SiehenerZaimlienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang (955 Montag, -en 5. Juli Nummer 50 Alter Bauer am Abend. Von Joachim Lange. Dies ist am Abend seine Art: Er sitzt allein und stumm. Rauch wölkt sich grau aus grauem Bart. Der Tag war heiß. Der Tag war hart. Der Tag ist um. Das Haus liegt still. Der Hof ist teer. Vom Anger schwingt sich fern Ein leises Mädchenlachen her, Verklingt und schweigt. Und ist nicht mehr. Der erste Stern. Im Stalle raschelt noch ein Huhn. Ein Fohlen wiehert bang. Der Alte läßt die Hände ruhn. Sie hatten Tag um Tag zu tun. Ein Tag ist lang. Schwielig die Haut. Die Haare greis. So friedlich fließt das Blut. Die Jahre waren hart und heiß. Der Bauer neigt die Stirn. Er weiß: Herr, es war gut. Ein Wind springt in das Land hinaus. Vom Turme schlägt es acht. Der Alte klopft die Pfeife aus Und geht bedächtig in das Hau«. Bald kommt die Nacht. Oie Birke. Von Ern st Wischer t. In diesem Vorfrühling habe ich mein Vaterhaus wiedergesehen, nach fünfundzwanzig Jahren. So lange Zeit hatte ich mich gefürchtet, mein Leben an seinen Anfang zurückzutraaen und den kleinen Kreis des Ursprungs noch einmal auszuschreiten. Aber nun wollte ich weit fort von meiner Heimat, bis in das Alpenvorland, und das Tor zumachen hinter einem lauten Weg. Aber da wollte ich sie noch einmal sehen, die Stille meines Anfangs, um das Bild mit hinüberzunehmen und es aufzustellen über einem fremden Herd. Aber nun war es vielleicht doch nicht gut. Ich kam aus einer großen Stadt, aus vielen Städten. Ich hatte vorgelesen, es waren viele Menschen um mich gewesen. Lob, Tadel, Fragen, Schicksale. Und nun hatte ich eine Nacht in der Heimat geschlafen, in einem kleinen Haus in Cruttinnfluß. Auf dem kleinen Friedhof hinter dem Gartenzaun schliefen meine Großeltern, und vor mir lag die weite Krümmung des Flusses, und hinter ihr lagen die weiten Wälder. Und alles war grau und winterlich und still, so totenstill. Und ich sah nun, daß es ein Gesetz war, nach dem ich angetreten und weitergegangen war, und es schauerte mich ein wenig vor der Größe und der Schwermut dieses Gesetzes. Ich glaubte mich entbunden zu haben von ihm, in den Städten, in der Arbeit, in der warmen Menschlichkeit eines tätigen- Lebens. Aber nun, beim ersten Anblick, stand es wieder auf und sah mich an und nahm mich in das ©einige. Am nächsten Morgen machte ich meinen Wagen fertig und fuhr in die Wälder. Nebel hing um die hohen Tannen. Kein Vogel fang, keine Blume blühte. An der Morawa hielt ich an. Eine Lichtung, wo der Fluß aus den Seen tritt. Hier war zu meiner Kinderzeit am Weihnachtsabend ein Forstaufseher eingebrochen und ertrunken. Hier hatten die Boote gelegen, mit denen wir in der Sommernacht flußabwärts gefahren waren. Hier hatte der Pavillon gestanden, auf dessen Bretterboden unsere Eltern getanzt hatten. Ein paar morsche Balken moderten unter dem braunen Moos, grau und blind schob das Eis sich zwischen die Wälder. Die ersten Toten standen auf und sahen mich an. Ich floh sie nicht, aber mein Herz war schwer, als ich bedachte, was in vierzig Jahren sich löst und bindet. Ich fand die Stelle, an der ich meinen ersten Adler geschossen hatte. Der Hochwald war fort, fremde Schonungen sahen mich an. Ich wußte nicht, wer sie gepflanzt hatte. Die Sonne kam über die Wipfel und beleuchtete ein fremdes Land. Was unwandelbar erschienen war, hatte sich gewandelt. Das Paradies, hatte ich geglaubt, könne sich nicht wandeln. An derselben Stelle müßten die Rehe stehen, unter demselben Baum müßte Gottvater ruhen. Hatte ich bedacht, daß ich selbst als ein anderer wiederkam? Je näher ich meinem Vaterhause kam, desto fremder wurde die Welt. Hier trug ich jeden Busch in meiner Seele, hier konnte ich die Augen schließen und sagen: „So muß es hier fein". Aber es war nicht fo. Alles Kleine der Kinderzeit war groß, erschreckend groß geworden, alles Große war fort. Auch hier war Geburt und Tod gewesen, aber ich hatte weder an den Wiegen noch an den Särgen gestanden. Ich stieg aus dem Wagen, um die Erde an meinen Sohlen zu spüren, ich blieb zwischen den Kiefern stehen und lauschte. Ich wußte, wie es gerauscht hatte zu meiner Kinderzeit, in den unvergeßlich großen Bögen der stillen Melodie, hinunter bis in die letzten Wurzeln meines jungen Lebensbaumes. Es rauschte auch jetzt, von Wipfel zu Wipfel, groß, gelassen und fern, aber es streifte mich wie ein fremder Mantel. Es hob sich auf wie von einem Irrtum und ging davon. Es ließ mich außer sich. Es war, als hatte es mich enterbt. Und dann sah ich das Haus. Das erste war die Tannenhecke am Weg mit den Ahornbäumen. Ich sah sie, aber sie war nicht da. Mein Vater hatte sie gepflanzt, und man hatte sie aus feinem Leben geschnitten, als sei er schon tot. Dort hatten die Hasen zur Winterszeit gelegen, und immer war ein leises Rauschen in dem Dunkel der Zweige gewesen, und die ersten Gestalten einer kindlichen Dichtung hatten dort gewohnt, im grünen Dämmerlicht, das immer über dem schmalen Wege stand. Und da wußte ich, daß auch das andere so sein würde, alles andere. Es war eine freundliche Frau, die mich empfing, aber in ihrer Freundlichkeit lag die Sicherheit des Besitzes und die gütige Nachsicht für die Seltsamkeit eines Sonderlings. Die Oberstube? Nein, die Dberftube sei leider nicht mehr da. Es fei angebaut worden, und da habe sie leider ver- oerschwinden müssen. Aber ich könne ruhig hinaufgehen. Nein, das wollte ich nun nicht mehr. Auch in einem Totenhaus geht man nicht umher, um Hausrat und Aussicht anzufehen. Und dieses war doch ein Totenhaus. Meine Kindheit lag dort aufgebahrt, ohne Anspruch, und Feierlichkeit, und man hatte vergessen, ihr die Augen zuzudrücken, so daß sie mich ansah, wohin ich auch immer ging. Ich ging sehr leise, wie es sich gehörte, sehr scheu, und so schnell, wie es erlaubt ist in einem Totenhaus. 2ch ging auch in den Garten, wo die hohen Tannen gerauscht hatten .und wo ich mit meinem Kranich geschlafen hatte, fein Herz an meinem Herzen. Die Tannen waren nicht mehr da. Sie seien krank gewesen, hatte die Frau gesagt, und sie hätten auch zuviel Schatten geworfen. Auch die Kirschbäume waren fort, und der alte Apfelbaum mit grünem Moos auf feinem gekrümmten Stamm. Nur die Esche am Giebel stand da, die mein Vater gepflanzt hatte, und ihr grauer Gipfel reichte hoch über das Dach. Eine Weile stand ich da, in meiner bitteren Verlorenheit, und starrte hinaus, nach dem Kreis der Wälder, der dies alles umschloß. Wie aus einer Schale tropften die Jahre des Gewesenen in mich hinein, alle Bitterkeit und alle Süße eines Kinderlebens, und plötzlich war mir, als sei mein Haar grau, als rühre die Hand der Geschlechter mich an, mit einer leisen Mahnung, daß das Unsterbliche in der Kette liege und nicht in ihren Gliedern. Da wendete ich den Wagen auf dem schmalen Hofe und fuhr davon. Und noch als er aus dem grauen Tor rollte, fiel mir ein, daß ich nun in einem schwarzen, glänzenden Wagen den Weg heraufgekommen fei, den ich fo oft barfuß als Kind heruntergelaufen war, um die Kühe zu hüten ober den Frühstückskorb auf das Feld zu tragen. Es hätte ein Trost und vielleicht sogar ein Stolz in diesen Gedanken liegen können, aber ich war weit von allem Stolz entfernt. Sehr demütig fuhr ich nun aus meinem Kinderland. „Fremd ist dir alles geworden", dachte ich, „aber vielleicht ist dies alles hier geblieben wie am ersten Tag, und nur du selbst bist als ein Fremder eingekehrt in ein stilles, wartendes Haus. In einem großen Wagen bist du angekommen, fo wie es in den Märchen steht, aber alle diese Dinge deiner Kindheit wollten das nicht. Sie wollten, daß du die Schuhe auszögest an der Schwelle eines heiligen Landes und wiederkehrtest, wie du einst gegangen warst: barfuß, demütig und arm. Dann wären die gefällten Bäume auferftanben unb hätten bir zugerauscht, bie zerbrochenen Mauern hätten sich aufgerichtet, bie verwelkten Blumen hätten geblüht ... kein Frembling wärest bu gewesen in deinem Vaterhaus ..." Und ich sah mich um in der schweigenden Runde, ob nicht ein Trost geblieben sei, an dem ich mich aufrichten könnte in meiner Verlassenheit. Denn ich war ja nicht treulos gewesen, ich hatte ja nur in einem Berge geschlafen, und als ich nun wiedergekommen war, kannte mich niemand mehr. Und da, in diesem Augenblick, sah ich sie. Auf einem Heidekraut- Hügel, unweit des Weges. Weiß und schmal stieg ihr Stamm in die Höhe, und ein rötliches Licht hing über der schlanken Krone. Fremd und süß war ihre Zierlichkeit in dem schweren Ernst der Kiefernwälder, und etwas von der frohen Schwermut eines Wanderers war In ihrer Gestalt, der stillesteht und sich umblickt, bevor er den Fuß weitersetzt auf feine einsame Straße. Ich legte die Hände um ihren kühlen Schaft und sah zu ihr empor. Es war mein Eigentum, meines allein, denn ich hatte sie gepflanzt am Tag vor Pfingsten, als ich sechs Jahre gewesen war. Nie- mnnb war bei mir gewesen als Tante Veronika, die immer da war, wenn ein Wunder geschah, die Stimmen hörte und Gespenster sah, deren Hand den Himmel öffnen konnte und deren leise Stimme bis zu den Toten drang. „Eine Birke mutzt du pflanzen", hatte sie gesagt, „damit der heilige Geist sich ausgiehen kann über sie in der Pslngftnacht ... Ich wußte nicht, was der heilige Geist war, aber als ich die dünne Wurzel in die feuchte Erde senkte und die Kühle des Frühlingsbodens meine Hande berührte floß etwas hinein in meine verzauberte Seele, was nicht unähnlich dem fein mochte, was Tante Veronika mit den Worten des Neuen Testamentes nannte. Wenn du grotz bist", sagte sie, und sah mit ihren blauen Augen über die Wälder hin, „und du hast Angst in der Welt, dann muht du unter diese Birke treten und die Augen aufheben zu den Zweigen, von denen dir Hilfe kommt. Und Friede wird in deiner armen Seele sein ... Und da stand ich nun unter meinem Kinderbaum, der so groß geworden war, daß er aus mich herabblickte, und hatte die Hände um seine Rinde gelegt und sah die vierzig Jahre in den rötlichen Zweigen und in der Haut meiner Hände, und hörte die Stimme, die lange versunken war, und ging die langen Wege noch einmal, die ich gegangen war, und wutzte nun, dah alles gut so gewesen, war. Datz ein Mensch nicht sremd sein kann auf seinen Wegen, weil die Spur seiner Gleise hinter ihm herläuft, rückwärts bis zu dem Beginn seiner Kinderträume. Daß das Sichtbare sich wandelt, aber nie das Unsichtbare, und dah das Kind uns niemals verstößt, aus dem wir aufgewachsen sind zur gegenwärtigen Form. t Und ich hob meine Augen aus zu den Zweigen, von denen nur Hilfe kommen sollte, und kehrte um und fuhr aus den Wäldern heraus, die mich geboren hatten. Ich wußte, daß ich Tage und Nächte zu fahren haben würde, bis ich in meine neue Heimat käme. Daß Jahre vergehen würden, bis ich sie wiederfähe, daß Menschen und Bäume sterben würden, ehe ich wiederkäme. Aber es bedrückte mich nun nicht mehr. Ich hatte keinen Zweig gebrochen aus ihrer jungen Krone. Ich nahm nichts mit mir als den Staub des Weges, der hinter mir aufstand. Aber in diesem Staub war ein Glanz, wie der Glanz einer Morgenröte, und ich hob meine Augen aus zu den kommenden Dingen, die mich erwarteten. Große Naturforscher. Von Professor Dr. Philipp Lenard, Heidelberg. Professor Lenard, einer der hervorragendsten deutschen Gelehrten, erhielt vor Jahren den Nobelpreis für Physik; er war einer der ersten Hochschullehrer, der entschlossen für die Idee des Nationalsozialismus eintrat. Die Stadt Heidelberg ernannte ihn jetzt wegen seiner hervorragenden Verdienste zum Ehrenbürger. Die nachfolgenden Abschnitte sind mit Erlaubnis des Verlages I. F. Lehmann, München, entnommen dem Buche: „Gröhe Naturforscher". (Mit 70 Bildnissen; geh. 9 Mk., Lwd. 10,80 Mk.) Das Buch ist eine wissenschaftliche Glanzleistung und zugleich ein Meisterwerk der Darstellung, so daß es jeder Gebildete, besonders auch die deutsche Jugend, mit größtem Gewinn lesen wird. Huldigung an die großen Forscher. Sind mir die großen Forscher, deren Werke ich stets bewunderte, immer schon seit ich auch- ihr Leben kennen lernte, als ebenso verehrungswürdig wie überragend, dabei aber doch, erst dunkel und später deutlicher, wie Verwandte erschienen, so freue ich mich nun, ihnen hier vielleicht ein kleines Denkmal gesetzt zu haben, das sie nicht verachten würden. Es ist auch wohl Zeit hierzu. Denn die Zahl derjenigen, die der Denkweise dieser Forscher zu folgen vermögen, scheint gegenwärtig sehr im Abnehmen zu fein; und doch hat sich keine andere Denkweise zu Mehr geeignet gezeigt, als nur zu Augenblickserfolgen ober zu Verblüffungen oder bestenfalls zur Abfchliehung von schon gründlich Begonnenem. Ja die Denkweise dieser Naturforscher ist es allein, die auch zur Entwirrung der Fragen der Geisteswissenschaften wird führen können; denn auch diese Fragen betreffen Naturvorgänge, und die Natur ist in allem Eins. Diese Denkweise muh also in Erinnerung behalten, wieder gepflegt und neu belebt werden, und dazu kann nichts besser beitragen als die Pflege des Gedenkens dieser Forscher selbst. Dem genügend tief Blickenden kann es nicht verborgen (ein, dah unter den menschlichen Geistes-Errungenschaften nichts zweifelsfreier gefestigt, nichts so dauernd gleichmäßig brauchbar dasteht, als eben die Errungenschaften dieser Forscher. Die letzten 15 Jahre haben allen, die Erlebnisse nicht ohne tiefere Gedanken Hinnahmen, vieles, was früher genügend erkannt und in der Vorstellung feststehend erschien, in verändertem Licht als zweifelhaft und zuletzt als irrig gezeigt. Eine veränderte Weltanschauung mit neuen Erkenntnissen ist aufgekommen. Jene Forscher und ihre Beiträge zur Weltanschauung sind dabei aber geblieben, was sie schon waren; ja das Ansehen und die Bedeutung dieser Forscher muh sogar erhöht erscheinen, indem sich nun erst besonders gut zeigt, wie viel mehr fern von Fehlgedanken sie waren — die besonderen Bahnbrecher unter ihnen am meisten — als ihre Zeitgenossen. Otto von Guericke (1602—1686). Dieser als Erfinder der Luftpumpe und Magdeburger Bürgermeister gern genannte ausgezeichnete Forscher begann fast ganz ungelehrt seine Zwiesprache mit der Natur in selbst ausgedachten Experimenten, die ihn nach mehreren Seiten hin tief ins bis dahin Unbekannte hinein und feiner Zeit voraus führten. Nur gar wenig die Luftpumpe selber ist es aber, die ihn unter die großen Forscher bringt, sondern die Art, wie er sie denkend benutzte, um Fragen an die Natur zu stellen, deren Beantwortung ohne dieses Hilfsmittel freilich nicht möglich war, wobei er kaum einmal abbrach, ehe nicht die Frage nach allen damaligen Zugänglichkeiten erledigt war. Daß es dabei fein besonderer Geschmack war, seine Versuche in etwas großem Maßstab anzustellen, wie mit den Magdeburger Halbkugeln, machte dieselben umso eindrucksfähiger auf seine Zeitgenossen, ergab aber auch, wie an den Funken einer Elektrisiermaschine, Neues, das in kleinerem Maßstabs nicht gleich gut sich offenbaren konnte. Ein besonders freundlicher Zug an diesem fast durch sein ganzes Leben führend unter seinen Mitbürgern wirkenden Manne war seine Freude am Staunen der noch Uneingeweihten, wenn er sie die Wirkung der Natur sehen oder fühlen ließ an feinen Vorrichtungen, die auch ihm selbst zuvor erst die Wunder offenbart hatten, die voll zu würdigen frei- lief) nicht alle in gleicher Weise befähigt fein konnten. So war und ist unser Guericke einzig in seiner Art. Guericke ging jedenfalls traft eigener Begabung ans Werk, um, wenn es möglich ist, den leeren Raum beliebig herstellbar zu machen. Er versuchte dazu die gewöhnliche Brunnen- oder Feuerfpritzen-Pumpe zu benutzen, und da'dieselbe für Wasser eingerichtet war, setzte er eine solche Pumpe an ein sonst überall verschlossenes Faß voll Wasser, um zu sehen, ob beim Auspumpen des Wassers ein leerer Raum im Fasse Zurückbleiben würde. Die zum Pumpen nötigen Kräfte zeigten sich fo groß, daß erst alle Befestigungen verstärkt werden mußten. Als dann endlich drei starke Männer, an dem Stempel der Pumpe ziehend, das Wasser tatsächlich herauszuschasfen vermochten, wurde in allen Teilen des Fasses ein Geräusch hörbar, wie wenn das Wasser heftig kochte, und dies dauerte so- lange, bis das ganze Faß an Stelle des herausgezogenen Wassers mit Luft gefüllt war; offenbar was Holz für solche Versuchs nicht genügend luftdicht. Als dann Versuche mit einem unter Wasser gesetzten auszu- pumpenden Faß einigermaßen ermutigend ausgefallen waren, ließ Guericke eine große Kupferkugel anfertigen, die an die Pumpe gesetzt werden konnte, und es wurde jetzt mit Umgehung des Wassers auch sogleich Lust gepumpt, was vorzüglich gelang. Während man schon meinen konnte, fast alle Luft herausgeschafst zu haben, „wurde die Metallkugel plötzlich mit lautem Knall und zu aller Schrecken so zerdrückt, wie man ein Tuch zwischen den Fingern zusammenballt, oder als ob die Kugel von der äußersten Spitze eine Turmes mit heftigem Aufprall herabgeworfen worden wäre". Diele schon ganz neuartige, für die Größe des Luftdruckes höchst lehrreiche Wirkung schrieb Guericke sogleich richtig der wohl nicht genau kugelförmig gewesenen Gestalt des Gesäßes zu. Sie bheb auch aus, als eine neue, vollkommen gestaltete Kugel angefertigt war. Hier gelang es, solange zu pumpen, bis keine Luft mehr aus dem Ventil der Pumps entwich, was als Beweis für die vollständige Evakuierung der Kugel anzusehen war. „So wurde also zum zweiten Male ein leerer Raum erhalten." Nach Deffnen des an der Kupferkugel angebrachten Hahnes „drang die Luft mit solcher Kraft in die Kugel, als wollte dieselbe einen davorstehenden Menschen gleichsam an sich reißen". Nun schritt Guericke zur „Einrichtung einer besonderen, zur Herstellung des Vakuums dienenden Maschine", — der er ft en Luftpumpe. Es folgte nun eine große Reihe von »ersuchen mit völlig neuen Beobachtungen, die Grundlage zu vielem Späteren wurden. Vor allem wurde das Streben jeder Luftmenge erkannt, über allen Raum sich zu verbreiten. Schon die Luftblasen, die unter Wasser an Gefäßwänden faßen, zeigten dies, indem sie sich bei Fortnahme des Luftdruckes dehnten Eine schlaff mit Luft gefüllte, dichte Schweinsblafe kam im Vakuum von selbst zum Platzen. So wurde es auch klar, daß beim Pumpen die Lust ganz von selber aus dem leerzumachenden Gesäß in die leere Pumpe tritt, sofern nicht etwa Gegendruck des Ventils sie hindert. Letzteres vermeidet Guericke durch eine besondere Zusatzeinrichtung zum Deffnen der Ventile; auch ersetzt er dieselben durch Hähne. Er überzeugt sich, daß der felbfttqtige Druckausgleich auch durch eine lange Röhrenleitung statt- finbet, wenn Pumpe und Gefäß in verschiedenen Stockwerken des Hauses aufgeftellt wurden. Er vermerkt besonders die Heftigkeit, mit welcher unter Umständen der Druckausgleich erfolgt, fo daß Steinchen und Haselnüsse von der Lust umhergeschleudert werden können, und schließt daraus, daß Winde und Stürme auch nur Druckunterschiede der Luft in der Atmosphäre zur Ursache haben dürsten, wie er dann aus besonders niedrigem Luftdruck einmal einen verheerenden Sturm auch richtig Voraussagen konnte. r . Daß die Atmosphäre den so augenscheinlich gewordenen großen Druck ausübt, schreibt Guericke ganz ihrer Schwere zu; die „Scheu vor der Leere" schasst er ausdrücklich vollkommen ab. Vielmehr bestimmt er das von Galilei auf Umwegen oefchätzte spezifische Gewicht der Luft unmittelbar durch Vergleichswägungen leergepumpter und voller Gesäße, wobei als besonders überzeugend für das nicht geringe Gewicht ganz mäßiger Luftmengen das auf der Waage so augenscheinliche Schwererwerden beim Einströmen der Luft auftrat. Auch erkennt Guericke, daß der Lust ein einheitliches spezifisches Gewicht nicht zugeschrieben werden kann, sondern, daß dasselbe je nach Druck und Temperatur sich ändert. Die Erdatmosphäre wird demnach durch ihre eigene Schwere zusammengehalten und am Erdboden zu der ihr dort eigenen Dichte zu- sammengepreht. Den ungeheuren Raum zwischen den Weltkörpern sieht schon Guericke als „von jeder Materie leer“ an. Durch Guericke wurde, wie man sieht, zum ersten Mal die Luft zum greifbaren Gegenstand, den man gleich festen und flüssigen Körpern nach Belieben in einen Raum füllen und aus ihm wieder entfernen kann. So wurde es auch möglich, durch unmittelbare Beobachtung festzustellen, wie der lufterfüllte Raum vom luftleeren sich unterscheidet. Dies benutzt Guericke auch besonders in zwei grundlegend wichtig gewordenen Beziehungen; er fragt nach der Ausbreitungsmöglichkeit von Licht und Schall im leeren Raum. Er hebt hervor, daß der leere Raum, entgegen vorhandener Behauptung, das Licht am Durchgang nicht verhindere, weil Dinge, welche man darin anbringe, gesehen werden. Dagegen fielen feine Versuche mit dem Schatt anders aus. Ein Uhrwerk, das fortlaufend eine Glocke anfchlug, wurde an einem Faden im ausgepumpten Glasgefäß aufgehängt; der Ton der Glocke wurde nach genügender Entfernung der Luft unhörbar. Geräusche drangen aber in mehrfacher Beobachtung nach außen, was Guericke ein wenig irre machte; er scheint hier mangels weiterer Fortsetzung dieser Versuche durch die Fortleitung des Schalles längs festen Körpern getäuscht worden zu fein. Eine große Zahl von Versuchen stellt Guericke mit teilweise sehr kostbarer Zurüstung nicht so sehr allein der Forschung halber an, als vielmehr, um mit dem schon Gefundenen auf feine Zeitgenossen zu wirken. Hierher gehören Vorrichtungen, die mittels des Luftdruckes große Kräfte ausübten, fo ein sehr großer Kupferzylinder mit Kolben, der bei plötzlicher Verbindung mit einem vorher ausgepumpten Raum 20 oder 30, ja selbst q Männer, die an Stricken den Kolben herausziehen wollten, hinzu- !,ecken imstande war. Die dabei wirksamen Kräfte gibt Guericke aus ,»m von ihm nach Maßgabe der 20 Magdeburger Ellen (10 Meter) hohen Wassersäule berechneten Luftdruck richtig in Pfunden an; er kontrolliert ig aber auch durch Gewichte auf einer Waagschale und gibt an, wie man Danach leicht das Gesamtgewicht der Lust rings um die Erde berechnen !,nne, wenn man die gesamte Erdoberfläche richtig einsetzt. Am bekanntesten wurden unter den Vorrichtungen der ebengedachten hrt die „M a gd e b u r g e rH a l b k u g e l n", bei deren kleinerer Aussüh- •ing, mit % Magdeburger Ellen Durchmesser, beiderseits acht Pferde ur mit Mühe sie trennen konnten, wobei ein lauter Knall erfolgte, wiih- ;ni) sie bei einfachem Oeffnen eines Hahnes von selber auseinander jslen. Bei der größeren Ausführung, mit einer Elle Durchmesser, berech- iite Guericke zweimal 24 Pferde als notwendig. Guerickes älteste Tage dürften vom bemerkenswerten Undank Wer Mitbürger getrübt gewesen sein; seine ohnehin geringen Einkünfte nb Vorrechte als Bürgermeister wurden ihm vielfach vorenthalten, Ehrend man dennoch ihm bis übers 74. Lebensjahr hinaus nicht Ruhe pnnen wollte. Es war offenbar niemand von gleichem Geschick und eicher Hingabe vorhanden zur Führung der fortdauernd schwierigen Verhandlungen, die der 30jährige Krieg mit sich gebracht hatte. Jeden- Uls hatte Guericke sein Leben lang das äußerste für seine Vaterstadt ptan, und zwar offenbar aus reinem Pflichtgefühl gegen das Gemeinwesen, dem seine Väter angehört hatten. Daß es ihm nicht gelang, Magde- iirg die Recht« einer reichsfreien Stadt nach dem Kriege wieder zu ver- haffen, lag nicht an ihm, wie die Urkunden zeigen. Er hatte sich sicherlich !Zfs beste bei den Habsburger Kaisern (Ferdinand III., Leopold I., der r 1666 in den erblichen Adelsstand erhob) eingesührt, die aber dann doch fe letzte Entscheidung zu Ungunsten Magdeburgs fällten; ebenso stand er tid) beim Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm in hohem Ansehen. Er hrb, 84 Jahre alt, bei seinem Sohne in Hamburg, der dort niedersächsi- her „kurfürstlicher Resident" war, treu gepflegt im Kreise seiner Familie, (ein Begräbnisplatz, den er in Magdeburg sich gewünscht hatte, ist ver- tzollen. Oie Türken vor Wien. Von Hans Sturm. Seltsame Unruhe liegt über der kaiserlichen Hofburg. Im verschlosse- nen Bibliotheksaal hält Kaiser Leopold Rat mit seinen Getteuen. «er sieben Tagen kam die Nachricht, der junge magyarische Rebellen- sirzog Tököly hetze seine Ungarn auf gegen den Habsburger, und Hute sprengte in aller Frühe ein Eilkurier auf den Schloßhof und brachte de Neuigkeit: „Der Türke hat zu Konstantinopel den blutigen Roßjchweif usstecken lassen!" Der weißlockige Kanzler weiß: „Es wird Krieg geben! iudwig XIV. hat es erwirkt im Diwan beim Großtürken." Der Kaiser ehebt sich, die Räte folgen ihm in die kleine Kapelle. Nach einem kurzen xmeinsamen Gebet tritt aus dem Schatten des Chorgestühls der uralte tot Cöleftinus: „Kaiser Leopold mag ruhig fein — höhere Mächte be- kohren sein Geschick vor dem Sonnenkönig und vor dem Halbmond. ♦ Neue Unruhe bringt ein Arzt in die kaiserliche Hofburg, als er berich- 11 von dem großen Heer, das in Konstantinopel am Goldenen Horn N lammengezogen worden fei; man habe ihn gefangen genommen und der Libwache des türkischen Grohveziers als Wundarzt zugeteilt. In ungezahl- tn breiten Karren sei das Korn aus den fruchtbaren Ebenen Asiens m do Stadt gebracht worden. Beim Aufbruch des gewaltigen Heeres habe ran an die zweimal hunderttausend Mann gezählt ohne den riesigen üroß. Dor M u h a m m e d IV., dem Beherrscher des Halbmonds, feien de Truppen vorbeigezogen. Reiter mit runden Säbeln aus Diarbekr oischen Euphrat und Tigris, hohe, schlanke Gestalten aus dem alten Ägdad, lehmbraune Abenteurer aus den asiatischen Bergtälern, kraushaarige Zeltbauern aus Mekka, der heiligen Stadt des Propheten, weih- «rhüllte Lanzenreiter auf hohen Kamelen und schnellen syrischen Rossen, iwnn Tataren, Kosaken, Janitscharen und dazwischen di« turbangeschmuck- hn wilden Schecks der gelben Wüste. Und der Großvezier Kara Mu- hipha nahm den Oberbefehl aus den Händen des Sultans mit den Porten: „Wir wollen gegen Abend ziehen und Wien, die grofee Stadt am bauen Strom, gewinnen für die grüne Fahne de? Propheten! Die Kreuze wollen wir brechen von den Türmen der Christenkirchen und bm Halbmond aufgehen lassen über ihren Altären! Dann erzählt der Arzt, wie er heimlich bei Nacht entwich und über Belgrad nach Wien gekommen sei, und überreicht dem Kaiser eine Rolle nit dem „Eidschwur des Sultans", der willens sei, ,chie ganze Christen- hät auszutilgen". Der weißlockige Kanzler liest: ,^ch> Sultan Muham- rosb IV., von der Gnade des Propheten unüberwindlich, schwöre bei der Schöpfung und bei göttlicher Kraft, bei dem Firmament, bei Sonn und Bonb und Gestirn, bei meinem Haupt und Bart, bei meinen Doriern und bei dem mächtigen Mohammed, bei meinem Heben unb bei »einem Teil an der Seligkeit: daß ich den Kaiser und alle Teutschen lernt allem ihrem Anhang vernichten will, alle ihre Länder verwüsten, ihre Freunde und Kinder in die Dienstbarkeit fuhren und tue ganze ^Dristenheit in meine Gewalt bringen will — von welchem Vorhaben i* nicht lassen werde, sollte auch alle meine Macht, meine Städte und Bäte zugrunde gehen oder mein Verstand zerrüttet werden. Sollte ich befen Eid brechen oder nicht halten, so falle der Zorn des höchsten Herrn ® f mein Haupt und verderbe mich ganz und alles, was ich anfasfe, rtige er in harten Stein verwandeln — mich aber soll die Erde nicht bilden, sondern sich auftun und mein Seel und Leichnam verzehren. So Kaiser Leopold läßt dem Fremden danken und zieht sich mit kmen Getreuen zurück. Am andern Tage werden Öie, Ausfahrten des h»ses und alle übrigen vorbereiteten Festlichkeiten abgesagt, und em östliches Edikt rüst die Wiener zum vierzigstündigen Gebet. * Unterdessen zieht das türkische Völkergewirr durch Adrianopel über Belgrad, durch die Landschaften Syrmiens in die ungarische Pußta. In dem Städtchen Esseg stößt der junge Tököly mit seinen Truppen zu dem bunten Heerbann und huldigt dem Großvater, von dem er Pelze und Teppiche, eine Streitaxt mit edelsteingeschmücktem Griff und eine Standarte aus seidenem Scharlach erhält. Nach kurzem Kriegsrat ziehen die gewaltigen Hausen den blauen Strom enlang bis vor die Festung Raab, die umzingelt und genommen wird.. Wie Heuschreckenschwärme fallen die wilden Horden in die reifenden Felder; in den Städten werden Tausende zu Sklaven gemacht, den sich Widersetzenden schießt man Spitzbolzen in die Stirne. An großen Lagerfeuern brät das geplünderte Vieh, und brennende Gehöfte und Kirchen lodern wie Brandfackeln durch die Nacht weithin gegen Wien. Bald brennen die Dörfer und Höfe weit umher. Es glühen und glimmen die Dachstühle in der Roßau, im Kroatendörfel, auf der Landstraße und nun auch schon auf der Wieden. Die Hofburg ist leer. Rüdiger Graf von Starhemberg steht mit dem Bürgermeister Liebenberg hoch auf dem Glockenturm Sankt Stephan und sinnt den letzten kaiserlichen Karossen nach, die auf der Straße nach Linz in einer Staubwolke verschwinden. In den engen Straßen und Gassen ist ein wimmelndes Hin und Her. Unablässig ziehn durch den Roten Turm Kassen und Leiterwagen, Pferde, Esel und Maultiere, hochbepackt mit Menschen und Haurat, dazwischen Eilende, die ihren Besitz .in einem Sack auf dem Rücken schleppen. Den Flüchtenden begegnen hinkende Soldaten, Fahrende mit verbundenen Stirnen und weinende Frauen, die Grauenvolles berichten von den Janitscharen. Die Tore werden geschlossen, in den Straßen wird es stiller, nur der harte Tritt der Marschierenden geht durch den Tag, dröhnt durch die Nacht. Mit vierzehntausend Mann soll Graf Starhemberg die Donaustadt retten; Mörser werden in Gärten und Höfen eingebaut, Pulverfäcke herangeschleppt, große Tiegel auf die Mauern geschasst, aus denen glühendes Fett auf die stürmenden Türken gegossen werden soll. Da, auf dem Josephsbera flammt im Abend das alte Kloster wie eine Riesenbrandfackel auf. Am andern Morgen steht Kara Mustapha vor den sieben Toren der Kaiserstadt. Abertausend weiße Zelte leuchten im Morgenlicht von Erdberg bis nach Döbling hin, über dem prächtigen Lagerzelt des Großveziers weht die grüne Fahne des Propheten, vor dem wohlbewachten Eingangstor die Blutstandarte. Am 14. Juli beginnt die Belagerung mit einer furchtbaren Kanonade gegen den Festungswall. Giftpfeile und Spitzbolzen Übersäen die Mauern, Feuerkugeln fallen auf die Dächer und Bomben krachen in den Straßen, Minenstollen bohren sich gegen die Basteien, und näher und näher kommen die Zickzacklinien der feindlichen Laufgräben. Unheimliche Stille liegt über der Stadt am Abend, und nächtens steigen vom Stephans- turm rote Raketen auf, die Notrufe* der bedrängten Bürger. Kanonade auf Kanonade! Attacke auf Attacke! So gehen die Tage, geht der Hochsommer hin. In den armierten Bollwerken klaffen breite Breschen, eine der Basteien ist bereits ein Schutthaufen. Schon werden in den Gassen der Stadt Gräben gezogen, die Straffen mit Sandsäcken und spanischen Reitern verbarrikadiert und die Tore mit Eisenketten verriegelt. In der Stadt beginnt die Not umzugehen. In den Mauern werfen die Soldaten schwere Steine, Brandkugeln, Stacheldrehtgitter und in siedendes Pech getauchte Schindeln hinab. Unermüdlich wehren sich die Belagerten, obwohl Graf Starhemberg siech barnieberüegt, viele Wochen schon. Am 4. September setzt ein ungeheurer Ansturm der Türken em, auf dem bald genommenen Burgravelin wehen zwei blutige Roßschweife. Attacke, Kanonade, Sturm folgen einander fast ohne Unterbrechung, Tag für Tag. Die Wiener wehren sich mit verzweifelter Kraft, denken kaum an Schlaf und Essen. In der Frühe des 12. September geht ein Jubelgeschrei über die Mauern der bedrängten Stadt, pslanzt sich wie ein Lauffeuer durch die Straßen und Gassen, als von den Höhen des Kahlenberges blaue und gelbe Raketen aussteigen. Nun wissen alle es, das ersehnte Christenheer ist da. Unter der Führung des Herzogs KarlvonLothringen.der Kurfürsten von Bayern und Sachsen und des Polenkönigs Sobieftg steigen 64 000 wohlausgerüstete Streiter in die Ebene hinab, verrichten das stille Gebet vor der Schlacht und tragen nach einem fürchterlichen Kampfe gegen Abend den Sieg über die Türken davon. Die Beute ist fast unübersehbar und die Freude der Sieger unermeßlich. Weit über zehntausend Türken blieben auf dem Schlachtfeld; was sich nicht retten konnte war gefangen. Vom Steptjansturm läuten alle Glocken und gaben es weiter von Turm zu Turm, daß der rote Halbmond zurückweichen mußte vor dem Kreuz der Christenheit. Oie Oame mit dem Otterpelz. Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.) Jensen glaubte mit aller Bestimmtheit, die Stimme aus der Bar wie- derzuerkennten. Er hätte gerne noch etwas gefragt, um sich darüber volle Gewißheit zu verschaffen. Ader die unsichtbare Partnerin hatte bereits eingehängt, und dem Polizeiagenten blieb nichts anderes übrig, als seinerseits das gleiche zu tun und seine Neugierde noch zwei Stunden zu bezähmen. 18 Ilm diese Stunde war die Nelson-Bar noch ziemlich leer. Nur hin und wieder kam ein Gast herein, der sich am Bartisch schnell ein Drink geben liefe und nach ein paar Minuten wieder ging. Ein sehr junges Pärchen flüsterte roeltentrüdt in einer Nische, und die Kellner standen gelangweilt f?er2Hs Jensen das Lokal betrat, saß Kommissar Kling bereits in einer der «einen Boxen vor einem Whisky-Soda. Er sah ziemlich niedergeschlagen aus. Die Sache mit Grau hatte ihn stärker mitgenommen, als er selbst es bei seiner gegen menschliche Krisen abgehärteten Natur für möglich gehalten hätte. Der Unglückliche war noch in seiner Anwesenheit zu sich gekommen. Aber er machte den Eindruck eines seelisch Gestorbenen. Der Arzt riet dringend dazu, ihn in die psychiatrische Klinik überführen zu lassen, da seine Krankheit ganz offenkundig psychischer Art war oder doch zum mindesten ihren Entstehungsherd im Psychischen hatte. Soweit er als Internist das feststellen konnte, handelte es sich um einen vollkommenen Nervenzusammenbruch, wenn nicht um eine noch tieferliegende, vielleicht unheilbare seelische Störung. Was den Kommissar so niedergeschlagen stimmte, war nicht nur aufrichtiges Mitleid mit dem jungen Menschen, sondern auch die Sorge um die Weiterentwicklung dieses mysteriösen Kriminalfalls, der, wenn Grau auf die Dauer vernehmungsunfähig war, vielleicht für ewige Zeiten unaufgeklärt bleiben würde. Eine Niederlage, die dem Kriminalisten etwa das gleiche bedeutet, wie dem Erfinder ein ungelöstes Experiment. Erst als Jensen dem Kommissar seine Entdeckungen mitteilte, wurde dieser wieder lebhafter. „Am liebsten würde ich gleich mit Ihnen umkehren und das geheimnisvolle Kabinett in Augenschein nehmen", sagte er aufatmend. Aber das hat jetzt keinen Sinn. Wir brauchen dazu volles Tageslicht. Und außerdem will ich einen Sachverständigen mitnehmen, der den Zweck, dem dieser Raum gedient hat, aufklären kann. Daß dieser Zweck kein harmloser war, darin gehe ich schon jetzt mit Ihnen vollkommen überein, mein lieber Jensen. Und ich habe sogar etwas wie eine Ahnung, welcher Art die Beschäftigung war, die darin ausgeübt worden ist. Aber darüber Möchte ich mich vorläufig noch nicht äußern. Wenn alles klappt, können wir in spätestens zwei Tagen die Sache der Staatsanwaltschaft abtreten." „Den Fall Grau, meinen Sie?" Kling trank seinen Whisky aus und starrte ein paar Augenblicke sinnend auf den Grund seines Glases. „Nein — den Fall Fuchs, will mir beinahe scheinen." Er lächelte abgründig. „Die Sache hat nämlich einen anderen Namen bekommen. Aber vielleicht wird doch noch einmal ein richtiger Kriminalfall daraus!" Im Innersten aufgetaut, bestellte er noch einen zweiten Whisky. Dann fing er an, den jungen Polizeibeamten in feine persönlichen Erhebungen einzuweihen. Er erzählte ihm alle, was er über die Person jenes am 20. November im Elisabethkrankhaus verstorbenen Cajus Fuchs in Erfahrung gebracht hatte und beobachtete dabei aufmerksam die Wirkung, die seine Eröffnungen auf den in dieser Sache noch ganz unbefangenen Jensen ausübten. Zu seiner Befriedigung konnte er feststellen, daß auch in dem geweckten Kopf des jungen Beamten sofort der Funke des Mißtrauens zündete. „Da ist etwas faul, Kommissar", sagte er mit gerunzelten Brauen. „Es sollte mich nicht groß wundern, wenn diese beiden Füchse auf irgendeine Weise miteinander identisch wären. Vielleicht ist überhaupt der andere der — Ermordete! Meinen Sie nicht, Kommissar Kling?" Kling hob seufzend die Achseln. „Ich würde es meinen, lieber Jensen — wenn diese Version nicht völlig ausgeschlossen wäre. Denn dieser Cajus Fuchs ist ja tatsächlich gar nicht ermordet worden. Leider — hätte ich beinahe gesagt! Denn dann wäre die Sache voraussichtlich viel einfacher für uns!" Beide verharrten eine Weile in betretenem Schweigen. Jensen kratzte sich versonnen das Kinn. „Und diese Nichte ...?" rückte er endlich zögernd heraus. „Das hübsche Mädchen, das dieser Fuchs bei sich zu Hause hatte — na, wie hieß sie doch gleich? Richtig — dieses Fräulein Hohmann, könnte nicht sie am Ende die geheimnisvolle Person gewesen sein, die Donald Grau zu seinem Bild Modell gestanden hat? In welcher Absicht, ist mir ja vorläufig noch gänzlich schleierhaft. Aber vielleicht doch. — Man erlebt ja oft die merkwürdigsten Sachen." Kling drehte nachdenklich eine Silberkugel aus dem Stanniol- papierj seiner Zigarettenschachtel. „Dhran habe ich auch schon gedacht. Obgleich wieder so vieles dagegen spricht. Aber so viel ist mir heute schon klar: die „Dame mit dem Otterpelz" ist diese Hohmann nicht! Und um diese — und nur um diese unbekannte Dame handelt es sich doch. Darüber besteht nach allem, was geschehen ist, kein Zweifel mehr." Jensen ließ mißvergnügt den Kopf hängen. „Gewiß, Herr Kommissar. Trotz alledem scheint mir diese Hohmann auch kein unwichtiger Faktor in unserem Rechenexempel zu sein. Ich wollte, ich könnte ihre Bekanntschaft machen! Ich schwärme für Rotblond!" Der Kommissar mußte lachen: „Und ich wiederum bin bis zum Platzen gespannt auf Ihre Telephonbekanntschaft, die Sie sich hierher bestellt haben. Sie muß ja jeden Augenblick erscheinen. Allerdings haben Sie die „rote Nelke" als Erinnerungszeichen vergessen. Ein Glück, daß dieses Lokal kein stark frequentierter Stelldicheinplatz zu sein scheint. Sonst kämen Sie in Verlegenheit. Und dann ..." Er bad) mitten im Satz ab und beschattete schnell mit der Hand sein Gesicht. Die Eingangstür hatte sich geöffnet, und soeben betrat eine schlanke, schwarzgekleidete junge Dame die Bar. Allem Anschein nach war sie in Trauer. Aber ihr Gesicht war unverschleiert, und das rotblonde, nebelfeuchte Haar ringelte sich sehr reizvoll unter dem schwarzen Filzhütchen hervor. Sie sah sich suchend im Lokal um, mit einer ruhigen und ungenierten Sicherheit, wie man sie selten bei jungen Mädchen findet. Als sie den anscheinend Gesuchten nicht sah, hängte sie ihren Mantel an den Kleiderständer und setzte sich an ein noch leeres Tischchen in der den beiden Herren unmittelbar gegenüberliegenden Nische. „Das ist sie, Kommissar", raunte Jensen seinem Begleiter zu. „Hübsche Person — alle Achtung!" Aber — was haben Sie denn, Herr Kommissar?" Jetzt erst fiel ihm die angestrengte Pose Klings auf. Er hielt sich mit einer krampfhaften Beflissenheit die Weinkarte vor die Augen und schielte verstohlen dahinter hervor. „Wir müssen machen, daß wir so schnell wie möglich hier fortkommen, Jensen", flüsterte er hastig. Ich gehe voraus und erwarte Sie auf der Straße. Begleichen Sie inzwischen die Zeche. Und kommen Sie ganz ruhig und unauffällig nach!" Während ihm Jensen in den Mantel half, stellte er sich mit dem Rücken gegen die junge Dame, die übrigens keinerlei Notiz von den beiden nahm, sondern seelenruhig die „Nachtausgabe" las. Dann klappte er rasch den Mantelkragen hoch, zog seinen Hut bis aus die Nasenspitze her, unter und verließ das Lokal. Jensen konnte sich sein sonderbares Benehmen gar nicht erklären. Eilt ein paar Minuten später erfuhr er den Grund. Kling nahm ihn draußen auf der Straße beim Arm und überschritt schweigend mit ihm den Fahr- dämm. Auf einmal blieb er stehen und sagte in überzeugendem Ton: „Jetzt, lieber Jensen, haben wir die Brücke zwischen Caspar und Cajiu Fuchs!" Jensen riß erstaunt den Mund auf: „Wieso denn — auf einmal, Herr Kommissar?" „Heil Ihre „Olly", wie Sie sie nennen — niemand anders ist, als das mir bereits bestens bekannte Fräulein Hohmann, die übrigens mit dem Vornamen ebenfalls „Olly" heißt. Wie mir gerade siedendheiß ein- fällt." Er lächelte dem völlig bestürzten jungen Mann fast übermütig ins Ge, sicht. „Ihr Wunsch, die schöne Tizianblonde kennenzulernen, ist rascher hi Erfüllung gegangen, als wir uns haben träumen lassen. Beinahe wie im Zaubermärchen! Hoffen wir, daß die übrigen Lösungen auch so plötzlich aus der Versenkung auftauchen!" Er nahm den Hut ab und ließ sich aufatmend die feuchte Nachtlust über die Stirn streichen. „Aber wenigstens wird es doch, gottlob, in diesem Chaos schon irgend, wo ein bißchen heller! Es wird nun Ihre nächste Aufgabe sein, Jensen, die Standesämter von Berlin nach den Beziehungen dieser beiden Füchs« zu durchstöbern! Und da Sie ja im Aufstöbern von „Beziehungen" sc tüchtig sind" — er kniff ein Auge ein und zwinkerte Jensen vielsagend zu — „so dürfte Ihnen das wohl nicht schwerfallen!" 19. Drei Tage später wurde Caspar Fuchs dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Kommissar Kling hatte sich die Erlaubnis erwirkt, dem Verhör bei« zuwohnen. Und der Richter hatte seinem Vorschlag mit großer Bereitwilligkeit zuaestimmt. Nichts konnte ihm erwünschter sein, als die Assi- K eines Mannes wie Kling, der in alle Einzelheiten des Falles einge- gen war und der Sache ein solch ungewöhnliches Interesse entgegen- brachte. Seit drei Tagen pendelte er auf der Jagd nach Indizien unermüdlich zwischen Stralsund und Berlin hin und her. Bis die Beweiskette geschlossen war und er alle Trümpfe in der Hand hielt, mit denen er Caspar Fuchs überführen zu können glaubte. Alle, bis auf den einen, den er Fuchs im heißen Spiel dieses Verhörs selbst abgewinnen mußte, wenn die Partie nicht für ihn mit einem „Unentschieden" enden sollte. Caspar Fuchs hatte während seiner Untersuchungshaft viel von seiner hochmütigen Sicherheit eingebüßt. Seine Hautfarbe war von einer galligen, ungesunden Blässe. Das kranke Augenlid schien noch tiefer als sonst herabzuhängen. Die ganze linke Gesichtshälfte bekam dadurch eine lauernde und kränkliche Schlaffheit. Und sein Mund war in Trotz und Bosheit verkniffen. Er behielt auch dem Untersuchungsrichter gegenüber seine frühere Taktik bei und verkapselte sich fürs erste in Schweigen. Offenbar beabsichtigte er, durch diese stumme Defensive den Gegner aus seiner Reserve herauszulocken und ihn zum Aufdecken seiner Karten zu bewegen. Denn er schien sich nicht darüber im klaren, was und wieviel man eigentlich von ihm wußte. Und während er mit eingepreßten Lippen an dem Richter vorbei ins Leere starrte, sondierte er im Stillen dessen Vorteile. Erst als auf einen stummen Augenwink des Juristen ganz plötzlich Kommissar Kling das Wort an richtete, zuckte er unwillkürlich zusammen und zielte aus seinem rechten Auge einen mißtrauisch funkelnden Blick nach dem Kommissar. Es war als hätte er auf einmal seinen wahren Gegner erkannt. Langsam lockerten sich seine verkniffenen Lippen, wodurch die Oberzähne freigelegt wurden, und fo bekam seine Physiognomie etroas- tückisch Verkrochenes. Aber Kling ließ sich dadurch nicht beirren. Er hatte, durch die erfolge der letzten Tage bestärkt, sich zu seiner früheren Unerschütterlichkeit: zurückgesunden. Und alle seine Energien waren auf diesen Endspurt konzentriert. Er entschloß sich plötzlich, auf alte Reserven zu verzichten und den Gegner mit Tatsachen anzuspringen. Katt und scharf schnitt seine Stimme in das Schweigen: „Ihr passiver Widerstand wird Ihnen auf die Dauer wenig nützen, Herr Fuchs. Noch vor ein paar Tagen konnten Sie uns damit bluffen. Aber inzwischen sind wir um ein beträchtliches Stück vorwärts gekommen. Wir wissen nämlich heute schon einiges mehr über Ihre Person, Tatsachen, die zu widerlegen Sie wohl kaum imstande fein dürften. Da Sie aber anscheinend Überhaupt nicht zu antworten aufgelegt sind, will ich vorläufig auf Ihre Gegenäußerung verzichten und Ihnen in kurzen Zügen das Ergebnis unserer Erhebungen mitteilen. Also hören Sie zu!" Er warf einen flüchtigen Blick in das Protokoll und lehnte sich bann bequem in seinen Stuhl zurück. „Sie haben, wahrscheinlich im Einverständnis mit Ihrem am 20. November im Elisabethkrankenhaus verstorbenen Stiefbruder Cajus Fuchs, ein wertvolles altes Gemälde „Die Dame mit dem Otterpelz" gefälscht und das Original zurückbehalten. Die Fälschung haben Sie am 18. November dem Besitzer des Bildes, Graf Werdendurg-Kolinsky, der es Ihrem Bruder gegen ein Darlehen von achtzigtausend Mark verpfändet und inzwischen wieder eingelöst hatte, an Stelle des Originals zurückgeschickt. Jedenfalls in der Absicht, das echte Gemälde zu verkaufen. Dieses Gemälde ist bei Ihnen hinter einem Schrank gefunden und von Kunstexperten einwandfrei als das Original von Guarnado erkannt worden. Während das nach Werdenburg gesandte Bild eine zwar mit fabelhaftem Raffinement ausgeführte, aber von allen Sachverständigen einstimmig als Fälschung erklärte Kopie darstellt! An diesen Tatsachen läßt sich auch durch die geschickteste Verteidigung nichts mehr ändern. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: vr. HansThhriot. — Druck und Verlag: Briihl'sche Universitäts-Vuch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen. Der I Bc Ser Jun mscht Dl flirt in t UtnKoi : »ich!! U Ser Diet ! ttl angepui j Kn oietleic bi toftöd im und ( t rt: „Aw T > ien h Str Juni »i. Eine Kiibrn, be N" R S. te, I "?l "'M. » Str Stu •k - al «tat?!* A, sie M ber •mtijam i “■s’jange, u ’iljrel" ^Mnaif R..O Fta.und •ta) und । yNnus M und t gWe- "W w tm, d ** immer’' L X S ? K M,« , °ktd) >Wi .8 ti)Qf