Gießener ZamüienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 34 Sreitag, den 5. Mai Jahrgang <933 Keldeinsamkeit. Von Hermann Allmers. Ich ruhe still im hohen, grünen Gras und sende lange meinen Blick nach ollen, von Grillen rings umschwirrt ohn' Unterlast, von Himmelsbläue wundersam umwoben. Und schöne weiße Wolken ziehn dahin durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume; — mir ist, als ob ich längst gestorben bin und ziehe selig mit durch ew'ge Räume. Johannes Brahms. Zum 100. Geburtstage des großen Musikers am 7. Mai. Von Kurt Engelllrecht, GDS. Wenn wir uns das Bild des großen Musikers und Menschen Johannes Brahms vergegenwärtigen, so müssen wir sagen: (Jin wahrhaft kerndeutscher Mann! Unmöglich, ihn etwa in eine französische, italienische oder gar russische musikalische Umwelt hineinzustellen. Der hart«, herbe Ginster der norddeutschen Tiefebene, der mit seiner kräftig leuchtend-gelben Blüte im Sommer die einsame Größe und Wuchi der Landschaft noch unterstreicht, wird im Volksmunde Brahms genannt. Und kein Zweifel, es ist auch in der Art des norddeutschen, aus dem dunkelsten Hamburg gebürtigen Tondichters etwas von dieser nordischen, wetterharten, ja ost borstigen Herbheit seiner Heimat und ihres Land- schastsbildes zu spüren. - Wie oft ist nicht gefragt, wie oft nicht darüber gegrübelt und geschrieben worden, was denn eigentlich das Hauptmerkmal deutscher Kunst, insbesondere deutscher Musik sei. Brahms kann es uns lehren wie kaum ein anderer unter den Meistern unserer Kunst. , Wenn er schuf, so dachte er nie an das Publikum, nie an lauten Beifall und erst recht nicht an klingenden Erfolg. Er schuf seine Werke in Stille und Einsamkeit für sich, für Gott, für die Seele seines Volkes, die sich ihm in Worten der über alles geliebten deutschen Dichter und in dem verständnisvollen Mitgehen einiger weniger Freunde auftat. So fühlte er sich abgestoßen von dem pomphaften und sehr auf äußeren Glanz und Erfolg ausgehenden Musikbetrielle des Liszt schen Kreises. Unwiderstehlich angezogen jedoch wurde er durch die stille und ver- onnene Art Robert Schumanns und seiner Frau Clara. Vorübergehend konnte ihn die unruhige P a g a n i n i - Dämonie des ungarischen Geigers R e m e n y i fortreißen, dauernd zu fesseln jedoch vermochte ihn nur die lautere Kunst des schlichten, vornehmen Joachim. So ist denn auch Brahms' äußerer Lebensgang ohne Sensationen, ohne Abenteuer, ohne Ueberraschungen. Es läßt sich in drei Worten über ihn berichten. Der Ausstieg des Vaters vom Tanzkapellen-Kontrabafsisten zum Mitglied des städtischen Orchesters in Hamburg mag den jungen Musikus zuerst erkennen gelehrt haben, daß durch Fleiß, Rechtlichkeit und ordentliche Gesinnung sich immer noch etwas im Leben erreichen laßt. Unbeschadet seiner seelischen und körperlichen Gesundheit konnte er selbst seine Musikerlaufbahn als Tanzspieler in üblen Matrosenkneipen beginnen Eichendorff, Brentano, Hölty begleiteten ihn und bewahrten ihn vor Häßlichem und Schmutzigem. Rach gründlicher Ausbildung als Pianist und Tonsetzer geht er mit zwanzig Jahren auf die Suche nach einer Lebensstellung, das heißt für ihn: nach günstigen Vorbedingungen für ein freies Schaffen, für ein ungehemmtes Gestalten feiner tiefsten Seelen- und Herzenserlebnisse. Düsseldorf, Detmold, Hamburg gaben ihm jeweils für kurze Jahre die Möglichkeit, sich als Orchester- dirigent, Chorleiter und Komponist zu betätigen und sich vor allem als Tondichter einen solchen Rus zu erwerben, daß er 1862, also mit neunundzwanzig Jahren, die Stadt Mozarts und Haydns, Beethovens und Schuberts zu dauerndem Aufenthalt wählen konnte. Der Schlichtheit und Einfachheit feines äußeren Lebensganges steht ein unerhörter Reichtum innerer Entwicklung, künstlerischen Wachstums gegenüber. Strengst« Kritik übt er am eignen Schassen. Es kommt ihm gelegentlich nicht darauf an, zwanzig Streichquartette (I) zu vernichten, um nur drei schlechthin vollendet« der Oeffentlichkeit und der Nachwelt zu übergeben. Erst mit 43 Jahren wagt er es, mit einer Sinfonie hervorzutreten, die alsdann auch sofort den Spott- und Ehrentitel der „eigentlichen Zehnten" (Beethoven!) erhält. Offenheit, Ehrlichkeit, Wahrheitsliebe zeichnen den Künstler und Menschen Brahms in einer seltenen Weise aus. Unerbittlich hart ist sein Urteil allem halben Können, aller Anmaßung, allem Vordrängen Unllefähigter gegenüber. Dieser kantigen norddeutschen Geradheit des Urteils hielt jedoch eine unendliche Herzensgüte die Waage. Groh ist die Zahl echter, gleich ihm leißig und treu um Meisterschaft ringender Talente, denen Brahms eifrigste und stets ganz selbstlose Förderung zuteil werden lieh. Und wie reich ist sein Schaffen an echten, tiefen Gefühlstönen. Ehe er ein Lied komponierte, suchte er es gerade seinem Gefühlsgehalt nach bis auf den Grund nachzuempfinden, um es alsdann musikalisch voll ausschöpfen zu können. Die viel gesungene und doch so schwer zu singende „F e l d e i n s a m k e i t" legt Zeugnis davon ab. Am eindringlichsten aber kündet vom deutschen Seelentum des Tondichters die herrliche Totenmesse aus seinen verehrten und geliebten Freund und Meister Robert Schumann, das „Deutsche Requiem". Philipp Spitta, der bekannte Kirchenmusikhistoriker, äußerte andächtig dankbar über das Werk, er sei dadurch geradezu ein besserer Mensch geworden. Wahrlich, jeder größere Chor sollte seine Ehre darein setzen, neben Bachs Matthäus-Passion dies Werk Alljährlich aufzuführen! Ergreifend sinnvoll schließt das Sehenswert des großen deutschen Meisters mit den elf Choral vor spielen, die den Todahnenden noch einmal als tief religiös Empfindenden und Erlebenden zeigen. Das letzte Vorspiel gilt dem Choral „O Welt, ich muß dich lassen", und es gi6t wohl niemanden, der es ohne tiefst« Ergriffenheit hören könnte! Mehr und mehr wird di« Zukunft erweisen, daß Brahms gerade um feiner kerndeutschen Art willen unsterblich unter uns lebt. Solange deutsche Herzen schlagen und fühlen, wird man ihm ein ehrendes, lieben- des Andenken bewahren. Bryhms in der Anekdote. Von Dr. Georg K u h n. B r a h m s' Persönlichkeit spiegelt sich besonders klar im Licht der Anekdote, in den vielen kleinen Geschichten und Zügen, die seine Zeitgenossen mit ihm erlebt und von denen sie uns berichtet haben. Obwohl er als echter Norddeutscher zurückhaltend, schüchtern, ja scheu war, konnte er doch im gemütlichen Kreis bei einem guten Tropfen auftauen und sehr ausgelassen werden. Sonst zeigte sich mehr das Bärbeißige und Scharfe [eines Wesens in unwirscher Abweisung und schlagfertigen Bemerkungen. Daß in ihm ein Kobold steckte, offenbarte sich schon in feiner Jugend. So bestand einer seiner Hauptspässe damals darin, daß er in den Häusern läutete und nach längst verstorbenen Größen der Kunst und Literatur fragte. Er tat dann sehr erstaunt, wenn er auf wiederholtes Anfragen die unwirsche Antwort erhielt, ein Herr Georg Friedrich Händel oder Johann Hinrich Voß wohne hier ganz gewiß nicht, und hielt sich auf der Straße die Seiten vor Lachen. Er brachte es auch fertig, auf dem Domplatz in Köln ganz ernsthaft nach dem berühmten Dom zu fragen, und auf die Antwort, er stehe ja davor, meinte er enttäuscht: „So? Wirklich? Den habe ich mir aber viel größer vorgestellt!" Derartige Witze waren aber doch nur die Fassade seines Wesens. Sie sollten die tiefe Schwermut feines Innern verdecken. Auch feine tief aufquellende Rührung suchte er auf solche Weise zu bannen. So erzählt ein bekannter Dirigent, er sei mit Brahms in einer Aufführung von Schillers Kabale und Liebe" im Berliner Deutschen Theater gewesen. Während die Darstellerin die Schlußszene der Luise erschütternd spielte, machte Brahms zynische Witze. Zugleich liefen ihm die Tränen in den Bark. Sein Begleiter konnte sich nicht enthalten, auf diesen Gegensatz anzu- spielen. Da erwiderte Brahms: „Ich wollte nicht haben, daß die Leute mich für sentimental halten; aber die Tränen sind das Wahre gewesen. Das andere war Komödie." Zu Rudolf von der Leyen sagt« er einmal über Goethes „Geschwister": „Wenn ich das Stück sehe oder lese bann meine ich immer. Man meint wohl zuweilen, ich sei lustig, wenn ich in Gesellschaft scheinbar mitlache. Ihnen brauche ich wohl nicht zu sagen, daß iit) innerlid) nie (adje ..." ,, , Durch diese Zwiespältigkeit seines Wesens kam in sein Austreten eine gewisse Ungleichmäßigkeit. „Freunden gegenüber bin ich mir nur eines Fehlers bewußt: Unschicklichkeit im Umgang", hat er einmal gesagt. Wie alle innerlich weichen Menschen trug er äußerlich gern Grobheit zur Schau Selbst seine besten Bekannten konnte er heftig anfahren, wenn der böse Geist" über ihn kam, und deshalb nannte ihn einer seiner Vertrauten gern den „größten Schimpf onike r". Bekannt ist die vielleicht nicht wahre, aber doch jedenfalls von Hanslick als gut erfunden bezeichnete Geschichte, daß er nach Beendigung eines Festmahls, bei dem er sich heftig losgelaffen hatte", von der Dame des Hauses mit den Worten Abschied nahm: „Wenn ich vielleicht einen von den Anwesenden zu beleidigen vergessen haben sollte, so bitte ich um Entschuldigung. Daher kommen auch die scharfen und witzigen Bemerkungen, die uns so vielfach überliefert werden. Als Behm eines Tages mit dem Meister in Brahms Wiener Stammkneipe, dem „Roten Igel", saß, kam das Ge- Dräch vorauf, daß man das Gerücht van der angeblichen Trunksucht des Komponisten nicht ausrotten tonne. Da erzählte ihm Behm selbst„Karl Reinecke, sein Lehrer am Leipziger Konservatorium, habe ihm^ gesagt, Brahms schasse wie Fritz Reuter zumeist mi halbtrunkenen Zustand und dann fei es eigentlich keine Kunst, etwas Gutes zu machen. Da zog plötzlich Uber das Antlitz von Brahms eine leuchtende Fröhlichkeit. Schwer sank seine Faust aus den Tisch, und lachend sagte er: „Schade, daß der Reinecke nicht auch öfter betrunken war!' Als ihm eine Exzellenz, die sich viel auf ihre musikalische Bildung zugute tat, nach der Probe seiner c-Moll-Symphonie ihre Bewunderung ausdrückte und dann bemerkte: Das c-Dur-Thema ähnelt doch aber merkwürdig dem Freuden-Thema der „Neunten", sagte Brahms kurz angebunden: „Jawohl, und noch merkwürdiger ist, daß das jeder Esel gleich hört." Als eingefleischter Junggeselle wohnte Brahms ein Bierteliahrhundert in drei dürftig möblierten Zimmern in einer stillen Straße der Wiener Borstadt Wieden, drei Treppen hoch, und seine Hausdame, Frau Celestine T r u r a, hatte es mit ihm wahrlich nicht leicht. Er warf Zündhölzchen und Zigarrenstummel unter die Möbel, um zu sehen, ob auch ordentlich aufgeräumt wurde, und um sich von der Ehrlichkeit der dienstbaren Geister zu überzeugen, ließ er Geld aus dem Fußboden herumliegen. Be- onders schwer hatte es die Dame mit seiner Toilette. Brahms war nicht zu bewegen, sich einen neuen Anzug machen zu lassen, sondern erschien in den feinsten Gesellschaften i n d e n a b g e t r a g e n st e n K l e i d e r n, und Frau Truxa mußte schließlich auf eigene Faust den Schneider bestellen. Als sie ihm einmal einen seiner alten Röcke heimlich wenden ließ, glaubte er durchaus, es fei ein funkelnagelneuer. Auf fein Aeußeres hat er nie etwas gegeben. Das zeigt auch eine Geschichte aus feiner Jugend. Da war er in Hamburg einmal in einer Gesellschaft und wurde dort mit erstaunten Blicken gemustert, was er sich gar nicht erklären konnte. Als er nach Hause kam, fragte er: „Mutter, was ist denn mit meinem Anzug los? Die Leute haben mich jo sonderbar angesehen?" „Oh, Johannes", rief sie ganz erschrocken, „du hast ja den alten Rock angezogen, von dem ich alle Knöpse abgetrennt habe." „Der Nervus'sollte dich nicht genieren, du kannst mich ruhig anpum- pen" Ich bin nicht jo arm und so schmutzig, wie mein Rock aussieht', fo schrieb Brahms einmal an seinen Freund Karl Sde i n t h a l e r, als dieser in Verlegenheit war, und hilfsbereit, aufopfernd ist er stets gegen alle gewesen, die sich bittend an ihn wandten. So erzählt der frühere Hoskapellmeister Zemlinsky, Brahms habe ihn bei seinem ersten Besuch gefragt, wovon er lebe, und als der junge Musiker erwiderte: „Vom Stundengeben", da sagte der Meister: „Dann müssen Sie sich wohl sehr plagen." Nach kurzer Pause bot er ihm eine monatliche Beisteuer an, damit er sich mehr seinen Kompositionen widmen könne. Als Zemlinsky verlegen ablenkte, wurde Brahms wütend: „Das ist ja Unsinn, denken Sie ruhig, ich wäre ihr Stiefbruder oder sonst jemand, von 6em Sie das annehmen dürfen!" Diese Gutmütigkeit brachte Brahms nicht selten in peinliche Situationen. Ein lustiges Beispiel dafür erzählt ein Freund. Man hatte bis nach Mitternacht behaglich pokuliert. Als man sich in der dunklen Winternacht bei Regen und Schnee auf dem Heimweg befand, da sah Brahms plMch auf der Straße einen anscheinend schwer kranken, gut gekleideten Mann liegen. Nachdem er seine 'Adresse festgestellt hatte, veranlaßte er den Freund, den Kranken mit ihm nach Hause zu bringen. Mühsam schleppte man ihn vier Treppen hinauf. Da plötzlich, bevor die oberste Etage erreicht ist, erscheint am Geländer ein surienartiges Wesen, flatternden Haares, in verstörter Nachtgewandung, die Kerze in der Linken, einen Befen in der Rechten: „Aha, ihr seid also die sauberen Gesellen, die meinen Mann zum Trinken verleiten und halbe Nächte mit ihm verzechen", donnerte es auf die erstaunten Samariter los. „Schamt's euch net? Wartet, ich will euch helfen!" Der Besen draut. Ein Hagel von Beleidigungen prasselt nieder, und die beiden Künstler ergreifen schleunigst die Flucht ... Brahms befand sich am liebsten unter Leuten des Volkes; deshalb suhr er nur dritter Klasse und nahm gern an volkstümlichen Festen teil. Als er eines Tages in den 70er Jahren an feinen Stammtisch im Gasthaus „Zur schönen Laterne" kam, fand er das Lokal für einen Ball hergerichtet. Die „F i a k e r m i l l i", eine der feschesten Wiener Lokal- Sängerinnen, gab ein Fest. Brahms wollte Weggehen, aber der Wirt lief ihm nach und sagte, das Fräulein habe eigens angeordnet, daß der Stammtisch der Herren respektiert werde. Brahms war entzückt von dieser zarten Rücksicht und besah sich das Fest mit Behagen. Aber in letzter Stunde war der Klavierpauker erkrankt und kein anderer aufzufinden. Da trat die Festgeberin an den Meister heran und bat ihn, ob er ihnen nicht aufspielen wolle. Brahms fetzte sich sofort ans Klavier und spielte den ganzen Abend, was man begehrte. Dafür bekam er nach jedem Tanz und zwar jedesmal von einem anderen hübschen Mädchen einen Kuß und »ach der ersten Quadrille von der „Fiakermilli" drei ... Besonders liebte er die Kinder. „Es gehörte zu den liebenswürdigsten Eigenschaften seines Wesens", berichtet sein Freund, der Schulmann Gustav Wendt, „daß er, wo er weilte, die Kinder an sich zu fesseln wußte. Stets trug er harmlos Süßigkeiten in feiner Tasche, die er an die Jugend verteilte, mit der er bann allerlei Spässe trieb und luftige Gespäche führte." Freilich konnte er feinen Schabernack auch zu weit treiben, wie bei dem kleinen Mädchen in Jfchl, das mit hochgefüllten Bierschoppen nach Haufe strebte und plötzlich einen bärtigen Mann fah, der ihr das Glas aus der Hand nahm und fo tat, wie wenn er daraus tränte. Die Kleine fchreit Zeter und Mordio. Entrüstete Vorübergehende versammeln sich. Der schlimme Spaßvogel soll gelyncht werden, und erst eine Frau, die vom Fenster aus die harmlose Episode beobachtet hatte, löst das Ganze in Wohlgefallen auf ... Don der Schlagfertigkeit Brahms gibt es viele ergötzliche Proben; die hübscheste hat August'N i e m a n n in [einen Lebenserinnerungen erzählt: Der Meister war zu einem Konzert in Hamburg geladen, wo nur feine Schöpfungen gegeben wurden. Nachher war ein Festessen zu feinen Ehren und der Kapellmeister brachte einen Toast auf den größten Komponisten aus, womit er Brahms meinte, ohne iyn zu nennen. Eiligst erhob sich der Gefeierte mit feinem Olafe und rief: „Jawohl, die Gesundheit des größten Komponisten, Mozart lebe h o ch." Hugo Wolf war Brahms grhnmigfter Feind, aber dieser las mit besonderer Vorliebe die tadelnden Kritiken, die der Wagner-Verehrer über ihn veröffentlichte. Eines Tages las er, wie Wolf eins [einer Werke, das Lied „Von ewiger Liebe", anerkannte. Da warf Brahms mit gekünsteltem Zorn bas Blatt weg und sagte: „Man kann sich doch aus keinen Menschen mehr verlassen. Jetzt fängt sogar der an, mich zu loben!" Brahms stand mit Johann Strauß auf bestem Fuße; er kannte genau das Genie des Walzerkönigs, aber dieser wußte mit der Musik des Freundes wenig anzufangen. Als Strauß auf den Autographenfächer feiner Stieftochter Alice die ersten vier Takte feines Fledermaus-Walzers fetzte, schrieb Brahms schlagfertig darunter: „Leider nicht von Johannes Brahms! Als sie einmal beim Champagner faßen und Brahms, der eben von einer einer Triumphreisen zurückgekehrt war, halb ernsthaft ausrief: „Nicht war lieber Strauß, bas waren doch noch bessere Zeiten, als wir mit unfern feinsten Stücken so schon burchstelen", da machte Strauß sein chalkhaftes Gesicht, zwinkerte mit den Augen und sagte in komisch-weh- mütigeni Ton: „Ja, Dotiert, mir zwaa Ham halt kaa Glück und allweil unser G'srett g'habt mit der verflixten Musi!" Johannes Brahms und das Schumannhaus. Von Sophie Lederer-Eben. , So allein war ich nun hier", schreibt Clara, Rodert Schumanns tiefgeliebte Frau, aus Berlin, wohin eine Konzertreise die geniale Piw niftin geführt hatte; „aber Johannes, der Getreue, richtete mich durch einen lieben Brief etwas auf." Unb als bie Nachrichten über bas Be- inben des kranken Gatten in der Irrenanstalt Endenich bei Bonn immer ungünstiger werden: „Trauriger Tagesschluß! Mein Freund Johannes, der Tröster im herbsten Leide, fehlte mir fehr. Wie schwer vermißte ich einen Zuspruch!" Kein rauschender Konzertersolg hilft über den inneren Jammer fort, auch nicht die künstlerische Aufgabe, die Werke des Gatten, die Werke von „Johannes" zu interpretieren, ihnen zu öffentlichem Leben zu verhelfen: „Aller Mut ist wie gewichen von mir!" Als sie, auf einer Konzertreise mit dem Geiger Joachim, einmal den jungen Brahms in Hannover überrascht hat, schreibt sie in ihr Tagebuch: „Ich hatte mich nach Johannes unendlich gesehnt! Nur mit ihm kann ich ja über alles, was mein Herz so recht bewegt, sprechen. Auch Joachim ist mir ein treuer, lieber Freund — aber Johannes doch noch mehr. Nach- bem beibe auf bem Wege nach Düsselborf (in bas Schumannhaus) alles getan, um mich zu erheitern auf dieser Fahrt, fanden wir dort einen Brief von Rodert an Johannes, in traulichem Du... Ich war von allem furchtbar erregt, und das Sehnen faßte mein ganzes Herz, — in tiefsten Schmerzen! Johannes war gar lieb gegen mich — mein Herz aber war ganz bei ihm, — dem heißgeliebten Manne! Das Geiftes- und Gefühlsverhältnis zu Brahms, auf Wochen und Monate hm übersehen, aber über Jahre sich erstreckend, ist die einzige Stütze der Kreuzträgerin. Mit nimmermüder Geduld und Opfersreudigkeit, liebevoll bleibend auch angesichts der mit der Zeit und der immer düsterer werdenden Sorge, sich heftiger äußernden Nervenabspannung der Frau^ richtet der Freund die Zusammenbrechende auf, der 22jährige die reife Lebenserfahrene, an der er mit tiefer Schwärmerei hängt. Denn Clara, — das ist ja das Liebste, was Robert Schumann, der so innig verehrte, große Meister, besitzt, — der Meister, dem er alles verdankt, was er ist, den er den „Schöpfer feiner Arbeit" nennt. Clara, — das ist das selbstverständliche, stillschweigende Vermächtnis des Meisters an ihn, den Jünger, dessen ganzes künstlerisches Werden durch die geniale Erkennt- nistraft des Führers der romantischen Jugend bestimmt wurde: Clara, — das ist zugleich alles, was ihm, Brahms, übrig blieb von bem, der ihm den Weg in die Oefsentlichkeit beschreiten hals, selbstlos, in großzügiger Fürsorge, — unb den er nun alle Augenblicke einmal in Endenich besucht, dort, „wo die Uhr stillsteht". Unermüdlich ist der treue Be- K troh des entsetzlich traurigen, immer wiederkehrenden Eindrucks. nützlich sein Beruhigen, Trösten, nach dem die Frau immer etwas heller blickt. Clara aber fühlt in innerstem Herzen, daß es etwas heldisch Starkes, ein den jungen Jahren weit voraufgeeiltes Reifes ist, was ihr tiefste ßebensgualen tragen hilft, — und weiß, daß das alles aus der Wurzel feines Genies quillt. Sie, die Künstlerin, fühlt, was Freunde nicht begreifen, was die Gesellschaft nicht fühlt und nicht verstehen kann: daß hier zwei starke Persönlichkeiten, trotz des Altersunterschiedes, sich in der gleichen Welt begegnen, daß diese Welt ein Wunder ist, unb beiber Element. Diese Welt verkündet sie mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln, wenn sie „Johannes' herrliche Balladen" oder andere seiner Frühwerke spielt, für die, die Ohren haben zu hören. Denn die meisten, noch kaum an den Traumlandflug Schumannscher Klang« gewohnt, an die Vielfarbigkeit seiner Erfindung, schrecken zurück vor den harmonischen Kühnheiten und fremdartigen Klangwirkungen in den Arbeiten des Unbekannten, finden es unbequem, ihm zu folgen, weil er aus dem Klavier ein ganzes Orchester macht; und dabei doch nicht einmal buntfarbig roirbi- Ach nein, man denkt bei feiner Musik an große, schwere Wolken, wie sie über den Hamburger Hafen ziehen, feftumriffen, aber düster; man denkt an Sturm, der über das Meer faucht, daß die Wellen sich hoch überstürzen! Ist das kurzweilig? — Die Menge versteht diese Musik nicht, weiß ihre Verkünderin nicht einzuschätzen. Clara aber fühlt: fte spielt ihr eigenes Erleben. Die Fülle und die Reife dieser Brahmschen Frühwerke — hat sie selbst sie nicht mit ihrem Blut genährt? — sind sie nicht aus der Tiefe ihres blühenden Leides geboren? Dieses Leiden, das täglich und stündlich durch Johannes erlöst wurde? — Und er bestätigt es ihr in manchem Brief: „An Ihnen lerne ichs immerfort, daß man Lebenskraft (lebenskräftiges Schaffen) nicht aus Büchern holen kann, sondern nur aus der eigenen Seele! Sie müssen immer bei mir bleiben, — als mein guter Engel! Dann wird gewiß aus mir, was werden soll und kann! Wie unglücklich wäre ich, wenn ich Sie nicht hätte!" (August 1855.) Und nach der Katastrophe im Geisteszustand Schumanns zieht er nun in das Schumannhaus zu Clara, zu ihren Kindern! Stark ist der gläubige Aufblick der Frau. Sie schreibt später in ihr Tagebuch, für ihre Kinder: „Gott sendet jedem Menschen, und sei er auch noch so unglücklich, einen Trost. Ihr konntet mir in den schrecklichen Jahren nur Hoffnungen, keinen Trost gewähren. Da kam Brahms. Ihn liebte und verehrte Euer Vater... Auch Joachim war mir «in treuer Freund, — Ihr wißt es! Doch mit ihm lebte ich nicht immer zusammen. So war es Johannes allein, der mich ausrecht hielt. Vergeßt nie liebe Kinder, den Dank, den Ihr ihm schuldet, — für Eure Mutter!" Die unverwüstliche Kindlichkeit seines Herzens, die Reise seiner Künstlerschast vermischen sich unter ihrem Einfluß. Am 1. Dezember 1854 schreibt er: „Ich bin noch jung, noch jungenhaft; — Sie wissen allein, daß ich ernster fühle, daß der jugendliche Uebermut mich wohl anders erscheinen, aber nie vergessen lassen kann!" Sein kindliches Herz, seine derb-fröhliche Jugendlichkeit lebten sich aus, wenn er, mit seiner unendlich großen Fähigkeit, Freude und Vorfreude zu genießen, in Gemeinschaft mit Clara das Weihnachtsfest für ihre Kinder bereiten half. „Ich laufe fchon", teilt er mit, als sie auf Reifen ist, „so lange ich hier bin, an einem Laden vorbei, wo ich wunderschöne Soldaten entdeckt habe. Ich habe die allerschönste Schlacht jetzt, — so schön, wie ich sie noch nicht sah, und einen kleinen Turm dahei. Ich bin ganz glücklich darüber! Zu Weihnachten will ich alle meine Truppen so schön aufmarschieren lassen, daß Sie Ihre Freude daran haben sollen!" So wirkte sich nun für Schumanns Familie als ein Segen aus, was das wundervolle Brahmsherz an tiefer Güte und aufrichtiger Hilfsbereitschaft durch Robert Schumann erfahren hatte, so sproß die Saat aus tiefem, dankbaren Seelenboden. Und Brahms durfte „ausgleichen", opferfreudig und hingeben, die große Tat des Genies, das, fein Genie er- fichlend, es zuerst der Welt verkündet hatte. — Hatte schon der Meistergeiger Joachim von dem „ausnahmsweifen Kompositionstalent Brahms" gesprochen, und von „einer Natur, wie sie nur in der verborgensten Zurückgezogenheit sich entwickeln konnte'. — (1853 erst schloß sich Brahms dem ungarischen Geiger R e m e n t) i zu einer Konzerttournee von seiner Vaterstadt Hamburg aus an) „rein wie Demant, weiß wie Schnee", und von feinen Kompositionen gesagt: „es herrscht darin ganz das intensive Feuer, jene fatalistische Energie des Rhythmus, die den großen Künstler prophezeien", so ist Schumann aufs Tiefste durch diese Erscheinung berührt und erschüttert, und vergleicht ihn mit „einem jungen Adler", als er über Liszt und Weimar zu ihm nach Düsseldorf kprnmt; er nennt feine künstlerische Kraft einen prächtigen Strom, der, wie der Niagara, am schönsten sich zeigt, wenn er als Wasserfall brausend sich von der Höhe herabstürzt. „Johannes, glaube ich, ist der wahre Apostel, der da Offenbarungen schreiben wird, die Pharisäer nach Jahrhunderten nicht enträtseln werden." Und dünn erscheint der Dielumftrittene Aussatz Schumanns in der von ihm vorher redigierten musikalischen Zeitschrift: „Neue Bahnen". Brahms wird darin bezeichnet als einer, der den höchsten Ausdruck der Zeit in idealer Weife auszufprechen berufen fein würde. „In dunkler Stille schaffend, aber von einem begeistert zutragenden Lehrer in den schmierigsten Satzungen der Kunst gebildet (Marxfen), enthüllt er, am Klavier sitzend wunderbare Regionen... Lieder, deren Poesie man, ohne die Worte zu verstehen, empfinden würde, Klavierstücke, teilweise dämonischer Natur, Sonaten für Violine und Klavier, Quartett« für Streichinstrumente, — und jedes so abweichend vom anderen, daß sie alle ver- chiedenen Quellen zu entströmen scheinen. So scheint er, wie Minerva, auf dem Haupte des Zeus entsprungen. Wir heißen ihn willkommen als starken Streiter!" Aber nicht nur hinweisende Worte entsprechen der Natur Schumanns: in tatkräftiger Entschlossenheit macht er die Sache des jungen Genies dessen klangliche Welt von der (einigen wiederum durch eine ganze Welt getrennt ist, zu der (einigen, er empfiehlt ihn persönlich den Verlegern, verhandelt mit ihnen anstelle des praktisch Unerfahrenen, und fugt hinzu: Er ist ein höchst bescheidener Mensch, und von unerschütterlicher Liebenswürdigkeit". Dank seiner Vermittlung kann Brahms seine Kompositionen in Leipzig spielen. Brahms antwortet auf soviel Güte, auf soviel geniales Einfühlungsvermögen mit herzrührenden Worten: „Sie haben mich, verehrter Meister, so unendlich glücklich gemacht, daß ich nicht versuchen kann, Ihnen mit Worten zu danken. Gebe Gott, daß Ihnen meine Arbeiten bald den Beweis geben möchten, wie (ehr Ihre Liebe und Güte mich gehoben und begeistert hat! Das össentliche Lob, das Sie mir spendeten wird die Erwartlingen des Publikums auf meine Leistungen fo außerordentlich gespannt haben, daß ich nicht weiß, wie ich denselben einigermaßen gerecht werden kann... Möchten Sie nie bereuen, was Sie'für mich taten! Möchte ich Ihrer recht würdig werden!" Es ist charakteristisch für Schumann, der im Stillen immer um die „große Form" gerungen hat, und doch ein Meister der „kleinen Form^ war, daß er die Sonaten von Brahms als „verschleierte Symphonien anfah. Brahms vermochte aber wie Schumann, fein Tiefstes uicht in Der Symphoniesorm zu erlösen. Wenn auch Brahms fchon als junger Mensch gelegentlich seines Aufenthaltes in Detmold als Chorleiter und Lehrer Gelegenheit hatte, praktische Erfahrungen bezüglich der Behandlung Der Chor- und Orcheftermefsen zu machen, fo kam er doch erst 20 Jahre nach dem Schumannwort von den „verschleierten Symphonien" zur großen Form (Symphonie in C, L-Moll, k-Dur, v-Dur), eben weil sie nicht der ursprüngliche Ausdruck seines Genies war. Wie Schumann fußte Brahms auf Bach. Daher die architektonisch strengen Formen feiner Kunst, die Bülow veranlaßten, ihn zu den Klassikern zu zählen. Seine mustka- lischen Studien durch ein ganzes Leben immer mehr vertiefend, arbeitete er in der Zeit der größten Reife am strengsten darauf hin, das Gefühlsmäßige der tadellos gemeißelten und schönen Form unterzuordnen, die in gewaltigem Aufbau die Erfindung stützt und zusammenhalt, und auf Den Gipfel trägt. Diese „Abstraktion", wenn man (o will, in seinen Liedern, zahllosen Klavier- und Kammermusikwerken usw. befremdete seine Zeitgenossen. Und erst in den achtziger Jahren beginnt das Publikum, feine Größe zu ahnen, sich an seiner schlichten, durchaus männlichen Kunst zu erfreuen. Aber fein Verständnis auch weiterer Kreise, noch während seiner Lebzeiten, ist für ihn zu einer fo tiefen Quelle von Beglücktheit geworden wie das Verständnis im Schumannhause. Oos Mädchen an den Mai. Bon Eduard Mörike. Es ist doch im April fürwahr Der Frühling weder halb noch gar; Komm, Rosenbringer, süßer Mai, Komm du herbei, So weih ich, was der Frühling seN Wie aber? Soll die erste Gartenpracht, Narzissen, Primeln, Hyazinthen, Die kaum die Hellen Augen aufgemacht, fchon welken und verschwinden? Und mit euch besonders, holde Veilchen, Wär' es dann für's ganze Jahr vorbei? Lieber, lieber Mai, Ach, so warte noch ein kleines Weilchen! Die Dame mit dem Otterpelz. Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.) Jensen drückte auf die Glocke und ein harter, Heller Klingelton schrillte durchs Haus. Dann war wieder alles still. So still, daß man von drinnen deutlich den Pendelgang einer Uhr hören konnte. Abermals ertönte die Glocke — zweimal nacheinander in aggressivem Diskant. Aber nichts rührte sich. Nach einer Pause sagte Scharf: „Gehen Sie den Schlosser holen, Jensen — wir diirsen feine Zeit verlieren." Mer noch ehe Jensen sich zum Gehen gewandt hatte, hielt er ihn am Aerrnel zurück. „Still! Hören Sie nichts?!" Drinnen war eine Tür gegangen, eine Diele knarrte. Vorsichtig schleichende Schritte näherten sich der Flürtür. Daun wurde langsam von dem Guckloch die Klappe weggezogen, und ein Auge starrte unbeweglich durch die runde Oessnung. Die beiden Männer tauschten einen raschen Blick. Automatisch schoben beide die rechte Hand in die Manteltasche. Dem jüngeren Jensen riß Die Geduld. „Zum Kuckuck, so öffnen Sie doch, Sie da drinnen! rief er gereizt. Die Klappe fiel wieder zu. Dann fragte eine heisere Männerstimme: „Was wünschen Sie denn?" „Das werden wir Ihnen drinnen erzählen. Deffnen Sie jetzt endlich. Kriminalpolizei!" . _ „ . . Es war, als halte drinnen jemand vor Schreck ein paar Sekunden Den Atem an. Zögernd verlor sich der Schritt wieder nach dem Hintergrund. Und die Stimme antwortete diesmal in verbindlichem Ton: „Einen Augenblick, bitte — ich bin nicht an gekleidet." Scharf bekam vor Ungeduld einen roten Kopf. „Das stört uns gar nicht" rief er verärgert. „Machen Sie keine Umstände, und lassen Sie uns augenblicklich hinein! Sonst müssen wir aus- brechen lassen!" _... Das schien zu ziehen. Der Schlüssel drehte sich ttn Schloß. Eine Sicherheitsfette klirrte. Und in der halbgeöffneten Flurtür erschien ein Mann im Pyjama und Morgenschuhen, Der den krampfhaften Versuch machte, feinen linken Arm in den umgekehrten Aermel eines am Boden schleifenden Schlafrocks zu zwängen. _ , . . , „Verzeihen Sie", sagte er höflich, „ich pflege am Sonntag sehr lange zu schlafen. Als es das erstemal läutete, glaubte ich, geträumt zu haben, und legte mich wieder auf die Seite. Ein fo früher Besuch ist bei mir eine Seltenheit." . , , , . „Das will ich hoffen!" grinste Jensen und betrat hinter Scharf einen großen düsteren Raum, Kompromiß zwischen Wohn- und Arbeitszimmer, mit schönen und zweifellos echten Chippendalemöbeln und em paar sehr guten alten Stichen und Oelgemälden an den Wänden. Nach der Einrichtung hätte man auf Geschmack und Kultur des Besitzers schließen können. Aber das Ganze machte einen vernächlässigten und irgendwie zufälligen Eindruck. Es glich eher einem Möbeldepot als einer wohnlichen Be- Häufung Auf allen Gegenständen lag eine dicke Staubschicht. Der wertvolle Perferteppich war offenbar feit Jahren nicht mehr abgekehrt worden so daß man die schönen Farben kaum noch erkennen konnte. An den Fenstern hingen schmutzige, zerrissene Gardinen billigster Sorte. Reste von Holzwolle lagen hier und da am Boden verstreut. Im Kamin brannte fein Feuer, und die Kälte machte den Raum noch unbehaglicher, als er an sich schon war. Die beiden Kriminalbeamten schenkten indes Dem Zimmer zunächst weniger Interesse als Dem Mann im Pyjama, Dem es inzwischen endlich gelungen war, in feinen Schlafrock zu tommen. Cr war ein mittelgroßer Mensch zwischen dreißig und vierzig Jahren mit schütterem schwarzen Haar und einem mageren bartlosen Gesicht von beinahe südlicher Hauttönung. Der Mund war ausfallend hübsch und enthüllte bei Sprechen ein makellos schönes Gebiß, was besonders seinem Lächeln einen bestechenden Reiz verlieh. Stirn und Augen verrieten Intelligenz, aber das linke Augenlid hing, wahrscheinlich infolge einer Lähmung, etwas herab, was 'her Physiognomie zuweilen etwas harnisch Verzogenes gab. Er sprach ein tadelloses Deutsch und schien Den gebildeten Ständen anzugehören. Die Herren ignorierten seine zum «itzen einladende Geste, und Inspektor Scharf überrumpelte ihn ohne Einleitung mit Der Frage: „Wer finb Sie?" Der Befragte zögerte einen Moment in betroffenem Erstaunen mit der Antwort. Dann sagte er vollkommen ruhig: „Mein Name ist Fuchs — Caspar Fuchs. Womit kann ich Ihnen b’^ytun war die Reihe des Staunens an den Polizisten. Besonders In Scharfs Gesicht matte sich aufrichtige Bestürzung. Aber er fammelte feine Züge sogleich wieder zu dienstlicher Straffheit. gen unö wen Auto genom- „'liber vielleicht wäre es doch gut, diesen (£afpar Fuchs em wenig im Äuge zu behalten!' (Fortsetzung folgt.) Ti«, Herr Fuchs, kennen Sie eigentlich in Gtralfunb einen Kunstmaler n"ä Sagfrtang ganz nebensächlich, und nicht für -inen Augenblick schwand das vergnügte Lächeln aus seinem vertrauenerweckenden Gesicht. Nur sein Blick zielte dabei scharf in di« Augen des Befragten. Fuchs rubelte nachdenklich die Stirn. Er schien zu überlegen — sem Gedachtnis nach diesem Namen zu durchwühlen. Dann sagte er achselzuckend. ÖQurc — nein —. 2en ^Udrin kenne ich niet)*! Vielleicht war sein Nachdenken um den hundertsten Teil einer ’s* künde zu lang gewesen — oder der Ton seiner Entgegnung um einen einzigen Grad zu kühl, zu gleichgültig und konventionell. Jedenfalls hatt» Jensen den unverwischbaren Eindruck- der Mann li^ Und trotz, d-s mißbilligenden Blicks seines Vorgesetzten wurde er noch mehr geWM haben, wenn Inspektor Schars nicht das Zeichen zum Aufbruch gegeben -verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verla»: BrÜhl'fche Univerfitäts-Vuch. und Steindruckerei, D. Lange, Gießen. OtlCj)er brove Schars rang im Stillen verzweifelt nach einem möglichst dezenten Ausdruck für das, was er sagen wollte. Aber er kam gar nicht soweit. Fuchs schnitt ihm mit einer entschiedenen Geste das Wort ab: , Niemals! Ich bin als eingefleischter Junggeselle ein Feind i«der Störung meiner Bequemlichkeit. 'Außerdem bin ich ,a mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage nur wenige Stunden des Tages zu Haufe, denn . „Richtig, Sie sind ja Kunsthändler. Haben Sie em eigenes Geschäft oder vermitteln Sie nur die Käufe?" Jetzt drückte die Miene von Caspar Fuchs wieder ehrlichstes Er- „Jch danke Ihnen, Herr Fuchs, sagte er freundlich. „Und riechen Sie, wenn wir Sie in Ihrem Sonntagsfchiaf gestört haben. Ich will hoffen, daß wir Sie in dieser Sache nicht nochmals belästigen müssen. Ö Während er nach seinem Hut griff, fiel chm noch °bo>as e,n: Wurden Sie uns noch einen kurzen Gang durch Ihre Wohnung gestatten? Müder Form halber.. Fuchs verbeugte sich zustimmend und der Inspektor ging auf eme breite dunkle Flügeltür zu, die mit ordinären Juteportieren yertleibet mar Als er sie öffnen wollte, bemerkte er, daß ine Türklinke fehlte. Caspar Fuchs gab sofort die Erklärung: „Ich habe die Klinke abnehmen lassen, damit man nicht versucht ist, durch diese Tur zu S^en. ©ie ijt nämlich im Nebenzimmer durch einen Schrank verstellt. Ich Eß See bitten durch den Korridor zu gehen. Wenn Sie erlauben gehe ich voraus und öffne die Fensterläden. Es ist noch stockfinster im Schlafzimmer. Die beiden folgten langsam. Im Gang sagte der Inspektor zu Jensen. „Sie können übrigens Herrn Fuchs allein durch die Wohnung begleiten Ich qehe inzwischen hinunter und rufe beim Revier an. 'Vielleicht kann ich auch beim Hausbesorger noch irgend etwas Zweckdienliches erfahren. Auf Wiedersehen." . Er ging, und Jensen folgte dem Hausherrn.schweigend durch die Räume "Das angrenzende Zimmer war das Schlafzimmer, ein schmaler, einfenftrifler Raum, der in geschmackloser Weise mit Möbeln vollgepfropft mar Besonders unharmonisch wirkte darin ein alter Schrank von riesigen Ausmaßen ein prachtvolles Stück aus der Zeit Heinrichs des Achten. Er nahm beinahe die ganze Lange der Wand em und verbarg voC ständig die dahinterliegende Derbmdungstur. Das übrige Mobiüar war qewöhnliche Dutzendware. Und die kostbare Antiquität wirktt in dieser Umgebung beinahe wie eine Blasphemie. Sonst war nichts Bemerkens- i wertes in dem Raum. Beim Hinausgehen fiel Jansen em Telephon- ap parat ^in di7 Augen, der zwischen Bett und Waschtisch angebracht war. Sie haben Telephon?" fragte er verwundert. „Wir haben Sie vergeblich im Telephonregister gesucht. Wie kommt das?" Ich habe mich absichtlich nicht eintragen lassen. Meine Bekannten kennen meine Nummer. Und sonst braucht s.e niemand zu wissen. Bor geschäftlichen Am-usen will ich zu Haufe meine Ruhe haben. Der Beamte lächelte zustimmend. I „Ich verstehe — wie die berühmten Kinostars — nicht wahr? Niemand hätte behaupten können, daß auch nur der geringste ^>pott in seiner Stimme schwang. Nach einem flüchtigen Blick in die Küche und eine kleine Dunkelkammer, in der teere Stiften und aUerfyanb ®erumpel aufgeftapelt waren, verabschiedete er sich von Fuchs und flieg langsam die Treppe hinab. Aber auf dem ersten Treppenabsatz blieb er stehen und horchte zurück. Und als es oben still geworden sprang er mtt zw« lautlosen Sätzen noch einmal die Treppe hinauf, riß das oberste Blatt von dem Notizbuch und steckte es in feine Manteltasche Jur alle Falle dachte er bei sich. Obgleich er in diesem Moment nicht hatte erklären l können, warum er der spontanen Eingebung gefolgt war. Auf der Straße traf er mit Schars zusammen, der mit verdrießlichem Gesicht mitten im Regen stand und nach einer Autodroschke Ausschau hielt. „Blödsinnige Geschichte", knurrte er, „der reine Aprilscherz! Haben Sie' noch etwas Bemerkenswertes entdeckt?" I Jensen verneinte. . Ich dachte es mir. Der Mann macht einen völlig harmlosen Eindruck. Ich habe soeben den Hausmeister ausgehorcht. Der wußte aber auch nicht mehr zu sagen, als daß Fuchs schon sechs ^re un Hause wohnt und seine Miete pünktlich bezahlt. Ob und was für Besuche er empfängt, kann er natürlich bei der Unmenge von Leute, d,e in diesem Hau e aus- und eingehen, nicht wissen. Und eigentlich tummert uns bas auch verdammt wenig. Unsere Ausgabe war, zu erkunden, ob dieser Fuchs ermordet worden ist ober nicht. Diese Ausgabe haben wir erfuUL Weiter geht uns der Mann nichts mehr an. Magen die m Stralsund die Suppe auslöffeln, die sie sich eingebrockt haben Jensen antwortete nicht. Er hatte seine eigene Ansicht über öie Harmlosigkeit von Caspar Fuchs. Und diese Ansicht hätte sich vielleicht noch um ein Erhebliches gefestigt, hätte er ein Telephongesprach mttanhoren kow nen das Fuchs kurz nach dem Weggang der Kriminalbeamten führte. Dieses Gespräch bestand nur in ein paar kurzen Sätzen, die an eine ungenannte Person gerichtet waren und etwa folgenden Wortlaut hatten: Hallo — hier Caspar. Es ist etwas gegen uns im Gange. Es wird gut'fein, wenn du dich vorläufig nicht bei mir sehen läßt. Aber ich muh dich sofort sprechen. Hast du sie fortgeschafft?" Herr Jensen war nicht Zeuge dieses Anrufs gewesen. Und dennoch blieb er plötzlich mitten auf der Straße stehen und jagte laut vor .Haben Sie einen Paß zur Hand, Herr Fuchs? Ober sonst >Mad- CtneGifftf Gng ^m Schreibtisch und zog Nnd reichte schließlich bas Papier an Jensen weiter. Sluc^ btefer prüfte, verglich, brummt etwas in den Bart unb schrieb -bann Ausfertigungsdatum unb Paßnummer in sein Notizbuch. „Stimmt", bemerkte er trocken. ,/Si« sind also gar nicht toi, J/err ®“®s Ich I« «Ifrwmer SerMSffuna «on -IMIN MM »ch---». Dm» *"SSm LIS«? - nein- »« *•* f> «• *-*" -stsst stestlch und chne eine Spur oon Grzwungenhdit. Und -- itäÄÄÄSSÄ Äch-n'-dE er" -g etwas Aehnliches. Wir haben nämlich vor einer Hachen Stunde aus' Stralsund die Nachricht bekommen, bah Sie gestern abend - er- morbet worben sinb." . Es wollte Jensen erscheinen, als ob bei seinen in halbem Scherz hm- aeroorfenen Worten sekundenlang alles Blut aus dem Gesicht von Caspar Fuchs aewicken sei Und er fügte mit behaglichem Lachen hinzu: „Jetzt brauchen Sie nicht mehr zu erschrecken, Herr Fuchs 'Wemi man den Donner noch hort, hat einem der Blitz nichts geschadet. Jedenfalls sind I wir aufs angenehmste überrascht, Sie bei bester Gesundheit zu finden! I Fuchs lächelte dünn, und es war, als unterdrücke er gewaltsam etn I Schwanken in feiner Stimme, als er entgegnete: „Oet»^, meine Herren, I aber es ist doch immerhin ein etwas unheimliches Gefühl, ermordet zu fein — und es bloß selbst noch nicht zu wissen. Finden Sw nicht? Seine Heiterkeit hatte mit einmal etwas Nervöses, unnatürlich Gesteigertes. Dem schlauen Jensen entging die falsche Note in seinem La- tben nicht Und während Schars ein« kurze Vernehmung begann, ver- (egte er sich darauf, den Mann insgeheim zu beobachten. .beantwortete alle an ihn gerichteten Fragen mit höflicher Bereitwilligkeit ja, es kam Jensen so vor, als ob diese Bereitwilligkeit sogar um eine Nüance zu geflissentlich sei. ' | Darf ich fragen, ob Sie gestern abend zwischen fünf und sieben Uhr zu Hause waren, Herr Fuchs?" fragte Scharf, ,',Oder wenn nicht können Sie uns angeben, wo Sie sich um diese Zeit aufgehalten haben? Fuchs nickte eifrig: „Gewiß kann ich das. Ich habe gestern bereits gegen drei das Haus oer-taffen und bin direkt mit der Bahn nach Potsdam hinaus- gefabren zu Pastor Üenck, wo ich an jedem zweiten Samstag meine Bridgepartie habe. Ich war kurz nach vier Uhr dort und hatte eigentlich die Absicht, mit dem Siebenuhrzug nach Berlin zuruckzusahren und bann in ein Theater zu gehen. Aber inzwischen kamen noch em paar Bekannte von Pastor Lenck, und er bat uns alle, zum Abendessen dazubleiben Nachher wurde noch ein wenig musiziert, und im Umsehen ging es auf Mitternacht. Ich habe mir des schlechten Wetters wegen und weil ich auch ziemlich müde war, vom Wannseebahnhof ab ein Auto genonv men. Es war genau dreiviertel eins als ich zu Haus« war. Ich kann es mit Bestimmtheit sagen, denn im Auto entdeckte ich, daß meine Uhr stehengeblieben war, und ich bat den Chauffeur um die genaue Zeit. Scharf machte sich einige Notizen. Und — kann in Ihrer Abwesenheit niemand die Wohnung betreten haben? Hat vielleicht noch irgendeine andere Person einen Schlussel — ein Dienstbote oder sonst wer? Wer räumt bei Ihnen auf? „Niemand, ich besorge alles selbst. Ich liebe es nicht, einen fremden Menschen in meiner Abwesenheit in meiner Wohnung herumschnuffeln zu' lassen. Und wenn ich von meiner Arbeit nach Hause komme, will ich meine Ruhe haben." . „Sie leben also ganz allein? Sie haben auch niemals Logierbesuch .Kunsthändler...?" fragte er kopfschüttelnd. "Wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich Kunsthändler sei? Ich verstehe von Kunst nicht viel mehr als ein Matrose von Viehzucht. Ich bin Chemiker unb arbeite feit acht Jahren in den Farbwerken von Neff & Petersen am Vinetaplatz. Was eigentlich beweisen würde, daß Sie mindestens von —■ ijarben mehr verstehen als der Matrose von Viehzucht!" fiel ihm Plötzlich der bisher so schweigsame Jensen ins Wort. Der Einwurf klang wie em harmloser Witz. Aber aus Fuchs' gesundem Auge streift« ihn em rascher, Z . . S. :.. ~ - GrlnnnaKummfon t rt X» atY) Ort d OnTrtlYWl stechender Blick, der dem jungen Kriminalbeamten keineswegs entging, j Ein weniger geübter Beobachter hätte kaum erraten können, ob Fuchs । den Kwifchenruf überhaupt beachtet hatte. Denn er fuhr ohne Atempause fort: „Hier scheint irgendein Mißverständnis vorzuliegen — eine Verwechselung vielleicht?" , , . . ... Ja es scheint so", bemerkte Scharf em wenig betreten und verfiel in Nachdenken. Ein paar Minuten blieb es still im Zimmer. Plötzlich aber platzte Jensens forsches Organ mitten in das Schweigen: „Sagen