Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang {935 Montag, den September Nummer 68 Auf dem See. Von I. W. v 0 n G 0 e t h «. Und frische Nahrung, neues Blut Saug ich aus freier Welt; Wie ist Natur so hold und gut, Die mich am Busen hält! Die Welle wieget unfern Kahn Im Rudertakt hinauf, Und Berge, wolkig himmelan, Begegnen unserm Lauf. Aug, mein Aug, was sinkst du nieder? Goldne Träume kommt ihr wieder? Weg, du Traum I Jo goto du bist; Hier auch Lieb und Leben ist. Auf der Welle blinken Tausend schwebende Sterne, Weiche Nebel trinken Rings die türmende Ferne; Morgenwind umflügelt Die beschattete Bucht, Und im See bespiegelt Dich die reifende Frucht. Oer Kaktus. Eine Kriminalgeschichte von Story Teller. Detektivinspektor Burns trat zu der zusammengesunkenen Gestalt, die regungslos in dem großen Sessel saß, dicht am Kamin am Ende der weiten Halle. „Ich kann keine Anzeichen eines gewaltsamen Todes finden, Euer Lordschast. Meiner Ansicht nach liegt ein einfacher Selbstmord Ihrer Gattin vor. In ihrem Nachttisch befinden sich mehrere Packungen eines starken Schlafmittels ... in dem Ghas auf dem Tischchen sind die Reste der l-chung ... das ist alles ganz klar. Vielleicht hat sie auch nur aus Versehen eine zu starke Dosis genommen. Die Unordnung, die in dem Zimmer herrscht, kann von der Toten selbst stammen, die vielleicht stundenlang mit ihrem Entschluß gerungen hat!" Lord Harwood schüttelte müde den Kopf. „Ich kann das nicht glauben, Inspektor, denn es fehlt doch jedes Motiv. Unsere Ehe war zwar nicht die glücklichste, aber ernsthafte Differenzen hat es nie gegeben. Ich ging auch heute Abend wie gewöhnlich in den Klub, wo mich mein Diener nach einer Stunde anrief. Ein Telegram war für Lady Gladys gekommen, er hatte an ihrer Zimmertür geklopft und war schließlich ängstlich geworden, als ihm nicht geantwortet wurde. Ich kam schnellstens nach Haus, worauf wir die Tür aufbrachen, das Zimmer aber nicht betraten, als wir die Leiche meiner Frau vor dem Bett liegen sahen und die Unordnung bemerkten. Man hat es ja schließlich in allen Kriminalromanen gelesen, daß man in einem solchen Fall nichts anrühren soll, bevor die Polizei kommt." _. Burns nickte langsam. „Ihre Selbstbeherrschung ist bewundernswert, ^ohn ... ich stell« mir vor, daß ich in einem solchen Fall an gar Nichts weiter denken würde, als meiner Frau zu Helsen, die da leblos le9t- Zum Teufel mit aller Rücksicht auf die Polizei! ... Aber wir wollen nun einmal feststellen, ob alle Wertgegenstände vorhanden sind, von denen ™ bi ne ganze Menge gesehen habe. Darf ich Sie bitten, mich in das '«chtofzimmer zu begleiten?" «ra '5er. ?ori) erhob sich mühsam. Seine ganze Energie schien unter der -wucht dieses Ereignisses zerbrochen zu sein. Langsam folgte er dem Jn- lp"ior, der auf der Schwelle des Unglückszimmers stehen blieb. . "Wenn wir uns diese Unordnung betrachten, dann ist da eigentlich nichts Auffallendes. Auch dieser Kaktus hier kann von Ihrer Gattin bei ^u«r schnellen Bewegung von seinem Ständer heruntergestreist wor- Teppj'cht^t 3U ^cr Pstanze, die neben einem Blumenständer auf dem "tanberi»"rK3 meinte er anerkennend, „wo hat er eigentlich ge- „Dort auf dem tiefsten Brett des Ständers", erklärte der Lord und fieigte auf die unterste Etagere, die sich etwa in Kniehöhe über dem Fußboden befand. in "®5?en- ’^n Mieder hinstellen", meinte der Detektiv und hob den Kak-r ?.uorM)tig aus, „wunderschönes Exemplar! Eine Opuntienart, wenn ich ch nicht irre ... Hier stand er also, wie? ... Donnerwetter", unterjoch er sich, „das Biest sticht ja!" *-r rieb seinen Handrücken. „Sehen Sie mal an, diese winzigen Stacheln, die ich mir da eingejagt habe! Und wie das brennt! Man ist doch empfindlich wie ein kleines Mädchen! Aber nun weiter: wo hat Ihre Gemahlin die Schmucksachen aufbewahrt?" Sir John zeigte auf eine kleine halboffene Stahltür, in der Wand hinter dem Blumentisch. „Die größeren Sachen dort im Safe, die kleineren in den Schmuckschalen, die hier auf dem Nachttisch stehen." Vorsichtig entnahm der Inspektor dem Stahlfach einige Etuis und legte sie auf ein Tischchen. „Wollen Eure Lordschast bitt« einmal nachsehen, ob etwas fehlt." Ein Etui nach dem anderen wurde geöffnet, aber unberührt ruhten Perlenkolliers und Diamantengehänge auf ihrem dunklen Samt. „Es scheint alles da zu sein ..." murmelte der Lord, „aber — hakt wo ist ..." Mit allen Anzeichen der Bestürzung schaute er aus: „Ein Etui fehlt, Inspektor, es enthielt den „Star of India" ...“ „So", meinte Burns phlegmatisch, „was ist denn das?" „Ein riesiger Smaragd von über 100 Karat, den ich seinerzest aus Indien mitbrachte, das Geschenk eines Rajahs, dem ich einen sehr großen Dienst erwiesen hatte!" „Sind Sie sicher, daß er sich in dem Safe befand, Sir John?" „Darüber besteht kein Zweifel, meine Frau hat ihn gestern noch auf dem Fest des Duke os Port getragen!" * Die weitere Untersuchung war ergebnislos verlaufen. Der „Star of India" war der einzige Wertgegenstand, den der unbekannte Täter mitgenommen hatte. Wieder sahen sich die beiden Männer in der Halle gegenüber. „Wie groß ist denn der Verlust, Euer Lordschast, den Sie durch den Raub des Steines erleiden?" „Eigentlich kann ich von einem Verlust gar nicht sprechen", meint« der Lord langsam, „denn ich hatte zum Glück den ganzen Schmuck meiner Frau versichert ... und den Smaragden in Anbetracht des Wertes, den er allein schon als Erinnerung für mich darstellt, nochmals extra mit einer Summe von 200 000 Pfund." „Donnerwetter", entfuhr es dem Detektiv, „da haben Sie ja eigentlich Gluck im Unglück, denn abgesehen davon, daß es dem Dieb ganz unmöglich sein durfte, ein solches Stück zu verkaufen, ist diese Summe selbst für ein solches Exemplar exorbitant hoch!" „Ich würde auf dieses Geschäft gern verzichten", meinte Sir Harwood ernst, „wenn ich dafür meine Frau rotober zum Leben erwecken könnte!" Leise knisterte das Feuer im Kamin. „Ich kann mir nicht oorstellen", meinte der Inspektor nach einem kurzen Schweigen, „daß Einbrecher so dumm sein sollten, ausgerechnet den Gegenstand mitzunehmen, der am schwersten zu veräußern ist. Da lagen doch genug Perlenketten und Brillantsachen, die sie viel leichter loswerden könnten!" „Vielleicht hat die Sache einen ganz anderen Hintergrund, lieber Burns. Der „Star of India" war seinerzeit eine Art religiöses Heiligtum und es hat drüben genug Aufregung gegeben, als jener Rajah, der allerdings ganz westlich erzogen war, den Stein verschenkte. Ob vielleicht jene Priesterkaste dahintersteckt, die sich damals die größte Mühe gab, den Stein im Lande zu behalten?" Der Inspektor hatte gespannt zugehört und richtete sich nun auf. „Das wäre immerhin möglich, Sir John ... aber wir wollen erst mal den wenigen Spuren nachgehen, die wir positiv haben. Da ist in erster Linie das Telegramm, welches den Diener veranlaßte, so spät nochmals an der Schlafzimmertüre zu klopfen. Darf ich es einmal sehen?" Der Lord griff in die Seitentasche seines Dinnerjaketts und reichte dem Detektiv ein Telegrammformular. Burns beugte sich vor und streifte dabei versehentlich das Beinkleid feines Gegenübers mit der Zigarre. „Beg your pardon, Sir ... beinahe hätte ich jetzt ein Unheil angerichtet! Erlauben Sie ... so ..." Er klopfte die Asche vom Hosenbein des Lords und stieß dabei plötzlich einen leisen Fluch aus. „War noch heiß ..." entschuldigte er sich verlegen, „ich sage ja: empfindlich wie ein kleines Mädchen ..." Er rieb sich den Handrücken mit dem Taschentuch und öffnete dann das Formular. „Aufgegeben in East Holborn, 10.30 p. m., also eine Stunde, bevor man mich hierher rief ... lassen Sie mich mal rechnen ..." Er stand auf, um in dem Papierkorb, der neben dem Sessel des Lords fand, nach einem Stückchen Papier zu suchen. „So, das genügt —" er hatte ein kleines Blatt gefunden und drehte es gedankenvoll hin und her. „Uebrigens", fragte er ganz unvermittelt, „hatten Sie sonst die Angewohnheit, Ihrer Gattin nochmals Gute Nacht zu sagen, wenn Sie aus dem Klub nach Hause kamen?" Der Lord nickte. „Allerdings, ich tat das regelmäßig, weil ich wußte, daß Gladys immer sehr schwer einschlief. Meistens verplauderten wir dann noch eine Viertelstunde, bis ich dann meine Zimmer aufsuchte, die in der oberen Etage liegen. Aber was hat das mit dem Verbrechen zu tun?" fein. fchlagen, beiten Sie batte des Segens und der Mühen des wachsenden Brotes vergeßen und glaubte sich im Glanze der Glühbirnen über alles Maß erhöht. Sie sperrte sich ein in ihre Mauern, zog sogar vor die Fenster, die wenig genug Licht und Sonne hereinzulassen Gelegenheiten halten und die nur ein totes Gegenüber kannten, noch die dunkeln, schweren Gardinen. Die Menschen in der Stadt hatten Angst, den Fuß in eine Mutze iu sehen, und führten ein mimosenhaftes Dasein. Sie sterilisierten sich selbst und hielten das für Verfeinerung bis zum Edelprodukt Bleich war die Modefarbe, die roten Backen der Bauernmädchen galten als rustikale Rückständigkeit. Berlin kam ohne die Spreewälder Amme nicht mehr aus Als gar die Spreewälder Amme verschwunden war, Erließ das lebte, ursprüngliche Naturprodukt die Umgebung in der die Kinder aufwuchsen. Die Kinder wurden nicht nur vor der Außenwelt, sondern auch vor sich selbst behütet und in einer schon schematisch erstarrten Ordnung gehalten. Das Leben war schon an der Wiege in seinem Verlaus Geregelt, unb es rollte bann auch weift nach ben geltenden bürgerlichen sMaximen ab. Gymnasium und Universität wurden zur sozialen und gesellschaftlichen Stufenleiter, mit dem Reserveoffizier als Glanzstuck Um die Wende des Jahrhunderts fängt die Jugend an, da nicht mehr mitgehen zu wollen. Sie sträubt und wehrt fich gegen Lebensauffassung und Erziehungsmethoden ihrer Eltern. Der soziale Strudel, der sich immer mehr erweitert, rührt unter ihr die ersten Wellen auf. Man sagt sich los von jenem „verderblichen Dünkel", der „die Schuld daran tragt, daß die Klassengegensätze in unferm Volke so schlimm wurden". Der Wandervogel macht die Bekämpfung dieses Dünkels zu einem Hauptziel [einer Bestrebungen. , ... , Die Jungens wollen aber zuerst einmal weiter nichts als sich frei machen von der Erziehungsschablone in Schule und Haus, die ihre Brust einengt. Sie wollen wandern, wollen der Sonne entgegenlaufen und Lieder fingen. Sie wollen beisammen und wollen zugleich unbehindert ' ' Hungrig nach Weite sind sie, voller Romantik, die sie Zupfgeige en Reigen tanzen, um Sonnenwendfeiern fich scharen läßt. Der steifleinenen -illchternheit der Väter begegnen sie mit der Auflehnung: „Laßt die Philister schimpfen über heidnische Mystik und romantische Abenteuerlichkeit ..." Sie setzen sich einfach darüber hinweg. Bunte Bänder mit Stickereien der Liebsten hängen sie fich an den Stecken. Sie machen die Augen und die Ohren weit auf, wenn sie an den Sonntagen und in den Ferien hinauskommen, sie schaffen sich ihre eigenen Liederbücher, und als sie genug Lieder gefunden haben in den Dörfern, werden tue Schul- und Studentenlieder pensioniert, und das Volkslied wird als „Freiluftlied" an ihre Stelle gesetzt. Ihre innersten Ziele glauben fi- besser durch Gesang als durch Reden ausdrücken zu können. Das Lied ist ja auch die Sprache, die sie auf der Landstraße, in den Gassen der Dörfer und in ihren Scheunenquartieren sprechen. Im Gesang vollzieht sich die erste Wechfelrebe, die sie mit der fremden Welt draußen vor den Toren der Stadt führen. Im Lied lernen sie die Sprache der Bauern verstehen. Wieder wie vor hundert Jahren beginnt ein Sammeln uralten Volksguts, das gerade noch lebendig geblieben ist. Aber es bleibt diesmal nicht beim gelehrten Aufschreiben, sondern die Volkslieder werden auch neu belebt und ganz in den Menschen aufgenommen. Es zeugt von großer innerer Selbständigkeit und fchon erstarkter Widerstandskraft gegen den ftäötifd)’ zivilisatorischen Einfluß, wenn der Wandervogel dem „neuzeitlichen Menschen", der „neue Ausdrucksformen" verlangt und das Volkslied als „rückschrittliche Erfcheinung" abtut, einfach mit dem Bekenntnis begegnet: „Aber das Volkslied 'ist nun einmal da, es ergreift uns stark und tief, und die Antwort auf das Warum bleiben wir schuldig." Daraus spricht über die einem elementaren Gefühl entstammende Rebellion hinaus eine Bejahung des „ganzen in sich noch geschlossenen Menschen, jenes starken Menschen, der alle Entwicklungsformen und Möglichkeiten ... noch m sich trug". Diese Jugend ist sich darüber klar geworden, daß „aller Fort- schritt unserer Zeit auf einem Opfer gleichsam des ganzen vollen Lebens beruht auf einem trotzigen Sprung ins Halbleben des Sonderberuflers und Spezialisten". Es erfüllt sie mit Stolz und Zu verficht, daß sie den ganzen Menschen noch lebend in den stillen Landeswinkeln gefunden hat. Es gereicht ihr zur Ehre, daß sie dabei aufrichtig genug ist, sich selbst zu den Enterbten zu zählen: „Und darum, weil wir Enterbte sind, weil wir in unserer Halbheit den Stachel und die Sehnsucht nach jenem ganzen harmonischen Menschentum nur um so stärker in uns fühlen, ist jenes Volkslied unser Trost und Labfal, ein unersetzlicher, durch nichts wieder- zuerringender Schatz." Es ist auch erworbener Besitz, denn es ist gesucht unb aufgelefen, ist verarbeitet und in die eigene Welt übertragen worden. Die Jugend schasst sich in der Pflege des Volksliedes die ersten Ansätze zu eigenem Lebensstil. Das gibt ihrem Wandertrieb innere Haltung unb schafft erste seelische Bindungen, die die Augenblicksschwarmerei, die die romantischen Stimmungs- und Gefühlsausbrüche hinter sich mist"' Das Volkslied findet sich zur Jugend, die sich dem Leben aufzuschlleßen beginnt, wie auch die fahrende Horde aus innerer Notwendigkeit zur Gemeinschaft werden und den Führergedanken aus sich entwickeln muß- Zwar steht alles noch unter dem Zeichen der Entwicklung zur freiern und reinem Persönlichkeit, das Ziel nähert sich aber schon wieder dem klassischen Ideal, es wird zudem gemeinschaftlich erstrebt. Die Mr- aussetzungen im Sinne Georgescher Menschenformung unb Gememschasts- geftaltung beginnen sich zu entwickeln. Aus der Hinneigung zu Landscyap und Volk wird Hingabe. Das soziale und nationale Element wirren wechselseitig aufeinander ein. Aller Anfang ist primitiv oder in unfern Zeiten in alle möglichen Vorstellungen verkleidet. Zwei Willensrichtungen begegnen sich im Wandervogel: Dereinsabzeichen, Vereinshymnen, ^er einsbüdjer werden als überlebte gesellschaftliche Formen abgelegt. Sen die alten Bindungen, die aufgegeben wurden, fallen nicht mehr jem. Mit ihnen schwindet aber auch der Abfonderungswille. Standespoesie wirv nicht geduldet. Im Volkhaften taucht alles unter, auch das vaterlanoycyc •Sieb, das nicht verschwindet, sondern mit dem Volkslied gleichgei 8 wird. In der Grundrichtung strebt alles zur Nation hin, die neu über die staatliche Organisation hin ersaßt wird. Das Wort Volk 0 wieder feinen vollen Klang. Durch das Lied geht es in das -»ewutzyen ein. Denn die „Liebe zum Volk und die Ehrfurcht vor feinen unoergang lichen Werken" bestimmt die Begeisterung dafür mit: „Und wenn .Sehr Dkl, Mylord", sagte der Inspektor ernst, „... denn auf diese Aussage hin erkläre ich Sie für verhaftet!" <«ir John fuhr hoch, wie von einer Tarantel gestochen. „Wann .. find Sie verrückt? Trauen Sie mir zu, daß ich meine Frau °^De? Detektiv" blieb vollkommen ruhig. „Ihre DaUin ist eines natürlichen Todes gestorben, Lord Harwood, darüber besteht kein: Zwnfell Meine Anklage^ lautet auch nicht auf Mord, sondern auf versuchten 23er- ^Neroöses Lachen drang über die dünnen Lippen des Lords der wieder in den Sessel gesunken war. Feine Schweißperlen stunden auf feiner Sttr . fittren Sie aut zu, Mylord. Hier habe ich einen Fahrfchem der Auto- bus'l'inie A, die drüben' von Ecke Kingsway nach der Stabt sahrt Jch sand ihn soeben in diesem Papierkorb. Das Ticket .ft um 10 P- m. Qelodjt 3ß,e Sie ferner sehen, wurde von demjenigen, der es benutzte, am Picabilly- eirals umjeftiegen, unb zwar in die Linie E,bte nach East Holborn l6S'”sSÄTÄ"S*P.«or. unWn bad, dieser wehrte mit einer Handbewegung ab. „Ich b'N noch nicht fertig Mit diesem Telegramm bezweckten Sie, Mylord, daß der Tod Ihrer Gattin, von dem Sie schon wußten, bevor Sie in ben Klub gingen noch oor Ihrer Rückkehr entdeckt wurde, was ja auch geschah, indem der Siener veranlaßt wurde, an der Tür zu klopfen. Ich bin überzeugt daß diese Miß Mary, die in dem Telegramm ihren Bridge.absagt, gar nid)t epftert, daß aber die Urschrift des Telegramms, die ich mir leicht in East Holborn » W..r W»u„9 n.d, ltUl Jhnen^chon?'di-"BersichcrungsgeIellschoft zu sind vorsichtigerweise seit Auffindung der Leiche nicht °>uen Augenblick allein in das Schlafzimmer gegangen, was ich auch der Versicherung Gegenüber bestätigen müßte. Es könnte Sie also fo leicht niemand ver- dächtigen, daß Sie den „Star of India" nach dem Tobe Ihrer Ga in beiseite gebracht haben könnten. Sie haben die ganze Zeit über in diesem Sessel gefeffen, waren allerdings unvorsichtig genug, den Fahrschein in bCn Und'daraus^fck)ttebt"nün' der kluge Inspektor Burns Scotland shari) daß ich ben Stein fchon vorher beifeite gebracht habe! Wann fall denn bas geschehen sein ... wie wollen Sie es beweisen? „Wahrscheinlich war es, bevor Sie in den Klub gingen. Sie betraten das Zimmer Ihrer Frau unb fanden sie tot. Da tarnen Sie auf die Idee, ben Stein verschwinden zu lassen, um die Versicherungssumme zu erhalten. Den Beweis, baß Sie heute abenb schon einmal in dem quittier waren .?" Der Inspektor beugte sich vor unb klopfte dem Lord leicht auf bas Knie. „Als Sie zum Safe gingen, um ben Stein herauszunehmen streiften Sie den Kaktus. Viele feiner winzigen Stacheln blieben dabei an Ihrem Hosenbein hängen." Der Lord saß schwelgend tn Jihnem Sessel. Burns drückte seine Zigarre aus unb erhob fick)- ^ch habe aber außerdem noch ein etwas weiches Gemüt. Mylord. Ich denke.nur, ba& ein Mann genug gestraft ist, wenn er seine Frau auf so tragische Weise verliert. Wenn nun — sagen wir bis morgen früh — ber „Star ot india wieber in feinem Safe läge und keine Ansprüche an die Versicherung gestellt würden, könnte ich mir gut vorstellen, daß nur diese ganze Unterredung aus dem Gedächtnis entschwände, denn ich sollte ,a eigentlich nur feststellen, ob Lady Gladys eines natürlichen Todes gestorben ist. Good evening, Siri" Oer Wandervogel. Von Dr. Eugen Schmah 1. Bei ber Union Deutsche Verlagsgefellschaft in Stuttgart erscheint soeben von Dr. Schmäht ein fesselnd geschriebenes, lesenswertes unb aufschlußreiches Buch: „Der lluf’ [tiegber national en Jb e e". Die Vorzüge des Buches heben es tu eit i)erou5 ou5 her ^ülle, bie gegemnärtig quj bem politischen Büchermarkt herrscht. Der hier folgende Ab- schnitt ist ein Abbruck aus bem Kapitel „Nationalismus unb behandelt bas Thema „Der Wandervogel". Preis bes Buches kartoniert 3,80 Mark. Der Wandervogel als Vorläufer des kommenden, nur von jungen Menschen getragenen Nationalismus geht von ben großen Stabten aus Er kommt aus ben Gymnasien unb strebt, wie bie Studenten vor hundert Jahren, in die Freiheit ber deutschen Lands-Hast, in die Walder unb zu den Burgen, an bie Ströme und an die Berge, in bas Dorf unö durch bie Torbogen alter Städte unb Städtchen. Er entdeckt bie Mark unb bie Heibe, die bisher für „langweilig" galten. Zu Wanderfahrten, bie ben muffigen Geruch ber häuslichen, guten Stube mit Sonne unb Wind vertauschen, organisiert sich ein Bund, besten Ziel cs ist, „unter der Jugend vornehmlich höherer Lehranstalten das Wandern zu fördern unb daburch ihren Körper unb Geist zu stählen, ihr Gelegenheit zu geben, Land und Leute ber deutschen Heimat aus eigener Anschauung kennenzulernen, ihren Sinn für die Natur zu wecken unb zu heben". _ Das alles war mit ber Stabtentwicklung, bie nur noch ben Sonntags- ausflug, ben Spaziergang auf gepflegten Promenaben unb, verschnürt wie bie Koffer, bas Reisen in Bäber ober von Hotel zu Hotel kannte, verlorengegangen. Da sich bie Menschen selbst einsperrten, würbe nicht nur bie Welt des Menschlichen ausgehöhlt, auch bie volkhaften Beziehungen würben immer mehr unterbunben. Das substanzlose Leben trieb [eine einzelnen Bestanbteile wild durch- unb gegeneinander. Die Gegensätze erzeugten Voreingenommenheit unb einen Dünkel, ber nicht nur auf Klasse, Kaste unb Stanb begrenzt blieb, [onbern ber sogar ganze Lebensbezirke auseinanber riß unb einanber entgegenstellte, wie zum Beispiel Dorf unb Stabt, Metropole unb Provinz. Jeber liebte nur sich in feinem eigenen Raum, dem er auch allein Gültigkeit zusprach. In der Stabt, die sich immer selbstherrlicher gebärdete, gediehen solche Verschroben- junge Wandervogel aus diesen Liedern nichts weiter mitgenommen hätte als eine Ahnung dessen, was deutsch ist, das Bewußtsein, einem edel veranlagten Volke anzugehören, so wäre schon etliches gewonnen." Im Lied kulminiert eben das Erlebnis der Landschaft und des Volkes, das ganz neuartig und voller Entdeckerfreuden ist, und daraus entsteht auch der Wunsch, „an seinem kleinen Teile mitzuwirken, an dem innern Streben der Nation, an der Vollendung des Deutschtums". Wie sieht nun dieses Erlebnis "aus? Den wandernden Jungens erschließen sich nicht nur die Stammesverschiedenheiten, auch „der Bauer auf seinem Hofe, unter dessen Dach er schläft, der Wanderbursche auf der Walze, der oft sein Weggenosse ist, der Holzfäller im Walde und die ganze breitere, untere Volksschicht im Abteil der vierten Klosse" tritt ihm nahe. Diese Leute sind, wie es in einem Wonderoogelauffatz aus dem Jahre 1910 heißt, „unter sich mitteilsam und teilnehmend und nicht die reservierten Reisegefährten der Hähern Wagenklassen". So naiv es heute klingt, es ist der erste Augenausschlag des nationalsozialen Gewissens, der erste Schritt zur Volkwerdung, die trotz 1871, trotz Bismarck und Kaiserreich, noch aussteht. Auch Kriegsspiele entwickelt der Wandervogel aus sich heraus. Daß sie „ganz und gar nicht im Hinblick auf soldatische Erziehung gemocht sind, daß sie überhaupt nicht ausgetüftelt und planvoll als Erziehungsmittel geschaffen sind", daß sie vielmehr von selbst „aus unserer jungen Lust am Kämpfen, Spähen, Ueberraschen, Schleichen und Laufen" entstanden sind, ist ein weiterer Beweis dafür, wie sich Zwecklosigkeit von selbst dem Zwecke fügt. Auch der Durchbruch der Jugend zur Wehrhaftigkeit erfolgt aus ihr selbst heraus. Wie tumbe Toren tasten sich die Jungen der Vorkriegszeit zu Nation und Staat hin. Man macht ihnen Vorwürfe, begegnet ihnen mit Mißtrauen, hat di^s und das an ihren Eigenwilligkeiten zu bemängeln. Noch im Jahre 1911 kann eine Wanüervogelgruppe erst hinter den Toren der Stadt Braunschweig ihre Zupfgeigen stimmen und ihre Lieder anschlagen, denn „innerhalb der Stadt hätte die Polizei den Stab „Wehe" geschwungen", wie es in einem Bericht heißt. Die Bewegung ist auch von exaltierten Erscheinungen nicht frei. Sie fördert einen Libertinismus, der sich dann in der Freistudentenschaft auslebt. Aber sie züchtet in ihrem Kern doch den hündischen Menschen heran, der ein Vorspiel des heroischen Menschen ist, sie entwickelt, wie Volkslied und Kriegsspiel, Volkstum und FUHrertum aus sich, und sie krönt und überhöht ihren Willen und ihr Streben durch das Sterben vor Langemarck. In Flandern fallen die ersten Blüten des in neuen Saft tretenden deutschen Baumes. Sie llberwehen in ihrer weißen Unschuld, unter Blut, das sie getränkt hat, seltsam aufleuchtend, das deutsche Land, dem das letzte Opfer gebracht zu haben, die letzte Erfüllung des Wunschtraumes der erwachten Vorkriegsjugend ist. Ihre Verklärung findet die Jugendbewegung in der Dichtung von Walter F l e x, der, ein Körner des großen Krieges von 1914 bis 1918, als der „Wanderer zwischen beiden Welten" seine Lieder dichtete und dann siel. — Graf Eberstein. Von Ludwig Uh l a n d. Zu Speier im Saale, da hebt sich ein Klingen, Mit Fackeln und Kerzen ein Tanzen und Springen. Graf Cberstein Führet den Reihn Mit des Kaisers holdseligem Töchterlein. Und als er sie schwingt nun im luftigen Reigen, Da flüstert sie leise (sie kann's nicht verschweigen): Graf Eberstein Hüte dich fein! Heut nacht wird dein Schlöhlein gefährdet fein. „Ei", denket der Gras, „Euer kaiserlich Gnaden, So habt Ihr mich darum zum Tanze geladen." Er sucht sein Roß, Läßt seinen Troß Und jagt nach seinem gefährdeten Schloß. Um Eberfteins Feste, da wimmelt's von Streitern, Sie schleichen im Nebel mit Haken und Leitern. Graf Eberstein Grüßet sie fein, Er wirft sie vom Wall in die Gräben hinein. Als nun der Herr Kaiser am Morgen gekommen, Da meint er, es (eie die Burg schon genommen. Doch auf dem Wall Tanzen mit Schall Der Graf und seine Gewappneten all: „Herr Kaiser, beschleicht Ihr ein andermal Schlösser, Tut's not, Ihr verstehet aufs Tanzen Euch besser. Euer Töchterlein Tanzet so fein, Dem soll meine Feste geöffnet fein." Im Schlosse des Grafen, da hebt sich ein Klingen, Mit Fackeln und Kerzen ein Tanzen und Springen. Gras Eberstein Führet den Reihn Mit des Kaisers holdseligem Töchterlein. Und als er sie schwingt nun im bräutlichen Reigen, Da flüstert er leise, nicht kann er's verschweigen: Schön Jungfräulein, Hüte dich fein! Heut nacht wird ein Schlößlein gefährdet fein. Der Mann, der m'.i dieser Zeit fertig wird. Roman von Waller Julius B l o e m (GDS.). (Fortsetzung.) Möglicherweise beflügelt jetzt der Zorn seine Phantasie. Nach den bisherigen ganz niedlichen Erfolgen verlangt Doktor Wagenschanz einen gründlich vorbereiteten Angriff auf Braunschweig und auf Weimar, jedes Städtchen nimmt er sich einzeln vor in seiner Genauigkeit: zwei oder drei Hammerschläge sollen gegen die Gehirne der Schönheitsbedürftigen losknallen, und nach der dritten großaufgemachten Anzeige bleibt nichts andres ubrrg als in den Laden zu stürzen und die Salbe EroUkon zu kaufen. * Ganz außer Atem nähert sich Elli der Wohnung Schönleins, sie strampelt mit Leibeskräften auf dem Fahrrad, ein lüsterner Wind schiebt ihr kurzes Röckchen über die Knie hinauf. Das Rad bleibt schief an den Rinnstein gelehnt, sich selbst überlassen, es ist so alt und gebrechlich, daß es demnächst aus dem Verkehr gezogen werden soll. Wer es also stehlen mochte, wird hierzu höflich eingeladen. Elli mit ihren jungen Beinen stürmt die Treppe hinauf, seit Wochen und Monaten zum erstenmal. Warum verschloß diese Tür, hinter der Rosemarie eine Zuflucht sand, sich nun vor Elli? Sie nähte viele Schlipse für Schönlein und manches Kleid für Lisa. Peters Frau hat nun das Feld geräumt, und Rosemarie scheint es auf besondere Weise zu verstehen, alles für sich allein zu belegen, ohne böse Absicht geschah das: erst gab es, rund gerechnet, drei Frauen um Peter, und nun gibt es bloß noch eine. Er fuhr heute nach Hannover, wie sich zu Ellis kleinem Kummer herausstellt, und wird erst mit dem letzten Bummelzug nach Mitternacht zuruck sein. Anderseits trifft sich das gut, Elli überbringt eine Frage von Wichtigkeit. „Nämlich wir sind aus Braunschweig angerufen worden und müssen bis heute nachmittag eine Kiste Erotikon hingeschickt haben. Kieselbach hat uns ein paar wunderbare Inserate gedichtet, unser Zeug wird verlangt, und noch niemand hat es vorrätig. Aber mit der Bahn wäre die Kiste erst morgen da. Du kannst doch Autofahren, wie?" „Natürlich." „Der Doktor läßt dich fragen, ob du zwei Kisten in feinem Wagen hinüberbringen konntest, eine nach Braunschweig und eine nach Weimar. Ich soll mitfahren, wenn es dir recht ist." Immer noch stehen die beiden zwischen Tür und Angel. „Muß denn das alles hier draußen besprochen werden?" — 0 nein, Elli, komm herein!" Die blonde Elli wandert durch alle Zimmer, die Hönde auf dem Rücken und die Schultern eingezogen, sie macht auch vor Peters Schlafzimmer nicht halt. „Es sieht hier so anders aus." " „Es steht alles noch genau am selben Fleck." „Das schon.'" Elli vermag es nicht zu erklären, etwas ist weggelöscht von Lisas großmütigem Geist, eine übertriebene Sorgfalt jagt hinter den einzelnen Staubkörnchen her. Elli dreht sich um. „Also wie ist es, fährst du den Wagen?" „Doktor Wagenschanz muß sehr einfältig fein, daß er überhaupt auf den Gedanken kommt. Erst nimmt er mir das Auto weg, das eigentlich ich gewonnen habe, und nun soll ich damit eine Geschäftsfuhre für die „Kosmetischen Werke" machen?" „Das sieht doch kein Mensch", meint Elli, „daß hinten in dem eleganten Wagen zwei Kisten stehen. Die werden in Braunschweig und in Weimar abgeladen, das erledige alles ich, du gehst solange eine halbe Stunde spazieren. Meinst du nicht, daß du dein Vergnügen daran hättest? Wie lange find wir schon nicht mehr aus diesem Nest rausgekommen?" Ein heftiger Kampf geht vor in Rosemarie, in früheren Zeiten wußte sie nichts von solchen Gefühlen, damals zogen Wälder an ihr vorbei, die fernen Einsamkeiten der ostpreußischen und der mecklenburgischen Seen, aber sie hatte nicht viel Auge dafür, weil sie über den Bogen des Lenkrades hinweg die dahersausende Straße beobachten mußte. ,Zch habe keine Zeit. Wenn Herr Schönlein da ist, muß ich für ihn kochen. Die Wohnung ist noch nicht ganz aufgeräumt. Und endlich hätte ich nachher viele Stunden für mich zum lieben." Rosemarie verfügt über ein beträchtliches Maß von Selbstkritik, und da Peter sie ernstlich zur Veranstaltung von Klavierkonzerten ermuntert hat, findet sie mit Schaudern ihren technischen Zustand gering, unbewegliche Finger- und Handgelenke und tausend Mängel des Ausdrucks. „Die paar Stunden! Das läßt sich alle Tage nachholen." „Bestimmt, Elli. Du willst nichts erreichen, also tust du das, was dir in die Hände läuft. Aber wenn man sich etwas vornimmt und es auf Biegen ober Brechen durchsetzen will, dann merkt man erst, wie das ganze Leben bloß aus Nebensächlichkeiten besteht und wie schwer es ist, sich von ihnen freizumachen." Das Proletarierkind wiegt den blonden Kopf. „Schon gut. Dann tu «s mir zuliebe. Ich renne und schufte und bin immer für andre Leute da, ich bin überhaupt noch niemals in einem richtigen Auto gefahren. Der Kandidat qualmt mir das ganze Büro voll mit seiner Pfeife, ich werde noch tuberkulös davon. Weißt du, es wäre so schon, gerade weil heute kein Sonntag ist, und man konnte draußen herumsahren und sich so recht vorstellen: jetzt sitzen die andern und müssen arbeiten!" Eine kleine Gastreise ins wohlbekannte Land der Sorglosen gefällig? Drunten strampelt Elli auf ihrem Fahrrad davon, als hätte sie Flügel an den Schultern. Anton Wagenschanz empfängt sie mit Erleichterung, da er schon fürchtete, in der Eile werde sich kein Fahrer auftreiben lassen und die gute Bestellung ginge in den Schornstein. Nun steht er mit den Händen in den Hosentaschen und sieht zu, wie Elli mit alten Tüchern und einem Fensterleder an den blanken Scheinwerfern und am Lack herumreibt, er weiß nicht, ob es für diese Zwecke schon Hilfsmittel gibt, aber man könnte sich eigentlich mal mit solchen Sachen beschäftigen und vielleicht Verbesserungen erfinden. <5eit_einigen Wochen, genau feit er die ersten winzigen Erfolge mit feiner Salbe erzielt hat, gibt es für Antön keine zugesperrten Türen mehr, er hat im Gegenteil den Eindruck: es lasse sich überall mehr für ihn zu tun finden, als hundert Kopfe leisten können. naher Beziehung zu Peter Schön- , Gewissen. Ist Peter selbst so voller Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Vuch» und Steindruckerei. R. Lange, Giehen. bei uns Wlesenböche und Me kahlen Berge, aber kein Mensch ist in der Nähe und freut sich daran. Man kann sich wahrhaftig gramen über diese unheimliche Verschwendung, daß Schönheit da ist und niemand sre ^Obwohl sie diese Reise mit ganz verschiedenen Sinnen erleben, finden sie, sie seien niemals zuvor so gut befreundet gewesen. dir etwas verbieten könnte." Rosenrarie weicht aus. „Ich werde es ihm lieber nicht sagen/ (Fortsetzung folgt.) Am frühen Nachmittag bremsen sie schon wieder scharf und sportNch vor der Kosmetischen Fabrik und klappen mit stolzen und höhnischen Ge- bürden den leeren Gepäckraum auf. Die Kisten mit Erotikon sind alle beide in Braunschweig geblieben. „Sie glauben ja nicht, Herr Doktor, wie geschickt die Rosemarie ist! Der Grossist wollt« unbedingt dl« zweite Kiste haben, aber ohne Anzahlung, ich habe ihm wütend gesagt: „Was denken Sie sich denn eigentlich? Wir wollen doch auch leben. Da hat Rosemarie mit ihm verhandelt, und hier ist das Geld. Jetzt packen Sie uns schnell noch zwei Kisten in den Gepäckraum, damit wir sie nach Weimar bringen. Anton zählt t)ie Scheine und Münzen. ,,{$ür Weimar ift es jetzt zu spät, das kommt mit der Bahn früh genug." „Wenn wir das gemuht hätten, wären wir aber noch lange nicht zurückgekommen, dann wären wir in den Harz gefahren und hatten da irgendwo gebadet." ... . Das könnt ihr ja immer noch tun." Anton lacht und schiebt einen Geldschein hinüber. „Für Sie, Fräulein Reubold. Natürlich! Wenn Sie mir einen wichtigen Dienst leisten, bekommen Sie auch etwas ab. Besonders wenn Sie arbeitslos sind." m . ,Es ist jetzt nicht die Zeit, stol§ zu fein' hort sie Peter Schonlem reden. Nimmt den Geldschein an sich. Das Gefulst eines schlechten Gewissens macht sich von jetzt ab verstärkt bemerkbar. Aber gegen diese Reise könnte Peter doch keine Einwendungen erheben, mit welchem Recht Überhaupt, besonders wenn sie sich in ihrer schwierigen Lage etwas Geld ver- dient? Aber es ist merkwürdig, wer in naher Beziehung zu Peter Schonlein steht, hat unaufhörlich ein schlechtes Gewissen. Ist Peter selbst so voll- kommen und bewundernswert? . In den Kosmetischen Werken sitzt Kisselbach mit rauchendem Haupt und baut neue Kanonen, welche die Festung Braunschweig noch sturmreifer schießen sollen als bisher. Seit einiger Zeit weiß er, daß die Welt mit den Talenten Schindluder treibt, es werden Menschen zu Lehramtskandidaten ausgebildet, die sich dann durch einen blinden Zufall zu Reklamegenies entwickeln. Man müßte jeden Einzelnen zwölfmal herumprobieren lassen, was ihm denn eigentlich liegt, das Allerverschiedenste, und wahrscheinlich wird er beim dreizehntenmal sich irgendwo festbeißen, wo niemand und auch er selbst nicht es in den kühnsten Träumen erwartet hätte. Aber ein jeber seufzt unter der starren Ausbildung, die ihm von andern zugedacht worden ist, und dann hindert sie ihn daran, seine wirklichen Fähigkeiten aufzuspuren. ,Was ist mit Anton?' überlegt Rosemarie. Früher störte sein Stoppelbart, seine Haltung erschien geduckt und ohne Selbstvertrauen, jetzt geht er wie ein Mann, der seinen Weg kennt. Er will hinkommen. An ihm blieb alles einfach wie sein« Kleidung: die breite Hand, deren Finger von Chemikalien braun verfärbt find, die Bauernstirn ohne den Glanz der Lebensliebe, er will sich durchbeißen und damit basta. Eine Salbe, denkt sie mit einer kleinen Verachtung, eine Pille fürs Rasierwasser der Manner, später eine Seife und ein Eishaarwasser, wie er ihr erzählt hat, eine Rasierkreme vielleicht. Wenn man sich Möglichkeiten überlegt, was man alles tun kann in solcher Richtung, so kommt eine aberwitzige Zahl heraus, und er scheint es ja zu verstehen, seine Waren unter die Leute zu bringen. Vermutlich grübelt er nicht darüber nach, ob die Bestimmung seines Lebens sich in der Herstellung von chemischen Produkten erschöpft, dieser Gedanke paßt nicht in Antons Kopf, und man kann ihn dazu nur beglückwünschen. Denn sobald wir unsre Existenzberechtigung überhaupt in Zweifel ziehen, dann beginnt ein Stürzen ohne Ende. Ein Sinn ist nur in der Schönheit, überlegt Rosemarie. Die Sonate hundertelf tragt auf ihren Quinten und Septimen die Rätsel, die wir nur empfinden können. Man kann es aber genau so machen wie dieser Mann hier, der über solche Probleme nicht nachdenkt, er arbeitet sich mit beiden Ellenbogen Raum, mögen die andern zusehen, wo sie Platz finden. Im Türspalt erscheint Ellis von der Sonne gerötetes Gesicht. Doktor Wagenschanz begleitet die beiden Mädchen zum Hof und an den schwer- bestaubten Zweisitzer. Am Steuer zieht Rosemarie sich Schönleins ffii®; lederhandschuhe an und legt die Krempe herum. „Wie läuft der Wagen? — „Vorzüglich, aber Sie müssen das Oel wechseln." — „Sie werden um Ihren Rat gebeten, Fräulein Reubold, bei uns versteht keiner etwas davon." — „O bitte, gern." — „Wann?" — „Wir sind so gegen sieben zurück", antwortet Rosemarie, nickt und saust ab. Vier Uhr nachmittags, jetzt sitzen die Fleißigen über ihre Tische gebückt, um dies« Stunde wird Peter Schönlein in einem drückend heißen Gerichtszimmer hocken. Für Ellt und Rosemarie gelten heute keinerlei Verpflichtungen, die Erde legt sich von neuem ausgebreitet hin, als ob sie für diese beiden geschaffen wäre. Die kurzen Haare flattern um Schläfen und Wangen. „Da sind wir mal sieben Stunden aus dem Trott heraus", klagt Elli, „und schon nimmt man das Feinsein Hin, als ob es immer so wäre. Aber ich werde die Sache schon schieben, sei sicher, von jetzt ab werden olle drei Tage Eilkisten fällig, die unbedingt mit dem Auto transportiert werden muffen. Die Bestellungen kommen doch alle zuerst auf meinen Tisch, da können sie sich gut einen halben Tag von der anstrengenden Postreise ausruhen, und bann ist eben gerade ein Eilbrief gekommen: „Herr Doktor, ich werde mal schleunigst Rosemarie anrusen! „Das geht nicht, Elli. Oh, wie ist der Wagen schon! Aber bas würde Peter ja niemals erlauben, daß ich öfter fahre. Ich überlege, mir schon immerfort, ob ich ihm überhaupt etwas davon erzählen soll." Die andre schlägt die Augen nieder. „Du stehst also so mit ihm, datz - Der Wagen ist jetzt in dem etwas geräumigeren Lagerschuppen der ehemaligen Farbenfabrik untergebracht, hinten liegen Fasier und Kisten rund um ihn ausgestapelt. Fabisch schleppt aus feinem Stiernacken zwei Nagelkisten voll Schönheitskreme herbei, nun muß das Auto ein Intzchen nach vorne geschoben werden, damit man hinten auspacken kann, am besten gleich in den Hof. Zum Glück weiß Anton Wagenschanz ungefähr, was die Bremse ist und daß man mit dem Steuerrad unschwer lenken kann, setzt sich also eigenhändig hinein und laßt die anbern schieben. Zuerst will der Taubengraue wieder mal nicht, dann tritt Anton auf irgend etwas, die Räder bewegen sich schnell, und mit einem trockenen Bums sitzt der linke Kotflügel eingebeult an der Tur. Man laßt die beschichte in Gottesnamen fo stehen und liegen und belädt den Gepackraum, außerdem muß Anton jetzt verschwinden, da Fräulein Reuboldt den bestimmten Wunsch äußerte, sie wolle ihm nicht begegnen. Kann er ihr nicht verdenken, — wenn sie ihm nur seine beiden Kisten fährt. In einem weißen, blitzsauberen Leinenmäntelchen, das sie sonst zum Kochen trägt, die kleine Mütze auf dem Ohr, erscheint Rosemarie, halt sich nicht lange auf, schüttelt den Kopf über den verbeulten Kotflügel, laßt sich von Elli die Zündungsschlüss«! holen und steuert mit ein paar geschickten Griffen erst rückwärts und dann in den Hof, Kleinigkeit! Sie sagt es nicht und sie ist es gewohnt, alles zu verbergen, was sie empfindet, aber ihr Blut klopft in großer Erregung, sie öffnet die Haube und fühlt das lebendig warme Metall, aus dem ein Surren heroorbrummt, sie zieht an einem dünnen Gestänge und verwandelt das Geräusch in ein zorniges Grollen, sie schiebt das Gestänge zurück, und der Taubengraue schweigt gehorsam. „Laß dir Geld geben, Elli, für Benzin." Anton in feiner Großmut schickt sogar noch fünf Mark mehr, als verlangt wird, obwohl an diesen blanken Stücken immer noch ein spürbarer Mangel herrscht, aber die beiden Mädchen sollen für ihn etwas verdienen, eine ganze Menge, und sie mögen auch unterwegs einkehren. Man soll dem Ochsen, der da drischet — falls der Vergleich nicht als unpassend empfunden würde. Elli verstaut aber schon ein Futterpaket. „Lieber gehen wir für das Geld unterwegs in eine Konditorei." Aber das schlägt sie in einem untergründigen Gefühl erst vor, als die Mauern verschwinden, als die Räder ihren Tanz über das Kopfsteinpflaster der Vorstadt beendet haben. Hier wölbt sich aus lichten Rändern der Himmel wie eine blaue riesige Glocke über allen Horizontenl Rosemarie spürt begierig in ihren Händen das sanfte Zittern des Wagens. „Laß mich doch enMid) mal losrasen", bittet er, „erinnerst du dich nicht an die früheren Zeiten? Damals hast du nie fo recht darauf acht gegeben, ein Wesen meiner Art gehörte zu dir." Sie sitzt halb bewegungslos und fühlt genau, wie ihre Nerven in den Stahl hineinkriechen. Merkwürdigerweise macht sie genau dasselbe Gesicht, wie wenn sie.am Flügel sitzt und übt. Ellis schwereloser Oberkörper wiegt sich wie im Tanz, die nackten braunen Anne stecken sich in die Uebersülle von Wind und Licht, als mühte man das alles mit den Händen greifen und betasten! Die Welt, die sonst nur aus Wänden besteht und aus kleinen Höfen, bricht auseinander und teilt sich in Hälften, im Süden dehnt sie sich mit flutenden, gelben Erntefeldern bis in den braunen Dunst, nördlich eilen Wälder zu den Höhensäumen hinauf, auf denen die blaue Himmelskugel ruht. Wirklich, hier gibt es das alles noch, Süden und Norden, Wind, Gras am Wege und Bienenschwärme über den Wiesen, natürlich gibt es das noch, aber zwischen den Häusern und Pflastersteinen macht es einen verirrten und unnatürlichen Eindruck, und die wachsenden Städte scheinen die Absicht zu haben, derartiges abzuschaffen oder es nur in wohlabgemessenen Grenzen zu dulden. Der Wind kommt aus dem Unermeßlichen, und dorthin fliegen die Bienen zurück, die schnell wie geworfene Steinchen vorüberflitzen, ein unaufhörliches Bombardement, das keinem wehe tut, auch den Bienen nicht, die dem daherkommenden Ungeheuer mit leichtern Schwung und Dreh aus dem Wege biegen. Rosemarie jedoch schont mit großer Aufmerksamkeit den Wagen, der vollkommen neu ist und vorsichtig eingefahren werden muß, offenbar tickt ein Ventil. Sie hat immer den schmählich eingedrückten Kotflügel vor den Augen. „Wenn der Doktor Wagenfchanz seinen Wagen nicht besser behandelt, wird er nicht lange Freude daran haben." Die wirbelnde Luft springt um die Windscheibe und zaust in Ellis Haar, rasten will Elli, sich hinwerfen in die Schierlingswiesen, deren Namen sie nicht weiß — es muß ein Wunder geschehen, man erhebt sich und läuft auf allen Vieren davon in den Wold, in die Urheimat! „Wie sollen wir rasten, Elli, wenn wir um eins in Braunschweig sein [ein müssen?" Zum erstenmal seit langem empfindet die kleine Tippmamsell wieder eine gewaltige Hochachtung vor Rosemarie, für die es heute keine Schwierigkeiten zu geben scheint, man muh wohl in solche gewölbten Lederpolster hineingeboren werden, bringt das Verständnis für diese Maschinerie und vor allem die strenge Lässigkeit der Haltung gleich mit auf die Welt. Dann wird man auch nicht betrunken von der tollen Lustigkeit, die in Blau und Gold aus dem großen All herniederfinkt, man nimmt maßvoll teil an dem großen All und verlangt nicht danach, die Brust in die Erde hinein- zupresfen. Wie könnte man in solchem Taumel auch das Auto lenken, geradeaus und immer gut in der Mitte der Straße? „Ich an deiner Stelle, Rosemarie, ich würde jetzt in den Feldweg hineinlenken, oder vielmehr ich würde die beiden Kisten in Braunschweig und in Weimar abgeben, und mit der Anzahlung führ« ich auf und davon. Bestimmt!" „Du bist übergeschnappt." „Total", gibt Elli zu. „Ein Hase!" ruft sie schon, weil ein Kaninchen über den Weg hoppelt. Sie entwirft Urlaubspläne, von denen sie weiß, daß sie vor dem Winter und wahrscheinlich überhaupt unerfüllbar sein werden, denn die Löhne sind winzig, die Doktor Wagenschanz zahlt ober zahlen kann. Ihre Stimmung schlägt um. „Ach, da sieht man mal richtig, was unsereins von der Jugend hat! Das liegt alles da und wartet, daß jemand es anschaut. Stell dir vor, es gibt auf der Erde hunderttausend schöne Stellen, Klippen mit Brandung und vielleicht Palmenwälder oder