GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang MZ Hrei tag,-en 6. Januar Nummer 2 Oreikönigslied. Bon Heinz <51 e g u ro e i t. Kamen Könige durchs Eis, Taten eine weite Reis', Froren Stein und Bein; Klopften an die morsche Tür In dem heiligen Revier, Joseph rief: Herein! Lächelt da trotz Stroh und Wind In dem Schnee ein süßes Kind Ohne Lein und Tuch. Um der Mutter heiß Gesicht Brennt gebenedeites Licht, Gnaden Glücks genug! Melchior und Balthasar Reichen Gold und Aepfej dar; Kaspar aus Egriscola Weint, da er die Armut sah. Tausend Engel trösten gleich: Dieser Aermste macht euch reich! Die ihr Opfer dargebracht, Zogen weiter schon die Nacht, Sich ihr Glück zu deuten. Lang noch von der Höhe klang Des Verklärens Lobgesang Wie ein Glockenläuten! Ein Tag im Kriege. Aus dem versuch einer Lebens-Uebersicht. Von Hans Carossa. Die kleine Erzählung wurde dem zu Weihnachten 1932 erschienenen „Jnselschiff" entnommen. Einmal, in der östlichen Bukowina, wurde mir die Begegnung mit einem Dichter unter außergewöhnlichen Umständen zuteil. Es war überhaupt einer von den seltsamen Tagen voll Stimmung und Einkehr, wie sie vielleicht nur in der Lebensferne des Krieges möglich wurden. Wir hatten Ruheguartiere in Buda Mahala bezogen, einem Dorf unweit Czernowitz; ich saß nach Mittag an dem rohen, mit einfachen Ornamenten beschnitzten Tisch eines kleinen Bauernhauses und las zum erstenmal in Rudolf Alexander Schröders meisterhafter Usbersetzung der Odyssee. Die Stube war sehr ärmlich, der übertünchte Lehm der Wände voller Löcher und Sprünge, in denen aber, dem Gast zu Ehren, frische Blumen steckten, gelbe Zinien und blauer Eisenhut. Zuweilen lief ein Schweinchen mit rosa Halsband herein und schnüffelte grunzend an meinen Stiefeln, rourbe aber bald von einer kleinen blonden Tochter mit belaubter Gerte wieder hinausgetrieben. Die Lehmhütte war niedrig; sie überragte kaum den hohen Mais, der sie von allen Seiten grün umbaute, schien sich aber doch für was Besonderes zu halten: zwei runde weiß angestrichene Pfosten, die iinks und rechts von der einzigen Türe das überhängende Strohdach stützten, zeigten einen Ansatz zu Kapitellen und suchten an ionische Säulen zu erinnern. Auch sonst huschte klassischer Abglanz durch den Tag. Eine Mutter brachte ihren fiebernden Buben zur Behandlung; ich fragte nach dem Namen, da hieß er Orestes. Bald hernach kam ein befreundeter Kompanieführer, um das Haus zu photographieren. Bauer und Bäuerin erkannten kauin diese Absicht, da legten sie schnell ihre schön durchstickten Sonutagstrachten an; sie wollten aus das Bild gelangen und stellten sich zwischen die Säulen. Die Art nun, wie dabei die Frau hinter den Mann ein wenig zurücktrat und ihre Hand leicht auf seine Schulter legte, mar von antiker Schönheit, und um vollends die Erinnerung an römische Sarkophagskulpturen wachzurufen, mußte noch das Kind zwischen die beiden treten, das rosabandgeschmuckte Schweinchen wie eine Opfergabe im Arm. Leider brachte der Kompaniesührer die Kunde, daß wir in wenigen Tagen eingesetzt würden, um den Dolczok erstürmen zu helfen. Dies ist ein Bergrücken, der die Stadt Czernowitz von Osten her beherrscht; die Russen standen auf ihm sehr zahlreich, aber, wie man erkundet hatte, in mangelhaft ausgebauten Stellungen. Der Offizier lud mich ein, mit ihm eine nahe österreichische Batterie zu besuchen; er sagte, es gebe dort die größten Geschütze der Welt zu sehen. Ich wäre lieber zu Nausikaa zurückgekehrt; aber Homer war damals kein gültiger Grund, um einen militärischen Spaziergang abzulehnen. Es ging einem hellen Abend zu; Ostwind wehte, stumpfgrüne samenstäubende Hanfpflanzungen standen zwischen den großen Maisfeldern, die sich im tausendfachen Glanz gebogenen Laubes regten, und einmal tarnen wir an einen tiefen, mit Steinen glatt ausgemauerten Zisternenbrunnen, aus dem sich das frischeste Wasser herauspumpen ließ. Endlich, zwischen Silberpappeln, ragte einer der berühmten Skoda-Mörser. Bewundernd blieb mein Begleiter vor dem Ungetüm stehen, das mich an irgendeine ausgestorbene Tierart des Diluviums erinnerte. Die diensthabenden Offiziere empfingen uns kameradschaftlich. Dabei fiel mir ein junger Fähnrich auf, dessen zarte Gestalt im Schatten der enormen Mordmaschine sremdlinghast anmutete; sein schmales bleiches Gesicht mit ernsten, dunklen, versonnenen Augen kam eher einem jungen Priester zu als einem Soldaten. Da er aber seinen Namen nannte, gab es ein großes freudiges Erstaunen; es war der Dichter Max Mell, der da mitten in dem fremden Lande mir gegenüberstand. Vor kurzem hatten wir Briefe gewechselt; einige seiner Gedichte wußte ich auswendig, seit Jahren war ich ihm, ohne ihn je gesehen zu haben, aus manchem guten Grund in Dankbarkeit zugetan. Es dauerte nicht lang, da drehten wir dem schrecklichen Geschütz den Rücken zu und sprachen von den Dingen, die uns am Herzen lagen. Daß eine neue Zeit begann, daß aus dem Taumel der Zusammenbrüche sich etwas wie ein dunkler Fels erhob, ein schwarzer Prüfstein, an welchem alles Geschriebene sich würde beweisen müssen, das fühlte wohl jeder von uns beiden, auch wenn wirs nicht aussprachen; doch bestätigten wir uns das tröstliche Phänomen, daß ein zartes lyrisches Gebilde Mörikes mitten im Kriegsgetöse seinen Klang behielt, während manche sehr laute oder sehr geistreiche Dichtung darin unhörbar wurde. Die anwesenden Offiziere schienen sich durch unsere Unterhaltung nicht gestört zu fühlen; lächelnd hörten sie zu, das tödliche Riesenspielzeug war für eine Weile vergessen. Leider fand unser Beisammensein ein jähes Ende. Wir hatten gerade Felix Brauns gedacht, des jungen Weggenossen, dein wir uns herzlich verbunden wußten, und eben begann Mell, Rudolf Kaßner zu rühmen, ich freute mich noch, ihm sagen zu können, daß ich „Die Moral der Musik", ein frühes Buch des unvergleichlichen Forschers und Ergrün- ders, im Tornister trug, — da kam verschwitzt und verstaubt, in voller Marschausrüstung, mein Diener Rehm einen Feldweg herabgerannt und meldete fast atemlos, das Bataillon fei alarmiert worden und werde gleich abmarschieren. Ein Wunsch, ein Händedruck; ich schied von Mell, und leider haben wir uns bis zum heutigen Tage nicht wieder gesehen. Meine Auszeichnungen berichten von einem langen Marsch, der jener Begegnung folgte. Ueber das Ziel verlautete nichts; aber während sich immer klarer das kuppelschimmernde Czernowitz erhob, geleitete mich das Wesen des Dichters, das um so stärker nachwirkte, als er über sein eigenes Tun und Lassen geschwiegen hatte. Aber was er so gerecht und ruhig über andere äußerte, bewies zur Genüge, wie gut geordnet und gesichert sein inneres Besitztum war. Beide besanden wir uns in langsamer Entwicklung; aber wenn der Krieg ein Fegefeuer war, das alle Geister der Zeit zu durchleiden hatten, so näherte er sich sicherlich schon der Entlassung; mir wenigstens schien er bereits in der gefüllteren Sphäre zu wandeln, wo die Flamme wohl noch ängstigen und guäten, aber nicht mehr versengen kann. Ich dagegen, obwohl der Meliere, ging erst am Fuß des Berges der Läuterung; die grauen Paniere der Verwesungswelt warfen mir noch immer ihre Schatten nach; ich sah noch viele Spiralenwege über mir, die nicht erkennen ließen, ob sie wirklich zu dem einzigen Paradiese hinüberführten, das ich mir schon auf Erden wünschte, zu einer tieferen, klareren Anschauung des Daseins. Es war schon ganz dunkel, als wir in die Ebene des Pruth hinunter- fliegen. Auf dem nachtbreiten Strom sah ich ein Licht bald stillstehen, bald ruhig dahinschwimmen, und bald erkannten wir, daß es eine Laterne war, von Soldaten am Kiel eines Bootes befestigt, um Fische anzulocken. Auf einmal drehte sich das Fahrzeug; das Licht verschwand auf Sekunden, durchhellte aber das Wasser um die Zille zu tiefem Grün und beleuchtete Gestein und Gesträuch des anderen Ufers. Ost noch, auf dem Weitermarsch, sahen wir nach dem wasserwandelnden Schein zurück, der so Verschiedenes bedeutete; denn während er den hungrigen Soldaten zu einiger Nahrung verhalf, war er uns, die wir in eine zweifelhafte Zukunft eilten, wie ein freundlicher Gruß, über dem wir fast vergaßen, daß er die stillen schuppigen Strombewohner dem Tod entgegenzog. Shackletons Bootsahrt über den Ozean. Von Ludwig Dinklage. Man schrieb das Jahr 1916, da setzte Sir Ernest Shackleton der bekannte britische Forscher, die ganze seesahrende Welt in E< staunen durch eine außerordentlich gewagte Reise im winzigen Boot durch die antarktischen Meere. Mit der Walsänger-Bark „Endurance" drang Shackleton im Auftrage der britischen Admiralität durch den Packeisgürtel in die Weddell-See vor. Dabei wurde das Schiss von den schwimmenden Eis- feldern zerdrückt und sank. Die Schissbrüchigen sanden kaum Zeit, ein paar notwendige Ausrüstungsgegenstände und Vorräte von dem sinkenden Schafs zu bergen. Auf dem Treibeis richteten sie sich ein Lager ein, in dem sie sechs Monate lebten. In den letzten Märztagen 1916 begann die Eisscholle, aus der sie sich einquartiert hatten, wie ein Schiff zu rollen und zu dümpeln Es war das Zeichen, daß der Packeisgürtel ausbrach. Es war auch die höchste Zeit, das Lager zu verlaßen. Im Norden, in ungefähr 70 Meilen Entfernung, lag das hohe Land der Elefanten-Jnsel. Dort wußten sie eine Höhle, die ihnen während des Polarwinters Schutz gewähren konnte. In zehn Tagesmärschen zogen sie ihre Boote und die letzten wenigen Vorräte über das Eis hinweg, ruderten di Spalten entlang, bis sie schließlich ihr Ziel erreichten und auf einer Sandbank in der Nähe eines Gletschers ein Lager bezogen. Sie waren im ganzen 28 Mann stark. Ihr Vorrat würde bei sparsamster Wirtsch .st etwa zehn Wochen reichen. Da Seevögel und Robben bei Eintritt des Winters sich nach Norden verzogen, war eine Auffüllung des Proviants auf diese Weise ausgeschlossen. Ebenso war auf Ersatz durch einen ver- späteten Walfänger nicht mehr zu hoffen. So sahen sie sich dem Verhungern gegenüber. In dieser mißlichen Lage beschloß Shackleton, auf eine Bootsreise zu gehen, um das Leben seiner Leute zu retten. Der nächste bewohnte Ort war Port Stanley auf den Falklandinseln, 540 Meilen entfernt. Dieser Hafen lag aber in Luv, und so war es eine glatte Unmöglichkeit, mit den flachen Schiffsbooten und der geringen Beseglung kreuzend dahin zu gelangen. Erheblich weiter entfernt, jedoch in Lee, lag die Insel Sud- Georgien. Hier konnte man hoffen, noch ein Schiff der norwegischen Wal- fangftation anzutreffen, das innerhalb eines Monats Hilfe bringen konnte. Die (Entfernung nach dort betrug 800 Seemeilen. Shackleton bereitete sich für eine Fahrt nach Süd-Georgien vor. Aus (einen Booten wählte er ein Spitzgattboot, den „James Caird" aus Es war 6,70 Meter lang und nur 2,13 Meter breit. Für diese rauhe Fahrt mar es also ein recht winziges Schiff. Der Zimmermann Mac Neifh erhöhte di Seiten noch um eine Planke, so daß die Raumtiefe jetzt 95 Zentimeter betrug. Um das Boot der rauhen Beanspruchung oewachsen zu machen, mußten viele Verstärkungen angebracht werden. Man baute ein Verdeck aus Schlittenkufen und Kistenbrettern, über die man zum Schluß noch Segeltuch nagelte. Es war zwar ein sehr fragwürdiger Schutz, denn die darauf donnernden Seen hatten bald die schwachen Stellen herausgesunden, durch die es fortwährend hindurchleckte. Shackleton stellte aber den Primuskocher unter dem Deck auf, und dieser trug wesentlich dazu bei, daß die Leute immer bei gutem Mut blieben. Ihre nautische Ausrüstung war verhältnismäßig einfach. Sie bestand aus einem Sertanten, einem Kompaß, einem Chronometer und einer deutschen Admiralitätskarte von Südgeorgien. Der Kompaß besaß keine Beleuchtuna. so daß man nachts ein Streichholz anreißen mußte, um nach dem Kurse zu sehen. Das hörte aber auch bald auf, denn die Streichhölzer wurden knapp. Ein Treibanker aus Segeltuch lag klar zum Gebrauch im Boot. Außer den Vorräten und der Ausrüstung waren noch 1000 Pfund Ballast in Sand und Steinen an Bord und 250 Pfund Gletschereis als Trinkwasier-Vorrat. Während die Vorbereitungen sich ihrem Ende näherten, beobachtete man genau die Eis- und Witterungsverhältnisfe. Am 23. April herrschte ein Landwind mit Sturmesstärke, der die Spalten im Packeis aufriß. Die Eisbewegung wurde dadurch sehr groß und die Eisberge trieben mit einer Geschwindigkeit von 4 bis 5 Knoten nach See hinaus. Das war eine günstige Gelegenheit zur Abreise. Neben Shackleton schissten sich noch fünf Mann auf der „James Caird" ein. Es waren dieses der Segelmeister Worsley, ein ganz hervorragender Nautiker, ferner Crean, zweiter Offizier der „Endurance", der Zimmermann McNeifh und die Seeleute Vincent und McCarthy. - Sie gingen in zwei Wachen zu je vier Stunden. Wie es sich zeigte, waren es nicht zuviel Leute für die harte Arbeit auf dem kleinen Schiff. Am Mittag des 24. April 1916 warf Shackleton von der Elefanten- Infel los. Noch vor Einbruch der Nacht waren sie gänzlich frei von dem Packeisgürtel. Um jedoch ganz sicher zu gehen, steuerten sie weiter nach Goethes botanische Sammlung. Don Universitäts-Garteninspektor i. R. Friedrich Reynelt. Gießen Als im Frühjahr 1913 der naturwissenschaftliche Nachlaß irn Eoethe- baule zu Weimar, neu geordnet, in den Räumen des geplanten Erweite- rungsbäues z7r Aufstellung kommen sollte, befanden sich die e Sammlungen in Schränken, Kommoden und Schubfächern, zum Teil auch auf dem Dachboden, Obschon seit ihrer Entstehung damals bereits über em Jahrhundert vergangen war, hatte der Zahn der Zeit erfreulicherweise nur wenig geschadet. Es zeigte sich, daß unter Umstanden auch St°ub- chichten ein wirksames Mittel gegen zerstörende Insekten (ein tonnen. Zu den wissenschaftlichen Spezialisten, denen man diese unersetzbaren Schätze zur Durchsicht und Neuordnung anvertraute, zahlte auch der Gießener Universitätsprosessor Geheimrat Dr. Hansen. Aus diese Weise kam der größte Teil der pflanzlichen Objekte für längere Zeit nach Gießen und zur Feststellung der Namen und deren Katalogisierung als interessante Ferienarbeit in meine Hände. Es soll hier keine Auszählung und Beschreibung des historisch wertvollen Materials gegeben werden. Es mag der Hinweis genügen, daß es sich zum Teil um Samen, Früchte, Fruchtstände, Japsen seltener Nadelhölzer, Faserstofse und dergleichen Dinge Hande t, wie sie Seefahrer jener Zeit von ihren Reifen aus fremden Erdteilen mitzubringen pflegten. Wichtiger als diese sind solche aus der heimatlichen Flora als Verwachsungen und Verbänderungen von Eschen-, Eichen- und Kiefernzweigen, Maserknollen von Waldbäumen und einige, besonders gut ausgebildete, selten schöne, papierdünne Gebilde, die durch Drehwuchs bütenartig geformt, die Stammpflanze der Weberkarde kaum noch erkennen lassen. Erst viele Jahrzehnte später hat diese Form der $er= bänöerung von Stengeln in der Wissenschaft Beachtung gefunden, welche sie mit dem Fachausdruck „Zwangsdrehungen" belegte. Eine Anzahl gepreßter Blätter, darunter solche von größtem Format, Blattskelette, ferner eine Holzfammlung und farbige Handzeichnungen von gestreiften Tulpen und durchwachsenen Rosenblumen vervollständigen diesen, jur bie Metamorphosenlehre Goethes wichtigsten Teil. Es mag erwähnt werden, daß Goethe den Ausdruck „Mißbildungen" für abnorme Wachstumserscheinungen bei Pflanzen abgelehnt hat. Im Zeitalter der Linnefchen Systematik, wo auch die zünftige Botanik eine ihrer Hauptaufgaben im Anlegen von Herbarien erblickte, erscheint es als selbstverständlich, daß auch Goethe ein solches besah. Es umsaßt über 1800 Pflanzen, ungerechnet eine Mappe mit Meeresalgen aus dem Golf von Neapel, die, wie ein vorhandener Brief besagt, das Geschenk einer fürstlichen Dame ist. Außerdem existiert noch ein Herbar in Taschenformat, das kleine, einheimische Farnkräuter Und andere Kryptogamen enthält. Nach der Bearbeitung, bei der an den vergilbten Biättern mit den teilweise verblaßten Schriftzügen nichts geändert wurde, füllt es 15 Prachtmappen, die von einem Gießener Buchbinder- meister für diesen Zweck hergestellt sind. Sie sind in Großfolio-Format gehalten. Räumlich gesehen, bilden sie eines der größten Schaustücke der ganzen Sammlung. Als Ganzes betrachtet, reicht Goethes botanische Sammlung über Umfang und im Bereich der verschiedenen Gebiete der Botanik weit über das hinaus, was ein fleißiger Sammler zusammenzutragen pflegt. Für die Beurteilung ist das jedoch nicht entjcheidend. Viel wichtiger als das Vorhandene scheint mir im Falle Goethe das zu [ein, was nicht da ist. Geheimrat v. Dettingen, der damalige Direktor des Goethe- haujes hatte recht: Nach Zetteln, Nummern, Aufschriften, wie sie der Sammler sonst für unentbehrlich hält, zu suchen, war vergebliche Muhe. Es war nichts vorhanden, was über Art oder Zweck hätte Aufschluß geben können. Wie aber der Gartenfreund, der seine Obstbäume in Blüte, Frucht und Tragbarkeit, wie auch in allen ihren anderen (Eigen« schäften genau kennt, die Schilder mit Namen für überflüssig und störend hält, so hat auch Goethe jedes einzelne Stück gekannt. Es war ihm Mittel zum Zweck. Aehnlich verhält es sich mit dem Herbar. Der ältere, in sich abgeschlossene Teil stammt nicht von ihm, scheint auch weniger benützt worden zu sein. Der andere, welcher in Format und Zusammensetzung abweichend ist, enthält gleich dem ersten überall die wichtigsten Angaben über Namen und Stellung im Linnöschen System. Die wenigsten aber rühren von Goethes Hand her. Wie eifrig sich Goethe für die einheimische Flora interessierte, geht u. a. auch aus der Beschreibung seiner Reise nach Karlsbad hervor. In Jena begegneten ihm Studenten. Goethe ließ seinen Wagen halten und winkte einen heran, der eine Botanisier trommel trug, der ihm den Inhalt zeigen und erklären muhte. Dieser junge Mensch namens Dietrich entstammte einer berühmten Gärtner- und Botanikerfamilie. Da Goethe an ihm Gefallen sand, wurde er nach Karlsbad eingeladen und durfte dort am Brunnen jeden Morgen die (Ergebniffe feiner Exkursionen in die Umgebung von Karlsbad seinem Gönner, Frau v. Stein und einem Kreise von Verehrern des Dichters vorzeigen. Man könnte vermuten, daß von dieser Ausbeute dem Herbar das eine oder andere Exemplar einverleibt worden wäre. Man könnte sogar annehmen, daß Goethe bei seiner schwärmerischen Begeisterung für die südliche Pflanzenwelt aus dem sonnigen Italien einige Andenken mitgebracht habe, bas seinen Platz im Herbar finden konnte. Ich habe Blatt für Blatt daraufhin nach einem Hinweis untersucht, vergebens Goethe war kein Sammler. Er war auch kein Botaniker, er war mehr, Stubengelehrsamkeit, lebloses Spezialwissen, die den Blick auf die Zusammenhänge.in Raum und Zeit zu trüben vermögen, schätzte Goethe nicht. Nur die lebendige Natur und Kreatur vermochte seinen großen Geist zu dichterischem Schwung zu beflügeln, der dem Kleinsten so gut wie dem Höchsten und Unbewußten, das in eines Menschen Herz wohnt, verklärenden Ausdruck zu verleihen verstand. Wie mit prophetischem Sefyerbtictjiusgeftattet, war er seiner Zeit voraus. Oie Worte, welche er seinem Spiegelbilde Faust, kurz vor dessen Ende, einem ßebensbetenntnis gleich in den Mund legt und mit deren gekürzter Wiedergabe ich diese kleine Betrachtung schließen möchte, muten an, wie der Fingerzeig seines Genius, um aus den Nöten und der Zerfahrenheit der Gegenwart uns Deutsche hinüber zu retten In eine bessere und gesicherte Zukunft, wenn er schreibt: „... Vom Lager auf, ihr KnechteI Mann für Mann' Laßt glücklich Ichauen, was ich kühn ersann. Ergreift das Werkzeug, Schaufel rührt und Spatenl Das Abgesteckte muß sogleich geraten ... Wie das Geklirr der Spaten mich ergeht! Es ist die Menge die mir frönet, Die Erde mit sich selbst versöhnet, Den Wellen ihre Grenzen setzt, Das Meer mit strengem Band umzieht ... Eröffn' ich Räume vielen Millionen Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen: Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde Sogleich behaglich aus der neusten Erde ... Das ist der Weisheit letzter Schluß: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben Der täglich sie erobern muß. Und so verbringt, umrungen von Gefahr, Hier Kindheit, Mann und Greis fein tüchtig Jahr, Solch ein Gewimmel möchf ich sehn, Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.. .* Norden. Draußen stand noch eine schwere Dünung, die die erste Nacht an Bord recht ungemütlich machte. Dadurch, daß sie zwei Tage lang nordwärts liefen, hassten sie nicht nur den Eisregionen zu entgehen, sondern auch wärmeres Wetter anzutreffen. Am dritten Tage erst drehten sie nach Osten ab und nahmen direkten Kurs auf Süd-Georgien. Der Wind wuchs zu einem Sturme an. Schwere Seen brachen über Deck, das diesem Ansturm nicht gewachsen war. Die darunter liegende Freiwache wurde von eisigen Sturzbächen durchnäßt. Jetzt ging es ans Ausschöpfen, was der Wache genügend Gelegenheit zum Warmwerden gab. Inzwischen hatte sich die Mannschaft vollständig in den Vorddienst eingelebt. Bequemlichkeiten gab es hier nicht. Ueberall leckte das Wasser hindurch. Die Freiwache kletterte unter Deck in ihre nassen Schlafsäcke aus Renntierfell und suchte Ruhe unter den Sitzbänken aus einem Lager aus Kopfsteinen, die einen Teil des Ballastes bildeten. Sie gaben sich die größte Mühe, jeden einzelnen von diesen Steinen kennenzulernen, um besser darauf zu liegen und um Raum zu haben für ihre schmerzenden Knochen. Doch es gab keinen Schlaf an Bord, nur ein dumpfes chindämmern, bis man sie wieder zur Wache rief. Der Mann, der dann das Wasser auszuschöpsen hatte, konnte sich glücklich preisen. Sie litten außerordentlich unter der Kälte. Das einzige, was sie bei Mut erhielt, war die warme Fettsuppe, die es mehrmals am Tage gab. Die Kocherei war recht schwierig. Einer mußte den Kocher halten und S>ei hatten auf den Topf zu achten, daß er im Seegang nicht llber- lllpte. Ein anderes großes Leiden war, daß sie ihre Glieder an den nassen Kleidern wund scheuerten. Seit sieben Monaten hatten sie ihr Zeug nicht gewechselt. Die Innenseiten ihrer Schenkel waren rauh gerieben und durch das grausame Beißen des Seewassers wurde der Schmerz unerträglich. Am nächsten Tage wurde es wiederum recht hart. Sie lagen beigedreht unter doppelt geresstem Großsegel und kleinen Besan. Sie hatten bisher 60 bis 70 Meilen täglich geschasst, was bei solchem Wetter eine recht gute Leistung ist. Der Sturm kam aus Südwest, also aus der kalten Ecke. Da der Sturm noch zunahm, mußte bald auch das Großsegel geborgen werden. Der Treibanker hielt das Boot wohl mit dem Kops auf der See, doch hielt er sie so hart, daß die Seen oft von vorn bis hinten über das Schiff hereinbrachen. Ein neuer Feind stellte sich ein, das Eis. Der frostige Atem des Südwest hatte die Temperatur bis unter den Gefrierpunkt gebracht. Der auf dem Boot zu Eis werdende Gischt bildete eine große Gefahr, denn er begann die Schwimmfähigkeit zu verringern. Abwechselnd mußte die Mannschaft auf das Vordeck klettern und mit Pickeln die Eismassen abschlagen. Am nächsten Tage war das Boot so niedergeeist, daß eine ernste Gesahr bestand. Alles überflüssige Geschirr mußte über Bord geworfen werden. Man schlug ein paar Reserve-Riemen los und warf sie ins Meer. Den gleichen Weg wanderten zwei vollständig durchnäßte Schlas- säcke. Jetzt konnten die beiden Wachen die gleichen Schlafsäcke benutzen und brauchten ihre nicht jedesmal aufzutauen. Zudem wurde noch einer der Leute krank. Durch die Gewichtserleichterung kam das Borschiff der .Zornes Caird" wieder hoch und das Boot lag erheblich besser zu Wasser. Jetzt riß aber der Seeanker ab und das Boot fiel in die Wellentäler. Nur der Ballast bewahrte es vor dem Kentern. Mit Keulen mußten sie das Großsegel vom Eis befreien. Endlich konnte sie das Segel wieder fetzen und alles atmete erleichtert auf. Da sie aber nach Lee abtrieben, war keine Aussicht vorhanden, den verlorenen Seeanker wieder zu erhalten. So aßen sie ihre kärgliche Fettsuppe, behandelten ihre Wunden und hofsten aus eine Besserung des Wetters. Der Himmel sah zwar noch recht drohend aus und ebenso lies die See noch gleich hoch, aber gegen Dunkelwerden ließen Wind und Seen an Heftigkeit nach und auch die entsetzlichen Schneeböen kamen weniger häufig. Ihre Navigation war nicht einfach. An dem bleigrauen Himmel war nur selten eines der Gestirne auszumachen. Nachts konnten sie auch nur nach Wind und See steuern, denn eine Kompaßbeleuchtung hatten sie nicht. Am siebten Tage endlich machte Worsley eine Sonnenbeobachtung, die ergab, daß sie auf dem richtigen Kurse lagen und bereits den halben Weg nach Süd-Georgien geschasst hatten. Hell und klar kam an diesem Tage die Sonne hervor. Die nassen Schlafsäcke wurden überall in der Takelage zum Trocknen aufgehängt und ebenso alle durchweichten Kleidungsstücks. Das Eis schmolz gänzlich vom Rumpfe ab. Kaptauben umkreisten das Boot und bewiesen, daß es noch mehr Leben aus dieser unwirtlichen Erde gab. In den nächsten drei Tagen wurde es wieder härter, aber es war ein Nordwest, der die „James" Caird" schnell vorwärts brachte. Eisfelder waren hier nicht mehr zu befürchten. Die Temperatur wurde aber noch | nicht wärmer. Um sich bei Kräften zu erhalten, mußten sie nachts eine heiße Ertra-Mahlzeit einlegen. Am elften Tage trafen sie auf eine wilde Kreuzsee. Außerdem kamen i wieder Schneeböen aus Südwesten, und die Plage mit dem Eis begann i von neuem. Um Mitternacht, als Shackleton selbst die Ruderwache hatte, ! bemerkte er plötzlich einen Strich ganz klaren Himmel direkt im Luv. Er ries seinen Gefährten zu, daß der Himmel jetzt aufklarte, doch einen : Augenblick später erwies sich,' daß das, was er gesehen hatte, kein Spalt in den Wollen gewesen war, sondern der weiße Kamm einer ungeheuren Woge. Während seiner L6jährigen Seefahrtszeit hatte Shackleton keine so gigantische See gesehen. Es war eine mächtige Erhebung des Ozeans, ein ganz anderes Ding als die weißmützigen Wellen, gegen die sie bisher angekämpst hatten. Im Augenblick lagen sie in einer kochenden Wassermasse Das Boot überlebte wider alles Erwarten diese See, doch war es halb voll Wasser und tiefer gesackt und zitterte noch von dem ungeheuren Stoß. Dann schöpften sie aus, schöpften um ihr Leben und nach zehn Minuten kam das Boot wieder unter ihnen hoch. Alles, was sie mühsam getrocknet hatten, war wieder durch und durch naß. Primuskocher und Aluminiumtopf trieben im Kielraum und ebenso die eben gekochte Mahlzeit. Drei Stunden arbeiteten sie ununterbrochen, um den Kocher wieder in Gang zu setzen und sich aus Milchpuder eine Milch zu kochen. Ain zwölften Tage klarte es dann wieder auf, und Worsley konnte zum zweitenmal mährend der Reife den Schiffsort bestimmen. Diesmal lagen sie 100 Meilen nordwestlich von Süd-Georgien. Zwei weitere Tage mit günstigem Wind, dann würden sie die Insel erreicht haben. Am Mittag des 14. Tages endlich sah McCarthy durch einen Wolkenspalt einen Zipsel von den schwarzen Felsen Süd-Georgiens. Der Tag begann bereits mit stürmischen Böen aus Nordwest. Sie suchten das Wasser nach Landzeichen ab. Diese kamen bald. Zunächst war es nur ein wenig Salzkraut, doch bald daraus trieb schon mehr von diesem Gewächs, auf dem ein paar Seevögel saßen. Jetzt konnten sie nicht weiter als 15 Meilen von der Küste abstehen, denn ein solcher Vogel aus einem Bündel Salzkraut ist so gut wie ein Leuchtturm. Trotzdem sie alle durstig^ abgekämpft und schwach waren, ging doch eine Fröhlichkeit von den Seeleuten aus, als ob sie zu einer Hochzeit segelten. Sie hielten nach einem günstigen Landeplatz Ausschau. Voraus und im Süden zeigten hungrige Klippen ihre Zähne, an denen die Seen 30 ober 40 Fuß hoch hinauf brandeten. Der Durst wurde allmählich zur Qual. Eine Landung an dieser Küste würde aber sicheren Selbstmord bedeuten. Die Nacht kam, und der Himmel sah nicht nach gutem Wetter aus. Sie mußten also wieder hinaussegeln bis zum folgenden Morgen. Beigedreht lagen sie so in einer hohen westlichen See die ganze Nacht. Bald drehte sich der Wind auf Nordwest und schwoll zu Sturmesstärke an. Es war der schwerste, den sie bis jetzt erlebt hatten. Sie waren ohnmächtig gegen diese Gewalten. Durch einen Spalt in dem fliegenden Gischt sahen sie gegen Mitternacht einen Zipsel dieser Felsen. Sie lagen bereits dicht davor. Die größte Todesgefahr und die übermäßige Anstrengung ließen sie ihren Durst vergessen. So schoben sie sich an der Küste entlang unter dem Getöse der Brecher. Hoch über ihnen thronte ein schneebedeckter Berg. Plötzlich, gegen 6 Uhr morgens, sprang der Wind um. Im selben Augenblick ließen auch Wind und See nach. Hier hatten sie ihre einzige Havarie in der Takelage während der ganzen Reise. Ein Mastbolzen brach. Wäre ihnen dieses während der Nacht passiert, hätten sie ihr Abenteuer späterhin nicht erzählen können und ihre Gefährten aus der Elefanten-Jnsel wären dem Hungertode verfallen. Jetzt waren sie schon so abgekämpft, daß ihnen alles gleichgültig war. Ihr Trinkwasser war seit langem ausgebraucht. Die letzte Pinte einer haarigen Flüssigkeit hatten sie durch Gaze gießen müssen, um sie überhaupt trinken zu können. Als sich der sechzehnte Tag seinem Ende näherte, war es totenflau geworden, doch es lief noch eine wilde Kreuz- fee. So konnten sie sich nur langsam an das Ufer heranarbeiten. Eine Landung wollten sie dem Zufall überlassen. Gegen Abend drehte der Wind aus Nordwest zurück und drohte wiederum mit Sturm. Vor sich sahen sie einen tiefen Einschnitt in den Bergen, der nach ihrer Meinung die König-Haakons-Bucht sein mußte. Darauf liefen sie zu. Voraus sichteten sie einen riesigen Gletscher, der keinen Landeplatz bot. Rund herum donnerte die Brandung gegen die nackten Felsen. Schließlich entdeckten sie doch noch eine Lücke zwischen den Klippen, auf die sie zu hielten. Das Boot jagte durch die Brandung und wurde auf den Strand hinaufgeworfen. Das Getöse des Gletscherbaches war ihr Willkommensgruß und niemals ist von sturmzerzausten Seeleuten das klare, süße Wasser freudiger begrüßt worden als hier. Sie mußten jetzt noch die Walstation erreichen, die aber an der Ostseite der Insel lag. Dazwischen befanden sich ein Berg und ein Gletscher, die keines Menschen Fuß bisher betreten hatten. Mit einer kräftigen Suppe von jungen Albatrossen und dem Fett der See-Elefanten stärkten sie sich für die beschwerliche Wanderung. Wie sie das Gebirge überkletterten und endlich in der norwegischen Station Grytviken eintrafen, das ist eine andere Geschichte. Sofort ging ein Walfänger in See, um die 22 Mann von der Elefanten-Jnsel abzuholen und ein anderer schleppte die kleine „James Caird" zur Station. Heute hat das kleine Boot einen sicheren Hafen im Museum zu Liverpool gefunden. 1921 warf ein Fieberanfall Sir Ernest Shackleton aufs Krankenlager, dem er im Hospital zu Montevideo erlag. Das Mangobaumwunder. Roman von Leo P e r u tz und Paul F r a nk. Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München. lForkietzunq.» „Ich hatte aus den Reden Ihres Dieners den Eindruck gewonnen, daß Sie selbst, Herr Baron, von dem Unsall betroffen worden sind." „Nein! Nein! Nein! Nein!" Der Baron schrie beinahe aus: „Mir fehlt nicht das geringste, ich bin vollkommen wohlauf!" „Ich muß also befürchten, daß Ihr Fräulein Tochter das Opfer des Unfalles ist." „Nein, dem Himmel fei Dank, meine Tochter ist gesund." „Der Diener sagte aber, man habe mich rufen lassen, um Ihnen und Ihrer Tochter zu helfen." „Ja! Es ist uns ein großes Unglück zugestoßen; ein entsetzliches Unglück hat uns betroffen", sagte der Baron leise. „Wollen Sie mir nicht endlich verraten: Wer ist der Patient? Steht er Ihnen so nahe?" fragte Dr. Kircheisen ungeduldig. Der Baron sah den Arzt mit einem ängstlichen und zaghaften Blick an. „Der Patient ist —", sagte er stockend, „der Patient ist —" Er zögerte eine Weile, gab sich dann plötzlich einen Ruck, richtete sich gerade aus und sagte: „Der Patient ist mein Gärtner, Herr Doktor." Der Patient. Sie waren während dieses Gespräches in die Vorhalle der Villa eiu- getreten, einen weiten gewölbten Raum, dessen Pracht den Arzt sogleich fesselte und ablenkte. Die Wände waren mannshoch mit taneUiertem dunkelbraunem Holz verkleidet; darin wuchs rosenfarbiger, von dünnen schwarzen Adern durchzogener Marmor empor, in den Mosaikbilder eingefügt waren, hohe schlanke Frauengestalten mit einer Rosenkette in den Händen. In Silber gefaßte, flach nach unten gewölbte Glasfchalen saßen an den vier Ecken der Decke und ließen ein mildes, weißes Licht in den Raum fallen. Im Hintergründe führte ein Treppenansatz von wenigen, -Nit einem dunkelgrünen Teppich bekleideten Marmorstufen in den nächsten Raum. , Dr. Kircheisen wandte sich dem alten Herrn wieder zu: „Wer, sagten Sie, ist der Patient?" „Mein Gärtner", wiederholte der Baron. Herr Baron", sagte der Arzt. „Ich fürchte, daß hier ein Mißverständnis vorliegt. Man hat Sie über mich vermutlich falsch unterrichtet. Ich übe schon seit Jahren keinerlei Praxis aus und beschäftige mich nur mit wissenschaftlichen Untersuchungen. Da es sich um einen Ihrer Domestiken handelt, so wäre es vermutlich angezeigt, ihn einfach ins Spital transportieren zu lassen. Das wäre zumindest weniger kostspielig für Sie! Ich halte mich für verpflichtet, Sie auf diesen Punkt aufmerksam zu machen." . , , „Das alles weiß ich", sagte der Baron ruhig. „Nichtsdestoweniger habe ich ernste Gründe, Sie zu bitten, die Behandlung zu übernehmen." , Meine Zeit ist kostbar und für die nächsten Wochen überdies durch andere, mir sehr wichtige Unternehmungen in Beschlag genommen. Ich bin mit diesem Besuche nur der dringenden Bitte meines Freundes nachgekommen, weil ich, wie er, den Eindruck hatte, daß Ihr Leben auf dem Spiel stünde, Herr Baron, oder doch das Leben eines Ihrer nächsten Familienangehörigen." Der Baron überleate eine Weile. Sie waren an der Tür des Krankenzimmers angelangt. Der Baron trat zur Seite, ließ den Arzt eintreten und sagte bann, indem er die Tür hinter sich zuzog, mit unbefangen klingender Stimme: ' „So bitte ich Sie, annehmen zu wollen, daß mein eigenes Leben von der Rettung meines Gärtners abhängt." „Wie soll ich das verstehen? Was wollen Sie damit sagen?" fragte der Arzt unwillig. „Nichts anderes, als daß ich den größten Wert darauf lege, meinen Gärtner in Ihrer Behandlung zu sehen. Ich werde das Opfer, das Sie mir mit dem Verlust Ihrer kostbaren Zeit bringen, in jeder Hinsicht zu bewerten wissen", gab der Baron zur Antwort. Der Arzt blickte sich um. Er befand sich in einem vornehm ausgestatteten Raum, in dessen Mitte ein breites Himmelbett stand mit grünen Damnstoorhängen, die ringsum geschlossen waren. „Hier liegt der Patient", sagte der Baron. „yt das das Zimmer Ihres Gärtners?" fragte der Arzt erstaunt. „Nein — das ist mein eigenes Schlafzimmer. Ich habe ihn nach dem Unfall in der Eile hierher schassen lassen." Der Baron schlug die Vorhänge zur Seite. Da lag der Kranke. Dr. Kircheisen ärgerte sich später über sich selbst, weil er damals beim Anbl f des Gärtners so heftig erschrocken zurückgeprallt war. Es ist aber auch 'eine Kleinigkeit — man erwartet ein gutmütiges niederösterreichische.?. Bauerngesicht zu sehen, einen großen, blonden Gärtnerburschen aus MU aber aus Wiener-Neustadt etwa, und da starrt einem eine fahlgelbe 2a; ■ entgegen — bas Asttlitz irgendeiner exotischen Rasse mit tief in den Höhlen liegenden Augen, feuchtem, zu Strähnen verklebtem Haar und einem fast meterlangen kohlschwarzen Bart, der zudem unterhalb des Ha? -> mit einem Tuch zusammengebunden ist. , U am Singh ist ein Inder!" erklärte der Baron, der des Arztes Ver- roü g bemerkte. „Ich hab' ihn von meiner letzten Orientreife aus der Sin : Agra mitgebracht." ?d warum haben Sie ihm um des Himmels willen den Mund ver- ftopi " fragte Dr. Kircheisen und wies auf einen Tuchlappen, der über den ipp?n des Gärtners befestigt war. Dw Baron lächelte. „Das hab' ich nicht getan. Den Lappen trägt Ulam Singh immer. Aus religiösen Gründen — Ularn Singh ist nämlich ei» idhu, eine Art HinduheUiger, und sein Glaube verbietet ihm, ein Tie; und sei es auch das kleinste, zu töten. Weil ihm aber beim Atmen irr in mikroskopisch kleines Insekt in die Kehle kommen könnte, bat : trägt er immer solch einen Tuchlappen vor dem Mund." r Arzt hatte inzwischen einen Stuhl herbeigezogen und die Bett- b. znrückgeschlagen. Jetzt holte er die elektrische Lampe vom Schreibti- ' >,d gab sie dem Baron in die Hand. „Ein wenig höher", sagte er, „w ich bitten darf." Das Licht schwankte unruhig in den zitternden Hä i des alten Mannes. Der Arzt schob dem Kranken den Arm unter de.. : ?en und hob ihn sacht in die Höhe. Dann fühlte er den Puls und t;die Herztöne ab. Er betastete die Hand- und Fußgelenke und un achte die Lippen und die Zunge, auf denen er Spuren eines leichten, n Auswurfs feftftellte. Dann sah er auf. Sein Blick glitt auf die W> gegenüber, ba war ein mächtiger, persischer Teppich befestigt, auf bim -.ülische Waffen ein sternförmig angeordnetes Ornament bildeten. Ka sähet hingen da, Dolche aus dem Kaukasus, persische Handschare un naiayische Messer, seltsam verkrümmt oder gezackt, einzelne in vergäll m, edelsteinbesetzten Scheiden, manche mit elfenbeinernem ober em ertem Knauf. Die Mitte bes Sternes bildete ein Bündel dünner Ps aben Sie diese Waffen selbst gesammelt? Halten Sie es für mög- lich iß eines dieser gefährlichen Dinger in irgendein Pfeilgift getaucht ist?" fragte der Arzt. "?as ist gänzlich ausgeschlossen. Ich habe wenigstens niemals etwas beim -ichen feststellen können." 'batte Ulam Singh mit diesen Massen zu tun? Gehört etwa ihre nng und Instandhaltung zu seinen Pflichten?" ’ i Herr Doktor. Ulam Singh würde nie eine Waffe berühren. 5 erbietet ihm seine Religion. Auch hat er dieses Zimmer niemals mn stehe td) vor einem Rätsel. Hören Sie, Herr Baron. Es lassen ■nbe Symptome seststellen: Blutiger Auswurf, Liihmungserschei- an Händen und Füßen, sowie an den Almungsorganen, cyano- *'! irbung der Lippen und der Zunge, ferner, was besonders charak- b l ist, das Fehlen jeder Geschwulst. — Alle diese Symptome weisen mit Sicherheit auf das Gift einer ganz bestimmten Schlangenart hin. Aber von diesen tropischen Spezies ist bis letzt noch nie ein Exemplar lebend nach Europa gelangt." „Und wie heißt die Schlange?" fragte der Baron leise und wie in Gedanken versunken. Der Arzt hatte seine Handtasche geöffnet. Er entnahm einem kleinen, schwarzen Etui eine Miniaturspritze und setzte eine neue Nadel ein. Dann ergriff er den Arm des Kranken, bohrte die Nadel ins Fleisch und schob langsam den Kolben der Spritze nach unten. „Tik Paluga heißt die Schlange", sagte er, als er die Injektion beendet hatte. „Tik Paluga", wiederholte der Baron mit leisem Schauder. „Ich sage mir natürlich selbst, daß diese Annahme ein Hirngespinst ist und muß nach einer besseren Erklärung suchen. Noch niemals ist es gelungen, eine Tik Paluga lebend in unsere Breitengrade zu bringen. Die chemische Zusammensetzung ihres Giftes kennen wir nicht genau. Es i könnte fein, daß Ihr Inder von einem vegetabilischen Giftstoff infiziert worden ist, der zufällig ähnlich wirkt wie der Biß der Tik Paluga." „Nein!" sagte der Baron mit feiner leisen Stimme. „Ihre erste Diagnose war richtig." „Wie meinen Sie, bitte?" Der Baron ergriff den Arm des Inders und deutete auf zwei rote Pünktchen oberhalb des Gelenkes. „Sehen Sie , flüsterte er. „Hier hat sie ihn gebissen." „Wer?" schrie der Arzt erstaunt auf. „Wer hat ihn gebissen?" „Die Tik Paluga", sagte der Baron mit leisem Erschauern. „Aber es ist ausgeschlossen, daß es eine solche Schlange in Europa gibt!" „Wollen Sie sie sehen, Doktor?" fragte der Baron. „Das ist ja heller Wahnsinn! Ebensogut könnte ich mir hier in Ihrem (Barten von dem Stich einer Tse-tse-Fkiege die Schlafkrankheit holen!" sagte der Arzt kopfschüttelnd. Der Baron wurde leichenblaß: „Um Gottes willen! Gibt es auch Tfe- tfe-Fliegen in Ceylon?" stammelte er. „In Ceylon? Natürlich: die Glossina Sanderi. „Philipp!" kreischte der Baron außer sich. „Philipp! Die Baronesse darf nicht mehr in den Garten." „Was ist Ihnen, Herr Baron? Was find das für tolle Ideen? Vor allem: Die Glossina Sanderi von Ceylon ist eine vollkommen harmlose, gänzlich ungefährliche Verwandte der afrikanischen Tse-kse-Fliege. Und । wie käme die überhaupt in Ihren. Garten?" „Philipp!" sagte der Baron mit tonloser Stimme zu dem eintretenden Diener. „Hol den Korb, der im Rauchzimmer neben dem Kamin sieht." Der alte Diener verschwand und kam nach kurzer Zeit mit einem gelben, viereckig geflochtenen Körbchen zurück, das er voll Ekel und Angst ! mit ausgestrecktem Arm weit von seinem Körper weghielt. Der Baron schob den Deckel zurück. „Hier liegt sie", sagte er. „Vor einer Stunde habe ich sie erschlagen." Der Arzt langte behutsam in das Innere des Korbes und holte die tote Schlange hervor. Er ließ den Körper des Tieres geschickt durch die Finger gleiten, nahm den Kopf in die flache Hand und betrachtete die Stirnzeichnung. Dann ließ er die Schlange wieder in den Korb zuriick- ; fallen. „Unglaublich", sagte er dann. „Es ist wahrhaftig eine Tik Paluga. Sie haben sie selbst erschlagen? Gleich nachdem sie den Gärtner gebissen hat?" Der Baron nickte. „Ulam Singh hat sie aus Indien gebracht." * „Man muß immer wieder umlernen", sagte Dr. Kircheisen. . Ich glaube, Hagenbeck hat zum letztenmal den Versuch gemacht auf Bestellung des Berliner Zoo — aber das letzte Exemplar ging während der Seefahrt in der Gegend von Messina ein. Es ist merkwürdig, daß es Ihrem Gärtner gelungen ist, die Tik Paluga die ganze Reife hindurch am Leben zu erhalten. Wußten Sie davon, daß der Inder im Besitz eines so gefährlichen Tieres war?" „Bis vor einer Stunde hatte ich keine Ahnung davon", gab der Baron zur Antwort. „Aber wie finden Sie den Zustand des Patienten? Ich habe sofort nach der Katastrophe übermangansaures Kali injiziert." Der Arzt hatte inzwischen die Schlange nochmals in die Hand genommen und betrachtete sie genauer. „Wie lange ist Ihr Gärtner bei Ihnen im Hause?" „Seit einem und einem halben Jahr. Ich bin mit ihm im vorigen Frühjahr aus Indien gekommen." „So?" sagte der Arzt und blickte den Baron an. „Und die Schlange ist höchstens drei Monate alt —! Er kann sie also unmöglich aus seiner Heimat mitgebracht haben." Der Baron sah mit einem Blick auf, der hilfesuchend und voll Verwirrtheit war. „Wie kam die Schlange in Ihr Haus?" fragte der Arzt. „Ich weiß es nicht!" gab der Baron zur Antwort und fuhr sich mit der Hand über den Hinterkopf, als bereiteten ihm die forschenden Fragen des Arztes körperliche Schmerzen. Dr. Kircheisen betrachtete kopfschüttelnd bald die Schlange, bald den Baron. „Cs ist nicht meine Sache, mir darüber Gedanken zu machen", sagte er schließlich. „Was den Zustand des Patienten betrifft, so bin ich jetzt, i da ich die Art und die Provenienz des Giftes kenne, sehr wohl in der ! Lage, Ihnen den wahrscheinlichen Verlauf der Krankheit anzugeben." 1 „Nun? Bitte, sprechen Sie!" drängte der Baron. I (Fortsetzung folgt.) wörtlich Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'scheUnivelfitäts- Buch- und Steindruckerei, R. Lange. Gieh en.