SieMerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Montag, den 7. August Nummer 60 phidile. Von Matthias Claudius. Ich war erst sechzehn Sommer alt, Unschuldig und nichts weiter Und kannte nichts als unfern Wald, Als Blumen, Gras und Kräuter. Da kam ein fremder Jüngling her; Ich hatt ihn nicht verschrieben Und wußte nicht wohin, woher: Der kam und sprach vom Lieben. Er hatte schönes langes Haar Um seinen Nacken wehen; Und einen Nacken, als das war, Hab ich noch nie gesehen. Sein Auge, himmelblau und klar! Schien freundlich was zu flehen; So blau und freundlich, als das war, Hab ich noch keins gesehen. Und sein Gesicht wie Milch und Blut! Ich hab's nie so gesehen; ' Auch was er sagte war sehr gut, Ich konnt's nur nicht verstehen. Er ging mir allenthalben nach, Und drückte mir die Hände, Und sagte immer o und ach, Und küßte sie behende. Ich sah ihn einmal freundlich an, Und fragte, was er meinte; Da siel der junge schöne Mann Mir um den Hals und meinte. Das hatte niemand noch getan; Doch war's mir nicht zuwider. Und meine beiden Augen sah'n In meinen Busen nieder. Und sagt ihm nicht ein einzig Wort, Als ob idj’s übelnähme. Kein einzigs, und — er flöhe fort; Wenn er doch wiederkämel Oie Tante. Von Mare Stahl. Das kleine Fremdenzimmer auf dem Gut hieß das blaue Zimmer, weil die Rouleaus blau waren. Darauf war eine Jagd gemalt, Damen in lieifröcken zielten mit Bogen nach einem Hirsch, der mit blauen Beinen Md blauem Geweih über eine blaue Wiese flog. Eigentlich hätte das alles grün fein muffen, aber der Künstler, der die Malerei entworfen •)‘ tte, war für blau gewesen, und, genau genommen, fand auch niemand eiwas dabei, bis auf Elisabeth. Elisabeth war in den Jahren, wo man es für seine Pflicht hält, die Seit kritisch zu betrachten. Sie mokierte sich also mit ihren siebzehn Jahren ü er die blaue Jagd ebenso wie über die Tante Dorothea und den Datei Otto. Die Hunde Pikas und Karo waren von ihrer Kritik ausgeschlossen, fit waren so selbstsicher in ihrem gelben, struppigen Hofhundsfell. Höch- tns daß der Name „Pikas" ihr zu denken gab, es war aber leicht fest- jtstellen, daß er einmal Pik-As gelautet hatte. Tante war stattlich, mit schönem, hartem Gesicht. Sie stand oft hinter bin Tannen der Gartenmauer versteckt und blickte mit einem Feldstecher such der Chaussee hinüber, als warte sie aus jemand. Elisabeth beobachtete Dom Baumgarten aus, dessen letzte Ecke eine Ulmenlaube trug, deren stutzte Häupter groteske Figuren bildeten, und sah, von der Tante un- kmertt, ebenfalls über das flache Land, aber nach der anderen Seite ki, denn etwa zehn Kilometer weiter begann die Grenze. Das Gras im Baumgarten war hoch wie in der Steppe. Als Elisa- kch klein gewesen war, hatte sie sich darin verlaufen. Sie erinnerte sehr gut ihrer entsetzlichen Angst zwischen den hohen Gräsern, Sie “ter ihr zusammenschlugen, sie war so klein darin wie ein Grashüpfer. fc'£ hatte geschrien, bis man sie sand. Jedesmal, wenn Tante davon erzählte, fühlte sie sich beschämt und lächerlich gemacht, sie war noch nicht lange genug von der Kindheit entfernt, um selbst darüber zu lachen. Da war es schon besser, wenn Tante von Königsberg erzählte, wie sie dort als junges Mädchen bei Tante Hardank gelebt hatte. Immer, wenn Tanke davon erzählte, versank sie gleich darauf in Nachdenken. „Hast du deine Mutter nicht gekannt?" fragte Elisabeth einmal. „Nein", sagte Tante Dorothea kurz, brach ab und sprach von etwas anderem. Elisabeth hatte keine Zeit, über die Hintergründe von Tankes Verstummen nachzugrübeln. Die Zäune wurden frisch gepinselt, der Knecht Friedrich besserte das Boot aus, das halb versunken im Gartenteich stand, und die Hündin Mila bekam Junge, sechs gelbe, struppige Junge, lauter „Pikasse", wie der Knecht Friedrich versicherte. Elisabeth fand, daß Mila zu wenig Futter bekam. Sie ging in die Speisekammer, um etwas Futter für sie zurechtzumachen. Der Onkel war dort beschäftigt, sich zu einem Stück Brot mit Speck einen Kümmel einzugießen. Er erschrak, als er Elisabeth sah. Elisabeth lachte. „Lache nicht so taut, sonst hört es Tante", bat er. Aber Tante hatte es schon gehört. Sie maß beide mit bösen Augen. „Du und die Leute", sagte sie zum Onkel, „ihr freßt mir noch die Haare vom Kops." Sie ging und schlug die Tür zu. Elisabeth stand betreten da. Der Onkel lächelte hilflos und ging auf [einen kurzen, dicken Seinen hinaus. Elisabeth war ganz entsetzt darüber, daß ihre Tante so geizig war. Sie besann sich jetzt auf vielerlei ähnliche Züge. Die Tante begann in ihrer Achtung zu sinken. Sie sah jetzt aufmerksam hin und begann die mürrischen Gesichter des Gesindes zu betrachten. Die Tante zankte ewig mit den Leuten und behauptete stets, man betröge sie. Jeden Abend gab es Pellkartoffeln und dazu Heringe, die die Tante eigenhändig aus der Tonne, die im Keller auf drei Ziegelsteinen stand, dem Mädchen in die Schüssel zählte. Sie sah fort, wenn die Tante sie prüfend ansah. Sie hatte das Gefühl, ihre Abneigung müsse chr auf dem Gesicht geschrieben stehen. * „Für wen spart Tante eigentlich?" fragte Elisabeth eines Tages den Onkel. „Ihr habt doch keine Kinder?" „Für mich nicht und für dich auch nicht", sagte er. Elisabeth ging verwirrt fort. Eines Tages saß sie im blauen Zimmer, als sie im Saal, der daran stieß, die Tür der Vitrine klirren hörte. Sie sah durch den Türspalt, die Tante kniete vor dem Glasschränkchen und machte Ordnung zwischen den Nippes. Sie staubte alles sorgfältig ab, obwohl kaum ein Körnchen Staub durch die Glastüre gedrungen sein konnte, und stellte die Sächelchen voller Liebe in ihr sicheres Gehäuse zurück. Das Gesicht der Tante trug einen ganz anderen Ausdruck, als sie sonst an ihr zu sehen gewohnt war. Es war zärtlich und sanft. # Eigentlich war es merkwürdig in dem Saal. Alle Möbel waren mit Schutzleinwand überzogen. Der große venezianische Kronleuchter hing unbeweglich in rosa Gaze gehüllt, über dem verhängten Mahagonitisch. Die schmalen, hohen Spiegel zwischen den Türen warfen das Bild der knienden Tante vervielfältigt zurück. Es lag etwas Unheimliches über dem Saal und seiner Bewohnerin. Der Kronleuchter sah unförmlich in dem leicht angelaufenen Spiegelglas aus, wie ein riesiger, eingemummter Schinken. Elisabeth ging leise auf Zehenspitzen zu ihrem Platz zurück. Nach einer Weile kam die Tante herein. Ihr Gesicht trug immer noch den veränderten Ausdruck. „Liest du?" fragte sie. Elisabeth nickte. Sie hatte einige dicke Bände mit gebundenen illustrierten Zeitschriften vom Boden geholt. Die Tante ging auf und ab, sie zupfte an den Rouleaus und brachte eine Schnur in Ordnung. „Ich weiß, du glaubst, daß ich geizig bin", sagte sie plötzlich, „aber ich spare nicht für mich. Ich bin nur besorgt um andere. Für einen anderen —", verbesserte sie sich. Elisabeth war rot geworden, weil die Tante fo unvermittelt ihren Verdacht aussprach. Aber die Tante sah nicht hin. Sie zupfte unentwegt an der verhedderten Schnur und tat, als ob das allein wichtig sei. „Ich betrachte das Gut nicht als mein Eigentum, obwohl es mir gehört", jagte sie, „ich verwalte es nur." „Wie?" fragte Elisabeth erstaunt, „ich dachte, du hast es mit eigenem Geld gekauft." „Wie man es nimmt", antwortete die Tante, „also hör zu. Ich war sechzehn Jahre lang bei Tante Hardank. Ich war eine Waise und ganz auf Tante Hardank angewiesen. Ich kam mit sechzehn Jahren dort hin und blieb weitere sechzehn Jahre — da war ich zweiunddreißig Jahre alt, Und sie ging hinaus. * also nicht mehr jung, du wirst sagen uralt. Ich hätte natürlich gehen können, aber du weißt nicht, wie arm ich war. Nichts, was ich au, dem Leibe trug gehörte mir. Alles war Tante Hardanks Gnade. Sie wollte gern daß 'ich heiratete, aber ich wollte nicht; nun ja, ich muß es sagen, sonst' ist dir doch alles zusammenhanglos — ich wollte nicht, weil ich Victor Hardank, ihren Sohn, liebte. Es war ganz aussichtslos, daß sie jemals ihre Einwilligung dazu geben würde. Sie beschwor ihn von mir abzulassen, und mir band sie die Hände mit der wirksamsten Waffe, sie sührte ihre Sorge um mich ins Feld, und ich mußte ihr danken, -oictor war mindestens ebenso eigensinnig wie seine Mutter, er ging einfach auf und davon, ohne sich um ihre Tränen zu kümmern. Damals war ich sechsundzwanzig Jahre alt. Sechs Jahre lang bat sie ihn in unzähligen Briefen, zurückzukommen und vernünftig zu fein. Natürlich gab er nicht nach, mit keinem Wort, und fie auch-nicht. Dann starb sie. Sie enterbte ihn und schenkte mir alles. . Ich habe dann geheiratet, weil ich auch letzt nichts gegen den Willen der alten Frau tun wollte, ich wollte Victor vergessen, wie er mich anscheinend vergessen hatte. Ich wollte Kinder haben und endlich einmal ein selbständiger Mensch sein, aber es ist mir nicht gelungen. Kinder haben wir nicht bekommen, und Onkel — nun, er ist sehr gut, nur leicht ver- schwenderiich, und das kann ich nicht dulden, bei einem Gut, das mir gar nicht gehört. Denn wenn ich einmal weiß, wo Victor ist, werde ich ihm alles zurückgeben. , „ .. , .. .. Sie hatte endlich die Schnur in Ordnung gebracht. „Verdirb dir die Augen nicht beim Lsfen, Elisabeth", sagte sie, „es wird schon dunkel. Ein paar Tage darauf wurden die Fischteiche abgelassen. Zwei Männer sprangen in den Schlick und lasen die zappelnden Fische in Bottiche, die ihnen die Mädchen reichten. Der Ortsschulze kam des Weges und sah eine Weile zu, wie die goldenen Barsche und grünlichen Karpfen verzweifelte Anstrengungen machten, den Männern entgegenzukommen. Dann trat er an die Tante heran. .. „Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?" fragte er und führte sie ein Stückchen abjeits. „Ich habe nämlich einen Brief für Sie", fuhr er fort, „von einem gewissen Victor Hardank aus Minnesota. Der Brief ist schon eine Weile unterwegs, er ist zuerst nach Königsberg gegangen, und von dort aus ist Ihre Adresse ermittelt worden. Hier ist er." Die Tante nahm eilig den Brief und ging in den Baumgarten. Elisabeth hatte unruhig aus der Entfernung die Uebergabe des Briefes mitangefehen. Als die Tante lang« fortblieb, ging sie ebenfalls in den Garten. . . „Tante Dorothea faß in der Ulmenlaube. Sie hielt den Brief in der Hand und sah über die weiten Felder fort. „Störe ich?" fragte Elisabeth beklommen. „Nein", sagte die Tante hart, „niemand stört mich. Nichts und niemand. O mein Gott!" Sie warf die Arme auf den Tisch und legte den Kopf darauf. „Victor Hardank ist tot. Er ist ganz arm gestorben, vielleicht ist,er verhungert, und ich habe hier im Uebersluß gelebt." „Aber du warst.doch so sparsam", sagte Elisabeth leise. „War ich das?" fragte die Tante. „Ein Glück für mich, daß ich geizig war. Ich hätte jeden Abend hungrig schlafen gehen müssen." ^Elisabeth versuchte leise ihre Hände zu streicheln. Aber die Tante spfang auf und lief in der Laube auf und ab. Fern in der Gartentür zeigte sich der Onkel. „Jetzt sollen alle prassen", schrie sie böse, „alles kann vergeudet werden, alles kann aufgegessen werden, alles verschenkt — was geht es mich an!" „Aber Tante!" bat Elisabeth. „Still", sagte sie, „komm, hilf mir packen. Ich gehe noch heute fort." Elisabeth folgte der alten Frau verstört. Ihr tat das Herz weh. Die Gärten, die Kühe, die Pferde, Pikas und das blaue Zimmer — olles sollte nicht mehr für sie und die Tante da fein. Sie konnte es nicht fassen; sie ging verzweifelt in den Saal und sank auf einen Sessel. Die Nesselbeziige der Polstermöbel leuchteten gespenstisch in dem Dunkel der halbgeschlossenen Jalousien. Die Tante kam herein. „Warum weinst du, Elisabeth?" „Das Leben ist so furchtbar schwer", schluchzte Elisabeth. Die Tante setzte sich auf den anderen bezogenen Sesfel. Sie stützte den Kopf in die Hand. „Alle haben immer gesagt, ich sei eine geizige Frau. Aber sie fallen sehen, daß ich nicht geizig bin. Alles schenke ich dir, Elisabeth, alles." Sie stand auf und umarmte Elisabeth. „Ich bin eine böse, alte Frau geworden. Aber, weiß Gott, ich war daran ohne Schuld, ich hab« das Beste gewollt, aber so geht es. Plötzlich gerät man aus einen Weg, den man gar nicht gewählt hat. Ich will nicht wie die andere Frau Trübsal um mich aussäen. Du sollst es besser haben als ich, Elisabeth. „Willst du nicht bei mir bleiben? flehte das Mädchen. Die Tante stand unbewegt. Es kratzte an der Tür. Die Hündin Mila mit ihren Jungen kam herein. Das Hausmädchen hatte in dem Wirrwarr nicht acht gegeben, und so waren die Tiere bis ins Allerheiligste gedrungen. „Sieh diese jungen, kleinen Geschöpfe", ries Elisabeth, „willst du nicht bei ihnen bleiben, bei mir, bei uns allen, die du lieb hast?" Die Tante streichelte die gelben, zottigen Pelze der Kleinen, und ihr hartes Gesicht wurde weich. Plötzlich fing sie an zu meinen. Sie lag auf den Knien, und ihre Tränen fielen auf die jungen Tiere, die sich unbeforgt und vergnügt miteinander balgten. Dann umfaßte sie mit einem Arm Elisabeth, die sich neben ihr hin- gekniet hatte. „Ich werde bleiben", sagte sie endlich, „du bist ein wirklich gutes Kind, meine kleine Elisabeth, ein wirklich gutes Kind." August. Don Theodor Storm. Die verehrlichen Jungen, welche Heuer Meine Aepfel und Birnen zu stehlen gedenken, Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen Womöglich insoweit sich zu beschränken, Daß sie daneben auf den Beeten Mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten. Deutsche Ostseestädte- Von Herbert Günther. Die Plätze, an denen die Küftenstäüte entstanden sind, haben eine gemeinsame Eigenschaft: das Wasser ist wie eine Zunge ins Land hinem- gedrungen, an deren Spitze eine Siedlung geschützten Raum findet, oder «in Fluß strömt in die See und bildet durch seine verbreiterte Mündung eine Mulde. So kommt es, daß viele Oftseestädte einige Kilometer vom Meer entfernt liegen und mit der offenen Flut durch ein stilleres Gewässer verbunden sind. Draußen aber reiht sich ein Kranz von Badeorten, von der Stadt getrennt und doch zu ihr gehörig. So ist es bei Flensburg und Kiel mit der Förde, bei Lübeck mit Trave, Travemünde und der von 20 Bädern eingerahmten Lübecker Bucht, bei Rostock mit der Warnow, Warnemünde und den vielen anderen mecklenburgischen Bädern. Greifswald hat den Ryk und den Bodden, Danzig die Mottlau und Zoppot, Königsberg den Pregel und die Bäder der Steilküste. Wismar ist durch die tiefe Wismarer Bucht geschützt, Stralsund durch die vorgelagerte Insel Rügen, Stettin durch Oder und Haff. . . Durch diese Lage hat auch die Geschichte jener Städte viel Gemein- sames. Lübeck, Rostock und Wismar schlossen 1259 jenes denkwürdige Bündnis, das zum Ausgangspunkt der Hanse wurde. 20 Jahre später treten Stralsund und Greifswald dazu, und schließlich hat der Siadte- bund bis zu 90 Mitglieder, wird eine politische Macht ersten Ranges und beherrscht die ganze nordische Welt. Weiter blühend oder vom Niedergang früherer Größe betroffen, sind sie alle heute wie einst Meerstadte, Handelsstädte, Häfen, voll von Zeugen.ihrer erhabenen Vergangenheit: der stolzen norddeutfchen Backftein-Gotik. Aber sie sind nicht alle nur Seestädte. Vier Provinzen und Lander begrenzen die Ostsee: Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Pommern, Ostpreußen, und jede von ihnen hat eine eigene Universität, mit ihren be- sonderen Verpflichtungen aus Volkstum und Landschaft: Kiel, Rostock, Greifswald, Königsberg. Die beiden äußeren davon sind zudem seit Kriegs- ende Grenzland-Universitäten geworden, also Bildungszentren des gesamten bedrohten Volkstums in Nord- und Ostmark, nicht nur Studien- ftätte der Berufsakademiker und in Erfüllung der hohen Aufgabe edelster deutscher Kiilturpropaganda innerlich wie äußerlich gewachsen. • * Flensburg, die Hauptstadt des ehemaligen Herzogtums Schleswig, ist seit 1920 Grenzstadt. Das idyllische Teich-Schloß Glücksburg ist grade noch deutsch, aber so kurze Ausflüge wie nach conberburg, Düppel, Gravenstein führen schon ins Dänische ... Diese charaktervolle, landschaftlich herrliche Reeder- und Handelsstadt sollte viel mehr von uns Binnen-Deutschen besucht werden! Um den Hafen herum gebaut, steigt sie rind) beiden Seiten an: die Alkstadt ist immer der Mittelpunkt im Tal, die neuen Teile klettern zu den Höhen empor, deren Randstraßen weite Blicke zu der gegenüberliegenden Seite und über die mit weißen Segeln besäte, grünumroaföete, blaue Förde eröffnen. Nikolai- und Marienkirche mit prächtigem Altar, auch das Nordertor mit seinem gespreizten Staffelgiebel sind wuchtige Zeugen von Flensburgs Vergangenheit. In der Ncwderstraße steht das Alt-Flensburger Kaufmannshaus, in dem Hugo Eckener, Ehrenbürger von Flensburg, feine Jugend verlebt hat. * Kiel liegt „meerumschlungen", wie es im Liede von ganz Schleswig- Holstein heißt, sozusagen an Ost- und Nordsee zugleich: durch den Kaiser- Wilhelm-Kanal, eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt! Mehr als 200 Schiffe durchfahren ihn täglich! Kiel ist noch heute Deutschlands bedeutendster Marinehafen, und nicht zufällig erhebt sich auf dem Laboer Fort das größte deutsche Marine-Ehrenmal (an der Kieler Jnnen- förde außerdem das U.-Boot-Ehrenmal). Ebenso steht Kiel im friedlichen Wettbewerb zur See an der Spitze: die „Kieler Woche" ist die umfassendste segelsportliche Veranstaltung Deutschlands. Verkörpert Kiel das Bild einer stetig aufstrebenden modernen Großstadt, so Lübeck das einer mittelalterlichen dazu. Reichsunmittelbar noch'als „die kaiserlich freie und des Römischen Reichs Stadt", hatte be die Führung im Städtebund der Hansa, und aus dieser Zeit stammt ihr Reichtum und der Glanz ihrer Baukunst. Der Dom, eine Gründung Heinrichs des Löwen, und das Holstentor sind Baudenkmäler, die zu Symbolen des Deutschtums geworden sind. An seinem Rathaus haben die Geschlechter mehrerer Jahrhunderte gebaut: gotische Strebeglieder recken sich hinter der gedrungenen Wucht des Renaissance-Vorbaus empor. Ehrfurcht überkommt den Beschauer und ein tiefes Glücksgefühl. Es ist wie eine Erlösung, wenn die alten Orgeln Lübecks diesem überwältigenden Empfinden Sprache geben, jene Instrumente, die zu den riesigsten unö klangvollsten der Welt gehören. Die Marienkirchen in Lübeck, Rostock, Danzig sind die drei größten Gotteshäuser an der deutschen Ostsee. Die Marienkirche in W i s m -> r ist nicht viel kleiner, und zwei weitere erheben sich dicht daneben. Wismar besaß sogar eine eigene weltliche Schule, die „Alte Schule", einen. der prächtigsten Profanbauten Deutschlands, in bunt glasiertem Backstein Der Fürstenhos, eine unerwartet schmuckreiche Schöpfung norddeullcyer Frührenaissance, verstärkt den ungemein reizvollen Eindruck, mit oei Wismar jeden tief gefangen nimmt. Alle Hansestädte verdanken ihr Gedeihen der Volksgemeinschaft-, nur Wismar sah einen Herzog in seinen Mauern, das Schloß erinnert daran. Wenig bekannt ist übrigens, daß Schweden, dem Wismar 1648 bis 1803 gehörte, erst 1903 auf sein Rück- kaussrecht verzichtet hat. Mitten in der Gegenwart steht R o st o ck, der Geburtsort des Fürsten Blücher, gleichfalls mit feinen Kirchen, Toren, Bürgerhäusern, Back- stcingiebeln und Befestigungsanlagen wohlerhalten — mittelalterlich und doch eine lebhafte moderne Wohn-, Durchgangs- und Kongreßstadt. Vier Kirchtürme zählt Rostock sogar, alle anderen Hansestädte haben nur drei, außer Lübecks sieben. Sonst jedoch steht Rostock mit seinen sieben Wahrzeichen unter dem Szepter der Sieben: es sind die sieben Türme der Marienkirche, die sieben Straßen am Markt, sieben Stadttore, sieben Uferbrücken, sieben Rathaustürme, seine sieben Glocken und die sieben Linden im Rosengarten. Stiller wieder, in der Landschaft Caspar David Friedrichs, ist Greifswald, mit der aus Rostock entstandenen Universität (Preußens ältester alma water und der größten Grundbesitzerin unter allen deutschen Hochschulen) und seinen ländlich-derben Kirchen, dem „Langen Nikolaus" und der „Dicken Marie", in deren Schatten sich so gut der in den Landessarben glänzende „Pommersche" trinken läßt, eine „Gryp- ser" Spezialität: Mischung von rotem Brandy und weißem Korn. * Dazwischen liegt Stralsund, dessen Gestalt so merkwürdig ist wie die ganze, noch immer trotz des Rügen-Verkehrs viel zu wenig besuchte Stadt: dreieckig, dreiseitig vom Wasser umschlossen, an den drei Ecken durch Dämme mit dem Festland verbunden. Dieses Stralsund, das W a l l e n ft e t n zu nehmen sich vergeblich verschwor, „und wenn es mit Ketten an den Himmel geschmiedet wäre", funkelt von Farben und Formen. Dunkelrot leuchten die Backsteintürme, grün ihre kupfernen Helme, und die Häuserfronten der Straßen springen unruhig vor und zurück. Stralsunds Alter Markt mit der prunkvoll-zierlichen, lichtdurchbrochenen Schauwand des gotischen Rathauses vor der gleichaltrigen Rikolaikirche ist einer der eigenartigsten, der Remker des Katharinen- Klosters (zugleich Museum mit dem berühmten Wikinger-Goldfchinuck) einer der besterhaltenen Jnnenräume deutscher Backsteingotik, der Räucher- Iboden des Johannisklosters eine der sonderbarsten Wohnungen Deutschlands, die Stelle in der Fahrstraße, auf der Schill 1809 siel, das schlichteste deutsche Denkmal. Was aber sind diese und noch viele andere Merkwürdigkeiten gegen den Anblick der Stadt vom heimkehrenden Rügen- oder Hiddensee-Dampfer aus! * Stettin, die Hauptstadt von Pommern, ist heute der größte deutsche Ostseehafen und mit seinem Reiherwerderhafen für Massengut der vollkommenste uni) modernste in Europa überhaupt, ebenso hat der jüngste Knischupppen als Umschlags- und Lagerhaus an Fassungskraft und Aufteilung in Europa nicht seinesgleichen: es kann den Güterinhalt von nicht weniger als 4000 Eisenbahnwagen aufnehmen. Immer von neuem ist der Blick über das bunte Getriebe des Hafens ein gewaltiger Eindruck, ob man ihn am Bollwerk genießt, während einer Rundfahrt oder von der Hakenterrasse aus, einer der großartigsten Terrassen-Anlagen Deutschlands: unmittelbar am Wasser gelegen, aus Festungswällen entstanden, grün bewachsen und durch monumentale offizielle Gebäude gekrönt. Stettin ist aber nicht nur eine moderne Verkehrs-, Handels- und Industriestadt, wie man es sich gemeinhin vorstellt. Als ehemalige Hansestadt hat es sich mancherlei Sehenswürdigkeiten aus feiner langen Vergangenheit bewahrt: das Schloß der ehemaligen pommerfchen Herzöge, das barocke Königs- und Berliner Tor, das Denkmal Friedrichs des Großen von Schadow und eine Kuriosität ersten Ranges, nämlich in bet' alten und hohen Jacobikirche auf dem schön geschlossenen Roßmarkt des in einen Pfeiler neben der Orgel eingemauerte Herz des Lieder- komponiften Carl Löwe, das in einer goldenen Kapsel ruht. Schmucke Dampfer vermitteln bon der Hakenterrasse aus den Verkehr mit dem eleganten Swinemünde, Deutschlands größtem Seebad, und den übrigen Bädern auf Usedom und Wollin. Danzig und Königsberg am Ostrande der deutschen Ostsee — das ist eine Welt für sich. Danzig, ein altes deutsches Stadtbild von fast beispielloser Reinheit, besitzt in seiner Marienkirche den mächtigsten Bau der deutschen Backstein-Gotik und die fünftgrößte Kirche der Welt, im Roten Saal des Rathauses — neben denen in Bremen und Augsburg — den hervorragendsten Saalbau dieser Zeit. Das Krantor, die Glockenspiele, Patrizierhäuser und Gassen mit ihren „Beischlägen" — in die Straße vorspringenden, kleinen Terrassen — sind einige der vielen Charakteristika Danzigs. Es ist Geburtsstadt des Philosophen Schopenhauer, wie Königsberg die Kants, H a m a n n s, E. T. A. Hoffmanns. Das Königsberger Hochmeifterfchloh und die Krönungskirche der preußischen Könige, der monumentale Dorn mit seinen Grabstätten, die Alte Universität, an der jener große Weise lehrte, das umfangreichste deutsche Freilichtmuseum im Tiergarten, das weltberühmte Bern- ftein-Museum des „Goldes vom Samland", der moderne Ostseehafen mit den größten Silos des Kontinents, nicht zuletzt das „Blutgericht" (die originelle Weinstube im Schloßkeller), ein Gegenstück zum Danziger „Lachs" — das alles hält jeden Reisenden für einige Tage in der nordöstlichen Großstadt des Deutschen Reiches fest, der auf dem Wege ist nach dem Roulette- und Opem-Spielplatz Zoppot, der Marienburg, Ma- surens 3000 Seen, nach dem vom Mutterland getrennten Memel, ober nach der Urweltlanbschaft der K u r i s ch e n N e h r u n g mit ben wusten- nrtigen größten Wanderdünen ber Erbe, ben Vogelzügen unb Elchen. Der „Seebienft Ostpreußens" bezieht in biefem Jahre auch noch Lübeck unb als Zwischenhäfen Warnemünbe sowie Binz auf Rügen ein, unb fo ist auf nicht weniger als elf Hanseaten-Fahrten Gelegenheit gegeben, in 36ftünbiger genußreicher Seereise bie beutschen Oftfeeftäbte zwischen Travemünbe unb Pillau an sich^vorüberziehen zu lassen. Der Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Walter Julius B l o e m (GDS.). (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Länger als bis zehn darf Rosemarie wohl nicht gut hier am Flügel sitzen bleiben. Aber Lisa war immerhin ihre nächste Freundin. Also bleibt sie bis elf und genießt die vier Feierstunden. In diesen vier Stunden verwandelt sich der Schmerz in eine Wohltat, er spannt sich regenbogenfarben über der Alltäglichkeit, mit jedem Ton tropft ein wenig Zuversicht in ihr Herz, und in hunderttausend Tropfen Zuversicht ertrinkt endlich die Klage. Rosemarie wird ihre Scheu überwinden und zu den einflußreichen Damen der Stadt gehen, die ihr einen Klavierabend ermöglichen sollen. Das geschähe sogar durchaus nicht zum erstenmal, Peter Schönlein mußte für feine Frau viele Beziehungen ausnutzen, in allen Wahltätigkeitskon- zerten sang sie, bei vielen Klrchenfesten klang ihre gefangene Stimme durch den feierlichen Raum. Rosemarie durfte ihre Freundin immerhin auf dem Flügel begleiten, sie hörte Lisa fingen und fragte sich, ob die Leute eigentlich taub seien. Spürten sie nicht dies innerliche Zerbersten, die Gewalt einer Sehnsucht, die sich sreisingen will? Und schließlich, im vorigen Winter, saß jemand unter ben Zuhörern, ein kleiner Theaterdirektor aus dem deutschen Süden, der auf ber Vorüberfahrt Verwanbte besuchte. Da Lisa nun fort ist, fo könnte man Peter fragen, ob er seine Beziehungen nicht für ein Wohltätigkeitskonzerck anspannen kann, ein Vor- roanb für alle Beteiligten, für bie Damen, bie sick wichtig und großmütig vorkommen, für Rosemarie, der es nur darum geht, vor einer Schar möglichst fachkundiger Zuhörer öffentlich zu spielen, — aber welcher Vorwand für Peter? Diese vier klingenden Stunden hätten ein gewählteres Publikum verdient als das Ehepaar Gruber von der Einhornapotheke im Erdgeschoß. Die beiden alten Leute sitzen dick und gutmütig in ihren geflochtenen Korbsesseln und die Frau Apotheker lehnt ihre hochtupierte Frisur an das aufgehängte Kiffen mit der Stickerei „Ruhe sanft". „Was spielt sie denn jetzt, Vater?" „Natürlich Beethoven", sagt der Apotheker hinter der Zeitung hervor. Sie spielt aber eine Suite von Dvorak. „Wenn es feine Frau ist, spielt sie ja recht schön. Aber wenn sie es nicht ist, ist es unerhört. Doch gegen elf wird es den beiden Alten genug mit der Soiree, und ein Besen pocht laut an bie Decke. Rosemaries Finger bleiben erstarrt in ber Luft hängen, sie schließt eilig ben Flügel unb schleicht sich schulbbewuht davon. Aber im Flur sieht sie Schönleins Mappe liegen, er ist also dage- mesen und wieder weggegangen, als er sie hörte. Das ist deutlich. Noch deutlicher wird es, als sie ihm am nächsten Abend in der Nahe der Pianofortefabrik begegnet. „Ich war gestern — ich habe mir gedacht — ich spielte gern —" Peters Gesicht hallt sich nicht auf, er kneift die dünnen Lippen zusammen und sagt weder etwas dafür noch etwas dagegen. Von ihm gibt es keine einzige Photographie, die ihm geglichen hätte, an jedem Tag sieht er anders aus als am vorigen. „Hat Lisa geschrieben?" „Ja. Sie hat geschrieben. Täglich." Verlegenheit wirft sie ins Bodenlose. Ihr fallender Blick trifft zur Seite auf bie gelben Narzifsenbüsche einer kleinen Blumenhandlung. „Es wird Frühling", quält sie hervor und versucht zu lächeln. Aber aus Schönleins sonst immer aufmerksamer Miene wich jede Gefälligkeit. „Leben die Kosmetischen Werke des Herrn Doktor Wagenschanz noch?" skandiert der Anwalt. „Ich weih nicht recht. Er hat Hunderte von Bestellungen auf seine Schwindelanzeige erhalten und ist in eine Farbenfabrik umgezogen, wo er seine Tuben füllt." , Bestellen Sie ihm, er möge sich mit der Gewerbepolizei in Verbindung setzen, sonst mache er sich strafbar." Damit reichte Peter Schönlein ihr eine Hand ohne Druck, lüftet ein wenig den Hut und geht, seine Mappe unter den Arm klemmend, davon. Es ist plötzlich schauderhaft kalt. ♦ Am Sonntag steht die Witwe Wagenschanz genau so früh auf wie immer, aber dann weiß sie nicht recht, was sie bis zur Kirchzeit tun soll, und sitzt beinah fertig angekleidet stundenlang hinter ihrer Tasse, das Kind in der Hand und die Ellenbogen auf die faserige, zu oft gewaschene Tischplatte gestemmt, eine alte, alleinstehende Frau. Das Haus bleibt totenstill, als hätten die drei jungen Leute, die es mit der Alten bewohnen, sich gegen sie verschworen. Im oberen Stockwerk raffelt ein Wecker, und wieder nach einiger Zeit erscheint Elli, taumelnd vor Schlafsucht und so unfrisch, wie man sie nie gesehen. Frau Wagenschanz muß neuerdings auch für Elli kochen, weil bie Stenotypistin nur noch für Anton arbeitet. Die Alte fdjneibet ihr ein schiefes Gesicht. Seit zwei Jahren lebt Elli in diesem engen Hause, in bem ein jeber bie Sorgen bes andern teilt unb bis zum Ueberbruß kennt. Seit einem Jahr hat sie keine Stellung mehr gefunben, sie müßte also ganz arm [ein, vollkommen mittellos, einziger Besitz eine gebrauchte Nähmaschine älteren Fabrikats. Aber es geschehen biese stürmischen Auftritte zwischen ber Alten unb ihrem Sohn, Anton bettelte um nur etwas Geld unb bot seiner Mutter ein Näpfchen mit ber neuen Wunbersalbe an. Da müssen Lieferanten bezahlt werben, viel fehlt, unb manches muß angeschafft werben. Seine Mutter schmierte sich über Nacht die alten Runzeln ein, unb als ihr Gesicht am nächsten Tage noch genau fo borkig wie zuvor aus bem Spiegel grinste, erklärte sie bas Zeug für einen aufgelegten Schwinbel unb gab keinen Heller bafür aus. Da kam Elli in bie Küche unb sagte so obenhin: „Sie können von mir breihunberk Mark bekommen, Doktorchen, soviel hab' ich nämlich noch auf der Sparkasse." MM Beraniwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brübl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. Seine Mutter wird nie vergessen, daß Elli ihn auch noch In diesen Geschichten bestärkt: er soll sich eine ehrbare Anstellung suchen, oder wenn er keine findet, schlimm genug, so kann er ja in ihrem Kramladen saure Heringe verkaufen, Mutter Wagenschanz seht umständlich und zürnend ihren mit schwarzen Kirschen und Flitterplüttchen geschmückten Kapotthut auf und geht würdig in die Kirche, Alsbald sitzt Elli an der Maschine und schreibt, ihre armen Fingernägel zeigen an den Kanten schon ganz abgeschlifsene Stellen, In der Nacht machte Anton die zweihundertachtzigste Tube Erotikon fertig und der Konditor Fabisch halb ihm dabei. Am Tage arbeitet der ,unge Gambel manchmal noch mit und läßt sich zu Besorgungen herumschicken, aber die drei andern haben sich schon in die Büsche geschlagen, weil Doktor Wagenschanz ihnen nur zwei Mark für den Tag bezahlen kann, und das Arbeitsamt dars nichts davon wissen! Sie erklärten, nun hatten sie mal fürs erste genug gearbeitet, der Mensch sei kein Vieh. Die Schachteln liegen fertig da, aber die Anschristen und die Briese fehlen. Darum sitzt Elli hier und schreibt sich die Finger krumm, immer genau denselben Worllaut, nur die Anrede wechselt dauernd, jede Kundin soll ganz persönlich begrüßt werden. Elli bekam noch keinen Lohn und nicht mal einen Dank. Sie ist traurig, Anton Wagenschanz denkt wohl nur noch an seine Schönheitskreme. Aber Elli liebt ihn doch, nicht wahr? Also los, hopp! Er selbst, Anton, begibt sich ausatmend auf seinen Sonntagmorgenspaziergang, Lust schnappen nach dieser tollen Woche. Er wandert eine Stunde über Acker und Wiesen, er sieht die silbernen Schleier nicht, die ein trügerischer Vorfrühling durch die Luft zieht, vor seinem abgekehrten Blick haben die Kätzchen gelb geflaggt über den morschen Gemäuern. Er rechnet und denkt in Formeln und plant schon ganz andere Dinge als die Kreme Erotikon. Man kann alles! Er weiß es selbst nicht, wie er dorthin kam, er steht vor der Farbenfabrik, zieht einen altmodisch großen Schlüssel aus der Tasche und geht hinein. Es ist ein kahles, getünchtes Zimmer, dessen Mörtelwände vom Staub geschwärzt sind. Ein starker Geruch nach Veilchen erfüllt den Raum. Die Zinntuben liegen zu Hunderten aufgestapelt, mit schönen Etiketten beklebt, die eine auffallend häßliche Matrone „vor Gebrauch" zeigen und ein in der Jugendblüte strahlendes Geschöpf „nach Gebrauch". Dieser Haufen armseliger Zinntuben hier entstand förmlich aus einem Nichts, und das grenzt doch ans Wunderbare! Anton sucht sich einen Lappen und wischt eine Tube nach der andern mit verliebten Händen sauber, Hunderte, und stundenlang, bevor er wieder heimkehrt. „Elli hat sich hinlegen müssen", erklärt Fräulein Reubold, die Sonntags meist bei der Witwe Wagenschanz zu Mittag ißt, „hörten Sie nicht bis vier oder fünf in der Frühe ihre Maschine klappern?" „Ist sie denn fertig?" „Fertig wohl. Aber nicht mit Ihren Briefen." In der Küche rasselt die Mutter mit den Töpfen. Anton hört den Bericht ohne besondere Gewissensbisse, doch mit ehrlichem Bedauern: ob er von Elli zuviel verlangte? Der kleine Raum, den die breiten Möbel erdrücken, macht die Menschen aussehen wie Riesen. Diese Rosemarie ist immer so steil im Genick, und wenn sie mit Anton redet, zieht sie die Stirn hoch. Der zierliche Körper steht aus überhohen Beinen. Sehr vollkommenen Beinen. „Möchten Sie vielleicht", bittet Anton schüchtern, „möchten Sie mit mir einen Bummel auf unsre Ausstellung machen? Oder müssest Sie irgendwo Klavier spielen?" „Nein —" Sie zögert mit unfrohen Lippen. Mit Doktor Wagenschanz ging noch kein Mädchen aus, nicht einmal der Gedanke wäre ihr gekommen, daß man überhaupt mit ihm ausgehen könnte. Er trägt heute seinen einzigen guten Anzug, den die Mutter strenge für ihn schont, blaues Kammgarn, das man gut mit Cheviot verwechseln kann. Es ist nicht sehr schön von Anton, denn diese Einladung dachte er einer andern zu, schon die ganze Woche freut sich Elli daraus: zur Ausstellung, o ja, endlich 'mal 'raus, nach dem Winter, Kaffee trinken und Kuchen essen und ein hübsches Kleidchen tragen! Ader da schläft sie nun am Hellen Mittag vor Uebermübung, und wenn sie auswacht, muß sie wieder arbeiten. Nach dem Essen wartet Anton, bis seine Mutter im Lehnstuhl eingenickt ist: die Zeitung ist ihr vom Schoß gerutscht, die Brille mit den kleinen altmodischen Gläsern hängt ihr auf der häßlichen Nase. Niemand paßt auf. Rosemarie empfindet es bedrückend, wie man sich fortschleicht. ,Wie komme ich denn bloß dazu, mit diesem Mann auszugehen?' denkt sie immerfort. Rosemarie befindet sich heute in einer milden Betäubung, und während sie mit Doktor Wagenschanz dahingeht, legt sie oft den Kopf in den Nacken, schließt für ein paar Schritte die Augen und fühlt die Wärme unter ihre Haut strahlen. lieber den feuchten, zertretenen Fußballwiosen zwischen den großen Baulücken am Rande der Stadt toben nackte Knie, und die Radsahrer- uereine haben schon am frühesten Morgen die Landstraße aufgesucht. Früher spielte Rosemarie Tennis, und sie steuerte einen Wagen, das ist bemal) vergessen. Anton deutet über den Sportplatz: „Bleibt man unter Seinesgleichen, bann steht an jeder Ecke ein Freund, man grüßt jeden und unternimmt mit jedem etwas. Ich bin früher in einem Fußballklub gewesen. Aber ich glaube, weil meine Mutter bas nicht wollte, hat sie mich ftubieren lassen." „Ich habe mich nie mit jebem angefreunbet", erroiberte bas Mädchen, „ich lebte viel zu sehr in meiner Musik. Was soll man mit Leuten reden, die sich nur um alltägliche Sache kümmern, und die Herren streiten ewig über Politik. Man bleibt bann immer allein. Manche behaupten, das sei sogar ein Vorteil." „Vielleicht wenn man alt ist, Fräulein Rosemarie." ;llet mit *1» i Men .Xbe 3>, N mir in unfer ■J itn Kr Meinung Sinn m Mit äujji ’iltn Dien *, an । ’ * vach- Mt, de, '>* Mette »Alls jMe olle, .i; Mit 'N . ®ir bra "'■um jD ...Me 3 Aus dem blank gewachsten Linoleum wanderk Schönlein Immer auf und ab und empfindet sich außerhalb des Lebens, das unmittelbar vor einem Fenster auf der noch unbelaubten Lindenallee hin und her spaziert. Er brachte sich einen Band Verse mit, es sind Liebesgedichte, getrieben von einer Frau. Die Verse hingen so einfach hingesagt, nur aus dem tiefen Gefühl, und Schönlein meint, jetzt müsse auch er Verse chreiben können, am Gefühl jedenfalls mangelt es kaum. Schließlich klingelt er und bittet die Sekretärin, ihm im Restaurant der Ausstellung eine Portion Kaffee zu bestellen. Das Fräulein bringt ihm selber das Gewünschte, für die unerwartete Gefälligkeit bedankt er ich etwas unwirsch. „Das ist doch nicht Ihre Sache, Fräulein Aschenbrenner." Oh, aber bitte, Herr Schönlein, es fei nicht der Rede wert. „Wenn Sie noch eine Tasse auftreiben sollten, so leisten Sie mir Gesellschaft." Die Augen der gescheiten alten Jungfer blinken entzückt. Mein Gott, keine Schönheit geradezu, aber Peter fühlt sich unerträglich allein. Eine Tasse treibt sie im Handumdrehen auf, als Schönlein diese vorschnelle Einladung auch schon bedauert. Aber was kann die Dame dafür, daß sie eine spitze und reizlose Nase besitzt? Also überbietet er sich in einer Höflichkeit, die ihm nicht aus dem Herzen kommt. „Wir wollen noch etwas Kuchen besorgen." O nein, auf keinen Fall, Herr Schönlein, ihretwegen solle er sich doch nicht in Unkosten stürzen. „UnkostenI Also was ziehen Sie vor, Torte oder Kuchen?" Nichts, Fräulein Aschenbrenner mag weder Süßigkeiten noch Backwerk. „Vollkommen unglaubwürdig! Also: Nußtorte oder Apfeltorte mit Schlagsahne?" Sie gibt sich geschlagen: „Apfettorte mit Schlagsahne!" Schönlein eilt selber hinüber, erkämpft an der Theke des Eafss inmitten eiliger Kellner feinen Tortenteller und bestellt noch eine zweite Portion Kaffee. Auf dem Wege zurück windet er sich zwischen den Stühlen und den vollbesetzten Tischen hindurch und grüßt seine Bekannten, Klienten sind darunter, als Anwalt kennt er die halbe Stadt. Nicht weit entfernt bemerkt fein flüchtiger Wick ein Knie von vollkommener Schönheit, dazu eine untadelige, nachlässige Haltung, aber der etwas verschlissene Stofs des braunen billigen Mäntelchens will nicht dazu paffen: Rosemarie Reubold, die Freundin Lisas. Neben ihr hat Doktor Wagenschanz Platz genommen. Die beiden bemerken ihn nicht. Stnton reicht dem Mädchen einige kleine Photographien aus seiner Faltbootzeit, nette Bilderchen mit Zelt und Ufergras und mit Raft im hohen Schilf ruhender Gewässer. Schon ist der Anwalt vorüber, er weiß nicht recht, was er davon denken soll. Neulich faß sie den ganzen Abend an seinem Flügel, dort wartete sie doch wohl auf ihn? Jetzt durchquert Schönlein in der Allee wieder den Strom der Spaziergänger, wo die Tombolamädchen in ihren kurzen schwarzen Röcken und den weißen Häubchen mit lauten Stimmen ihre Lose anpreisen. „Nieten gefällig, Nieten?" sollten sie lieber rufen! Das Fräulein Aschenbrenner mit der spitzen Nase hat sicher und mit Recht gehofft, nun werde Schönlein freundlich mit ihr plaudern, weiß der Himmel, was sie sich vielleicht schon für Gedanken gemacht hat, man raunt etwas von Schönleins Frau. Peter fitzt rauchend in feinem Schreibtischsessel, während ein weihbeschärzter Kellner aus dem Restaurant noch eine Portion Kaffee aufbaut, die Sekretärin steht in ihrem Seidenkleid verlegen wartend beifeite, des Kellners schneller Mick umkreist sie beide, und spätestens morgen wird die allgemeine Aufregung über Schönleins Seelennöte um ein neues wunderliches Histörchen bereichert sein. Dies Kaffestündchen verwandelt sich in eine ziemlich froftige Angelegenheit: es ist doch üblich, daß man auf seinem Stuhl sitzen bleibt, wenn man einen Gast hat, der Anwalt Schönlein springt aber immerfort auf und wirst einen Blick aus dem Fenster, aus die Allee hinunter, dann macht er ein paar große ungeduldige Schritte quer durch die Stube und setzt sich wieder, um ein paar inquisitorische Fragen zu stellen: wie lange sind Sie schon im Berus, oder wo sind Sie geboren, haben Sie hier Angehörige? Unter diesen Umständen schmeckt auch die schönste Apfeltorte mit Schlagsahne nicht, und die arme Spitznase ist dem Weinen nahe, da sie sich auch nicht zu entfernen wagt. Jetzt geschieht das Unglaubliche, Schönlein bleibt am Fenster stehen, er stellt sich möglichst so verborgen an die Fensterecke, daß man ihn von unten nicht bemerken kann. Ja, das hat er nun davon, daß er sich um Rosemarie in den vergangenen Wochen nicht gekümmert hat, sie steht mit Doktor Wagenschanz vor dem Cafe, es kommt ein Windstoß, sie hält ihren flatternden Mantel zusammen. Was fangen wir jetzt an, scheint er zu fragen. Jetzt wallen wir uns einmal die Stände ansehenl Ach was, die Stände mit ihrem Haushaltskram, bummeln wir lieber noch ein bißchen, Fräulein Reubold, sehen Sie hier, die Sträucher in den Anlagen haben schon richtige grüne Spitzen, übermorgen ist der Frühling da! — Schließlich gehen sie die Stufen hinunter. Schönlein in feinem Ausguck rührt sich nicht. Er kann eine ganz schüchterne Bewegung erkennen, wie Anton Wagenfchanz den Versuch unternimmt, bei Rosemarie einzuhängen, aber sie zuckt ein wenig mit Kopf und Arm und duldet es nicht. Aber der Gott, der Bud und Mädchen schuf, fegt einen neuen Windstoß daher und wirbelt wohl ein Dutzend Lose vom Tablett eines dieser Tombolamädchen, die grünen Briefe mit ihrem wertlosen Inhalt hüpsen die Allee hinab, als ob sie lebendig geworden feien. Da rennen die Leute und springen, obwohl sie eben noch nichts von den Losen wissen wollten, auch dicht vor Rosemarie wirbelt ein Losbrief vorbei, Doktor Wagenschanz versucht mit dem Fuß darauf zu treten, sie büden sich gleichzeitig und stoßen dabei tüchtig mit den Köpfen zusammen, schon schwenkt Anton siegreich den erwischten Zettel und überreicht ihn gefällig seiner Begleiterin. Rosemarie lacht und wehrt ab, und das Vorspiel ziert sich noch ein wenig weiter, bis sie lächelnd dankt und einen ihrer schönsten Blicke auf ihn abschießt. Ganz kurz und mit Kraft preßt Anton ihre Schulter, wirklich nur ganz kurz, aber Schönlein sah es genau, und endlich eingehängt gehen die beiden als ehrliche Leute zu der jammernd herumlausenden Verkäuferin. (Fortsetzung folgt.)