hat mich nicht mit Freudenbotschaften verwöhnt — namentlich in den letzten Jahren. Und außerdem kann ich kaum glauben, daß mich jemand in meiner Einöde aufsucht, ohne dafür einen triftigen Grund zu haben." Wieder begegnete Kling seinem mißtrauisch fragenden Blick. „Gewiß, Herr Graf", nickt« er zustimmend, „in dieser Hinsicht trifft Ihre Vermutung zu. Ich bin gekommen, um eine Auskunft von Ihnen zu erbitten, in einer Sache, die mir sehr am Herzen liegt. Ich habe meine ganze Hoffnung auf diesen Besuch gesetzt. Der Graf runzelte nervös die Brauen. Unfreundlich fragte er: „Wer hat Sie denn zu mir geschickt? Von wem haben Sie überhaupt meine Adresse erfahren?" Kling behielt ihn im Auge und entgegnete ruhig: „Von einem Kunstmaler namens Grau. Jawohl, — Donald Grau. Aus Stralsund. Der alte Herr ließ nachdenklich die Unterlippe hängen. „Grau, Kunstmaler? Kenne ich gar nicht!" Er schien wirklich keine Ahnung zu haben. Kling lächelte verbindlich. „Das macht nichts! Ich habe aus nicht vorausgesetzt, daß Ihnen der Name bekannt sein würde, Herr Graf. Was ich von Ihnen wissen wollte, ist, ob Sie mit einem gewissen Caspar Fuchs in London in Verbindung stehen." Diesmal wollte es ihm scheinen, als ob der Graf erschrocken fei. Kaum merklich zwar. Aber Kling glaubte sich nicht getäuscht zu haben. Seine Gesten hatten auf einmal etwas auffallend Flackeriges bekommen — ein erkünstelte Lebhaftigkeit, die gegen fein sonstiges apathisches Wesen merkwürdig abstach. In übertriebenem und sichtlich gespieltem Grübeln schloß er die Augen. Dann sagte er gleichgültig: „Nein, ich kenne auch teilen Caspar Fuchs." Dem Kommissar kam es so vor, als ob er dabei unwillkürlich die Betonung auf den Vornamen gelegt hätte. Irgendeine unbestimmte Vermutung zuckte in ihm aus. „Auch keinen anderen Fuchs? Es ist möglich, daß ich die Taufnamen verwechsle. Besinnen Sie sich, Graf! Vielleicht ist Ihnen ein anderer Mann dieses Namens bekannt!" Jetzt kam etwas wie Starrsinn in das magere Greisengesicht. Ein verbissener Zug grub sich in seine Mundwinkel. Zornig krähte seine brüchige Stimme: „Nein — nein — wenn ich Ihnen doch sage, — ich habe nichts zu schaffen mit Ihrem Fuchs!" Das geschulte Ohr des Kriminalisten härte aus der gereizten Fistelstimme Kolinskys den Unterton hilfloser Angst heraus. Eine Angst, für oie er im Augenblick selbst keine Erklärung fand. Aber sei es nun, daß der Graf seine Beziehungen zu Fuchs aus irgendeinem schwerwiegenden Grunde leugnete, ober, daß es nur die ängstliche Scheu des vornehmen Mannes mar, in einen Skandal verwickelt zu werden, die ihn abhielt, die Wahrheit zu sagen — das eine stand für den Kommissar fest: daß Kolinsky ihn belog! In ihm erwachte sofort der ganze Jagdeifer des Kriminalisten, der, die Fährte witternd, über jede Rücksicht hinwegsetzt. Er sagte mit höflicher Ironie: „Sie werden mir gestatten, Herr Graf, daß ich Ihr geringes Erinnerungsvermögen ein wenig seltsam finde. Nachdem Sie doch erst kürzlich eine Postsendung von Herrn Fuchs erhalten haben. Nicht wahr? Oder ist Ihnen das vielleicht auch schon wieder entfallen?" Der Gras starrte ihn einen Augenblick in sprachloser Verwirrung an. Dann schnellte er mit rotem Kopf von feinem Stuhl hoch, und feine Stimme überschlug sich in hilfloser Wut: „Darüber bin ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig, Herr! Ich verbitte mir Ihren inquisitatorifchen Ton! Verstanden! Wenn Sie Ihr Benehmen nicht sofort ändern, — dann — muß ich Sie bitten, mein Haus zu verlassen!" Er wurde plötzlich gelb im Gesicht Und grub seine Hand stöhnend in die Magengegend. Seine Züge waren verzerrt vor Schmerz. Die Katze sprang sofort hinter ihn auf die Stuhllehne und glurte den Fremden feindselig an Als wollte sie Partei ergreifen für ihren Herrn. »Ich wußte ja, daß Ihr Besuch mir Aufregungen bringen würde!" ächzte der Graf. „Jetzt habe ich wieder für lange Zeit meine Satten« schmerzen weg!" Er sah mit einmal so verfallen aus, daß Kling es für ratsam hielt, den Bogen nicht zu Überspannen. Einlenkend sagte er: „Es tut mir aufrichtig leid, Herr Graf, daß unsere Unterhaltung eine bet« artige Wendung genommen haft Ich bin gewiß nicht in der Absicht gekommen, Ihnen Aufregungen zu bereiten. Und Sie müssen mir wohl zugeben, daß nur Ihr eigenes Verhalten diese Szene heraufbefchworen hat. Warum leugnen Sie fo hartnäckig Ihre Perbindung mit Fuchs wo ich doch positive Beweise dafür habe? Warum tun Sie das, Graf? Graf Kolinsky sah hochmüttg an ihm vorbei. „Weil ich der Ansicht bin, daß meine Privatangelegenheiten Sie nichts angehen, Herr Kommissar." _ , „ „In dieser Ansicht gehen Sie fehl, Herr Graf." Klings Stimme klang sehr ruhig, beinahe sanft. Aber eine eindringliche Warnung war daraus zu hören. Ich wäre sogar zu Maßnahmen berechtigt, die Sie sehr bald zwingen würden, mir über Ihre Privatangelegenheiten jeden gewünschten Aufschluß zu geben! Aber ich hoffe in Ihrem Interesse, Herr Graf, daß die Angelegenheit sich mit dieser einen Unterredung erledigt. Und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß ich Sie nicht weiter damit belästigen werde, wenn ich heute schon eine erschöpfende Auskunft von Ihnen erhalte. Ich verlange ja nichts weiter, als daß Sie mir über die Person jenes Fuchs einiges erzählen. Und — daß Sie vollkommen aufrichtig zu mir sind Das vor allem! Es wird uns beiden die Situation sehr erleichtern!" Er ließ eine Pause eintreten. Dann fragte er weiter: „Wollen Sie mir jetzt, bitte, sagen, wie Sie mit Fuchs bekannt geworden sind und in welcher Art von Verbindung Sie mit ihm stehen." . Graf Werdenburg lehnte vergrämt in seinem Sessel. Sem Widerstand war gebrochen. Mit einem Seufzer antwortete er: . „Meinetwegen mögen Sie es wissen! Es ist ja längst kein Geheimnis mehr, wie es um mich steht. Da Sie Fuchs zu kennen scheinen, werden Sie ja auch wissen, mit welcher Art von Geschäften er fein Vermögen gemacht hat." „Durch Spekulationen, meinen Sie?" Der Graf lachte bitter auf. „O ja, man kann es auch Spekulationen nennen! Aber für gewöhnlich heißen derartige Geschäfte Halsabschneiderei! Dieser Fuchs ist einer der gerissensten und rücksichtslosesten Wucherer von ganz Berlin, sage ich Ihnen! Er hätte schon zwanzigmal verdient, hinter Schloß und Riegel zu sitzen. Aber wo kein Kläger, da ist auch kein Richter. Leider Gottes braucht man ja diese Leute! Und wenn einem das Wasser an der Kehle steht, bann muß man ja so einen Spitzbuben auch noch als rettenden Engel betrachten." „3d) verstehe, Herr Gras. Ihre Beziehungen zu Fuchs waren demnach rein geschäftliche?" Graf Dietrich sah ihn mit hochmütig verzogenen Brauen an. „Selbstverständlich, Herr Kommissar! Oder haben Sie angenommen daß ich mit diesem Menschen Brüderschaft getrunken habe? Er lachte gereizt auf. Kling überhörte die bissige Antwort und fuhr in seinem Verhör unbeirrt fort. „Herr Fuchs hat Ihnen also zuweilen mit Geld ausgeholfen? Waren es größere Summen, die Sie von ihm erhalten haben?" „Ja, bedeutende Summen sogar! Wegen Bagatellen hätte ich mit Fuchs nicht an gefangen, das dürfen Sie glauben! Und er hätte sich auch wohl kaum mit kleinlichen Geschäften befaßt. Mehr als einmal war er tatsächlich meine letzte Rettung. Wenn mir keiner mehr auf meine überschuldeten Güter etwas borgen wollt« — er zeigte sich stets zu jedem Betrag bereit. Wenn auch gegen Bedingungen, nach denen Sie mich lieber nicht fragen, Herr Kommissar." „Das tut auch vorläufig nichts zur Sache. Aber sagen Sie nur vor allem, Herr Graf — was für eine Postsendung war das, die Ihnen dieser Tage von Fuchs zugegangen ist? Ich kann doch nicht annehmen, daß er Ihnen das Geld kistenweise geschickt hat!" Der Graf wehrte mürrisch ab. „Mir ist nicht nach Scherzen zumute, mein Herr! Und gerade diese Sache hat mich viele schlaflosen Nächte gekostet. Aber meinetwegen sollen Sie auch das erfahren. Vor anderthalb Jahren hat mir Fuchs die letzte große Summe geliehen. Achtzigtausend Mark! Damals stand ich unmittelbar vor dem Ruin. Werdenburg wäre unfehlbar unter den Hammer geraten, wenn ich das Geld nicht hätte aufbringen können. Ich weiß, man denkt heute ganz anders über Familientradition und Standesehre und derartige „falsche Sentimentalitäten". Vielleicht ist es eine Torheit, daß ich mich mit meiner ganzen Kraft an diese Begriffe klammere. Aber ich kann nicht aus meiner Haut heraus. Werdenburg, das Stammschloß meiner Familie — in den Händen irgendeines Kriegsparvenüs ober Dollararistokraten! Das ist für mich eine ganz unausdenkbare Vorstellung! Ich könnte vielleicht, wenn ich Werdenburg opfere, mit dem mir verbleibenden Rest des Erlöses meine Tage ohne Sorgen beschließen. Aber — ich kann es nicht. Ich kann mich nicht mehr umstellen. Dazu bin ich zu alt. Innerlich wenigstens." Er holte tief Atem. „Und so habe ich mir denn damals wieder einmal diesen Fuchs kommen lassen. Aber diesmal zeigte er sich weniger bereitwillig als sonst. Er sagte mir ins Gesicht, daß ich ihm für keine Mark mehr gut sei. Und er erklärte sich nur unter der Bedingung bereit, mir noch einmal zu helfen, wenn er ein der Höhe entsprechendes Faustpfand erhielte. Was hätte ich tun sotten? Ich verpfändete ihm also das wertvollste Stück aus meiner Bildergalerie. Ein Bild, für bas mir bereits vor Jahren ein Amerikaner eine Viertelmillion Dollar geboten hatte." „Was sagen Sie, Gras? Eine Viertelmillion Dollar! Was ist bas für ein Bilb?" Kling war aufs äußerste gespannt. „Das Werk eines jungen Spaniers — ©uarnabo — wenn Sie in Kunstgeschichte beroanbert finb. Ein zweiter Velazguez, ber leiber srüh gestorben ist unb nur wenige Werke hinterlassen hat, um bie sich die ®cmälbefnmmler reißen. Die meisten Stücke sind leiber zu Phantasiepreisen nach Amerika geroanberl." „Dars ich fragen, warum Sie bamals, trotz Ihrer bebrängten Lage, bas boch immerhin beachtenswerte Angebot bes Amerikaners ausgeschlagen haben?" „Weil mir — unb das ist wieder so eine altmodische Marotte von mir — dieses Bild um keinen noch so hohen Preis feil war. Es stellt eine Urahne von mir bar, bie Gräfin Dianora Kolinsky. von ber unsere Familienchronik viel zu erzählen weiß. Unter ben Kunstexperten heißt sie „Die Dame mit bem Otterpelz." (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck unb Verlag: Brühlsche Llniversitäts-Vuch» und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.