Eichener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang J933 Zreitag, -en 3. November Nummer 85 Abendlied. Von Christian Günther. Der Feierabend ist gemacht, Die Arbeit schläft, der Traum erwacht, Die Sonne führt die Pferde trinken,' Der Erdkreis wandert zu der Ruhl Die Nacht drückt ihm die Augen zu, Die schon dem süßen Schlafe winken. Mein Abendopfer ist ein Lied, Das dir zu danken sich bemüht, Die Brust entzündet Andachtskerzen Gefällt dir dieser Brandaltar, So mache die Verheißung wahr: Gott heilet die zerschlagnen Herzen. Du Geist der Wahrheit, breite dich Mit deinen Gaben über mich! Dein Wort sei meines Fußes Leuchte! Vergönne mir dein Gnadenlicht Auf meinen Wegen, daß ich nicht Mir selber zur Verdammnis leuchte. Das müde Haupt sinkt auf den Pfühl, Doch, wo ich ruhig schlafen will, So muß ich deinen Engel Bitten; Der kann durch feine starke Wacht Mich vor dem Ungetüm der Nacht Um meine Lagerstatt behüten. Soll mir der Pfühl ein Leichenstein, Der Schlaf ein Schlaf zum Tode sein, Ja, soll das Bette mich begraben, So laß den Leichnam in der Gruft, Vis ihn die letzte Stimme ruft, Den Geist im Himmel Frieden haben. Oer Gang über die Aecker. Von Diemar M o e r i n g. Karl Ulmenrieder schob seinen Stuhl zurück und stand auf. „Mein Vater hat es noch so gehalten", sagte er, „und so werde ich's auch tun. Und wenn du erst einmal so weit bist, wirst du ebenfalls dabei bleiben. Man wird ja wohl noch schauen dürfen, wie die Erben mit dem anvertrauten Gut umgehen!" Damit griff er nach dem gegabelten Haselstock, der ihm zur Stütze diente, setzte die schwarze Mütze mit dem Schleifchen über dem Schirm umständlich aufs Haupt und humpelte hinaus. Der Sohn, die Ellbogen hart auf den eichenen Tisch gestützt, das breite Kinn zwischen den Fäusten, blickte ihm unwillig nach. Sein Gewissen war nicht ganz rein, und wenn es sich auch nur um eine Kleinigkeit handelte, und der Alte von Rechts wegen überhaupt nichts mehr dreinzureden hatte, so würde er doch wieder seine gute Weile darüber mit Unmut zu schwatzen haben. • In jedem Jahr, am Nachmittag seines Geburtstages, der in den Beginn des Sommers fiel, machte Karl Ulmenrieder einen Gang über das ganze Gebiet, das als Ackerland seinem Hof zugehörte. Es war dies zu seiner ständigen Gewohnheit geworden, seit er sich aufs Altenteil zurückgezogen hatte, eine Gewohnheit, von der er nicht ließ, ob das Wetter nun schlecht sein mochte oder gut, ob er unpäßlich war, was selten genug vorkam — Krankheit gar kannte er kaum — oder nicht, oder ob man auch im Hause darüber murrte, weil man in seinem Gang eine Einmischung in Dinge zu sehen vermeinte, die ihn, nachdem er sich einmal non der Verantwortung über die Wirtschaft zurückgezogen hatte, nichts mehr angingen. Das war ihm gleichgültig. Mochten sie drinnen nur nörgeln und querulieren, deshalb tat er doch noch immer seine Kleinarbeit, wo er etwas vernachlässigt glaubte, kletterte auch trotz seiner zweinndachtzig Jahre, die er auf dem Buckel hatte, noch immer die steile Leiter zum Heuboden hinauf, oder ging in die Scheuer, um irgendeiner verantwortungslosen Henne auf die Krallen zu sehen, die ehr- und ordnungsvergessen ihre Eier in einen versteckten Winkel gelegt hatte, wo niemand sie suchte, und steckte feine Nase überhaupt noch gern überall da hinein, wo sie nicht grade mit besonderer Liebe gesehen wird, ^a, man mußte aufpassen, sonst ging alles drunter und drüber! Dies nun war, wie gesagt, Ulmenrieders zweinndachtztgster Geburtstag, und eine solche Anzahl von Sommern ist gewiß eine tüchtige Last. Aber wenn das dünne Haar auch schon schlohweiß über der faltigen Stirn hing, wenn auch das eine Bein, über dessen Fuß vor Jahren das Rad des beladenen Erntewagens gerollt war, seither lahm geblieben, wenn auch der Rücken des Alten schon zu Boden sich neigte, als suche er zurück zur Erde, wenn der zahnlose Mund auch nur mehr weiche Brocken und dicken Brei vertrug, so war er dennoch rüstig und spürte wohl die gute Wärme der Sonne auf der von Wind und Wetter zer- lederteu Haut, stärkend und die Gicht aus den mürben Knochen kochend. Des freute sich Ulmenrieder und schritt darum wohlgemut fürbaß, bedenkend, daß der Weg weit genug war, um einen vollen Nachmittag auszufüllen, weil die einzelnen Aecker hier und da verstreut und oft weit voneinander gelegen im Gebiet der Gemarkung sich fanden. Hinter den Gärten auf der Nordseite des Dorfes drängten sich in mächtiger Höhe die schlanken Masten des Fichtenwaldes. An seinem Rande wanderte Ulmenrieder entlang, mit Behagen den würzigen Duft kostend, der der schattigen Tiefe entströmte, bog dann von dem weichen, mit herabgefallenen Nadeln bedeckten Boden des Pfades ab auf den harten, kalkigen Grund der Chaussee, die nach Westen führte und stand bald danach vor einigen Morgen Haferfeld und Kartoffelacker, die den Seinen gehörten, und zwischen denen er auf dem Rain entlang südwärts humpelte, dem Klosterholz entgegen, dessen düstere Wand hinter den sonnüberschwemmten und im Wind auf und niederflutenden Auen dunkel das Gemeindegut begrenzte. Er ließ im Schreiten die noch grünen, hell raschelnden Glöck- lein der Haferspitzeu spielerisch durch die hohle Hand gleiten, rupfte einiger der Rispen und prüfte ihren Gehalt, bückte sich auch hier und dort, einen Stein, den sein aufmerksamer und noch immer scharfer Blick traf, aus den Furchen zwischen den Stauden des Kartoffelkrautes zu lesen. Auf dem mulmigen Staub der Feldwege, der unter den stapfenden Füßen graue Wölkchen trieb, überquerte er die Ebene fremden Gebiets und ließ sich schließlich, am Rande des Holzes angekommen, auf einem kleinen Erdhügel, der vor seinen Feldern lag, nieder, die wogende Fläche blanken Weizens, der vor feinen Augen aufschoß, kopfschüttelnd überblickend. „Hab dem Jungen die hundertmal gesagt, hier gehört kein Weizen her, der Boden ist zu leicht dafür an der Stelle. Aber die wissen's ja besser! Aufpassen muß man eben, ja, aufpassen", murrte er vor sich hin. Und obwohl, oder vielleicht auch gerade weil der Weizen seiner jahrelangen Erfahrung zum Trotz 6a gut stand und dicke Kolben an den Halmen trug, erboste er sich innerlich immer wieder über die augenscheinliche Ablehnung seiner guten Ratschläge, zumal er nun auch noch bemerkte, daß an einigen Stellen Mulden von lagerndem Wild in die ebene Fläche des Getreides getreten waren. Jedesmal, wenn Ulmenrie&er hier vorbeikam, ärgerte er sich aufs Neue über diesen Umstand, und wenn es auch schon zu seiner und zu seines Vaters Zeit so gewesen war, daß das Wild sich just diese Plätze zum gelegentlichen Lager erkor, so schnitt es ihm doch immer wieder ins Herz, dachte er an den Schaden, den die Tiere verursachten. Der war gewiß so groß nicht, aber es war eben Schaden, und das genügte. Doch, indem seine Gedanken so für einen Augenblick zurück- fandeu in vergangene Jahre, gesellten sich zu dieser Erinnerung auch andere, weniger ärgerliche, die mit diesem Platz verknüpft waren, auf dem er sich im Augenblick niedergelassen hatte. Bilder, die in feinem Herzen verschüttet tagen, tauchten traumhaft auf: hier hatte er oft mit Emma, feinem Weibe, gelagert und Mittag gehalten, wenn sie mit der Ernte zu tun hatten. Hier, im Schatten der Ligusterhecken und des Pfeifenstrauchs hatten sie wohl so manchesmal geliebt und gestritten. Emma, die nun fchon an die fünfzehn Jahre unter der Erde lag. Und er sah ihre volle und kräftige Gestalt, die keiner Arbeit, mochte sie noch so schwer sein, aus dem Wege zu gehen brauchte, er sah sie als Mädchen, da er um sie freite, sah sie erblühen zur Frau und reifen zur Mutter, sah sie hinwelken und mählich altern und sah sie schließlich im Sarg, das verknitterte, von der Arbeit eines Lebens müde, aber noch im Tode fröhliche Antlitz unter dem weißen Spitzenhäubchen. Ulmenrieder lächelte wehmütig vor sich hin, eine Träne fiel blank aus seinem Auge. Ja, bas war nun schon lange dahin. Man war allein geblieben, die Kinder waren versprengt, hatten hier und da hineingeheiratet, nur der Aelteste war noch bei ihm, hatte den Hof übernommen, wie es ihm zukam. Aber da lebte man blickten Wachs. Und es war eine große Stille zwischen ihnen. erkannte Ulmenrieder, daß sie ihn nicht sahen. Und er darum erwiderte er: „Ja, ich komme!" Und ging leise wieder ein in seine stille Lcibesgestalt. Und es schwand ihm mählich das Bewußtsein seines Hirns. Er spürte nur noch das Leben seiner Seele, das ewig war. Er spürte wie einen Bruder, so innig nah, den Wind und spürte auch den guten Hauch der Erde, der ihn liebend umarmte und dem er sich vermählte. Er verscholl, verzaubert, wandelte sich und war schon entschwunden in dem heimlichen Wesen der Graser, Blumen und Bäume, als sie seine verfallene Hülle aufhoben. auch nut so nebenher, ohne eigentlich recht dazuzugehören. Und | um das Vergangene nicht allzu mächtig werden zu lassen und weil er sah, daß es aus die Vesper zu ging, stand Ulmcnrwder wieder auf und wanderte weiter, gen Osten, wo am Hohlweg noch die Futterwiesen, die Zuckerrüben und der Roggen zu besichtigen waren. Die Sonne rüstete sich schon zur Neige, als er sich auf dem Heimweg sand. Er humpelte die Chaussee entlang, die nut Kirschbäumen eingefaßt war und die von Süden her auf das Dorf traf, | vorüber am Friedhof. Da er bereits nahe dem Posthause war, I überkam es ihn aber, als riefe ihn jemand hinter fernem Rucken. I Er wandte sich um, vermochte jedoch niemand auf dem Wege zu I sehen und wollte seinen Weg schon fortsetzen, als fetn Blick auf die kleine Kapelle des Kirchhofes fiel, deren rotes Dach aus dem Strauchwerk hervorlugte. Er lachte leise tn sich hinein, schritt I zurück, öffnete die kleine Pforte zwischen den dunklen Lebensbäumen und trat in das Bereich der Gräber. An einem Hügel- I chen, neben dem ein Platz frei gelassen war und zu dessen Haupten ein Stein sich erhob, in den als Inschrift der Name seines Weibes wie auch sein eigener eingemeitzelt waren, der seine jedoch nur mit dem Sternchen neben dem Geburtstag und dem Kreuzlein, bei welchem das noch fällige Sterbedatum fehlte, Uetz er sich nieder. „Beinah hätt ich's vergessen", murmelte er. Was er aber vergessen hatte, war dies: über all den Aeckern, tue nun seinem Sohne gehörten und über die er kein Recht mehr besatz, hatte er nicht mehr an den eigenen gedacht, der hier, auf dem Felde Gottes, acht Fuß lang und zwei Fuß breit, für ihn aufgespart war, dies einzige Fleckchen Erde, das allein er noch tn Wahrheit sein Eigentum neunen durfte. Gewiß, bas hier hatte er selbst noch bezahlt, da konnte ihm keiner was dreinreden. Er kicherte verschmitzt vor sich hin, holte seine Pfeife ans der Rocktasche und begann, müde und in Gedanken versunken, den blauen Rauch tn die Luft hinauszublasen. Der Wind strich über die Felder, und es wurde dem Alten kühl. Da aber zudem sein Blick zufällig auf die Juschrtft über der Kapellentür fiel, die die Worte des Jüngers trug: Herr, es will Abend werden!, so gedachte er, daß es nun wohl an der Zett sei, heimzukommen, erhob sich also und machte sich auf den kurzen Weg. Seltsam leicht fühlte er sich, spürte kaum die Straße unter ^^Jn "der" Dorfgasse begegnete ihm der Schultheiß. Ulmenrieder zog die Mütze und grüßte, trat auch ans jenen zu, um noch ein Wort mit ihm zu wechseln, verhielt jedoch erstaunt den Schritt, als der andere sich, ohne ihm zu antworten, auf seinen Gruß nur umdrehte, suchend umherblickte und kopfschüttelnd weiterging. Ulmcnrieder schaute ihm beklommen nach. Hat er mich nicht gesehen, dachte er. Die Dämmerung warf ihre grauen Schatten über die Mauern. Aber, dachte er wiederum, ich habe ihn doch erkannt, wie sollte er also mich nicht erkennen? Grübelnd noch über den seltsamen Vorfall betrat er den Hof. Der Hund, allezeit zutraulich zu ihm und gern mit frohem Gebell nach ihm springend, fuhr jaulend und mit krummem Rücken in die Hütte. Seine Kette raffelte laut. Ulmenrieder öffnete die Tür zur Küche. , m L ... Da saßen sie alle am Tisch und warteten setner. „Guten Abend sagte Ulmenrieder. In diesem Augenblick sah er, wie ihrer aller Gesichter sich jäh entfärbten und bleich wurden wie vor einem großen Schrecken. Er sah, wie das Brotmesser klirrend der Faust seines Sohnes entfiel, wie die beiden Enkel sich verstört an den Rock der Magd drängten, deren Hände zu zittern begannen, wie schütteres Laub. Er sah, wie die Bäuerin mit wankenden Knien aufstand vom Stuhl, sich mit den Händen auf den Rand des Tisches stützte und mit leeren Augen auf die offene Tür blickte, durch die er eben eingetreten war. Er sah, wie ihre Lippen, blutlos sich flatternd bewegten. Und er vernahm auch die Worte, die sie sprach, flüsternd und mit heiserer Kehle, so, als drängten sie sich ungewollt aus ihrem scheuen Munde. Sie sagte, und es kam stoßweise aus ihr hervor: „Herr, erbarm dich unsrer Seele! — Ernst, ich glaube — geh doch hinaus, du, aufs Feld — ich glaube, dem Großvater ist „Kommst du?" Ulmenrieder erkannte, das er gestorben war, und öatz er nur noch in dem Schatten ging, der aus seiner eigenen Gestalt getreten war. Und es schien ihm mit einem Male, als habe er schon lange aus diesen Augenblick und auf diese Frage gewartet, ja, als habe er sein ganzes Leben lang nur dieser einen Stunde geharrt. Und er spürte Gehorsam in sich und eine große Bereitschaft, und Da erkannte Ulmenrieder, daß sie ihn nicht sahen. Und er merkte, daß ihm etwas geschehen fein mußte, wovon er nichts wahrgenommen hatte, und um nun dahinter zu kommen, wandte er sich, ohne ein Wort zu sagen und schritteilig wieder zurück zu dem Gottesacker, von wo er gekommen. Da er aber wiederum durch das Pförtchen trat, sah er einen aus dem Grabhügel seiner Frau sitzen, der glich aufs Haar ihm felbst. Er hockte da, zusammengesunken, wartend, kantig in seinen Umrissen, als sei er ein Baum, der krumm dem Boden entwüchse. Und da Ulmcnrieder ihm nun nahctrat, hob jener die Stirn, und Ulmenrieder sah, daß er selbst es fei, der dort wartete. Und es tat jener den Mund aus und fragte mit dunkler Stimme: etwas passiert." Und danach saßen sie wieder steif und starr, als sei der Vlttz mitten durch sie hindurch gefahren, um den Tisch herum und einander an mit bleichen Gesichtern, die leuchteten rote Oie Jagd in der bildenden Kunst. Von Kurt Haack. Jagd und Kunst sind zwei Sphären der menschlichen Tätigkeit, die sich schon in den frühesten Epochen der Kultur aufs Jnntgste miteinander berühren. Mit Gesängen und Trommelbegleitung ziehen die Naturvölker ins Jagdgebiet, mit hellem Jubellied kehren sie beutebeladen zurück; wie hier die Elemente der Lyrik, so sind in den kunstvollen Jagdtänzen und in den charakteristischen Jagdmasken Keime des Dramas vorhanden. Auf feinen Speer und auf seinen Bogen aber zeichnet der primitive Mensch die Tiere, die er erlegen will, zunächst in dem festen Glauben, die Hirsche, Büffel und Renntiere durch das Festhalten ihres Bildes und damit ihrer Seele an sich zu locken. Diese Anfänge künstlerischer Darstellung können übrigens auch Nicht die Absicht des Verderbens des Tieres, sondern gerade das gegenteilige Ziel verfolgen: nämlich hilfreiche und göttlich verehrte Totemtiere durch die Wiedergabe ihrer Erscheinung aus den Jagdwaffeii zum Schutze aufzurufen. So sind Gründe genug vorhanden, um den Jäger auf die Darstellung der Tiere und von Jagdszenen hin- zuweisen. Neben dem religiösen Aberglauben hat wohl bald auch das Schmuckbedürfnis und die Lust am Zeichnen die Menschen der Steinzeit ebenso wie Eskimos und Buschmänner unserer Epoche dazu geführt, in größeren Zeichnungen auf Höhlenwandcn Erinnerungsbilder an irgend eine besonders ausregende oder glückliche Jagdepisode festzuhalten. Solche frühesten Darstellungen der Jagd bekunden deutlich in der Kraft der Bewegung und der wenn auch typischen, so doch höchst getreuen Wiedergabe der Formen, daß sie von geübten und exakt beobachtenden Jagern herrühren, die sich in der intimsten Berührung mit der Natur das Auge und die Erinnerung geschärft hatten. Aus solcher Jahrtausende langer Schulung läßt sich tue erstaunliche Höhe der ersten Werke erklären, die sich in der Kunst der Naturvölker mit unserem Thema beschäftigen. Zwar spielt die Jagd auch in der ägyptischen Skulptur eine sehr große Rolle, doch ist sie besonders in Assyrien durch Leistungen vertreten, die eine ganz fabelhafte Schönheit zeigen. Nicht umsonst ist ein babylonisch-assyrischer König zum Herrn aller Jäger geworden; auch I seine Nachfolger waren ebenfalls echte Nimrode und taten Wunder der Kühnheit, die hernach durch Wunder der Kunst verewigt wurden. So schmückten Assuruasirpal seinen mächtigen Herrscher- sitz, den Nordwestpalast von Nimrud, und Assnrbanipal seinen gigantischen Palast zu Ninive mit prachtvollen Reliefs, die ihre Jagdzüge verherrlichten. Zu Nimrud sehen wir den König auf seinem Jagdwagen stehen, neben ihm den Lenker, der die feurig ausgreifenden Rosse zügelt. Assuruasirpal hat den Pfeil auf den starken Bogen gelegt und zieht die gestraffte Sehne mächtig an, während sich unter dem Gespann ein getroffener Löwe wälzt. Die noch reicheren und gewaltigeren, wenn auch nicht so ganz einfach großzügigen Alabasterreliefs von Ninive führen solche Szenen vor, die hetzenden Hunde, die schwirrenden Pfeile, das getroffene Wild; dann die vor Gier keuchenden, an den Riemen zerrenden, kaum zu bändigenden riesigen Doggen; die pfeildurchbohrte, vor Schmerz brüllende Löwin, den blutspeienden Löwen, ein Bild von grauenhafter Kraft. ..... Aehnlichen ausgezeichneten Schilderungen begegnen wir in der mykenischen Kunst, wo z. B. auf dem berühmten Goldbecher aus I dem Kuppelgrab von Amyklae eine Jagd auf wilde Stiere mit glänzender Lebendigkeit gegeben ist. In der griechischen Plastik erscheinen bann häufig Bilder und Symbole des edlen Waio- werks. Sie haben ihre schönste Gestalt gewonnen in den Statuen der Diana, der jungfräulich-herben, leichtfüßig anmutigen Jagenn, die aus dem Meisterwerk von Versailles der sie begleitenden Hindin im fröhlichen, raschbeschroingten, dahineilenden Rhythmus nichts nachgibt und die Erinnerung an einen jungen sriflyen, lichten Herbstmorgen mit Rüdengebell und Horridoh weckt. Autzcr- dem sind Jägerstatuen bekannt. Auf Vasen, Reliefs und Sarkophagen sind besonders häufig die Saujagden dargestellt, die es an Gefährlichkeit mit dem Krieg aufnehmen und die Haicn- jagden, die die höchste Behendigkeit und Geschicklichkeit erforderten. In der römischen Zeit werden unter die zahlreichen Gcnrebilocr, die Wände und Fußböden der Paläste schmückten, Löwen-, Hirfry- und Eberjagden aufgenommcn, ebenso Stilleben von erbeutetem 1 Wild, die die Verehrer der Waidmannslust an angenehme it lebnisse oder gefahrvolle Abenteuer erinnerten. Solche Jagdszenen, eng angelehut an die antiken Borbnoe, wurden noch im Mittelalter als Zier der Räume verwendet, sogar auf den Mosaikfußböden der Gotteshäuser. Diese Szenen, d.e ocn Unwillen deö heiligen Bernhard von Clairvaux erregten, muBtu ihres weltlichen Charakters entkleidet und symbolisch ansgeocurcc werden, wobei der Löwe als Sinnbild Christi, der Hase Verkörperung des Lasters ausgefaßt sind usw. Ohne solche a gorische Maskierung erscheinen Jagdszenen zuerst in der & . malerei. So ist eine Pariser Handschrift des berühmtesten m alterlichen Jagdbuches, der „Jagd" des Grafen Gaston Phoev'' de la Foix, mit prächtigen Miniaturen geschmückt, bte Einzelheiten Ser Technik genau wiedergeben. Wundervolle Jagdschilderungen, die die ganze im Nibelungenlied oder in Gottfrieds „Tristan" so reich geschilderte Herrlichkeit dieses echt ritterlichen Sports atmen, sind in einem der schönsten Miniaturwerke, dem „Breviarium Grimani" in der Marcus-Bibliothek zu Venedig, enthalten,' da bläst z. B. auf krummem Horn ein Jäger das Halali, während die wütende Meute sich auf den verendenden Eber stürzt und vergebens von den Knechten zurückgcdrängt wird. Einzelne Jagdbilder sind auch schon im 12. und 18. Jahrhundert als passender Schmuck an die Wände von Schlössern gemalt worden: ein wirklicher großer Künstler behandelte das Thema wohl zum ersten Mal, als Mantegna in dem alten Schlosse der Gonzaga zu Mantua den Jagdzug des Ludovico Gonzaga an die Wand der Camera degli posi malte. Es ist die erste Huldigung, die die Kunst der Renaissance dem Waidwerk darbringt. Sonst wird die Schilderung der Jagd vielfach zum Preis des Schutzpatrons der Jäger, des heiligen Hubertus oder Eustachius gestaltet. P i s a n e l l o stellt den frommen Jägersmann dar, mitten unter dem Getier des Waldes, den schnellen Windhunden, Baren, Hirschen, Hasen, Rehen und Wildenten und wird in diesem intimen Tieridyll nur von Dürer übertroffen, der auf seinem Kuperstich auch die Ausrüstung des Jägers bis ins Kleinste wiedergibt, während P at i n t r die romantische Schönheit eines Waldinneren als erster mit Jägeraugen ansieht. Wie die Früh- renaissance den Heiligen Hubertus, so liebt die Spätrenaissance die heidnische Diana, um Jagdstimmungen zu erwecken. Eine künstlerisch hochstehende und fachmännische Wiedergabe von Jagdszcnen wurde in Deutschland durch den „letzten Ritter" Kaiser Maximilian, der ein begeisterter Jäger war, angeregt. Der „Weißkunig" enthält viele derartige Bilder,' B u r km a i e r entwarf seine trefflichen Federzeichnungen von Bären-, Sau- und Hirschjagden und Falkenbeizen. Das vom Kaiser beabsichtigte Jagdbuch kam nicht zustande. Erst Jost Ammann schuf ein solches in tüchtigen Holzschnitten. In Gemälden aber feierte die Jagdtaten seiner sächsischen Lanöesherrn Lucas Cranach, der so schön das Leben im deutschen Wald gepriesen hat. Er hat viele Jagdbilder geschaffen, u. a. eine Hetzjagd mit eingestellten Netzen und die beiden großen Hetzjagden, die Johann Friedrich von Sachsen 1544 im Park von Moritzburg veranstaltete, Kcsseljagden, wo die Hirsche in ein stark strömendes Wasser getrieben wurden, in deren Üfergcsträuch die Fürsten mit ihren Armbrüsten zum Schuß bereit stehen. Solche Bilder aus Cranachs Atelier kamen weit herum, in Schlösser jagdliebender Herren, nach dem Jagdschloß Prado des Königs von Spanien. Hier hat sie V e l a s q u e z gesehen, der seinen für Philipp IV. gemalten Jagdbildern die höchste malerische Schönheit zu verleihen wußte. Dieser große Meister hat nicht nur in seinen Jägerbildnisseu des Königs, der Jnfanten und Jägermeister die vornehmste Schilderung stolzer Waidmänner geboten, sondern in zwei farbensprühenden Gemälden die großen Sau-Jagden des spanischen Hofes verewigt, bei denen dje Tiere in eine dicht umstellic Arena gehetzt und dann erlegt wurden, die also eine Art Vorläufer der Tiergefechte waren. In der Liebe und Darstellung der Jagd begegnet sich Velas- quez mit seinem größten Kunstgenossen, mit Rubens, der in seinen zahlreichen Bildern des Kampfes zwischen Mensch und Tier die glühende Leidenschaft des Jagens, die stolze Kraftentfaltung, die majestätische Wildheit hinreißender als irgend ein anderer Künstler verherrlicht hat. Selbst Jäger wie Velasqucz, ein Freund von Hunden und Pferden, gibt Rubens in seinen Diana-Stücken den unaufhaltsam daherstürmenden Zug, dann in seinen Sau- Jagden den dramatisch erregten Moment, wo sich die Speere in das Fleisch des wütenden Ebers bohren. Grimmig setzen sich Bär und Wolf gegen die Hunde zur Wesir. Dämonisch wild wirken Löwenjagden und exotisch bunt die Angriffe auf Nilpferd und Krokodil durch berittene Mauren. Diese furchtbar gewaltige Jagdwelt lebt auch in den besten Werken seiner Schule, vor allem in den Arbeiten seines größten Nachfolgers, Franz S n y d e r s, die überall hin verbreitet waren und wieder Nachahmung weckten, so daß das Jagdstück des späteren 17. und 18.Jahuhunderts hauptsächlich unter Rubens'Einfluß steht. Gegenüber dieser heroisch grandiosen Auffaffung der Jagd verfolgen die großen Antipoden der Vlamen, die Holländer, eine mehr behaglich idyllische Darstellungsart. Wird die Jagd hier zumeist vom Standpunkt des Genießers und Feinschmc ers betrachtet, so herrscht im 18. Jahrhundert die fachmännische Beurteilung vor, wie sie der Engländer Morland und der Deutsche Ridinger betonen. Ihnen schließen sich Franz Krüger und die anderen Meister der Biedermeierzeit an. Im 19. Jahrhundert sind ein paar ganz große Jagdmaler erstanden, die den höchsten Zauber dieses naturnahen Sports gestalteten. Vor allem ragen die leidenschaftlichen Jäger hervor, die Herz und Seele 'n das BUS hineinlcqcn: Courbet, der große Nimrod, der em Buch über die Jagd schreiben und illustrieren wollte, der koloristische Wunder aus dem herbstlichen Glanz des Waldes, dem leuchtenden Braun der Rehe, dem bunten Gefieder der Vögel und dem Rot der ; Schnitzeljäger aufbaut: — und der Deutsche Ferdinand von , Nayski, ebenfalls Waidmann mit Leib und seele, der über - das mit Acrger angefangene Porträt einer Dame mit Entzücken . ein Paar wuchtige Wildschweine malt und allen Enthusiasmus , der Auerhahn- oder Virkhahnbalz auf seinen Bildern airnkostet Ein getreuer Jünger St. Hubertt war auch Wilhelm L er b l, em Homer der Jägerei, deren Helden und Schauplätze er mit seinem Jagd- und Malgenoffcn Sperl zusammen in bcdachtiamer Wucht und in farbiger Fülle zu großen Kunstwerken gestaltete. wiesele. Die Geschichte eines kleine« Pferdes. Von Nikolaus Schwarzkopf. jNachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Es erwachte wieder, blieb aber liegen, hob den schwarzen Kopf aus dem roten Feuer und nieste einmal kräftig in den Tag hinein. Sogleich, wie es genießt hatte, hörte es seine Mutter wiehern. Es duckte sich wieder zwischen die Halme, guckte aber doch nach allen Seiten um sich und sah schließlich den Kops auftauchen, wie er eine Last, die noch nicht zu sehen war, hinter sich hernickte. Die Mutter erschien ganz, die Last erschien: es war der leichte, überdächelte Stuhlwagen, den sie zu ziehen hatte. Riesele blieb liegen und duckte den Kopf. Als aber die Mutter wieder wieherte und nochmals, konnte es sich nicht halten und sprang auf und ihr entgegen. Die Mutter aber war durchaus nicht lieb zu ihm! Sie sah mit einem fernen Blick, der keine Liebkosung heischte, nach ihm hin, und Riesele getraute sich deshalb gar nicht so nahe zu ihr. Der Bauer nahm sogar die Peitsche, die am Kummet der Trudel stak, schwang sie hoch und riß dem Niesele die dünne Schmicke über die Ohren, daß es sich rasch herumwars und heimwärts lief. Als es einmal stehen blieb und sich nach der Mutter umsah, war das Fuhrwerk verschwunden. Im Stall des Großbauern brüllten etliche Kühe, deren Euter zu schwer geworden waren, nach den Mägden, Allein Riesele hörte den Peitschenknall und trippelte heim. Es sah sich nicht mehr nach den Gäulen um, nicht mehr nach den kleinen Kindern, und selbst am Schulhof, wo gerade Pause war, raste es vorbei und mißachtete des Brotes und der lauten Rufe. Je näher es seinem Stalle kam, um so rascher sprang es. Es hörte den Peitschenknall an den Ohren, und vielleicht vermeinte es, die Peitsche schwebe noch über ihm. Es rannte, rannte und sah nicht auf, nicht um: ja, der junge Mund, der schlaff nach unten hing, füllte sich mit schaumigem Geifer, und ein weißer Fetzen troff herab und klatschte auf den gelben Huf. Ein Kind stand da und sah mit Schrecken das Riesele den Wes baherrasen. Es trug einen irdenen Krug, mit Milch gefüllt in der Hand und es staunte vor solcher Kinöeswut im kleinen Gäulchen, konnte nicht ausweichen und blieb stehen mitten auf dem Weg. Jedoch das Niesele konnte heute nicht bei dem Kinde verweilen wie sonst, konnte überhaupt nicht achtgeben auf ein Kind. Es rannte das Kind an, daß der Milchkrug fiel, daß er zerbrach, und daß die Milch sich weithin ergoß. Der Schlag schreckte aber nun das Niesele auf aus seinen Träumen. Es drehte sich um, blieb einen Augenblick stehen, kam zaghaft näher an das Kind und besah sich die Milch, die in Rinn- seln nach den Geleisen floß. Einen Augenblick nur, wohl bis es sich überzeugt hatte, daß es diese Milch doch nicht trinken könne, besah es sich das Unglück. Dann drehte es wieder, schlug sich überaus leichtfertig mit dem lichten Schwänzchen über die Hinterbacken und ging gemächlich weiter. Ein blütenweißer Gänserich stand da auf einem Vein und schielte zu den Gänsefrauen, die einen Steinwurf entfernt im Sande lagen. Er stand da und träumte und Riesele tappte auf ihn zu, daß er ganz verschreckt die Flügel aufriß und halb flog, halb hopste und heftig dem Gäulchen nachschimpfte. Die Hühner hockten vor dem Stall. Sie standen auf, als Niesele kam, und setzten sich wieder, als hätten sie nur grüßen wollen. Sapperlot, der Hasenvater, saß auf der Schwelle und hopste langsam zurück. Drei junge Schwalben zwitscherten auf der nach innen aufgedrehten Tür eifrig wie alte. Riese legte sich seitab von den Hühnern an das Wässer- chen, leckte, erhob sich, ging an den Trog, versuchte mit der Zunge zn lecken wie ein Hund und trank dann regelrecht wie ein erwachsenes Pferd. Aeußerst stolz sahen die großen Augen rings auf das Geziefer herab. Das Waffer tat ihm gut; es hätte schier nicht mehr aufhören mögen zu trinken! Ein Fuhrwerk, mit zwei Kühen bespannt, schob sich in dem tiefgleistgen Weg vorbei. Riesele, das großen Hunger hatte, begann aus irgendeinem Grund, vielleicht aber auch ohne jeden Grund, hinter dem Wagen herzulaufen, bis es die Entenschar öaherkommen sah. Der Enterich, dessen Gefieder schillerte, wie wenn er's frisch für einen Feiertag geölt hätte, warf den Kopf rückwärts zur nächsten Ente, sagte: „Wack wack", drehte den eitlen Kopf wieder vor, und eine Ente sagte der andern dieses Wort, das sicher eine mißliebige Bemerkung gegen Riesele war; denn eine jede zog, nachdem sie gesprochen, den Unterschnabel zurück und lachte auf diese Weise, wie es Enten tun, und wackelte weiter. Riesele schien von diesem verschmitzten Lachen beleidigt zu sein, tappt in die Schar, zerstreute sie und freute sich seiner Tat so sehr, daß es in wilden Sätzen auch die Hühner aus ihrem trägen Brüten aufjagte und wunder meinte, was für ein Held es sei! Denn es turnte wieder an den Wassertrog, tunkte ungestüm den Kopf bis fast zur Hälfte hinein und schüttelte die Wassertropfen über die Hühner hin, die schon wieder beisammen saßen. Riesele war größer und kräftiger als das Federvieh zusamt den Gänsen, aber es war auch jünger! Die Gänse und die Hühner und die Enten hatten sich ihren Lebenskreis schon lange gezogen und waren fertige Leute! Niesele aber fing erst an, sich sein Leben zu zimmern, und es wäre eine schöne Sache, wenn berichtet werden könnte, daß aus diesem Grund das Federvieh, wie es reifen Leuten zukommt, die Quertreibereien des Gäulchens ge- in solcher Eintracht beisammen Noch sprang Riesele umher Halfter, pudelnackt, wie Gott Wiesen schlug, merkte Riesele sicher, waS für ein Geschick sich da erfüllen wollte. Trudel, die Mutter, die ohnedies an dem Gasien- buben zu wenig Freude und um so mehr Kummer hatte, zog auf dem kleinen Wagen selber die Pfähle herbei aus dem Birkenwald. Sie tat es gerne, die Pferdemutter! Denn wenn Riesele jeweilen, wie es seine Art war und wie es überhaupt die Gewohnheit aller guten Kinder ist, gerne zur Mutter hinsprang, sich ein paar Küsse zu holen, oder ein paar Küsse zu verschenken, so konnte jedermann, der ein waches Auge hatte, wahrnehmen, daß diese Liebkosungen nicht nur seltener, sondern auch weniger zärtlich wurden. Ja, es kam vor, daß die getreue Mutter auf einen ganzen Tag fort in den Wald mußte, schwer schaffen mußte und am Morgen nicht einen lieben Blick, nicht ein kurzes „Wiedersehen" bekommen hatte vor lauter „Gaffe". , Daher kann es nicht wundcrnehmen, daß Trudel, die Stute, den Augenblick ersehnte, da die Virkenstämme abgeladen wurden, und es nimmt weiterhin durchaus nicht wunder, daß der Gassenbengel wußte, worum sich's drehte, und daß er fortlief, ins Weite, recht weit von den Balken des Zuchthauses fort! Da gruben Vater und Buben Löcher aus dem Wiesengrund, zwei Pfähle ragten schon eingerammt gleich ungeheuren drohenden Gerten gegen Niesele auf, die Gänse lachten, und die jungen frechen Hähne flogen oben drauf und versuchten zu krähen, um das Niesele zu foppen. Riesele blieb stehen, sah sich um, schleuderte leichtsinnig die Hufe in die Luft und lief fort! Es lief dem Dorfe zu; es hörte hinten im Armenhäuschen ein Waldhorn blasen und lief hurtig dem Waldhorn nach. Ade, ade! Im Armenhaus wohnte Cornel, der Schweinehirt, der einzige Mensch, mit dem Riesele noch nicht Freundschaft geschlossen hatte. Er blies das Waldhorn! Er wohnte da ganz allein für sich, besaß nicht Weib, nicht Kind, hatte kein Tierlein um sich, war aber ein Liedernarr und ein Kinderfreund, wie es nicht viele gibt. Riesele wußte das nicht, wußte auch nicht, daß der Musikant der Sauhirt war, und lief nur dem Liede des Waldhorns nach, so geriet er ans Armenhaus und streckte den Kopf nach der niederen Fensterbank, ohne ihn hineinstrecken zu können.. Da sah es den Hirten, den es fürchten mußte, vor einem Spiegel stehen und blasen und sah sein eigen Antlitz in dem Spiegel, der schräg an der kahlen Wand hing. , . Der etwas närrische Mann legte sogleich das blankgeputzte Vlashorn weg, zog den Schubkasten aus dem Tisch, griff hinein und hielt dem Riefele ein Stückchen Zucker hin. Riesele nahm den Zucker vorsichtig zwischen die Lippen und verschluckte ihn alsdann und sogleich schob ihm der Hirt ein neues Stück ins Maul und dann noch eins und noch eins! Der Freund nahm sein Waldhorn wieder, setzte sich auf die Fensterbank und schmetterte einen strammgefügten Marsch an den Ohren Rieseles vorbei, so daß es dem Tierlein ganz seltsam zumute ward. Ab und zu hoben sich die weißgelben Hufe, bald dieser, bald jener; ab und zu hob sich das vernaschte Maul, ab und zu erschien aus dem Maul die Zungenspitze rot wie Himbeereis und verfchwand wieder. , Als aber das Gäulchen das Maul auf die Fensterbank hob und liegen ließ und die Luft aus den kleinen Nüstern stieß, daß der Staub aufwirbelte, da begannen die Kinder, die um es herstanden, zu lachen. Der Hirt merkte sogleich, daß dies Lachen dem Riesele ärgerlich war, und er sprang aus dem Fenster und gab dem Gäulchen wieder ein Stück Zucker, und er griff ihm ans neue Halfter, und es folgte ihm. Die Kinder aber durften nicht Die beiden schritten dem Birkenwäldchen zu, und als sie die letzten Häuser hinter sich hatten, und keine Kinder mehr zu sehen waren, da band der Hirt sein Waldhorn dem Niesele an den Hals und sang: ruhsam über sich hätte ergehen kaffen! Man weiß indeS, waS Oft"'mußten die alten Leute der Gewalt dieses Tolpatsches weichen. Ausgebreitcte Hühnerflügel und flatternde Schwänze wirken jeweils auf das Riesele wie Disteln unter seinem Schwanz, und es geschah nicht selten, daß die Hühner flüchten mußten auf die Stalltür, auf die Wagenleiter, oder daß sie auf- und davongehen mußten ins Gras. Die armen Enten; sie trugen von ihrer Stammutter her den Drang nach der Ferne im Blut. Sie sahen alltäglich ihre wild und frei gebliebenen Schwestern übers Tälchen streichen und ins Röhricht einfallen, woher ihr lockender Freiheitsruf erschallte; sie aber konnten ihren plump gewordenen Körper um keinen Preis mehr in die freien Lüfte erheben und hätten's doch so gern getan! Die armen Enten! Sie haßten das Riesele sehr! Ganz anders verhielt es sich mit den Gänsen! Sie waren neun an der Zahl, sie trugen das Bewußtsein ihrer Stärke in sich, sie konnten das Riesele mit ihren Schnäbeln und mit ihren schweren Flügeln schon dermaßen verhauen, daß es — der graue Gänserich ist neulich einem Kalb an die Kehle gesprungen — daß es gerne die Flucht ergreifen würde! Auch das Riesele wußte das! Aber was sollten die großen Gänse Händel suchen, weil die kleinen Enten sich nicht selber verteidigen konnten! Törichtes Federvieh! Die Geißen im Stall trugen auf der Stirn wie gezückte Schwerter die beiden Hörner und blieben unbehelligt, und ihre Jungen verstanden den Kindskopf Riesele besser als alles Geziefer und tollten mit ihm, wenn es tollen wollte, und legten sich neben es, wenn es schlafen wollte. Es kam oft vor, daß neben, ja dicht und auf dem tiefschwarzen Füllenrücken ein schneeweißes Geißlein schlief oder gar zwei, und Sapperlot, der Hasenvater, der offenbar einen besonderen Sinn für Farben hatte, brachte kein Äuge zu und hörte nicht, was um ihn vorging, wenn Schwarz und Weitz Mädchen, konnte ihm keine Blumen anstecken, und hätte es doch so gerne getan! Gustav und August, wenn sie es striegeln wollten, konnten es nicht festhalten und striegelten es doch so gerne! Die Hufe, die sich gemach vom Staub der Erde grau färbten, sollten gelb bleiben wie Matbutter; aber wer könnte die Hufe des Tages siebenmal bürsten? Wer konnte die Mähne, die zusehends wuchs, des Tages siebenmal bürsten, wer den Schweif, der wie ein Mädchenzopf baumelte, richtig burchkämmen, wie sich's gehörte? Trudel, das Schwesterchen, setzte einmal seine Puppe auf den schmalen Rücken des Riesele; aber das Riesele warf die Puppe von sich, indem es mit den Vorderbeinen sich heftig gegen die Erde stemmte, und den Rücken vom Hals bis zum Schwanz wacker fchiittelte. Gustav kam zuerst auf den guten Gedanken: August mußte den Kopf Rieseles unterm Arm nehmen, mußte ihn festhalten, und Gustav hob das Trudelchen ganz hoch hinauf auf den Rücken, ob das Tierlein auch solche Last tragen könne. Es trug sie! Es fühlte sich offenkundig wohl mit seiner Last, es drehte den Kopf aus Augusts Arm und reckte ihn stolz in die Höhe. Dann machte es gar einen Schritt und noch einen und da das alles so leicht ging, schoß es ganz plötzlich weiter, und das Trudelchen purzelte aufs Gras herab, stand auch schon wieder und lachte und setzte dem Ausreißer nach quer über die Wiesen, die der zweiten Mahd entgegensahen. „Los, zum Sattler!" schrien die Buben, „los zum Sattler!" triumphierte das Mädchen, „und ein Sättele, ein Sättele, Vater, darf der Sattler auch ein Sättele machen?" „Sättele, Sättele", entgegnete der Vater, „was willst du mit einem Sättele? Maidlin gehören nit aufs Sättele! Los, und nix angestellt unterwegs!" Als der Sattler das Maß nahm, sagte er zu Trudel: „Heut kommt das Riesele in die Schul; mach einen Strich in den Kalender!" „Wie lange muß es in der Schule bleiben? Ich mutz acht Jahre drin bleiben!" „Acht Jahre?" versetzte der Sattler, „und dann?" „Dann geh ich in die Stadt!" „Du hast's gut vor, Trudel, acht Jahre sind schnell herum! Aber das Riesele muß sein ganzes Leben lang in der Schule bleiben!" „Muß es?" fragte Trudel. Noch am Abend holten die vier das Halfter ab, strippten es Riesele um den Kopf und führten es heim in den Stall, wo der Vater es neben der Pferdemuttcr ankettele. Von nun also stand Riesele gleich den erwachsenen Tieren im Stall. Doch jeden Tag durfte es etliche Stunden lang an einen Pfahl gebunden, auf der Wiese kreisen, eng umzirkt zwar, doch immerhin draußen in einer gewissen Freiheit. Gar oft freilich — ach, wer konnte dem lieben Tterlein gegenüber so entsetzlich streng sein? — durfte es dennoch wieder umherspringen, wohin es wollte, und durfte seine Bubenstreiche vollbringen, die ihm jedermann schon verzieh, bevor sie begangen waren. Es kam indes doch die Zeit, daß die Hufe des Riesele breiter wurde», sein Magen größer, seine Krgst heftiger, die Zeit, da es endgültig die Gaffe vertausche» mußte mit dem Gehege des Zaunes. Als der Bauer Klaus die Pfähle gegenüber der Wohnstube in die Das Schwein das muß gehütet sein! Der Kastor kann es hiiten! Der Kastor muß gehütet sein! Der Cornel kann ihn hüten! Der Cornel muß gehütet sein! Der Kaiser kann ihn hüten! Der Kaiser muß behütet sei»! Wer mag den Kaiser hüten! Sein lieber Gott behüt ihn fein! Mög mich der meine hüten! Das Liedchen führte die zwei Wanderer bis ans Birkenwäldchcn hinauf, allwo man den Rhein sehen kann. Sie legten sich nebeneinander nieder, der Hirt steckte dem Riesele dunkelblaue Glockenblumen ins Halfter, setzte bas Horn an die Lippen, und das Riesele starrte übers Wieseutälchcn hinunter zu seinem Heimatstall, wo der Bauer emsig die Balken des Gefängnisses einschlug. Riefehe hörte die Axt knallen und der Hirt, als er das erste Lied beendet hatte, nahm sich den zierlichen Ponykopf an die Brust, streichelte ihn, zerrte an den Ohren, kribbelte an der Blesse herum, fchob die Hand quer in den Pferdemund und sagte: „Riesele, ich weiß, was es da unten gibt! Sie werden dich einsperren, wie sie mich eingesperrt haben und sie werden's aus dem- selben Grunde tun! Wir sind freier als sie, wir sind fröhlicher als sie, und das können sie nicht vertragen! Sie laufen, seitdem sie sich fclbcr aus dem Paradies vertrieben haben, mit .^ano- fchellen umher wie Sträflinge mit Handschellen umher wie fallenhändler, und wo sich die Freiheit regt, da legen sie sie an! (Fortsetzung folgt.) "verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Dietzen. lagen. 5. ohne Zaum, ohne Zügel, ohne es erschaffen hatte. Trudel, das