SietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1953 Montag, den 9. Januar Nummer 3 Oer Zauberleuchtturm. Don Eduard M ö r i k e. Des Zauberers sein Mägdlein saß In ihrem Saale rund von Glas; Sie spann beim Hellen Kerzenschein Und sang so glockenhell darein. Der Saal, als eine Kugel klar, In Lüften aufgehangen mar An einem Turm auf Felsenhöh Bei Nacht hoch ob der wilden See, Und hing in Sturm und Wettergraus An einem langen Arm hinaus. Wenn nun ein Schiff in Nächten schwer Sah weder Rat noch Rettung mehr, Der Lotse zog die Achsel schief. Der Hauptmann alle Teufel rief, Auch der Matrose wollt' verzagen: O weh, mir armen Schwartenmagen! Auf einmal scheint ein Licht von fern Als wie ein Heller Morgenstern: Die Mannschaft jauchzet überlaut: Heida! Jetzt gilt es trockne Haut! Aus allen Kräften steuert man Jetzt nach dem teuern Licht hinan, Das wächst und wächst und leuchtet fast Wie einer Zaubersonne Glast, Darin ein Mägdlein sitzt und spinnt, Sich beuget ihr Gesang im Wind: Die Männer stehen wie verzückt. Ein jeder nach dem Wunder blickt Und horcht und staunet unverwandt, Dem Steuermann entsinkt die Hand, Hat keiner acht mehr auf das Schiff: Das kracht mit eins am Felsenriff, Die Luft zerreißt ein Jammerschrei: Herr Gott im Himmel, steh uns bei! Da löscht die Zauberin ihr Licht; Noch einmal aus der Tiefe bricht Verhallend Weh aus einem Mund; Da zuckt das Schiff und finkt zu Grund. Haydns Abschieds-Sinfonie. Von Dorothea Hofer-Dernburg. Die Spätsommertage waren lang und die Nächte heiß. Die hochfürstlichen Abendmusiken schwangen melancholisch hinüber in den Park, der von letzten Glühkäsern funkelte wie eine abgestürzte Sternenwiese. In den Pausen hörte man das Zirpen der Grillen, die die laue dunkle Luft tausendfältig zerfaserten und das Läuten der Unken, den Schrei der Rohrdommel aus den Sümpfen rings um Efterhaz. Die Männer wischten sich die Stirn. Die Kapelle spielte ohne Schwung. Die braune Gräfin sang. Der Meister begleitete. Sie kam von Süden, Geliebte des venezianischen Botschafters. Ihre langen Ohrgehänge klirrten leise, wenn sie ging, wie die Kronleuchter ihrer Heimat. Ihr Lächeln war von der runden ernsten Anmut der Santa Barbara des Tizian. Der Meister begleitete am Cembalo. In der Nachtluft, die durch die offene Balkontür hereinftrich, blühten die rosadamastenen Vorhänge auf in gigantische Tulpen. Die Gräfin neigte sich, ein wenig kurzsichtig, eng über das Notenblatt, ihre süße blasse Stimme schimmerte wie lebendiges Perlmutter. Haydns Hände auf den Tasten zuckten. Die Braune nahm sich zurück und lächelte, sie trällerte. Die ganze Perlmutterstimme war voll von unheiligem Lächeln. Die Arie ging weiter. Die Mitglieder der hochfürstlichen Esterhazy- schen Hauskapelle sahen sauer drein, Arien, Arien und Nachtmusiken ... magere Kost und magere Bestallung ... Erst unlängst hatten sie ein untertäniges Bittgesuch einreichen müssen um Aufbesserung der Verpflegung. Dazu diese übermäßige Ausdehnung des Landaufenthalts, heuer schon um zwei volle Sommermonate ..dazu all diese hoch- und edelgeborene Weiblichkeit, alle diese unerreichbaren offenherzigen Nymphen, die unter dem Puder ärger dufteten als alle Beete des Gartens zusammen... Aber die eigenen Modems, die eigenen Frauen und Mädchen, hatten pflicht- schuldigst in Eisenstadt zu verbleiben, dieweil Sr. fürstlichen Gnaden keinerlei dergleichen Ruhestörung auf deren fürstlichem Sommersitz zu dulden willens ober geneigt waren? Die Verstimmung schien allgemein. „ ... Es hilft alles nichts, Haydn, fetzt Ihr eine Bittschrift auf ..., hat die ums Mittagessen gegolten, so wird die ums Heimkehren ihre repu- tierliche Wirkung auch nicht verfehlen ..., schreibt es ihm hin, daß es schier unmoralisch sei. Ihr könnt es ..., macht es beweglich, sagt was Ihr wollt, aber sagt es ihm so, daß er es einsieht ..., er soll uns gehen lassen, zurück zu unseren Weibern, zu unseren Kindern ..., zurück nach Eisenstadt . ..!z Haydn schob die gute breite Unterlippe vor... Wollt Ihr ihm heimgeigen, oder soll er Euch ...? Ein Gedanke kam ihm ..., sein großes ruhevolles Gesicht hellte sich auf, als habe man ein Fenster geöffnet..., etwas fiel ihm bei, von fern ..., war es das ...? So etwa könnte es gehen ... wie? Er trollte sich abseits, ließ die aufgeregten Männer stehen ..., er schmunzelte ..., sie sahen ihm nach ... Seine stämmigen Beine marschierten traumverloren. Er ging so hin, gesammelt, wie ein großer Akkord in A=Sur. Haydn wanderte durch den Park. Vorbei an der kleinen Eremitage, an der noch das Gerüst stand, vorbei am Treibhaus, dos übervoll besetzt war mit südlichen Pflanzen. Eine Orchidee, fett und aufreizend, schimmerte, violett angelegt, an das leis beschlagene Glas. Am Kaffeehaus blieb Haydn stehen. Die kleinen, mokkafarbenen Vorhänge waren zu- gezogen, jetzt am Vormittag. Er stocherte mit feinem Stock in der Erde, hörte üher sich eine Goldammer das immer gleiche Motiv variieren, vom Park her antwortete es. Vogelfchwärme umzogen die Kuppel der Eremitage, bereiteten sich zur Heimkehr. Die Goldkammer pfiff Haydn spitzte die Lippen, sein breiter Unterkiefer schraubte sich sacht vor, sein Gesicht war kindlich und gut. Am Marionettentheater voröei suchte er seinen Pfad zum Kavalierhaus. Hier spielte man nicht ungern Marionetten ... nicht zufällig ...? Er schmunzelte und freute sich ... vielleicht würde er auch einmal ein Possenftückchen schreiben, auf seine Art... „Da mir Gott ein fröhlich Herz gegeben, wird er mir’s schon verzeihen, wenn ich ihm auch fröhlich diene ... und der Fürst Nicolaus Esterhazy dann endlich wohl auch ..." Petitionieren sollte er ...? Also würde er in Gottes Namen petitionieren. Eine Woche danach: Die neue Sinfonie war geschrieben und (portiert, stand in k^is-Moll und hatte fünf wohlgeordnete Sätze, wie es der Brauch war. Noch immer war Schloß und Park voller Leben, noch immer schwirrten Gäste genug durch die Tage von Esterhazy, um einige der 126 Zimmer zu erfüllen. Aber die letzten rüsteten zur Heimkehr, und so hatte der Fürst auf den Abend kleine Gala angeordnet, das neue Werk würdig aus der Taufe zu heben, die Scheidenden freundlich damit zu ehren. Die Kerzen im großen blauen Saal flackerten. Licht tropfte durch das Gerank der vergoldeten Deckenfchnitzerei, spielte in den flachen Gesichtern der starren Reliefputten, im Gitter der verschnörkelten Spaliere, die über die sanft geneigte Decke ihr Spinnennetz aus Goldgefädel zogen, glitt zurück und herab an den Spiegelwänden, mit toller Liebkosung über die Galerie chinesischer Porzellane; Drachenzungen netzend, dickbäuchiges Gesindel grinsender Pagoden, die steif balancierten auf gefährlich schmalem Grat verglodeter Konsole. Hinter ihnen hockend, ihre Schatten schwankten, wenn die aufgeregten Degenspitzen der Kerzenflammen zuckend sich verneigten vor wehenden Kleidern, die im Schauer von Stimmgewirr, von Jächerschlagen und klirrendem Gelächter beranfegelten, große Fregatten vor dem Wind, um in der taubenblauen Flut der Atlasfessel zufammen- zusinken, mit kostbarer Pracht vor Anker zu gehen. Es roch nach warmem Wachs, nach versprengten Wohlgerüchen, nach alten Spitzen. Die Escarpins der Monsieurs knisterten, Puder stob in kleinen Staubfahnen durch die hingefponnenen Strahlenhündel im magischen Lichtkreis der Kerzen. Degenknäufe glommen, Brillantboutons, doppelte, erregend im Halblicht der zageren Beleuchtung, denn im Saal selbst war gespart mit Licht, um die musikalische Andacht nicht zu stören, so daß die volle Quelle des Geleuchts fast ganz allein vom Podium herging, von den doppelten Kerzenfchildwachen rechts und links der Pulte. Die Frauenaugen fchimmerten herauf, im Lichtfchatten groß und dunkel aufgetan, zärtlich und betörend. Oben, die Herren Musizi stimmten ... faßen über das Pult gebeugt, nach Vorschrift „allezeit in Uniform und weißer Wäsche, den Zopf fittfam gepudert, ober im Haarbeutel", bie sechzehn Paar weißbestrumpfter Beine schimmerten unter ben Sitzen her. Fast als letzter kam ber Fürst herüber. Sein mattblauer Samtrock stand steif ab über dem Galadegen. Die Kapelle erhob sich, er winkte. Haydn wandte sich um. Er blinzelte ein wenig, er sah in lauter Musikantengesichter, die mit einem Ausdruck von Zweifel und Besorgnis auf- gerichtet waren. Er nickte, seine ungehobelte Nase glänzte gutmütig, er machte eine kleine Bewegung mit der Linken, die Rechte schon zum Einsatz erhoben, es sah aus, als wolle er einen aufmunternden Stoß mitten ins Zentrum der Kapelle feuern ... wieder zwinkerte er listig und er- Meters keineswegs Im ^Januar 1740 wurde mit dem Bau des Eispalastes begonnen. Als Baustelle war ein Platz zwischen der Admiralität und dem Zaren- valais am User der Newa ausersehen. Heftige Fröste dauerten ununterbrochen an, so dah die Arbeit mit größter Schnelligkeit vor sich ging. Als Baumaterial wurde ausschließlich Eis verwendet. Es wurde m großen, sorgfältig zugefchnittenen und polierten Blocken aufgeschichtet und zur Beseitigung mit Wasser übergossen, das bei der Kalte in kurzer Zeit gefror. Das Haus, das 16 Meter lang, fünf Meter breit und sechs Meter hoch wurde, schien wie aus einem einzigen riesigen Stuck Eis gehauen. Mit seinen durchsichtigen, in klarem und zartem Blauweitz Wimmernden Eiswänden sah es wie ein Kleinod aus einer umrdischen ^°Das"Haus°bestand aus einer Diele mit zwei nach beiden Seiten hin anschließenden großen Wohnzimmern. Eines davon war als Schlafzimmer das andere als Empfangszimmer hergerichtet. Im Schlafzimmer stand ein gewaltiges pompöses Doppelbett, ein Frif.ertisch, zwe, Stand- piegel, ein Schemel und mehrere große Leuchter. Im Empfangszimmer waren zwei Sofas, zwei Sessel und mehrere Stuhle nebst einem großen, kunstvoll geschnitzten Tisch, zwei Amor-Statuen sowie e,n Schränkchen mit durchsichtiger dünner Eisscheibe, in dem das aus Eis gefertigte Tafelgeschirr aufbewahrt wurde. Sämtliche Einrichtungsgegenstande im qan,en Hause waren aus reinem Eis gearbeitet und in „naturgetreuen Farben" bemalt. Selbst die „Kerzen" in den Leuchtern und das „Holz im Kamin bestanden aus Eis. Die Wände waren mit Ornamenten geschmückt, auch die Tür- und Fensterrahmen, die mit grüner Farbe bemalt ! waren, wiesen kunstvolle Schnitzereien aus. Die Fensterscheiben, die aus I hauchdünnem geschlissenem Eis bestanden, waren mit bunten Malereien 1 verziert. Das elegante Portal, der Sims und der massive Zaun, der ( den Palast umschloß, waren mit zahlreichen Skulpturen versehen die ausschließlich aus Eis gefertigt waren. Auf mehreren Pfosten des Zaunes hatte man Töpfe mit Sträuchern angebracht, auf deren Elszweigen zierliche Eis-Bögel saßen. Bor dem Palast standen sechs Kanonen und zwei Mörser, aus denen tatsächlich öfters geschossen wurde. Wie ein Augenzeuge berichtet, hat ein aus einer Eiskanone seierlich abgeseuertes Geschoß ein zwei Daumen dickes Brett auf eine Entfernung von sechzig munternd, die gespannten Mienen glätteten sich, hier und da siel ein > Lächeln blank aufs Notenblatt. < « » S AZ ^hend um abermals in ein schmerzvolles Unisono abzusw en, mit emein .SÄ* ‘Äi - fesr sä SWÄ das Ohren habe. Das zärtliche Adagio lockte ein con sordmo. Es war voll von Aufforderung, voll von lieben, kleinen, zögernden Vorschlägen, es bat etwas, es wollte und wünschte etwas, malte zärtliche Gestalten auf einen sanften Hintergrund, schmolz weinend Himmel und Erde zusammen Im Saal raschelte eine gebauschte Seidensalte, tickte em Degen- gehäng, der Fürst sah sich um, er war stolz er sagte em paar Worte in ein hübsches Frauenohr. Er durfte stolz fern ... immerhin besah er Originalität, sein Vizekapellmeister, er hatte eine Art sich auszudrucken, die mitten ins Herz ging, sehr anders als alles vor ihm. Wenn ich gute Musik hören will", hatte Maria Theresia gesagt, „dann gehe ich nach Esterhazy." Nun, im kommenden Jahr wurde sie wieder hier sitzen, und dieser Haydn würde Ehre einlegen, das stand mit Sicher- 1,61 $aUs Ve” MMW des Fürsten erhellte sich herzhafter. Seine blanken grünlichen Augen glänzten, er lächelte hinauf, alle Musizi atmeten aist, unter diesem Blick, strichen hingebender, bliesen mit schwunghafterem Atem Das Menuett wiegte sich im Glanz seines Fis=Sur vorüber, blieb einen' Augenblick mit einem kleinen, unwirschen Moll-Akkord hangen ,m Geschnörkel der goldenen Galerie, hoch oben im gezackten Sonnenblitz per Decke ein süß-zärtliches Pianissimo kletterte ihm nach, holte es herunter, machte es wieder gut, löschte es aus in den Hörnerfanfaren des Trios, geleitete es galant zurück zur zierlich bewegten Eingangsmelodie. Dann kam das Finale. Wieder begann, leise melancholisch einsetzend, das klagende Räsonieren der Streicher, wieder brach ein hereinpolterndes Unisono es mitten entzwei, riß es stürmisch in raschen Sequenzen hm zu einem Presto, das pochend aus verbrieftes Recht, sich im Furio o beschwerte, um unmittelbar im zärtlichsten Cis-MoT, im schmeichelnden, schelmischen Ableugnen und Bersöhnen in das Z-Dur-Adagw zu fluchten, o wie ein schmollendes Kind sich lieber auf das Bitten als auf bas loben besinnt. Lamentable Seuszerchen machten sich auf, Frichtmgsluft schmeichelte Alles lauschte entzückt; vorbei an geschlossenen Wimpern wehte es, an atmenden Hälsen, als mitten in so viel Lieblichkeit eine kurze auf- forbetnbe und entschlossene Abschiedsfanfare ertönte! Die Oboen hallen Halali gerufen, aus dem Kutschbock saß der Schwager, blies em deutliches Ade. Worauf die Oboen sich zur Ruhe zu setzen schienen. Wenigstens erhob sich der zweite Mann am Pult, warf einen stehenden Blick aus Papa Haydn, einen Blick, der jenen nicht zu erreichen schien; dann packte er zögernd sein Instrument ein, umwickelte cs sorgsam, blies kurz entschlossen die beiden Lichter aus und — verschwand. War dem Mann ungut geworden? Der Fürst schaute auf feinen Kapellmeister. Dies war nicht die rechte Art, schien ihm, sich so mir nichts, dir nichts von allen Gästen zu empsehlen ... er schüttelte den Kopf .. .1 Allein, nach wenigen Takten erhob sich auch das Fagott, vollendete, schon halb stehend, eine melancholische Seitensigur, löschte dito sein Licht, packte säuberlich ein und empfahl sich mit freundlichem Lächeln, zum Vizekapellmeister, der immer fort taktierend, von allem nichts zu sehen schien ... ja, waren denn die des Teufels da oben, daß sie glaubten, man bemerke nichts von folcher Insubordination? Der Fürst suchte Haydns Blick. Er war nicht zu sprechen, schmunzelte still. . r c Die Geigen schmolzen aber wie Wachs ein in die Melodie des seufzenden Adagios, indessen sich die sonderbare Pantomime oben ungehindert fortsetzte. Es legte die Noten zusammen, löschte die Kerzen, packte ein und verschwand der erste Hornist, nachdem er gleichfalls liebevoll mit dem Abschiedsmotiv der Oboen sich fürstlicher Huld empfohlen hielt, es legte zusammen, löschte aus und verlieh die Stätte seines Wirkens der Flötist, es packten und verschwanden der Reihe nach der Mann mit der Bratsche und die gelben Celli. Im Saal wurde es buntler unb leiser, ber dicke Mann am Kontrabaß, glücklich in solcher Verlassenheit auch einmal gültig zu Wort zu kommen, brummelte grollend eine beleidigte Phrase, grobschlächtig und ganz und gar unehrefbietig in das verdämmernde Parkett, dann schleppte auch er seine dicke Madame aus der Tür. Kurzum, das ganze Orchester litt offensichtlich an einer ebenso ungebührlichen, wie fürchterlichen und ansteckenden Krankheit, und doch litt darunter nicht das Werk; ja in diesem gleichmütigen Entgleiten im ausgebenden Zurück zu den Streichern, sänstigte es sich zu immer unterirdischerer Schönheit und eingehend aus öem A=Sür wieder in das Fis öffneten sich völlig die Gefilde der Seligen, löste sich das gespenstige Stück aus in das Spiel der beiden letzten Geigen, die stille vor sich hinträuinten, indessen überm Saal die Schatten groß und erschreckt hinhuschten. . Auf dem Podium oben im Halbdunkel stand Haydn, einen Ausdruck unerschütterlicher Güte, paradiesischer Andacht im großen Gesicht; unstör- bar. Manchmal schnaufte er saust wie ein schlafender Bär. Die beiden Geigen umwanden sich träge, wie spielende Tiere. Con Sordino fangen sie hoch und süß, wiederholten schläftig und sehnsüchtig das immer gleiche Motiv, allein mit sich, wie Liebende nach langer Trennung in der endlichen Zärtlichkeit der Hingabe. Dann erloschen sie mit den letzten Kerzen, verschwanden. Oben im Dunkeln blieb Haydn. Allein, verlassen und lieb, ein wenig tiefer fchnausend und mit einem kleinen wehmütigen Achselzucken. Die alleruntertänigste Bittschrift um baldige Heimkehr war eingereicht. Diener tarnen mit Licht. Man tuschelte, man lachte in allen Ecken. Die Magie verblich. Der Fürst erhob sich ... er atmete tief. Er liebte ihn wie alle ihn liebten, den großen Schelm und größeren Zauberer da oben ... er hatte ihn verstanden, er reichte ihm die Hand herauf. „Danke Ihnen, Meister ... , sie sahen sich an ..., „die Symphonie war herrlich... Sie sind ein großer Musikant ... und", seine Stimme wurde leiser, er blickte zur Seite, „ein guter Mensch...Ich habe Ihre Absicht wohl durchschaut. Die Musiker sehnen sich nach Hause. Nun gut ... morgen packen ""Me" alleruntertänigste Bittschrift um baldige Heimkehr war bewilligt. Oer Petersburger Eispalast. Don A. K. vonHübbenet. Zu keiner anderen Zeit wurde an den Höfen der europäischen Herr- scherhäufer ein fo unmäßiger Prunk getrieben wie im 18-Jahrhundert. Das Beispiel von Versailles lieh auch die anderen Majestäten nicht ruhen Die Hofe wetteiferten untereinander in maßloser Berschwendung, und der Wunsch, alle anderen an Reichtum und Prachtentfaltung zu übertreffen, verführte zur Erfindung der eigenartigsten und kostspieligsten Vergnügungen. Die Zarin Anna (1730 bis 1740) bestieg den Thron mit siebenunddreißig Jahren. Sie hatte ein an Enttäuschungen uiU> Erniedrigungen aller Art reiches Leben hinter sich; nun schien endlich ihre Stunde gekommen. Der russische Hof, der zur Zeit Peters keineswegs pompös war, gab jetzt an Prunkentfaltung den anderen europäischen Hofen nichts mehr nach. Prächtige Empfänge Feste, Maskenballe und Theateraufführungen losten einander in ununterbrochener Reihenfolge ab. Am liebsten vertrieb sich Anna Iwanowna die Zeit tn Gesellschaft ihrer zahlreichen Narren und Närrinnen, die die Aufgabe hatten, un- unterbrochen zu plappern und sie auf jede Art und Weise zu unterhalten. Der portugiesische Jude Jan dÄkosta, Balakiresf und der Neapolitaner Pedrillo waren schlaue und berechnende Gesellen, Abenteurer- naturen, die aus freien Stücken die Narrenlaufbahn ergriffen hatten. Die drei anderen Hofnarren der Zarin Anna gehörten der russischen Aristokratie an. vornehmen und ungeheuer reichen Bojarenfamilien: Fürst Michael Golizyn, Fürst Nikita Wolkonsky und Graf Aleksei Apraksin. Sie wurden zu ihren Hofnarren gemacht zur Strafe für Vergehen. Fürst Michael Golizyn wurde fein Leben lang vom Schicksal verfolgt. Wenige Tage nach seiner Geburt (1679) wurden Vater und Großvater von Peter nach Sibirien verbannt und ihre Güter beschlagnahmt. Da nach dem damaligen Gesetz auch die Kinder für Vergehen ihrer Vater buhen mutzten wurde Fürst Michael, kaum dah er volljährig war, als einfacher Soldat' in die Armee gesteckt und erreichte mit vierzig Jahren mit Muy und Not den Rang eines Majors. 1729 starb (eine erste Frau, und er erbat sich einen Urlaub ins Ausland. In Florenz verliebte sich der bereits Fünfzigjährige in ein einfaches italienisches Wädchen, verheiratete sich und trat zum katholischen Glauben über. Darauf kehrte er nach Rußland zurück und lebte in Moskau still und zurückgezogen. Aber es half ihm nichts, daß er feine junge Frau und feinen Rellgionswechfel fetbjt vor feinen Verwandten verheimlichte; die Zarin Anna erklärte die Ehe für nichtig, die Italienerin wurde abgefchoben und der greife Fürst dazu verurteilt, der Zarin als Hofnarr und Hanswurst zu dienen. ....... Eines Tages horte Anna, ihre Närrin Buschemnowa, eine häßliche alte Kalmückin, habe Heiratsabsichten geäußert, könne aber — worüber sich niemand wunderte —, keinen Mann finden. Tags darauf wurde dem Fürsten Golizyn mitgeteilt, man habe eine passende Braut für ihn ausfindig gemacht. Die Idee der Zarin, einen Narren mit einer Närrin zu verheiraten, loste am Hofe Begeisterung aus. Der Kammerherr Ta- tischtschew schlug vor, am Newa-User ein Haus aus Eis zu bauen und dort das Paar „auf ulkige Weise" zu vermählen. Sofort wurde unter bem Vorsitz des Sabinettminifters Wolynsky eine „Maskerade-Kommission" geschaffen, um den Vorschlag des Kammerherrn in die Tat schritt glatt durchschlagen, was für damalige Begriffe eine respektable Leistung darstellte. An beiden Seiten des Portals befanden sich zwei Delphine und in einiger Entfernung ein in Naturgröhe erbauter Elefant. Diese Figuren, ebenfalls aus Eis gefertigt, spien tagsüber Wasserstrahlen, nachts dagegen brennendes Del. Der Elefant war überdies innen hohl und konnte — wenn sich in sein Inneres ein mit einer Trompete bewaffneter Mensch verkroch — „wie ein richtiger" brüllen, was dem Publikum, das den Eispalast in Scharen umlagerte, besondere Freude bereitete. Der Eispalast war von zwei viereckigen, mit großen Fenstern versehenen Eispyramiden flankiert, in denen riesige, mit „komischen Figuren" bemalte Papierlaternen hingen. Diese Laternen wurden nachts beleuchtet und im Kreise bewegt, so daß die bunten Figuren im flackernden Schein der Kerzen ihre Umrisse komisch veränderten. Auch ein russisches Badehaus aus Eis durfte in der Nähe des Eispalastes natürlich nicht fehlen. Es wurde mehrmals geheizt und von Neugierigen wirklich benutzt. Diesen komfortablen, reichlich kühlen Palast hatte man ausersehen, um darin den Narren mit der Närrin „auf ulkige Art" zu verheiraten. Um dem Ereignis den entsprechenden Rahmen zu geben, waren zu der Hochzeit auf Befehl der Zarin aus allen Enden des riesigen Reiches je ein männlicher und ein weiblicher Vertreter aller der Zarin untertanen Völker und Stämme nach Petersburg gekommen. Jedes Paar erhielt von der „Maskerade-Kommission" Nationalkostüme und entsprechende Musikinstrumente. Am 6. Februar 1740 wurde die Trauung des Narrenpaares in der Kirche vollzogen. Der Hochzeitszug war im wahrsten Sinne eine Völkerwanderung. Immer paarweise Männlein und Weiblein in ihren malerischen Nationaltrachten. Der bunte Zug bewegte sich auf Pferden, Eseln, Renntieren, Kamelen, Hunden, Ochsen, Ziegen und Schweinen, in Schlitten, die verschiedenes exotisches und Fabelgetier darstellten. Eröffnet wurde die Prozession von dem neuvermählten Paar, das in einem eisernen Käsig aus dem Rücken eines Elefanten hockte. lieber all den Festlichkeiten und Tänzen war der späte Abend angebrochen. Der Eispalast hob sich gegen den nachtdunklen Himmel wie eine kostbare flammende Kristallschale ab. Er bot einen Anblick von phantastischer Schönheit. In seinem Innern brannten unzählige Lichter, und der Schein drang in allen Farben schillernd und gleißend durch die durchsichtigen Eiswände und die malereigeschmückten dünnen Fensterscheiben. In den Eispyramiden drehten sich die bunten figurenbemalten Papierlaternen, und der Elefant und die Delphine warfen riesige Strahlen brennenden Oels empor. Eine unübersehbare Menschenmenge bestaunte das seltene Schauspiel und begrüßte die Hochzeitsprozession mit lautem Gejohle und Geschrei. Der Eispalast stand noch bis Ende März und bildete eine der größten Sehenswürdigkeiten Petersburgs. Dann fiel er den Sonnenstrahlen zum Opfer. Er neigte sich der Mittagssonne zu und fiel in sich zusammen. Neun Monate nach der Hochzeitsfeier starb die Zarin Anna Iwanowna. Die nachfolgende Regentin Anna Leopoldowna, die Mutter des minderjährigen Zaren Iwan M., eine sanfte und gebildete Frau, entlieh am ersten Tage alle Hofnarren, womit dieser Stand als offizielle Einrichtung auch in Rußland endgültig aufhörte zu existieren. lieber dem Eispalast ist bereits ein Jahr nach seiner Errichtung, em wissenschaftliches Werk erschienen, verfaßt von Gregor Wolfgang Kraft, Mitglied der Petersburger Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften und Professor der Physik, einem nach Rußland eingewanderten deutschen Gelehrten Kraft gibt eine sehr detaillierte Beschreibung des Eishauses (russisch: ledianoi dorn) und untersucht das Tatsachenmaterial vom Standpunkt des physikalischen Experimentes. Er schreibt, der Bau dieses Hauses habe der Wissenschaft viele wertvolle Aufschlüsse gegeben. „Man kann Eis schleifen polieren, schnitzen, bohren, sägen und bemalen, wie auch, mit Oel übergossen, in Brand setzen; ferner aus Eiskanonen schießen, ohne daß man — wie viele glauben — das Pulver in eisernen Röhren in die Kanonen zu stecken braucht. In Deutschland haben sich Leute gefunden, denen die erwähnte Beschreibung unglaubwürdig und erfunden erschien. Und in noch wärmeren Gegenden wird sie noch unglaubwürdiger erscheinen. Dagegen ist nichts zu machen." Aus der Geschichte der Landstraße. Von Dr.-Jng. Alexander Pinthus. Der Spätherbstregen hat alle bunten Farben aus dem Landschaftsbild gewaschen. Ehe der Winter seinen neuen weißen Zeichenbogen aufspannt, sehen wir von der Höhe noch einmal auf die Linien der Feldraine und die Schraffuren der Ackerfurchen, die in wechselnder Strichlage das Gelände in weicher Sepiazeichnung modellieren. Quer durch das Bild läuft ein starrer Streifen: die Chaussee. In schiefem Winkel durchschneidet sie hart das natürliche Linienspiel. Wir erkennen deutlich, daß die Landstraße noch ein Neuling im Landschaftsbild ist. Jung an Jahren, gemessen an dem Alter der Städte und Dörfer, die die Knoten ihres Netzes bilden. Jung auch im Verhältnis zu der Grenzeinteilung der Felder. Unfern aber im Tal sehen wir die Feldraine gleichmäßig auf einen unscheinbaren Weg stoßen, der in einer Furt den Bach überquert, in tief eingeschnittenem Hohlweg eine Steigung überwältigt. Das sind Reste jener alten Straßen, die über tausend Jahre lang den Ueberlanltoerfefjr trugen. Streckenweise ist die alte Straße ganz unter dem Pfluge verschwunden. Da ragt bann irgendwo ein einsamer Bildstock auf, oder die Krone eines uralten Baumes bildet ein Merkzeichen für die weite Umgebung. Da waren wohl einst jene Kreuzwege, um die nach altem Aberglauben so viele Geheimnisse geisterten. Zuweilen bringt der tiefgehende Pflug in der Naye dieser alten Straßen Steine und sonstige Reste menschlicher Besiedlung aus verschiedensten Kulturepochen zutage. Denn viele von den alten Wegen, bie ohne große Bauten bie Gebirge an ben gangbaren Stellen überschreiten und bie 'Flüsse an Untiefen kreuzen, haben schon die Völkerwanderung gesehen; sie sahen bie Züge ber Fuhrleute, bie unter ritterlichem Geleit von und zu ben Märkten zogen, die Hees^ausen bey großen «nb f en en Fürsten in ben vielen Kriegen unb Fehden, bie Deutschlanb im Laufe ber Iahrhunberte durchtobten. Fahrende Schüler und Handwerksburschen reiften hier auf Schusters Rappen, und bie Postillone ließen in lieblicher Maiennacht hier ihr Lieb erklingen. Da führt quer über ben Harz ber uralte, sagenumwobene Heidensteig, auch Kaiserstraße genannt; noch heute führt über den Kamm des Thüringer Waldes der Rennstieg, die alte Grenzftraße zwischen Thüringen und Franken. Am rechten Nheinufer, nahe Köln, läuft der Mauspfad (Maut- ober Zollweg). Er trägt seinen Namen wie ber Binger Mäuse- turm aus ber Zeit ber vielen Zölle, bie an ben ebenso zahlreichen Landes- grenzen im einstigen heiligen römischen Reiche beutscher Nation erhoben würben. Auf ein viel höheres Alter biefes Weges weifen aber die zahlreichen Grabfunde aus der germanischen Vorzeit hin, die nahe dem Maus- pfabe gemacht würben. Im Rheinlanbe unb in Sübdeutschlanb finben sich auch noch sehr deut- liche Spuren der alten römischen Heerstraßen. Für die römische Verwaltung war es eine der wichtigsten Ausgaben, die eroberten Gebiete an das Straßennetz des weiten Römerreiches anzuschließen. Damals fiihr- ten wirklich alle Wege nach Rom. Während die germanischen Wege die Täler benutzten, führten die Römerstraßen auf kürzestem Wege über die Bergeshöhen. Ihre Trace wurde bei späteren Eisenbahnbauten vielfach benutzt. Stellenweise erkennt man die Reste der Römerstraßen im Gelände sehr deutlich als Debftreifen zwischen üppigen Grünlinien — die einstige Straße zwischen den Gräben. Zuweilen dienen sie aber auch heute noch als Feldwege unb waren Iahrhunberte lang bie besten Straßen, so hervorragend bewährte sich die Meisterschaft der römischen Straßenbaukunst. Die übrigen Straßen kannten kaum eine Befestigung. Zwischen nahegelegenen Orten gab es wohl gepflasterte Wege, die heute noch „Steinweg" heißen. Aber die Landstraßen waren unbefestigt, und bei Regen wohl stellenweise kaum passierbar. An schwierigen Stellen bauten sich Gasthäuser an, die Pferde zum Vorspann bereithielten. Der Alte Fritz noch hielt es für vorteilhaft, feinen Feinden durch schlechte Wege ben Einfall in sein Land zu erschweren. In Frankreich unb Belgien hat man schon seit bem 16. Jahrhunbert bem Straßenbau größere Beachtung geschenkt. Daher übertrug Napoleon bie Ansprüche an den Straßenbau auch auf bie eroberten Länder. Aus ber Napoleonischen Zeit stammen viele unserer Chausseen. Ihr französisch tlingenber Name geht ebenso wie die Kunst des Straßenbaues auf römischen Ursprung zurück. Auch das deutsche Wort Straße geht auf das lateinische strafum = gepflasterte Straße zurück. Diese Napoleon-Straßen gingen auch möglichst gradlinig wie alle Heerstraßen, die auf die Besitzoerhältnisse nicht ängstlich Rücksicht zu nehmen pflegten. Noch vor nicht langer Zeit waren sie weithin kenntlich durch die Reihen hoher Pappeln, die sie einsäumten, ohne die Austrocknung der Straße durch starken Schatten zu hindern. Das 19. Jahrhundert zeitigte erst bie eigentliche Entwicklung des Land- straßennetzes in Deutschland. Zwar nahm ber Eisenbahnverkehr den durch- gehenden Waren- unb Personenverkehr von der Landstraße aus. Aber der Sammelverkehr zu den Bahnhöfen und ber von ihnen ausgehende Verteilungsverkehr erforberte ein bichteres Strahenfystem. Da kam bie Ausnutzung ber Dampfkraft nicht nur ber Eisenbahn, fonbern durch die Erfindung der Dampfwalze durch Lemoine auch dem Straßenbau und der Straßenunterhaltung zugute. Allerdings waren Bau und Unterhaltung der Straßen eine schwere Belastung für die Provinzen und Kreise, die sie durch Erhebung eines Wegegeldes auf die Benutzer der Straßen abzuwälzen suchten. So sah man noch lange Zeit, nachdem die Zollgrenzen innerhalb Deutschlands längst aufgehoben waren, Schlaabäume an den Landstraßen. Da mußten dann die vorbeikommenden Fuhrwerke halt- machen unb ihren Dbulus entrichten. Inzwischen hat sich bas äußere Bilb unserer Landstraßen ziemlich ge- wandelt. Nicht nur die Fahrzeuge sehen anders aus. Auch die Chausseehäuser, Ausspannungen, Pserdetränken, Hufschmieden find fast verschwunden. An ihrer Stelle zeigen Tankstellen, Ersatzteillager, Garagen, ihre bunten Schilber. Auch die Straße selbst soll nun den neuen Verhältnissen angepaßt werden. Zu den Ausgaben, mit denen der Freiwillige Arbeitsdienst oder die Notstandsarbeiter beschäftigt werden, gehören in erster Linie Straßenbauarbeiten. Es handelt sich darum, bie Gefahren, bie durch den Kraftwagenverkehr auf den für den Pferde-Fuhrwerksverkehr gebauten Straßen entstehen, zu beseitigen. Nicht allein, daß die Straßendecken durch die größeren Lasten und durch die Saugwirkung der Gummireifen schneller abgenutzt werden. Die größere Geschwindigkeit der Autos verlangt auch eine bessere Uebersichk- lichkeit der Straße, vor allem in den Kurven. Beim Ausweichen und Ueberholen erwachsen den Kraftfahrzeugen große Gefahren, wenn sie gezwungen sind, plötzlich von der festen Fahrbahn auf bie nur wenig befestigten, für leichte Wagen, Reiter unb Vieh bestimmten Sommerwege hinüber zu wechseln. Dabei ist schon mancher Wagen umgestürzt. Auch bie Straßenbäume sind bei den Kraftfahrern nicht immer beliebt. Sie nehmen die Sicht, verhindern die Austrocknung der Straße, und ihr fallendes Laub macht die Straße schlüpfrig. Es wird zwar nicht möglich fein, alle Straßen in nächster Zeit hm- sichtlich Linienführung, Breite, Profil und Befestigung auf den Kraftverkehr umzustellen. Dazu fehlen uns ja die riesigen dafür notiaen Geldmittel. Da der Pferde-Fuhrwerksverkehr, besonders in ländlichen Gebieten, immer noch einen erheblichen Teil des Straßenverkehrs ausmacht, ist das wohl auch gar nicht erwünscht. Es muß nur erreicht werden, daß auch steigender Kraftverkehr, wie ihn die erhoffte Belebung der Wirtschaft sicher bringen wird, sich gefahrlos abwickeln kann. Die Schwierigkeiten sind ja auf der Landstraße viel größer als in der Stadt, weil weder Verkehrsampeln noch Schupos an jeder Straßenkreuzung den Verkehr regeln können. Bis jetzt gibt es in Deutschland drei Nur-Auto-Straßen: den Nürburgring, als reine Rennstrecke in der Eifel gebaut, die Avus-Bahn, auch eigentlich Renn- unb Versuchsstraße, aber als Abkürzung ber Straße Berlin—Pots- bam gern benutzt. Als reine Kraftverkehrsftraße ist vor kurzem bie neue Straße Köln—Bonn fertiogefteUt worben, bie in zwölf Meter breiter Fahrbahn ohne von anderen Weqen gekreuzt zu werden, den starken Verkehr zwischen beiden Städten ausnehmen soll. Diese Straße wird sicher noch vielen Straßen in Deutschland als Vorbild dienen, wenn erst einmal bessere Zeiten die Aufwendung solcher Kosten gestatten. Unerläßliches zu „Sie scherzen wohl? Die ganze Arbeit in dem großen Haus besorgt der alte Philipp?" v, „Das nicht. Aber ich habe vor zwei Stunden die übrige Dienerschaft weggeschickt. Ich werde gleich telephonieren. 17 846 — das ist doch Ihre Nummer, nicht wahr? — Gute Nacht, Doktor." Die Baronesse. „Guten Morgen, Herr Baron! Ich habe soeben dem Patienten die dritte Injektion verabreicht. Es wird Sie freuen, zu hören, daß sich sein Zustand gebessert hat." Der Baron schüttelte dein Arzt in freudiger Erregung die Hand. „Wird er ausstehen dürfen? Kann er schon sprechen?" „Nein. Davon ist keine Rede. Aber er hat eine verhältnismäßig ruhige Nacht hinter sich, und die Lähmungserscheinungen sind ein wenig zurück- qegangen." ' , Wirklich?" rief der Baron und trat nahe an das Krankenbett heran. „Ulam Singhl Hörst du mich? Ulam Singh!" Der Kranke rührte sich nicht. Die Augen starrten unbeweglich zur Decke empor, der linke Mundwinkel war schief nach abwärts gezogen. Nichts in seinem Gesicht verriet Leben. . ..... „Lassen Sie ihn, Herr Baron!" mahnte der Arzt. „Er ist ja nicht bei Bewußtsein, er kann Sie gar nicht hören." „Er hört mich nicht", sagte der Baron traurig. „Aber es geht ihm trotzdem besser, nicht wahr?" Ja Ein wenig. Das Gift der Tik Paluga wirkt in unserem Klima anscheinend weniger rasch, vielleicht auch weniger intensiv als in den Tropen, — das wäre eine plausible Erklärung. Sicherlich gibt sein Zustand für den Augenblick keinen Anlaß zur Beunruhigung." „Für den Augenblick", wiederholte der Baron niedergeschlagen. „Das ist wenig, das ist furchtbar wenig." Er wird jetzt nach der neuerlichen Injektion ein paar Stunden vollkommene Ruhe nötig haben. Bis Mittag mindestens. Auch Ihnen wird ein wenig Ruhe gut tun. — Sie scheinen nicht gut geschlafen zu haben diese Nacht", sagte der Arzt mit einem forschenden Blick aus das Gesicht des alten Mannes. „Wie hätte ich denn schlafen können, nach dem, was geschehen ist. Wie werde ich jemals wieder ruhig schlafen können, bei all dem, was unser harrt, wenn Ulam Singh stirbt." „ Dr. Kircheisen blickte den Baron ausmerksam an. Der „tolle Baron sah so gar nicht toll aus — sondern im Gegenteil wie ein höchst korrekter Hofrat, der seine 35 Dienstjahre aus dem Rücken hat. „Sie befürchten Belästigungen durch die Polizei wegen der Schlange — ist es dos, was Sie beunruhigt?" Der Baron schüttelte den Kops. „Nein", sagte er. „Das ist es nicht. — Oder doch auch, zum Teil", setzte er nach einer Weile rasch hinzu „Glauben Sie Doktor, gibt es eine Möglichkeit, daß Ulam Singh lemals wieder wird ausstehen und sich frei bewegen können wie vorher?" Das ist —" Der Arzt wollte sagen: ausgeschlossen. Er unterbrach sich aber, denn er sah mit wachsender Verwunderung die unerklärliche^ Aufregung des alten Mannes. „Das ist keinesfalls völlig ausgeschlossen , beendete er den Satz, um die Erregung des Barons nicht zu steigern. Keinessalls völlig ausgeschlossen." Der Baron betonte jedes einzelne Wort. „Ich verstehe Sie, Doktor." Er ging langsam im Zimmer auf und ab und blieb schließlich nachdenklich vor dem Arzt stehen. „Dann versprechen Sie mir eines, Doktor! Wenn es nut ihm zu Ende geht', dürfen Sie mir es nicht verheimlichen! Werden Sie mir es sagen ein paar Stunden vorher? Eine Stunde vorher?" „Gewiß, wenn Sie Wert darauf legen." „Dann wird vielleicht noch alles gut", seufzte der Baron. „Dann kann vielleicht noch alles gut werden, wenn Sie mir das zusagen. Eine Stunde vorher. Dann ist noch Zeit genug." „Wozu?" fragte der Arzt. „Wozu ist Zeit genug? Es ^nnte jein", gab der Baron zur Antwort, so langsam, als überlegte er jede-, einzelne Wort, „es könnte sein, daß Ulam Singh etwas Unerläßliches zu Ende bringen mühte, ehe er stirbt." „Etwas Unerläßliches?" fragte der Arzt halb mißtrauisch, halb neugierig. „Um was könnte es sich da handeln?" „Ich bitte Sie, erlassen Sie mir das! Es ist wirklich schwer, darüber zu sprechen", sagte der Baron und strich mit der Hand über den Hinterkops, als müsse er einen Schmerz verscheuchen, der dort saß. „Wie Sie wünschen", sagte der Arzt. „Ich habe durchaus nicht die Absicht, mich in Ihre Angelegenheiten zu drängen." Er stand am Fenster und hatte des Barons Bemerkung nur flüchtig gehört und zerstreut und halb mechanisch die Antwort gegeben. Seine Aufmerksamkeit war durch ein seltsames Bild, das sich unten im Garten bot, gefesselt worden. Es ist im allgemeinen nichts Bemerkenswertes, wenn em kleines Kind mit einem Reifen spielt. Zweifellos ist es ein reizvoller Anblick, besonders, wenn des Kindes Bewegungen anmutig und flink sind, aber sicher keineswegs Veranlassung genug, förmlich hypnotisiert in den Garten hinunterzustarren und alles, was ringsumher vorgeht, zu vergessen, wie es Dr. phil. et med. Kircheisen in diesem Augenblick tat. Doch der Wildfang, der auf dem freien Platz zwischen der Wie,e und der Villa spielte, war eben kein kleines Kind, sondern eine erwachsene junge Dame. Eine erwachsene junge Dame, die mit einem Kinderreifen spielt! Eine hohe schlanke Gestalt mit einem feinen schmalen Gesicht und blondem Haar das in einem losen Knoten im Nacken niederhing. Ein kleiner, weißer Foxterrier sprang neben ihr her — o weh, jetzt war der Reifen niedergefallen I Wie zornig sie war, wie sie mit dem Fuß stampfte vor Aerger einmal, zweimal, dreimal, noch einmal! Ja, sie war mit voller Leidenschaft bei dem kindlichen Spiel. Schon flog sie wieder hinter dem rollenden Reifen her, — was für zarte, edelgeformte Knöchel sie doch hatte! Jetzt war der Reifen abermals umgefallen — wie traurig sie nun da stand wie verzweifelt sie den Kops schüttelte! Ihr kleiner Fox war schuld der hatte den Reifen umgeworfen. W ’ (Fortsetzung folgt.) Das Mangobaiimwunder. Roman von Leo Perutz und Paul F rank. , Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München. (Forlfegung.) Der jetzige Zustand — getrübtes Bewußtsein und leichte Lahmungs- erscheinungen — dürste noch 36 bis 48 Stunden anhalten, vielleicht auch ein paar Stunden länger. Nach ungefähr 48 Stunden — ,,'Ißirb er aufstehen können? Wird er das Bett verlaßen? rief der dürfte der letale Ausgang infolge Herzlähmung eintreten — Ja, um”®ottes willen, was ist denn geschehen?" . Die elektrische Lampe, die der Baron noch immer in den Hunden gehalten hatte, war in diesem Augenblick krachend zu Boden gefallen. Es war mit einem Male finster in dem weiten Zimmer. Dr. Kircheisen tastete sich durch das Dunkel bis an die Wand und ließ rasch den großen Lüster aufflammen. ■ Der Baron lehnte blaß und zitternd an einem Sessel und hielt die Hand an die Brust gepreßt. e Was war denn bas, Herr Baron?" fragte der Arzt voll Teilnahme. "Nichts von Bedeutung", sagte der Baron und lächelte mühsam. „Die Lampe ist mir ein wenig zu schwer geworden.--Ist es sicher, daß Ulam Singh sterben muß?" Der Arzt zuckte die Achseln. „Gibt es keine Rettung? Kein Serum gegen das Gift dieser Schlangen?" „Ich werde kein Mittel unversucht lassen." „Ich habe Ulam Singh sehr nötig", sagte der Baron leise. „Ich will ihn behalten. Er ist mir unersetzlich." „Unersetzlich? Ich begreife ja Ihre Gefühle; der Tod eines Hausgenossen ist immer eine aufregende Sache. Aber „unersetzlich" ist ein großes Wort, und für einen Gärtner wird sich schließlich doch ein Nachfolger finden lassen." _ , „Nein!" rief der Baron mit einer plötzlich ausbrechenden Heftigkeit. . „Er darf nicht sterben! Mein Leben ist verdorben, wenn er stirbt." „Ich sehe, Sie neigen zu Uebertreibungen. Oder ist es mehr als ein rein menschlicher Anteil, den Sie an dem Schicksal Ihres Dieners nehmen? Dann sprechen Sie aufrichtig und deutlich zu mir!" mahnte der Arzt. Der Baron tastete langsam mit der Hand über die feuchte Stirn. „Ich habe wohl arge Dummheiten geredet — —", sagte er leise und stockend. „Verzeihen Sie--der Schreck über den Unglücksfall hat miet) ganz wirr gemacht. Ich weiß gar nicht recht, was ich alles gesagt hab'.' „Sie können sicher sein, daß ich jedes Mittel versuchen werde, um den Patienten am Leben zu erhalten, — — Darf ich Sie jetzt bitten, mir mein Nachtquartier anzuweisen? Womöglich in der Nähe des Kranken, denn ich werde die Injektion im Laufe der Nacht zwei- bis dreimal wiederholen müssen." „Hier in allernächster Nähe ist Ihr Zimmer, Herr Doktor. Die Tür hier gegenüber." „Ich werbe zuvor in meine Wohnung telephonieren und meine Wirtschafterin wissen lassen, daß ich vorläufig hier bleibe und meine Reise bis aus weiteres aufschiebe." „Sie wollen verreisen? Wie gut, daß ich Sie noch erreicht habe! Wohin sollte die Fahrt gehen?" „Rach Korsu. Eigentlich die erste größere Reise meines Lebens." „Wie? Sie waren niemals in Indien? Ja, woher haben Sie denn die staunenswerten Kenntnisse der indischen Fauna?" Der Baron bemühte sich, jetzt leicht und zwanglos zu plaudern, als wollte er den Eindruck verwischen, den jener Ausbruch fassungsloser Angst wenige Minuten vorher hervorgerufen hatte. „Bücher", gab Dr. Kircheisen zur Antwort. „Bücher, Herr Baron, und Spirituspräparate. Ich habe mein philosophisches Doktorat in Zoologie und Botanik gemacht." „Ist es eine Erholungsreise, die Sie um meinetwillen aufschieben müssen?" „Nicht ganz. Teilweise wollte ich studienhalber nach Korfu. Diese Insel hat eine sehr bemerkenswerte Reptilienfauna.--Sie erlauben, daß ich mich jetzt zurückziehe?" — Den Arzt erwartete an diesem Abend noch eine überraschende Entdeckung. Er hatte es sich in seinem Zimmer bequem gemacht, das Abendblatt durchflogen und sodann ein Weilchen die Photographien alpiner Landschaften besehen, die die Wände schmückten. Schließlich entsann er sich des Telephongesprächs, das er zu führen wünschte, und drückte auf den Klingeltaster. Er wartete ein paar Minuten lang, aber es kam niemand. Er drückte ein zweites Mal. Wiederum blieb alles still. Dr. Kircheisen wurde ärgerlich. Er ging einige Male im Zimmer ungeduldig auf und ab, bann läutete er ein drittes Mal. Nichts regte sich. Jetzt läutete Dr. Kircheifen Sturm. Aber kein Mensch schien ihn zu hören. Schließlich ging er aus den Gang und rief. Endlich — da kam jemand den Gang heraufgelaufen, notdürftig bekleidet, mit kurzen, mühsamen Schritten. Ader es war feiner von den Dienern, es war der Baron selbst, der jetzt atemlos vor dem Doktor stand. „Verzeihung, Herr Baron! Es tut mir aufrichtig leid, daß ich Sie in Ihrer Ruhe gestört habe. Ich habe vergeblich nach dem Stubenmädchen geläutet — ich möchte bloß mein teiephonisches Gespräch erledigt haben", entschuldigte sich der Arzt. „Philipp schläft wahrscheinlich schon", sagte der Baron noch immer ganz außer Atem. „Ich werde selbst in Ihrer Wohnung anrufen. „Bemühen Sie sich doch nicht selbst, Herr Baron! Warum ist denn niemand von der übrigen Dienerschaft gekommen?" „Ich habe sonst niemanden im Hause, Doktor", sagte der Baron verlegen. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.