Jahrgang (935 Freitag, den August Nummer 59 Endlich sie löß! .5 erlebt @ie6er" it aller ng geadelter jionata Kops: >st mit aschen, laputt, heute ) Herrn im immer ooierel ge, bis Stück, das so auch so er doch Koffer und Kisten ließ ich bei guten Freunden und ging mit zwei Handtäschchen an Bord. Pünktlich am 5. August nachmittags machte die „Italia" vom Kai der DLrsena del Norte los: Tusch, Marschmusik, Winken! „Italia" vom Kai der DLrsena del Norte los; Lu,u7, ^u^u-.num, rauutm Alle Nationen drängten sich auf den Kais; alle möglichen Dampfer füllten sich mit den Heimkehrern des verfeindeten Europa. Ein dicker Franzose, auf jedem seiner drei gelben Schornsteine mit einem krähenden roten Gockel komisch behaftet, lag heulend unter Dampf, und dicht neben ihm, stumm verhalten, unsere prächtige „Cap Trafalgar", für ihre Kaperfahrt als Hilfskreuzer rüstend: ein Symbol der bereits vollzogenen Isolierung Deutschlands — erhebend und beklemmend in einem! tlung n der >ie[em Ser- iel zu erben, n den it um bensach sie hol i Weile z dieser zimmer Pong. , Mts, r Peler, um ohne fit r gar r, ich !* zu. tarne- < iulein lötzen Nachts. Non Jvsef von Eichendorff. Ich stehe in Waldesschatten Wie an des Lebens Rand, Die Länder wie dämmernde Matten, Der Strom wie ein silbern Band. Von fern nur schlagen die Glocken lieber die Wälder herein, Ein Reh hebt den Kopf erschrocken Und schlummert gleich wieder ein. Der Wald aber rühret die Wipfel Im Traum von der Felsenwand. Denn der Herr geht über die Gipfel Und segnet das stille Land. . Wasche wasche" wie he i* <1 daran « iE inlein P Tt Stu«' ^Wasser "nn es"- , in ei" e van< benfab^ ine brauch it |einer Bestelle^ le?" gab man uns wenigstens Anweisungen an die deutschen Banken, die wie alle Banken in jenen Tagen geschlossen hatten. Im verödeten Schalterraum des Banco Germanica standen wir Heimkehrer Schlange und erhielten unsere Guthaben in Gold ausbezahlt: ich bekam der blanken Füchse mehr als ein halbes Kilo, rannte zu einer italienischen Schiffahrtsgesellschaft und belegte einen Zwischendeckplatz nach Genua auf dem Dampfer „Italia", der am 5. August auslaufen sollte. Erst hinterher kam ich auf den Gedanken, mir neutrale Papiere zu beschaffen; ich ging in das Warenhaus, bei dem ich früher angestellt gewesen war, und kaufte einem jungen Spanier aus Santander, der nur wenig jünger war als ich, seine Personalpapiere ab — echte Flebben! Ich bot ihm zwanzig, er forderte zweihundert Goldmark dafür; wir einigten uns auf hundert, und nun hieß ich Juan Corral de Laturiaga. In den Schiffspapieren dagegen stand ich mit meinem deutschen Namen; ein Versuch, den Zahlmeister des Dampfers zur Aenderung der Eintragung zu bewegen, mißlang leider gänzlich. Na, schön. Wir passierten Montevideo nach Mitternacht; der englische Kreuzer „Glasgow" ließ sich nicht blicken — weder hier, noch später; er wurde nämlich durch den Grafen S p e e beschäftigt, und wir glossierten weidlich die Flaumacher vom deutschen Generalkonsulat. — An Bord bildeten sich alsbald feindliche Lager. In der Kajlltsklasse fuhren Italiener, Schweizer, Deutsche, Franzosen, Belgier, Balkanier; im Zwischendeck bildeten wir hundert Deutschen, zumeist junge Kaufleute, neben den italienischen Rückwanderern den größten Block. Der Kapitän, ausgesprochen dreibundtreu, stellte uns gegen geringe Mehrzahlung einen Messeraum im Achterschiff als Speisesaal zur Verfügung, und zwei Aufwärter versahen uns hier mit der nahrhaften Zwischendeckskost; so blieben wir Tedeschi unter uns und brauchten nicht mit dem Blechpicknapf vor der Küche anzutreten wie die übrigen Zwischendeckler. Dafür saßen wir höllisch eng; denn das Räumchen war für unsere Centurie zu klein. Mein Freund Biemann und ich pflegten unfern Thunfisch in Oel am Klavier zu verzehren, dessen Taftendeckel uns als Tisch diente, wobei unsere Karaffen mit dem obligaten Rotwein oben auf der Drahtkommode schaukelten, deren Saiten ich täglich nach dem Schmaus das Deutschlandlied entlockte, wozu die ganze Runde schallend mitsang, bis den Haifischen im Kielwasser das Maul offen stehen blieb. Wir gebärdeten uns völlig bar jeder gebotenen Vorsicht. Der Kapitän freilich hielt klugerweise alle drahtlosen Nachrichten vokn europäischen Kriegsschauplatz streng geheim und verhinderte so den Ausbruch von Feindseligkeiten an Bord. Dafür wurde heftig gespitzelt, und ein Serbe trieb es mit uns Deutschen so weit, daß wir ihm androhten, er werde in einer dunklen Nacht über Bord fliegen. Woraus er sich beim Kapitän beschwerte. Worauf dieser ihn stracks in Schutzhaft nahm und erst in Genua wieder aus der Isolierzelle herausließ. Dieser Capitano war unschätzbar! Zwöls Tage fuhren wir, nachdem mir in Santos und Rio noch Landfreuden genossen, übers uferlose Weltmeer. Unter der Bruthitze des Aequa- tors trank mancher Sohn vom Teut ein wenig zu viel auf des Reiches Endsieg, und ein Beschwingter lief sogar, auf Grund einer Wette, um Mitternacht außenbords auf der Scheuerleiste um den ganzen Dampfer herum. Was könnte dieser Brave noch alles im Kriege geleistet haben, wenn er nicht vorgezogen hätte, sich von den Engländern zivilinternieren zu lassen! Eines Vormittags nämlich — es muß ungefähr 24. August gewesen fein — kam die freche Felsnafe von Gibraltar in Sicht, und jetzt sah man plötzlich aus manchem Bullauge Papierschnitzel ins tabbfige Wasser flattern: sorglich zerrissene deutsche Militärpässe! — Biemann und ich mochten uns von unseren Pässen nicht für immer trennen; wir gaben sie gegen fünf Lire Trinkgeldes dem italienischen Schiffsbarbier in Verwahrung, und dieser Treffiiche schob sie unter seine Seisenvorräte, bis die Gefahr vorüber war. Diese Gefahr qualmte alsbald heran. Gegen Mittag — wir wollten gerade in die Meerenge einfahren — signalisierte uns ein englisches Torpedoboot den Befehl, ihm in den Hafen zu folgen, und als unser Kapitän unter Berufung auf feine Neutralität dies ablehnte, legte der charmante Brite "eine Granate vor den Bug der „Italia". Zu allem lleberfluß fuhr auch noch ein U-Boot feine schaumigen Kringel um uns herum. Der Capitano tobte vor Wut; doch er mußte gehorchen und den Dampfer unter dem mächtigem Felsen, der mit zwanzig Batterien auf Romanze einer Heimkehr 1914. Von Hans Heyck. GDS. Der Romanschriftsteller Hans H e y ck war 1914 bei Ausbruch des Krieges als Kaufmann in Argentinien tätig. Mit taufenden anderen Deutschen in aller Welt versuchte auch er, trotz der See-Blockade die Heimat zu erreichen, um unter den Fahnen des Vaterlandes die Heimat zu verteidigen. Wie er nach Deutschland kam — das klingt wie ein Märchen. Sonntag nachmittags, nach einigen Runden Whiskys, hatten wir Scheibe geschossen, was mich fünf Pesos kostete, und dann waren wir zum Wettreiten unserer Gauchos gegangen. Wir — das waren zwei Deutsche mit unfern Gästen: einigen Engländern, Iren, Franzosen, lauter Gutsnachbarn, von den umliegenden Estancias, deren nächste etwa sechs Kilometer entfernt als winzig weißes Fleckchen aus dem Graugrün der Pampa leuchtete. Die Gäule waren in den endlosen Sandrillen gelaufen, die sich am Drahtzaun unserer Estancia hinzogen, und die man in Argen- itinien einen Landweg zu nennen beliebt. Unser Gaucho, Don CSsar, hatte das Rennen gewonnen, was wieder einige Runden Whiskys kostete, und dann waren unsere Gäste hingeritten. Dies begab sich tief im Innern des Landes, in der Provinz Mendoza, an einem klaren Abend; fern im Westen stand blau und kalk der Riesenriegel der Cordillera vor dem sinkenden Tageslicht. Es war schon beinahe Nacht geworden — da galoppierte etwas heran: unser Gutsnachbar, der Franzose, war noch einmal zurückgekommen. Hoch- atmenb warf er ein Blatt auf den Tisch und rief: „Amigos, somos ene- migos!"* Es war ein Extrablatt (ich besitze es noch) mit den europäischen Kriegserklärungen vom gleichen Tage, dem 1. August 1914. Wir lasen es uns laut vor; aber begriffen haben wir nichts. Auch der Whisky brachte keine Erleuchtung. Wir zwei Deutschen und der Franzose nickten uns über Den Tisch besinnlich zu, immer wieder; was blieb uns Hinterweltlern andres übrig? Krieg? __Doch in der Nacht packte ich meinen Kabinenkoffer. Ich hatte an die südsee nach Samoa fahren wollen, und jetzt gab es nur eines: Heim nach Deutschland! — Am Morgen schunkelte das Gutswägelchen mit mir pos; die schwedische Haushälterin winkte weinend von der Veranda. Adios, Senorita! — Wir hatten 40 Kilometer bis zur Bahn, eine stundenlange Fahrt durch den schweigenden Camp; der Gutsverwalter und ich sprachen 'aum zehn Worte unterwegs; denn das Ungeheuerliche hatte sich inzwi- chen unserer Gehirne bemächtigt, und erst als das Häufchen Wellblech in Sicht kam, was sich da hinten eine Bahnstation nennt, besannen wir uns iuf den Abschied. Der Eisenbahner hißte eine rote Flagge, und wirklich: *er stolze Trans-Andino-Expreh stoppte meinetwegen, sog Mensch und Koffer ein, riß mich hinweg. Die blaue Cordillera versank. 900 Kilometer bis Buenos Aires; Camp, Camp, endloser Camp! Der Pullmann [urrte, es dämmerte; nach wirrer Schlummernacht kam ich sorgens in der Metropole an. Man schrieb den 3. August; die Riesen- tadt gärte erregt. Vor dem deutschen Generalkonsulat drängten sich drei- Musend Reservisten, verlangten Marschordre. Man sagte uns, das Reich Irinne uns nicht Heimbefördern. Wir mühten auf eigene Gefahr reifen; och würden wir sicherlich unterwegs geschnappt werden und täten daher esser, im Lande zu bleiben; der englische Kreuzer „Glasgow" liege vor Nontevideo auf der Lauer! — Wir murrten (aut; wir wollten heim! Da * Freunde, wir sind jetzt Feinde' Siefjciier.Vamiliciiblättcr Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Von -er Straßenbeleuchtung zur Guillotine. Dir Begründung der modernen Chemie durch Lavoisier vor 150 Jahren. Don Arno Albrecht. I®as Verhör zog sich bis an den Abend hin. Auch mein Freund Viemann (er hatte so wunderschöne blaue Augen!) kam durch, und zwar als naturalisierter Deutsch-Uruguayer; etwa die Halst« aller Deutschen konnte sich durchschwindeln. Die andere Halste wurde mit allem, (oe- päck spät abends aus einen Leichter gebracht; als erster klonirn jener Richard Hasenherz von Bord, der nicht hatte lügen können. Wir übrigen durften uns nicht einmal herzlich von den Geschnappten verabschieden, wir standen blöd« herum und quatschten steinern spanisch miteinander. — Gegen 23 Uhr bekam die Italia" die Erlaubnis zugeblinkt, weiterzu- sahren, und während wir aus dem ungastlichen Hafen liefen, vereinigten zehn Scheinwerfer, vom nächtlichen Felsen herab, ihre Lichtgarben auf unserm Dampfer und verfolgten ihn zwanzig Minuten lang: es schien als sollte das Schiff unter dem höhnischen Abschiedsgruß dieser irrsinnigen Stichflammen zum Schmelzen gebracht werden, und es war unmöglich, sich an Deck auszuhalten. Also tasteten wir uns in unseren kleinen Speisesaal, der plötzlich sehr geräumig geworden war: wir brauchten nicht mehr am Klavier zu essen: aber das Deutschlandlied wurde in dieser denkwürdigen Nacht um so öfter gespielt! Am nächsten Morgen stolperte ich oben auf dem Sonnendeck über einen langen Draht: die Funk-Antennen waren heruntergeholt worden. Warum? Einer unserer Deutschen 1. Klasse hatte ohne Genehmigung des Kapitäns einen Funkspruch nach Berlin aufgegeben, mit der Bitte an den Alten Herrn, ihm Geld nach Genua zu überweisen. Die französische Mittelmeerslotte hatte den Funkspruch aufgefangen, hatte ruckgefragt, ob denn, trotz Gibraltar, immer noch Deutsche an Bord seien? und um ein Haar wären wir nochmals „überholt' worden, wenn nicht unser Capitano zurückgefunkt hätte, das Telegramm sei von einer D a m e auf- qcqeben worden; andere Deutsche seien nicht mehr an Bord. Der Franzmann roar’s zufrieden, unser Kapitän weniger: er rüffelte den Erstklassigen so kräftig, daß alle Mann an Bord ihre helle Freude hatten, und ließ den gefährlichen Draht einziehen. Vorüber an den Märchengestaden der Balearen und am Übersonnten Prunkgeschmeide der Riviera liefen wir eines heißen Mittags in Genua ein. Wir dankten unferm Retter herzlichst und nahmen dreibundgetreu Abschied von ihm. An Land erfuhren wir von den großen deutschen Siegen vor Lüttich und Namur: die erste wahre Nachricht seit drei Wochen! Wir umarmten uns und meinten vor Glück! 3toei Tage später rollten wir geschlossen in Kufstein an die deuische Grenze. Das Reich wollte seine heimkehrenden Söhne zunächst nicht am erkennen, nicht einlassen: wir kamen dem bajuvarischen Feldwebel doch wohl reichlich spanisch vor! Auch schwamm ja mancher Mililarpaß bet Gibraltar herum! Mr sind dann aber schließlich doch ins liebe Vaterland fjineingelommen. uns nteberbrohte, vor Anker legen. Biemann und ich lehnten an der Reeling, und quatschten steinern spanisch miteinander — schon seit stunden. Kaum war der Anker drunten, so klomm old merry England an _Borö. Zwanzig Marinesoldaten in Khaki besetzten „aufgepslanzt das SM, taten anfangs unnahbar und erzählten spater, zwei Millionen Deutscher seien auf dem Rückzug aus Belgien, die Russen stunden vor Berlin, der Kotier habe sich erschossen. Brave Burschen — man hatte es ihnen wohl so beiqebracht; denn sie verrieten nicht viel eigene Phantasie. — Um drei Uhr erschien die Prüfungskommission und lieh sich im großen Speisesaal nieder; das Verhör begann. Mann für Mann wurden die Reisenden nach der Schiffsliste aufgerusen und verschwanden ins Innere des peinlichen Lokals an dessen Tür unser famoser Capitano stand und jedem Deutschen noch rösch ein paar Winke gab. Mancher konnte sich als Hollander oder Schweizer ausweisen und tauchte nach einem Qualweilchen als „Pas Vierter'' wieder auf, die Geschnappten dagegen wurden auf den Wandbänken des Speisesaals aufgereiht wie falsche Perlen. Ms ich eintrat klebten bereits zweiundoierzig Landsleute au; dem Leim, und aller Blicke bohrten sich mit stummer, resignierter Spannung in mich: wird er durchkommen? Vor mir ftanb noch ein blasses Bürschchen im Verhör und jammerte gerade heraus: „Herr Admiral, mein Gewissen verbietet mir tu lügen; ich muß gestehen, daß ich em Deutscher bm! — Man schob ihn verachtungsvoll aus die Sünderbank, wo die stumme Verachtung der unterlegenen Schwindelstreiter ihn empfing. — Nun wurde mein beut- scher Name aufgerufen — einmal, und nach einer unwilligen Pause zum weiten Mal. Erst beim dritten Aufruf trat ich vor und sprudelte m waschechtem La-Plata-Spanisch heraus, mein Name sei Corral de La- turiaga, und meine Platzkarte habe ich von einem Deutschen namens Heyck erworben, der im letzten Augenblick zurückgetreten sei aus Furcht vor den englischen Kreuzern. — Ein spitzmausiger Lümmel von spamschem Scoutboy machte den Dolmetscher zwischen wir und dem beleibten Admiral, dem ein herrlicher Whisky-Zinken aus dem fleischigen Antlitz ragte^ Meine Antwort ging den Briten ein; man fragte mich, warum denn ich im letzten Augenblick die Reise angetreten habe und ich erklärte daß em Telegramm mich an das Sterbelager meiner Mutter nach Santander be- schieden habe, auch beschwor ich den Zorn aller Heiligen - d« todos Santos — auf das Britische Imperium herab, falls ich verhindert würbe, den mütterlichen Segen einzuheimsen. Mein Callego-Temperauent machte Eindruck, der Admiral nahm meine Papiere und fingerte verständnislos in ihnen herum, indes fein Adjutant, ein schnittiger Captam, mich prüfend von der Seite betrachtete. Plötzlich sagte dieser Mensch ins Papierze- tnifter hinein: „Sir, this Boy has ä German face! — Ich bin dunkel und kann recht gut für ein Spanier gelten; um fo größer war mein Schrecken, als ich wider Erwarten auf die Kenntnis physiognomifcher Fineffen oei einem Angelsachsen stieß: Ich dachte: nun ist es aus!! und habet burfte ich doch gar kein Englisch verstehen; also stierte ich möglichst gelassen aus meinen Admiral, und mein Admiral stierte nun prüfend auf mich. „A Lierman face, You mean?“ maulte er; doch bann fuhr er fort: „Can be; but he has a Spanish paper. Lei him go!“ Unb [eine große Hand schrieb „Passed“ über meine Platzkarte; ich war entlassen. Dreiunbvierzig Augen- paare schauten mir bekümmert-zusrieben nach, als ich stolz (wie ein Spa« nie^) aufs Deck hinaus schritt. Nimmt man heute ein kurzgefaßtes Elementarbuch der Chemie zur Hanb so entberft man, baß fick) lanblaufigermeife in ihrer Entwicklung zwei Etappen herausgestellt haben, bis schon in ben Titeln burchi b e Namen „Geschichte ber Chemie bis Lavoisier" unb „Nach Lavosier Ausdruck finben. Wer sich heute ein wenig für biese elnschneibenbste aller Naturwissenschaften intereffiert — unb man mochte wünschen bafejeher einmal einen wenn auch kurzen Blick in bas Geheimnis täte, wie alle Körper zusammengesetzt sind — ber kommt alfo nicht um bie Ausein- anbersetzung mit diesem Mann herum, dessen seltsames und zum Schluß so tragisches Geschick auch heute noch, abgesondert von aller „grauen Theorie, Teilnahme und Interesse erwecken kann. Der Mann, dessen Wirken von so ungeheurer Tragweite für die aelamte Wissenschaft unb darüber hinaus die moderne Lebenspraxis war stellt sich uns als ein typisches Kind der Aufklärungszeit des achtzehnten Jahrhunderts dar. Am 26. August 1743 As Sohn eines d - qüterten Advokaten in Paris wurde er in eine wissenschaftlich und Pruktsich außerordentlich fruchtbare Zeit hineingeboren, deren Hauptprogramm hiefv Schluß mit allen mittelalterlichen Resten, mit ullen entwicklung - feindlichen Ueberlieferungen, die den Fortschritt der wenschstchen Bernunst hemmten Der scharfe, klärende, untersuchende, an nichts als an die um- mittelbaren Sinneswahmehmungen glaubende Verstand wurde so hoch w den Thron erhoben, wie er höher nie im Kurse stand und wenn dieser überspitzte Standpunkt auch später vielfach zu Rückschlägen Wte als deren bedeutendsten man die Romantik anfehen muß — so steht doch fest daß diese kritische Stellungnahme" zu dem gesamten Inventar der Bildung und des Wissens, das sich durch Jahrtausende angehauft ha te, gelegentlich vielen unnötigen Schutt aus dem Wege räumte, um an1 J ©teile exakte Forschung unb neuzeitliche Erkenntnis zu setzen. In diesem Geist lieh Baker L auoifier seinem Sohn Antoine-Lauren bievor- ziialichste Erziehung angedeihen, die man sich damals für Geld kaufen konnte Und^diese Ausgaben wurden nicht in den , Wind ge[treut was gleich zu Beginn ber wissenschaftlichen Karriere bes jungen Mannes sichtbar wurde. .. . ... Im Jahre 1764 — Lavoisier war gerade mündig geworden erließ die Regierung eine- außerordentliche Preisfrage: wie die Straßen einer ai oben Stabt am besten „bei Nacht zu erleuchten waren, so, daß bie Zwecke der Helligkeit, ber bequemem Abwartung und ber Kosten- erwarung zugleich badei erreicht würben". (Erinnern wir uns nebenbei, daß eine9 NachtbAeuchtung selbst in ben großen Stabten ber damaligen nnrh ein lettener Citrus war — London war, seit 1684, so ungesahr die einzche "n der es „öffentliche Laternen" gab, bie.erfte Gasbeleuchtung wurde "dort erst 1802 unter Georg III. emgefuijrt, m Paris uni) ®er in erft viel später.) Der Preis von 2000 Livres wurde damals unter wer Anwärter verteilt: drei Pyrotechniker, die allerlei pompöse Vorschläge gemacht hatten, unb Lavoisier, der von der wissenschaftlichen Seite an diese Frage herangegangen war. Daß diesem jungen Äenschen die Ehrung zuteil wurde seinen Vorschlag nicht nur öffentlich belohnt, sondern auch gedruckt zu sehen (man schrieb 1766, und die Druckerschwärze war rwch nicht so billig wie heute!), machte in wissenschaftlichen Kreisen erhebliches Aufsehen. Die zweite Ehrung ließ auch nicht lange auf sich martern am 18 Mai 1768 wurde der knapp Funsundzwanzigjahrige an Stelle bes großen Baron in bie französische Bkabemie gewählt. D°nnt mtschieb sich bas Schicksal des jungen Mannes, der noch geschwankt hatte, ob er nicht lieber das Leben eines begüterten unb zurückgezogenen Privatmannes sichren und so seine wissenschaftlichen Gaben enlwickeln wolle. Nun war er der Oessentlichkeit geweiht — unb bies sollte ebenso fernen Ruhm ungeahnt erweitern wie auch fein Unglück werben. In ben ersten Jahren feiner Laufbahn beschäftigten ihn Untersuchungen auf allen Gebieten, bie bie Vielseitigkeit feines Wissens bartaken Ab- hanblungen über ben Donner, bas Nordlicht, den Uedergong von Wasser in Eis sind uns erhalten. Eine weitere Untersuchung sollte ihn aber aus ben Gegenstanb sichren, ber feine Unsterblichkeit begründete: >n der damaligen Zeit war es eine landläufige Überzeugung der Chemiker, man könne durch wiederholtes Destillieren von Wasfer in einer Glasretorte eine kleine Menge von Erde gewinnen. Dies war insofern für die b_rr schenden chemischen Vorstellungen von Bedeutung, als sich damals fein Mensch über die wirklich« Zusammensetzung der heute von uns „Elemente" genannten Grundstoffe klar war - Wasser, Erde Feuer Lus waren nach damaligem Glauben ober Aberglauben bevölkert von ge- heimnisoollen „Prinzipien", bie eine Ueberführung bes einen in bas andere gestatteten. Wie dies aber vor sich gehen sollte, darüber schwankten die Meinungen. Lavoisier stellte also den Versuch ber Ueberfuhrung von Wasser in Erbe cn unb beckte burch glanzenbe Darlegungen ben hierin enthaltenen Irrtum auf: er wies nach, baß bie „Erbe , bie sich angeblich bildete, von dem Glas selbst herrührte, das durch den Destillationsprozeß abgenützt wurde. „Denn", so schreibt fein erster Biograph L a l a n d e a?s er 101 Tage hindurch bie Destillation fortgefetzt hatte, war das Totalgewicht bes Gefäßes mit bem barin enthaltenen Wasser zwar unver- änbert geblieben, aber der „Pelican" — bie Retorte — hatte gerabe so viel an Gewicht verloren, als bas Wasser barem zugenommen hatte^ Dieses aufsehenerregenbe Experiment war es wohl zunächst, das ihn Jahre später bas denkwiirbig« Wort prägen ließ: „Nichts entsteht und nichts vergeht in ber Chemie". Masse unb Gewicht bleiben immer konstant, nur bie Form, ber Zustanb ber umgeformten Stoffe verändert sich. Dies aber ist bie Grenze, bie selbst ben Seranberungen gesteckt ist. Auch anbere „unerklärliche Phänomene" führte er auf ihre natürlichen Ursachen zurück, bie sich zwar recht unscheinbar ausnahmen, aber trotzoem eine Revolution in der Chemie einleiteten. So hatte man früher beob_ achtet, daß, wenn die Metalle unter dem Einfluß der Hitze ihren Glanz verlieren unb in einen kalkähnlichen Zustanb übergehen, ihr Gewicht zw I nimmt. Lavoisier stellte sest, baß bie in bem Gesäß zugegebene Lust bteie Gewichtszunahme veranlaßte. Diese Entdeckung brachte ihn dahin, sich mit der Zusammensetzung der Lust und ihren näheren Eigenschaften genauer zu befassen. Schon andere Forscher vor Lavoisier — vor allem die Engländer Cavendish und P r i e st l e y — hatten verschiedene Stosse in der Lust beobachtet, darüber hinaus das „Benehmen" dieser Stoffe beim Verbrennungsprozeß. Aber der Umstand, daß diesen bedeutenden Gelehrten immer wieder Vorstellungen über „brennbare Prinzipien" in den Weg kamen, hinderte sie, richtige Folgerungen aus ihrem Fund zu ziehen. Lavoisier, von keinen Vorurteilen belastet, skeptisch allem gegenüber, was ein unmittelbares Experiment ihm nicht selbst verriet, konnte die wahre Bewandtnis dieser Bestandteile der Luft aufdecken. Er wies nach, daß die „reinste" Lust, die nicht nur für die menschliche Atmung unerläßlich war, sondern auch durch ihren Säuregehalt Metalle zum Oxydieren brachte, im organischen und anorganischen Leben allgegenwärtig ist — und gab ihr den Namen „Sauerstofs". Auch den Stickstoff erkannte er erstmalig in all seinen Eigenschaften. Schließlich machte er 1783 den bahnbrechenden Versuch, nicht nur durch Verbrennung von Wasserstofsgas und Sauerstoffgas reines Wasser zu erzeugen, sondern auch diese beiden Elemente voneinander zu trennen. So warfen Laooisiers unwiderlegliche Versuche mit Sauerstosf, Wasserstoff, Stickstoff, Kohlensäure alle rätselhaften Theorien, die noch an dem „brennbaren Prinzip" und anderen rückständigen Vorstellungen sesthielten, ein für allemal über den Hausen. Um die Umwälzung vollständig zu machen, ersand er auf dem Boden seines neuen Systems 1787 die chemische Zeichensprache, die von diesem bis auf den heutigen Tag eine internationale Verständigung über chemische Vorgänge ermöglicht. ausstellte, waren her unbekannt gewesen wäre; alle Tatsachen, die er die notwendige Folge der Arbeiten derer, die ihm vor- Man sollte meinen, daß diese wissenschaftlichen Taten hinreichten, ein Leben auszufüllen. Aber Lavoisier war nicht nur „freier Forscher, sondern auch Mann der französischen Öffentlichkeit. 1776 bereits war er Oberaufseher der französischen Pulverfabriken geworden. Von dieser Tätigkeit des Gelehrten berichtet Lalande: „Er brachte es bald dahin, daß ein Schuß 120 Klafter weit reichte, da unter denselben Umständen vorher das beste Pulver nur 90 Klafter weit ging. Im Krieg von 1765 erreichten uns die Kugeln der Engländer eher als die unfrigen sie, und im Krieg von 1778 klagten sie umgekehrt, daß die unfrigen sie schon träfen, ehe die ihrigen uns erreichten". 1778 ging er unter die Landwirte: zunächst auf eigene Rechnung, dann als staatlicher Großpächter verbesserte er die Methoden, erhöhte den Ernteertrag, erweiterte sein Vermögen und seinen staatlichen Einfluß. Daß dies nicht aus purer Gewinnsucht geschah, geht daraus hervor, daß er während einer Hungersnot im Jahre 1780 der Stadt Blois und einigen anderen Städten ohne Zins Geld zur Verproviantierung lieh. In Staatskommisfionen arbeitete er an hervorragender Stelle sowohl an einem Dezimalsystem der damals komplizierten Gewichtsordnung und an Fragen der wissenschaftlichen Landesvermessung. Ein von ihm herausgegebener mineralogischer Atlas gilt heute noch als Musterbeispiel dieser Art Karten in Frankreich. Langjähriger Präsident der Akademie, war er im Lauf der französischen Revolution in den ersten Jahren noch zu höheren Stellungen berufen worden: 1791 wurde er Kommissar des Staatsschatzes und entwarf nicht nur einen Plan, wie man durch Banknoten das Nationalvermögen in besseren Umlauf bringen könnte, sondern errichtete auch die bekannte Zollmauer um Paris, um die Staatseinnahmen zu vergrößern. Diese letzte Maßnahme machte ihn freilich bei der Bevölkerung, die nun aus Schritt und Tritt Zoll und Brückengeld zu zahlen hatte, unpopulär. Die großen praktischen Erfolge feiner chemischen Lefftungen in Handel und Industrie, „auf dem Gebiet der Färbekunst, der Bergbaukunde, der Probier- und Schmelzkunde" hat Lavoisier freilich nicht mehr erleben dürfen ... Denn das „Gemurr" des Pariser Volkes über den unerwünschten Zoll wurde verstärkt durch den Neid einiger seiner Kollegen der Akademie, denen Lavoisier ein höchst lästiger Nebenbuhler war. Er, der nnmer selbstlos gehandelt hatte, wurde als „Pächter" und „reicher Mann beim Rcvolutionstribunal verdächtigt. In der damaligen Zelt, m der unter Robespierres Herrschaft das Blut in Strömen floß, genügte nur der Schatten eines Verdachtes, um einen verdienten Mann um seinen Kops zu bringen. 1793 mußte Lavoisier aus Paris fliehen, die Akademie strich seinen Namen au- ihren Listen, der im In- und Ausland so viel zu ihrem Glanz beigetragen hatte — aber Lavoisier hielt es nicht lange in der Verbannung, er hatte wichtige wisfenschaftliche Arbeiten zu vollenden, zudem glaubte er im Vollgefühl seiner Schuldlosigkeit wohl nicht daran, daß ernsthafte Gefahr für ihn drohte. Kaum war er zuruckgekehrt, wurde er verhaftet. Man gestattete ihm nicht, sich zu verteidigen. Eine Schrift des großen Chemikers H a u y, der die Verdienste dieses Mannes für die ganze Welt behandelte, wurde vom Tribunal mit den Worten abgetan: „Die Republik braucht keine Gelehrten". Lavoisier selbst schrieb aus dem Gefängnis, er wolle gern auf fein Vermögen verzichten und sich durch Arbeit als Apotheker durchschlagen — er f ehte schließlich, als sem Schicksal schon entschieden war, man möge die Urteilsvollstreckung doch nur ein paar Tage hinausschieben, bis er eine Arbeit, die ihn gegenwärtig beschäftigte, zu Ende geführt habe —, er begegnete tauben Ohren. Am 19. Floreal (8. Mai) des Jahres 1794 wurde der „Burger Lavoisier als Großpächter und Schädling der Republik" zusammen mit seinem ebenso unschuldigen Schwiegervater Paulze und anderen 27 Generalpächtern durch das Fallbeil hingerichtet. . ., Er ist, gelassen und heroisch, denselben Tod gestorben zahlreiche Wissenschaftler ersten Ranges dieser Zeit: wie die großen Mathemallker Condorcet und Bailly, wie der bedeutende Denker La Roch e- s o u c a u I t, wie der Dichter M a l e s h e r b e s. Als der Mathematiker Lagrange, in der Akademie Laooisiers ehemaliger Kollege, von dieser Hinrichtung erfuhr, sagte er tief erschüttert: „Sie haben nur einen Augenblick' dazu gebraucht, diesen Kopf fallen zu lassen, undi f;ui Jahre werden vielleicht keinen ähnlichen h-r°°rbrmgen Erwähnen wir zum Schluß, was Laooisiers großer deutscher Nachfolger Justus v o Liebig über diesen Propheten der modernen Chemie gesagt hat. „Er entdeckte keinen Körper, keine neuen Eigenschaften, kein natürliches T hm nomen, das vorher unbekannt ausgingen. Sein Verdienst, sein unsterblicher Ruhm besteht darin, daß er einen neuen Geist in den Körper der Wissenschaft goß, wenn auch alle Glieder dieses Körpers bereits vorhanden und richtig aneinanderge- sügt waren. Trotzdem ehren wir in Lavoisier denjenigen, ohne den die neue Chemie nie das geworden wäre, was sie jetzt Im Begriff ist zu werden." Einen Gommer lang. Von Detlev von Liliencron. Zwischen Roggenfeld und Hecken Führt ein schmaler Gang; Süßes, seliges Verstecken Einen Sommer lang. Wenn wir uns von ferne sehen, Zögert sie den Schritt, Rupft ein Hälmchen sich im Gehen, Nimmt ein Blättchen mit Hat mit Aehren sich das Mieder Unschuldig geschmückt, Sich den Hut verlegen nieder In die Stirn gerückt. Finster kommt sie langsam näher, Färbt sich rot wie Mohn; Doch ich bin ein feiner Späher, Kenn die Schelmin schon. Noch ein Blick in Weg und Weite, Ruhig liegt die Welt, Und es hat an ihre Seite Mich der Sturm gesellt. Zwischen Roggenfeld und Hecken Führt ein schmaler Gang; Süßes, seliges Verstecken Einen Sommer lang. Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Walter Julius B l o e m (GDS.). (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Elli putzt sich die Zähne und schneidet eine Grimasse. „Du bist doch bei Frau Schönlein gewesen, wie?" , Frau Schönlein ist nicht mehr da", sagt Rosemarie zögernd. „Wieso, nicht mehr da?" — „Fort." — „Ist sie verreist?" — „Nein. Fort." Elli im Nachthemdchen sitzt staunend auf dem Bettrand. „Frau Schönlein ist doch nicht etwa mit einem andern durchgebrannt?" „Du mußt nicht gleich das Ordinäre annehmen, Elli. Sie ist zur Bühne. Ich hab es mir immer gedacht, so mußte es kommen." „Toll! Und nun? Was fängt der Mann an? Hat er schon ne Sekre- von für ihn schreiben und kochen und obendrein seine toaajen insianoyaiien, und wenn er nichts bezahlen kann, na schön, dann nicht . Auf alle Fülle will sie morgen ganz früh zu Herrn Schonlein hm- gehen und ihm ihre Dienste anbieten, dann hätte s>° Arbeit Allerdings fällt ihr ein daß sie auch Anton Wagenschanz nicht im Stiche lassen tärin?" ,. . . „Das weih ich nicht, Elli, das geht mich auch nichts an, er findet ja ein Dutzend an jeder Ecke." ' Elli starrt aufgeregt und plötzlich ganz wach tn die Lampe, die an einem langen, grünen Draht genau in der Mitte der Mansarde hängt, den Glasschirm umhüllt ein Deckchen aus sieben bunten Flicken. „Haben sie sich verzankt, ist er ihr untreu geworden? Das versteh' ich wirklich nicht. Verstehst du das?" „3ä) muß schlafen, Ellj." . „Dann schlaf gut." Knips, Licht aus. „Ich kann mir Herrn Schonlein" ohne eine Frau überhaupt nicht vorstellen." „Ich auch nicht, Elli. Peter braucht immer eine Frau, aber fte mußte ihn wirklich lieben." ~ ... . „0 Gott", raunt Elli in die Finsternis, „früher wäre ich ganz zufrieden gewesen, wenn ich bloß seine Freundin wäre." Ein gefährliches Thema. Rosemarie zieht ihre Decke bis an die Nasenspitze. „Jetzt wollen wir aber schlafen." . „Ja natürlich. Aber du weißt wirklich nicht, ob er schon eine Sekre- Elli schlüpft überwach aus dem Bett, zieht sich geräuschlos an und tonnt die steile Treppe hinab. Unten im häßlichen Kontor der Grunkram- bandlunq (aber jetzt müssen wir wohl sagen im Geschäftszimmer der Kosmetischen Werke) macht sie Licht und rückt sich Antons alte Schreibmaschine zurecht. Es handelt sich darum, daß bis übermorgen früh hun- tärin Hai?" . , . „ „Ich weiß es doch nicht, und es ist mir ganz einerlei. Wie soll man schlafen mit diesem beunruhigenden Gefühl, daß eine Arbeitsstelle offenbar noch frei ist, und noch dazu bei Herrn Schonlein, in dessen Kanzlei man einen Monat aushilfsweise gearbeitet hat? ,Das tonn ich um die Welt nicht begreifen', grübelt die kleine Elli, ,wie man |o einem Mann fortgehen kann, einfach weg, ich wurde im Notfall ifjn schreiben und kochen und obendrein seine Sachen mstandhalten, vergehn Briefe getippt werden müssen, alle dürfen gleich lauten, eine höfliche Begrüßung der Käuferinnen der Wundercreme „Erotikon", aber hektographiert sehen derartige Schreiben leider zu verlogen aus. Was hilft es? Elli soll die hundertzehn Briese Stück für Stück tippen. Das ist mit Anton so abgemacht. Der Inhalt dieses Brieses bleibt ihr überlassen. Aus dem großen Stapel der noch feuchten und stark riechenden Geschäftsbriefbogen zieht sie ein Blatt hervor, Kosmetische Werke Dr. Wagenschanz steht oben (macht sich großartig!) und spannt es in die Maschine. „In Bestätigung Ihres Geehrten", fängt sie ihren Entwurf an, „übersenden wir Ihnen Beiliegendes, und hoffen wir gern, daß dasselbe Ihren werten Beisall--" Eine äußerst schwierige Arbeit! Elli tippte vorm Jahr in einer Kohlenhandlung, da mußte man sich natürlich anders ausdrücken als bei einer Schönheitssalbe. Das sieht sie sofort und ohne fremde Hilfe ein, Helles Mädchen. „P. P.", schreibt sie auf einen neuen Bogen, „in höflicher Erwiderung Ihres werten Gegenwärtigen schicken wir Ihnen--" oder nein: „senden wir Ihnen"--auch nicht: „haben wir die Ehre Ihnen zu — —" Kaff! Auch dieser Bogen geht, ritsch, aus der Maschine. Wie sie so ratlos dasitzt und gerne einen furchtbar eleganten Text hinlegen möchte, erinnert sie sich von neuem an die Ereignisse im Anwaltshause. Nichts ist gewisser, als daß Elli morgen früh, so gegen neun, mal zu Schönlein hinläuft und um den Posten bittet, bei der Gelegenheit geht sie auch rasch stempeln. Aber wenn er um acht mit der Post Angebote bekommen sollte? Oder vielleicht, heutzutage ist allerhand möglich, stellt eine sich schon um sieben vor seine Tür, um als erste dran zu sein? Elli reißt ein befranstes Umschlagtuch der Witwe Wagenschang aus der Küche und entweicht in die vom Ostwind stürmende Nacht. Hui, pfeift die Kälte um ihre dünnen Beine, Elli läuft, daß das Röckchen fliegt. Oben an den Dachrinnen der Häuser läuft ein gelber Mondenglanz mit ihr, die Sterne stehen bleich und überstrahlt unter dem grellen Licht, das die Welt wie Sonnenfinsternis düster erleuchtet bis weithin zu den blauen Tannenschatten der Harzberge. Es sieht alles so wunderlich aus, im harten Licht der Nacht stehen die schönen neuen Fabriken und die häßlichen Mietskasernen ... Bor Schönleins Eckhaus mit der Apotheke, deren sich bäumendes Einhorn die goldenen Hufe zeigt, verschnauft Elli. Sie zieht das Franfen- tuch enger um ihre mageren Schultern. Bing, Jagt die Rathausuhr, es ist etwas Halbe, halb drei ober gar halb vier, einerlei, in jedem Fall eine ziemlich unpassende Zeit. Wenn man seit Jahr und Tag keine richtige Arbeit hat, bann ist es eben eilig. Die beiden Porzellanschilder kann man Nicht verfehlen, bas eine tünbet bie Nachtglocke ber Apotheke an, bas anbere lautet P. Schönlein, Rechtsanwalt. Es ist bebauerlich, Herr Schönlein besitzt ben Doktortitel nicht. Bor zehn Jahren mangelte es ihm am Geld, und später mangelte ihm die Zeit, mindestens. Elli klingelt. Nichts regt sich. Sie zittert vor Kälte und Aufregung. Nach drei Minuten klingelt sie nochmals. Pause. Elli läutet Sturm bei P. Schönletn, Rechtsanwalt, um halb vier oder gar halb drei. Oben knackt ein Riegel, ein Fenster blinkt im Mond, Schönlein sagt unwirsch und mit schlafheiserer Stimme herunter: „Dfe andere Klingel geht doch zur Apotheke." Fenster zu. Sturmgeläute, nuch ist es schon einerlei, ob Elli ihn stört. Fenster auf. „Untere Klingel!" „Ach, Herr Schönlein", piepst es da, „hier ist nur Elli, Elli Hampel. Entschuldigen Sie vielmals. Ich habe nämlich gehört — ich möchte — könnte ich vielleicht Ihre Sekretärin werden?" „Machen Sie sich einen Witz?" „Aber nein." „Teufel. Donner. Zugenäht nochmal. Lassen Sie mich doch schlafen." Fenster zu, daß es klirrt. „Sie bilden sich wohl ein", sagt Elli weinerlich von sich hin, obwohl das Fenster längst zu ist, „Sie bilden sich wohl ein — —" Doch auf dem Rückweg ins einsame Bett erinnert Schönlein sich daran, daß es Elli war und nicht irgendwer. Er öffnet in Gottesnamen noch einmal das Fenster, spürt die trockene Kälte der Nachtluft und sagt wenigstens etwas freundlicher: „Ich brauche jetzt keine Sekretärin, Elli, solange die Ausstellung dauert, weil mir dort eine zur Verfügung steht. Vielleicht später. Nun gehen Sie rasch nach Hause, Sie erkälten sich." Schade. Jetzt schleift ber Ostwind elenb unb böse um bie Ecken unb Kanten unb klappert mit ben bürren Kastanienästen, ber Leim glitzert in ben Knospen. „Sicher frieren sie ebenso wie ich." O Gott, ist es spät. Ja, jetzt schlägt es brei. Aber sie ist entschlossen, ben knappen Rest biefer Nacht zu Überschlagen, in ihrem Alter kann man bas ohne weiteres. Während sie in frierendem Halblauf zurückkehrt, kommt ihr ein Abenteuer in bie Quere, bas ben Ereignissen wieber einen kleinen Stoß nach vorne gibt. Sie überholt einen baumlangen Wanberer, ber mit empsind- licher Schlagseite ben heimatlichen Gesilben zustrebt. Es ist der Lehramtskandidat Kieselbach, Antons geistiger Widerpart aus der Arbeitslosenkneipe, der neulich von den Anhängern der Schönheitscreme Erotikon so furchtbar verprügelt wurde. Er sieht jammervoll aus. Elli schlägt um ihn einen hurtigen Bogen, „’n Morgen, Herr Kandidat, noch ober schon?" unb ist schon lange an ihm vorbei, als sie sich plötzlich umbreht. „Könnten Sie mir nicht einen Bries entwerfen?" „Herzlich gern,^Fräulein Elli", beeilt sich Kieselbach mit erstaunlicher Bereitwilligkeit, „Sie wissen boch, Liebesbriefe finb gerabezu meine Spezialität." „Gar fein Liebesbrief. Geschäftlich." „Dann kostet es aber eine Mark. Ober ist es etwa für Herrn Doktor Wagenschanz? Dann mache ich es vollkommen umsonst." „Oho! Aus einmal?" Der Sturm pfeift. Kielelbach stemmt sich auf feinen Stock. „Es geht mir plötzlich so schlecht, Fräulein Elli. Ich verbiene fast nichts mehr. Weine Freunde haben überall gegen mich Stimmung gemacht." „Sehen Sie wohll Das geschieht Ihnen recht." Sie geht vorsichtig mit ihm, er wohnt ganz in ber Nähe. Aber in fein Kellerzimmer einzutreten, weigert sie sich, obwohl er sie sehr bittet. Schließlich legt er seinen alten fleckigen Mantel mit einer gewissen Demut um Ellis Schultern. Sie wartet. In bem Kellerfenster geht Licht an. Der Kandidat reicht ihr einen Zettel hinaus unb einen Stumpen von Bleistift. Im Monblicht stenographiert sie, so gut es geht, ben Zettel an der gekalkten Hauswand, der Mann streckt seinen Vogelkopf hervor und flüstert. Schließlich kommt folgender Brief zustande: „Sehr verehrte gnädige Frau! Schon Tausenden Ihrer Mitschwestern hat unsre gänzlich neuartige, nach den Mitteln ber mobernsten Wissenschaft und nach zahllosen Versuchen in unfern eigenen Laboratorien hergestellte Hautverjüngungscreme Erotikon die Jugend bewahrt und die Schönheit wieder- gegeben. Ungezählte Anerkennungsschreiben sind notariell beglaubigt und liegen zur Einsicht auf. Wir legen gerade auf Ihr Urteil ganz besonderen Wert und übergeben Ihnen unser konkurrenzloses Erzeugnis in der angenehmen Erwartung —" „Danke", beendet Elli das seltsame Diktat, „können Sie das aber fein! Na, bann werde ich mal bei Herrn Doktor Wagenschanz ein gutes Wort für Sie einlegen." Die Wohnung ist groß unb leer, alles scheint weiter unb höher geworben zu fein, veränderte Maße, weil das Leben sich verwandelt hat. Ein Stuhl steht immer unbenutzt, niemand singt und spricht mit der Stimme einer dunklen Glocke. In dieser verstummten Wohnung, die nur noch die minderen Geräusche vernehmlich macht, entsteht ein empfindlicher Bedarf an guten Geräuschen. Der Flügel, ber bas halbe Wohnzimmer versperrt, hält mit höflichem Bebauern fein schweres Augenlid geschlossen und stellt sich schlafend. Schönlein öffnet das feindliche Instrument und bohrt mit einem Finger darin herum, worauf es befremdet „Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald" von sich gibt und wieder in Schweigen versinkt. Am Ende der Woche liegt wenigstens kein Staub mehr auf der blanken Mahagoniefläche, dafür fand sich eine Aufwärterin. Die nächste Frau wird es schwer haben mit Peter Schönlein, das ist sicher. Er muß sich mit kleinlichen und alltäglichen Dingen abgeben, die bisher immer nur nebensächlich gewesen sind und die nun zu häßlicher Wichtigkeit vordringen. Sein Beruf veranlaßt ihn, sich mit boshaften oder übertriebenen Streitigkeiten abzugeben, und das läßt sich nur ertragen, indem man es nicht besonders ernst nimmt, obwohl man mit Beredsamkeit dafür eintritt. Auch kann man am Herde stehen und für sich selbst eine Speise zubereiten, Peter tat dies ungezählt oft für beide. Nun kocht die Aufwärterin einen Kaffee, genau nach Schönleins peinlichen Angaben, ber mehrmals daneben steht unb bie Herrichtung mit mißtrauischem Stirnrunzeln überwacht: bas Getränk schmeckt wie immer, nur schmeckt es eben nicht. x Es ist klar, daß ein Mann wie Schönlein sich an vielen besseren Zirkeln beteiligt, so gehören er und Lisa zu den bevorzugten Mitgliedern des Liederkränzchens, ferner beherbergt unser aufstrebender Ort mehrere Automobilklubs, bie sich erbittert bekämpfen. Solche Zusammenkünfte helfen bem „Strohwitwer" wohl über bie ersten Abenbe hinweg, solange bie Wohnung bas Frösteln ihrer Verödung noch nicht überwunden hat. Aber dann verlangt das Herz nach einer Andacht, die darin besteht, daß Schönlein sich in seinem Arbeitszimmer mit einem Buch in den Ledersessel versenkt, bis ihn der Schreibtisch stört, in dem die Akten ihr alltägliches Leben führen, er zieht mit seinem Buch um ins Musikzimmer. Dort stört ihn sehr bald der verstummte Flügel, der nur noch „Kuckuck, Kuckuck" machen kann, es dürste gemütlicher in der Küche fein, wo man sich einen vernichtenden Grog braut, bis nicht einmal mehr das leere Bett im Schlafzimmer beachtet wird. An einem dieser Abende erschüttert ihn ein Ereignis, das ihm feinen bedrohlichen Zustand offenbart. Bei der Heimkehr aus der Ausstellung überschreitet er ben Alten Ratsmarkt, in hastigem unb unfrohem Gang, es weht ziemlich kalt, in fein Bewußtsein bringt ein entfernter Gesang, lehr leise, ein schwebenbes Singen zieht gebämpft baher. In Schönleins Wohnung steht ein Fenster voll Licht, hinter gelben Gardinen. Er seufzt auf unb fängt an zu laufen, mit wiedergekehrter Jugenb stürmt er bie ausgebogenen Treppen bes Apothekenhauses hinauf, hält im Flur betroffen inne unb legt mit unwirscher Bewegung seine Mappe beiseite. Was ba tönt ist kein Gesang, Lisa war keine Meisterin am Flügel, aber hier spielt eine Meisterin, brinnen erklingt eine Bachsche Fuge wie eine rounberbare Menschenstimme. Schonlein im Flur kennt bie Bewegung, wie biese lebenbigen weißen Arme vorstoßen, mit gespreizten Fingern, ber Fuß fährt feiten unb sparsam ins Pedal, bas herrliche Instrument gibt bie Kantilene in überirdischer herber Ruhe wieber. Am Kleiderhaken hängt ein fremder brauner Wintermantel, ber recht verschlissen ist. Wie kommt sie benn überhaupt herein, hier? Aber wahrscheinlich war bie Auswärterin gerabe mit Einkäufen ba, — „unb Herr Rechtsanwalt wird wohl bald kommen, vielleicht können Sie warten?" „Ja, das kann ich." Zu liebenswürdig, wie sich um ihn kümmern! Neulich nachts um drei will die eine feine Sekretärin werden, jetzt fitzt die andere wohl schon feit zwei Stunden da, um ihm einen zu Herzen gehenden Empfang zu bereiten. Es flüsterte sich herum in dieser Stadt. Odc» wie soll es sonst zu erklären sein, daß Frau Oberschulrat Brehm heute mit ihrer Aeltesten ganz beiläufig auf der Ausstellung erschien — „Ihre liebe Frau ist verreist? Oh, Herr Schönlein, bann müssen Sie oft zum Essen zu uns kommen, bieje thüringische Gasthauskost liegt so schwer im Magen." Die älteste Brehm ist nahe ber Dreißig, ber Franzose nennt so etwas eine jeune kille prolongäe, man riskiert kaum mehr als ein Fünkchen Hoffnung Utzd ein paar Teller Suppe. Schönlein schleicht auf ben Fußspitzen aus seiner eigenen Wohnung unb läßt das Türschloß vorsichtig mit dem Schlüssel zurücksallen, damit es nicht knackt. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'scheUntverfitäts.Buch, und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.