GichenerZamilieilbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Montag, den 6. März Jahrgang <933 Nummer 19 Heimatgefühl. Von Clemens Brentano. Wie klinget die Wellei Wie wehet ein Wind! O selige Schwelle, wo wir g/boren sindl Du himmlische Bläue! Du irdisches Grün! Voll Lieb' und voll Treue wie wird mein Herz so kühn! Wie Reben sich ranken mit innigem Trieb, so, meine Gedanken, habt hier alles lieb! Da hebt sich kein Wehen, da regt sich kein Blatt, ich kann draus verstehen, wie lieb man mich hat. » Ihr himmlischen Fernen, wie seid ihr mir nah! Ich griff nach den Sternen hier aus der Wiege ja! Treib' nieder und nieder, du herrlicher Rhein! Du kommst mir ja wieder, läßt nie mich allein! O Vater, wie bange war mir es nach dir, horch' meinem Gesänge dein Sohn ist wieder hier! Du spiegelst und gleitest im mondlichen Glanz, die Arme du breitest: Empfange meinen Kranz! Meinem Vater Alfred Bock zum Gedächtnis. Jur Wiederkehr seines Todestages am 6. März. Von Karola Strauch-Bock. Für ihn kam der Tod zur rechten Stunde. Dem kindlichen Gemüt und dem bis zuletzt nach Liebe sich sehnenden Herzen begann unsere von Widerspruch, Heimatlosigkeit und Unerbittlichkeit starrende Zeit Rätsel und Last zu werden. Die Tagebücher, die gewissenhaft mit klarer Handschrift bis zum Todestag geführt sind, spiegeln fein sonst unausgesprochenes Innenleben wider: Schönheitsdurst, ewige Gedanken und dichterisches Selbstbewußtsein übertönen die Sorge um die vielfältigen Röte der Gegenwart. Die junge Generation kann nicht annähernd die Psyche der alten Generation verstehen, die lebenslänglich frei und selbstsicher ihr Ziel verfolgte, die jetzt unter dem Druck der Abhängigkeit schwer seufzt und sich gegen die Rot sträubt. Sie sieht in ihr Ueberbleibsel eines völlig anders fundierten und deshalb unbrauchbaren Geschlechtes. Kann sie aber tue Alten wirklich missen? Die Männer und Frauen mit den gütigen und seherischen Augen, die gerade aus ihrer ferneren Geburtsstunde und näheren Todesstunde das Hinfällige und Flüchtige der Gegenwart ab- ftreifen und die bleibenden Kräfte des Aufbaues erkennen. Das Alter blickt zum Horizont, während die Jugend sehnsuchtsvoll nach Bergesgipfeln ausschaut. Hinter den veränderten Kulissen der Zeit spielt seit Jahrtausenden dasselbe menschliche Schicksal seine geheimste und im Grunde gleiche Rolle. Unbetastet und zeitlos wölbt sich darüber der Himmel der Schöpfung. Alte und junge Generation muß sich -m selben Zeitabschnitt ablösend oder erlöjenb sördern. Ein großes, lebendiges Erbe fließt einer ehrfürchtigen Nachkommenschaft zu. Aus solcher Ehrfurcht heraus ist dieser Nachruf geboren. Dem Dichter aller Zeiten sind zwei Realitäten zu Erlebnis und Dichtung geworden: Mensch und Natur. Wie stand Alfred Bock zu den Menschen, zu der Natur, zugleich zur heimischen Scholle, und wie groß war seine Demut vor dem Unersorschlichen und dessen Abbildern, den Künsten? Er glaubte an die Menschen. Wie kaum einer hat er sie gesucht, hat er sich wohl gefühlt in geselligem Kreis. Da glänzten seine guten Augen, wenn er mit unbeschreiblichem Erzählertalent seine Gäste unterhielt. Mit einer fast kindhaften Selbstverständlichkeit hörte er geduldig jede Bitte an und erfüllte fast jeden Wunsch. Keiner kam umsonst zu ihm. Ungezählte hat er gefördert durch irgendeine seiner künstlerischen Beziehungen. Aber ängstlich vermied er selbst Bittender zu sein. Er liebte ungestörte einsame Arbeitsstunden. Er war so empfänglich für Zuneigung und Liebe, und — um es auszusprechen — für „Glück"! Was ihm Glück bedeutete: Künstlerische Erfolge und friedliche Tage mit Sonnenschein, da er ohne lästige Störung und Aergernisfe sein schönes, von Tradition erfülltes Heim genießen konnte, feinen Flügel, feine nächsten zärtlich geliebten Menschen. Schöpferstunden, wo gute Geister ihn umgaben. Wo am Schreibtisch Menschenbilder geboren wurden aus Einfalt des Herzens und eigenen Kämpfen: der Flurschütz, die ©ritt, der Napoleon, der Hanpeter, das Konrädchen und all die Kinder des Volkes. Er konnte sich irren und täuschen lassen im Umgang mit Menschen, aber nie ließ er sich irre machen, wenn er Kleinbürger und Bauern plastisch gestaltete! Die kannte er besser, als die komplizierten und schwankenden Stadtmenschen, besser als sich selbst. Denn nie wurde er mit sich selbst fertig — der sicherste Beweis dafür, daß er so gerne von sich sprach, skeptisch und oft nur nach außen hin selbstsicher. — Er hatte Humor. „Leider hat ihn keines meiner Kinder geerbt, ein scherzendes Wort siegt in jeder Situation", sagte er manchmal. Als er wenige Stunden vor seinem Tode ahnungslos dem Mädchen die Schirmhülle zuwarf mit den Worten: „Tragen Sie die Hülle als Trauerflor, wenn ich gestorben bin", sagte er eines jener unvergleichlich originellen Worte, die sich bei guter Laune ins Zahllose häuften. Er hatte sich in seiner Beziehung zu den Menschen nicht verändert, bis zuletzt war er der gütige und selbstlose Freund, der zärtliche Vater und zugleich das große Kind. Er war stets auf der Suche nach „der Mutter". Denn über den Tod hinaus war er feiner bedeutenden Mutter zugetan, er konnte sie schwer missen. Er tastete nach ähnlicher Liebe und sand sie in verschiedenerlei Gestalt, aber nirgends ward ihm dies himmlische Ausruhen und Verstandensein beschert, nirgends der gleiche unerschütterliche Glaube. Und in dieser Verlassenheit überkam ihn in erleuchteten Augenblicken die dem Künstler notwendige Erkenntnis tiefster Einsamkeit: Es wandeln die Menschen Um mich her. Ach: daß unter ihnen Nur einer sich fände, Der da spräche: Ich verstehe dich ganz! In güldenen Kammern Bewahr' ich Geheimstes Ein Hekz zu beglücken, Aber keiner begehri's. Ihr drängt euch heran. Sucht mich, meinen Namen, Ich bin euch der Brunnen, Daraus ihr schöpft. An meiner Seele Geht ihr vorüber, Ob sie sich verzehre In Einsamkeiten, Euch kümmert es nicht. Wenn er abends das kleine Fenster feiner Stube aufstieß, und über die Baumkronen des alten Gartens weg zum Mond sah, wandte er sich weg von den Menschen der Schöpfung: „Der Mond ist doch mein bester Freund, vielleicht komme ich mal dorthin." Er war einer von denen, die den Himmel über alles lieben können. Sonnenstrahl und Sternenglanz öfsneten die geheimsten Fächer seines Innern. Täglich ging er über seine Wiesen in seinen Wald, zu seiner Lahn, und die hessische kleine Bergwelt mit den Burgen sah zu ihm herab. Da hielt er die Heimat ganz fest. Schritt für Schritt knirschte die hessische Erde unter seinen Füßen. Das ist gewiß: er hatte diese Landschaft lieber als alle Länder und Meere. Keine Sehnsucht war so mächtig in ihm, als ver- und nahm, hat jein Vesuv-Erlebnis festgehalten: in Tagebüchern und Briesen. Ihre Ausarbeitung liegt in der „Italienischen Reise" vor. Darin ist zu lesen: „Den 2. März bestieg ich den Vesuv, obgleich bei trübem ilt zu lesen: „Den 2. März bestieg ich den Vesuv, obgleich bei trübem Wetter und umwölktem Gipfel. Fahrend gelangte ich nach Resina, sodann auf einem Maultier den Berg zwischen Weingärten hinaus: nun zu Fuß über die Lava vom Jahr 1771, die schon seines, aber sestes Moos aus sich erzeugt hatte: dann auf der Seite der Lava her. Ferner den Aschenberg hinaus, welches eine sauere Arbeit ist. Endlich erreichten wir den alten, nun ausgefüllten Krater, fanden die alten Laven von zwei Monaten, vierzehn Tagen, ja, eine schwache von fünf Tagen schon erkaltet. Wir stiegen über sie an einem erst aufgeworfenen vulkanischen Hügel hinaus: er dampfte aus allen Enden. Der Rauch zog von uns weg und ich wollte nach dem Krater gehen. Wir waren ungefähr fünfzig Schritte in den Dampf hinein, als er fo stark wurde, daß ich kaum meine Schuhe sehen konnte. Das Schnupftuch vorgehalten: half nichts; der Führer war mir auch verschwunden, die Tritte auf den ausgeworfenen Lavabröckchen unsicher: ich fand für gut, umzukehren und mir den gewünschten Anblick ans einen heiteren Tag und verminderten Rauch zu sparen. Obgleich ungern, doch aus treuer Geselligkeit begleitete Tischbein (der Maler) mich heute, am 6. März, auf den Vesuv. Am Fuß des steilen Hanges empfingen uns zwei Führer, ein älterer und ein jüngerer. Beides sehr tüchtige Leute. Der erste schleppte mich, der zweite Tischbein den Berg hinaus. Sie schleppten, sage ich: denn ein solcher Führer umgürtet sich mit einem ledernen Riemen, in welchen der Reisende greift und, hinaufwärtsgezogen, sich an einem Stabe, aus seinen eigenen Füßen, desto leichter emporhilft. So erlangten wir die Fläche, über welcher sich der Kegelberg erhebt; gegen Norden die Trümmer der Somma (1132 Meimmer wieder die Sehnsucht nach Hessenluft und Gleichklang heimatlicher Glocken. Seine Naturschilderungen, die so knapp und fast allgemein sind, zeigen deutlich, wie wenig er zum Lyriker geboren war, wie es ihn danach drängte, wachsend und akwend sich selbst hmeinzubett^i in Wachstum des Erdreichs. Er blieb Beschauer und verbarg sein Gefühl. Kehrte er heim von seinen täglichen Gängen, setzte er sich an den Flügel und spielte mit dem zarten Anschlag seiner schonen durchgeistigten Hande leise geliebte Melodien. „Hört ihr nicht die Klange einer andern Welt, die Musik ist doch die geistigste aller Künste". Die Musik verklarte sein ter). Ein Blick westwärts über die Gegend nahm, wie ein heilsames Bad, alle Schmerzen der Anstrengung und alle Müdigkeit hinweg und wir umkreisten nunmehr den immer qualmenden, Stein und Asche aus» werfenden Kegelberg. So lange der Raum gestattete, in gehöriger Entfernung zu bleiben, war es ein großes, geisterhebendes Schauspiel. Erst ein gewaltsamer Donner, der aus dem tiefsten Schlund hervortönte, sodann Steine, größere und kleinere, zu Tausenden in die Lust geschleudert, von Aschenwolken eingehüllt. Der größte Teil fiel in den Schlund zurück. Die anderen, nach der Seite zugetriebenen Brocken, auf die Außenseite des Kegels niederfallend, machten ein wunderbares Geräusch: erst plump» ten die schwereren und hupften mit dumpfem Getön an die Kegelseite hinab, die geringeren klapperten hinterdrein und zuletzt rieselte die Asche nieder. Tischbein sühlte sich nunmehr auf dem Berge noch verdrießlicher, da dieses Ungetüm, nicht zufrieden, häßlich zu fein, nun auch noch gefährlich werden wollte. Wie aber durchaus eine gegenwärtige Gefahr etwas Reizendes hat und den Widerspruchsgeist im Menschen auffordert, ihr zu trotzen, so bedachte ich, daß es möglich fein müsse, in der Zwischenzeit von zwei Eruptionen, den Kegelberg hinaus, an den Schlund zu gelangen und in diesem Zwischenraum den Rückgang zu gewinnen. Der jüngere Führer getraute sich, das Wagestück mit mir zu bestehen. Noch klapperten die kleinen Steine um uns herum, noch rieselte die Asche, als der rüstige Jüngling mich schon über das glühende Geröll hinaufriß. Hier standen wir an dem ungeheuren Rachen, dessen Rauch eine leise Luft von uns ablenkte, aber zugleich das Innere des Schlundes verhüllte, der ringsum aus tausend Ritzen dampfte. Durch einen Zwischenraum des Qualms entdeckte man hie und da geborstene Felsenwände. Der Anblick war weder unterrichtend noch erfreulich; aber eben deswegen, weil man nichts sah, verweilte man, um etwas herauszusehen. Das ruhige Zählen war versäumt; wir standen auf einem scharfen Rand vor dem ungeheuren Abgrund. Auf einmal erscholl der Donner, die furchtbare Ladung flog an uns vorbei: wir duckten uns unwillkürlich, als wenn uns das von den niederstürzenden Massen gerettet hätte; die kleineren Steine klapperten schon und wir, ohne zu bedenken, daß wir abermals eine Pause vor uns hatten, froh, die Gefahr überstanden zu haben, tarnen mit der noch rieselnden Asche am Fuß des Kegels an, Hüte und Schultern genugsam eingeäschert... Die Kunde einer soeben ausbrechenden Lava, reizte mich, zum dritten Mal den Vesuv zu besuchen: 19. März. Man habe auch tausendmal von einem Gegenstand gehört: das Eigentümliche spricht nur zu uns aus dem unmittelbaren Anschauen. Die Lava war schmal, vielleicht nicht breiter als zehn Fuß; allein die Art, wie sie eine sanfte, ziemlich ebene Fläche hinabfloß, war auffallend genug: denn indem sie während des Fortfließens an den Seiten und an der Oberfläche verkühlt, fo bildet sich ein Kanal, der sich immer erhöht, weil das geschmolzene Material auch unterhalb des Feuerstroms erstarrt, welcher die auf der Oberfläche schwimmenden Schlacken rechts und links gleichförmig hinunterwirft, wodurch sich denn nach und nach ein Damm erhöht, auf welchem der Glutstrom ruhig fort» fließt wie ein Mühlbach. Wir gingen neben dem ansehnlich erhöhten Damm her. Durch einige Lücken konnten wir den Glutstrom unten sehen. Durch die hellste Sonne erschien die Glut verdüstert. Ich hatte Verlangen, mich dem Punkte zu nähern, wo sie aus dem Berg bricht. Glücklicherweise fanden wir die Stelle durch einen lebhaften Windzug entblößt, freilich nicht ganz, denn ringsum qualmte der Dampf aus tausend Ritzen: und nun standen wir wirklich auf der breiartig gewundenen erstarrten Decke. Wir versuchten noch ein paar Schritte, aber der Boden ward immer glühender; Sonne verfinsternd und erstickend wirbelte ein unüberwindlicher Qualm. Der vorausgegcmgene Führer kehrte bald um, ergriff mich und mir entwanden uns diesem Höllenbrudel. Nachdem wir die Augen an der Aussicht, Gaumen und Brust aber am Wein gelabt, gingen wir umher, noch andere Zufälligkeiten dieses mitten im Paradies aufgetürmten Höllengipfels zu beobachten. Der herrlichste Sonnenuntergang, ein himmlischer Abend erquickten mich auf meiner Rückkehr." Tonfilm und Gemälde in Ehren — mehr sagt aber das Wort, das ein Goethe erlebt und gestaltet hat! Goethe, der zum Schauen und Schildern geboren war. 9 In feinem Bibliothekszimmer häuften sich die Bucher, die Neuerfchei- nunqen lagen bereit zur Besprechung auf einem be anderen Tisch. Viele Stunden -am Tag und oft in der Nacht war er in feine Bucher vertieft. Nichts lehnte er ab, er wollte die kommende Dichtergeneration verstehen und gerade den Jüngsten war er besonders zugetan. Aber immer wieder griff er zu Goethe. „ , . . „ , . Und ein Büchlein, von den wenigsten gekannt, war fern Ratgeber, Amiels Tagebücher". Da ist manches Wort angestrichen, viele hunderte Male gelesen und ins Herz geschlossen und erprobt. Er bevorzugte philosophische und theologische Werke. Je älter er wurde, desto verklarter sah er ins Geheimnis. Desto inbrünstiger klammerte er sich an den Glauben einer neuen Bestimmung, die nach dem Tod seiner wartete. Die letzten Blätter seines Tagebuches tragen fein Bekenntnis:^ „Felsenfest wurzelt die Ueberzeugung m mir, daß dieses Leben Fortsetzung in einem anderen Dasein sindet. Nicht im Sinne der Dogmen und religiösen Mythen. Mein Glaube: der Grund aller Vitalität ist m der elektrischen Kraft verankert, was wir Seele nennen,.ist eng mit den ewigen Elektronen verwandt. Beim Abfcheiden eines Menschen wird eine Kraft frei, die sich irgendwo wieder manifestiert. Entweder in unendlich fernen Weltallssphären öder wieder in unserem Planetenleben. Das Rätsel zu lösen, dazu ist unser Gehirn zu klein. Aber eine heilige Ruhe soll uns erheben, daß wir nicht untergehen und nach dem Rhythmus unseres Seins wieder zu neuer Akttvität erwachen. Der Allmacht ergeben, auf das Erstaunlichste vorbereitet und mit -völliger Gefaßtheit soll mein Leben enden, um in neuen Bezirken wieder zu erwachen." So rundete sich sein Leben, er sah sein Werk getan, er glaubte an den Fortbestand feiner besten Bücher. Im Stübchen, wo der Großvater Bock den Namen feiner Jugendgeliebten ins Fensterglas geschnitten, wo das erste und letzte Wort auf das gleichbleibend glatte Papier mit der altgewohnten Feder geschrieben mar, dort wo sich seine Welt ganz " dichtete zu Eigenart und Einzigkeit — dort nahte der Tod, milde, nahm ihn mit ins unbekannte Land. Goethe auf dem Vesuv. Mitgeteilt von Karl Baumann. Nachdem wir vor wenigen Tagen im Feuilleton einen aktuellen Bericht unseres römischen Korrespondenten Dr. Gustav W. Eber lein über eine Autosahrt zum Vesuv gebracht haben, lassen wir heute die klassische Schilderung von Goethes Vesuv-Besteigungen aus seiner „Italienischen Reise" folgen. Am 2. März 1787 bestieg Goethe zum erstenmal den Vesuv, den einzigen noch tätigen Vulkan des europäischen Festlandes. Von diesem feuerspeienden Berg, der den Namen „Monte Mussolini" erhalten soll, heißt es, daß er in den letzten Tagen in große Unruhe geraten sei. Wohl nicht, weil er den Namen des Tat-Menschen Mussolini erhalten soll; die Urfache scheint tiefer zu liegen. Ob die Befürchtungen phantasievoller Reporter zutressen, die, dem Schicksal vorgreifend, melden, in der Nachbarschast des Vulkans sei das Leben erstarrt, ist sehr fraglich, hatte sich doch der furchtbare Ausbruch des Jahres 79 n. Ehr., dem die Städte Pompeji, Hereulanum und Stabiae zum Opfer fielen, feit dem Jahre 63 in zerstörenden Erdbeben angekündigt. Viele haben sich jetzt natürlich ein* schüchtern lasten und find in das 10 Kilometer entfernte Neapel über* gesiedelt. Taufende aber find geblieben und Taufende kommen täglich, um die unterirdischen Gewalten zu belauschen. Mit und ohne Kamera. Die Tonwoche wird vom Festgehaltenen schon einmal das eine ober andere an den Mann bringen. Auch Goethe, der an den Vorgängen der Natur lebhaftesten Anteil Komponisten wider Willen. Von Dr. Herbert Schmidt-Larnberg. Wie viele der großen und erfolgreichen österreichischen Komponisten der letzten fünfzig Jahre, fo war auch K o m z a k Militärkapellmeister. Er war in Prag und vorher in kleineren böhmischen und mährischen Garnisonen stationiert, und hatte niemals daran gedacht, eigene Musik zu schreiben und durch seine Militärkapelle aufführen zu lasten. Da wurde ihm eines Tages, ganz kurz vor der Feier eines militärischen Jubiläums, das Libretto eines Lustspieles vorgelegt, das von Angehörigen der Garnison, Schauspielern unter den Soldaten, aber auch von Offizieren und Damen der Gesellschaft als Dilettanten aufgeführt werden sollte. Als Ver- Kcr dieses Werkes wurde ein Erzherzog bezeichnet, der der Ches des zimentes war und selbst zu den Feierlichkeiten kommen sollte. Leider war vergessen worden, dem Libretto für die darin befindlichen Gesangstexte auch die Musikpartitur mitzugeben, und nun sollte Komzak einfad) aus bekannten ober weniger bekannten älteren Kompositionen zu ben Texten Musik zusammenstellen. Es zeigte sich, daß darin ungeheure Schwierigkeiten lagen; aber der Oberst gab Komzak strikten Befehl, die Musik in der vorgeschriebenen Zeit zu liefern. Seufzend machte sich nun Komzak daran, in aller Eile selbst einige Melodien zusammenzustellen. Und der Endeffekt war, daß bei der Äufführung zwar der Erzherzog nicht wenig staunte, eine ihm vollkommen unbekannte Musik zu seinem Werk zu vernehmen, daß sie aber derart zündete, daß er selbst dem überglücklichen Komzak seine Anerkennung aussprach. Unter diesen allerersten Melodien des so ganz wider Willen zum Komponisten gewordenen Komzak befanb sich schon der heute noch bekannte Walzer „Fideles Wien". So berühmt später Komzak auch mit feinen urösterreichifchen Melodien geworden ist, fo ist feine Karriere und ihr Beginn noch etwas weniger romantisch als die des rufsifchen Dperntomponiften ©urmenjeff, Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München. (Schluß.) Das Mangobaumwunder. Roman von Leo Perutz und Paul Frank. Scbön-Nobiraui. Von Eduard Mörike. Wie heißt König Ringangs Töchterlein? Rohtraut, Schön-Rohtraut. Was tut sie denn den ganzen Tag, da sie wohl nicht spinnen und nähen mag? Tut fischen und jagen. O, daß ich doch ihr Jäger wär'! Fischen und Jagen freute mich sehr. — Schweig' stille, mein Herze! Und über eine kleine Weil', Rohtraut, Schön-Rohtraut, so dient der Knab auf Ringangs Schloß in Jägertracht und hat ein Roß, mit Rohtraut zu jagen. O, daß ich doch ein Königssohn wär'! Rohtraut, Schön-Rohtraut lieb' ich so sehr. — Schweig' stille, mein Herze! Einstmals sie ruhten am Eichenbaum, da lacht Schön-Rohtraut: „Was siehst mich an so wunniglich? Wenn du das Herz hast, küsse mich!" Ach! erschrak der Knabe! Doch denket er: mir ist's vergunnt, und küsset Schön-Rohtraut auf den Mund — Schweig' stille, mein Herze! Darauf sie ritten schweigend heim, Rohtraut, Schön-Rohtraut. Cs jauchzt der Knab in seinem Sinn: Und würd'st du heute Kaiserin, mich sollt's nicht kränken: Ihr tausend Blätter im Walde wißt, ich hab' Schön-Rohtrauts Mund geküßt! — Schweig' stille, mein Herze! der um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts in Rußland eine große Rolle spielte mit Werken, die wegen ihrer altmodischen und einseitigen Textbüchern allerdings längst von der Bühne verfchwunden sind. Gurmen- jesf, der als Zollbeamter und braver Offizier sich gleiche Verdienste erworben hatte, besaß eine kluge, musikalische, aber auch recht kokette Frau, die ihn durch die letztgenannte Eigenschaft in zahlreiche Unannehmlichkeiten gestürzt hatte. Oer musikbegeisterte General Nachimofs stellte der jungen Frau nach, von der auch erzählt wurde, daß sie kompositorisches Talent habe. Als Frau Gurmenjeff merkte, daß sie mit ihrer Koketterie ein Feuer entzündet hatte, versuchte sie, den General fernzuhalten. Aber dieser kam, angeblich um die neuen Kompositionen der schönen Frau zu hören, die, da sie wirklich nur kleine Kinderlieber und ähnliche Dinge zusammenstellte, vorgab, daß in Wirklichkeit ihr Mann der Verfasser der ihr zugeschriebenen Kompositionen sei. Nachimosf ließ den Hauptmann Gurmenjeff sofort von der Krimfront zurückholen: er wollte durch Führung des Beweises der Lügenhaftigkeit der Frau Gurmenjeff die Ehe untergraben. Gurmenjeff kam, und mit ihm der General Nachimosf, der gleich eine große Schar von ihm geladener Gäste mitbrachte. Nun sollte Gurmenjeff an Hand alter und neuer Texte zeigen, was ihm an musikalischen Ideen einfalle. Der Hauptmann Gurmenjeff setzte sich an den, Flügel und begründete wie durch ein Wunder in diesem Augenblick seinen Ruf als einer der bedeutendsten Opernkomponisten seiner Zeit. Nachimosf aber hat sich niemals wieder in der Nähe der Eheleute sehen lassen. Octave Cremieux, einer der elegantesten Attaches der Madrider sranzösischen Botschaft, war ein ausgezeichneter Klavierspieler, der besonders von den Frauen immer wieder bestürmt wurde, seine Künste hören zu lassen. Wie jeder gute Klavierspieler, so phantasierte er auch oft aus dem Klavier, was das Entzücken einer feiner besten Freundinnen, einer Senora M., erregte. Deren Vater war einer der bekanntesten Verleger Europas, und dieser sandte an Octave Cremieux eines Tages die briefliche Anfrage, ob er (eine Zustimmung gäbe, daß der Verleger den Walzer „Ouand l’amour meurt" im Druck mit dem Namen des Komponisten erscheinen lasse. Der Attache war verdutzt, denn er hatte keine Ahnung, jemals eine solche Komposition geschrieben zu haben. Er besprach den Fall mit Frau M., die ihm gestand, während er am Flügel phantasierte, die besten Motive heimlich notiert und den Entwurf ihrem Vater, eben dem Verleger, zugesandt zu haben. Sie überredete Cremieux denn auch, die Komposition erscheinen zu lassen, und daraus wurde der Welterfolg des berühmten Walzers. Man bestürmte den Attache, doch weitere Ton- I werke herauszubringen, aber nur der Frau M. gelang es, abermals einen I Ueberrafchungserfolg zu erzielen. Octave Cremieux hat dann noch einen I einzigen Walzer geschrieben — auch wieder halb wider Willen — nämlich I „Ouand l’amour renait", der im gewissen Sinne eine ironisch gemeinte I Fortsetzung des ersten Walzers sein sollte. Niemals aber nachher hat I Octave Cremieux dann nod) ein Notenblatt beschrieben, er gibt in späte- I ren Tagen gerne zu, daß er immer ein Komponist wider Willen ge- I wesen ist. Einer der erfolgreichen jüngeren Komponisten ist Mac Rauls ge- I wesen, der leider in den letzten Jahren sich ausschweigt, dessen „Pritzel- I puppen" aber noch heute auf Schallplatten und in den Konzerten die I Zuhörer fesseln. Dieser junge Mann gehörte zu jener Art von Schaffen- I den, die vor bestimmten Arbeiten einen Horror haben; gewisse Texte, die längst von Theaterdirektoren, Verlegern und anderen Interessenten an- I gekauft waren, stellte er immer und immer wieder in der Komposition zurück, so daß meistens die Termine für die endliche Erledigung der Arbeit weit überschritten wurden. Eines Tages wurde eine feiner Operetten von einem Theater angenommen und gleich der Uraufführungstag feftgelegt. Aber an dem Werk fehlten noch einige Nummern. Spätestens einen Monat vor der Aufführung sollten diese Teilkompositionen dem Theater nachträglich eingereicht werden, doch Mac Rauls konnte und konnte sich nicht zu der Arbeit entschließen, bis der Textdichter, der Verfasser dieser Zeilen, auf eine Idee kam, die Kompositionen einfach zu erpressen. Komponist und Textdichter besaßen die Gabe, in Gesellschaften und als Gäste auf den Bühnen sich als Blitzdichter und Blitzkomponist zu produzieren. Eines Tages wurde nun nach vorheriger Abmachung mit dem Unternehmer einer solchen Darbietung wieder ein Auftreten feftgetegt, und die Zurufs wurden derart geschickt gemacht, daß in der Tat die Texte der brachliegenden Kompositionen zusammengestellt wurden. Und nun mußte Rauls, ob er wollte oder nicht, blitzartig diese Texte oben auf der Bühne komponieren. Gerade diese Eilkompositionen haben später den [ allerbesten Erfolg gehabt. Auch ein Erfolg wider Willen! Wenn man Gelegenheit hat, einmal mit dem heute so berühmten Filmstar Maurice Chevalier einige Stunden ungestört über die Zufälle im menschlichen Leben und ihre Bedeutung für den Lebenslauf zu plaudern, so kann man folgende kleine Geschichte bisweilen von ihm hören: Als Maurice noch ein unbekannter Sänger war, verkehrte er viel | im Hause des nachmaligen Varietedirektors F. Der war damals noch ein | blutarmer junger Mensch, dem dauernd der Gerichtsvollzieher und der Steuerexekutor auf dem Nacken faß. Er hatte stets schwere Mühe, seinen Flügel vor Pfändungen zu retten. Eines Tages trat Maurice gerade in 8)a5 Zimmer des F., als dieser den Besuch des städtischen Steuereinneh- tmers hatte. In der Eile stellte F. Maurice als Komponisten und Besitzer 8)ieses Flügels vor, der infolgedessen gar nicht gepfändet werden könnte. Der Beamte war mißtrauisch und wollte erst den Beweis haben, daß Maurice wirklich ein Komponist fei. Und da begannen die beiden Bohemiens eine Zusammenarbeit des Textdichtens und Komponierens, die j hinterher beide auf die Idee brachte, bjefe Gaben besser als im beschei- | denen Atelierzimmer auszunutzen. Und damit beginnt der Lebenslauf nach oben: wider Willen zum Komponisten geworden, schuf sich Maurice Chevalier seine Note, durch die er auf die Kompositionen in Art und Tonlage Den denkbar größten Einfluß auch heute noch hat. Und mit dem jetzt eßenfo bekannten Direktor F. gedenkt, er noch immer jener Zeit, in der ein Gerichtsvollzieher beide „wider Willen" auf ihren heutigen Ledens- i weg brachte. Nein! Nicht aus Gretel. Auf eine fremde, schöne Frau, die ich nicht kannte. Ich muß Ihnen gestehen, Doktor, ich war in solcher Verwirrung, daß mich wirklich einen Augenblick lang der Gedanke beschäftigte: Was suchte diese fremde, schöne Frau in meinem Tre-ibhause? Wer hat sie Hereingeführt? Es war, als hätte ich mein Gedächtnis verloren, aber nur den Bruchteil einer Sekunde lang, denn die fremde Frau stieß jetzt einen Ruf des Entzückens aus und kniete auf die Erde nieder, ganz unbekümmert, so wie kleine Mädchen niederknien, und an dieser raschen, kindlichen Bewegung erkannte ich meine Grett. Sie hatte das hundertfällige Blütenwunder der Schlinggewächse erblickt und pflückte jauchzend eine Blüte nach der anderen, und dann wies sie mit den Fingern auf ein großes Farrenblatt hin, und ich fah zwei Ameisen von einer fast fingerlangen Art, die auf dem Blatt hin und her liefen. Ich entsinne mich noch, daß es mir durch den Kops schoß: Zum Teusel, wie kommt denn dieses tropische Ungeziefer hierher? Aber ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn in diesem Augenblicke, da geschah das Fürchterliche. Es war anfangs nur ein ganz leifes Geräusch, das von den Blättern des Mangobaumes herzukommen schien, ein kaum hörbares Riefeln, ein Gleiten. Es wurde zu einem deutlichen Rascheln, gang nahe meinem rechten Ohr, und ich wußte noch immer nicht, was das zu bedeuten hatte, aber dann kam das Zischen, kurz und scharf. lieber Gretts Kopf hing eine Tik Paluga. Ceylons giftigfte und gefährlichste Schlange war in meinem Treibhause. Die indische Kobra will immer fliehen, sucht, wenn sie nur irgend kann, sich zu verbergen, — ober die Tik Paluga greift sogleich jedes lebende Wesen an und beißt. Und da hing solch eine Tik Paluga zwischen den Blättern des Mangobaumes, hatte den Schwanz um einen Ast geschlungen, ihr Oberkörper schwang wie ein Pendel hin und her und zielte mit wütendem Zischen nach Gretels Kopf. Ich wollte die Schlang« packen und mit einem raschen Griff unschädlich macken — ich hatte in Indien gelernt, wie man mit Schlangen umgeht. Aoer da fühlte ich plötzlich, daß ich nicht zugreifen konnte, meine Hände zitterten heftig, ich war ja ein alter Mann! Und da rief ich Ulam Singh zu Hilfe. Ulam Singh hörte mich sofort. Er fuhr auf, sah die Schlange und erkannte die Gefahr. Mit einem blitzartigen Zufahren ergriff er die Tik Paluga am Schwanz und wirbelte sie im Steife in der Luft herum. Ick kannte diese Art, Schlangen unschädlich zu machen, von Indien her, icy wußte, daß er jetzt den Schwanz des überraschten und durch die Raschheit der Bewegung betäubten Tieres loslaffen und am Halswirbel zu- patfert würde — bann konnte bis Schlange nicht mehr beißen. Aber weife Gott wie das geschehen ist, wahrscheinlich hat Ulam Singh die Schlange nicht an der richtigen Stelle gepackt — die Trk d^^ Att chm durch die Finger, wand sich um sein Handgelenk und biß ihm in Len Arm. Ulom Singh schrie auf, starrt« mich einen Augenblick wortlos an und liefe die Schlange zu Boden fallen. Ich sprang zu und Zertrat chr den Kopf. Das alles hatte sich gedankenschnell abgespielt. Von dem Moment, in dem ich das Zischen der Schlange zuerst gehört hatte, bis zu ihrem Biß waren nur Sekunden verflogen. Gretl hatte nichts bemerkt und Muckte noch immer die Blüten ber Lianen, hinter ihr aber wand sich Ulam Singh ja Krämpfen auf dem Erdboden. Was sich eigentlich zugetragen hat, woher die Schlange in mein Treibhaus gekommen war, dasür fand ich erst später die Erklärung. Des Inders geheimnisvolle Fähigkeit, die „Gewalt der Lotosblume , wie er sie nannte, hatte nicht nur den Mangobaum, sondern alles, was an lebenbergenden Keimen, dem Auge unsichtbar, in seinen Blättern, in seinen Wurzeln, in seinem (£rbteid) verborgen, öle 3teifc von Ceylon in nwin Treibhaus nut» gemacht hatte, zu einem fieberhaft raschen Wachstum gebracht. Samen von allerlei Gewächsen, di« der Tropenwind angeweht hatte, Eier von Insekten und von Reptilien, die an den Blättern klebten, sie alle waren mit dem Mangobaum zugleich durch bie Kraft der „Padmesana" zur Entwicklung gekommen. In dem Mangobaum waren, unsichtbar dem menschlichen Auge, di« Wunder und die Gefahren des indischen Urwaldes verborgen gewesen, und die waren jetzt wieder emporgeschossen und bedrohten uns alle mit Verderben. . Das kam mir aber erst viel später zum Bewufetsein. In jenem Augenblick kniete ich neben Ulam Singh und bemühte mich, ihm den Arm oberhalb der gebissenen Steile abzufchnüren. „Vater, was fehlt dir?" hörte ich Gretl ängstlich neben mir rufen. „Wie siehst du aus? Ganz anders als sonst!" „Ich bin krank, mein Kind", gab ich zur Antwort. Gretl beruhigte sich bei dieser Erklärung. Ich zog meinen Taschenspiegel hervor. Ein verrunzeltes und verfallenes Gesicht blickte mir daraus entgegen, das Gesicht eines alten Mannes. Mein Haar war grau geworden, und erst jetzt wurde mir die ganze Tragweite der furchtbaren Wendung, die das Experiment genommen hatte, bewußt: So wie ich mich in dem Spiegel sah, so mußte ich bleiben, wenn Ulam Singh starb! Aber Da war in all meiner Verzweislung etwas, was mich tröstete und aufrecht erhielt: Ich merkte keine Aenderung meiner psychischen Veschafferi- heit. Ich vermochte genau wie vorher, ruhig und geordnet zu denken und zu überlegen. Ich stellte mit vollkommener Ruhe fest, daß nur mein Körper gealtert war, daß aber meine geistigen Kräfte: Entschlossenheit, Energie und rasches Denken mir ungeschwächt erhalten geblieben waren. Es war sicher, daß Ulam Singhs Gewalt nur den Körper altern gemacht hatt^. So wie in Gretls Frauenkörper noch immer die Seele des elfjährigen Kindes lebte, so waren meine eigenen geistigen Kräfte, Gefühle und Empfindungen jung und stark geblieben und nur in einen siechen, greifen Körper gesperrt. Während ich noch neben Ulam Singh kniete, hörte ich meinen alten Philipp an der Treibhaustür pochen und rufen. Doktor, es würde viel zu lang währen, wenn ich Ihnen schildern wollte, was es für Mühe kostete, dem alten Manne zu erklären, was sich ereignet hatte, und, daß ich wirklich sein „gnädiger Herr" war. Genug, es gelang mir, und nach zehn Minuten hatte ich den jammernden und ganz fassungslosen Philipp so weit, daß er mir brachte, was ich benötigte, vor allem übermangansaures Kali, von dem ich sogleich eine Dosis in Ulam Singhs Arm einführte. Ich konnte bald feststellen, daß die Injektion von guter Wirkung war. Die Krämpfe ließen nach, auch stellte sich kein Anschwellen ber Gliedmaßen ein; ich hatte Grund, zu hoffen, daß für den Augenblick das Aergste abgewendet war: jetzt galt es, für rasche, ärztliche Hilfe zu sorgen. Das eine ging nun freilich nicht so leicht, wie ich wünschte. Das Treibhaus durste ich nämlich nicht verlassen. Keiner von meinen Leuten sollte mich zu Gesicht bekommen. Philipp schickte sie alle aus mein mährisches Gut--ich weiß gar nicht, welchen Vorwand er zu Hilfe nahm, ich glaube, er sprach von einem Blatternfall in der Nachbarschaft. Erst um sechs Uhr abends war das Haus leer, und ich konnte ans Telephon. Gretl hatte inzwischen ein Kleid aus ber Garderobe ber ab gereisten Französin bekommen, das ihr leidlich paßte. Ihren Namen, Doktor, kannte ich, ba ich mich Ihres Eingreifens in die Kriminalaffäre Hallasch und 'ber Dienst«, die Ihr Karasinserum damals der Polizei geleistet hat, sehr gut entsann. Sie schienen mir der einzige Mensch zu sein, von dem Hilfe zu erwarten war. Ich setzte mich daher mit Ihrem Freund, dem Architekten, der die Plän« zu meiner Villa entworfen hat, in Verbindung. Sine Stunde währte es, ehe Sie kamen, und wissen Sie, wie ich diese Stunde verbracht habe? Ich bin von Zimmer zu Zimmer gegangen und habe alle Spiegel versteckt oder verhängt, denn Gretl sollte ihr Bild nicht sehen, sie durfte nicht erfahren, was mit ihr geschehen war, und welches Verbrechen ich an ihr begangen habe. Nur einen einzigen Spiegel hab ich vergessen, den Spiegel aus der Veranda. — Sie haben mich sicher für verrückt gehalten, als ich ihn so rasch zerschlug, «he Gretl zum Frühstück kam. Dennoch hat meine Tochter heute nacht in einem Spiegel, dessen Vorhang zu Vaden gefallen war, ihr Bild gesehen. Aber sie hat sich selbst nicht erkannt und sich vor der fremden Frau gefürchtet. Jetzt ist alles glücklich vorüber, und ich kann die Tücher von den Spiegeln nehmen lassen. Ich glaubte, für alles gesorgt, jede Möglichkeit vorbedacht zu haben — — dennoch ist mir manches entgangen. Als Sie gestern unter meinem Verbände keine Wunde gesunden haben--Doktor, glauben Sie, ich war im ersten Moment ebenso erstaunt und Überrascht wie Sie. Und es war doch so klar, daß mit dem Altern meines Körpers zugleich auch meine Wunde verheilen und die Narbe verschwinden mußte. Jetzt ist sie auf einmal wieder da, und ich glaube, ich habe viel Blut verloren, ehe Sie mir den Verband erneuerten. . Daß Sie mir das Karasinserum verweigerten, war mir eine furcht- ' bare Enttäuschung. Mir blieb nur noch die einzige schwache Hoffnung, baß ich selbst Ulam Singh vor meinem Tob noch einmal zum Bewußtsein bringen und ihn veranlassen könnte, fein Experiment zu beendigen. Heute nacht, als Sie mich überraschten, hatte ich den Versuch gewagt--er war kläglich mißlungen. Ein- ober zweimal, Doktor, war ich auf dem Wege, Ihnen alles zu beichten, was geschehen war. Aber im entscheidenden Moment brachte ich es doch nicht über mich. Ich schwieg, nicht aus Feigheit und nicht aus Angst vor Vorwürfen. Nein! Jch mußt« jedoch damit rechnen, daß Ihr Karasinserum versagen, daß Ulam Singh sterben könnte, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Für diesen Fall war ich entschlossen, mich mit Gretl in irgendeinen versteckten Winkel der Welt zu verkriechen, wie ein krankes Tier. Dann hätte niemand unser Unglück erfahren dürfen, niemand, auch Sie nicht, Doktor, denn es gibt nichts Schlimmeres, als um eines Schicksals willen bemitleidet zu werden, das man durch eigene Schuld auf sich gezogen hat. Nun, Doktor, wissen Sie, wofür wir Ihnen zu danken haben. Grell und ich. Das Kind freilich wird es nie erfahren dürfen, Doktor, darum . muß ich Sie bitten--doch still! Ich glaube, 'das ist sie." Die Treibhaustür war stürmisch aufgerissen worden, und die Baronesse hüpfte herein. Hinter ihr kam Melitta Ziegler. „Felix!" rief die Schauspielerin, und faßte ihren Bräutigam bei beiden Händen. „Bist wieder hübsch beinanb’? Na, weißt, du hast mir einen schönen Schrecken eingejagt. Kannst dich bei dem Herrn Doktor bedanken, daß du so gut davongekommen bist. Das ist übrigens ein spaßiger Mensch, dein Herr Doktor. Weißt du, womit er mich unterhalten hat, vorhin? Er und der Spatz wollen betraten, hat er mir erzählt, und er hat ganz ernst 'dabei dreing'schaut--ich bin ihm wirklich aufg'sesten und hab' zu schimpfen ang'sangen." Dr. Kircheisen wurde blutrot im Gesicht, senkte den Kopf und schwieg. Der Baron sah die Verlegenheit des Arztes. „Gretl!" sagte er. „Gib dem Herrn Doktor einen Kuß und sag: Dank schön!" Und ganz leis«, nur für den Arzt allein hörbar, setzte er hinzu: „Er hat mir mein Leben und dir deine Jugend gerettet." Und die kleine Baronesse stellte sich auf die Fußspitzen und machte sich so groß als möglich, spitzte bann umständlich bie Lippen und gab dem Dr. Kircheisen den Kuß, genau den gleichen, der ihn tags zuvor zweimal so ' selig und stolz gemacht hatte, und der doch nur der gedankenlose Klein- kinderkuß des elfjährigen Mädchens war, das folgsam und artig den Spielkameraden küßt oder den brauen Onkel. Ende. Königskerzen und Narzissen, Rosen, Nelken und Vergißmeinnicht, 6tief- mütterchen und Reseden blühten in ihren Töpfen und in ihren Beeten auf, wurden begossen, dufteten ein paar Wochen hindurch und verwelkten wieder, wenn ihre Zeit um war. Der Garten des Barons war geheimnislos geworden: Wind und Sonne, Regen und Tau hakten ihre uralten, ewigen । Rechte wieder an sich genommen, die ihnen der Gärtner des Pravati- । Heiligtums in Agra für eine kurze Spanne Zeit entrissen hatte. Dr. Kircheisen unternahm zwei Tage nach Ulam Singhs Tod seine ' Reise nach Korfu. Das eifrige Studium der Reptilien- und Insektenfauna der Jonischen Inseln liefe ihm keine Zeit, in feinen Gedanken den Erlebnissen in des Barons Villa allzu viel nachzuhängen, und jene große und verzehrende Leidenschaft, der solch eine grausame Enttäufchung gefolgt war, erlosch allmählich. Als er in seine Wiener Wohnung heimgekehrt war, hatte er monatelang mit der Sichtung und Verarbeitung des gesammelten wissenschaftlichen Materials zu tun, und die Anzeige der Trauung der Hofschauspielerin Melitta Ziegler mit dem Freiherrn von Vogh, die er auf seinem Schreibtisch vorsand, vermochte ihn kaum fünf Minuten lang i von seiner Arbeit abzulenken. Seine Haushälterin Bettina überraschte er eines Tages, nach Durchsicht seines Notizbuches, durch die Mitteilung, daß er sich im ersten Stock eine neue Küche einzurichten und die alte in eine Dunkelkammer umzuwandeln gedenke — er hatte in feiner Zerstreutheit vergessen, diese außerordentlich praktische Idee aus dem närrischen Geplauder eines spielenden Kindes in sein sonst mit lauter biologischen, histologischen und embryologischen Ernsthaftigkeiten angefülltes Notizbuch geraten war. Es bedurfte der vollen hauswirtschaftlick^n Autorität Bettinas, um den Doktor von seinem Vorsatz abzubringen. Hie und da, wenn auch nicht allzu häufig, wurde er auch später noch an seine Krankenoisitte in der Hietzinger Billa erinnert. Eine Ansichtskarte, die ihm aus irgendeiner überseeischen Gegend zugeflogen kam, ein paar Zeilen in einer Zeitung, die von einer neuen Erstbesteigung des bekannten Hochtouristen Felix Freiherrn von Vogh berichteten, gelegentliche Notizen in der Rubrik „Sport und Gesellschaft", in denen der Baron : unter den Teilnehmern an einem Hoffest oder an einem Fechtmeeting genannt war, zeigten dem.Arzt, daß sein ehemaliger Patient den Becher des Lebensgenusses, den ihm ein seltsames Geschick beinahe aus den Händen geschlagen hätte, bis zur Neige auszuschlürfen entschlosfen war. Dr. , Kircheisen beneidete ihn um all diese Zerstreuungen nicht. Sein Studier- i zimmer bot ihm mit seiner Sammlung von Büchern und Präparaten, sauber etikettiert und alphabetisch geordnet, die gleiche Summe irdischen Glücks, die der Baron aus seiner ruhelosen Jagd durch alle Taumel und Räusche dieser Welt zu erraffen suchte. Doch auch für Dr. Kircheisen gab es Augenblicke, in denen er sich aus ! der Stille seines Eremitendaseins in jenes reichere und buntere Leben sehnt, dem er einmal beinahe Äug' in Äug' gegenübergestanden war. Das war, wenn er an schönen Tagen in den Straßen der inneren Stadt der Baronesse Vogh begegnete, die artig an der Seite ihrer Gouvernante spazieren ging, im kurzen Kinderkleidchen, den Reisen in der Hand — das kleine, elfjährige Mädel, das einmal einen Herbsttag lang feine Braut gewesen war. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, X Lange, ©ieften.