SiehenerZaimIienblStter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1933____________________________Zreitag, den 6. Oktober______________________________Nummer 11 Herbstbeginn. Von Hans Leifhelm. Es leuchten die Winden am Wege schneeweiß, Es strotzen die Kolben am gilbenden Mais, Wie schwellende Kugeln aus Kupfer und Gold Sind die Früchte des Kürbis dem Acker entrollt. Schon webt tm Gehölze etn gelbliches Licht, Bleichflammend die Herbstzeitlose aufbricht, Vom nächtigen Grün des Blattes umkränzt In Ebenholzschwärze die Einbeere glänzt. September, September — wildgellend hallt Der Schrei des Falken über dem Wald, Die Schlange noch einmal abstreift sie ihr Kleid, Zum letzter Empfange der Sonne bereit. Die Hummel zieht tönend die trächtige Bahn Im Honigklee und im Thymian, Die Baldachinspinne ihr Silberwerk spinnt, Der süße Seim aus den Birnen rinnt. Mit panischem Warnruf die Drossel entflieht, Verzaubert steht die Libelle im Ried, Der Wein auf Mittaghügeln kocht, Es gilbt der Kranz, den der Sommer flocht. Schon morgen klirren die Blätter wie Glas, Schon morgen prallen die Früchte ins Gras, Schon morgen richten aus kreisendem Flug Die Schwalben zum Süden den psetlenden Zug. Der langsame Hochzeiter. Von Josef Magnus Wehner. Peter, der älteste Sohn eines reichen Rhönbauern, wollte, obwohl er von den Elter-n und vom ganzen männlichen Dorf gelrieben wurde, um keinen Preis heiraten. Alle Braute, die ihm kr Vater insgeheim ausmachte, vertrockneten oder nahmen ernen lindern: denn Peter, der kleine, dickfellige Junge, war nicht au» leinen, Haus auf die Freite zu bringen, mochten ihm auch Pfarrer' Vater, Schmied und Wirt mit grob- und felnknutteligen Worten ruf die Spur dreschen,' er sagte höchstens ja, putzte, wenn e» hoch ring, den Wagen, aber ehe er fahrtbereit war, ging immer die Tonne unter, und dann stand er, das glänzend polierte un6 fett- iriesende Kummet um den Hals, stockbeinig nn Hof und ließ den Vater knurren und die Mutter von der Kirche her zetern, ihm war >s genug, daß der böse Tag herum war. Auch der liebe Gott stand auf seiner Seite. Einmal, als es virklich brenzlich wurde, — es war ein Samstag und der Wagen ' and für morgen schon daheim tm Hof — da Eel es den g Ochsen, mit denen er gerade ackerte, ein, unter ungeroo )nlr > Luftsprüngen das Weite zu suchen. Sie schleiften P lug und Fuhr- nann in einer mächtigen-Staubwolke fo lange, bls Peter e g Runden im Gesicht hatte. So war er von der Brautschau ent- iunden. Im nächsten Jahre brannte das Haus ab, und als e» Meder Frühling wurde, war Peter dreißig ^ahre alt geworden. Der Vater neigte sich langsam der, Erde S«. Peter ging den Weckern zu Leibe und dachte nicht ans Heiraten. Da faßte der Alte (inen Plan. Er besprach sich mit den jungen Männern des Dorfes, oie NeistenS sthon verheiratet waren und deshalb einen wohlge- ' ährten Zorn auf den glücklichen Peter hatten, und al» er am nächsten Sonntag zu Mittag gegeben hatte und 'ich gerade auf einer Schütte Stroh im Garte» zum Schlafen ^ederlsgen wollte, i a prallten aus allen Gassen geschmückte Reiter heran, nm- Awärmten den Garten und knallten wit kurzen Geißeln. Der '»ater kam mächtig um die Ecke, hllitendrein die Mutter, letei- Mrocf auf dem Arm, und eine halbe Stunde ,pater rollte der '»glückliche Brautwerber, von den Bauernfohnen umritten, auf dem neuen Jagdwagen durchs Dorf, einer Brant entgegen, die er noch nie gesehen hatte, ebensowenig wie sie ihn. Aber wäre sie auch die Schönste gewesen, sie hätte keinen betrübteren Liebhaber finden können als unseren Reiter. Und die vielen Gesichter, die aus den Fenstern heraustrvpften, lachten schadenfroh und Peter merkte, daß es jetzt ernst wurde. Glücklicherweise lag das feindliche Dorf, in dem die Braut wohnte, viele Wegstunden weit entfernt, aber die Vauernburschen trieben den Wagengaul in Trab, und ehe Peter zu Sinnen kam, sah er schon das Brautdorf aus einer Talschlucht herauslugen. Aber Gott schien ihm auch diesmal zu Helsen. Die Garde, die sich heiß geritten hatte, erblickte kaum am Wegrand ein Walb- wirtshans, als sie auch schon alle aus den Sätteln sprangen, um daselbst, da sie ja einen guten Vorsprung erritten hatten, einen Schluck Wein zu trinken. Peter war der erste, der am Tisch saß. Er warf behend seinen Geldbeutel aus der Tasche, der Wirt fuhr vom Besten an, Peter erzählte mit schneller Stimme Schnurren, die ihm jetzt auf einmal haufenweise einfielen, und diese plötzliche Veränderung belustigte die ingrimmigen Paradiesreiter so sehr, daß sie schneller und mehr tranken, als sie sich vorgenommen hatten. Am meisten aber trank Peter von dem guten alten Wein. Plötzlich schlug es drei. Die Reiter eilten zu ihren Pferden und Peter bezahlte langsam die Zeche. Dann stand er auf. Im nächsten Augenblick lag er im Hausflur. Es war ihm, als habe ihm der Blitz ins Genick geschlagen. Er schaute sich um, wer ihm den Stoß versetzt habe, sah aber nur die Flaschen, die auf einmal mit ihren Gläsern einen flammenden Tanz auf dem Tisch aufführten. Da wurde Peter sehr zornig. Er verfluchte den Wirt, der ihn habe ermorden wollen, nannte das Wirtshaus eine Räuberhöhle und stand auf. Im nächsten Augenblick lag er draußen im Hof, gerade an dem Fleck, wo der Schatten des Daches an die weiße Sonnenstraße stieß. Da war es ihm klar, daß der Wirt ein Mörder sei. Er rief mit lauter Stimme nach der Polizei ynd bemühte sich vergebens auf die Beine zu kommen. „Die Sonne bringt es an den Tag", schrie er noch, dann sank er auf der Stelle in einen tiefen Schlaf. Die Genossen standen zuerst ratlos um ihn herum, als sei er tot und sie wüßten nicht, wohin ihn begraben. Es war ihnen leid, daß sie so billig um ihren Spaß kommen sollten. Da trat der Vorreiter, ein Rotkopf und gefürchteter Spaßmacher zur Seite, winkte den anderen und raunte ihnen etwas zu, worauf alle in ein großes Gelächter ausbrachen. Dann luden sie Peter auf den Wagen und fuhren und ritten davon. Der Wald verbreitete sich jetzt über die Straße hinüber. Unter einer alten Tanne legten sie Peter zu Boden, zogen ihm die Kleider aus, und der Rotkopf zog Peters Kleider an und verbarg die seinen im Wagen. Daun fuhren sie ins Brautdorf, ließen Peter im Walde liegen und er wachte nicht ein einziges Mal auf. Erst als es dämmerte, rieb er sich die Augen. Er wußte weder, wo er war, noch wie er dahin gekommen fet; es war ihm nur sehr leicht ums Herz, als er es ringsum nachten sah, und er hauchte beruhigt in die untergehende Sonne und versuchte wieder einzuschlafen. ,, Plötzlich hörte er von fern einen höllischen Lärm, der sich rasch näherte. Tausend Stimmen riefen seinen Namen: „Peter, Peter! rauschte es durch den ganzen Wald, raschelte es im Laube, zischte es unter jedem Stein hervor. Peter merkte, daß es nun mit dem Schlaf vorbei fet; er erhob sich langsam in seinem Hemde, es fror ihn auf einmal. Doch da sah er schon einen geschmückten Wagen heranblitzen, er hielt keine zehn Schritt von seiner Schlaftanne, und aus dem Wagen stieg ein schönes Mädchen mit roten Backen, und hinter ihr ging er selbst. Das war doch Peter, sein Hut, fein fein Gehrock, fein Wagen, fein Pferd! In Scham wollte er einen Wacholder aus der Erde reißen, um sich vor dem Mädchen öanuj zu bedecken, aber feine Angst, als er sich selbst im Dämmer aus fick zukommen sah, war noch größer. Er brüllte tief auf, als gehe es ihm jetzt ans Leben, und kaum hatte ihn das Mädchen erblickt da wandte es sich so eilfertig um, daß ein Staubwölkchen unter ihrem Rock hervorquoll und eilte in den Wagen zurück. „Dann zeige ich dir unfern Hochzeitsschatz ein andermal, rief ihr Begleiter, schwang sich neben sie auf den Bock, und der Wagen, von unzähligen lachenden Reitern gefolgt, verstob tu bei 9Z Plötzlich gab es Peter einen Riß. Er schoß mit dem Kopf voran aus dem Wald und schaute dem Gefährt nach. In einem Augen- blick war ihm alles klar geworden,- da vorne fuhr seine Braut und der Rotkopf. — Er fiel in langsamen Trab, immer den Weg entlang, bis die Wut den Pfad zu seinem Kopf gefunden hatte. Dann warf er die Armee hinter sich und sauste davon mit brennenden Fußen, spranq quer übers Feld, riß sich durch Dornenhecken, flog wre ein Ball über Schollen und Stoppeln, schwamm durch den Fluß, der eben voll Mond und Duft um das Dorf ging, hüpfte über den Gartenzaun und hörte die Mutter in der Küche ausschreien, als er in zerfetztem Hemde die Bodentreppe hrnaufflog. Es ging nun alles in einem. Er glitt in ein neues Gewand, kämmte sich, prasselte in den Hof hinunter und durcheilte ihn auf und ab so schnell, als wolle er ihn mit seinen Beinen emzaunen. Vater und Mutter gängelten um ihn herum und suchten ein Wort von ihm zu erhaschen, aber er rieb sich nur die Hände und sprach nichts. . Ehe aber die Alten noch recht glauben mochten, ihr Sohn sei irrsinnig geworden, tauchte der Wagen aus der Brandung der Reiter gegen den Hof heran, der Rotkopf sprang vom Sitze, hob die Braut heraus und führte sie zu ihren neuen Eltern. Hierbei kreuzte er Peters Weg und erhielt von dessen warmgeriebenen Händen eine solch schallende Ohrfeige, daß der Zylinder von seinem Kopfe kerzengerade in die Höhe stieg und die Braut zur Seite geweht wurde. Ueberraschend schnell begriff diese nun, welches der rechte Peter sei und nahm gegen den falschen Peter, der sie angeführt hatte, Stellung. Und es wäre vor versammeltem Dorfe noch zu einem kleinen Häuserkampf gekommen, hätte nicht der Vater Braut und Bräutigam ins Haus gezogen und alle, die an der Brautfahrt mitgewirkt hatten, zur Hochzeit eingeladen. Die wurde nun auch bald gehalten. Danach ließ sich Peter vier Jahre Zeit, und seine Frau gebar ihm vier Mädchen: das fünfte aber wurde ein Bub, und er soll seinem Vater sehr ähnlich geworden sein. 250 Jahre Deutschtum in den Vereinigten Staaten. Von Studienassessor Dr. Rudolf Freymann. Am 6. Oktober 1933 kann das Deutschtum in den Vereinigten Staaten auf eine 260jährige Geschichte zurückblicken. Am 6. Oktober 1083 landete in Philadelphia das Schiff „Concord" mit 13 Familien aus Krefeld, die dann zwei Wegstunden von Philadelphia das Dorf Germantown (= Deutschenstadtj gründeten. German- town ist heute ein Stadtteil von Philadelphia. Den Tag der Landung betrachtet das Deutschtum in Nordamerika als feinen Geburtstag und feiert ihn alljährlich als „deutschen Tag". Es sind zwar bereits vor 1683 deutsche Siedler nach Nordamerika gekommen, doch handelte es sich stets um Einzelne, und die Geschichte weiß nur wenig über sie zu berichten. Lediglich die Taten von wenigen sind uns heute bekannt. In Südkarolina sind einzelne deutsche Ansiedler bereits 1562 gelandet. Die Gründung der holländischen Siodlung Neu-Amsterdam, aus der sich das heutige Ncuyork entwickelt hat, ist von einem Deutschen aus Cleve mit Namen Christiansen unternommen worden. Christiansen ist 1614 mit seinem Schiff an die Mündung des Hudson- Flusses gekommen und hatte die günstige Lage der Südspitze von Manhattan sofort erkannt. Zehn Jahre später schickten die Holländer einen deutschen Gouverneur für die Siedlung, Peter Minnevit aus Wesel am Niederrhein. Für 60 holländische Goldgulden, einem Betrag, der nach heutigem Geld etwa 100 Mark entspricht, erwarb er von den Indianern die ganze Insel Manhattan. 38 Jahre später raubten die Engländer Neu-Amsterdam mitten im Frieden und gaben ihm seinen heutigen Namen Neuyork. Nicht unerwähnt darf bleiben, daß auch unter englischer Herrschaft ein Deutscher, Jakob Leisler aus Frankfurt a.M., zwei Jahre lang an der Spitze der Stadt und Kolonie Neuyork gestanden hat. Neid und Mißgunst der Engländer brachte ihn jedoch um dieses hohe Amt. Den Anstoß zu der deutschen Auswanderung im Jahre 1683, die man mit Recht als den Beginn der planmäßigen deutschen Kolonisation ansieht — handelte es sich doch nicht um einzelne Abenteurer, sondern um Auswanderer mit Familien — gab der englische Quäker William Penn. Er hatte vom englischen König große Gebiete in Nordamerika erhalten. Er wollte dort einen Staat begründen, der nur von christlicher Bruderliebe getragen sein sollte. Gemeinnutz und Glaube an Gott sollte die Grundlage dieses Staatswesens sein. Zu Ehren seines Vaters, des Admirals Penn, nannte er das Land Pennsylvanien. 1682 gründete er dort die Stadt Philadelphia. Penn hatte bei seinen früheren Reisen in Deutschland, die den Quäkern nahestehenden Sekten der Pietisten und Mennoniten besucht und in ihren Reihen begeisterte Anhänger für seine Pläne gefunden. Vor allem in Frankfurt a.M. und in Krefeld erklärtxn sich viele bereit, ihm zu folgen. Ein junger Rechtsgelehrter, Franz Daniel Pastorius aus Frankfurt, wird der Führer der deutschen Siedler. Die eingangs genannten 13 Krefelder Mennonitenfamilien bildeten die erste Gruppe der Auswanderer. Es waren meistens Handwerker. Durch ihren ungeheuren Fleiß waren sie von Anfang an gleich in der Lage, durch Anbau ihren Bedarf an Lebensmitteln selbst zu deckest. Trotzdem war die Not in der ersten Zeit so groß, daß die deutschen Siedler statt von Germantown von Armeutown (= Armcnstadtf in bitterem Spott sprachen. Vor allem befleißigten sich die Deutschen, unter denen viele Weber waren, im Flachsbau und die blühende Webindustrie von Philadelphia geht zum Teil noch auf die deutschen Ansiedler zurück. Bereits 1691 wurde die deutsche Ansiedlung zur Stadt erhoben; wenige Jahre später wurde die erste deutsche Schule gegründet. Die junge Gemeinde erhielt bald sehr starken Zuwachs aus Mcnnoniten- kreisen aus Deutschland und der Schweiz. Im 18. Jahrhundert nahm die Einwanderung besonders stark zu. Pietisten, Mennoniten und andere Sektenanhänger verließen die alte Heimat, in der damals starke religiöse Unduldsamkeit herrschte. Aber nicht nur nach Pennsylvanien richtete sich der Zug der Auswanderer. Auch in die Gegend von Neuyork zogen viele hin. Die Verwüstung der Pfalz durch die Mordbaudeu Ludwig XIV. unter Mslac und die große Not der Heimat veranlaßte die Pfälzer Bauern zu MasseuauSwanderungen. Die Pfälzer zogen vor allem in die Gegend von Ncuyork. Aber die ungünstigen Verhältnisse zwangen sie bald wieder zum Weiterwandern. Ein Teil vereinigte sich mit den Pennsylvaniadeutschen. Der Zuzug nach Pennsylvanien war so groß, daß dort bereits 1793 in Gcrman- town eine deutsche Zeitung herausgegeben wurde, und als später der Antrag gestellt wurde, die deutsche Sprache zur Amtssprache dieses Staates zu erklären, wurde dieser Antrag nur mit einer Stimme Mehrheit abgelehnt. Im Jahre 1775, dem Jahre, in dem der nordamerikanische Unabhängigkeitskrieg ausbrach, betrug die Zahl der Deutschen in Nordamerika rund 225 000, das heißt: ein Zehntel der gesamten weißen Bevölkerung. Die Siedlungen der Deutschen waren über das ganze Land verstreut, nur in Pennsylvanien, Neuyork und Virginia wohnten sie geschloffen. Ihrer Armut wegen mußten die Deutschen meistens im äußersten Westen des damals von Weißen besiedelten Gebietes wohnen, weil dort das Land außerordentlich billig oder umsonst zu haben war. Sie bildeten so einen lebenden Wall gegen die Indianer. Etwa fünfundvierzig Jahre lang, zwischen 1775 und 1820, stockte die Einwanderung. In dieser Zeit begann schon die starke Angli- sierung der deutschen Bevölkerung. Im 19. Jahrhundert setzte die Masseneinwanöerung in den Staaten wieder ein. Bis zum Jabre 1820 kamen rund 33 Millionen Einwanderer in das Land. Von ihnen waren mehr als 5 Millionen Deutsche. Das Jahr 1848 brachte viele politische Flüchtlinge und vor allem in den 80er Jahren schwoll die Einwanderung stark an. • Es ist im Rahmen dieses Artikels unmöglich, die gesamte geschichtliche Entwicklung des Amerikadeutschtums auch nur in Stichworten wiederzugeben. Deshalb seien nur einige wenige Dinge hervorgehoben, die aber die ungeheure Bedeutung des deutschen Elements für die Entwicklung der Staaten erkennen lassen. Die erste Papierfabrik in Amerika war von einem Deutschen errichtet wordem 1743 wurde die erste deutsche Bibel gedruckt; die erste englische erst 40 Jahre später. Die ersten Glashütten, die ersten Eisenhütten errichteten Deutsche. Peter Hasenclever aus Remscheid war der erste Großindustrielle in Amerika. Die erste Zuckersiederei, die erste Eisengießerei, die erste Wollfabrik, die erste Dampfmühlc sind deutscher Hände Werk. Wer weiß heute in Deutschland, daß das Riesenunternehmen von Carnegie die Gründung von zwei Deutschen, Andreas und Anton K l o m a n n, ist? Unter den bedeutendsten Amerikanern der Gegenwart ist ein nicht unbeträchtlicher Teil deutscher Abstammung, eine Tatsache, die in Deutschland auch heute noch viel zu wenig bekannt ist. Der weltberühmte Oelmagnat John. D. Rockefeller ist deutscher Herkunft. Der Name lautete früher Roggenfelder. Sein Urahne Johann Peter Roggenfelder ist 1735 aus dem Fürstentum Wied eiugewaudert. Der Schöpfer des modernen Warenhauses John Wauamaker entstammt einer deutsch-pennsylvanischen Familie, die früher Wanne macher hiest.' Die großen Studebaker- Automohilwerke, deren Erzeugniffe auch in Deutschland stark vertreten sind, sind das Werk eines Mannes deutscher Abstammung. Die Familie hieß früher Stutenbäcker. Der Schöpfer des amerikanischen Zuckertrusts Henry O. H a v e me y e r ist der Enkel eines aus Bückeburg eiugewanderten Zuckerbäckers. Aber nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiete ist der Einfluß von Männern deutscher Abstammung sehr groß, auch im politischen Leben der Staaten sind Deutsche oder Männer deutscher Abstammung vielfach hervorgetreten. Der Amtsvorgänger des heutigen Präsidenten der Staaten Roosevelt, Henry Hoover, ist der Nachkomme eins 1740 aus der Pfalz ausgewanderten Müllers Andreas Huber. Aus der früheren Zeit seien nur zwei Männer genannt, die für die Entwicklung der Geschichte der Staaten von großer Bedeutung waren. Es sind Friedrich Wilhelm v. Steu- b e n und Karl Schurz. Nicht zuletzt dem 1730 in Magdeburg geborenem Steuben, der unter Washington Generalinspekteur der amerikanischen Armee war, ist die siegreiche Durchführung des Unabhängigkeitskrieges zu verdanken. Nach ihm ist die Steubengesellschaft benannt, die nach dem Kriege begründet wurde und in der sich die Deutschen in den Staaten zusammengeschloffen haben. Karl Schurz, der revolutionäre Burschenschafter der 48er Jahre, hatte es bis zum amerikanischen Innenminister gebracht. Im Kampf um die Abschaffung der Sklaverei stand er an vorderster Stelle. Vor allem der Agitation von Schurz ist die Wahl Lincolns zum vram denten der Staaten zu verdanken gewesen. Im Bürgerkrieg naym er als Generalmajor auf selten der nordamerikanischen sagten teil. Während seiner Tätigkeit als Innenminister sind viele der wichtigsten noch heute gültigen Reformen entstanden Leider ist der weitaus größte Teil der deutschen Einwanderer dem Deutschtum verloren gegangen. Der Abstammung nach sm 30 Millionen Bürger der Staaten Deutsche, d. h. ein Viertel oe gesamten weißen Bevölkerung. Der Sprache nach sind nur nom 8 Millionen Deutsche geblieben. In Neuyork wohnen über etm Million Deutsche,- Neuyork kann fomtt, als die örittgrötzte deutsche Stadt bezeichnet werden. In Chikago leben 580 000 Deutsche, in Philadelphia und St. Louis je 250 000, in Milwaukee 200 000. In der zuletzt genannten Stadt sind es rund 45 Prozent der gesamten Einwohnerschaft. In fünf weiteren Städten wohnen jeweils mehr als 100 000 Deutsche. Nach den Einzelstaaten gerechnet, bilden sie in 12 mehr als 25 Proz. der Bevölkerung. Trotz der großen Zahl der Deutschen war ihr Einfluß jederzeit nur gering und ihr Deutschtum war stets sehr gefährdet. Vor allem ist das durch die Lauheit der Amerikadeutschen in kulturellen Dingen zu erklären. Die Kirche fing an, sich der englischen Sprache zu bedienen, die Schulen der lutherischen Gemeinden vernachlässigten die deutsche Sprache, oder ließen sie ganz aus ihrem Lehrplan fallen. Die Zahl der Schüler, die sich am deutschen Unterricht der öffentlichen Lehranstalten beteiligten, ging immer mehr zurück. ■ Den furchtbarsten Schlag erlebte das Amerikadeutschtum durch den Weltkrieg. Man internierte nicht nur deutsche Reichsangehörige, sondern verfolgte auch die Deutschen amerikanischer Staatsangehörigkeit. Der Unterricht im Deutschen wurde durch Gesetz verboten. In vielen Staaten wurden deutsche Bücher eingestampft oder verbrannt. Kinder üeutschamerikanischer Eltern wurden als Hunnenkinder beschimpft. Diese Aufzählung der Leiden der Deutschen ließ sich beliebig fortsetzen. Vor allem das Verbot de^c deutschen Zeitungen wirkte sich schwer aus. Einer der besten Kenner des Deutschtums in den Staaten, I. Eiselmeier, sagt: Das Deutschamerikanertum hat im Augenblick der höchsten Gefahr vollständig versagt, denn sonst hätte es solche Zustände verhindern können. Nach dem Kriege ist eine langsame Befferung eingetreten. Einige deutsche Theater haben ihre Tore wieder geöffnet. In den Mittelschulen nimmt die Beteiligung am Deutschunterricht wieder langsam zu. Es erscheint wieder eine größere Anzahl deutscher Zeitungen. Das deutsche Vereinsleben ist zwar sehr rege — es gibt in den Staaten mehr als 5000 deutsche Vereine — aber die Bedeutung der Vereine ist im Vergleich zu ihrer Zahl sehr gering. Allerdings sind gerade in der letzten Zeit Bestrebungen im Gange, durch die Vereine Beziehungen zu der alten Heimat wieder aufzunehmen. Es sei nur an die Beteiligung von deutschamerikanischen Vereinen am Deutschen Turnfest, am Deutschen Sängerfest usw. erinnert. Von ungeheurer Bedeutung ist auch die Tatsache, daß die nationalsozialistische Idee, die Gedanken Adolf Hitlers langsam aber sicher in den Kreisen der Amerikadeutschen Fuß fasten. In reichsdeutschen deutsch-amerikanischen Kreisen sind schon vielerorts Zellen und Ortsgruppen der NSDAP, gegründet worden. Von da aus wird ohne Zweifel eine Belebung des völkischen Bewußtseins der Amerikadeutschen eintreten können. In den nächsten Jahren werden die Deutschen in den Staaten zeigen müssen, ob sie nur gewillt sind, wie es leider so viele Jahre war, Kulturbünger für fremde Staaten und Völker zu sein, oder ob sie durch Festhalten an ihrem Deutschtum dazu beitragen wollen, auch in Nordamerika dem deutschen Ansehen den ihm gebührenden Platz zu verschaffen. Hoffen wir, daß das letztere der Fqll sein wird! Dämonie der Maschine. Der Zauberlehrling in der Wirtschaft. Von Dr. Wilhelm Gemperle. Noch in seiner letzten programmatischen Rede hat der Wirtschaftssachverständige der nationalsozialistischen Bewegung, Gottfried Feder, mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß die deutsche Volkswirtschaft nicht dem selbstsüchtig - privatwirtschaftlichen Rentabilitätsstreben Einzelner als oberstem Grundsatz unterstellt werden dürfe, sondern den gesunden Bedürfnissen des Volkes. Diesem Gesetz habe sich auch die Technik zu beugen, damit sie nicht zum Fluch, sondern zum Segen unserer Kultur werde. Der hemmungslose Glaube an die unbegrenzten Möglichkeiten der Technik, für den uns Amerika das falsch verstandene Beispiel und die Schlagworte geliefert hat, ist auch in Deutschland mit Beginn der Wirtschaftskrise, also seit 1929, einer tiefen Enttäuschung gewichen, die sich häufig genug zu einer technikfeindlichen Haltung moderner Maschinenstürmer zu steigern drohte. Hatte man früher die Technik in einer Art neuen Fortschrittwahns vergöttert und geglaubt, aus ihr und mit ihr alle Leiden der Welt kurieren zu können, so machte man sie jetzt für alles geistige und materielle Ungemach verantwortlich, das die Nachkriegsjahre uns so reichlich beschert haben. In dieser Stimmung von Resignation und Erbitterung war die Gefahr groß, daß der Mensch die letzten Reste seiner geistigen Freiheit verlor, daß er den Gang der Entwicklung in Technik und Wirtschaft als unabwendbares Schicksal hinnaym und vor der ihm unfaßbaren Dämonie der Maschine zurückwich. Die Technik war nahe daran, aus der Rolle einer Dienerin der Menschheit, in der sie bescheiden ihren Weg in die Welt angetreten hatte, zu der ihrer Herrin und Despotin abzugleiten. Sie schien aus eigenen und durch den Menschen nicht mehr beeinflußbaren Gesetzen jenen unheilvollen Kreislauf „Wettbewerb — Rationalisierung — Arbeitslosigkeit — Ueberproduktion" mit der Gewalt eines gigantischen Schwungrades zu immer rasenderem Tempo beschleunigen zu wollen. Dem Menschen aber fiel in dieser Nor wie Goethes Zauberlehrling das rettende Wort nicht ein, um diesen Spuk unseres Volkes und unserer Wirtschaft zu bannen. Die Geschichte erzählt uns viele Beispiele für den Zusammenstoß zwischen Mensch und Maschine, berichtet von abergläubischen Vorstellungen, gegen die sich technische Erfindungen durchsetzen mußten, und schildert den Ingrimm der durch sie sich bedroht suhlenden Menschen und das Elend, das sie zeitweilig tatsächlich über breite Schichten gebracht hat, bis sich ihre Einordnung in das soziale Leben allmählich vollzogen hatte und ihre segensreichen Wirkungen spürbar zu werden begannen. — Schon die mönchischen Abschreiber führten heftige Klage gegen die Erfindung des Buchdrucks, ohne den wir uns unsere Kultur nicht mehr denken können. Die Zünfte, denen vor allem an der Sicherung des „standesgemäßen Lebensunterhaltes" lag und die das sorgsam ausgeglichene Verhältnis zwischen Erzeugung und Verbrauch durch technische Neuerungen erschüttert sahen, haben sich schon früh gegen die Einführung von Maschinen gewehrt. Als z. B. gegen Ende des 10. Jahrhunderts die Bandmühlen aufkamcn, durch die sich das Posamentiergewerbe in der alten Form bedroht fühlte, verbot der Rat von Danzig ihre Anwendung und ließ den Erfinder ertränken, so groß war die Furcht vor diesem Unruhestifter in einem Leben überkommener Anschauungen und einer behaglichen Gesittung. Der Hamburger Senat ließ derartige Bandmühlen durch den Henker verbrennen, ein Verfahren, das die tiefgehende Erregung grell beleuchtet. In Kursachsen wurde ihre Einführung erst 1765 gestattet. — William Lee, der Erfinder der Strumpfwirkmaschine, wurde Ende des 16. Jahrhunderts von den aufgeschreckten Strickern so bedrängt, daß er nach Frankreich ging, wo Heinrich IV. sich seiner annahm. Selbst in den für die damaligen Verhältnisse so außerordentlich fortgeschrittenen Niederlanden wurde die 1633 erfundene Wtnbsägemühle verboten, was allerdings gerade uns verständlich erscheint, wenn wir erfahren, daß die Maschine nur einen Mann und einen jungen Burschen zur Bedienung brauchte, dagegen aber 20 Handsäger auf die Straße setzte. Bekannt ist Colberts Ausspruch, daß er „den Arbeitern mehr Beschäftigung geben, nicht aber den früheren Verdienst rauben wolle". Und doch war Colbert, der große Wirtschaftsreformator Frankreichs, Neuerungen zugänglicher als die meisten seiner Zeitgenossen. — Häufig auch hat der Staat die Eigentümer gegen die Zerstörung ihrer Maschinen schützen müssen. Im 18. Jahrhundert hat die englische Regierung manchesmal für die Vernichtung neuer Maschinenanlagen durch die aufgebrachten Handwerker und Arbeiter einen Ersatz aus der Staatskasse leisten müssen. Den eigentlichen Begründer der englischen Baumwollindustrie, Hargreaves, den Erfinder der sog. spinning-Jenny, trieb die Empörung der Handspinner von Lancashirc aus der Heimat. Noch im 19. Jahrhundert entging Jacquard, der Erfinder der nach ihm benannten Webmaschine, dreimal knapp der Ermordung,- sein Webstuhl wurde in Lyon auf Veranlassung des Rats der Weißen zerbrochen. Die Einführung von Maschinen in der englischen Textilindustrie war zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Anstoß zu den mehrfachen großen Aufruhrbewcgungen der „Maschinenstürmer",- die soziale Frage tauchte damit in England in ihrer modernen Form zum ersten Mal in der ganzen Tragweite auf. Die Gefahr der Revolution mutz sehr nahe gewesen sein, denn 1812 wurde die Zerstörung von Textilmaschinen mit dem Tod und 1813 mit langjähriger Deportation bedroht. — Während der spanischen Staatsumwälzung im Jahre 1854 mußte die neueingesetzte Junta von Barcelona versprechen, alle Maschinen, die zuviel Handarbeit überflüssig machen, abzuschaffen. Wir kennen für Deutschland aus Gerhart Hauptmanns Drama „Die Weber" die furchtbare Not der schlesischen Weber, ihre dumpfe und ohnmächtige Wut gegen die neuen Maschinen, die sie wie den leibhaftigen Teufel hassen und in dem sie den Quell alles irdischen Leidens sehen. — So ist im Laufe der Geschichte immer wieder die blinde Opposition gegen bas Maschinenwesen aufgestiegen und hat sich in gefährlichen Explosionen Luft gemacht, sobald der Mensch von der Technik Not erfuhr, wo er Wohlstand und Befreiung erwartete. Blind aber ist diese Wut, weil sie bas Kind mit dem Bade ausschüttet und die großen Segnungen der Technik verkennt, die eintreten, wenn sie Dienerin bleibt und nach einem Gemeinschaftsgedanken und nicht nach den Gewinnintereffen des Einzelnen geleitet wird. Dann gilt heute wie immer der Satz des Grafen DuchLtel: „Die Arbeiter, welche augenblicklichen Uebelstänben dadurch entgehen wollen, baß sie Maschinen zerstören, sind Schiffern zu vergleichen, die bei Windstille oder Gegenwind ihr Schisf verbrennen und weiter schwimmen wollen. Sie glauben eine Rivalin zu vernichten und vernichten ihre notwendigste Hilfe." „Wohltätig ist des Feuers Macht, wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht." So ist es auch mit ber Technik. Auch bei ihrer Anwendung müssen der Mensch und das Volk wieder in das Zentrum des Handelns gerückt werden. „Was nützt eine blitzblanke Maschine, wenn Arbeiter dadurch brotlos werden!" So einfach dieser Satz klingt, so berechtigt ist sein Inhalt. Die Technik, die von einer chaotisch und wildgewordenen Wirtschaft gehetzt, aus dem Gehege ausgebrochen ist, das die Gemeinschaft des Volkes und seiner Bedürfnisse ihr aufgerichtet hatte, muß wieder von starker Hand eingefangen werden. Wir haben das Walten dieser starken Hand schon in den ersten Monaten des Neuen Reiches verspürt. In der Zigarrenindustrie hat man z. B. die Einführung von Handarbeit sparenden Maschinen bis aus weiteres untersagt. Das ist nur ein Beispiel für viele. Die Bändigung des Dämons Maschine ist gewiß eine der wichtigsten Aufgaben in dem großzügigen Arbcitbeschaffungsprogramm, das die Regierung zu verwirklichen begonnen hat. M nicht doch eine Mystiftka- schlimm der Lage, in der er sich befindet. * ein Gerücht sich in Unsre Stadt ist nicht so groß, daß Straßen verlieren könnte. Sie ist vielmehr so klein, daß ein Name ist, den er dort liest, oder ob es tion sei. Dies alles widerspricht gar zu den Geste passen wie dafür. „Dar' wie?" Prozent, weil und niemand bekommt sein Geld herein!" Zu diesen Lamöschuhen rät Herr Rechmann zu, angegossen, Ersatz für Maß ist gar kein Ausdruck ich Ihnen mal den andern anprobieren?" „Sie geben mir doch einen Freundschaftsrabatt, „Nur bei Barzahlung, Frau Hugendubel, fünf Sie es sind." Das liulb. Mbete iilebr ittum Es tit la iines äroeigi -Ach itinbe; 81166 rücht nach allen Seiten durchdringt, und schon am Vormittag fragt der Schuhwarengeschäftsinhaber Rechmann die Frau seines Skatbruders Hugendubel, Chemikalien en gros, als er ihr eigenhändig ein paar Tanzschuhe verpaßt, Lamo, für den Weihnachtsball des Hausfrauenveretns: „Frau Hugendubel", fragt er und hält ihren zart aus den goldenen Riemen quellenden Fuß in der Hand, „hat der Doktor Wagenschanz nicht auch Schulden bei Ihrem Mann?" „Ja, leider, es ist ein Kreuz mit dieser Zeit, alles geht kaputt, „Wo denken Sie hin, bar! Wo der Doktor Wagenschanz uns doch — was meinten Sie denn vorhin mit dem Doktor Wagenschanz?" „Ach so. Sie wissen es noch nicht? — Auguste", schreit Herr Rechmann die Treppe hinauf, die zur Wohnung führt, „bring doch mal das Blatt herunter!" „Ist was passiert?" ängstet sich die Frau Hugendubel. Fün: Minuten später rennt sie mitder herausgerissenen Anzeigenseite quer über den Ikatsmarkt, unterwegs begegnet sie der Frau Karczinsky, Oele und Fette. „... Was sagen Sie dazu — hier — an den Hals in Schulden — arbeitet nicht mehr — Geld, unser gutes Geld — Fenster heraus, ja — muß gleich weiter." Im Laufe der nächsten Stunden verwandelt sich die Fabrik des Doktor Wagenschanz in eine nahezu vollständige Gläubiger- versammlun i, einer nach dem andern trifft ein und überschüttet Anton mit denselben Vorwürfen, jeder will wissen, was dies Jn- Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Walter Julius B l o e m (GDS.j. (Fortsetzung.) In der Frühe des Donnerstags erhebt sich Anton mit trägen Gliedern, vier Uhr, tiefe Nacht, Mitte November. Er zieht, tn einen Mantel gehüllt, mit krummen Schritten zum Bahnhof, durch den peitschenden Winterregen. Niemand, der ihn sieht, wurde ihm viele Aussichten zubilligen, aber zum Glück steht ihn niemand. An der Sperre wartet er, doch kein Besuch trifft ein. Guterzuge poltern aus der Finsternis in die Finsternis, Schnellzüge jagen mit kreischenden Bremsen daher, der Schall hallt an den weißen Ziegel- wänden des Bahnhofs und donnert in den Unterführungen. Eine Schar unausgeschlafener Menschen findet sich ein, aus den einfachsten Ständen, Anton fällt in der Menge nicht auf. Sie kehren mit Geschrei aus der Sperre zurück, beladen mit ungeheuren Packen Zeitungen und Zeitschriften, Titelblätter werden ausgerusen und die Packen verteilt. Anton zieht seine Börse und kauft drei Zeitschriften, aus Berlin die eine, aus Hamburg die andere, aus München die dritte. Und während er auf dem Brettchen eines Fahrkartenschalters sitzt, blättert er mit zitternden Händen seine Journale auseinander. „Das tägliche Fest", schreit es ganzseitig dreifach hervor, er springt von seinem Sitz herunter und breitet die Bogen nebeneinander auf die schmutzigen Bahnhofsfliesen. Niemand hat etwas davon gewußt, niemand konnte ihm in den Arm fallen, hier predigen drei verschiedene Rieseninserate die Vorzüge der Wagen- schanz-Erzengnisse, oder eigentlich nicht einmal das: sie schildern, jedes in völlig anderer Art unter dem gleichen Schlagwort, wie der Mensch des Morgens erwacht, Tag für Tag auf dieselbe Weise, eben lag er wie ein Toter da, nun regt er sich und gleicht einem müden Tier, das aus verquollenen Augen um sich blickt, unlustig zu jeder Unternehmung, unfroh, die Haut faltenreich selbst bei Jungen, das Haar zerwühlt. Die Inserate zeigen je eine Frau, einen Mann, ein Kind. Nun kann man es auf zweierlei Weise machen, man kann in Hast in seine Kleider fahren, oder man kann dem Tag einen aufmunternden Anfang geben. Jetzt gönnen sie sich die Wohltat des Wassers, das Fest der täglichen Menschwerdung beginnt mit der Wagenschanzseife — und schon endet das Inserat. Es war das schwerste von allen vieren. Kieselbach hatte ursprünglich seiner Phantasie freien Lauf gelassen und sich ebenso drastisch wie unappetitlich ausgedrückt. Diese Entgleisungen waren aber der unerbittlichen Forderung des Fräuleins Reubold zum Opfer gefallen, die mit ihrem feinen Fingerspitzengefühl alles Häßliche aus den Texten hinanswarf und es sich in den Bildern verbat, bis eine vorsichtige und dennoch zutreffende Schilderung des „Halbmenschem beim Anfstehen" übrigblieb. Der Untergrund aller Texte zeigt aneinandergereiht den Namen Wagenschanz, in winzigen Buchstaben, Wagenschanz, tausendmal über die Seite gestrichelt: Wagenschanz. Wie gesagt: die drei Blätter liegen ausgebreitet aus den schmutzigen Fliesen des Bahnhofs, und der Mann, der vor ihnen steht und sie betrachtet, in gebeugter und mutloser Haltung, das Kinn unrasiert, er faßt sich an die Stirn und fragt, ob dies fein ferat gekostet habe, und zu allem Unglück stellt sich nach und nach heraus, daß es sich sogar um drei verschiedene Zeitschriften handelt. „Was wollen Sie eigentlich", versucht Anton jeden zu überzeugen, „Sie sollten sich freuen, daß ich meine Ware unter die Leute bringe, das liegt doch in Ihrem eigenen Interesse. „Was kosten diese Anzeigen?" km G "iiibc- iiidjet •lltit! Mtr | '(Jitter iiimst »öle Mi ’unner Hell! siitern unb: 9 Itmtiti Rli . 6ti lener ®it t «itf® ? n" Jitoil Mu (Jit Mle inten Sh Jtiette >e ' hei So und soviel. „Sie sind wohl wahnsinllig, Mann! Aus ihrem Arbeitszimmer in der Baracke spricht Rosemarie mit Schönlein. „Bitte kommen Sie sofort, Peter, es ,|t enstetzlich, ich halte das nicht mehr aus." Ihre Nerven flattern schon jetzt, und dabei sagte Doktor Wagenschanz nur: Es sangt erst an. Schönlein nimmt eine Autodroschke und saust hinüber. Er wird von Rosemarie, Elli und dem Kandidaten abgesangen, sie fuhren ihn hintenherum über den Hof und legen ihm, als fet er der oberste Richter, die drei Blätter vor, er soll entscheiden: war das vernünftig oder nicht? Aber an Peters Stelle gibt Kieselbach die Antwort: „Ich hatte einen wunderbaren Text, saftig, verstehen Sie für das profanum vulgus, für die breite Maffe, aber diese Dame hier" — zeigt sein ausgestreckter Finger — „hat nur meine besten Gedanken herausgestrichen, es wird eine ungeheure Pleite, ich garantiere für nichts, ich übernehme keinerlei Verantwortung. Zwischen Elli und dem Kandidaten entsteht eine Zankerei, mit Volkssprüchen reichlich gewürzt. Schönlein hält sich die Ohren zu. Dann läßt er sich von Rosemarie einen Bericht erstatten, sie pricht aufgeregt, sehr leise, aber wenigstens alle-, nacheinander. Sie muß sich beinah die Zunge abbeißen, aber genau nach Anton» Weisung erzählt sie nur von „diesen drei Inseraten . .So kommt es', denkt Schönlein mit verkniffenen Lippen, .wenn einer sich übernimmt,' wenn er prahlt, mit dieser Zeit werde er chon fertig; wenn er unter allen Umständen aus der allgemeinen Reihe des Niedergangs tanzen will, er springt und bricht sich die Beine. — Es ist jetzt meine Ausgabe , folgert Schönlein weiter, .daß dieser unternehmende junge Mann, dieser Doktor Anton Wagenschanz, sich nur die Beine bricht und nicht auch den Hals.' In Peters Kopf marschieren die Paragraphen auf, BGB., Konkurs oder Liquidation? _ m . Im Fabrikationsraum sitzt die Witwe Wagenschanz ganz allein. Sie kam, wie jeden Tag, beladen mit Gemusepaketen, mit Fleisch und mit Knochen voll fettem Mark, aber heute sind die Arbeiter von Anton nach Hause geschickt worden, die alte Mutter sitzt da und findet sich nicht mehr zurecht. Was wollen denn die Manner, die in den andern Räumen Krach schlagen? Denen schuldet ihr Sohn soviel Geld? Aber warum haben sie ihm denn soviel geliehen? Oder, wenn er soviel Gelb bekommen hat, dann kann er doch auch viel zurückbezahlen? Diese Sache geht in die Hundert- tausenöe, in Zahlen, die sich für die alte Wagenschanz in den Nebeln des Unbegreiflichen verlieren. . . r Wie kommen denn die Leute dazu, ihrem Sohn soviel Geld zu geben, wo er doch ein ganz armer Mann ist? Ach so, ja, er besitzt eine Fabrik. Er besitzt sie, hat sie aber noch nicht bezahlt, doch sie gehört ihm trotzdem. Kurzum, sie wird mit den Problemen nicht mehr fertig. Vor allem aber versteht sie nicht, ivarum sie hier nicht kochen soll, Geld hin, Geld her, die vierzig Menschen und Menschlein müssen essen! ' „ So geht sie weg und lauft selber zu den paar Familien, sie kommt wieder mit den Frauen, und während in den Nebenzimmern das Geraufe ums Geld tobt, wird hier eine Dickebohnensuppe zubereitet. Gelegentlich steckt einer der Gläubiger feinen Kopf herein, um sich nach den Liquidationsmöglichkeiten umzu- feiien, und was er hier für ein Bild von trautem Familienleben findet, das macht allerdings einen besonders kreditwürdigen Schönleins bloßes Eintreten in die versammelte --char der Gläubiger bringt Ordnung und System in den ferneren Ablauf, er taucht als ragender Fels ans dem aufgeregten Meer, er beruhigt nach rechts einen Schimpfenden und nach links einen Fragenden, er ist gleich mit Vorschlägen bei der Hand, und im Umsehen ist für heute abend, sieben Uhr, eine Gläubigerversamm- lung bei ihm, Rechtsanwalt Peter Schöulein, anberaumt. Er werde inzwischen die Bücher der Firma durchsehen, und Herr Doktor Wagenschanz werde heute abend jede gewünschte Auskunft erteilen. „Guten Morgen, meine Herren." „Morgen, Herr Doktor Schönlein!" ' Der Anwalt ohne Titel zuckt leicht zusammen. „Empfehlung an die gnädige Frau, Herr Hugendubel." „Danke. Danke vielmals. Werd's ausrichten. Schwere Zeiten! „Ja, weiß Gott, sehr schwere Zeiten. Aber man hofft das Beste " Die Räume teeren sich endlich, und nun kommt die Mutter Wagenschanz mit steinernem Gesicht und fordert zum Essen auf, ganz unerwarteterweise, niemand hat an Essen gedacht, plötzlich stöhnt man vor Hunger. „Oh", sagt Anton später zu Rosemarie und schüttelt sich, „wenn ich doch bloß alles ganz alleine machen könnte! Tausend .Hände haben! Mit eigenem Geld arbeiten, das man getrost aufs optcl setzt. Nur nicht von so vielen abhängig sein. Sie wollen verdienen, sie fordern unsinnige Zinsen, aber riskieren wollen üe nichts. Sie werden ihre Waren nicht los und verlieren ihr Geld, aber in dem Augenblick, in dem jemand sich anstrengt und ihre Waren kauft und damit ein gutes Geld macht, genau in dem Augenblick fallen sie ihm in den Arm. — Zweifeln Sie,auch-' fährt er sie an, und antwortet sich selber: „Nun, es ist ganz einerlei, es genügt vollkommen, daß ich festhalte." , (Fortsetzung folgt.) 'LeraniworUichi Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'fche Univerfitäts-Vuch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen f yü k'vi Sö