GiehMrZamilienbliiüer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <955 Hreitag, ben 8. vezember Hummer 99 4$" Advent. Von Wilhelm Pley er. Tage chr in dämmerhellem Lichte, Nebelspinnend übcrm stillen Land, In dem Enkel wird es zum Gedichte, Was den Ahn im alten Walde band. Stille unterm schneegesüllten Himmel, Wartend auf der hetl'gen Glocken Hall Und auf kinderlusttges Gewimmel Weicher Flocken in der Gassen Schwall. Stubenseligkeit und Holzes Reden Im Kamin — vom tiefen Walde drauß ...; Und das Märchen holt mich dennoch jeden Abend in den Autolärm hinaus: Hinter Scheiben holt die Zier des Reises Vor das Äug' den schneebeladnen Tann Und im Glanz der Gassen stimmt ein leises „Stille Nacht" sich ganz von selber an. Der ewige Stern. Eine Advcntsgeschichte von Ernst W i e ch e r t. Ich kam zurück, wie alle zurückkamen, denen die vier Jahre des großen Krieges mehr gewesen waren als ein Rausch, ein Handwerk oder eine Verfluchung. Ich saß an einem zersprungenen Fenster meines Abteils und starrte in den Regen, auf die Kinder an den Bahnübergängen, die wir aus Kellern aufgesttegen schienen, auf Frauen, die aus Gräbern aufgestandcn sei» konnten, auf । verwüstete Felder, aus frierende Nebeldörser. Es ging langsam ; damals zwei Tage und zwei Nächte. „Ich mutz ja doch etwas sagen", grübelte ich., „Sie erwarten mich, das ganze Haus, und wenn man keinen Lorbeer um die Stirn hat, mutz man doch etwas ! sagen ... vom Vaterland, vom Tode, von der Ehre, und so weiter ... aber ich weiß nichts zu sagen... es hat sich alles aufgelöst ... ahne Füße sind wir alle zurückgekommen, und unsre Erde schwankt ..." Ja, sie erwarteten mich alle. Es war ein großes Haus in einem alten Garten. Es waren viele Menschen, Eltern, Geschwister, Verwandte, Freunde. Ich wußte alles von ihnen: ihre Schicksale, ihr Lächeln, ihre Handschrift, ihre Neig-ingen. Und doch standen sie vor mir wie hinter einer Glaswand. Schon auf dem kurzen Gang durch das Dorf in der Abenddämmerung glaubte ich zu erkennen, was es war: ich hatte das „Bleibende" verloren, das Gefühl für das Unveränderliche. Da waren Häuser, fest, nnbeweglüh. Schnee ms sicherem Dach, Licht unter ewigen Balken. Aber ich mutzte, was von Däusern zu halten war. Ich hatte Ne stürzen sehen wie (in Kartenhaus, ganze Reihen, Dörfer, Städte. Da standen die vavpeln an der Straße und der Eichenwald dahinter. Was waren 8änme und Wälder? Laßt drei Batterien über sie hinscgen, eine Nasmolke, eine Trichtersprengung: vorbei! Da waren die Dahlienstauden im Garten, da war der Hügel für Pluto, den wir als Kinder begraben hatten Ja ... da ivaren die Toten ivieder da, Kreuze, Hügel, Massengräber. Zurückgeblieben in der fremden Erde, Regen und Wind über ihren Reihen ... ich blieb stehen und Kl, mich um ... rief es nicht über den Garten? „Ja", sagte mein stater, „es hat sich nichts verändert ... wenn man aus dem Fender sieht, denkt man, es sei vor vier Jahren ..." „So", dachte ich niihsam, „denkt man das wirklich ... wie schrecklich ist es, hier zu stehen und auf den fernen Ruf zu lauschen ... weiß denn niemand, iatz dies nur eine Gespenstererde ist?" Und so war es auch drinnen. Die Halle, die Bilder, die Gedeihe. Alles hinter einer Glaswand, ein unwirkliches Panorama. Tie Mädchen kamen, die Kinder. „Ja, danke", sagte ich lecke .sich tin gut zurückgekommen ... ja, der Krieg ist zu Ende ... Ich legte meine Hand um einen alten Silberleuchter, auf den Kopf des IHvndes: fremd ... kühl ... anders geworden. „Aber irgendwo mutz I tj doch sein", dachte ich, „das Unveränderliche, das was früher Nr ... diese tiefe Bürgschaft des Lebens ... dieser Alte und Neue $unö mit Menschen, Tieren, Erde, Gott ..." Stein, es war nicht da. Der Krieg mußte es genommen haben, wie er die Glocken genommen hatte, die Eheringe, das Silber, das Blut. Ja, natürlich würde ich zur Großmutter gehen, ja, sofort. Ich ging durch die Zimmer und klopfte leise an. Sie satz in ihrem Lehnstuhl, den Stock in den gefalteten Händen, und lauschte mir entgegen. Sie war fast blind. Ueber ihrem weißen Scheitel sah ich das Bild meines gefallenen Bruders an der Wand. Und ich sah die Truhen und Schränke, die ovalen Bilderrahmön. die geschweiften Füße der Sessel, den Goldschnitt der Bibel, die Goldlacktöpfe auf den Fensterbrettern. Ich wollte etwas sagen, aber ich sagte nichts. Ich wollte nicht niederknien, aber ich kniete, die Stirn in der kühlen, schwarzen Seide ihres Schoßes. „Ja, mein Kind .. ", sagte sie leise und strich mit ihrer Hand über mein Haar. Und nach einer Weile, ebenso gütig, leise, zuversichtlich. „Ja, mein Kind ..." Sonst nichts. Und dann kam die Adventzeit. Ich hatte mein Kinderzimmer, ; das Haus, den Garten, das Land. Ich ging umher und suchte. 1 Unauffällig, leise, allein Ich suchte eine Brücke, etwas das zu- ! rttckführte ins Ehemalige. Sie sprachen mit mir, von der Zu- ' kunft, den Lebensmitteln, der Revolution. Sie gaben mir den ; besten Platz am Kamin. Sie waren rücksichtsvoll, zart, zurückhaltend. Aber sie sprachen ohne Scheu von den Toten, den Verstüm- I titelten, den Vermißten. Sie standen am andern Ufer. Der erste Advent kam Ich stand früh auf und ging leise durch das große Haus. Schnee fiel über den Garten, und das Feuer brannte im Kamin. Aber ich ging von Raum zu Raum und suchte. Ja, sie hatten ihn vergessen: nirgends hing die Adventskrone, nirgends hing der Stern. Ich kehrte in mein Zimmer zurück und stand am Fenster, die Stirn an den Scheiben. Solange ich denken konnte, war dies nicht geschehen. „Das also ist der Krieg", dachte ich. „Nicht die Toten, sondern dieses, das so Kleine und Kindische ... daß man das Ewige vergessen hat ... daß Christus fortgegangen ist von dieser Erde . . daß er nicht mehr bei den Menschen bleiben wollte ... ich will von euch gehen bis an der Welt Ende ..." Ich wollte sie nicht sehen, Menschen und Haus. Niemanden. Nichts. Ich ging in den Schnee hinaus, in die Wälder, wo rechts und links die Erde sich verhängte. Ich fragte in einem Forsthaus nach dem Weg, ich aß in einem Gasthof, über den die Tannen sich beugten. Nirgends war Christus. Schnee, Wildspuren, Schlitten ohne Glocken, Dämmerung, Heinnveg, dunkelndes Feld. Ja, ich sei draußen gewesen, weit, mir sei nicht gut. Noch einmal leise durch das ganze Haus .. nichts. In der Halle steht die Großmutter, den Stock vor sich in den Händen. „Suchst du etwas, mein Kind?" „Ja, Großmutter ... nein ... ich war zu lange fort ..Sie nimmt meinen Arm, ohne etwas zu sagen und führt mich bis zu ihrer Tür. Sie ist nicht mehr blind, denn es ist jemand da, der blinder ist. Sie geht nicht mehr gebückt, denn da ist ihr Enkelkind, Soldat, unvertvnnöet, gekund, der gebeugter ist als sie. Sie weltz, was in diesem Haufe geschieht, denn sie sitzt in ihrem Lehnstuhl und lauscht in das alte Haus hinein, und die Zeit läuft wie eine Perlenschnur durch ihre Hand. Sie führt mich über ihre Schwelle und schlietzt die Tür hinter sich Sie dreht den Schlüssel herum, laut, daß ich es höre. ..Lange?" sagt sie. „Es war nicht lange." Als hätte ich auf der Schwelle zu ihr gefprochen. Ueber ihrem Tifch leuchtet der rote Stern, und unter der Hängelampe schwebt die Krone. Die Silberfäden schimmern im rötlichen Licht. Ich knie vor ihrem Stuhl wie als Kind, aber sie hat meinen Kopf an ihre Brust gelegt, daß ich es alles seben kann: den Stern, das Tannengrün, die Schatten, das Schweigen, das versunkene Land. „Siebst du", sagt sie leife, „du darfst ihnen nicht zürnen ... es ist soviel geschehen, und sie sind ja nicht wie Brunnen, in die alles fallen kann, ohne sie zu verschütten. Ich habe soviel Zeit, siehst du. Ein alter Mensch zündet nicht jeden Tag eine neue Lampe an. Er hält die Hand vor fein Licht, und alles, was er braucht, ist hell: Jeder Weg. jedes Gesicht. jeder Schmerz ... es kommt nun nichts mefir als der Tod und der kommt von selbst, und man hat soviel Zeit für das Ver- ganaene ..." „Nichts ist aeblieben, Großmutter", flüsterte ich. „Nichts ... auch die Kreuze werden fallen... dann werden sie nur noch in Büchern lesen daß es einmal war ..." „Wie jung du bist!" sagt sie zärtlich. „Siehst du. Gott hak über die Erde aewckcht und ausaeltckcht ... ein ganzes Geschlecht ... und er hat mich leben lassen, damit ich über das Ausaelickchte dir die Hand gebe, meinem Enkelkind. Nichts ist geblieben, lagt du ... sieb, wie er leuchtet, derselbe Stern, nicht neu gekauft, ans unterer Kinderzeit ... zu lange warst du fort, lagst du .. bist du nicht zur Zeit gekommen, daß ich ihn anzünde für dich? Nichts ge- blieben? Ach, mein Kind, da ist ein Kind geblieben, das einen Stern haben wollte, und eine alte Frau, die ihn anzünden konnte ... meinst du nicht, daß das genug ist? Für die ganze Welt? Oder meinst du, daß Gott mehr zu tun gehabt hat, als er noch an dieser Erde grübelte?" Sic beugt sich so tief über mich, daß sie die Seele in meinen Augen erkennen kann. „Man darf nicht sortgchen, mein Kind", sagt sie langsam, „solange man nicht weiß, ob nicht ein Kind unter den Menschenkindern nach einem Stern sucht ..." Und dann sehen wir zu: wie das Licht in dem roten Stern tiefer und tiefer brennt, bis es, gleichsam ohne Schmerzen, erlischt. Klassenarrest am 8. Dezember. Von Otto B r ü e s. Das Gymnasium in meiner Vaterstadt bestand aus zwei Teilen, aus einem alten und einem neuen Bau, die, durch einen kleinen Hos getrennt, im rechten Winkel zueinander verliefen. Sv mar denn dieser kleine Hof, durch den man die Schule am Scheitel der Gebäude betrat, ein rechter Vorhof und die Pforte zu dem eigentlichen Schulhof, der sich im Schatten mächtiger Ahornbäume zwischen den steinernen Schenkeln der Bauten erstreckte. Der alte Bau, das waren muffige Gänge, enge Klassenzimmer und eine Aula, in der die Schüler nur mit Mühe und Not untergestopft werden konnten. Der neue Bau: das war eine helle und freundliche Anlage? und man begriff sehr wohl, daß er für die obern Klassen vorbehalten blieb. Und so wie diese beiden Gebäude waren, um es mit einem gewiß kühnen Gcbankcnsprung zu sagen, so ivaren auch die Lehrer: es gab verkniffene, rachesüch- ttge Sonderlinge und helle und heitere von wirklich humanistischem Geist angewehtc Menschen, und bei Apoll, sie waren in der Mehrzahl! Zu ihnen — ich meine die hellenisch freien Geister — zählte auch der Professor Sulger, der in der Obertertia, dem mittleren Jahre also der höheren Schule, unser Klassenlehrer war. Er hatte einen großen blonden Schnurrbart und zwirbelte ihn mit Vergnügen, aber es war nicht der gestriegelte Schnurrbart der Re- serveosfiztere, von denen es auch in dem Kollegiuin einige gab. Der Schurrbart, um es noch deutlicher anzuführen, wuchs wild, und das war In diesem Fall wichtig. Denn der Professor Sulger lebte sich und seinen Schülern, aber keiner noch so drohenden staatlichen oder militärischen Institution. Ihm lag daran, seinen Schülern eine fröhliche Jugend zu schaffen, ja man kann sogar sagen, daß er darüber die Studien etwas vernachlässigte, aber dafür dürfte er nie seinen Schülern in ihren Angsttrüumen erschienen sein, wie andere Herren mit ehrlicher aber finsterer Pflichtauffassung. Er hielt uns allesamt für Indianer, und damit dürfte alles gesagt sein: Jungen, das waren nach seiner Ansicht ungebärdige Gesellen, die sich lieber schlagen als vertrugen, die lieber schwätzten als den Mund hielten, die aus ihrer Natur heraus Streiche ersonnen und durchführten, und er wäre unglücklich gewesen, hätte er Duckmäuser und Heuchler vor sich gehabt. Er hätte Denunzianten sitzen laßen, weil ihre Art nicht rein und frohgemut mar, und er versetzte Ignoranten, wenn sie nur anständige Burschen waren. Und für diese feine Gesinnung war die Geschichte mit den Nänberpistolen und dem KlaSkerl der schönste Beweis. Am Niederrhein erlcheint gegen den Nikolaustag, den 6. Dezember also, in den Bäckerläden doS KlaSzeug, ein Honigkuchen von herberer Art, ohne jede Sliße, die man ihm anderswo beimischt. Die Backer machen ans dem zähen Teig die wunderlichsten Figuren, Trauben und Körbe, Früchte und Tiere, die olle tief- braun erscheinen. Dazu kommt noch von dem Eiweiß, mit dem dos Gebäck bestrichen wird, ein Widerglonz von spiegelnden Lichtern. Mon zerschneidet dos Ganze zu dünnen Streifen und gibt eS wie einen Belog auf doS schwarze und weiße Brot. Eine zweite Gitte war eS, solche Figuren den Lehrern zu schenken: den Weniggeliebten, weil mon auf eine gutgelaunte Stunde der allmächtigen Herren hoffen durfte, und den Vielgeliebten, weil man ihnen eine Freude machen wollte. Der für den Professor Sulger bestimmte Klorkerl sollte ober ein Freudenspender sein, denn wir sammelten die Groschen dozu durch die längere Wochen hindurch und konnten den Bäckermeister beauftragen, eine Rielen- fiaur zu entwerfen. Wir stellten uns dos so vor, doß der Professor und seine Familie ein paar Wochen lang zum Frübsilick und nachmittags an dem Ungeheuer herumzusäbeln hätten. Nun war eS ober sein scherzhafter Brauch und eine Waffe geaen uns. daß er in der Schulstunde unsere Einwände und Vorschläge zunächst einmal mit dem Wort obtot: „Nänberpistolen!" Näuber- pistolen, denn wir waren ja Indianer und sollten es sein, Näuber- pistolen, denn wir waren Jungen und lchnitten gern auf und redeten nun manches drumherum, um von dem steten Gong deS LebrenS und Lernens abzulenken. Nänberpistolen also, und so gingen wir auch durch mehrere Schokoladengeschäfte, bis wir schließlich ein mächtiges Paar brauner Pistolen gefunden hotten, die nun dem inzwischen aus dem feurigen Ofen erstondeneu KlaS- kerl krenzweiß über die Brust gehängt wurden. WH Räuberpistolen hielt der Kuchenmann seinen Einzug in die Wohnung deS Professor Sulger und dos war am Abend des 5. Dezembers. Wer am andern Morgen mit verfinsterter Miene ins Klossen- zimmer trat und gegen alle Gewohnheit den Schnurrbart nicht zwirbelte und brütend auf feinem Stuhl hinter dem Katheder sah das war der Professor Sulger, und obwohl e« für ihn bezeichnenderweise feinen Spitznamen gab und feilt Vorname statt dessen nn'tr uns gebräuchlich wurde, war es diesmal wirklich ein Professor Sulger, ein Vorgesetzter, eine unumstößliche Gewalt. „Ihr wollt moderne Jungen sein?" rief er, „ihr verfallt n»| so hergebrachte Dummheiten, euren Lehrer zu bestechen? Ihr mihi nichts Besseres zu tun, als was dumme Jungen früher ich»» ; hundertmal getan haben? Da seid ihr aber bei mir an den Rechten gekommen! Ich verbitte mir solche Zudringlichkeiten! Ich muß sie euch austreibeu, und zur Strafe ericheint die ganze Klaffe über- ! morgen nachmittag um vier Uhr in meinem Hause zum Arrest!" i Wir waren Humanisten oder ivollten es doch werden und sanden, i doß selbst der Zeus unserer Schnle nicht so überroschend launisch ! Ivar und nicht einmal der Vacer des Zeus aus der rauhern Epoche ! der griechischen Götterwelt. In Arrest, wegen eines Genfchenks in Arrest, und das noch an einem von jeher schulfreien Tage. I Indianer sind stolz, aber mir ivaren wohl teilte Indianer, denn i unser Stolz zerbrach in dieser Minute, und weil wir diesen Lehrer liebten, litten mir darunter, von ihm verivorsen zu sein. Hatten ! wir wirklich Uebles getan? „Wer kann nicht kommen?" fragte |s Professor Sulger, und es standen zwei auf, Ulrich, der sagte, daß s er mit seinem Vater zum Geburtstag der Großmutter fahren : müsse, und Herbert, der einen andern Vorwand anbrachte, und ivir fühlten alle, daß es nur eine Ausrede war. „Räuberpistolen!" sagte Professor Sulger, „dann kommt ihr t beiden also nicht, die andern erscheinen, wie schon gesagt, um vier ‘ Uhr in meiner Wohnung zum Kaffee. Und verlaßt euch darauf, daß er uns schmecken wird." DaS war Professor Sulger, aber er war es noch mehr, als er ' in der letzten Stunde des Schulmorgens, die er wieder abhicli, | sich an die Klasse wandte und sagte, er habe es wieder vergessen, » wer nicht kommen könnte und tuer dos doch gewesen fei. Worauf f Ulrich auf seinem Hosenboden sitzen blieb, denn der Kaffee beim i. Klassenlehrer war ihm wichtiger als der Geburtstag der Großmutter, wogegen Herbert oufstaud und bei seiner Aussage bc- , harrte, doß er nun einmal nicht kommen könne. Er wäre so gern mitgekommen! Und noch mehr Sulger, der ganze Sulger war es, wenn er sich nun von der Klasse ausbot, daß sie zwischen dem s Mittagessen und dem Kaffee in feiner Wohnung einen Spazier- > gong ins Bruch mache, denn ivir waren Stadtkinder, Kleinstadt- kiuber, und wir sollten hinaus in die frische, klare Winterlust. Am Nachmittag erschien Professor Sulger bei Herberts Vater । und veranlaßte, daß der Junge doch käme. Wenn einer, dann 1 mußte er kommen, denn er hatte ja Charakter gezeigt, und Charakter ivar dem Professor wichtiger als die Kenntnis aller unregelmäßigen Verben. * Der 8. Dezember ist schnell herangekommen und wir finden uns auf dem Mörscrplatz zusammen. Wie uns anbefohlen ivar, marschierten wir durch das winterliche Bruchland: ein seiner dünner Nebel schleierte bläulich über den gebräunten Wiesen, und auf den Wassergräben spann sich in zarten Silbernetzen das erste Eis. Indianer, die nicht aus dem KriegSpsod, sondern int Sonn- tagSonzug zu ihrem Häuptling unterwegs sind, werden wohl nicht lautlos gegangen sein, sondern munter geschwätzt hoben: ober ich weiß eS geiviß, manchmal fiel die große Stille über uns tut6 machte uns stumm. Ein Lastkarreu bollerte nnS entgegen, ein aufgescheuchter Hase schoß über den Weg, Spatzen schilpten im Gras, und von Traar und Böckum her klangen die Stunden- glocken. So sind wir vor das Haus des Prvfeßor Snlaer gekommen, so traten wir ein und klopften mit einiger Ehrfurcht unsere Stiesel ab und hängten unsere hellroten Mützen an die Haken So traten wir in ein langes, großes Zimmer und setzten uns an den Tisch und sahen die Berliner Pfannkuchen zu Bergen geschichtet, v"N der Lampe hinaen krenzweis die Nänberpistoleu herunter. Wo ober tvor der KlaSkerl? „Ihr denkt doch nicht etwa, daß ich etwas, was ihr mir zu in Geschenk gemacht hobt, schlechter ols ein Geschenk und olS ein Opfer bebondle? Der KlaSkerl ist ins MoHen- hoits gebracht, zu den Kindern, die keine Eltern haben, hört ihr wobl, und wenn die eine kleine Freude daran haben, ist es mir die größte!" Und ?amit klopfte der Professor auf den TUch. zwei Mädchen in weißgestärkten Schürzen schenkten uns den Kaffee in die Tassen, und nur Herbert, der trotzige und feiner Ehre bewußte Herbert, bekam zunächst keinen Kaffee, sondern Milch, weil er so ein kleiner Junge wäre. — Wir erzählten Räuberpistolen, wir aßen und lachten, und als wir ouS dem Hanfe hiuauStraten, fiatt» deu die Sterne lchon über den Wielen, klar und bläulich funkelnd, wie sie es int Winter tun, und über dem Bruch fchwankte daS Licht wie ein silbernes Gespinst. Der ffandhaste ^«nnfo#hof. Ein Kapitel vom deutschen Spielzeug. Von Dr. Rolf Gärtner. Andersens Märchen vom „standhaften Zinnsoldaten" umgibt dieses Spielzeug mit jenem gemütvollen Humor, der ollen Ernst des Lebens Im Bereich der Kinderstube verklärt. Der flrie? fier ist im- Grunde so wenig Spielzeug wie der Bauer, aber durch die Spiegelung der Wirklichkeit in der hinnen Seele werden Brücken geschlagen zwischen Phantasie und Realität, und nicht umsonst hat unser großer Dichter gesagt, daß „tiefer Ernst im kind- scheu Spiel" liegt. So ist der märchenhafte Miniatur-Krieger zum Sinnbild eines Kapitels in der deutschen Spielzeuaaeschichte geworden, und auch eine der „Fachzeitschriften", die sich mit diesem Gegenstand beschäftigt, trägt den Titel „der standhafte Zinnsoldai. Jeder echte Junge wird in diesem Spielzeug mehr empfinden, als eine bloße Puppe: er wird, wenn er seine Bataillone am- stellt, unbewußt daS stolze Gefühl deS Oberbefehlshabers hauen, der andere Wesen nach seinem Willen lenkt und ordnet und w wird in ihm etwas von dem Fiihrergeist erwachen, der jedem M"«n I>> feinem Wirken iiottnt, und der (Skifi männlicher tunen- ocit wirb fltb trpeiibwte mit dem bunten Zeitvertreib uertnüvfen Dolchen Sinn fllr Wehrlmfthitelt, ulme den fein Bolk fein einen ftenö benmhrc» (nun, Ist öle tiefere Begründung für die befunoere Jtcöenlnnn öe« Goibntenfplelö, dem Wungetr» au allen 'leiten nebulbin buben, mich al« noch feine <5plel|initrcit innen zur Hier flhluHrt stunden. Bon elnfkbtineu ßrAlcbem ist der ßlnilufi der Spielfo buten uns die Stärkung der vaterländischen Wcfluuuim wet» betont morden, und Aiuur nm reu eö befvttber« die Wrnnöokii, öle diese» deutsche Spiel empfubleu, ivie auch die ersten Soldaten finureu für die französischen Prinzen neschusseu wurden. Diese» lebrbufie Moment bebt die Wreuöe am Zinnsoldaten au» dein viereIdi sonstigen «SplelAeunö heran«, da» dem Knaben 'He »iebungeu Aitr llmiuell vermittelt, ti» ist keineswegs irneudivelche Anssiachelnng friegerischer Wefüble In der Ingendllcheu Seele die damit verbunden ist. Wenn deutsche Kunst und deutsche» Huud- tnerf da» Spiel mit Soldaten geschossen und über die Welt verbreitet buben, so spiegelt sich burin ulclmebr neben uefunbem DelbstbebauptuugSwIllen und Freude au tapserem tun eine innige und gemütvolle ilmsussuug selbst fokher SBcrekbe, In denen sich seelische Gröste und Todesverachtung um schönsten vsseubaren Der tiefere Sinn de» Spiel offenbarst sich besonder« darin, das, Erwachsene solche fleitten Wignren duAit benutzt haben, um Sir» tegle und Tafiif zu lernen und zu lehren. Der aiinilulbnt, der übrigens in den meisten füllen ein Bleisoldat Ist, mu nutb in der Geschichte der KriegSwisseirschasten seinen Platz, Neben den französischen Kronprinzen bnben besonder« russische Herrscher an diesen bedeutsamen „Puppen" sich den tieferen Sinn bet Strien« führunn anzueigneu gesucht. So batte sich Zar Peter Hl für seine Soldateuspiele eine kleine Festung in Oranienbaum bei Petersburg erbauen lassen und schlug hort Schlachten mit seinen Zinnsvldaieu. Zur Nikolaus I. lieft sich gaitAe Heere solcher Wl- nuren au« den Nürnberger Rubriken kommen und soll bei einer Zusammenkunft mit dem damaligen Prinzen Wilhelm von Preu fien, dem späteren Kaiser WH beim II., diesen zu einem Kriegs- fpiel ausgesvrdert buben, bei dem die Dtbiuchi bei Bantzen mit Bleisoldaten auvgefochieu wurde, und der Zar den Prinzen schlug. Dttrd) solche mehr wissenschaftliche Berweudung de» Spielzeug« ivird der nefdikbllkbe und strategische Sinn In eiudrluglichem NnschouungSitnterricht angeregt, und deshalb fluben ivlr auch In HeereSmuseen Panoramen von Schlachten, die durch solche Wl- 11 uren verlürperl werden. 08 sei nur an da» Nettes der Schlacht von Et. Privat Im Berliner Zeughaus oder an eine bestimmte Situation der Schlacht bei Sedan um I Uhr utiiiags des l. Sep fernher 1870 erinnert, die Im Münchner Vltmeemufeum ausgestellt wurde. Der Zluusoldai Ist überhaupt von verschiedenen heimatkuud- llcheu Museen al« geschichtliches und knustgewerbllrl>es Zeugnis gesamuielt worden, und ebenso haben fldi Privalsamiuler diesem Zweig de« Kuustliaudwerks zugeweudet, wobei wieder die verschiedenen GesichiSpnnkie zutage traten, unter denen da« Spielzeug ousgefasti werden kann. Die einen bevorzugen „Wnfboiiieii" durch die kriegerische Ereignisse veranschaulichi werden! die .anderen interessieren sid, mehr für die künstlerische Sluvsiibruug der ,li puren, noch andere selten darin einen wichtigen Viel trag zur II nl- sormkunde oder zur Lösung strategischer Ansgaben, So spiegelt die Well des Zinnsoldaten mannigfache Bereiche von Kunst, Wissen schasi und Vebcn wieder, wie dies ausführlich Theodor Humpe in seinem inhaltsreichen Buch vom Ziuusvldaieu dargeiau hat. Der Zinnsoldat Ist ein deutsche« Spielzeug, denn fast die ganze Herstellung dieser ftmitreu hat sich aus deutschem Boden vollzogen, und erst nach dem Weltkrieg hat mau versucht, auch diesen Zweig deutscher Haudsertigkeii iindt’.unbmeu; e« sind Fabriken In au deren Ländern eutstuuden, ohne die deutsche Ware aus dem Weib schlagen zu können. Wrellldt hat man die Anfänge dieses Spiet zeug« schon in ferner Borzelt gesucht, und ein französischer Kenner bat behauptet, dust „der Bleisoldat so alt sei wie die Well". Doch bürfleit die Krlegerslgürcheu, die häufig in auiikeu Gräbern gefunden werden, nicht den Kindern al« Spielzeug gedient haben, sie waren vielmehr Evmbole jener militärischen Begleitung, die ein Herrscher oder General and) noch Im Weitfeit« kommandieren sollte. Ebenso Ist die Herleiiuug der mittelalterlichen VHelHnuren au« dem Braud), den Kleinen von den Pilgersahrien solche „Nei terlcin" und ähnliche« mitznbriugeu, höchst sraanüirdi». Sicherlich waren e« nur einzelne Arbeiten, die einen gewissen Knriostiäteu- niert belasten und nicht In erster Linie als Spielzeug gedacht umreit. Die früheste Erwähnung von Zlnnsplelslgnren, die sabrik »lästig Hergeslelll wurden, bat Hampe für da« Wahr lt',78 an« den Münchner Archiven ertnllleU. Wröftere» Anssehen erregten die Zlunsoldate» erst, alö sie in die Kiubersinhe de« Pariser Hof« ihren Einzug bleiten. Sv hie st eö In dem Tagebuch de« kleinen König« Ludwig Xlll.: „Am ‘20. Seviember 1010 wurde um 7% Uhr gefrühstückt; daun liest der ilöuig seine Menschlein von Blei holen und stellte auf dem entsprechend zubereiteten 2 l|d> seine Schwadronen auf. Am 10. Oktober vergnügt er sich damit, seine Ble|.mannschast verschiedene Gesechltcordnnngeu bilden zu lassen, und kaut, sid) von diesem Spiel nicht trennen. „Wür Lud wig XIV. wurde ein kleine« Ocer von Soldaten zu Pferd und zu W»st bet den kunstfertigen Nürnberger Meistern bestellt. Da« war eine graste Staatsaktion. Der Wluauzmlntster Eolbert leihst vergab den Auftrag; der grvste Weffuim«bntimelfler Baubun kün, werte sich darum, der her II hm le Goldschmied Wolrab führte die durd)schulttlich :i,l> Zoll hohen Männlein In Silber au«, und der gelchkkleste Mechaniker seiner Zeit, Gottfried Hanllch, stellte die tffbcTtic Vlrnicc nnf ein tpnflnmcnf, burrf) ein Mlnbrrtncrf in iTicrvcflunn defekt wurde. Dieses mechanische tfunfhuerf erregte 'iröstte Bewunderung. Nach einem zeiigenöffischeu Bericht soll A V'^üdl nelmu haben: „Mau must zugegeben, dast dir 4 eul|dien viel Geist haben." lind al« einer der Hofleute ent» gegnete: „Sire, öle Wranzoleu haben jedoch mehr", sagte der König verächtlich. „Wo, um Kletdermodeu zu erfinde ul" Wu den Dptelfigitreu Ludwig» Xlll. haben wir öle ältesten bekannten Bleisoldaten, von denen wohl auch noch ein Muster in einer in Paris gefundenen Wigur erhalten ist. Nürnberg, da« d e besten Spielsachen der Welt berflellte, unö wo 17 verschiedene Getverbe an der Erzeugung de« „Dvcteuwerk" heieiligl waren, warf sich nun anch ans die Erzeugung solcher Soldaten. Doch erst mit den Siegen »Friedrichs de« Grosten und dem iHuhm de« pren- |iiidieti Heere«, der öle ganze Well erfülle, umr öle S stimmnng für ö,e allgemeine Berbreitung der Spielsoidaien geschossen. Nun entstanden jene vorziiglichen Zinnfiguren, öle den grosten König selbst, seine Generale und verschiedene 1 rnppenteile mit aller (Me- imulnfell Wiedergaben unö z. D, wie öle «rbeiien der Nürnberger Warn nie Hilpert, wahre Kunstwerke sind Wie damals dieses neue Spielzeug die lugendliche Phantasie besrnchteie, dasiir bnben wir einen dichterischen Niederschlag in dem Märchen „Der neue Paris", das Goethe in da« zweite Buch von „Dichtung und Wahrheit" ansnahm, und das ans Erlebnisse seiner Knabenzeit zurllckgeht. Er erzählt hier von einigen Kasten, „in denen ich kleines Kriegervolf übereinondergeschichiei erblickte, von dem ich sogleich bekennen mnstie, dast ich niemals so etwa« Schöne« gesellen hatte". Dann schildert er die Schlacht dieser Llllpntkrieger, deren Urbild die Bleisoldaieu sind, mit denen er in seiner Wagend gespielt. Neben den Niirnberger Wabriken traten nun auch solche in anderen Siädien aus, und einen neuen gewatilgen Antrieb erhielt der Handel mit Bleisoldaten durch die napoleonischen Kriege, wie sich überhaupt von nun au jede« militärische Eretgnt« tu der Welt her Zinnsoldaten widerspiegelt. Während die Wignren zunächst stad) waren, wurden sie dann auch in masstger Nnndbett anöge- sübrl. DaS zeigt n. a. eine Anekdote, 6le (Id) in einem 0 rinne« rnugsbiub der Biedermeierzeit findet: Ein fünssäbriger .Hinge, her eine Schachtel mH bleiernen Husaren erhallen hat, fleht einen wirklichen Husaren, den er mH Wil Del begrüßt Aber al« dieser vom Pferd steigt, ruft da« Kind voller Schrecken: „Bäterchen, der Husar ist entzwei gegangenI" Niesele, Die Geschichte eine« Heinen Pferde». Bon Nikolau« S cb w » r z l o p f. (Nachdruck verboten.) l'Wvrtfetznng.l Kanute Dauphin nicht einen dieser dicken Gäule da? Hielt er nicht mit einem dieser roten Hengste einst sogar WrenndschasiY Er ik'rrle an seiner Leine, und einer der Wüchse legie seinen starken Hal« über Dauphin« Mähne. Dauphin wibberie, indes er so hi dieser Liebkosung »erharrte, am Heu eine» Protzkasiens, srast nicht, hälmelie nur so wie ein zarte« Zicklein und war seit langer Zelt tuIeher einmal durchaus beglücktI Bauern, die Dauphin schon vsi neben müden Kühen durch die Diodi hatten schleudern leben, ergingen sich zwischen den »bge- kblrrlen Pferden, rieben die Hände aneinander, lachten sich an und guckten Öen starken Gäulen tu die nusgerlfseueu Mäuler. Dauptiiu hülle sich nicht Io von jedermann in den Mund gucken lasten I Seine zwei Berglenle hatten'« eilig. Ein Bübchen, kaum fünf, zehn Wahre all, kam auf sie zu, klatschte Dauphin nnf den Schenkel, trat aber rasch wieder beiseite, al« siirchteie e« sich vor den zweiten. Er legte die eine Hand vorsichilg auf seine Mütze, die sonderbare Wülste hatte, al« verhülle sie einen verbeulten Stopf, „Na, willst hu nicht an bei fien 7" sragie her eine von Dauphin» Begleitern, und her andere fügte gleich hinzu: „Staunst ihn billig haben!'' „Der Wuchs hier", nnlinortele hn« Vlüluben, „kostet sünsundsiebzig Marti" E« zog an« seiner liefen Wnneniasche ein Pfund Vlullcr, stülpte die Mütze seine« Kopfe« und hielt in her Mütze den beiden zehn relumelfie Eier vor die Nafe. Der Knabe fnh Ion leid), hast sie'« zufrieden seien, und sagte, Indem er Ihnen (eine Kostbarkeiten überreichte und die Leine ergrisf: „Emma heisst sie hod). ja?" Der eine steckte die Vluller In seine Innentasche, her nitherc tippte am Wagenrand ein EI ans, und beide sagten sie zugleich: „Emmas Wreilich, wie denn sonsts" Auch der andere schlug ein Ei ans, und während der Knabe da« Säulchen ftflon fortfitbrte, flogen btt Eierschalen um ihre Ohren, aber sie beide achtele» nld)l daransl Sie entfernten sich weiter von her Stadt, überschritten eine Brücke, und kamen ans eine Landstraste, die link« unö reiht« mit alten Apfelbäumen bestellt mnr. An einem Steinhansen mnsste Dauphin stehen bleiben, unö der Knabe schwang sich ans seinen iltücken. Heisal Heisa! Dransten in brr Wreihet!, unter Aepselbänmen, zwischen Aeckern und Wiesen. Ein St Inh aus Dauphin« Nücke»! Wn leichtem Trab lies er dahin über die Tietustraste. ledig der ©leie, ledig der Stadl, ledig de« mürrlskhen Balihalars Et» Apsel hing allein aus einem Baum. Der Knabe stieg ab, warf mit einem Stecken In ole Krone, her Stecken blieb hängen, der Apsel fiel, und der Knabe gab den Apsel dem Gäitlcben, da« ans einmas wieher einen Name» hatte! „Will Emma auch et» Stück Brot?" Jawohl, Emma wist a»ch ei» Stück Brot! Mer Emma will /mch den Knaben wieder auf ihrem starken Nucken tragen! Am nächsten Steinhaufen blieb Emma vvn selber stehen, und der Knabe schwang sich wieder bäuchlings auf den schmalen Pferderücken, und der Pferderücken schwebte dahin. Die große Glocke der Staötkirche flutete hinterdrein, und als das Gcwoge nicht mehr zu hören war, verzögerte Emma den Schritt! Schweiß stand auf ihrer Haut. Durchs nächste Dorf führte der Knabe sein Tierchen an der Leine. Hinterm Dors stieg er nicht wieder auf, und der- Schweiß verkroch sich wieder. Ein Gebirge hob sich aus der Ebene auf, und tn den Fichten- spitzen des Bergkammes schwang sich ein leiser Wind. Die Sonne senkte sich gerade in diese zart bewegte Ruhe, und der Knabe sprach und deutete: „Siehst du Emma, dort oben hinter diesem Buckel ist unsere Heimat! Gehst du gerne mit? Du sollst es gut bei uns haben! Weißt, wir haben noch richtigen Hafer! Bei uns kannst du dich richtig erholen, da wird dein Wasserbauch verschwinden und die Fußreifen hier, und deine Backen werden sich füllen und deine Augen: zeig mal deine Augen! Aha! das ist eine Kleinigkeit für dich, die werden richtig glänzen wie die Sonne am Berge Gari- ziml Zu schaffen ist ja nicht viel bei uns: Du gehörst übrigens mir, und wenn sie dich einspannen wollen zu Dreckarbeiten, so werde ich auch ein Wörtchen mitzureden haben! Es ist ja richtig: wir haben einen Stall voll Kinder, und die Dienstboten bleiben nicht lang bei uns,' aber bist du etwa ein Dienstbote? Nein, Emma, du bist kein Dienstbote! Und unter uns gesagt: Dienstboten sollte es fortan überhaupt nicht mehr geben!" Gänse ergingen sich, Schweine grunzten im Straßengraben, eine Dreschmaschine brummelte irgendwo, aber man sah sie nicht. An all diesen Herrlichkeiten raste Emma vorüber, ohne verweilen zu wollen, und der Weg führte, weil sie wünschte, den Berg hinan, der Sonne entgegen! Die Sonne versank vollends, der Weg führte wieder talab, Häuser hockten unten beisammen wie eine Hühnerschar. Im Dorf stand ein neues Haus neben der Kirche, beschattet von der Kirche: das Schulhaus und hundert Kinder rasten an die Gitterstäbe, als Emma kam. Aber der Knabe hielt nicht an und eilte, ins Vaterhaus zu kommen, das am Ende der Straße in Fachwerk leuchtete. „Vater! Vater!" rief der Knabe tn den Hof, „Hans im Glück ich heimgekehrt! Komm rasch heraus und sieh, was ich dir für die Vuttter und für die Eier bringe!" Die Mutter erschien, schlug die Hände überm Kopf zusammen, drei kleine Kinder wackelten herzu, vier größere rissen das Hof- , tor auf und warfen ihre Schulbücher in die Ecke. Dann kam auch ! der Vater mit dem Federhalter hinterm Ohr, und in das Gejubel I der Kinder streckte sich seine sonore, hastige Stimme: „llebermorgen, Sigmund, ist sie tausend Mark wert unter Brüdern!" Emma stand sehr erregt da, sah sich nach allen Seiten um, musterte besonders die Kinder und freute sich, daß nacheinander, alle, und drei auf einmal sich auf ihren Rücken setzten. „Nichtig, tausend Mark unter Brüdern", entgegnete Sigmund, „aber Emma wird nicht wieder verkauft! Emma gehört mir!" Sigmund führte sein Gäulchen in den Stall des Vaters. Ein altes, ausgemergeltes Kühlein drehte gar freundlich den Kopf nach Emma und schien ihn nicht wegwenden zu wollen! Sigmund fing an zu putzen und striegelte Emma blitzblank. Diese schüttelte sich einmal der ganzen Länge nach vom Halse bis zum Schweif und schien über die Maßen beglückt zu fein. Am nächsten Morgen wurde das Kühlein geholt, und am Abend kamen zwei Kälber in den Stall. Emma, die den ganzen \ Tag über mit den Kindern und mit allen Kindern des Dorfes ; auf den herbstlichen Wiesen umhergetollt war, wie sie's seit ihrer Jugend nicht mehr getan, traf am Abend die beiden Milchkälber neben sich. Denn die Nenlinge waren noch so jugendlich, daß sie ihre Milch nicht aus der Schüssel trinken konnten, und daß sie also aus Flaschen mit Gnmmizapfen trinken mußten. Sie blieben nur eine Nacht im Stall, die Milchkinder, wurden geholt, und Emma war allein. Emma durfte ein Wägelchen ziehen, das kleiner und leichter mar als das Ka'ernenwägelchen. Zum nächsten Dors ging's, an den Bahnbos! Ein Sack Grieß wurde aufgeladen, und diesen Sack zog Emma heim. Es gina am selben Abend nochmals an diesen Bahnhof, und diesmal gab's eine Kiste Zucker und ein Faß Marmelade. Doch siebe: Ein Militärzug rauschte heran, und Sigmund stellte sich neugierig an die Sverre, indes Emma an der Straße sieben mußte. Sogleich tvaren Kinder um sie ber. Aber die Kinder blieben nicht lange bei ihr, denn die Straße her kamen etwa zwanzig Soldaten zu vieren im Gleichschritt mit fliegenden Mänteln und pfisien: Einer löste sich aus dem Glied, blieb einen Augenblick stehen, stürzte sich dann mit wettgeöfsneten Armen auf daS Käulchen zu und schrie: „Riefele! Riefele!" Die Kameraden hörten auf zu pfeifen, und der eine Soldat rief unausgesetzt: „Freut euch mit mir, ich habe mein Riesele wiedergefunden, das nertoren war!" Alle umstellten sie Riefele, alle grinsten vor fröhlichem Lachen, alle legten die schweren Hände auf Riefeles Rücken! Etliche spannten e -- aus. das Kummet flog auf das Marmeladenfaß, und letzt erst fam Siamnnd gelaufen, und fchrie und tobte: „Mein Gäulchen! Mein Gäulchen! Taufend Mark ist es wert unter Brüdern!" „Die Revolution hebt auch den Hilfsdienst auf, Gustav", sagte ein Feldwebel, „du nimmst dein Riesele mit heim, wohin es gehört!" „Tausend Mark, taufend Mark", schrie Sigmund. Gustav zog seinen Geldbeutel, leerte ihn in die Hand und zählte,' er hattet noch viernndzwauzig Mark und siebzig Pfennige. „Siegmund weinte heftig,' Kinder kamen hinzu und viele Erwachsene, und niemand hatte gegen den Soldaten etwas eiuzu- wenden. Die Soldaten aber zogen alle ihre Geldbeutel, und jeder gab dem Sigmund noch einen Markschein, so daß dieser die Lippen vorwulstete, das Geld einsteckte und sich getrost vor fein Wägelchen spannte und schließlich zu schmunzeln begann. Der Soldatentrupp nahm Riefele in seine Mitte und schob sich weiter die Landstraße hin. Man fang, man pfiff. Einer trommelte geräuschvoll ins Land hinein, und Riesele trappte inmitten einer Herrlichkeit, die es noch nicht durchgekostet hatte In den Dörfern kamen Kinder, ritten eine Strecke auf Riefeles Rücken und liefen wieder zurück. Junge Mädchen kamen, hängten sich den Soldaten in die Arme, ließen sich küssen, lachten und fangen mit, hell, wie Kinder fingen, und ihre Stimmen drangen Riesele ins Herz, als gehörten sie dorthin. Keines ging, ohne Riefele gestreichelt zu haben, und viele schenkten ihm etwas: ein Stück Zucker, einen Bissen Brot, eine Handvoll Gras, das sie in der Eile an den Wiesen abgetiffen! Eines dieser Mädchen, das besoitders übermütig sein mochte, ließ sich sogar auf Riefeles Rücken heben, als wär es selber noch ein Kind, und ritt so eine gute Strecke mit. Ehrenpforten taten sich auf, 6a der Trupp weiter ins Land kam, schwarz gekleidete Bürgermeister standen auf Balkonen, und Riesele nahm alles ruhig und ernst entgegen. Rote Bänder flatterten wieder an feinen Schläfen, und der Hals reckte sich, und die Ohre spitzten fast so hoch als die Soldaten. Eine alte Frau sah zum Fenster heraus, schlug, da sie die heimfahrenden Soldaten sah, die Arme überm Kopf zusammen und schrie wild hinaus, weil für sie niemand heimkehrte. Indessen wurde noch an diesem Abend der Truppe kleiner und kleiner, und als man sich zum Schlafen anschickte, waren nur noch sieben Mann beisammen und Riesele. Sie schliefen in einem warmen Stall. Sie schliefen auch am nächsten Abend wieder in einem warmen Stall. Am folgenden Abend aber stiegen sie in die Eisenbahn. Und nun ging’S rasch dahin, rechts die Ebenen, links das Gebirge, über einen Seitenfluß, über Bäche, zu den zwiebeligen Kirchtürmen und an den breiten Fluß. Man stieg ans an einem Bahn- hvfchen, das Riesele schon einmal gesehen hatte. Etliche Soldaten biteben zurück, und winkten. Nun wanderten die drei die Bergstraße hinan, wo Niesele alles schon einmal gesehen hatte. Das Birkenwäldchen hob sich in den blauen Himmel, die Wiesen dehnten sich hin, und viele Kühe weideten den letzten Wuchs ab. Am Eingang des Dorfes prangten wie überall grüne Fichtenkränze, Tafeln mit Sprüchen, die noch -int Kaiserreich geboren waren, und rote Papierbänder blätterten hin und her, durchzittert von bangen Hoffnungen um die bessere Zukunft. Wie Riesele den Weg links einbog nach dem Mutterhaus, ging etwas in seiner Seele vor: es blieb stehen! es hob langsam den Kopf, es pendelte die Ohrenspitzen gegeneinander, es entblößte die Zähne, und nun begann es zu rennen, daß Gustav nur mit Mühe ihm folgen konnte. Auf den Steinstufen der hohen Treppe saß die Familie des Bauern Klaus: er, der Bauer, Katherin, seine Fran, der rothaarige August und Trudel, die ein großes Mädchen geworden war. Sie tranken aus weiten tönernen Schalen ihre Abendmilch und aßen weißes Brot, das dick mit Butter bestrichen war. Als sie erkannten, wer da heimkehrte, liefen sie von der Treppe herab. Eine Schale zerklirrte in Scherben, und mitten auf dem Weg fielen sich alle nacheinander um den Hals, und auch Riesele warb geherzt und verstohlen geküßt. Als der Bauer sich überzeugt hatte, daß die beiden Zurückgekehrten unverletzt und gesund vor ihm standen, nahm er seine Frau an der Hand und sührte die Seinen heimzu hinter sich drein. 17. In dem Heimathause Riefeles hatte sich nicht viel verändert. Trudel, die Mutter, stand noch im Stall, eine Kuh ihr zur Seite, zwei Ziegen meckerten hinten, ein Hasenvater hon sie an seinen vernachlässigten Jungen vorbei, die Schwalbennester prangten in vergilbenden Kot. auf der Stall'chmelle saßen Hübner mit ihrem Hahn, Enten wackelten einher. Gänse erzählten sich die Neuigkeit der Zeit, und das fleißige Lieschen schnurrte dünn und abgearbeitet die Stunden aus der Stube herunter in den Stall und manchmal brummte« die tiefen Signale vom Rhein her Die Hauptarbeit des Jahres war geschafft, als Niesele frischen Mutes in die heimatliche Siele trat. Am nächsten Tage ließ Gustav sich von seinem Bruder August ins Städtchen zu feinem Meister fahren, wo er das Wagnerhaudwerk erlernen wollte. Jeder Schritt, den 9iicfele tat, war Freude: jeder Atemzug mar Freude! Das Birkenwäldchen drüben, das mächtig in die Höhe geschossen mar, das leere Feld goß Freude in feine Seele! Die kaßlen Obstbäume, die rote abgearbeitete alte Männer den Hang hiuanstanden, als müßten sie sich, hinaufzukommen, sie erfüllten die Seele des Gättlchens mit Freude! (Schluß folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche UniversitätS-Duch. und Steindruckerei. A. Lange, Sieben.