ima[, ahrgang <955 Freitag, den 7. Juli Nummer 5< ichter m die herrlichen Schwarzwald-Wanderung i | Oer falsche Bräutigam und die falsche Braut, Von Börries, Freiherrn d. Münchhausen (®DS.) Herrlich, was für Pläne in der alten Kneipe auf dem Riesenstein allodendlich aufblühen! Die Kerzen auf den zerschnittenen Tischen flackern, M Augen leuchten, die jungen Lippen sprudeln vor Uebermut, Lebens- httde, Gesundheit, Tollheit ... - v 1 Sjiuunyuill. Vt-IH „ jtM lieber gleich die Polizei ...? g »Aber nein, auf keinen Fall!" schrie Magnus. „Wo ist sie denn jetzt?" »Ja, wir wolle grab Kaffee trinke auf der Veranda, — awer ich hab o brau 1 Ion; unb(L Von der Poesie des Mondes. Von Wilhelm Busch. Der Mond. Dies Wort so ahnungsreich, so treffend, weil es rund und weich — wer wäre wohl so kalt-bedächtig, so herzlos, hart und niederträchtig, daß es ihm nicht, wenn er es liest, sanftschaudernd durch die Seele flieht! 'igens U dh-H tiej ig ins M rasch« c.j he wie 3 ° plitz« Nachilis »n irgeM n, 3en’er >en M ungen" j; isageni f -e- E Ä 5? s M1 I ch die fc üttcrlitflW >spmi» schienyl! hnitt I» "ig E iit bl#1 qetom* * n. 6 d, < turz-,4 se in' * dann * ino-rp^ erst°rd^ Larne f- ppU öl* *1" ■ 1 i -cuuiyvu . . . [”([[!!Dchon am nächsten Tage telephonierte Fräulein Rebstöckel, daß rL »rl froren geglaubte Braut von einer herrlichen Schwarzwald-Wander-. u8 ntit ihrem Bräutigam, dem Baron v. Merck, heimgekehrt sei. Ob sie nicht doch so Angst vor dem Fräulein, wo doch der Herr Baron se vielleicht gar net kenne!" „Wozu Angst, Fräulein Rebstöckel! Aber sagen sie ihr nur ja nichts von Ihrem Telephonieren, und daß Sie Verdacht haben! In einer Viertelstunde bin ich bei Ihnen und gucke sie mir an, — einen Korpsbruder bring ich auch mit." Begeistert über das Abenteuer warfen sich die beiden großen Jungen in die Droschke, ihr unbekümmertes Lachen füllte die Heidelberger Hauptstraße mit fröhlichem Lärm. Die Klingel bet Fräulein Rebstöckel schrillte, von ihrem Kasfeeplatz, gegenüber einem großen, auffallend hübschen Mädchen schrak die Vermieterin auf und lief zur Vorplatztür. Jedes Wort von innen war auf der Veranda zu hören. „Gestatten Sie, Fräulein Rebstöckel: Schwan, Saxoborussiae, — darf ich meinen Korpsbruder Baron Merck vorstellen, Magnus Merck ist Ihnen dankbar, daß Sie seiner Braut so eine vorzügliche Wirtin sind!" Eine andere Jungmännerstimme: „Freilich, nu was denn, Fräulein Rebstöckel! Mir warn doch die Dage im Schwarzwald, meine Braut un ich. Nu, wollt ich doch gleich mal gom- men un frage: wie meiner geliebten Liselotte der Schnefter begommen is." Das große, schöne Mädchen wurde weiß wie das Tischtuch vor ihr. Einen Augenblick schien es, als ob sie daran dächte, durch den Garten zu fliehen. Ader dadurch hätte sie ja nichts gebessert an ihrer verzweifelten Lage. Ihre Habseligkeiten durste sie nicht zurücklassen ... die Polizei hätte sie schnell genug gefaßt ... der törichte falsche (und so durchsichtig falsche!) Name wäre schnell genug durch den richtigen ersetzt ... der arme alte Vater in Itzehoe, der ihr so dringend vom Studieren abgeraten hatte ... nun hatte sie sich wieder in der Gewalt und beschloß, ihre Rolle weiter zu spielen, obgleich ihr ein Grauen über den Rücken lief bei diesem plötzlich auftauchenden Mitspieler, dessen Namen sie bloß durch Zufall erfahren und für sich ausgenutzt hatte. Und da betrat er auch schon, strahlend in guter Laune und Unbefangenheit die Veranda, dick, brünett, etwas untersetzt und streckte die beiden kurzen Arme lebhaft aus. „Meine Liselotte, Herzensmädel, gomm her un laß dr eenen Guß gäm ...! Der Freiherr von Merck nahm es ernst mit seiner Rolle, das mußte ihm der Neid lassen! Vielleicht verkörperte sich dieser in seinen Korpsbruder, dem langen blonden Matthäus Schwan, Saxoborussiae, während Fräulein Rebstöckel über solche Empfindungen hinausgewachsen schien. Mit mütterlichem Wohlgefallen sah sie der Umarmung zu, holte ein paar weitere Tassen aus dem Eckschrank des Wohnzimmers und schenkte den beiden Studenten ein. Eine leise Befriedigung im Hinblick auf die ausstehende Miete war unverkennbar an ihr zu beobachten. Liselotte Paiz mußte zur Seite rücken, neben ihr auf dem Korbsofa ließ sich breit und behäbig der glückliche Bräutigam nieder. Es schien ihm bequemer, den rechten Arm um die Schulter des Mädchens zu legen, — manche, vor allem korpulente Herren sitzen gern mit hochgelegten Armen. Auch gehörte es zu feinen Gewohnheiten sich in seinen Zärtlichkeiten nicht durch die Anwesenheit anderer stören zu lassen. Das Mädchen litt ... vielleicht litt sie doppelt, wenn sie auf den blonden Korpsbruder ihres Verlobten blickte. Aber die Anwesenheit Fräulein Rebstöckels litt nicht das geringste Abweichen von der Rolle einer glücklichen Braut. Das Gespräch war lebhaft und herzerfrischend unbefangen — wenigstens soweit es die Studenten betraf. Sie tranken Kaffee, als ob es Bierjungen wären, sie aßen Fräulein Rebstöckels Napfkuchen, wobei der Bräutigam in heimatlicher Gewohnheit jeden Bissen tief in der Tasse oollsaugen ließ. Der Baron wußte mit prachtvoller Naturtreue immer neue und leider auch recht zärtliche Erinnerungen aufzufrischen: „Weest du nid), Liselotte, damals der Abend, als wir von der Stiftsmühle im Boot neckarabwärts trieben ...?" Das Mädchen wurde abwechselnd blaß und tiefrot: „Aber laß doch, Magnus, das kann doch deinen Korpsbruder gar nicht interessieren." „Aber gewiß, gnädiges Fräulein! Mein Freund Matthäus hat mir ja immer so von Ihnen vorgeschwärmt, — nun bin ich ganz glücklich. Sie endlich kennen zu lernen und sestzustellen, was für einen vorzüglichen Geschmack er hat ... ja, einen vorzüglichen Geschmack ... einen ganz vorzüglichen ...!" Fräulein Liselotte hätte gern auch ihren Geschmack gepriesen — aber man kann nicht alles haben. Der Baron hatte nach dem siebten Stück Napfkuchen den verständlichen Wunsch, mit seiner Braut etwas allein zu sein. Er schlug einen Spaziergang durch den Garten vor und stieß sich offenbar gar nicht daran, daß fein Korpsbruder und Fräulein Rebstöckel gar keine Lust zum gemeinsamen Herumwandeln hatten, sondern lieber sitzen blieben. Er zog den Arm des Mädchens tatkräftig durch den seinen und trippelte neben der großen Studentin den Kiesweg hin. Als sie außer Hörweite der anderen waren, wurde das Mädchen erhör fe er Smit i die G lies einjt entgegen- dizien» e Semei» mit dem den ein« en mujti füllte, oon feine inet gck : ak H e lauetnbi d Bosheit über feint . Dffenbm [einer ü» i bewegen tan eigenb m an den 1 Boritili glich N minen m Bli-k «< >n Segntt »durch Ü nie eW Der Jungbursch Magnus Freiherr von Merck hob den Stürmer recht errascht von der Stirne und kraulte sich mit den freien Fingern etwas nerftört in den wirren blonden Locken, als er sich im Stuhl zurücklehnte uib den Korpsdiener fragte: „Fräulein Rebstöckel? Aber die kenne ich doch z r nicht! Und jetzt während der Kneipe?" Der Diener lächelte: „Vielleicht hawe der Herr Baron die Dame ein« mal angepumpt? Oder vielleicht hawe der Herr Baron das Türschild ...? Di er vielleicht mit em Spazierstock Rolläde geraffelt am Haus der Fröu- lein Rebstöckel?" Weitere menschliche Verbindungen zwischen dem Freiherrn und einer Heidelberger Vermieterin fielen ihm nicht ein, und er Moß: „Awer die Fräulein Rebstöckel tut sage, es wäre sehr eilig, un sie wisse den Herrn Baron gleich einmal spreche, — sie wartet am Telephon." Der Jungbursch bat den ersten Chargierten um Dispens und ging hin- iiis. Eine Heidelberger Pensionsinhaberin, unverkennbar in Sprache und Schaben, begrüßte ihn hastig und verstört aus der Muschel des Hörers: verzeihe Se, Herr Baron, aber wisse Sie net, wo Ihr Fräulein Braut fleckt?" Der Student kriegte Augen so groß wie blaue Meißner Teetassen: „See, — aber ich wäre froh, wenn ich es wüßte — meine ... eine ftaut?!" „Ja, sie wohnt doch feit einem Semester bei mir und Ijat mir immer wagt, der Herr Baron von Merck von de Saxo-Borusfen wäre ihr Sräutigam und würde schon alles bezahle! Und se is doch säst alle Awende mtgegange, — letschte Montag noch, um mit Ihne nach Neckarsteinach P fahre!" „Aber Montag hatten wir doch Rezeptions-Kneipe, und ich bin ... ten, das ist doch toll!" Die Stimme am Telephon kämpfte mit Tränen: „Herr Baron, denke 6t doch nach, Fräulein Lifelott Paiz, is denn das nicht doch vielleicht Ihre Amt ... oder eine Freundin von Ihne? Und nu is fe feit zwei Tage fort ... und wer bezahlt denn ihre Rechnung, das Loschi inklusive, und die Busch und alle Tag die Plätterei von bene Bluse und Röcke!" Magnus Freiherr von Merck fuhr sich noch wilder durch den Haarsh ps und rieb nachdenklich die noch nicht ganz verheilte Terz unter der Arnlocke: „Na foroas! Fräulein Rebstöckel, hat die Liselotte denn ihre 6cchen bei Ihnen gelassen, ober ist sie mit ihren Koffern abgehauen?" „Nein, bie Sachen finb noch da, Gottlob, de Schränk hänge noch voll ' ®it immer!" „Dann kommt sie auch wieder, Fräulein Rebstöckel, verlassen Sie sich Mus! — Aber tun Sie mir einen Gefallen, Fräulein Rebstöckel: Wenn Üi Liselotte wieder da ist, klingeln Sie mich an, ich komme dann und jnke sie mir einmal an, — vielleicht ist sie doch meine Braut, und ich ferne sie nur noch nicht, oder hab sie nur momentan vergessen ..." Er hängte lachend den Hörer an. Großes Hallo rings um den Tisch, als er wiederkam. Sein Leibbursch «Uthäus Schwan war ganz außer sich vor Vergnügen über das Erlebte: „Nee, Magnus, foroas gann doch noch bloß dir baffieren! Nee, foroas! wenn du iw hingehft, da mach ich aber mit, Gottverdimian, das wird i1 ’rofjartd)!" (Herr Schwan war aus Freiberg, — dem „fälschen Freiberg", wie er ftr । hinzusetzte, obgleich der Zusatz für Kenner deutscher Mundarten über« flöilig war. ieftenertfamilicnblättcr Unterhaltungsbeilage znm Siebener Anzeiger einige Augenblicke sehr ernst. Dann'zog sie hastig ihren Arm aus dem des jungen Mannes und blieb entschlossen stehen: „Hören Sie, Baron — jetzt wollen wir aber mit dem Ulk Schluß machen, ich bin hart genug gestraft für meine Unbesonnenheit durch diese fürchterliche Szene der letzten halben Stunde, — wenn meine unerhörte Lügnerei überhaupt mit diesem harmlosen Namen Unbesonnenheit bezeichnet werden darf. Verzeihen Sie mir, daß ich Ihren Namen mißbrauchte, um mir bei der Rebstöcke! Kredit zu verschaffen, ich hoffe, ja doch noch meine Schulden abtragen zu können. Und dann — ich danke Ihnen, daß Sie mir so kameradschaftlich beigestanden haben in meiner verzweifelten Rolle!" Der Dicke schien nicht ganz glücklich über ihren Ernst und über das Ende des Spieles. „Aber Liselotte, Sie brauchen mir wirklich gar nicht groß zu danken, — ich hab's ganz gerne getan, — nee wirklich, es hat mir ja bloß riesigen Spatz gemacht. Freilich, — eigentlich sind Se eene kiehle Braut, hoffentlich hat die Rebstöckeln nicht gemerkt, wie Sie immer abgedreht haben, wo ich zärtlich sein muhte ... Wissen Se, Liselotte, eenen Schritt vom Wege, das macht nischt, den machen mer alle emal. Es gommt bloß drauf an, daß mer den zweeten nicht ooch macht!" „Nie, nie, nie!" rief die Studentin und sah ihren dicken kleinen Kommilitonen fast entsetzt an ... Währenddem saßen Fräulein Rebstöcke! und der falsche Schwan ebenfalls in ernsten Gesprächen. „Sage Se nur eins, Herr Doktor, weshalb hat denn nur Ihr Herr Freund gestern Awend am Telephon so geleugnet? Ich hawe doch ein Dodesschrecke gekriegt und schon gedacht, das Fräulein Palz wird doch nicht gar eene Hochstaplerin sein ...!" „Aber Fräulein Rebstöckel, bedenken Sie doch: Wir standen alle herum, und Baron Merck wollte doch nicht, daß wir davon erfuhren. Vielleicht ist er auch gar nicht, m>as man so sagt, für immer ... gebunden ... ich meine, vielleicht ist es noch gar keine ernsthafte Sache ...!" „Um Gottes Wille, Herr Doktor, net ernfchthaft! Aber für meine dreihundert Mark is se dem Herrn Baron doch ernschthaft genug!" „Freilich, freilich" — der lange Student griff in die Brusttasche und blätterte halb unschlüssig in einigen Scheinen: „Merck hat mich sogar gebeten, unauffällig die Sache für ihn zu regeln, wenn ich Gelegenheit dazu fände ..." Die Hände der Vermieterin griffen hastig nach den Banknoten. „Gott sei gelobt, Herr Doktor, nu bin ich aus aller Bredulje! Sehen Se, ich hab's ja auch gar nit könne glaube, daß das Fräulein sollte eine falsche Name angewe! So ein seines, gutes, Mädel! Man hat als Vermieterin da en Blick, Herr Doktor, glaube Se mir, — mir macht keiner en 3E für e U, ich seh's jede Mensche an, ob er die Wahrheit sagt oder nit! En falsche Nam! Mir gegenüber ...!" Fräulein Rebstöckel faltete tiesbesriedigt über ihre Menschenkenntnis und noch mehr über ihre dreihundert Mark die hageren Hände über den Magen. Ihr Gegenüber schob unbehaglich die Schultern in der Jacke hin und her. Er war zufrieden, daß das Brautpaar wiederkam. Der Baron feisten feine Rolle auch ein wenig fatt zu haben, denn er verabschiedete sich von der Wirtin: „Scheenen Dank für Ihre freundliche Einladung, Fräulein Rebstöckel! — Meine Braut will uns noch zum Schloß rauf begleiten .. . Mach, meine Liselotte, zieh dr de Schtiebeln an, wenn dr die Schuhe zu dinne find!" Das Mädchen wehrte lachend ab: „Iwo, ich bin immer fertig, — auf Wiedersehn, Fräulein Rebstöckel!" In merkchürdiger Stimmung stiegen die drei jungen Leute die Treppe hinunter, auch in den Straßen der Stadt blieben sie stumm. Es war, als ob jeder sich fürchtete, aus dem gefährlichen Spiel mit menfchlichen Schicksalen, — einem Spiel, das doch die Grenzen des Studentenulkes schon fast überschritt — in die Wirklichkeit des Alltags zurückzukehren. Aber da, wo hinter dem Vandalenhaus die Straße zum Schloß sich hebt und einsamer wurde, sing der Dicke an: „Weeste, meine Liselotte, beim Du bleib ich aber, da hab ich mich grade so hübsch reingewöhnt, — un eene Strafe mußt de doch ooch haben für deine Mogelei." „Ich glaube eigentlich, die Strafe dieser letzten Stunde war hart genug", meinte das große Mädchen mit einem Blick zu dem Blonden auf ihrer andern Seite. Der fiel hastig ein: „Wie konnten Sie nur diese törichte und gefährliche Komödie fpielen, Fräulein Liselotte, — oder ist etwa Ihr Vorname auch falsch ...?" „Nein, — Liselotte Heerdegen heiße ich, — mein Onkel war der Kieler Germanist!" „Nun, dann wollen wir nur auch die Wahrheit sagen, Fräulein Heerdegen. Nämlich auch ryir haben Ihnen gegenüber Komödie gespielt, um Ihnen nicht nur zu helfen, fondernSie auch vor JhrerWirtin einmal für Ihre Dummheiten recht hereinfliegen zu laffen. Ich hab's dann dtzch nicht übers Herz gebracht, und wie ich merke, mein Korpsbruder auch nicht. Auch wir find nicht die, ür die Sie uns halten ..." Ein letzter Uebermut straffte die hochgewachfene Gestalt zwischen den Studenten, ein letzter Der uch, mit einer neuen Lüge die alte zu stützen, — vielleicht nur halb noch Ulk und halb doch schon ein echtes Unrecht — und zu allermeist doch wohl das wilde Bestreben, vor diesen klaren blauen Augen unter den blonden Brauen nicht als Hochstaplerin dazu- stehen. „Ja, denken Sie benn( ich hätte das nicht durchschaut, meine Herren Kommilitonen! Erst habe sch freilich gedacht, mein Bräutigam, Ihr Korpsbruder, Bayon Merck, hätte Sie als Witz zu mir geschickt, '— er ist ja so ein Uebermut, wie Sie wissen. Und da sollte es doch an mir nicht fehlen, wenn es mir auch weiter kein Vergnügen war, gerade Ihre Braut zu mimen. Aber ich wollte Sie doch vor der Wirtin nicht bloßsiellen, — nun, habe ich etwa meine Rolle nicht gut gefpielt!!" Triumphierend sah sie von einem, dem fassungslos glotzenden, zu dem anderen, der ein klein wenig traurig den Kopf senkte: „Fräulein Heerdegen, einen Schritt vom Wege tun wir wohl alle mal, es kommt nur voraus an, dann den zweiten nicht zu machen ... Sie haben ihn eben getan ..." „Hier ist die Quittung Ihrer Wirtin, — ich ließ sie aus die Rückseite meiner Besuchskarte schreiben, da Ich nichts anderes bei mir hatte komm, Matthäus Schwan!" Mit einer unauffälligen Bewegung, der doch nicht zu widerstehen mar, nahm er den Dicken am Arm, wendete um und ging nach flüdjtigetr Gruße den Schlohberg wieder hinunter der Stadt zu. Das große Mädchen lehnte an der Mauer und fah verstört in den Garten darunter. Sie hatte die Karte Mercks noch immer in der Hand fie fühlte, wie ihre Finger an dem glatten Karton eiskalt wurden, fu fühlte, wie ihr die Tränen heiß und hemmungslos übers Gesicht rannen Und durch die Tränen sah fie, schon weit hinter und unter sich di, weihen Stürmer der Studenten um die Ecke des Vandalenhauses biegen Ballade. Von Ernst Moritz Arndt. Und die Sonne machte den weiten Ritt Um die Welt, Und die Sternlein sprachen: „Wir reifen mit Um die Welt"; Und die Sonne, fie schalt sie: „Ihr bleibt zu Haus! Denn ich brenn’ euch die goldnen Aeuglein aus Bei dem feurigen Ritt um die Welt". Und die Sternlein gingen zum Heben Mond In der Nacht, Und fie sprachen: „Du, der auf Wolken thront In der Nacht, Laß uns wandeln mit dir, denn dein milder Schein, Er verbrennet uns nimmer die Aeugelein." Unb er nahm fie, Gesellen der Nacht. . Nun willkommen, Sternlein und lieber Mond. In der Nacht! Ihr verstehet, was still in dem Herzen wohnt In der Nacht. Kommt und zündet die himmlischen Lichter an, Daß ich luftig mit schwärmen und spielen kann In den freundlichen Spielen der Nacht. Ariost auf deutsch. Zum 400. Todestage des italienischen Dichters. Von Dr. Friedrich Spreen. Bei der berühmten Durchmusterung der Bücherei des durch die Sitter- Romane toll gewordenen Don Quixote kommt Cervantes auch aiifl 2t r i o ft s „Rasenden Roland" zu sprechen. „Wenn ich ihn hier finde',, jagt fein Pfarrer, „und er redet eine andere Sprache als seine eigne so werde ich nicht die geringste Achtung vor ihm haben; redet er aber in seiner Muttersprache, fo fei ihm „alle Hochschätzung". Wir hier schon denken gegen eine Uebertragung in das verwandte Spanisch erhoben, w« viel schwieriger muß erst eine „Eindeutschung" dieses Werkes erscheinen Und doch haben wir den deutschen Ariost erhalten, allerdings erst nach langen Irrungen und Mühen, nach vielen Versuchen, die sich der überhaupt möglichen Vollkommenheit immer mehr näherten. Die Namen bti besten Meister deutscher Uebersetzungskunst, ein A. W. Schlegel, Gries, Heyse, Gildemeister, find mit diesem Werk eng verknüpft, und wenn der „Zauberer von Ferrara" doch bei uns nur noir Liebhabern der Weltliteratur ganz gewürdigt wird, keine allgemein« Verbreitung gefunden hat, fo liegt das an der Fremdheit feiner fo reim romanischen Kunst, die sich nicht ganz überwinden läßt. Italien feiert in diesen Wochen das Gedächtnis seines nach Dante größten Dichters ate nationales Fest, und alle Kulturvölker nehmen Anteil an der Verherrlichung dieses genialen Künstlers, der die große Harmonie und bis blühende Sinnlichkeit der Hochrenaissance in seine Stanzen ebenso un- vergänglich gebannt hat wie Tizian und Raffael in ihre Bilder.' Wir Deutschen aber haben ein besonderes Recht,, dieses Fest mit zu begehen, denn kein andres Volk hat so inbrünstig um das Verständnis Ariofts gerungen. Seine Schönheitswelt hat leuchtende Spuren durch unser Schrifttum gezogen; in der Nachahmung feiner melodischen Plauder- tunft, seines juwelenhast funkelnden Reim-Schmucks hat sich unsre I« viel rauhere Sprache bereichert und geschmeidigt. Es gibt kaum eP rührenderes Beispiel für die deutsche Sehnsucht nach südlichem Glanz, fM die Anpassungssähigkeit unsres Geschmacks, für das Streben unfrrn Sprachkunst nach den Unmöglichen als die „Eindeutschung" Messer Lude- vicos. Bald nachdem der „Rasende Roland" erschienen war, nagel« Luther seine Thesen an die Wittenberger Schloßkirche, und der deutsche Humanismus ging im Sturm der Reformation unter. Da war lei“' Raum für das selige Märchenland z>hantastischer „Possen", wie sie ArrrB heraufbeschworen. Erst als das Baroct fein Ritter- und Zauberreich |F jdjroererem Prunk wieder belebte, unternahm es mitten im 30jährigeF Krieg ein deutscher Haudegen und Diplomat, der Oberst Dietrich voF dem Werder, nach Tassos „Gottfried von Bulljon" auch die so »i® schwierigere „Hiftory vom rasenden Roland" in deutsche Alexandrina umzuformen, wobei er aber auf die „dreifachen geschränkten Endungen der Ottaverime verzichtete, sich mit einfachen Reimpaaren begnügte uns die viel längeren Verse durch Füllsel und Wiederholungen barock aui- schwellte. Immerhin gelang es ihm, bei aller Derbheit und Schwerfäw^ keil, fo weit es bei dem damaligen Zustand unsrer Sprache möglich tM den Ariost „in deutsche Poesie überzusetzen". Doch beweisen selbständige« Nachahmungen des Meisterwerkes, wie Hohenbergs „Habsburgisch« Dffbert" oder Postels „Wittekind", daß vom Geist des Dichters, den W“ Italiener den „Göttlichen" nennen, noch nichts erfaßt wurde. Die dE flärung verwarf diese heiteren Fabeleien als „Alfanzereien" wie ® 0 ' fched Ariofts Gedicht nannte. „ Dem Rokoko stand die zärtliche Liebespoefie vieler Episoden nahe, un man bemühte sich nun, wenigstens das Stoffliche sich anzueigue- Meinhard gab in seinem „Versuch über den Charakter und die Werke der besten italienischen Dichter" einen dürren Auszug, und M a u v i l l o n, der sich an eine prosaische Uebersetzung wagte, behauptete, daß nicht England die Schule des guten Geschmacks sei, sondern Italien und daß die deutsche Dichtung niemals auf eine höhere Stufe gelangen werde, wenn sie nicht von „Ariost, dem Einzigen" lerne. Bis zu einem gewissen Grade erwies sich diese Forderung als berechtigt. Schon war der Dichter erschienen, der zuerst im deutschen Geistesleben den vollen Zauber ariostischer Anmut und Süße erleben und in seine Dichtungen wenigstens einen Abglanz dieses Lichtes hinüberretten sollte. Wieland war durch Meinhard aus diesen Liebling der Grazien aufmerksam geworden und fühlte sich ihm geistesverwandt. In den ersten Versromanen, in denen er die Vers- und Reimkunst des Meisters bewußt verwertet, in „Jdris ubd Zenide" und dem „neuen Amadis", trifft er den Ton der melodiösen Plauderei, der ironischen Phantastik, der sinnlichen Anschauung, in dem Ariost unübertrefflich ist, aber dem Deutschen fehlt die Größe der Zeichnung, die Freiheit der Gestaltung, die harmonische Fülle des Renaissance-Poeten; er ist mehr witzelnd als witzig, mehr zierlich als zart, mehr frivol als natürlich. Wieland, der in feinen Strophen dem Wohllaut und der Vieltönigkeit des Ariostfchen Verses näher kam als irgendein anderer vor ihm, hielt doch feine getreue Uebersetzung nach vielen vergeblichen Versuchen für unmöglich. Doch vervollkommnete er an diesem Vorbild seine eigene Strophe immer mehr und nähert sich in der entzückenden, ungezwungenen Leichtigkeit des „Oberon" dem Stil des Italieners, wobei freilich ein niedliches Zöpfchen moralischer Rücksicht und hausbackener Gemütlichkeit nicht zu verbergen ist. Wenn Wieland wesentliche Züge der Kunst Ariosts seinen Landsleuten erschloß, so erwachte doch erst den Stürmern und Drängern das Gefühl für seine wahrhast antike Naturkraft und gesunde Leidenschaft. Bürger erblickte in seiner Muse die Tochter des Volkes, in seiner Kunst die Vollendung der nationalen Dichtung, und auch Heinfe pries ihn als Schöpfer des nationalen Heldengedichts. „Wenn je ein Mensch zum Heldendichter geboren war", schwärmt er, „und Zeit und Gelegenheit hatte, sich auszubilden: so war es gewiß Ariost. Welch ein Jahrhundert, worin er lebte!" Mag auch die Profa-Uebersetzung vom „Roland dem Wüthenden", die er 1782/83 veröffentlichte, wegen des Verzichtes auf die unbedingt notwendige Form verfehlt fein, so hat der „Ardinghello"- Dichter in seinem glühenden Nacherleben doch vielfach die Farben und Akzente gesunden, die die deutsche Sprache für die Wiedergabe Ariosts biegsamer, reicher und geeigneter machten. Seine Begeiferung, die in Jugendwerken Klingers und Goethes nachklingt, erschloß den Besten den Zugang zu diesem Wunderreich. Schiller schreibt einmal an Körner, daß er am „Rasenden Roland" sich berausche, um die Gegenwart zu vergessen, und Wilhelm von Humboldt stellt Ariost in seinen „ästhetischen Versuchen" über „Hermann und Dorothea" neben Homer. „Wo lebt, feit Homer, in einem andern Dichter eine solche Fülle und ein solcher Reichtum von Gestalten, wo eine solche nie stillstehende, sich immer wieder aus sich selbst erzeugende Bewegung, wo strömt ein so unversieglicher Quell ewig neuer und überraschender Erfindungen als in den Gefängen Ariosts?" fragt er. Die wundervollste Charakteristik feiner Kunst in deutscher Sprache hat Goethe in der Lobrede aus Ariost gegeben, die er dem Antonio im „Tasso" in den Mund legt: Wie die Natur die innig reiche Brust Mit einem grünen, bunten Kleide deckt, So hüllt er alles, was den Menschen nur Ehrwürdig, liebenswürdig machen kann, Ins blühende Gewand der Fabel ein ... Nun waren durch Goethes Wortgewolt, durch seine meisterhafte Behandlung der Stanze auch die deutsche Sprache und der deutsche Vers so weit gediehen, um den Versuch einer uebertragung zu gestatten, die wirklich eine Vorstellung des Originials vermittelte. Der genialste Ueber- setzer unsres Schrifttums, August Wilhelm Schlegel, wagte den großen Schritt, indem er eine Probe im „Athenäum" veröfsentlichte. In seiner Nachschrift an Tieck sagt er: „Nur die vielseitige Empsänglichkeit für fremde Nationalpoesie, die womöglich bis zur Universalität gedeihen soll, macht die Fortschritte im treuen Nachbilden von Gedichten möglich. Ich glaube, man ist auf dem Wege, die wahre poetische Uebersetzungs- kunst zu erfinden; dieser Ruhm war den Deutschen vorbehalten. Ariost, der von Friedrich Schlegel als der Höhepunkt der Ritterdichtung gefeiert, von Tieck im „Garten der Poesie" neben die Größten der Weltliteratur gestellt wird, gehört zu den Hauptvertretern der echt „romantischen" Kunst. Auf A. W. Schlegels Spuren schuf Gries in formenstrenger Nachbildung und gutem Verstehen die Uebertragung des ganzen „Rasenden Roland", durch die das Gedicht unserer Literatur geschenkt wurde. Der Gefahr der Eintönigkeit, die Platen mit der Bemerkung kennzeichnet: „Der italienische wogende Rhythmus wird jenseits der Alpen klappernde Monotonie" entging er freilich nicht; noch mehr erlag ihr sein unebenbürtiger Nebenbuhler Streckfuß. Die grundlegende Bedeutung der Griesschen Arbeit haben alle seine Nachfolger anerkannt. Hermann Kurz, der sich auf sie stützte, ruft aus: „Wie leicht hat es ein Späterer nach solchem Vorgänger!" Der Dichter des „Sonnenwirts" wußte das Zeitkolorit besser zu treffen, für das Rankes vortreffliche Abhandlung über Ariost den historischen Sinn geschärft hatte; seine Stanzen sind flüssiger, beweglicher, lebendiger und die Bearbeitung Paul H e y s e s , der so manches vom Formtalent Ariosts besah und ihm in einzelnen Vers-Erzählungen glücklich nacheiserte, glättete und verfeinerte den Stil Kürzens noch an unzähligen Stellen. Den klassischen Deutschen Ariost" hat jedoch erst Otto 0 i l 6 e m e i ft e r geschaffen, der auch feine Satiren ausgezeichnet übertrug. In seinem „Rasenden Roland" wird ein hundertjähriges Mühen gekrönt, wird die Schönheit des Originals rein roiebergefpiegelt, soweit dies die andre Wesensart, die Reim-Armut unsrer Sprache gestattet. Spätere Versuche, wie die Uebersetzung sämtlicher Dichtungen Ariosts durch 2Ufons Kiß - ner, reichen nicht an diese Leistung heran, die zu den Meisterwerken unsrer Uebersetzungskunst gehört. Oie Oame mit dem Otterpelz. Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.) Es bleibt Ihnen nur noch das eine überlassen, Herr Fuchs, uns möglichst der Wahrheit gemäß zu erzählen, auf welche Weise diese Fälschung zustande gekommen ist. Da es an den sich für Sie ergebenden Folgen nichts mehr ändert, können Sie es ungeniert tun. Es kann höchstens von Vorteil für Sie fein ..." Er hatte genau beobachtet, daß Fuchs bei [einen schonungslosen Enthüllungen tödlich erschrocken war. Seine Gesichtsfarbe wechselte ins Grüne. Sein Blick bekam eine gläserne Starrheit. „Gar nichts werde ich Euch erzählen! sagte er frech. „Da ihr ja über alles so vorzüglich unterrichtet seid, kann es Euch auch nicht schwer fallen, den Rest zu erraten!" Er lachte boshaft auf. Kling betrachtete nachdenklich seine glatte, hart vorspringende Stirn. Er sagte sich, daß dieser kalte Trotz nicht durch Gewaltmittel zu brechen war. Dieser hartgesottene Bursche.war nur durch eine Kriegslist zu überrumpeln. Und plötzlich zuckte in 'Kling ein Gedanke auf — ein Gedanke, den er ohne Zögern in die Tat umsetzte. Sein Blick ließ Fuchs los. Langsam wandte er sich dem Untersuchungsrichter zu: ■** „Bann schlage ich vor, Fräulein Olly Hohmann, wohnhast in Berlin, Schöneberger Ufer 11, verhaften zu lassen, die sich durch ihre anscheinend sehr nahen Beziehungen zu Caspar Fuchs und ihre häufigen Besuche in der Fuchsschen Wohnung der Hehlerei verdächtig gemacht hat. Vielleicht vermögen wir von ihr zu erfahren, was wir noch wissen wollen." Niemand hätte aus dem kühlen und sachlichen Ton seiner Worte die Absicht herausgehört. Auch Caspar Fuchs erriet nicht, daß dieser Vorschlag nur eine Falle war. Er wurde plötzlich grau im Gesicht. Seine Augen funkelten Kling mit einem Ausdruck verzweifelten Hasses an. „Das werden Sie bleiben lassen!" brach er plötzlich los. „Sie haben kein Recht, Fräulein Hohmann zu verhaften! Sie hat mit dieser Sache nichts zu tun, nicht das geringste! — Das schwöre ich Ihnen! Sie ist vollkommen ahnungslos, und ich dulde nicht ..." Er atmete schwer. „Mein Leben ist ja bereits verpfuscht — so oder so. Aber von Olly lassen Sie die Finger weg — das rate ich Ihnen im Guten!" Kommissar Kling zog spöttisch die Brauen hoch. „Wir werden uns durch Ihre Drohungen an unseren Dispositionen nicht hindern lassen, Herr Fuchs. Solange Sie in diesem hartnäckigen Schweigen verharren, sind wir gezwungen, jede noch so dünne Spur zu verfolgen, die uns zum Ziele führen könnte. Der Verdacht der Mitwisserschaft Olly Hohmanns liegt, wie Sie zugeben müssen, sehr nahe. Aber vielleicht gelingt es Ihnen, diesen Verdacht zu widerlegen, so daß wir vorläufig von einer Verhaftung des Mädchens abfehen können." Er begann gleichmütig auf dem vor ihm liegenden Sittenbogen herumzustricheln und überließ Fuchs feinem inneren Kampf. Auch der Richter griff mit keinem Wort in den Gang der Verhandlung ein. Ein paar Minuten blieb es vollkommen still im Zimmer. Dann auf einmal fing der Angeklagte von selbst zu sprechen an, mit einer merkwürdig trockenen, geborstenen Stimme: „Wenn Sie mir versprechen, Fräulein Hohmann zu schonen, will ich meinetwegen Ihnen Rede stehen. Jetzt ist ja schon alles gleich. Mein Bruder ist tot. Auf ihn brauche ich keine Rücksicht mehr zu nehmen. Und was meine Person betrifft, —" Er beschloß den Satz durch eine wegwerfende Geste. „Aber, wenn Sie erlauben, möchte ich lieber im Zusammenhang erzählen und nicht durch Fragen unterbrochen werden. Das macht mich nervös." Der Kommissar schlug in erwartungsvoller Haltung ein Bein über das andere und sagte verbindlich: „Gut, Herr Fuchs, wir werden Sie nach Möglichkeit nicht unterbrechen. Also erzählen Sie!" Der Angeklagte bat um eine Zigarette. Nach den ersten gierigen Zügen hatte er seine aufgeloderten Nerven wieder soweit gesammelt, daß er mit seinem Geständnis beginnen konnte. „Seit meinen Kinderjahren habe ich unter dem Einfluß meines Bruders Casus gestanden. Er war bereits sechzehn Jahre alt, als ich zur Welt kam. Und meine Mutter — die zweite Frau unseres Vaters — ist an meiner Geburt gestorben. Unser Vater hatte in Elbing eine kleine Drogerie, die Cajus hätte später einmal übernehmen sollen. Aber er setzte es durch, Medizin zu studieren, und richtete sich, da der Vater ihm die Herausgabe seines mütterlichen Erbteils verweigerte, mit den primitivsten Mitteln in Elbing eine kleine Praxis ein. Ich war damals noch keine zehn Jahre. Aber ich erinnere mich sehr gut an sein ungeheiztes, elendes Sprechzimmer, in dem er mir nach der Ordination meine Schularbeiten korrigierte. Ich hing sehr an Cajus. Ich liebte ihn auf eine furchtsame und hörige Art. Nachdem er mit unserem Vater entzweit war und bas Elternhaus nicht mehr betrat, stahl ich mich Tag für Tag eine Stunde zu ihm. Ich schwänzte sogar zuweilen die Schule, wenn ich anders nicht abkommen konnte. Dabei hat mich Casus nie verwöhnt — ich hatte nicht den geringsten Vorteil von diesen Besuchen. Im Gegenteil, er ohrfeigte mich sogar manchmal, wenn er schlechter Laune war und ich irgendein Rechenexempel nicht gleich begriff. Während ich zu Haufe keinen Schlag bekam. Trotzdem entfernte ich mich immer mehr von meinem Bater, dessen Liebling ich war, und in demselben Maße, wie mein Verhältnis zu ihm abkühlte, schloß ich mich immer mehr meinem Bruder an." „Wie hoch schätzen Sie sein damaliges Einkommen? Konnte er sich mit seiner Praxis ernähren?" „Im ersten Jahr begegnete ich bei Casus nur selten einem Patienten. Er muß damals ein mehr als kümmerliches Leben geführt haben. Tag und Nacht faß er über Büchern, deren Inhalt mich damals noch nicht interessierte, und taute dabei aus der Tasche Johannisbrot, das ich heimlich für ihn aus der Drogerie entwendete. Ich glaube, an manchen Tagen ist das feine einzige Nahrung gewesen. Aber aus einmal hob sich seine Praxis. Er bekam Zulauf." „Und wie kam das auf einmal?" „Man erzählte sich in der kleinen Stadt von Wunderkuren, di« er ge- Macht haben sollte. Es wurde ihm nachgesagf, daß er durch magnet, che Kräfte Lähmungen und andere hoffnungslose Falle geheilt habe. Und fast über Nacht hatte er in dem Nest eine Berühmtheit erlangt, die natürlich der gesamten Llerzteschaft ein Dorn im Auge war. Besonders, da er fern Doktorexamen gemacht hatte und aus diesem Grunde unter den Praktikern ohnehin nicht für voll galt. Aber sie konnten ihm oorläusig nichts anhaben, und seine Praxis blühte derart weiter, daß er in kurzer Zeit ein kleines Haus befaß. Jetzt hätte sich auch unser Bater gerne mit ihm ausqesöhnt. Doch Casus blieb unzugänglich und wehrte jeden Annäherungsversuch ab. Als bald darauf der Bater starb, kam er nicht einmal zur Beerdigung. Aber er befriedigte aus eigenen Mitteln die Gläubiger des Verstorbenen und nahm mich zu sich in fein Haus. Ich verdanke ihm alles, was ich geworden bin .. Caspar Fuchs lachte bitter auf. „Auch, daß ich jetzt vor Ihnen fitze! Hätte Cajus seinen Einfluß auf mich anders angewandt, dann wäre vielleicht ein Spießbürger aus mir geworden! Aber wer weih, welchen Entwicklungsgang er selbst genommen hätte, wenn das Schicksal oder seine Veranlagung oder — wie soll man es nennen? — ihn nicht aus der bürgerlichen Sphäre vertrieben hätte .. .1 Soviel steht fest — er hatte die besten Absichten für meine Zukunft. Er hat, solange ihm die Mittel zur Verfügung standen, alles getan, um mir eine feste und gesicherte Lebensbasis zu schaffen. Auch noch späterhin. Er ließ mich das Gymnasium besuchen, und es galt als ausgemacht, daß ich nach dem Abitur Chemie studieren sollte. Meine schüchternen Versuche, seine Zustimmung dafür zu erwirken, daß ich die Kunstakademie besuchen dürfte, scheiterten an seinem brüsken Nein. Er wußte, daß ich Talent besaß, aber er erklärte, die Malerei fei kein vernünftiger Beruf und höchstens nebenher als Liebhaberei zu betreiben. Und ich wagte keinen Widerspruch. Es wäre mir niemals eingefallen, mich gegen Cajus aufzulehnen ... Die Konzession zur Ausübung seiner Praxis wurde ihm entzogen. Das Haus wurde verkauft, und wir verließen Elbing für immer. Fünf Jahre haben wir in Paris gelebt — in bescheidensten Verhältnissen. Mein Bruder machte allerhand kleine Gelegenheitsgeschäfte, mit denen er unseren Lebensunterhalt bestritt. Und nachts saß er hinter seinen Büchern. Er hat nie davon gesprochen — aber er muß furchtbar darunter gelitten haben, seinen Beruf, den er bis zur Besessenheit liebte, nicht mehr ausüben zu können. Je weiter er sich nach außen hin von diesem Beruf entfernte, der jein Lebenselement war, in dem er bestimmt einmal Bedeutendes erreicht hätte — umso mehr schritt seine innere Vereisung fort. Die ungeheure dynamische Kraft, die in ihm nach Betätigung drängte, sand kein Ventil mehr. Sie zerstörte feine Menschlichkeit bis auf den letzten Funken ..." Der Angeklagte machte eine kurze Pause und streifte nachdenklich die Asche von seiner Zigarette. Kling hob plötzlich den Kopf und überraschte Fuchs mit der Zwischenfrage: „Und was ist eigentlich aus Ihrem Zeichentalent geworden, Herr Fuch? Wie es scheint, haben Sie doch nicht auf die Dauer auf jede künstlerische Tätigkeit verzichten können. Wenn auch nur im Nebenberuf?" Fuchs gab sich sichtliche Mühe, die Ironie der Frage zu überhören. Nur ganz leicht zuckten seine Brauen, als er entgegnete: „Zuerst habe ich damit angefangen, mir durch Postkartenzeichnen und kleine Kopien ein vescheidenes Taschengeld zu verdienen. Tagsüber arbeitete ich als Volonteur in einem chemischen Betrieb, denn Cajus wollte, nachdem er nicht mehr in der Lage war, mich auf eine Hochschule zu schicken, mich wenigstens praktisch etwas lernen lassen. Und an zwei Abenden der Woche besuchte ich zu meinem Privatvergnügen einen unengelt- lichen Zeichenkurs. Später bekam ich eine kleine Anstellung als Laborant in einer litographischen Anstalt in Berlin. Dieser Betrieb befaßte sich in der Hauptsache mit der Herstellung von Farbdrucken, Reproduktionen alter Meisterwerke nach einem besonderen Berfahren, das die antike Tönung täuschend wiedergab ..." „Aha!" Kommissar Kling machte eine lebhafte Geste. „Und das brachte Sie auf den Einfall, solche Nachahmungen selbst her- zustellen! Sie haben also mit Ihrem Antiquitätenhandel schon damals angefangen?" „Auf '-armlose Art — ja! Das heißt, ich fand ein Vergnügen darin, auch die 'nen Heiligenbilder, die ich in meinen Freistunden nach alten (Bemälbenjür eine Engrossirma kopierte, zu antikisieren. Anfänglich war es reine 3-ielerei — die Freude am Experiment. Aber ich fand damit großen A 'lang bei meinen Auftraggebern und eignete mir mit der Zeit in dieser urftferttgteit eine derartige Vollkommenheit an, daß man die Bildchen -anchmal tatsächlich für echte hätte halten können." „Und ?f-r Bruder — was sagte der dazu?" „Er v-rsolgte meine Tätigkeit mit schweigsamem Interesse. Und einmal sagte er: „Wenn Du nicht ein so miserabler Kopist wärst, könntest Du mit diesem Talent ein reicher Mann werden ... Ich verstand ihn damals gar nicht -- ich deutete seine Worte eher als eine abfällige Kritik meiner Malerei. Denn ich war mir ja selbst bewußt, daß es damit nicht weit zu mähen und hinterher flüssig zu düngen. her war. Daß meine Kopien nichts waren als dilettantische Klecksereien. Und sie wurden ja auch schlecht genug bezahlt! Da brachte mir Cajus eines Inges die ausgezeichnete Kopie eines Teniers. Wo er sie her hatte, weiß ich nickt m-hr, vermutlich hatte er irgendeinen Maler an der Hand, der sie nach e’rem Museumstück angefertigt hat." „Ich wäre neugierig, wie eine wirklich gute Kopie mit deiner Patina wirkt", la-''-' er lachend. „Ich habe nämlich mit einem Bekannten gewettet, daß man sie von dem Original nicht unterscheiden kann. Also blamiere mich nich' " Urb ich habe mir benn auch mit biesem Bilde besondere Mühe gegeben, ging sogar an zwei Sonntagen ins Musee de Luxembourg, wo bas :,üna[ hing und prägte mir jeben Sprung, jede Unebenheit ber Leinwan^ ein, um eine bis ins kleinste getreue Nachahmung zustande zu bringen. n,<1?r ich kann beschwören, daß ich damals noch keine Ahnung von dem Zweck hatte, den Casus damit versolgte. Für mich war die Sache nichts als ein Sport, der auf eine harmlose Art meinen Ehrgeiz befeuerte. Als die Arbeit fertig war, schlug mir Casus anerkennend auf die Schulter und rief: „Bravo, mein Junge, das ist die granbiofefte Fälschung, die ich je gesehen habe!" — „Und dieser Ausspruch machte Sie gar nicht stutzig?" „Nein — mit 19 Jahren ist man noch nicht so gerissen. Ich war sogar stolz auf das Lod meines großen Bruders, der noch immer, wie in der Kinderzeit, meine höchste Autorität war. Zwei Tage später legte mir Casus, als er spät in ber Nacht heimkehrte, einen Hundertfrankenschein auf die Bettdecke. Er war in ausgezeichneter Laune. „Da, mein Junge", sagte er in wohlwollendem Ton — das ist dein wohlverdienter Anteil an unserer Wette! Natürlich habe ich sie gewonnen ... —— Nach jenem Abend erwähnte er das Bild mit keiner Silbe mehr. Und er verbot auch mir, zu irgend jemand davon zu sprechen. Aber es fiel mir doch auf, daß wir auf einmal anfingen, besser zu leben als bisher. Casus schenkte mir Wäsche und einen Wintermantel und lud mich zuweilen abends in ein Weinlokal ein. Da stieg in mir der Verdacht auf, daß er das Bild hinter meinem Rücken verkauft haben könnte. Aber sonst dachte ich mir nichts weiter dabei. Nicht im entferntesten vermutete ich irgend eine unlautere Handlung. Dazu war ich noch selbst viel zu ungefangen." „Und wann kam Ihnen bann die Erleuchtung?" „Erst drei Jahre später — wir waren inzwischen nach Berlin über- gesiedelt — da las ich in den Zeitungen von ber aussehenerregenben Fül- jchung eines Teniers, die man im Musee de Luxembourg entdeckt hatte. Das gefälschte Bild war auf unerklärliche Weife an Stelle des Originals in den Rahmen eingeschmuggelt worden und von dem echten Gemälde fast nicht zu unterscheiden. Niemand konnte sagen, wie lange es bereits in der Galerie hing, ohne daß irgend jemand den Betrug gemerkt hätte. Erst als es zum Zweck der Restaurierung aus dem Rahmen genommen wurde, hatte man die aufregende Entdeckung gemacht. Aber von den Fälschern war keine Spur mehr zu finden ..." Fuchs machte abermals eine Pause. Und Kling fragte gedämpft: „Und dieser gefälschte Teniers war dieselbe Kopie, die Sie damals auf Anstiftung Ihres Bruders antikisiert Haden?" ... Der Angeklagte nickte schwer: „Ja — daran war nach ber Beschreibung des Bildes nicht mehr zu zweifeln. Und ich habe es Cajus damals auf den Kopf zugefagt, daß er diesen Schwindel inszeniert hat. Ich tobte vor Empörung. Aber es half ! mir nichts. Cajus blieb vollkommen ruhig und fah mir mit kaltem Hohn in die Augen: | „Du Dummkopf", sagte er. „Hätte ich uns diese Chance vielleicht entgehen lassen sollen? Bei diesem Hundeleben, das wir damals führten! ( Nein — mein Junge — wenn einem das Wasser an der Gurgel steht, 1 kann man es sich nicht leisten, ein ehrlicher Kerl zu bleiben. Und wer | eine einträgliche Begabung hat, der soll sich nicht an harmlosen Spielereien verplempern — verstanden? Man muß feine Talente ausnützen — i jeder auf [eine Art." — Er lachte dabei in sich hinein, und in feinen . Augen war ein tückisches Funkeln, als lauere noch etwas anderes hinter i feinen Worten ... Mir lief es kalt den Rücken hinunter — ich wußte ! nicht, warum. Aber als ich den Versuch wagte, ihm ins Gewissen zu - reden und ihn zu bitten, mich nie wieder zu einer derartigen Sache zu : verleiten, da schrie er mich an: „Halt den Mund! Wenn du mich nicht ge= I habt hättest, wärst du schon lange erledigt! Und bas ist nun ber Dank dafür, baß man sich zehn Jahre mit dir abgefchleppt hat ...! Nein — ■ mein Brüderchen — so haben wir nicht gewettet! Ich habe keine Lust, \ mein Leden lang Dreck zu fressen! Ich will wieder hinauf — verstehst du? ! Und du wirst mir dabei helfen. Sonst sollst du mich kennen lernen!" ! Zum ersten Mal in meinem Leben bekam ich Angst vor ihm. Dunkel begriff ich, daß dieser Mensch zu allem fähig war — zu jeder Gemeinheit — ja, selbst zum Mord ... Ich erschrak vor diesem Abgrund menschlicher Gesinnung, ber sich da plötzlich vor mir auftat. Aber ich konnte mich nicht von ihm freimachen. Ich war ihm auf unerklärliche Weise Versalien. Ja — ich liebte ihn sogar immer noch. Mit derselben furchtsamen Hörigkeit, mit ber ich schon als Knabe an ihm gehangen hatte. Und dieses Gefühl i hat mich nie verlassen. Bis zuletzt — bis zu seinem Tode nicht. Ich finde ! keine Erklärung dafür. Aber ich hätte ihn niemals verraten, wenn er noch am Leben wäre. Und wenn man mich geoierteilt hätte." Caspar Fuchs senkte den Kopf. Seine Stimme war rauh geworden vor Erregung. Kommissar Kling wartete eine Weile, ob er nicht von selbst weitersprechen würde. Dann fragte er langsam und vorsichtig: „Und hat Ihr Bruder Sie dann im Laufe der Zeit noch zu weiteren Fälschungen Überredet?" Fuchs mußte sich ein paarmal räuspern, bevor er antworten konnte: „Ja, noch öfters. Und ich wehrte mich auch bald nicht mehr dagegen. Er brachte mir zuweilen Bilder, die ich in seinem Auftrag „restaurierte", wie er es zu nennen pflgte, ohne daß ich mich darum kümmerte, wohin sie gingen ..." „Und ber Gewinn? Den haben Sie boch gefeilt?“ „Nein — ich erhielt von meinem Stuber für jedes „restaurierte" Stück ein bestimmte Honorar für meine Arbeit. Zwei bis dreihundert Mark — nicht mehr." „Und damit gaben Sie sich zufrieden, wo Sie ihn doch in ber Hand hatten?" Kling lächelte ungläubig. „Ja. Ich wollte gar nicht mehr baran verdienen. Ich hätte es vielleicht auch ohne Bezahlung getan. Einfach — aus Willenlosigkeit. Aber ich hatte i noch immer keinen auskömmlichen Verdienst. Und ich wollte wenigstens pekuniär nicht mehr von Casus abhängig sein ... Das ging so vier ober fünf Jahre ...! Dann tarn ber Krieg. Ich wurde eingezogen. In Flandern bin ich verschüttet worden und habe eine Nervenlähmung erlitten. Das da — er deutete auf fein eingesunkenes Augenlid, ist noch ein Andenken daran." (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: ^r. Hans Thyriot. — Druck und Der lag: Brüh l'sche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. L. Lange, ©iefieru