GietzenekZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Zahrgang <955 Montag, den 4. Dezember Nummer 94 Advent. Von Ruth Schaumann. Im Nebel sind die Wege lang, Der Fluß ein dunkles Schlafgemach. Die Brücke sinnt sich selber nach, Von eigner Schwere müd und bang. Der Jäger schleppt ein Reh vom Wald, Ein totes Reh zur Stadt herein. Im Pappelbaum die Naben schreien: Die Welt ist kalt, die Welt ist kaltl Der Nebel wächst, der Nebel schwillt, Nun nichts als Grau und Todestau. Die schweren Schritte stützt so mild Ein Pilger seiner jungen Frau. Eine ordentliche Krau. Von Hans Fran cf. Seit dem Beginn des letzten Winters ist die Vüdnerswitwe Hörten Dankert von allen im Dorf — von Mann und Frau und Kind — Großmudder genannt, 93 Jahre. Aber wenn sie sagen soll, wie man es macht, alt zu werden, so würde sie vor Verlegenheit rot anlaufcn. Denn was kann ein vernünftiger Mensch auf tiefe Frage wohl antworten? Viel arbeiten und wenig essen? Das versteht sich von selbst. Zu „machen" ist bei dem Altwerden überhaupt nichts. Tag reiht sich an Tag. Wochen werden daraus. Das dauert manchmal lange. Aber wie aus Wochen Monate, und gar wie aus Monaten Jahre, Jahrzehnte werden, merkt man nicht mehr. Ehe man sichs versieht, heißt man Großmudder und ist iieiundneunzig. Allerdings stellt Dörten Dankert fest, die im Frühlingssonnen- schetn neben der Großdielentür auf der Holzbank sitzt und Kartoffeln schält, allerdings schwer ist's gewesen, ihr Leben. Den Mann und sechs Jungen wieder hergeben, die beiden letzten an den Krieg — sehr schwer! Und dann hat die Tochter, die einzige, ihr auch noch das Unrecht angetan, schon mit sechzig Jahren zu sterben, so daß sie zu ihrer Enkelin ziehen mußte, die gut zu ihr ist, aber doch nicht mehr Blut von ihrem Blut nnd von dem Blut ihres Mannes, der nun auch schon zehn Jahre in der Erde liegt. Warum die Menschen es wohl so eilig mit dem Sterben haben? fragt Dörten Dankert, ohne daß ihr Messer auch nur einen Augenblick innehält, um die Kartoffel hcrumzulaufen und die Schale llattdünn davon abzutrennen. Wenn man sich mit Krankheiten richt einläßt — und dazu liegt nicht der geringste Grund vor — dann muß man doch alt werden, ob man will oder nicht! Von ihr sagen alle Leute: Sie wird's zu hundert Jahren brin- «en. Dann sott auf Gemeindekosten eine großes Fest gefeiert wer- ien. Der Grotzherzog schenkt eine silberne Tasse — der Oberkirchenrat einen gerahmten Bibelspruch — die Musikanten blasen - und vom Morgen bis zum Abend hört sie nichts als: Hundert ! Hundert? Nee! Das weiß sie besser als die andern. Manches ist in letzter Zeit mit ihr nicht mehr so, wie es bei einer ordentlichen Frau zu sein hat. ....... . . ... . . Als Dörten Dankert sich dies kopfichuttelnd vorgehalten hat, »ird auf der Dorfstraße Pastor Lüth sichtbar. Trotz Kurzsichtigkeit gewahrt er, daß sein ältestes Gemeindemitglied neben der offenen Dielentür sitzt. Also begibt er sich auf dem holprigen Hofdamm — Lagen und Ackergerät rechterhand, Dunggrube und Kompost- hailfen linkerhand - zu der Kartoffelschälerin. „Wie er stümpert!" muß Dörten Dankert denken, als sie das i Messer fortlegt nnd ihre Rechte in der blauleinencn Küchenschürze abmischt, daß sie zum Gutentagsagen fertig ist, wenn der Herr IPastor, ein Kiekindiewelt von 68 Jahren, endlich da ist „Nun, wie gcht's, Großmudder?" fragt Lüth, sobald die Be- Aüßung vorüber ist und die Dreiundneunzigjährige das Kartoffel- shblen wieder ausgenommen hat. r ~<- „Wie soll's einer alten Frau wohl gehn? Schlecht, Herr Pastor!" lautet die Antwort „Na, was ist denn, Großmudder? Hilft der weißhaarige Mann im langen schwarzen Rock wissen. Dörten Dankert schneidet die abgeschälte Kartoffel mit zwei 4 Schnitten in vier Teile und wirft sie so heftig in den Eimer an ihrer Seite, daß das Wasser hoch aufsprttzt. Dann fährt sie mit der Linken, ohne sie an der Klichenschürze gesäubert zu haben, i» deu Mund, packt einen Zahn und sagt: „Da!" „Tut weh?" fragt der Gottesmann teilnehmend. Dörten Dankert schüttelt den Kopf und kreischt anklagend: „Wackelt!"' „Einer von den Zweiunddreißig, die noch immer Grobbrot bekßen können, ist so unverschämt zu wackeln?" lacht Pastor Lüth. „Nichts drüber zu lachen!" eifert die Dreiundneunzigjährige. Zwar ihre Enkelin hat mit 40 Jahren nur noch die Hälfte der Zähne, und die andre Hälfte ist bröcklig wie Mörtel, in den beim Anrühren zu wenig Zement hineingeschüttet wurde. Aber das ist doch kein Zustand! Sie müssen mit den Menschen aushalten. Wie bei ihr und beim Herrn Pastor. So und nicht anders hat der liebe Gott sich diese Sache gedacht. „Sie müßten mit dem Menschen aushalten! So hat der Herr es gewollt!" seufzt der Pastor und denkt an das GlaS neben seinem Bett, in dem des Nachts seine Zweiunddreißig schwimmen. „Mit dem Bibellesen will's auch nicht mehr richtig!" klagt die Dreiundneunzigjährige. „Brille nötig?" antwortet mit übertriebenem Bedauern Pastor Lüth, dem kürzlich der Arzt eröffnet hat, wenn seine Kurzsichtigkeit weiterhin zunimmt, wie in den letzten Jahren, hilft selbst das schärfste Glas nicht mehr. „Brille?" entrüstet Dörten Dankert sich. Bloß das nicht! Wenn sie die Bibel soweit von sich weghält, wie die Hände reichen, dann kriegt sie die Buchstaben noch zusammengesucht. „Und alles andere?" tragt Pastor Lüth, „ist genau so gut — Entschuldigung, Großmudder! — genau so schlecht in Ordnung wie die Zähne und die Augen?" „Ja, schlecht geht's!" klagt Dörten Dankert. Da inwendig — — sie zeigt mit der halbgeschälten Kartoffel auf ihr Herz — da puckerts jetzt manchmal so, daß sie nachts darüber aufwacht. Und — ihm kann sie's ja ruhig sagen — und sie wird Gusting ihre Konfirmation bestimmt nicht mehr erleben „Bis zur Konfirmation deiner Urenkelin sind ja nur noch vier Tage, Großmudder!" ruft Pastor Lüth die Greisin an. „Wenn Gusting", schreitet die Neunundneunzigjährige unbeirrt ihres Weges weiter, „im schwarzen Abeudmahlkleid zum Tisch des Herrn geht, liege ich schon in der Erde. „Dann mußt du ja heute Nacht sterben, Großmudder!" „Werd ich auch." „Unsinn!" sucht der geistliche Herr sich von den unsichtbaren Stricken frei zu machen, die ihn fester und fester umschnüren. „Hundert Jahre wirst du alt. Ich hringe dein Bild in die Zeitung. Und schreibe dazu: ,Heut feiert die Büdnersaltenteilerwitwe Dörten Dankert in seltener körperlicher und geistiger Frische —Sie kann's nicht mehr hören, das ewige Gerade von den hundert Jahren! Fällt die Dreiundneunzigjährige dem Pastor ins Wort. Wenn Gusting am Altar kniet, um aus seiner Hand zum ersten Male Christi Leib und Blut zu empfangen, dann liegt sie — „Warum willst du durchaus heute Nacht sterben, Groß- muöder?" rüttelt der Pastor dte Greisin, die Kartoffel nach Kartoffel schält und in den Eimer mit Wasser wirft, ohne daß eine vorbeifällt. „Weil der erste Zahn wackelt?" „Ich will ja gar nicht!" stößt die Dreiundneunzigjährige hervor. „Ich möchte gern noch ein paar Jahre leben. Solange bis ich weiß, ob Gusting einen guten Mann kriegt. Aber ich werde heut Nacht sterben müssen. Ich fühl's. Da inwendig. So hat's noch niemals gepuckert wie in der letzten Zeit." In diesem Augenblick steht Großmudöers Enkelin, die Besitzerin der Büdnerei, aus der Schwelle der Großdiele und fragt: Ob denn die Kartoffeln noch nicht fertig geschält sind? Schnell! Sonst kriegt sie das Mittag bis zwölf Uhr nicht fertig, und es gibt von ihm bei Tisch ein saures Gesicht zu sehn! „Denken Sie nur", springt Pastor Lüth zwischen Anklägerin und Angeklagte, „Großmudder behauptet, daß sie Augustes Konfirmation nicht erlebt. Sie ist des festen Glaubens, daß sie heut Nacht sterben muß." Da reißt es die vierzigjährige Büdnersfrau über die Schwelle hinweg, sie tritt vor die Dreiundneunzigjährige hin und sagt: „DaS wirst du uns nicht antun, Großmudder. Soll ich Palmsonntag, wenn die Stube voll Besuch ist, in die Kkiche gehn und abwaschen? Vor der Konfirmation? Ausgeschloffen! Nach dem Fest soll uns jeder Tag recht sein!" „Aber Frau —" beginnt Pastor Lüth, um der Bildnerin ihre Worte als ungeziemend und unehrerbietig zu verweisen. „Ist gut!" sagt Dörten Dankert, ehe er bis zum Tadel kommt, und schält mit erhöhtem Eifer Kartoffeln. „Das Mittageffen kann um 12 Uhr fertig sein. An mir soll's nicht liegen. Und das andre bring ich auch in Ordnung." Die Blidnersfrau gehl in die Küche an den Hertck zurück. Pastor Lüth streckt der Dreiundneunzigjährigen seine Hand zum Abschied entgegen. Aber die hat keine Zeit, sie zu nehmen Da bleibt dem Geistlichen das Abschiedswort im Herzen stecken. Er zieht den Hut und stümpert stumm davon. * In dieser Nacht trat der Tod in die Schlafkammer Dörten Dankerts. Wie noch nie zuvor begann ihr Herz zu hämmern. Kein Zweifel, seine Botschaft lautete: „Nun — ist's — so — weit!" Die Dreiundneunzigjährige verstand. Aber sie wollte von dieser Botschaft nichts wissen, wollte sich ihr nicht beugen. Sie rief, sie schrie dawieder: „Ich — darf — noch — nicht!" Mochte das Herz hämmern so laut, so viel es wollte, sie hämmerte in gleichem Takt, nur lauter, härter, hestiger auf sich, auf das hämmernde Herz ein: „Ich — darf — noch — nicht!" Dörten Dankert behielt gegen das „Nun — ist's — so — weit!" ihres Herzens recht. Unverrichteter Sache muhte der Tod ihre Schlafkammer oertaffen. Am andern Morgen stand die Dreiundneunzigjährige eine Stunde früher als gemeinhin — Uhr vier statt Uhr fünf — von ihrem Lager auf und tat ihr Tagewerk eine Stunde länger als üblich: bis neun Uhr abends. Müde war sie wie noch nie in ihrem Leben. Nicht daran denken! An ihren Füßen mutzte sie schleppen wie noch in keiner Stunde bei Tag oder Nacht. Alle Kräfte zusammennehmen, datz sie's schaffte! So feierte die Dreiundneunzigjährige die Konfirmation ihrer Urenkelin. Wenn man dem Kirchgang und den Mahlzeiten absieht, bestand diese Feier darin, daß Dörten Dankert nicht nur ihre übliche Sonntagsarbeit verrichtete, sondern auch noch den größten Teil der Festtagsarbeit der Konfirmandenmutter auf sich nahm Als Dörten Dankert nach beschicktem Tagewerk mit überhellen Augen endlich in der ausgeräumten Stube saß, darin man zu den Klängen einer Harmonika herumhopste, trat der Kon- firmandenvater vor sie hin und sagte — eines Neins gewiß — lachend: „Nun, Großmudder, wollen wir beide einen Walzer zusammen riskieren?" „Ja", antwortete die Dreiundneunzigjährige, „tanzen möchte ich wohl noch mal. Aber nicht mit dir!" „Mit wem denn?" bullerte der Angeheiterte. „Mit Gusting!" lautete die Antwort. „Ruhe im Saal!" klatschte der Abgewiesene in die Hände, „Großmudder will danzen'" Erwachsene, Kinder räumten das Zimmer. Gusting ging zur Großmutter. „Knix machen!" befahl der Vater. Gusting knixte. Dörten Dankert nahm den Kops ihrer Urenkelin zwischen die Hände. Sah ihr lange in die Augen. Küßte sie. Frauen begannen in den Augen zu wischen. Männer kauten auf ihren Bärten. „Speel upp, Mußkant!" rief der ernüchterte Vater. Die Harmonika begann eine schmelzende Weise. Großmutter stand aus. Nach der Sitte legte sie ihren Arm um die Konfirmandin. Und dann tanzte die Dreiundneunzigjährige mit ihrer vierzehnjährigen Urenkelin. Nur einmal in der Stube herum. Sehr langsam. Aber einen Walzer so untadelig, daß kein junges Mädchen ihn vollkommener hätte tanzen können Am andern Tage war Dörten Dankert in der Früh die Erste, des Abends die Letzte, die von den Insassen der Vüdnerei aus den Beinen stand Denn es mutzte viel Festschutt auf dem Hause geschafft werden. Nun war es für das ganze Dorf zur Gewißheit geworden: Großmudder wird hundert Jahre! Man kann die Musikanten in der Stadt schon bestellen. Vorausgesetzt, daß die es erleben. Denn Großmudder kommt bestimmt soweit. Am Gründonnerstagabend, als alle in der Stube saßen — der Vater mit der Zeitung, die Mutter mit einer Näharbeit, Gusting mit einem Buch am Tisch, Großmudder mit einem Strickstrumpf neben dem Ofen — sagte die Dreiundneunzigjährige: „Diese Nacht werd ich's wohl abmachen müssen." „Was?" wollte die Bäuerin wissen. „Totbleiben " Was der llnsinn solle? „Kein Unsinn Da inwendig puckert's wieder. Nun — ist's — so — weit!" „Hat bei alten Leuten nichts zu sagen." „Doch hat das was zu bedeuten. Und übrigens hast du selbst in Gegenwart von Herrn Pastor mir erlaubt: Nach der Konfirmation ist Euch jeder Tag recht." „Nach dem Fest babe ich gesagt!" verbesserte die Enkelin Groß- mudders Worte. „Aber Ostern ist noch nicht gewesen." Da holt die Dreinndnennzigjährige weiter aus: Das sei falsch überlegt. Nach dem Fest koste ihr Totbleiben Ihnen drei Tage. Die brauchten sie aber unbedingt zum Kartoffelpflanzen Wenn sie's dagegen heut Nacht abmache, stehe sie an zwei Festtagen, Karfreitag und Ostersonntag, über der Erde. Der Tag dazwischen fei auch ein halber Feiertag. Und am zweiten Ostertag werde sie Begraben. Also wenn sie's richrig zusammen überlegten, sei's doch wohl das Veste. — „.f'tmmelfiagel!" schrie der Büdner. „Immerzu von Sterben und Begrabenwerden reden, wer soll dabei in Ruhe seine Zeitung lesen?" Und er hieb die Blätter aus den Tisch, daß sie — ritsch! — unter feiner Hand zerrissen „Wenn man dreiundneunzig ist", verteidigte die Büdnerin die Gescholtene", hat man ein Recht, an den Tod zu denken." „Großmudder — sterben?" höhnte der Büdner. „Hundert Jahr wird sie alt. Zweihundert!" „Behüte Gott!" sagt Dörten Dankert in ihrer Ofenecke. Und es war wieder Stille im Zimmer. Knistern der Zeitung, Umwenden eines Buches, Knirschen einer Schere, Klappern zweicä Stricknadeln — Alles, was man von Zeit zu Zeit hörte. Plötzlich erklärte Großmudder: „Ich leg mich schlafen. Bin |i müd heut. Und hab in dieser Woche gar kein Recht dazu." „Ist denn mein neues Paar Strümpfe fertig?"; wollte Gustins wissen. „Sonst geh ich doch nicht zu Bett!" entrüstete Großmudder fiiti „Aber die Uhr hat noch gar nicht acht geschlagen!" rounöerti sich die Bäuerin. „Acht oder nicht acht — laß Großmudder doch schlafen geM wenn sie möchte", griff der Büdner ein. „Alte Leute fühlen sich ij Bett am wohlsten." „Gute Nacht", sagte Dörten Dankert und stützte sich in ihrenD Stuhl hoch. Als es ihr zur Hälfte gelungen war, sank sie zuriiP „Na nu?" rief der Büdner, sprang auf und lief zum Ofenl „Großmudder!" schrie die Büdnerin Gusting war keines Wort,« mächtig. Weinend verbarg sie das Gesicht hinter dem Wall ihm Arme. Dörten Dankert sah, hörte nicht mehr. An zwei Festtagen und einem Alltag, der zwischen ihnen fu eingeklemmt war, daß ein Ackersmann mit ihm nichts Rechtes atu fangen kann, stand die Dreiundneunzigjährige über der Erdr Am zweiten Ostertag wurde sie begraben. Ungehindert durch Großmudders Sterben konnten Biidnm Büdnerin und Gusting am Tag nach Ostern beim Startoffellegei beginnen. Der Große König, gesehen von einem seiner Offiziers Nene Züge z« feinem Bilde. Von Jakob Anton Friedrich Logan-Logejus. Ein Theologe namens Logan-Logejus, den sein' wildes Blut von der Probepredigt zur Armee öc§ä großen Friedrich treibt, steigt im Verlauf der schlesischcisi Kriege vorn Kornett bis zum Husarenmajor auf unB mutz 1759 seinen Abschied nehmen, da ihn ein Sturz hohl Pferde zum Dienst untauglich macht. Seinen Lebenserinnerungen werden jetzt unter dem Titel „Und schilt ihr nicht das Leben ein" bei Wilh. Gottl Korn in Breslau von einem deutschen Offizier herausgegeben. Sis bieten einen sehr wertvollen Beitrag zu der Geschieht« dieser Heldenzeit, schildern den herrlichen Geist dm Truppen Friedrich, die Größe und das Grauen dm blutigen Schlachten von Hochberg bis Kunersdorf, te glänzenden Gestalten von Sendlitz, Zielen und anöcre Neiterführer Besonders wertvoll a6er sind die Züge, die uns von dem großen König selbst aufgezeichnÄ werden und von denen wir einige hier mitteilen. Erste Begegnung. Der für mich denkwürdige Augenblick kam. Mein Herz begann ungestümer zu schlagen, meine Augen füllten sich mit Tränen btt: Begeisterung, als der Monarch auf die erste Rotte des rechten Flügels unserer Leibeskadron, in der ich neben meinem Nist' meister hielt, zugeritten kam und, sich zu dem ihn begleitenden . Obersten wendend, sagte: „Oberst Natzmer, Er hat mir ein schönes! Corps geworben. Ich sah kein schöneres. Ich erwarte viel ooii ihm." Ich hörte diese Lobesworte, ich fah die Milde, die Huld auli des Königs Antlitz, ja, ich blickte ihm mitten in die großen, blauen , Augen. Ich hätte am liehsten vor ihm niederknien mögen, so ci" , schütterten mich Worte und Gestalt des Monarchen, dessen Nähe, früher das Ziel meiner Wünsche, heute zur Wirklichkeit gewor- i den war. Nach der Schlacht bei Prag. Während meines Rittes hatte ich das Vergnügen, dem $7on- ardjen zu begegnen Er ritt mit dem Prinzen Heinrich und den General von Zielen. Ein Zug der Garde du Corps bildete di! Bedeckung. Der König wurde meiner ansichtig, ich salutierte, hiev auf fragte er mich: „Wo ist fein Chef?" „Eure Majestät, der Oberst Puttkamer hält bei seinem Regiment dort hinter dem Dorf da" antwortete ich, zu dem betreffenden Dorf hinweisend. Daraus dee König: „Rufe Er ihn her zu mir!" Wie ein Federball flog mein Scheik dahin. Ich kam zu Puttkamer und richtete ihm den Aus trag des Königs ans. Da der Adjutant zum verwundeten Gcnerm Winterfeld geritten war, und ich den Weg zum Monarchen durch das von zahlreichen Anhöhen und Hügeln bedeckte Gelände doch schon kannte, so nahm Puttkamer mich mit . Nach einiger Zeit sanden wir den König. Er hielt jetzt aus einem anderen Hügel Puttkamer mußte rapportieren. Der Monarch hörte ihn runiü an Nachdem der Rapport beendigt war, blickte der König zu einem Wagen, der weiter unten vorbeifuhr, und auf dem die äußer!! blutigen Leichen zweier Offiziere vom Bataillon Garde lagen. ! Des einen Kops bewegte sich immer zum König hin, und io w» > sich vieler bewegte, bewegte sich auch sein rechter Arm, so schien e„ i als ob er den Monarchen grüßte. Ob nun diese Bewegungen dura den an sich höchst unebenen Boden hervorgerufen wurden oder da- . durch, datz die Näder des Kompaniewagens schadhaft geworden j waren, will ich dahingestellt sein kaffen. Jedenfalls bot dicici i Totentransporl einen schaurigen Anblick. . Mit einem wehmütigen Ausdruck in seinen Mienen tagte beim Anblick der toten Offiziere der Monarch zu P'illkamer: beiden da sind tot. Und der Schwerin ist tot. Und der Warten berg ist tot. Bald find alle meine Generäle und Offiziere ■ Dann muß ich allein vor der Armee kämpfen." Pnttkamer a- roortete: „Für einen toten Feldmarschall werden Eure Male! oret neue Generäle Haven und für einen toten Leutnant deren fünf." Darauf der König: „Ist Er dessen so gewiß?" Puttkamer aber sagte: „Ja, Majestät, so wird's schon fein." Der Monarch lächelte wehmütig und sprach zu Puttkamer: „Ich wünschte, Er hat recht, aber ich behalte lieber den Feldmarschall und habe dann doch noch die drei Generäle." Danach ritt der König weiter, während Puttkamer und ich uns ihm eine Zeitlang anschlossen. Friedrich und der Prinz von Preußen. Den Monarchen trafen wir in einem größeren Bauernhause an. Zugegen waren die beiden Generäle von Krockow und von Krusemarck. Der erstere schien nicht lange vor uns eingetroffen zu sein. Der Monarch war sehr ernst, ohne aber finster zu sein. Die Schmerzen, die sich in seinen Mienen widerspiegelten, vermochten nicht jenes Einnehmende, jenes Sanfte, das ihm so eigen war, zu unterdrücken. Genau so wie in früheren Zetten ging von seiner Person jener Zauber aus, der jeden bannte. Die an uns gerichteten Fragen verrieten nur zu deutlich, daß der König über alles, was das Korps des Prinzen von Preußen und die Einäscherung Zittaus betraf, schon unterrichtet morden war, eine Verbindlichkeit mehr für uns, ihm alles, auch bas Unangenehme, der reinsten Wahrheit nach zu sagen. Nachdem wir rapportiert hatten, wurden wir vom König huldvoll entlassen. Gegen Mittag des anderen Tages rückten mit dem Monarchen an der Spitze die Regimenter an. Der Prinz und die drei Generäle ritten von uns Husaren dem König entgegen. Jene vier aber wurden vom Monarchen nicht nur mit einer schneidenden Kälte empfangen, sondern auch mit den allerschärfsten Vorwürfen bedacht, und ganz besonders war beides der Fall bei dem Prinzen von Preußen, seinem Bruder. Nach wenigen Tagen verließ dieser tiefgebeugt sein Kommando, bas nunmehr der Herzog von Bevern zurückerhielt. Nach Hochkirch. Der König war mit dem heutigen Tage für einen jeden unserer Krieger zum Gott geworden. Er, der sich in seiner vom Staub und Pulvergualm völlig geschwärzten Uniform von keinem Grenadier unterschied, der mitten in einer Hölle von Tod und Gefahr wie jeder Soldat gestanden und unerschrocken mit dem Degen in der Hand allen ringsum bewiesen hatte, daß er auch zu kämpfen vermochte wie ein jeder andere Mann, er hatte, ungeachtet des Verlustes einer Schlacht, eines Lagers und vieler Generäle und Soldaten, im Scheine des brennenden Hochkirch sich die Herzen seiner Krieger für sein Leben erobert. Und mag man auch später in den Annalen dieses Krieges die Namen Prag, Roßbach, Leutben und Zorndors mit goldenen Lettern versehen, so sollte man hierbei des Namens Hochkirch nicht vergessen. Denn nur allein auf diese Bewunderung, diese Anhänglichkeit, die seine Krieger ihm, dem Großen, von diesem vierzehnten Oktober au entgegenbrachten, vermochte er seine Pläne aufzubauen und das zu erreichen, was er in diesem denkwürdigen Kriege erreichen sollte. Hier in dem brennenden Hochkirch hatte unter König bewiesen, ögß er auch zu feinen Worten stand, zu ihnen stand mitten im Krachen der Kartätschen, mitten im Gepraffel des Gewehrseuers. mitten zwischen brennenden Häusern und unmittelbar vor den Bajonetten anstürmender feindlicher Grenadiere, die sich doch wirklich nicht willens gezeigt hatten, auch nur einem einzigen Preußen als Antwort auf Leuth en Pardon zu geben Nur von einem, der es mit erlebt hat, kann es ausgesprochen werden: Der Ueberfall auf unser Lager, mit dem der Feldmarlchall Daum und seine Heerführer doch etwas ganz anderes zu erreichen trachteten, wurde ein Fundament zum Ruhm und zur Größe unterer Könige, wurde ein Sockel der künftigen Sicherheit Preußens, wurde zum Eckstein des Glücks meines geliebten Vaterlandes. Denn alle die furchtbaren Schicktals^cköge, denen wir noch entaegenzugeben hatten, wir alle, unser König, untere Armee, unter Vaterland, fönten nur dadurch jeweilig Überwunden, gar manchmal gemeistert und schließlich besiegt werden, daß sich in Hochkirch etwas geosfenbart hatte, das heller scheint als alle Diamanten der Welt und das wertvoller ist als alles Gold dieser Erde. Nach Kunersdorf. Die Sonne stand schon ziemlich hoch, es war die fünfte Stunde des neuen Tages Nie werde ich die Empfindungen, die auf mich einftürmten, vergessen, als jetzt der von zwei Husaren geleitete Waaen mit der Leiche Puttkarners vor der Brückenwache eintraf, und untere Husaren sich um die sterbliche Hülle ihres geliebten Chefs drängten und sie in tiefer Ehrfurcht umstanden. In diesem Augenblick kam der König mit zwej Offizieren, von denen der eine der Rittmeister von Prittwitz war, herangeritten. Unsere weißen Pelze sehend, ritt er auf uns zu. Ich ging ihm entgegen. Der Monarch fragte mich: „Was stehen Seine Leute da so hemm?" „Eure Majestät, wir Husaren betrauern unfern Chef" „Ist der General Puttkamer tot?" „Ja, Majestät, er bekam einen Schutz in die Brust, als ich neben ihm focht" Daraus der König: „Ich will ibn sehen!" Ich ließ die Husaren eine Lücke bilden Der Monarch stieg vom Pferde, hierauf schritt er zur Leiche nuferes toten Helden. Einen Augenblick verharrend, dann den Hut ziehend sprach der König mit Tränen in den Augen langsam und eindringlich, als ob es der tote Puttkamer noch einmal hören sollte: „Er war einer der Tüchtigsten, Er war mir immer ein treuer Freund." Dann schritt er zu feinem Pferde Als er aufgesessen war, hörte ich. wie er feinem Adjutanten befahl, daß Putt- kamers Leiche sogleich auf einem Ponton nach Küstrin gebracht werden sollte. Ich wollte dem Monarchen noch eine Nachricht über Seydlitzens Verwundung geben, aber er ritt schon zu den benachbarten Grenadieren. Auf Befehl des Königs sprengten jetzt mehrere Adjutanten zu den Generälen und Chefs, die lhrerseltS wie- derum ihre Adjutanten abschickten. Es waren nur noch wenige 9 u«8r!n6 "Eg, und der Rest unserer Armee hatte sich in Ordnung in Kolonnen ausgestellt. Hiermit trat auch so- Sleich die alte preußische Manneszucht wieder in ihre unerschütterlichen Rechte. wiesele. Die Geschichte eines kleinen Pferdes. Von Nikolaus Schwarzkops. lNachdruck verboten.) lFortfetzuug.» Wenn das Fuhrwerk einmal das Weichbild der Garnison verließ und auf Feldwege kam, begann Dauphin heftig die Luft in die Nasenlöcher zu zerren, der Hals bog sich steil vom Kummet in die Höhe, und vor seinem geistigen Ange zeigten sich die Bilder seiner frühesten Jugend, das Glück der Einfachheit im kleinum- zirkten Leben hinter den Bergen. Alsdann ging's aber jeweilen wieder zur Stadt zurück, in die Kaserne, und die stolze Kurve des Halses sank wieder. Der Koch der dritten Kompanie, der es gut mit Dauphin meinte, hielt ihm oft eine Handvoll Kartoffeln unter die Nase, aber Dauphin biß nur an, wenn er ganz großen Hunger hatte, und oft geschah es, daß der Koch ihm die weichen Kartoffeln ins Maul stopfte. Da schreckte Dauphin wie ans Träumen auf, ließ entsetzt die Kartoffeln fallen und sah den Spatzen zu, die sogleich sich drüber hermachten und zankten, bis alles aufgefressen war. Auch die Kinder umjubelteu Dauphin immer seltener und seltener und schließlich gar nicht mehr. Es kam so weit, daß sie, wenn sie ihn bei seinem Balthasar sahen, zu rufen begannen: „E Zigga! e Zigga!" als ob dieser Laut Dauphins neuer Name gewesen wäre, Dauphins Soldatenname! 15. Einmal aber geschah dies: Dauphin trottelt so auf dem Pflaster hin durch den Schatten und hört plötzlich seinen wirklichen Namen rufen: „Dauphin!" Er reißt den Kopf hoch, --- spürt er nicht den Husarenschweif zwischen den Ohren schwanken! — stößt voller Ungeduld die Luft aus den Lippen, biegt den Kopf zurück und sieht um sich. Wieder ruft jemand: „Dauphin!" Auf einem mit alten Schuhen hochbeladenen Wagen vorm offenen Tor der „Kammer" steht ein Soldat, hält einen Stiefel in der Hand und ruft „Dauphin" Der Soldat lacht laut und ruft etwas, kommt aber nicht, und Dauphin trottelt weiter, indes Balthasar zu dem Soldaten zurückguckt und auch wettergeht. Dauphin aber läßt den Kopf nicht mehr sinken, reißt die Augen weit auf und strengt sich an, die Ohren hoch zu halten Er glaubt fast, den wedelnden Husarenbusch wirklich an den Ohren zu spüren, ihn und ein goldbordiertes Purpurmantelettchen um den mageren Leib. Und er hört die liebe Stimme seines ersten Direktors. Dauphin bleibt plötzlich stehen. Balthasar guckt zurück, was heißen soll: „Na los!" Aber Dauphin bleibt stehen und nickt mit dem Kopfe heftig auf und ab und herüber und hinüber. „Los!" kreisch! Balthasar neben der Zigarre heraus und klatscht in die Hände, wartet einen Augenblick, kommt zurück, nimmt Dauphin am Zügel und will ihn mit sich ziehen. Aber Dauphin hebt keinen Fuß und läßt sich nicht forderten. Der Soldat auf dem Schuhwagen lacht und wirft einen Stiefel nach Dauphin, der aber nicht trifft, und ruft' „Ganz recht, Schwammbruder, das hast du nicht nötig!" „Wer ist Dauphin?" fragt Balthasar den Soldaten und stützt die Fäuste in die Hüften und der Soldat erzählt von Dauphin, indes Dauphin mit dem Kopf nickt und auch schon mit dem linken Vorderfuß krampfhaft scharrt. „So, so, so!" sagt Balthasar, daß ihm die Zigarre aus dem Munde fallen will, und gibt ihm einen gelinden, freundschaftlichen Handschlag auf den Schenkel, worauf Dauphin anzieht und den Kopf sinken läßt und mit seinem Spülicht zum Tor hinausgeht. Balthasar sagt kein Wort, ist still wie immer und fiat die Hände auf dem Rücken liegen wie immer. Im Fortnicken berührte Dauphin bisweilen, wie er sonst nie getan, mit seinem Maule des Mannes schmutzigen Slermel; dauernd knapperte er an seinem Zaum herum, der ihm viel zu groß war, den Gott weiß welcher Klepper schon zerkaut hatte! Sie hielten an einem Wirtshaus, und Balthafar, der noch nie ein Wirtsbaus ausgesucht hatte, ließ Dauphin mit seinem Wagen tu den Schatten der Gartenbäume treten, die da in Reih und Glied, noch ziemlich jung, aufwuchsen, und trat in das Haus. Nebenan sahen an einem Tisch zwei Arbeiter und vesperten. Dauphin sah in einem von innen verhängten Schaufenster sein Bild und zog den Wagen sogleich hin, um sich näher zu betrachten. Richtig, die Blesse! Die Blesse auf der Stirn leuchtete förmlich aus der dunkeln Scheibe: der Kutz der Königin, die Erinnerung an den glorreichen Tag Dauphins. Und nun begann Dauphin sich wieder zu recken und ward größer. Seine Haut umstraffte die Rippen, und feine Augen füllten sich mit jungem Glanz. Er sah wie Kinder am Zaune des Biergartens gleich Soldaten exerzierten und sangen: ..Wer will unter die Soldaten" und: „Vüb- lein, wirst du ein Rekrut". D« streckte Dauphkn 6ett Kopf waagrecht von sich, wieherte durch die breiten Nüstern, entblößte die Zähne und stieß einen Freudenschrei aus, den alle hören mußten. Die Kinder hörten den Schrei, und Dauphin nickte heftig mit dem Kopfe und scharrte mit dem linken Vorderfuß, daß alle Kruder zu ihm herkamen. Rasend nickte Dauphin mit dem Kopfe und scharrte so heftig mit dem linken Vorderfuß, daß der Kies auf- ^Die?'Kinder kamen auf den richtigen Gedanken und begannen mit Dauphin zu plaudern. „Hast du Hunger?" Dauphin nickte. „Hast du Durst? — Daun beiß in die Wurst! Kannst du Vrer „Dauphin konnte alles: jawohl ihr Kinder, warum etwa nicht?! Ein Büblein lief zu den vespernden Arbeitern, kletterte aus einen Stuhl, mischte mit den Händen in den Bierkringeln herum, die von den Gläsern dalagen, und kam zurück. Es hielt sein bier- bcfeuchtetcs Händchen Dauphin an die Nase und Dauphin, dem das ungeheuer Spaß machte, — es war so fröhlich wie früher im im Zirkus — nieste dreimal hintereinander. Hellauf lachten die Kinder. Es war Dauphin, als spürte er deutlich den Husarenbusch zwischen den Ohren. , Und ctioas seitab sah er, als die Arbeiter gerade fortgingen, eine Leiter stehen, die vor der Stalltür ziemlich steil zum Heuschober hinaufgelegt war. /irr ,, , . Da mußte Dauphin, was nun kommen müsse, denn hinter der Leiter mußte auch sein geliebter Direktor stehen: Nun mutz das grotze, halsbrechende Kunststück kommen, das allen Zuschauern, — wißt ihr's noch, ihr lauten Kinder? — den Atem nahm. Er zog sein Wägelchen hin und trat mit dem linken Vorderfuß aus die erste Sprosse der Leiter. Da sahen die Kinder, daß das kluge Pferdchen von seinen Strängen sehr beengt war, und sie spannten es aus. Wie nun Dauphin frei aus den Sielen tritt, wird's ihm ganz leicht zumut. Er hebt die Beine auf die erste und die zweite und dann das linke Vorderbein gar aus die dritte Sprosse. Und wie Dauphin sich gerade abdrücken will um frei aufrecht zu stehen, kommt der Balthasar aus dem Wirtshaus, und die Kinder zerstieben zwischen den Bäumen, hinaus auf die Straße. Da stellt Dauphin die Beine langsam von der Leiter herab und wird angespannt, und es geht tn die Fabrik mit den hohen und niedrigen Schornsteinen. Unterwegs sagt Balthasar wieder einmal etwas zu Dauphin! Er sagt: „Ich weiß ganz genau, was du willst, Zirkusmann,- zur Letter willst du hinaus, zur Hühnerleiter! Willst über mich hinaus! ... Aber ich will dir schon helfen!" Da sie ins Kascrncntor einbiegen, schreitet Balthasar quer über den Kies, der wie gefrorene Tränen daltegt, auf die Kammer zu. , ", Dauphin stellt die Ohren, um vielleicht wieder seinen Namen rufen zu hören, der Hals schweift steil auf, am linken Vorderbein erzittert eine Muskel. Gar uicht lange verweilt Balthasar in der Kammer: der Feldwebel kommt mit ihm heraus und trägt in der Hand eine Peitsche, gibt sie Balthasar, und sie treten zu. Dauphin her. „Wie ist er sonst im Dienst?" fragt der Feldwebel, und Balthasar entgegnet: . , „Zirkus, Zirkus! Der Zirkus steckt ihm noch im Kopf!" Jedoch der Feldivebel nimmt dem Alten die Peitsche wieder ab, schlägt ihm leichthin aus die Achsel und sagt: „Wenn's sonst nichts ist: uns allen steckt der Zirkus noch im Kops, Balzer, los, vertragt euch miteinander! Wir haben halt allerhand Kostgänger!" Sie vertrugen sich noch über zwei Jahre! Ewig dasselbe spielte sich in Dauphin? Umgebung ab. Blühende Menschen kamen lärmend in die Stuben, trugen schon am dritten Tage ein Gewehr einher, legten sich bäuchlings in den Kies und schossen. Zogen mit Blumen bekränzt von dannen, und andere zogen ein in die Stuben. Frauen und Kinder standen außen hinter dem Gitter und sahen zu und weinten. Wenn Dauphin Kinder weinen sah, ließ er den HalS noch tiefer sinken, so daß das weite Kummet fast herab glitt. Schaum troff hernieder ans seinem hungrigen Mund. Ein Frühling kam, und die Kinder sangen nicht und spielten nicht Ringelreihen auf den Plätzen! Die Vögel zwitscherten in den Büschen, aber die Platzpatronen auf den Schießständen verschlangen den Vogelrus! Die Blumen blühten an den Rainen, aber die jungen Mädchen kamen nicht, sie zu pflücken! Die Fleischfuhren wurden leichter, die Spttlichtsuhren schwerer. Der Gesang der Glocken verstummte, und nur ein jämmerliches Gestummel blieb übrig! Keine Fahne flog mehr über die Dächer, und die Straßen füllten sich mit Krüppeln, in allen Häusern weinten Frauen und Kinder! Leichenzüge schlängelten sich in den winkeligen Straßen. Aus den Spttlichkfässern zog Balthasar Brotreste und Knochen und aß davon, aber dem Pferdchen gab er nichts. Ein Sommer kam und die Leichenzüge begegneten sich an^den Portalen der Friedböfe, Hauptleute riefen Siege aus, aber die Soldaten stimmten nicht mit ein und senkten die Augen zu Boden. Der Sommer kam, und die Ernte blieb im Regen, weil die Frauen zermürbt waren von der Arbeit und weil die Kühe müde waren von der Arbeit. Ein Herbst kam, und unheimlich mehrten sich die Kranken. Dke Soldaten standen beisammen und redeten leise. Da zieht Dauphin eines Tages sein Wägelchen übern Hof, und Tausende von Soldaten sind hier versammelt, sprechen wirr durcheinander und aus den Dächern steigen blutrote Fahnen empor. Die Soldaten stürmen aufs Wägelchen zu, reißen rote Bänder heraus, schwingen sie und stecken sich kleine Rosen aus Leiuwand tn die Knopflvchlöcher. Dauphin wird vielfach rot bewimpelt, ein Ro- settchen baumelt über der Blesse und viele baumeln in den Zöpfen der glänzenden Mähne. _ Tische werden aufgestellt, auf die Tische wird ein Tisch geschoben, und ein Einäugiger steigt hinauf und beginnt mit weithin- schallender Stimme, baß zwischen den Mauern ein Echo wach wird, eine Rede zu halten. ~ Hände wurden gen Himmel ausgestrcckt, Schreie wachsen wie Bergzüge hinan vereinzelt krachen Schüsse gegen die kalten Wolken. Ein Wind hebt an: manche Sätze des Redners sind unver- stehbar, manche deutlich zu hören. Der Einäugige springt von dem Tisch herab, und nun folgen ihm alle zum Tor hinaus, und auch Dauphin läuft mit. Am Kasernentor aber sieht Dauphin seinen Balthasar, uud Balthasar zieht das Gäulchen aus dem Soldatenknäuel und nimmt es wieder zurück tn keinen neuen Alltag. , „ ~ „ Jedoch dieser neue Alltag blieb wie der alte. Kehricht, Spülicht, ab und zu ein duftender Pfuhl! Was ging Balthasar die Revolution an? . . , _ „ Dauphin aber, dem auch die Revolution keine besseren Zeiten zu bringen schien, hatte „„erhofft Glück! 16. Er stand am Ladenfenster eines Herrenschneiders und träumte in das helle Glas. Weil er letzter Tage schon öfter dagestanden, indes der Balthasar drinnen im Laden weilte, sah er mehr nach den goldenen Buchstaben des Schneidernamens Herkules Heinrich, als nach seiner Blesse. Plötzlich schollern schwerste Räder übers Pflaster der Straße. Erschreckt sieht Dauphin um und sicht wuchtige Kanonen daherkommen, von wuchtigen Pferden gezogen. Maskiert sind Pferde und Kanonen, mit Schmutz beschmiert, mit Oelfarbcn aller Art, und die Kanoniere sitzen oben, und ihre Köpfe hängen tief aus die Knie herab, und auch die Gäule schreiten müde dahin Wenn einmal einer der Soldaten den Kopf hochträgt und die Augen in die Zuschauer sinken läßt, sieht man unendliche Traurigkeit in diesen Augen, und die Menschen, die da stehen, gehen heim und verwinden die Tränen. , . . .. ... In der Ladentür steht Balthasar Bet dem Schneidermeister .Herkules Heinrich und hat eine dunkle Weste an, die mit weißen Reihsäden allerlustigst durchsprcngelt ist und über die gelblichen Hemdsärmel hängt das Metermaß. Dauphin hatte keine Ruhe mehr. Den Balthasar konnte er kaum erkennen, wollte ihn auch nicht recht erkennen, und als er wieder im Laden verschwunden war, zog Dauphin sein Wägelchen an und zog cs neben einer gestutzten Abwehrkanone her, die mit vier Füchsen bespannt war. Der Lärm der schweren Geschütze verschlang das Geklapper des Wägelchens. Als die Kanoniere erst weit draußen vor der Stadt den kleinen Abenteurer neben sich entdeckten, stiegen sie ab und banden ihn kurzerhand, ohne zu beachten, wie sehr er widerstrebte, an den nächsten Apfelbaum, der am Wege stand. Sie liefen eiligst ihrem Fuhrwerk nach und sprangen auf. Dauphin aber flehte die, die unausgesetzt an ihm vorüberzogen, um Erbarmen an, daß sie ihn doch seiner Fesseln entledigen und mitnehmcn sollten. Und weil Soldaten sich auf die Pferdesprache manchmal recht gut verstehe,,, geschah es, daß einer sich von seinem Protzkasten schwang und Dauphins Fessel löste und auch die Stränge des Wogens loskettete. Just im selben Augenblick als Dauphin ausreißen wollte in die unsichere Freiheit, da stand Balthasar hinter ihm uud kettete die Stränge wieder ein, drehte das kleine Fuhrwerk stadtwärts, und Dauphin ließ den Kopf wieder hängen, denn er schämte sich vor den großen Gäulen. „Noch ein Weilchen Geduld, feiner Herr!" sprach Balthasar zu Hause, „die Hühnerleiter ist zwar schon herumgedreht: was unten war, ist heute oben, aber wir müssen nicht tollkühn sein und uns Hod, einen Tag gedulden können!" Dieser Tag kam nach drei Tagen! Balthasar trug einen neuen Anzug, einen schwarzen, steifen .■mit und einen Spazierstock mit Silberkrückc. Dauphin ward nicht cingespannt, sondern durfte, uur rrttt dem Halfter bekleidet, an dem ein Lederriemcn hing, mit Balthasar gehen. Sie machten Halt in einer Wirtschaft der Stadt, und Dauphin ward in einen Stoll geschoben, wo noch drei große Gäule standen, die vor Hunger stampften. , , , . Kaum war Balthasar in der Wirtschaft verschwunden, so kamen zwei Burschen in den Stall, banden cilta den kleinen Dauphin los und führten ihn durch ein Hintertürchen davon. Diese drei Burschen liefen querfeldein und kamen nach einer Stunde auf einem großen Platz an, wo anscheinend der ganze Zug, der gestern durch die Stadt sich trüg uud ermattet hinge- schlängclt, aufgelöst sich ausbrcitete. Da gab's offenbar etwas Neues! Dauphin reckte den vom Joch befreiten Hals mit glorreichem Schwung in die Höbe, um uicht übersehen zu werden, denn er war doch daran gewöhnt, geachtet und ausgezeichnet zu sein! (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche UniversitätS-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.