GietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1955 Zreitag, ben l. April Nummer 28 Frühlingsnacht. Bon Josef von Eichendorff. Uebern Garten durch die Lüfte Hört ich Wandervögel zieh», Das bedeutet Frühlingsdüfte, Unten fängt's schon an zu blühn. Jauchzen möcht ich, möchte weinen, Ist mir's doch, als könnt's nicht sein! * Alte Wunder wieder scheinen Mit dem Mondesglanz herein. Und der Mond, die Sterne sagen's, Und in Träumen rauscht's der Hain, Und die Nachtigallen schlagen's: Sie ist deine, sie ist dein. Oie Probe. Von Knut Borries. Für das Wochenende hatten Peter und Mutti einen Vertrag miteinander geschlossen — einen seierlichen, mit Wort und Handschlag besiegelten Vertrag. _ Danach gehörte ihnen der Vater am Samstag gemeinsam, am «onntag- nachmittag Mutti — am Vormittag aber Peter, Peter ganz allein. Peter, beinah sechs Jahre alt und in der Straßenbahn schon mit Mißtrauen angesehen, hatte ein stark entwickeltes Ehr- und Rechtsgefühl und war überhaupt ein Mann, mit dem man Paktieren konnte. Mutti mußte ihm an jedem Sonntagabend bestätigen, daß er ihre Eigentumsrechte an Vater nach bestem Wissen und Gewissen respektiert hatte. Bis aus gelegentliche kleine Anleihen — „Mutti, darf ich nur mal eben mit Vater Versteck spielen..." — „Mutti, darf Vater mir ein klein bißchen helfen — ich kann und kann die Brücke nicht allein bauen..." — „Mutti, könnte Vater nicht bloß eben nial ..." Selbstverständlich, daß Peter — der srenrde Rechte so zu achten wußte! — auch die eigenen Ansprüche gründlich wahrnahm. Für ihn und damit natürlich auch für die beglückten Eltern begann der Sonntagvormittag ungefähr um sieben Uhr morgens. Mit einem kühnen Sprung in Baters Bett, mitten in Vaters schönsten Trauni hinein. Schon während des (immerhin noch gemeinsamen) Frühstücks verflüchtigte sich der Wahn vom stillen, friedlichen Heim — kurz darauf mußte die vertriebene Frau des Hauses in der Küche Zuflucht suchen, und in den Wohnräumen trat das Chaos seine grausige Herrschaft an — „Vater — weißt du, was wir heute machen -—?" Rein, Vater weiß es nicht. Lieber Himmel, mach es gnädig, denkt Mutti. Und Peter, verklärt leuchtend in reiner Vorfreude, verkündet: „Heute spielen wir Krieg!" „D Gott!" stöhnt Mutti — und so wird es denn auch. Vater, alter Frontsoldat, muß ergriffen anerkennen, daß fein Sohn sich auf das Kriegführen versteht. Vor allem auf das gründliche Zerstören der feindlichen Stellung, als welche er offenbar das gesamte Wohnzimmer ansteht. Tröstlich, daß^die große Spiegelglasscheibe in der Vitrine ohnehin schon einen Sprung hatte, vom vonntag vorher — von der scheußlichen Majo- lika-Vase noch nach ihrem Tode zu reden, wäre geschmacklos — und wenn Mutti das halbe Frühstllcksgeschirr auf dem Tisch stehen laßt, dann natürlich kann bei der großen Offensive nicht alles heil bleiben... Erst ein aufgeschlagenes Knie, eine ebenso umfangreiche tute farbenfrohe Beule auf der Stirn und heftiges Nasenbluten machen dem Kampf ein Ende. Verbunden vom Kopf bis zu den Füßen ruht Peter auf der Couch von seinen Taten aus — „nur ein bißchen", wie er dem Vater tröstend versichert. Keine Träne hat der Schweroerleßte vergossen — so viel Heldenmut muß belohnt werden, lind Vater tut das, wozu auch Peters Bitten ihn nur selten bewegen können — er öffnet die Truhe, in der geheiligte Kriegs-Erinnerungen wohl geborgen liegen. Alles darf Peter anfehen, auch behutsam anfafsen — bie verichlissenen und geflickten Uniforntftücke — die in Watte gepackten spitzen und zackigen Granatsplitter, die ein Onkel Doktor mal aus Vaters schnlter und Arm hat herausholen müssen — und vieles atidere mehr. Zuletzt schnallt 23ater auch den Tornister auf und packt ihn aus. Halsbinde, ein Hemd, helfen rechter Aermel aufgeriffen und merkwürdig rostbraun gefärbt ist, ein paar Bücher, eine Pfeife, ein Tabak-Beutel, ein Lunten-Feuerzeug, eine kleine Blechbüchse — „was ist das, Vater?" „ „Das war unsere .eiserne Ration , Peter." „Kann man damit auch schießen?" „Nein, das ist nichts zum Schießen — das ist zum Essen. Jeder Soldat hatte so eine Blechbüchse im Tornister. Aber man durfte er nicht essen, was darin war." „Warum nicht?" „Weil es aufgehoben werden mußte. Für den Fall, daß man irgendwo verwundet liegen blieb und lange liegen mußte, bis Hilfe kam. Oder daß mal keine andere Verpflegung möglich war. Sonst durste man es nicht anrühren." „Was ist denn da drin — in der Büchse?" „Fleisch. Gullasch wahrscheinlich." „3a aber — wenn der Soldat nun Hunger hatte —?l" „Auch dann durfte er es nicht essen. Der Soldat muß eben auch mit dem Hunger kämpfen können, Peter." Peter wird merklich stiller. Sehr, sehr nachdenklich. „Aber — wenn er nun großen Hunger hat, Vater —?* „Die eiserne Ration darf er unter feinen Umständen essen — wenn es nicht ausdrücklich erlaubt wird. — Du willst doch auch mal Soldat werden, Peter?" Energische Bejahung. „Ja, dann müßtest du auch erst die Probe bestehen. — Jeder, der Soldat werden will, muß das." „Was ist das — die Probe?" „Ob man auch den Hunger besiegen kann. Paß mal auf, wie wir das machen können. Wir stellen einen großen Teller von dem Pudding, den Mutti gekocht hat, hier auf den Tisch. Mit Himbeersaft. Dann gehen wir hinaus, Mutti und ich — nur du bleibst hier, ganz allein mit dem Pudding. Eine Stunde lang. Wenn du dann nichts, gar nicht ein bißchen von dem Pudding gegessen hast, bann hast du die große Probe bestanden. Dann kannst bu Soldat werben. Willst bu?" Peter ist sehr ernst. Peter ist sich ber ungeheuren Schwere der Ausgabe, vor die er gestellt werden soll, voll bewußt. 2lber Soldat will und muß er nun einmal werden. Und er fühlt sich stark. „Ja, Vater — ich will." Zehn Minuten später ftrerft_ber Vater sich im Nebenzimmer auf die Ottomane — sehr, sehr müde. Seine kleine blonde Frau bringt ihm Zigarre und 'Aschenbecher. Stellt ein Glas Wein neben ihn. Streicht ihm über das Haar. „Du bist so angegriffen. Der Junge ist so schrecklich wild. Die ganze Woche quälst du dich, und nicht einmal am Sonntag hast du Ruhe..." Er lächelte nur. Zieht sie sanft zu sich herab. Hält sie so fest, daß er ihren Herzschlag spürt, und lauscht — Peter singt. Sehr laut und energisch singt er, friedliche und kriegerische Lieder durcheinander. „Hänschen klein, ging allein" und „Deutschland, Deutschland über alles" und „Stolz weht die Flagge Schwarz-Weiß- Rot..." Und der Vater, glücklich ohne Wünsche, nimmt die helle Kinderstimme tief in sich auf... Man weiß doch, warum und wofür man das alles ausgehalten hat — von Vierzehn bis Achtzehn und nachher... Er sieht auf den blonden Scheitel feiner Frau, die ihren Kopf auf feine Brust gelegt hat — er fühlt, wie sie ganz facht, kaum spürbar feinen Arm streichelt. Und unvermittelt taucht aus dem Nebel des Vergessens eine Kriegserinnerung. In Polen war das. Weite Schneefelder draußen, sternstille Nacht. Ein enges Zimmer, niedrig und dunkel, erfüllt vom Dunst feuchter Kleider, wüst und schmutzig. Ein riesenhaftes Bett in der Ecke, auf dessen rot gewürfelten Kissen ein Vierteldutzend Kinder schliefen, auf dessen Rand ein altes Weib hockte und stumpfsinnig in die Kaminflamme stierte, die gespenstische Lichter über die Dielen huschen ließen. Und neben ihm, der hier einquartiert war, ein Mädchen, eine Siebzehnjährige. — Leise flüsterte sie mit ihm, dessen Nerven aufgepeitscht waren vom Fieber heißer Kampftage. Von ber Trostlosigkeit ihres Lebens sprach sie-- „Alle fort, Herr — ber Vater unb der Bruder und der Großvater-- Keine Hilfe, immer Hunger--Aber bu bist gut, Herr. Du wirst uns Brot bringen. Du wirst uns zu essen geben. Du bist gut, Herr, du bist gut--" Unb sie nahm seine Hanb, streichelte seine Hanb, streichelte ganz sacht, kaum spürbar seinen Arm, drängte sich an ihn--Draußen war die weiße Oede, draußen war Frieren und Hungern, draußen war der Tod — unb bas Mädchen war schön-- „Wie dein Herz schlägt, Lieber!" Er lächelt. Und holt tief Atem. Zwei Stunden vor seiner Zeit war er in jener Nacht auf Posten gezogen. Hatte sich ausgerechnet, wo unter den Sternen die damals fünfzehnjährige Blonde schlief, die einmal seine Frau werden sollte. Hatte in Leid und Sehnsucht die schwere Nacht durchlitten. — „Peter ist so still geworden —?!" „Laß ihn doch — ich will sehen, wie er damit fertig wird." Ader dann richtete er sich rasch auf. Hat er nicht in jener Nacht gegrollt und gehadert: führe uns nicht in Versuchung — Mitleid und Reue fühlt er. „Komm — wir wollen den kleinen Kerl doch erlösen. meinem Leben eine wunderbare Rolle Peking. Eine Kultur stirbt. Von Sven H e d i n. Peking, die mehrtausendjährige Hauptstadt des gewaltigen chinesischen Reiches, steht im Mittelpunkt kriegerischer Aktionen. Die Japaner befinden sich vor den Mauern der alten Kai erstadt, die selbst über den Sturz eines Kaisertums hinaus und durch die Wirren des Bürgerkrieges hindurch sich bisher ihre Würde und ihren historischen Glanz bewahrt hatte. Sven Hedin, der große schwedische Forscher, der mehr als >eder andere berufen ist, über Kultur und Geschichte des Fernen Ostens zu urteilen, befindet sich zur Zeit wieder in Peking im Hauptquartier seiner großen Expedition. Seine Ausführungen dürften im gegenwärtigen Augenblick besonderes Interesse finden. punkt meiner ersten großen Reise durch Asien 1893/97 und Peking war im Jahre 1927 der Ausgangspunkt meiner großen Expedition, die jetzt ihrem Ende entgegengeht. lieber den stattlichen Gebäuden Pekings und feinen altertümlichen Mauern schwebt noch die Erinnerung an Ereignisse, die in weit ent- i fernten Zeitaltern stattsanden. Hier wurde Marco Polo von dem mäch- tiaen Mongolenkaifer Kublai Khan empfangen und hier residierte ber Mingksier Y u n g - l o, dessen Grab unweit Peking mit Recht zu den wunderbarsten Altertümern des mächtigen Asiens gezählt wird. Wo gibt es etwas Gediegeneres und Prunkvolleres als die Turmhäuser aus der Stadtmauer Pekings und die Mauer selbst mit ihren gewaltigen Steinmassen? Wie wird man doch von den Palästen der knechtsprache kennt. ” . . Folgen wir nun dem Soldaten auf den Spuren feiner Sprache in feine Welt und fein Leben, auf den Marsch und aufs Schlachtfeld, zu Sieg und Tod. Für den Zivilisten hat „Bruder Veit", wie sich der Landsknecht nannte, stets nur eitel Verachtung gehabt; er hieß ihn schlechtweg „Bauer" oder betitelt ihn heute „Kaffer", „Katzier". Die Genossen begrüßt er als „Kamerad", das eine Schöpfung der neueren Soldatenfprache ist, während man sich früher mit „Bruder", „Gleicher", „Mitgefell , „Mitbursche" anredete. Der Gemeine war für feine Vorgesetzten schlechtweg ein „Kerl"; heut sind die Soldaten „Leute", „Burschen", „Muschkos" (aus Musketier), in Bayern auch „G'scherte". Alles, was zum Soldaten gehört, gehört zum ,Kommiß". Dieser Ausdruck, der eigentlich „in kriegsherrlicher Verpflegung" bedeutet, ist uralt; er kommt schon in der Reuterbestallung Karls V. vor, wo er zunächst nur das Derpslegungswesen bezeichnet, daher „Kommißbrot", „Kommißsutter", „Kommißsack" (bei F i s ch a r t ganz allgemein für Fouragesack). Das Wort geht dann auf den Soldaten über: „Kommißjunge", „Kommißbrotritter"; es bezeichnet einen strengen Unteroffizier („Kommißknüppel") ober Offizier („Kommißhengst", „Kommiß- knops"), und wird dann allgemein für alles Soldatische; „Kommißstiefel", „Koinmißvermögen" (bei Verheiratung der Offiziere). Spitznamen sind überreich in der Soldatensprache vertreten. Die Schweizer nannten die deutschen Landsknechte „Heini" oder „Kanonen- freffer". Die Kavalleristen hießen „Stiefelschmierer". Heute nennt man in Bayern die schweren Reiter „Trampeltiere", die Kürassiere sind die „Klempner", „Mehlsäcke"; die Husaren „Bindfadenjungen" (wegen, der Schnüre), die Ulanen „Krötenspießer", „Paddenstecher", „reitende Laternenanzünder". Die Artillerie hat den Necknamen „die Bombe", wohl auch .Kotige Bombe". Die Feldartilleristen heißen „Knalldroschkenkutscher", .Kanonenwischer", „Wallrutscher" die Festungsartilleristen. Den Infanteristen werden Namen gewidmet, wie „Sandhosen", „Fußlatscher", „Stoppelhopser", „Dreckstampfer", „Kilometerschweine"; den Jägern: „Laubfrösche", „Grünspechte", „Grashupfer". Die Pioniere sind „Maulwürfe", „Wasserratten", die Eisenbahner „Schwellenträger", „Wagenschieber". Der Train wird „Kolonne Prr", „schweres Getränk", seine Leute werden „Zwiebackkutschor", «Beilchendragoner" (ihrer blauen Uniform wegen), , Chaussee-Einnehmer" (wenn sie den Weg versperren) genannt. Die Spielleute sühren den Spitznamen „Spielmopse , ,^pielhengste , das Federvieh", die Pfeifer und Hornisten werden als „Bleckspucker , „Gieß* kannenlutscher", „Hornvieh" angerufen, die Trommler als „Trommel* jungen" Jffilrbeltiere", „Fellkünstler". Die Trommel hat stets bei den ©otoaten eine besondere Rolle gespielt; die Landsknechte ..folgen dem Kalbfell", und über ihrem Grab schlug man bas „$ummerlein vumm . 9(udi einzelne Truppenteile hatten unb haben ihre Necknamen. So hieß unt7r Friebrich dem Großen das Regiment Jtzenplitz „Bonner unb Blitz"; bie preußischen Garbejäger hießen ihrer Litzen wegen „Silberlinge". 1870 gab es eine „Kompanie Husch". Einzelne Regimenter heißen .Maikäfer", „Sackratten" usw. , ... . . Die Bezeichnungen ber Vorgesetzten bewahren auch nicht immer den Respekt. Der Felbwebel ist ber „Spieß", ber «Alte ; so heißt auch ber Hauptmann, daneben „Häuptling„Patron, der Rittmeister „Ritter , ber Abjutant „Tintenspion", „Federfuchser , „Schreiberseele . Der Ge neralftäbler ist ein „Karmoisinvergnugter wegen seiner Hosen mit Den . Jntelliqenzstreisen". Der Rekrut, ber noch „grün ist ober ein „siosier Stift", mirb nach einem uralten Ausbruck „gebriUt" ober „gebimst , „qechnickt", „gebeutelt", „geschlissen", „getaucht"; bie „Hammelbeine wer* ben ihm langgezogen" er kommt in bie „Knochenmühle unb muß „mufcg- ^"Ha?er"bas „Klüftchen"f den Wasfenrock an, bann kriegt er ben „Kuhfuß", „Schießprügel", bie „Knalle", bas „Kracheisen in die Hanb unb kloppt Griffe". Mannigfache Namen haben bie einzelnen Umformfturfe. Die Litewka heißt „Großvaterjacke", ber Mantel „Winbfang bie Hals- binbe „fjunbebinbe", bie Drillichhofe „Kafseefack". Der Hosenboben ist bas „Armeefeuerzeug", weil die Zündhölzer baran angeftridjen roerben. Di Stiefel haben unzählige Bezeichnungen, so „Hochstapler , „Kahne , „Km dersärae", „Trittchen". Auf dem Rücken tragt der Solltet ben „Affen , „Dachs", „Rheumatismuskasten", „Bunbeslabe" u w., auf bem Kopf bu „Hurratute", „Tulpe", „Blitzableiter", „Suppenpott unb roie sonst noch ber Helm heißt. An ber Seite hängt ihm ber Sabel, bie „Jungfer , „Plempe", „Krötenspieß", ober bas Seitengewehr, bas „Kafemesser . Unb nun ziehen mir nach mit bem Salbatek» in ferner Sprache in» Selb! Der Landsknecht fühlte sich erst wohl, wenn es „Lärm oder Alarm" gab, zu den Waffen ging. Den Kamp nannte er einen „Scherz . Da galt ks „anzuhauen", anzug?eifen und „vorzuhauen" zu verfolgen. Die Knechte „bissen gut" zu und „spielten den Feinden,tresslich aus . Durch die „Feuertaufe", das „Soldatensakrament, wird aus dem , Schiehstand oldaten" erst ein rechter Krieger. Als „Schildergast beim Schillern", d. h. auf der Wacht, ist es manchmal recht unheimlich, besonders bei der „Hundewache" nach Mitternacht und dem „Plattfuß m der Morgenfrühe. Da darf er nicht „Zonen", unaufmerksam sein ww wohl im'Frieden, oder „Schmalkachel sein, d. h. schlecht sehen und sich „überschleichen" lassen. Dem Feind suchte ber Landsknecht „das Lnht aufzublasen"; er „legte ihn schlafen ober fuhr selbst ins „letzte Nachtquartier". Aber er bentt lieber an bie „Fettflecke , bie Orden, die ihm winken, und gern will er die „Kreuzschmerzen" aus sich nehmen, die „das Kreuz", wie das Eiserne Kreuz 1870 schlechtweg genannt wurde, verursacht. ßrfe und behuist.n öffnen sie die Sur. Da steht Peter - vor bem , leeren Teller — und zwei große Tränen laufen über bie runben fttnber- wangen. „StofTman gut sein, Peter. Da müssen wir eben noch ein bißchen TO°1 l^Vterb 1 Tcti^utöer aus. Schmiegt sich an ben Vater. Unb sagt b"",Mit°°Gullasch — geht es wohl, Vater — aber Pubbing " Deutsches Soldatentum im Spiegel seiner Sprache. Von Dr. Friebrich S p r e e n. Wie die Studenten und die Jäger, wie die Seeleute unb die Bergleute haben auch die Soldaten ihre eigne Standessprache, in der sich der echt volkstümliche Geist und der unverwüstliche Humor der „Mars-Sohne anfdiaulidi und kraftvoll ausspricht. Keiner jener reidjblutjenben JReben- zweige unsres deutschen Sprachstammes, als die sich die eigentümlichen Schöpsungen bestimmter Berufe darstellen, laßt sich mit Ausnahme der „Burschensprache" an Lebendigkeit, Vielseitigkeit und Fülle der Aus drücke mit bem Solbatenbeut(d) vergleichen, bas auf eine lange Geschichte zurückblickt unb mit feinen kecken und luftigen Neubildungen die allgemeine Sprache wieder befruchtet hat. Mit dem Studenteniargon hat die Sprache der Krieger die Freude an Derbheiten unb Schimpfworten, bie Lust an Wortverbrehungen unb komischen Frembworten, bie Neigung zu stark mundartlichen Ausdrücken gemein, wodurch sie etwas Buntscheckiges, Absonderliches enthält. Aber die deutsche Feldsprache ist alter als der Dialekt der Musensöhne, hat schon zur Zeit der Landsknechte und des 30jähriqen Krieges eine erste Blüte durchlebt, sich dann weiter entroiaelt unb im Weltkrieg eine neue Bereicherung erfahren, auf bte wir in biefer historischen Betrachtung aber nicht eingehen wollen. Die Militärschriftsteller jener Zeit, bie Fronsperger, Wallhausen unb vor allem ber urwüchsig solbatisch schreibenbe Wenbelm Schilbknecht, bie Solbatenlieber unb bie Dichter gewahren uns einen Einblick in diese Feldsprache" des 16. unb 17. Jahrhunberts, bie eine kurze Zeit lang in eine seltsame Berührung mit bem Rotwelsch, der uralten Geheimsprache ber Gauner, sahrenben Leute unb Bettler, geriet. Wohl mögen bie Sohne bes Lanbsknechtsorbens in ben Tagen ihres Niederganges, da sie wie gemeine Strauchdiebe „auf die Gart", d. h. auf Raub und Plünderung gingen, sich wenig von den Vagabunden unterschieden und aiich hier unb ba ihren Dialekt aufgenommen haben. Trotzbem beruht die Vermischmig von Rotwelsch unb Felbsprache, wie sie sich besonbersin M o scher o s ch s Darstellungen aus dem Soldatenleben in seinem „Philander von Sitte- wald" findet, aus einer Verwechslung. Wie K l u g e dargetan hat, ist der Verbrecherjargon niemals znrn Alleinherrscher im Munde ehrlicher Soldaten geworden, sondern die Feldsprache hat, wenngleich sie manche Elemente der Gaunersprache annahm, doch ihre Eigenart bewahrt und manches von ihrem Wesen und ihren Ausdrücken in die moderne Soldatensprache hinübergerettet, die sich im 18. und 19. Jahrhundert selbständig ausbitbete und noch heute üppig blüht und gedeiht. Nicht der Offizier, sondern der gemeine Soldat ist nn wesentlichen der Schöpser dieser Sprache, deren Eigenart freilich unbewußt den Vorgesetzten gleichsalls beeinflußt. Auch ein Leutnant, der sonst nur hochdeutsch spricht, wird bem Rekruten zurusen: „Was haben Sie zu feigen? unb wirb sagen: „Ihre Knöppe finb nicht geputzt". So stark 'st ber volkstümliche unb bialektische Einschlag in ber Solbatensprache, baß sich ihm keiner entziehen kann. Manche Wenbung ist bann aus ihr ins tägliche Leben übergegangen, ohne bah wir wissen, woher sie stammt,^ z. B. „Knall unb Fall", „Räbelsführer", „jemandem den Lauspaß geben , „auf den Hacken sein", „ins Gras beißen", „in Hellen Haufen" ufw. — alles Redensarten die in ihrer ursprünglichen Bedeutung bereits bie Lanbs- Fragt man Touristen und Weltreisende, welche Städte sie am meisten lieben, so werden sie Paris, London, Wien, Rom, Rothenburg, Nürnberg, Washington, San Franzisko anführen. Fragt man aber mich, so nenne ich- Damaskus, Jerusalem, Samarkand, Bukhara, Isfahan, Benares, Peking, Soochow und Hangchow, obwohl ich mit vollen Zügen auch in Rom, Rothenburg, Nürnberg und Moskau genießen kann lieber den alten mächtigen Städten in Asien schwebt die Pracht des Orients und glaubt man die dröhnenden Glockenschläge der Geschichte zu hören UeberaU befindet man sich auf klassischem Boden, und unzählige Denkmäler zeugen von den Ereignissen ber Vergangenheit. Ununterbrochen hat man bas Sausen ber Fittiche von Jahrtausenben tn ben Ohren. Man wirb von einer Zaubermacht gefangen, bte uns zum Bleiben zwingt, unb man sehnt sich zurück zu ben Plätzen, bie so tiefen Einbruck auf unsere Seele gemacht hat. Eine ber Stabte, bie ich am meisten liebe, ist Peking. Peking hat m aelt. Peking war ber End- i 1893,97 unb Peking war grünen Blattern, ourcy oie Fülle von zarten, weißen verbotenen Stadt gefesselt, deren eigenartige vornehme Architektur und nci.i mactaoUe Linien von einer alten, hohen Kultur zeugen! Man kann nie 'genug diese Tempel betrachten, die Buddha oder Konfuzius zugeeignet sind, auch die Lamatempel, den Himmelstempel und den Altar der Erde und des Himmels. Wie behaglich wölben sich diese charakteristischen Pai-lous oder Triumphbogen über die Straßen, auf denen es wimmelt von Menschen, Karren und Karawanen und von Zeit zu Zeit ein Leichenzug vorüberzieht! Und wie idyllisch gestaltet sich doch das Leben auf den zahllosen Huntungs oder engen Gassen, die in allen Dichtungen Peking durchkreuzen, aber stets dem geometrischen Gesetz folgen und in nordsüdlicher ober ostwestlicher Lage gezogen find! Peking ist auch vor allem berühmt durch die in feiner Nahe gelegenen Zentren religiösen Lebens Chinas, die Tempelftadt Je hol und den „Wundergipfel" M i a u ■ f ö ng. Am eindrucksvollsten wirkt in der heiligen Tempelstodt Potola, der Riefentempel Ch'ien-lungs. Der vollständige Name des Tempels Potala lautet P'u-t'o-tsung-cheng-miao oder der Tempel der Lehre des P'u-t'o. Schon der erste Eindruck von Potala ist gewaltig und berückend. Wohl ist der Glanz verblichen, die vielen Gotteshäuser zeigen Spuren des Verfalls, manche Kiefer ober Pinie ist ben Aexten ehrsurchtsloser Solbaten zum Opfer gefallen. Aber bie gewaltige Linienführung der Anlage, die mächtigen Baumassen, die auserlesene Vornehmheit trotzen der Zerstörung. Gebannt von soviel Schönheit, stehen wir staunend vor dem erhabensten Denkmal der Hochblüte chinesischer Kultur. Der Haupteingang an der Südseite hat drei Torbogen, die von einem kunstvollen Torturm gekrönt sind. An der West- und Ostseite der im rechtwinkligen Viereck angelegten Mauer, die den ganzen Tempelbezirk umgibt, sind Tore mit nur je einem Bogen. Wir betraten den Tempelbereich durch das östliche Tor. Das kühn geschweifte Dach des Torturmes ist mit glänzend-gelben Platten gedeckt. Der gewundene Pfad führt an einem gedrungenen Bau aus Steinen und Ziegeln im tibetischen Stil vorüber. Das Gebäude ist dreistöckig gegliedert und mit einfachen, aber wirkungsvollen Blendfenstern geziert, bie sich von unten nach oben etwas verjüngen. Wahrscheinlich biente bet Bau gleich anderem im Tempelbezirk verstreut liegenden Häusern den Lama-Mönchen als Unterkunft. Das Tempelkloster Potala steht am Südhang eines der Hügel, die das Löwental gegen Norden begrenzen. Wir wenden uns nach Norden, durchwandern den schütteren Pinienhain und steigen dann auf flachen Stufen aus unbehauenem Schiefer den Hügel hinauf, ganz wie man es von den Tempeln Tibets her gewohnt ist. Zwischen einzelstehenden Häusern im tibetischen Baustil, alle mit blinden Fenstern versehen, steigen wir über grob behauene, neu angelegte Stufen hinan. Bei zwei größeren Steingebäuden mit je fünf Tschorten (Religuienfchreinen auf dein Dach) macht der Weg eine Biegung. Auch biefc beiden Hauser enthielten Schlaf- und Wohnräume für die 85 Lamas, die zur Zeit des Kaisers Ch'ien-lung in Potala den Tempeldienst versahen. Andere Häuser dienten zu Versammlungen oder sie enthielten die Lehrstuben der Novizen, Gastzimmer für Wallfahrer, Teestuben und Spelferäume. Im großen und ganzen muß die Einrichtung ganz ähnlich gewesen [ein wie in den Klöstern Tibets und der Mongolei. Pater von Dbbergen berichtet, daß hier im Jahre 1911 noch 600 Lamas lebten. Zur Zeit meiner Anwesenheit sollen es kaum noch 100 Mönche gewesen jein Die meisten waren vermutlich auf der Wanderschaft, um ihren Unterhalt als Seelsorger in den Jurten der Nomaden zu verdienen. Die wenigen Mönche, die wir in Potala sahen, waren vernachlässigt und machten einen armseligen Eindruck. Die städtischen Behörden bewilligten ihnen 1,80 mexikanische Dollar je Kopf und Monat. Sie können unmöglich von diesem Hungerlohn leben, können sich nicht einmal mehr in die vorgeschriebenen Gewänder von der Farbe des Ochsenblutes und der Kirsche kleiden und unterscheiden sich in ihrem Aeußeren durch nichts von gewöhnlichen Bettlern. Niemand kümmert sich um sie, kein Mensch opfert auch nur einen Heller für bie Erhaltung dieses prachtvollsten aller chinesischen Baudenkmäler und wenn erst die Kriegsfurie durchgebraust ist, werden nur noch Ruinen übrig fein. In dem schönen Gebirge nordwestlich von Peking befindet sich em Perg mit dem Namen Miau-föng, den Professor Dr. R. Lessing, ein Mitglied unserer Expedition beschrieben hat. Die ganze Gegend ist teme- nos heiliger Bezirk, in dem fromme Mönche taoistischer oder buddhistischer Richtung nebeneinander und nacheinander seit mehr als taufenb Jahren fiedeln. Es mögen etwa 300 Jahre oerfloffen fern, da entdeckte man daß, wenn man auf einem bestimmten dieser Gipfel bete und Gelübde tue, sich alle Wünsche rasch erfüllten, besonders wenn es sich um Kindersegen und Gesundheit handle. Die Urgöttin der bunten Wolka, die Tochter des Hochehrwürdigen Gottes des Erhabenen Berges Tai- fchan, war die Helferin. . , , . s Seit 300 Jahren find alljährlich aus Peking und feiner nahen und fernen Umgebung Taufende von „Weihrauchgäften in Hellen Haufen zum „Wundertätigen Gipfel" hinaufgepilgert. Viele von ihnen gehen in Erfüllung ihres Gelübdes zu Fuß, viele taffen sich in Tragstuhlen von vier Trägern bis an den letzten Aufstieg befördern, aber ^tn «nb mieber sieht man treue Söhne und Töchter, bie, um von ber ßlottin Heilung fchwerkranker Eltern zu erzwingen, ben ganzen langen Weg von Peking bis zum Gipfel unter ftänbigem Kotau zurücklegen. Viele Wege führen auf ben Miau-föng-fcan. bequeme und unbequeme, durch fromme Stiftungen werben sie m Dränung gehalten. Huf Taufenbe von Metern sind sie mit Steinplatten, ja mit richtigen Treppenstufen belegt. Zur Frühlingszeit, ber Hauptfestzeit Chinas, hort man aus dem verwirrenden Straßenlärm Pekings, in dem die Ausrufe und Instrumente ber Straßenhänbler bie größte Rolle spielen, eine anbere Note heraus, besonbers geformte helle Gongs und dunntonende Glöckchen locken die Neugierigen aus Höfen und Häusern vor die Haustür auj die Straße. Ein merkwürdiger Zug eilt beflügelten odjrittes vorüber Gongfchläger und Trompelenbläfer, bann Manner, bie an !Iragftangen runde, mit dreieckigen, meist gelben Fahnen verzierte Holzkastchen tragen, bie allerlei Geräte bergen. Hier und ba machen sie an den Türen halt. Man reicht ihnen eine Gabe, und sie kleben ein großes gelbes, meist chlecht mit Platten gedrucktes Plakat an die Mauer des Hauses, gleich- am als Quittung. Aus dem Text geht hervor, daß wir es mit einer >er frommen Brüderschaften zu tun haben, bie sich bas Organisieren ber Pilgerfahrten zur Ausgabe gesetzt haben. Von ben milben Gaben, bie sie sammeln, unterhalten sie auf ben Pilgerwegen bie Teezelte, bie in ihrer festen Bauart burchaus Tempeln gleichen unb vielfach, wenn nicht immer, in solchen untergebracht sind. Diese Vereine betreiben auch Suppenküchen, sorgen für Unterkunft ber Pilger, ja, als Akrobaten, Löwen- unb Drachentänzer, Tigerkämpfer unb Schauspieler sorgen sie für Unterhaltung. Manche blicken voll Stolz auf ein Bestehen von zwei- bis breihunbert Jahren zurück. Freilich, bie Verarmung Pekings seit ber Boxerzeit unb bas Eindringen des neuen Geistes ber Zeitungen, Schule, Missionen hat auch hier zerstörenb gewirkt. In ben letzten Jahrzehnten hat Peking große Veränberungen durchgemacht, die in künstlerischer und malerischer'chinsicht keineswegs zum belferen ausgefallen find. An die abendlänbifche Kultur scheint sich ge- wifsermaßen ber Fluch zu heften, überall, wo sie hinkommt, bie Schönheit unb Echtheit zu zerstören. Peking war schöner unb echter, als ich im Jahre 1897 zum ersten Male als Gast in seinen Mauern weilte. Damals gab es nicht einmal Ritschen. Man fuhr in kleinen, blauen, zweiräbrigen Wagen einher, ober ließ sich in Tragftühlen tragen ober ritt zu Pferbe ober ging zu Fuß. Damals gab es feine breiten Straßen, unb zu Anfang bes Frühlings konnte man in bem Matsch versinken. Es gab auch nur ein paar einfache abendlänbische Hotels, sonst nur chinesische Gasthofe. Jetzt finb bie Hauptstraßen breit, unb es wimmelt auf ihnen von Kraftwagen unb Straßenbahnen. Europäische Häuser und Fernsprech- stangen Derberben bas Straßenbild und entstellen bas asiatische Leben, das sich immerhin in seiner altertümlichen Schönheit erhalten hat. Wie lange noch? Doch ich muhte schon mehr in einer Niederung (ein, denn die Luft wurde immer stiller; auch ging ich schon eine Zeitlang zwischen dichten Hagedornhecken. Ein paar Male, wenn sich ein Lufthauch regte, hatte ich einen starken, lieblichen Geruch verspürt, ohne daß ich ben Grunb bavon zu entbecken vermocht hätte; benn bas Gebüsch an meiner Seite verwehrte mir bie Aussicht. Da plötzlich sprang zur Rechten ber Wall zuruck, unb vor mir tag ein Fleckchen hügeligen Heibelanbes. Brombeerranken unb Bickbeerengesträuch bedeckte hie und da den Boden; in ber Mitte aber an einem schwarzen Wässerchen stanb vereinzelt im hellsten Sonnenglanz ein jchlanker Baum. Aus ben blenbenb grünen Blättern, burch bie er ganz belaubt war, sprang überall eine Fülle von zarten, weißen Blütentrauben hervor; unendliches Sienengefumme klang wie Harfenton aus seinem Wipfel. Weder in den Gärten der Stadt, noch in ben entfernteren Wölbern hatte ich jemals seinesgleichen gesehen. Ich staunte ihn an; wie ein Wunber staub er ba in biefer Einsamkeit. Ein- Strecke weiter, nur durch ein paar dürftige Ackerfelder von mir getrennt, dehnte sich unabsehbar der braune Steppenzug der Heide; die äußersten Linien des Horizonts zitterten in der Luft. Kein Mensch, kein Tier war zu sehen, soweit bas Auge reichte. — Ick legte mich neben bem Wässerchen im Schatten bes schönen Baumes in bas Kraut. Ein Gefühl von süßer Heimlichkeit beschlich mich; aus ber Ferne horte id) bas fünfte, träumerische Singen ber Heibelerche; über mir in ben Bluten summte bas Bienengetön; zuweilen regte sich bie Luft und trieb eine Wolke von Duft um mich her; sonst war es still bis in bie tiefste yerne. Am Ranb bes Wassers sah ich Schmetterlinge fliegen; aber ich achtete nicht barauf, mein Ketscher lag müßig neben mir. — Ich gebanste eines Bilbes, bas ich vor kurzem gesehen hatte. In einer Gegend, weit und unbegrenzt wie diese, stand aufi,einen Stab gelehnt ein junger Hirte, wie wir uns die Menschen nach den ersten Tagen der Weltschopfung zu denken gewohnt sind, ein rauhes Ziegenfell als schürz um seine Husten, ,u leinen Füßen saß — er sah auf sie herab — eine schone Madchen- geftalt; ihre großen, dunkeln Augen blickten in seliger Gelassenheit in bie morgenhelle Einsamkeit hinaus. — „Allein auf ber Weit stanb barunter.--Ich schloß bie Augen; mir war, als müsse aus bem feeren Raum dies zweite Wesen zu mir treten mit dem selbander jebes Bebistfnis 7ufhöre, alle keimende Sehnsucht gestillt sei. .Lore!" flüsterte ich und streckte meine Arme in die laue Lust. Kraniche im Frühling. Nach bem Chinesischen bes INahuang-Tfchung. Von Hans Beihge. Der Bach, an bem ich liege, murmelt leis; Wie Goldstaub flirrt bie Sonne auf bem Schilf Der Wasferlilien, bas im Lufthauch sich Mit Flüstern neigt, als atme es im Traum. Ich seh bem langen Zug ber Kraniche Am Himmel zu. Ihr lärmenbes Geschrei Dringt wie Trompetenstöße burch die Lust, Die schon nach Frühling duftet. Mir ist bang. Schon wieder Frühling? Was hab ich gewonnen In dem vergangnen Jahr? Was ward aus mir? Arbeit und Sorge und ein wenig Liede, — Immer das gleiche. Wenn in vielen Jahren Ich wiederum den Zug der Kraniche Verfolgen werbe, was wirb bann aus mir Geworden (ein? Was hab ich bann gewonnen? Arbeit unb Sorge unb ein wenig Liebe, Immer bas gleiche, bis bas bimste Grab Uns einhüllt unb bie Blumen aus uns sprießen. Auf der Universität. Novelle von Theobor Storm. (Forstetzung ) Indessen war die Sonne hinabgesunken, und nor mir leuchtete das Miendrot über die Heide. Der Baum war stumm geworden, die Bienen hatten ihn verlassene es war Zeit zur Heimkehr. Meine Hand faßte nach dem Ketscher. — Aber was kllnimerte mich jetzt dies Knabenspielzsug. Ich sprang auf und hängte ihn hoch, so hoch, wie ich vermochte, zwischen den dichtbelaubten Zweigen des Baumes aus. Dann, das Bild der schönen Schneiderlochter vor meinen trunknen Augen, machte ich mich langsam auf den Rückweg. * Die Dämmerung war stark hereingebrochen, als ich aus dem Portale des Schloßgartens trat. Drüben am Karussell waren schon die Lampen angezündet, Leierkastenmusik, Lachen und Stimmengewirr scholl zu mir herüber; dazwischen das Klirren der Floretts an den eisernen Ring- halteriL. Ich blieb stehen und blickte durch die Linden, welche den Platz umgabcm in das bewegte Bild hinein. Das Karussell war in vollem Gange: Sitzplätze und Pferde, alles schien besetzt, und ringsumher drängte sich eine schaulustige Menge jedes Alters und Geschlechts. Jetzt aber wurde die Bewegung langsamer, so daß ich unter den grünen Zweigen durch die einzelnen Gestalten ziemlich bestimmt erkennen konnte. Unwillkürlich war ich indessen näher getreten uni) hatte mich bis an den K-sendraht gedrängt, der ringsum gezogen war. — Das Mädchen dort auf dem braunen Pferde war die Schwester meines Freundes Christoph. Aber es kam noch eine Reiterin, eine feinere Gestalt; sie saß seitwärts, ein wenig lässig, auf ihrem hölzernen Gaule. Und jetzt, während sie langsam näher getragen wurde, wandte sie den Kopf und blickte lächelnd in die Runde. — Es war Lore; fast wie ein Schrecken schlug es mir durch die Glieder. Auch sie hatte mich erkannt; aber nur eine Sekunde lang hasteten ihre Augen wie betroffen in den meinen; dann bückte sie sich zur Seite und machte sich an ihrem Kleide zu schaffen. Das schwere, eiserne Florett, das sie in der kleinen Faust hielt, schien nicht umsonst von ihr geführt zu sein; denn es war fast bis an den Knopf mit Ringen angefüllt. Mittlerweile war der Eigentümer des Karussells herangetreten, um für die neue Runde einzusammeln. Sie richtete sich auf und hielt ihm ihr Florett entgegen. „Freigeritten!" sagte sie, indem sie es umstürzte und die Ringe in die Hand des Mannes gleiten ließ. Er nickte und ging an den nächsten Stuhl, wo eine Anzahl Kinder sich um die besten Plätze zankten. — Als ich von dort wieder zu Lore hinüber sah, stand Christophs Schwester neben ihr; aber sie wandte mir den Rücken und schien mich nicht bemerkt zu haben. „Gehst du mit, Lore?" hörte ich sie fragen; „ich muß nach Hause." Lore antwortete nicht sogleich; ihre Augen streiften mit einem un- sichern Blick zu mir hinüber. Ich wagte mich nicht zu rühren; aber meine Augen antworteten den ihren, und mir selber kaum vernehmlich flüsterten meine Lippen: „Bleib!" „So sprich doch!" drängte die andere; „es hat schon acht geschlagen." Lore steckte ihr Füßchen wieder in den Steigbügel, den sie hatte fahren lassen, und die Augen auf mich gerichtet, erwiderte sie: „Ich bleibe noch, ich hab' mich frei geritten 1" Und leise setzte sie hinzu: „Meine Mutter wollte vielleicht noch hier vorüberkommen!" Ich fühlte, daß das gelogen sei. Das Blut schoß mir siedendheiß ins Gesicht, es brauste mir vor den Ohren; die kleine Lügnerin hatte plötzlich den Scfjleier des Geheimnisses über uns beide geworfen. Es war zum erstenmal in meinem Leben, daß ich eine so berauschende Zusage erhielt; bisher hatte ich nur manchmal darüber nachgesonnen, wie in der Welt so etwas möglich sei. Christophs Schwester hatte sich entfernt. Der Leierkasten begann wieder seine Musik, die Peitsche klatschte über dem alten Gaul, und unter dem Zuruf der Bauerburschen und -Mädchen, die inzwischen die meisten Platze eingenommen hatten, setzte das Karussell sich wieder in Bewegung. Lore sah nach mir zurück, sie hatte ihr Florett in den Sattelknopf gestoßen und saß wie in sich versunken, die Hände vor sich auf dem Schaß gefaltet. Das rote Tüchelchen an ihrem Halse wehte in der Lust, und in immer rascherem Kreisen wurde die leichte Gestalt an mir vorüber getra- Sen; kaum fühlte ich den Blitz ihres Auges in den meinen, so war sie hon fort, und nur der Schimmer ihres hellen Kleides tauchte in der trüben Lampenbeleuchtung noch ein paarmal flüchtig aus den immer tiefer fallenden Schatten auf. — Plötzlich krachte etwas; die in den Stühlen sitzenden Mädchen kreischten, und das Karussell stand. „Bleiben Sie sitzen, meine Herrschaften!" rief der Eigentümer, indem er mit seinem Gehilfen über die Querbalken stieg, um den Schaden zu untersuchen. Eine Laterne wurde heruntergenommen, es wurde geklopft und gehämmert; aber es schien sich so bald nicht wieder fügen zu wollen. JJlir wurde die Zeit lang; meine Augen suchten vergebens nach der kleinen Reiterin. Ich drängte mich aus der Menschenmasse heraus, in die ich eingekeilt war, und ging von außen nach der gegenüberliegenden Seite des Platzes. Als ich mich hier mit Bitten und Gewalt bis an die Barriere durchgearbeitet hatte, stand ich dicht neben ihr. Sie war von dem Holzgaul herabgestiegen und blickte wie suchend um sich her. Rach einer Weile steckte sie das Florett, das sie spielend in der Hand gehalten, wieder in den Sattelknopf und machte Miene, herabzuspringen.