Eichener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang <933 Montag, den 3. April Nummer 26 Oie Zeit geht nicht... Von Gottfried Keller. Die Zeit geht hin, sie stehet still, wir ziehen durch sie hin: sie ist ein' Karawanserei, wir sind die Pilger drin. Es blitzt ein Tropfen Morgentau im Strahl des Sonnenlichts; ein Tag kann eine Perle fein und ein Jahrhundert nichts. Es ist ein weißes Pergament die Zeit, und jeder schreibt mit seinem roten Blut darauf, bis ihn der Strom vertreibt. An dich, du wunderbare Welt, du Schönheit ohne End', auch ich schreib' meinen Liebesbrief auf dieses Pergament. Froh bin ich, daß ich aufgebläht in deinem runden Kranz: zum Dank trüb' ich die Quelle nicht und lobe deinen Glanz. Oer Mittler. Eine Geschichte von A. Schimmel-Falkenau. Sie saßen zu dritt um den runden Tisch, Heinz und Lotte Wrede und Walter Stiasny. Heinz goß die Gläser voll, und Walter Stiasny begann: „Ich bin es euch ja eigentlich schon lange schuldig, aber wenn Heinz hier nicht so ablehnend von der Verwöhnung der Haustiere gesprochen hätte ... nun, jedenfalls ist das der Anlaß, denn bei meiner Geschichte handelt es sich um Mucki, ihr wißt ja, um das ausgestopfte Eichhörnchen auf meinem Schreibtisch. .... n. . - An einem Tage kurz vor Pfingsten sitze ich mit meinem Freunde Hans Wulff, er ist jetzt in Berlin, bei Kißling zum Frühschoppen. Sitzt uns em Mann gegenüber, der sein Bierglas merkwürdigerweise unter seinen Rockrevers schiebt. Da kommt aus der Brusttasche ein kleiner rothaariger Kopf heraus, beugt sich über das Bierglas und trinkt. Das war Mucki. Damals zählte er neun Wochen. Sein Besitzer nahm ihn heraus, setzte ihn auf den Tisch. Mucki trug ein kleines Glöckchen um den Hals, klingelnd sprang er ohne Scheu herum und landete bei niir, sah niich groß an, sprang an mein Jackett und schlüpfte in meine Brusttasche. Ich überlegte nicht lange, Eve war sehr tierlieb, und ich hielt diesen Mucki für ein ganz besonders niedliches Pfingstgeschenk. Für fünfzehn Mark wurde Mucki mein Eigentum. Es sind jetzt acht Jahre her. Ihr könnt euch Eves Überraschung nicht vorstellen, s,e schwankte zwischen Entsetzen und Lachen, zwischen Freude und einer Gardinenpredigt hin und her. Schließlich siegte die Freude, Mucki wurde aufgenommen, und wir lernten beide sehr eifrig die Muckisprache. Bald wußten wir, daß ein Quietschen, ähnlich wie quiu, guiu fernen Iboqjften Zorn ausdrückte, daß ein ganz leises gr, gr, den Gipfel des Wohlbehagens bedeutete, daß ein seltsamer Zischlaut wie psch, psch jähes Erschrecken und Erstaunen war und ein Singen mit dünnen Zischlauten, darin das o stark im Vordergrund stand, aufrichtige Zufriedenheit ausdruckte. Mucki erhielt ein großes, geräumiges Bauer, dessen Tur allerdings immer geöffnet war, er tobte in den Zimmern umher, daß es manchmal um Gläser und leicht fallbare Dinge sehr trübe bestellt war. Er bevorzugte Gardinen als Kletterpartien, die Gard nenstangen «'s Aussichtspunkte, den Teppich als geeigneten Platz für Parterreakrobatik Für Tannenzapfen und unreife ymfeütüffe hatte er eine unglaubliche Boi liebe, von den Brötchen knabberte er gern die Rinde herunter. Und nachts, also in tiefmitternächtiger Stunde, kam er aus feinem Bauer heraus, wir hörten ihn beide über das Dielwerk hupfen, ein Satz, er hatte einen Teil des Bettlakens erwischt, zog sich rasch herauf, sprang in langen Sätzen über die Bettdecke und kam uns begrüßen Am Morgen dann lag er an einem Fußende zusammengerollt und schlief. Er fuhr in mlelner Brusttasche mit an die Ostsee zum Beispiel, fauste mit wilder Hast die Kiefern hinauf und war nur durch stundenlanges Flehen zum Abstieg zu bewegen. Aber er kam wieder herunter! In ganz Ostemothafen hießen wir damals nur 'die Leute mit dem Eichhörnchen'. Ich hätte es mir nicht träumen lassen, daß ich einem höheren Gesetz folgte als nur meiner hinhuschenden Lust, als ich damals Mucki kaufte. Jedenfalls eine Trübung unserer Ehe vertiefte sich, da wir beide von unserer Meinung nicht lassen wollten bis zum Entschluß, daß nur die Scheidung als Ausweg übrigbleibe. Eve ging zu ihren Eltern zurück, ich löste unsere Wohnung auf und mietete mir ein möbliertes Zimmer. Eves Abschied von Mucki war herzbewegend. Und mir dann war Mucki der einzige Trost in diesem entnervenden Alleinsein. Es ist unendlich schwer, ganz allein sich durch solch einen Zusammenbruch hindurchzuarbeiten. Ich habe in jener Zett viel getrunken. Mein Hauptkumpane war Mucki. Er trank jedes Glas an, ich dann den Rest. Wir trösteten uns gegenseitig. Bis wir beide dann genug hatten. Ich vernachlässigte meine Arbeit. Ich war im Begriff zu verlumpen. Und Mucki auch. Ich sah ein, daß dieses Leben der Zweifel und Verzweiflung nicht so weitergehen könne. Ich beschloß, nach Berlin zu gehen, dort neu anzufangen. Mein Chef, der in dieser für mich wirklich schweren Zeit sehr zu mir gehalten hatte, gab mir Empfehlungen mit. Ich packte meinen Koffer und nahm von Mucki Abschied. Ich will davon nicht sprechen. Wir haben beide geheult. Wir tranken noch einen Abschiedsschoppen, zu dem sein neuer Pflegevater eingeladen war. Lauterbach hieß er, ein lieber, anständiger Mensch. Mucki schmeckte das Bier nicht. Er hockte vor mir, die Haselnuß in den Vorderpfoten, und sah mich an. Lauterbach sagte, er wisse ganz genau, daß ich fortgehe. Da haben wir beide leise überlegen in all unserem Schmerze gelächelt. Natürlich wußte Mucki, was jetzt kommen würde. Ja, und dann war ich in Berlin. Schlecht und recht schlug ich mich durch. Es fiel mir sehr bald auf, daß man in Berlin durchaus nicht auf mich gewartet hatte. Aber da trat eine Hanne in mein Leben ein, nahm sich meiner sehr an, sie war eine geschiedene Frau, hatte eine sehr hübsche, ja, geradezu vornehme Wohnung, und ich hätte vielleicht auch ... aber, es war nicht Liebe, es war nur das Gefühl, irgendwo zuhause zu sein. Da kam ein Bries von Lauterbach. Ein Bries über Mucki. Mucki wollte sterben, wollte sterben vor Sehnsucht nach seinem Zuhause, vielleicht gar nach mir. Er fraß nicht mehr, er lag nur still in feinem Bauer, es war natürlich dasselbe, was er bei mir hatte. Und Lauterbach schrieb dazu, daß meine geschiedene Frau sich nach Mucki erkundigt habe, wer weiß, woher sie erfahren hatte, daß Mucki einen Pflegevater bekommen hatte. Und dieser Brief, so nach einem kleinen Vierteljahr Berlin, wühlte alles wieder auf. Ich nach die Photographien von Mucki vor, die Bilder von Eve und hockte in meinem möblierten Zimmer, bis ... nun ja, bis ich telephonierte. Ich sprach mit meinem Chef, ob ich wieder bei ihm arbeiten konnte. Er freute sich, ich sollte nur schnell zurückkommen. Am nächsten Tage fuhr ich ab. Mein erster Weg war zu Lauterbach. Ich schrie ihn fast an: .Gebt er noch!' Lauterbach drückte mir die Hände, führte mich zu Mucki. Ich stand vor seinem Bauer. Er lag vollständig unter alten Strümpfen von mir, in denen er zu schlafen pflegte, verborgen. Da rief ich ihn: .Muckerle, Muck, Muck'. Wie ein Blitz schoß ec hervor, sprang auf das Eingangsbrett und starrte mich groß an. Dann ein Satz, ein Indianertanz auf meiner Schulter, und bann husch, husch in die Brusttasche. Ich hörte ihn darin: ,gr ... gr ... gr...' Ich nahm ihn mir gleich mit. Immer wieder fühlte ich beim Gehen nach der Brust- tasche, fühlte die Wärme des kleinen Körpers durchatmen, drückte ihn etliche Male so heftig, daß er in lustiger Wut aufguietschte. Dann gingen wir zusammen zu unserer früheren Wirtin. Das Zimmer war noch nicht vermietet. Sie freute sich, ich freute mich, und Mucki freute sich. Nur Eve ...? Am nächsten Morgen begrüßte ich meinen Chef. Allmählich tarn ich wieder zu mir. Im Stillen brannte die Unruhe aber, die Unruhe um Eve. Und Mucki war der indirekte Mittler, über ihn ging ich mit meinen Gedanken immer wieder zu Eve. Mucki lebte wieder auf, vielleicht allzu sehr sogar, denn er tobte mit einer wilden Lust durch das Zimmer. Nach vierzehn Tagen fragte Eve an, wie es Mucki gehe, ob sie ihn nicht einmal sehen könne, sie habe solche Sehnsucht nach dem Tierchen. Das war eben Muckis große Rolle in feinem kleinen, kurzen Leben. Eve kam. Ihr Wiedersehen mit Mucki war ergreifend. Obwohl sie doch zwei Jahre von uns getrennt gelebt hatte, erkannte Mucki sie sofort wieder. Als sie dann nach wenigen Minuten ging, fragte sie, ob sie hin und wieder Mucki begrüßen dürfe. Wir machten, Mucki und ich, sehr überlegende Gesichter, obwohl wir im Stillen wie die Kinder aufjubelten und erlaubten es ihr. Zur weiteren Bestätigung, daß wir nichts gegen ihre weiteren Besuche einzuwenden hätten, schlossen wir uns an, da wir einen Schoppen genehmigen wollten. Mucki hatte durstige Augen, und wenn ein Kerl wie Mucki den ganzen Tag über Wasser getrunken hat, dann will er wenigstens abends einen ordentlichen Schluck tun. Dor unserem St. nmkokal blieben wir stehen, Eve zögerte. Da sagte lch: .Wenn du willst, bitte, wir laden dich gern zu einem Glase em, ^"und^dann^saßen wir drei zusammen, wie so ost vor Jahren. Allgewaltig überfiel uns die Erinnerung, überfiel uns die Erkenntnis des fließenden gebens: Menschen zu halten, die beim Gehen ein Stuck von einem selbst mitnehmen würden. Menschen sind nur durum fo oft zerrissen, ^EU sie jene denen sie einen Teil ihres Herzens geben, wieder sortgehen lassen. Und so haben wir drei eben auch über unsere Irrung hinweggesunden. Mucki war der Klügste. Ihm danke ich es, datz meine Frau wieder zu mir zurückfand." Walter Stiasny brach ab. Es klingelte. Das ist Eve", sagte Frau Lotte und stand rasch auf. Es war (Ece; die Tür ging auf, hereintrat eine junge Frau, mit dunklen Augen, frischem Gesicht, sie grüßte den Hausherrn herzlich, dann beugte sie sich zu ihrem Mann herunter und küßte ihn. „Mucki würde eifersüchtig sein", sagte Frau Lotte. Ueberrascht hob Frau Eve den Kopf, ftagend sah sie sich im Kreise um dann blieben ihre Augen an ihrem Manne haften: „Hast du vom Mucki erzählt?" Er nickte und lächelte leise dabei. „Ach unser guter Mucki ... wenn wir ihn nicht gehabt hätten, ^ZBuftcr ? Eine kleine Pause entstand, Heinz hob sein Glas Bowle empor: „Also auf den Mucki ... das muß ja ein Prachtkerl gewesen sein! , War er auch", sagte das Ehepaar Stiasny wie aus einem Munde. Krühjahrs-Regen. Von Hans Leifhelm. Unterm Holzdach hocken. Wenn die Wasser rauschen, wenn die Regenfrauen Murmelnd wandeln durch die nassen Auen, Triefend wehen ihre Wasserlocken — Unterm Holzdach ist es gut zu warten, Einmal wieder wohl Pfeift der Goldpirol Und die Rosen leuchten heiß im Garten. Hör die Tropfen fallen, hör die Tropfen hallen, Rings im Kreise singt das Regenlied, Abwärts geht die Wasserflut mit Schallen, Die die Erde saugend niederzieht, Hier im Regenwebstuhl sitzen wir gefangen, Nässe steht in Fäden steil und schwer, Nässe flackert wie der Einschuß quer. Den die Regenweberschisflein schwangen. Aber müder wehen schon die Strähnen, Aber ferner wird schon der Gesang, Wie ein leises Echo nur zu wähnen. Von des talwärts ziehnden Wassers Gang. Warten noch und lauschen, Letzte Tropfen fallen, leise durch die Ruhe Geht schon wieder Takt der Wanderschuh, Und die regenschweren Wipfel rauschen, Unterm Holzdach warten wir noch gerne. Dampfend liegt das Tal — Da, mit einem Mal Leuchtet hoch am Passe blau die Ferne. An einen jungen Dichter. Von Hermann Hesse. Für Ihren hübschen Brief und die Zusendung Jbrer Gedichte und Erzählungen sage ich Ihnen Dank. Ihr Brief spricht ein Vertrauen aus, das ich leider enttäuschen muh. Auch wenn ich nicht augenleidend und täglich mit einer allzu großen Briespost beladen wäre, mühte ich es enttäuschen. Denn was Sie bei mir suchen, das habe ich nicht zu geben. Sie legen mir Ihre Dichterversuche vor und bitten mich, sie zu lesen und Ihnen nach der Lektüre zu sagen, was ich von Ihrem dichterischen Talent halte. Sie bitten mich um strengstes Urteil und aufrichtige Aussprache, mit Schmeichelei ist Ihnen nicht gedient. Ihre Frage lautet, auf eine einfache Formel gebracht: Bin ich Dichter? Bin ich begabt genug, um das Recht zu haben, Dichtungen zu veröffentlichen und womöglich das Bücherschreiben zu meinem Beruf zu machen? Ich würde nichts lieber tun, als die bündige Frage bündig beantworten. Das ist aber nicht möglich. Ich halte es für vollkommen unmöglich, aus Proben eines Anfängers, den man nicht persönlich sehr genau kennt, irgendwelche Schlüsse aus seine dauernde Eignung zum Dichter zu ziehen. Ob Sie Talent haben, das läht sich schon ersehen, aber Talent ist nichts Seltenes, es wimmelt von Talent in der Welt, und ein junger Mann Ihres Alters und Bildungsgrades müßte geradezu unter normal begabt sein, wenn er nicht fähig märe, annehmbare Gedichte oder Aussätze zu schreiben. Ferner kann ich aus Ihren Arbeiten wahrscheinlich sehen, ob Sie Nietzsche oder Baudelaire gelesen haben, ob der oder jener heutige Dichter auf Sie gewirkt hat: ich kann auch sehen, ob Sie einen schon an Kunst und Natur gebildeten Geschmack besitzen, der jedoch mit der dichterischen Begabung nicht das mindeste zu tun hat. Günstigenfalls (und das würde sehr für Ihre Verse sprechen) kann ich auch Spuren Ihres Erlebens entdecken und versuchen, mir ein Bild Ihres Charakters zu machen. Mehr ist nicht möglich, und wer Ihnen verspricht, aus Ihren Anfängerarbeiten Ihr literarisches Talent oder Ihre Hoffnungen auf eine Dichterlaufbahn zu taxieren, der ist ein recht oberflächlicher Mann, wenn nicht ein Schwindler. Sehen Sie; es ist nicht eben schwer, nach der Lektüre des Faust Goethe für einen bedeutenden Dichter zu erklären. Man könnte aber sehr wohl aus Goethes Anfängerjahren, und auch noch aus feinen späteren, ein Heft Gedichte zusammenstellen, aus denen niemand etwas anderes zu schließen fände, als daß der junge Autor seinen Gellert und andere Vorbilder brav gelesen und daß er Geschick im Reimen habe. Es ist also selbst bei den größten Dichtern die Handschrift ftüher Versuche keineswegs immer schon wirklich originell und überzeugend. In Schillers Iugend- gedichten kann man ganz erstaunliche Entgleisungen, und in denen von C. F. Meyer oft geradezu Talentlosigkeit ftnden. Nein, es ist nichts mit dem Beurteilen junger Talente, das Ihnen so einfach scheint. Wenn ich Sie selbst nicht genau kenne, so weiß ick ja nicht, auf welcher Stufe Ihrer Entwicklung Sie stehen. Ihre Gedichte können Unreifes enthalten, über das Sie selbst schon in sechs Monaten lächeln werden. Es kann aber auch fein, daß günstige Umstände in Ihnen ein gewisses Talent gerade jetzt zur Blüte gebracht haben, das aber keiner Entwicklung fähig ist. Es kann sein, daß die Gedichte, die sie mir da schicken, die besten sind, die Sie in Ihrem ganzen Leben zu schreiben fähig sind, es können aber auch die schlechtesten fein. Es gibt Begabungen, die im Alter von Zwanzig oder Fünfundzwanzig auf ihrer Höhe stehen und dann rasch welken, und andere, die erst nach dem dreißigsten Jahr, oft noch später erst zum Bewußtsein kommen. Als ob Sie vielleicht in fünf oder zehn Jahren ein Dichter fein werden, das hängt gar nicht von den Verfen ab, die Sie heute machen. Die Sache hat aber noch eine andere Seite, die wir einen Augenblick betrachten sollten. Warum denn wollen Sie ein Dichter werden? Wenn es aus Ehrgeiz und Ruhmsucht geschieht, dann haben Sie Ihr Feld schlecht gewählt: der Deutsche von heute macht sich aus Dichtern nicht übermäßig viel und kommt ohne sie aus Ebenso steht es mit dem Geldverdienen: wenn Sie der berühmteste Dichter Deutschlands würden (vom Theater allerdings sehe ich habet ab), so würden Sie neben jedem Direktor ober Verwaltungsratsmitglied einer Strumpf- ober Nähnadelfabrik immer nach ein armer Schlucker bleiben. Ader vielleicht haben Sie das Ideal, ein Dichter zu werden, darum in sich grohwerden lassen, weil Sie unter einem Dichter einen original gebliebenen, im Herzen reinen, empfänglichen und frommen Menschen verstehen, einen Mann mit zarten Sinnen und geläutertem Gefühlsleben, einen Menschen, der Ehrfurcht hat, und der ein beseeltes, irgendwie geadeltes Leden zu sichren sich sehnt. Vielleicht sehen Sie im Dichter den Gegenpol zum Geldmenschen, zum Gewaltmenschen. Vielleicht streben Sie nach Dichtertum nicht um der Verse oder des Ruhmes willen, sondern weil Sie ahnen, daß der Dichter nur scheinbar eine gewisse Freiheit und Isolierung genießt, in Wirklichkeit ober in hohem Grade verantwortlich sein und sich opfern muh, wenn sein Dichtertum nicht eine Maskerade sein soll. Wenn es so ist, bann sind Sie mit Ihren Versen allerdings auf dem richtigen Weg. Dann aber ist es auch ganz einerlei, ob mit der Zeit aus Ihnen ein Dichter wird ober nicht. Denn jene hohe Eigenschaften, Ausgaben unb Ziele, bie Sie bem Dichter zuschreiben, jene Treue gegen sich selbst, jene Ehrfurcht vor ber Natur, jene Bereitschaft zu ungewöhnlicher Hingabe an eine Aufgabe und jene Verantwortlichkeit, bie nie mit sich zufrieben ist unb gerne einen gelungenen Satz, einen wohlgebauten Vers mit schlaflosen Nächten bezahlt — alle jene Xugenben (wenn mir sie schon so nennen wollen) finb keineswegs nur Merkmale des echten Dichters. Sie sind Merkmale des echten Menschen schlechthin, des nicht versklavten, nicht mechanisierten Menschen, des ehrfürchtigen und verantwortlichen Menschen, einerlei welches fein Berus sei. Wenn Sie nun bas Ideal dieses Menschenbildes haben, wenn nicht Schneid unb Erfolg, Geld und Macht Ihnen als Ziele oorschweden, sondern ein in sich gegründetes, von außen nicht beirrbares Leben, bann sind Sie zwar noch kein Dichter, aber Sie sind bann des Dichters Bruder, Sie sind ihm artähnlich. Und bann hat es auch einen tiefen Sinn, baß Sie dichten. Denn das Dichten, zumal das jugendliche Dichten, hat nicht bloß jene eine, soziale Funktion: schöne Kunstwerke in die Welt zu setzen unb durch sie bie Menschen zu erfreuen, ober zu ermahnen — sondern das Dichten selbst kann auch, völlig unabhängig vom Wert unb etwaigen Erfolg ber babei entstehenden Gedichte, einen unersetzlichen Wert für den Dichter bedeuten. In früheren Zeitaltern gehörte bas Dichten als etwas Selbstverständliches mit zum Werbeprozeß einer jungen Persönlichkeit. Auf bem Wege des Dichtens nicht bloß Sprachübungen zu treiben, sondern sich selbst tiefer unb schärfer kennen zu lernen, den Entwicklungsweg der Individuation weiter und höher zu treiben als er beim Durchschnitt der Menschen gelingt, durch das Niederschreiben einmaliger, ganz und gar persönlicher Seelenerlebnisse die eigenen Kräfte und Gefahren besser zu sehen, bester zu beuten — bas ist ber Sinn, ben bas Dichten zunächst für ben jungen Dichter hat, lange bevor bie Frage gestellt werden darf, ob nun seine Gedichte etwa auch für die Mitwelt einen Wert bedeuten. Das Wort „Persönlichkeit" gilt heute nicht mehr unbedingt als ein Ideal, wie es das etwa zu Goethes Zeiten war. Aber es hat sich z. B. schon in ganz kurzer Frist in Deutschland gezeigt, wie ganze lebenswichtige Funktionen des Volkskörpers notleiden und in tödliche Krisen geraten, wenn es an jener Energie, Verantwortlichkeit unb inneren Reinheit gebricht, bie nur ber hochgesinnte Einzelne aufbringt. Lasten Sie sich von Ihren Kameraden ruhig ein wenig wegen Ihrer Dichterei verspotten. Sie hilft Ihnen vielleicht, ein Stück weiter zu reifen und eine etwas höhere Stufe von Menschentum zu erreichen, als ber Menge möglich ist. Vielleicht werben Sie nach einer Weile ganz von selbst bas Dichten entbehrlich finden — nicht aber um mit den Durchschnittsidealen einen faulen Frieden zu schließen, sondern um auf andern Gebieten sich jene edlere, wertvollere, beseeltere Art von Leben'zu erobern, zu der Sie sich berufen fühlen. Geheimnisse des Meeresgrundes. Ein neuartiges Unterwasser-Fahrzeug. Von Dr. Helmut ThomasiuS. Bei der Erforschung des Meeresgrundes ergeben sich eine Menge ungelöster Fragen. Sie liegen teilweise auf wissenschaftlichem Gebiet, teilweise auf wirtschaftlichem, hat doch eine Ausbeutung dessen, was es da drunten zu holen gibt, in nennenswertem Maße überhaupt noch nicht stattgcfunden. Was wir an Muscheln, Schwämmen, Perlen und aus den Wracks gesunkener Schiffe zutage fördern, kommt durchweg aus nur geringen Tiefen und meist aus nächster Nähe der Küste. Zweifellos ließe sich viel mehr und vielleicht manches gewinnen, was uns dis Oberfläche des Festlandes nicht bietet, wenn es gelänge, in größere Tiefen hinabzukommen und den Boden des Meeres regelrecht zu durchforschen. An Versuchen hierzu hat cs nicht gefehlt. Wenn wir sie überblicken, ergibt sich eine große Mannigfaltigkeit. Die Taucherapparate und die dazu gehörigen Anzüge wurden immer weiter vervollkommnet. Mancherlei Einrichtungen entstanden, um das unterseeische Betätigungsfeld des Tauchers zu erweitern. Ganze Aufenthaltsräume für Menschen wurden aus den Meeresgrund versenkt. In weiten, von den Schiffen herab- gelassenen Rohren wurden Treppen zu ihnen hinab geführt. Um möglichst große Tiefen zu erreichen, sind sogar eigens sehr starkwandige Hohlkugeln aus Stahl hergestellt worden, die auch einem beträchtlichen Wasserdruck standhalten, ohne zerquetscht zu werden. In ihnen fanden die Beobachter Platz, die durch dickwandige Fenster hindurch die Umgebung photographierten. Bei den meisten für Arbeiten oder Forschungen unter der Meeresoberfläche gebauten Einrichtungen fehlt aber entweder die leichte Beweglichkeit oder es lassen sich damit keine allzu großen Tiefen erreichen. Es ergibt sich also nur ein begrenzter Wirkungskreis. Der Gedanke, sich in beträchtlicher Tiefe frei und in ähnlicher Weise wie auf der Erdoberfläche bewegen zu können, hat viel des Anziehenden an sich, läßt sich aber nur schwer in die Tat umsetzen. Immerhin ist nunmehr der Versuch gemacht worden, ein Fahrzeug zu bauen, das die gewünschte und ersehnte Bewegungsfreiheit gewährleistet. Wenn man allerdings sagen soll, zu welcher Gattung von Verkehrsmitteln dieses Fahrzeug gehört, kommt man in einige Verlegenheit. Es ist Schiff, Unterseeboot und Auto zugleich, zeigt aber auch Merkmale des Flugzeugs. Jedenfalls gewährt es, wie die Erprobungen bereits erwiesen haben, den Vorteil, daß man damit sowohl auf der Wasseroberfläche, wie untergetaucht im Wasser, wie endlich auf dem Meeresboden dahinfahren kann. In seinem Aeußeren gleicht das Fahrzeug einem Kraftwagen, auf den man oben ein Schiffsdeck aufgesetzt hat. Auf dem Schiffsdeck befinden sich zwei Türme, durch die die Besatzung ins Innere hineinsteigt und die gleichzeitig als Ausguck dienen. Zu diesem Zweck ist an ihnen eine Anzahl von kleinen runden Fenstern aus starkwandigem Glas angebracht. Die Einrichtungen zum Untertauchen, sowie auch viele sonstige Einzelheiten entsprechen im allgemeinen denen der Unterseeboote. Das Tauchen erfolgt durch Aufnahme von Wasserballast in besondere Tanks. Wenn das Boot wieder emporsteigen soll, wird dieser Ballast herausgedrückt. Eine Schiffsschraube dient zur Fortbewegung im Wasser, wobei es gleichgültig ist, ob diese auf der Oberfläche oder unter ihr stattsindet. Ob das Boot schwimmt oder schwebt, in beiden Fällen kann es verankert werden. Um seinen jeweiligen Standort zu kennzeichnen, ist an Deck eine Boje angebracht, die, während es untergetaucht ist, emporgelassen wird und aus dem Wasser schwimmt. Auch die Fortbewegung auf dem Meeresboden erfolgt unter Verwendung der Schiffsschraube. Das eigenartige Auto-Unterseeboot besitzt zwei Paar verschiedene Räder. Das eine Paar, das auf einer gemeinsamen Achse sitzt, ist auf den Radkränzen mit Querleisten ausgestattet. Sie dienen zur Fahrt auf hartem Boden. Das andere Radpaar mit sehr breiten Radkränzen hindert das Einsinken in weichen Moder. Der Anttieb der Schraube erfolgt auf elektrischem Wege, es ist Vor- und Rückwärtsbewegung vorgesehen. Die Lenkung vollzieht sich in ähnlicher Weise wie bei allen Kraftwagen. Da- Boot ist sieben Meter lang, zwei Meter breit und vermag fünf Mann Besatzung auszunehmen. Außen besinden sich an ihm verschiedene Vorrichtungen, die von innen her in Bewegung gesetzt werden. Mit ihnen ist es möglich, Gesteinsproben oder Pflanzen vom Meeresgründe loszureißen ober den Inhalt gesunkener Schiffe aus den schiffsrümpfen herauszuheben. Eine dieser Vorrichtungen ist ein starker Kran, an dem ein Schaufelbagger hängt. Ferner sind mehrere wagerecht liegende Schiffsschrauben angebracht, die bei ihren Umdrehungen heftige Wasserwirbel erzeugen, wodurch der Sand von Gegenständen weggewaschen wird, die er bedeckte und die man bloßlegen will. Auch Fanggeräte für «zische sind vorhanden. In der Schiffswandung sitzen sehr starke Scheinwerfer, die ihre Lichtstrahlen weit hinaussenden. Sie erleuchten nicht nur die Umgebung, sondern geben auch genügend Helligkeit, um Photographien von ihr aufzunehmen. _, £ , ,, . . Bei den Probefahrten hat man das Fahrzeug vorsichtshalber durch eine lange Kette mit einem Schiff verbunden, zu dem auch Leitungen der verschiedensten Art, darunter Fernsprechverbindungen, hinauffuhrten. Ein Schleppen an dieser Kette fand jedoch nicht statt. Das Fahrzeug bewegte sich vollkommen selbständig, teils schwimmend im Waßer^ teils fahrend auf dem Meeresboden. Das Schiff folgte nur hinterher. Sofern weiterhin alles klappt, wird die Verbindung mit ihm gelöst werden unb es werden vollständig freie Fahrten beginnen. Es sei noch erwähnt, datz bereits Tiefen von fast 200 Meter erreicht wurden. Wenn sich die in dieses Fahrzeug gesetzten Hoffnungen erfüllen, wird vielleicht bald eine gründlichere Erforschung und Ausbeutung des Meeresgrundes einsetzen, als sie bisher möglich war. So widersinnig es klingt, man wird vielleicht in absehbarer Zeit in bescheidenem Umfang von einem „unterseeischen Autoverkehr" sprechen können. Freilich ist es tut einen solchen mit dein Fahrzeug allein nicht getan, herrscht doch von einer bestimmten Tiefe an schwärzeste Finsternis. Der Technik erwachst damit die 2(ufgabe, Einrichtungen zu schaffen, die auch in großer Entfernung von der Meeresoberfläche noch genügende Helligkeit geben, um ungestört zu arbeiten, sowie zu photographieren und wenn möglich sogar lebende Bilder von schnell sich bewegenden Tieren aufzunehmen. Während man bei verschiedenen Hebungsversuchen, die neuerdings in Tiefen von etwa siebzig Metern durchgesührt wurden, Gruppen von Lampen zu je 1000 Watt benutzte und dabei meist mit zwei derartigen Lampen auskam, deren Licht durch Hohlspiegel auf die Arbeitsstätte geworfen wurde, wird ein neues Tauchunternehmen, dessen Ziel die Hebung der „ßufitania" ist, mit viel stärkeren Beleuchtungseinrichtungen ausgerüstet. Es wird dabei nötig (ein, auf etwa achtzig Meter Tiefe herabzugehen. Zur Erhellung des Meeresgrundes wird eine Batterie von 25 Lampen zu je 5000 Watt an den Ort der Arbeit versenkt. Allerdings ist beabsichtigt, auch Filme aufzunehmen, die den Fortgang der Hebungsversuche zeigen. Erwähnt sei noch, daß auch das neue Untersee- boot-Auto, dessen Einrichtung wir eben geschildert haben, eine Lampe von 5000 Watt mit sich führt. Mit diesen Lichtstärken wird man voraussichtlich bis zu den tiefsten Tiefen hinab aus kommen, die jemals erreicht werden. Schwärzer als schwarz gibt es bekanntlich nicht. Wenn einmal der höchste Grad von Finsternis herrscht, der auch bei größerer Tiefe nicht mehr zunimmt, sind weitere Bemühungen unnötig. Die Lampe, die hier hell genug strahlt, wird auch weiterhin genügen. Deshalb erscheint die Behauptung gerechtfertigt, daß auch die Frage der Beleuchtung in großen Meerestiefen nunmehr als gelöst betrachtet werden kann. Auf der Universität. Novelle von Theodor Storm. tFortietzung.) Ader die Mitte des Sees lockte mich; unmerklich wandte ich den Schlitten, und immer größer wurde der Raum, der uns vom Ufer trennte. Schon konnte ich beim Zurückblicken nur noch kaum das Blinken des Schilfs unterscheiden; geheimnisvoll dehnte sich die dunkle Spiegelfläche bis zum andern weit entfernten Ufer, kaum erkennbar, ob eine feste, tragende Eisdecke ober nur ein regungsloses, trügliches Gewässer. Endlich war die Mitte erreicht. Jede Spur eines menschlichen Fußes hatte aufgehört; wie verloren schwebte der Schlitten über der schwarzen Tiefe. Keine Pflanze streckte ihr Blatt hinauf an die dünne, kristallene Decke; denn der See soll hier ins Bodenlose gehen. Nur mitunter war es mir, als husche es dunkel unter uns dahin.--War bas vielleicht der Sargfisch, der in den untersten Gründen dieses Wassers hausen soll, der nur heraussteigt, wenn der See sein Opfer haben will? — „Wenn es wäre", dachte ich, „wenn es bräche!" Unb meine Augen suchten die dunkeln Hüllen zu durchbringen, in denen ich die liebliche Gestalt verborgen wußte.-- Wieder hatte ich den Schlitten gewandt und fuhr jetzt grabeaus, mich immer in der Mitte hallend. Vor uns, dort, wo der See feine Ufer zu einem schmalen Strom zusammendrängt, war in der Ferne schon die Brücke zu erkennen; wie ein Schatten stand sie in der grauen Luft. „Mach' zurück, Barthell Es wird kalt!" sagte Lore. Ich achtete nicht darauf. „Mag sie sich umblicken!" dachte ich und schob nur um so rascher vorwärts. Ich wartete jetzt fast mit Ungeduld darauf. Aber sie schien ihre Mahnung schon vergessen zu haben; denn sie senkte schweigend den Kopf und wickelte sich fester in ihren Mantel. — Unb weiter flog der Schlitten. Mitunter war mir, als spürte ich unter uns eine leise Wellenbewegung, als hebe und senke sich die dünne Kristalldecke unter der über sie hinfliegenden Last; aber ich hatte keine Furcht, ich wußte, was man dem jungfräulichen Eise bieten darf. Der kurze Winternachmittag war indessen fast zu Ende gegangen; schon lag der Sonnenball glühend am Rande des Horizonts. Es wurde kalt, bas'(Eis tönte. Und jetzt, in stetem Wachsen, lief ein donnerndes Krachen von einem Ufer zum andern über den Ungeheuern, immer dunkler werdenden Eisspiegel. Lore warf sich zurück und stieß einen lauten Schrei aus. „Erschrick nicht!" sagte ich leise, „es hat nicht Not, es kommt nur von der Abendluft." Sie wandte sich um und starrte mich wie verwirrt an. „Du! rief sie, „was willst du hier?" „So mach' doch nicht so böse Augen!" sagte ich und suchte ihre Hand zu fassen. Sie entriß sie mir. „Wo ist Barthel? „Er ist zurückgeblieben; ich habe dich über den See gefahren." Sie richtete sich auf. „Laß mich hinaus!" rief sie, indem ihr die Tränen aus den Äugen (prangen. Ich härte nicht auf sie; ich wandte nur den Schlitten nach der Stadt zurück. „Lore", fagte ich, „was habe ich dir getan?" Aber sie stieß mich mit der kleinen, geballten Faust vor die Brust. „Geh doch zu deinen seinen Damen! Ich will nichts mit euch zu Um haben, mit dir nicht, mit keinem von euch!" Es war wie Wut, was mich überfiel. Ich faßte sie mit beiden Armen und drückte sie hart auf den Sitz nieder. „Du bist ruhig, Sore", sagte ich, unb die Stimme bebte mir, „oder ich "wende noch einmal den Schlitten, und ich sahre dich in die Nacht hinaus, unter der Brücke durch, soweit der Strom ins Land hinaus reicht; mir gleich, ob es hält ober bricht!" Sie hatte währenddessen, saft als beachte sie meine Worte nicht, seitwärts über den See geblickt; aber sie blieb sitzen und ließ sich ruhig von mir fahren. Nur fiel es mir auf, daß sie bald darauf wiederholt und wie verstohlen nach öerfelben Selle blickte. Als auch ich den Kopf dahm wandte, sah ich einen Schlittschuhläufer in nicht gar weiter Ferne auf uns zustreben. Er mutzte bemertt Haden, was soeben vorgesallen; denn er strengte sich augenscheinlich an, uns zu erreichen. . Und schon hatte ich ihn erkannt; es war Christoph, mein alter Spielkamerad, der große Feind der Lateiner. Ich wußte auch wohl, was fetzt devorstand; es galt nur noch, wer von uns der schnellste fei. Nur zu!" sagte Lore, indem sie ihr Pelzkäppchen zurückschob, daß ihr schwarzes Haar sichtbar wurde. „Er kriegt dich doch!" Ich konnte nicht antworten; schneller als je zuvor trieb ich den öd)lit= ten vorwärts; aber ich keuchte, und ineine Kräfte, von der langen Fahri geschwächt, begannen nachzulassen. Immer näher horte ich den Versolger hinter mir; rastlos und schweigend war er uns auf den Fersen; dann plölllich hörte ich dicht an meiner Seite seine Schlittschuhe scharf im Eise hemmen und eine schwere Hand fiel neben der meinen auf die Lehne des Schlittens. „Halpart, Philipp!" rief er, indem er mit der andern an meine Brust griff. Ich rin seine Hand los und stieß den Schlitten fort, daß er weit vor uns hinfloq. Aber in demselben Augenblick erhielt ich einen Faust,chlag und stürzte rücklings mit dem Hinterkopfe auf das Eis. Nur undeutlich hörte ich noch das Fortschurren des Schlittens; dann verlor rch die Besinnung. Ich blieb indes nicht lange in dieser Lage. Wie ich später von ihm hörte, hatte Christoph bald darauf sich nach mir umgesehen und war, da er mich nicht nachkommen sah, auf den Platz unseres Kampfes zuruck- qekehrt. Nicht ohne große Bestürzung hatten dann beide, nachdem Lore ausgestiegen, mich in den Schlitten gehoben. — Mir (61^1 tam nur ein dunkles Gefühl von alledem; es war wie Traumwachen. Mitunter verstand ich einzelne Worte ihres Gesprächs. „Behalt' doch deinen Mantel, Lore!" hörte ich Christoph sagen. — „O nein; ich brauch' ihn nicht; ich laufe ja." — Und zugleich fühlte ich, daß etwas Warmes auf mich niedersank. Der Schlitten bewegte sich langsam vorwärts. Dann kam es wieder wie Dämmerung über mich; immer aber war es mir, als ginge ein leises Weinen neben mir her. Zum völligen Bewußtsein erwachte ich erst in der Wohnstube und aus dem Sosa des Wassermüllers, der hart am Ufer des Mühlenteichs wohnte. Lore hatte mit ihrer Mutter, die mittlerweile auch herausgekommen war, nach Hause gehen müssen; Christoph aber war zurückgeblieben und hatte sich aus den Rat der Mllllersfrau damit beschäftigt, mir nasse Umschläge auf den Kopf zu legen. Als ich die Augen aufschlug, saß er neben mir aus dem Stuhl, eine irdene Schüssel mit Wasser zwischen den Knieen. Er wollte eben das Leintuch erneuern; aber er zog jetzt die Hand zurück und fragte schüchtern: „Darf ich dir helfen, Philipp?" Ich setzte mich aufrecht und suchte meine Gedanken zu sammeln; der Kopf schmerzte mich. „Nein", sagte ich dann, „ich brauche deine Hilfe nicht." „Soll ich jemanden für dich aus der Stadt holen? „Geh nur; ich werde schon allein nach Hous kommen." Christoph stand zögernd auf und setzte die Schüssel auf den Tisch. Bald darauf knarrte die Stubentür; er hatte die Klinke in der Hand; aber er ging nicht fort. Als ich mich umwandte, sah ich die Augen meines alten Kameraden mit dem Ausdruck der ehrlichsten Traurigkeit auf mich gerichtet. Nur eine Sekunde noch war ich unschlüssig. „Christoph", sagte ich, indem ich aufstand und ihm die Hand entgegenstreckte, „wenn du Zeit hast, so bleibe noch ein wenig bei mir; du kannst mir deinen Arm geben; wir gehen dann zusammen in die Stadt." Wie ein Blitz der Freude fuhr es über sein Gesicht. Er ergriff meine Hand und schlltselte sie. „Es war ein schändlicher Stoß, Philipp!" sagte er. Eine halbe Stunde später, da es schon völlig finster war, wanderten wir langsam nach der Stadt zurück. * Aber die Sache ging nicht so leicht vorüber. Ich konnte am solgenden Morgen das Bett nicht verlassen und mußte meinen Eltern gestehen, daß ich einen schweren Fall auf dem Eise getan habe. Am Abend des folgenden Tages, da ich schon fast wieder hergestellt war, setzte meine Mutter ein Federkästchen von poliertem Zuckerkistenholz vor mir auf den Tisch. „Der Christoph Werner hat es gebracht", sagte sie; „er habe es selbst für dich gearbeitet." Ich nahm dgs Kästchen in die Hand. Es war zierlich gemacht, sogar aus dem Deckel mit einer kleinen Bildschnitzerei versehen. „Er hat sich auch nach deinem Befinden erkundigt", fuhr meine Mutter fort; „habt ihr denn draußen eure alte Freundschaft wieder neu besiegelt?" „Besiegelt, Mutter? — Wie Inan's nehmen will", sagte ich lächelnd. Und nun ließ die gute Frau nicht nach, bis ich, von manchen Fragen und zärtlichen Vorwürfen unterbrochen, ihr mein ganzes kleines Abenteuer gebeichtet hatte. — Aber es wurde, wie sie gesagt; der Lateiner und der Tischlerlehrling erneuerten ihre Kameradschaft; und zweimal wöchentlich zur bestimmten Stunde ging ich von nun an regelmäßig in die Werkstatt des alten Tischlers Werner, um unter der Anleitung des geschickten Mannes wenigstens die Ansangsgründe seines Handwerks zu erlernen. . 3m Schloßgarten. Das ist die Drossel, die da schlügt, Der Frühling, der mein Herz bewegt, Ich fühle, die sich hold bezeigen, Die Geister aus der Erde steigen; Das Leben fließet wie ein Traum, Mir ist wie Blume, Blatt und Baum. Es war Frühling geworden. Die Nachtigall zwar verkündigte ihn nicht; denn, wenn auch mitunter eine sich zu uns verflog, die Nordwestwinde unserer Küste hatten sie bald wieder hinweggeweht; aber die Drossel schlug in den B^umgängen des alten Schloßgartens, der im Schutze der Stadt, in t>em Winkel zweier Straßen lag. Dem Haupteinaange gegenüber auf einem Rasenplatz hinter den Gärten der großen Marktstraße war seit gestern ein Karussell aufgeschlagen; denn es war nicht nur ^ruhling, cs war auch Jahrmarkt, eine ganze Woche lang. Die Leierkastenmünner waren eingezogen und vor allem die Harfenmädchen; die Schüler mit ihren roten Mützen streiften Arm in Arm zwischen den aufgefchlagenen Marktbuden umher, um womöglich einen Blick aus jungen Augen zu erhaschen, die zu gewöhnlichen Zeiten bei uns nicht zu finden waren. — Daß während des Jahrmarktes die Gelehrtenschule, wie alle anderen, Ferien machte, verstand sich von selbst. — Ich hatte das vollste Gefühl dieser Feiertage, zumal ich seit kurzem Primaner war und infolgedessen neben meiner roten Mütze einen schwarzen Schnürenrock nach eigener Erfindung trug. Brauchte ich nun doch auch nicht mehr wie sonst abends an dem Treppeneingange des erleuchteten Ratskellers stehenzubleiben, wo sich allzeit das schönste, luftigste Gesindel bei Musik und Tanz zusammenfand; ich konnte, wenn ich ja wollte, nun selbst einmal hinabgehen und mich mit einem jener fremdartigen Mädchen im Tanze wiegen, ohne daß irgend jemand groß danach gefragt hätte. — Aber grade zu solchen Zeiten liebte ich es mitunter, allein ins Feld hinaus zu streifen und in dem sichern Gefühl, daß sie da seien und daß ich sie zu jeder Stunde wieder erreichen könne, alle diese Herrlichkeiten für eine Zeitlang hinter mir zu lassen. So geschah es auch heute. Unter der Beihilfe meines Vaters, der ein leidlicher (Entomologe1 2 war, hatte ich vor einigen Jahren eine Schmetterlingssammlung angelegt und bisher mit Eifer fortgeführt. Ich war nach Tische auf mein Zimmer gegangen und stand vor dem einen Glaskasten, deren schon drei dort an der Wand hingen. Die Nachmittagssonne schimmerte so verlockend auf den blauen Flügeln der Argusfalter, aus dem Sammetbraun des Trauermantels; mich überkam die Lust, einmal wieder einen Streifzug nach dem noch immer vergebens van mir gesuchten Brombeerfalter zu unternehmen. Denn dieses schöne, olivenbraune Som- mervögelchen, welches die stillen Waldwiesen liebt und gern auf sonnigen Gesträuchen ruht, war in unserer baumlosen Gegend eine Seltenheit. — Ich nahm meinen Ketscher- vom Nagel; dann ging ich hinab und ließ mir von meiner Mutter ein Weißbrötchen in die Tasche stecken und meisie Feldflasche mit Wein und Wasser füllen. So ausgerüstet schritt ich bald über den Karussellplatz nach dem Schloßgarten, dessen Baumgänge schon von jungem Laube beschattet waren, und von dort weiter durch die dem Haupteingange gegenüberliegende Pforte ins freie Feld hinaus. Es hatte die Nacht zuvor geregnet, die Luft war lau und klar; ich sah drüben am Rande des Horizonts auf der hohen ®eeft3 die Mühle ihre Flügel drehen. Eine kurze Strecke führte noch der Weg an der Außenseite des Schloßgartens entlang; dann wanderte ich aufs Geratewohl auf Feldwegen oder Fußsteigen, welche quer über die Aecker führen, in die sonnige, schattenlose Landschaft hinaus. Nur selten, soweit das Auge reichte, stand aus den Sand- und Steinwällen, womit die Grundstücke umgeben sind, ein wilder Rosenstrauch oder ein anderes dürftiges Gebüsch; aber hier, wo in der Morgenfrühe die rauhen Seewinde ungehindert überhin fahren, waren nur kaum die ersten Blätter noch entfaltet. Ich schlenderte behaglich weiter; mehr die Augen in die Ferne als nach dem gerichtet, was etwa neben mir am Wege zwischen Gräsern und rotblühenden Nesseln gaukeln mochte. So war, ohne daß ich es merkte, der halbe Nachmittag dahin. Ich hörte es von der Stadt her vier schlagen, als ich mich an dem Ufer des Mühlenteichs ins Gras warf und mein bescheidenes Vesperbrot verzehrte. Eine angenehme Kühle wehte von dem Wasserspiegel auf mich zu, der groß und dunkel zu meinen Füßen lag. — Dort in der Mitte, wo jetzt über der Tiefe die kleinen Wellen trieben, mußte der Schlitten gestanden haben, als Lore ihren Mantel über mich legte. Ich blickte eine ganze Weile nach dem jetzt unerreichbaren Punkte, den meine Augen in dem Fluten des Wassers nur mit Mühe festzuhalten vermochten.-- Aber ich wollte ja den Brombeerfalter fangen! Hier, wo es weit umher kein Gebüsch, kein stilles, vor dem Winde geschütztes Fleckchen gab, war er nicht zu finden. Ich entsann mich eines andern Ortes, an dem ich vor Jahren unter der Anführung eines älteren Jungen einmal Vogeleier gesucht hatte. Dort waren Koppel an Koppel die Wälle mit Hagedorn und Nußgebüsch bewachsen gewesen; an den Bornen hatten wir hie und da eine Hummel aufgespießt gesunden, wie dies nach der Naturgeschichte von den Neuntötern geschehen sollte; bald hatten wir auch die Vögel selbst aus den Zäunen fliegen sehen und ihre Nester mit den braun- gesprenkelten Eiern zwischen dem dichten Laub entdeckt. Dort in dem heimlichen Schutz dieser Hecken war vielleicht auch das Reich des kleinen, seltenen Sommervogels! Das „Sietland" hatte der Junge jene Gegend genannt, was wohl soviel wie Niederung bedeuten mochte. Aber wo war das Sietland? — Ich wußte nur, daß wir in derselben Richtung, wie ich heute, zur Stadt hinausgegangen waren und daß es unweit der großen Heide gelegen, welche etwa eine Meile weit von der Stadt beginnt. Nach einigem Besinnen nahm ich mein Fanggerät vom Boden und machte mich wieder auf die Wanderung. Durch einen Hohlweg in den sich das Ufer hier zusammendrängt, gelangte ich auf eine Höhe, von der ich die vor mir liegende Ebene weithin Übersehen konnte; aber ich sah nichts als Feld an Feld die kahlen, ebenmäßigen Sandwalle, auf denen die herbe Frühlingsfonne flimmerte. Endlich, dort in der Richtung nach einem Häuschen, wie sie am Rande der Heide zu stehen pflegen, glaubte ich etwas wie Gebüsch zu entdecken. — Es war mindestens noch eine halbe Stunde bis dahin, aber ich hatte heute Lust zum Wandern und schritt rüstig darauf los. Hie und da flog ein gelber Zitronenfalter ober ein Kreßweißling über meinen Weg, ober eine graue Leineule kletterte an einem ©rasftengel; von einem Brombeerfalter aber war keine Spur. (Fortsetzung folgt.) 1 Jnsektenforscher. 2 Beutelförmiges Netz zum Schmetterlingfangen. 3 Die erhöhten, sandigen Strecken der Küstenlandschaft. ^verantwortlich: vr. HansThyriot. — Druck unbBerlag:Brühl'fcheUniverfitäts-Duch» undSteindruckerei, N. Lange, Gießen.