SietzenerAmilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger 3jj}rgongJ955 Freitag, den 5.5 druar Nummer Winternacht, Von Nikolaus Lenau. Bor Kälte ist die Luft erstarrt. Es kracht der Schnee von meinen Tritten, Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart; Nur fort, nur immer fort geschritten! Wie feierllch die Gegend schweigt! Der Mond bescheint die alten Fichte», Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt, Den Zweig zurück zur Erde richten. Frost, friere mir ins Herz hinein, Tief in das heißbewegte, wilde! Daß einmal Ruh mag drinnen sein, Wie hier im nächtlichen Gefilde! Oer Büffel. Ein« Erzählung von Johannes B. Jensen. (Nachdruck verboten.) Der große dänische Schriftsteller Johannes 33. Jensen, dessen Werke auch ins Deutsche übertragen sind, feierte dieser Tage seinen 60. Geburtstag. Elof Mänson stammte aus Westgotland und war Comboy in Texas. Unter seinen Kameraden wurde er ,,der Monsun" (the Monsoon) genannt, wahrscheinlich hatte irgendein Kollege, der Seemann gewesen war oder Witz hatte, oder gar nicht wußte, was er sagte, dieses Wort einst von seinem Namen abgeleitet. Aber es paßte gut zu ihm. Er wehte heftig, aber immer aus verschiedenen Windrichtungen. In seiner Jugend war Mänson wie so viele andere „Schweden" über Meer gezogen, um einst zur Heimat zurückzukehren. Das war sein ausdrückliches Vorhaben, wohlgemerkt aber mit dem Zusatz, daß er, der arm wie ein Steinzeitmensch in die Welt zog, möglichst mit allen Schätzen Kaliforniens beladen in sein Heimatdorf zurückkehren wolle. Es erging ihm wie so vielen anderen, er wurde genau das, was man in Amerika mit gemischtem Respekt unter einem „Swede“ versteht, ein ausgezeichneter Arbeiter, aber unbeständig. Im Grunde machte sein Schicksal ihn nicht sonderlich bemerkbar zwischen den anderen Cowboys und Schweden, deren Leben meistens sinnlos und malerisch zu verlausen pflegt; einmal aber ereignete sich doch etwas Besonderes, das ihn über das gewöhnliche Niveau emporhob und auf häßliche Weife bloßlegte, was die Natur mit ihm vorhatte: das war damals, als er den Bisonstier sing. Einige Hirten, die Streiszllge nach fortgelaufenem Bieh gemacht hatten, kamen aus einer entlegenen und wilden Berggegend hoch oben bei den Rocky Mountains zurück und berichteten, daß sie einen mächtigen alten Bisonftier gesehen hätten, der ganz allein oben in den Bergen wandere. Nun ist der Büffel, mit Ausnahme einer kleinen Schar im Nellowstone-Park, in ganz Amerika total ausgerottet, deshalb erweckte es nicht wenig Alrffehen, daß ein alter Stier, wahrscheinlich der letzte einer versprengten, vergessenen Schar, noch wie in den alten, großen Jndianerzeiten frei umherging. Die Cowboys sprachen davon an den Stationen, und dadurch kam das Gerücht in die Zeitungen, und bald verlautete es, daß ein reicher Mann in Kansas City demjenigen 5000 Dollars geboten hätte, der das Tier lebend zur Ltadt bringen würde. Das mar viel Geld. Kuhhirten, Jäger und Leute, die sich auch nur des allcrgewöhnlichsten Verstandes zu rühmen vermochten, lachten höhnisch, wenn sie am Schenktifch standen und das Gespräch auf den Stier kam — wollte der Millionär in Kansas City sich über sie lustig machen? Den iEilier aufzufuchen und niederfchießen, das war an sich ein Stück Arbeit, den Körper zu frachten, war eine Unmöglichkeit. Aber den otier lebend zu. holen — Blödsinn eines Stadtmenschen! „Der Monsun" holte ihn. Sobald der Schwede von dein Angebot des Millionärs gehört hatte, war es ihn» klar, daß das eine Chance für^ihn sei; bares Geld mit einem Schlage, das war der gerade Weg nach «chweden! Und nachdem er sich volle Gewißheit von der Echtheit des Angebots verschafft hatte, nahm der Monsun sich Urlaub von seiner Ranch und begab sich allein in die Berge hinaus. Die Expedition nahm mit der Hinreise und dem Einsangen bes Stieres alles in allem einen Monat in Anspruch, und in dieser Zeit ertrug er größere Entbehrungen und Ueberanstrengungen, als sich beschreiben läßt; vielleicht war er der einzige Mensch, der Kräfte genug hatte, dieses Vorhaben auszubehalten und Halsstarrigkeit genug, «» durchzuführen. Man hatte ihn und den Stier fast vergessen, al» er eine» Tages auf einer Station in der Nähe von Fort Worth erschien, mager wie eine Egge und fast von Verstand vor Strapazen und Mangel an Schlaf. Er mietete einen Wagen und Mannschaft und holte den Stier, der einige Meilen von der Station gebunden lag. Wie in aller Welt war die Sache nur zugegangen? Ja, die Einzelheiten der Geschichte wurden nie recht aufgeklärt, denn der Monsun war kein Mann von vielen Worten. Wenn er mal was erzählte, so geschah es mit einer Knappheit, die ihm fedoch selbst vollständig erschöpfend schien, so auch in diesem Fall, wo er sich mit der Erklärung begnügte, daß er die Bestie also gefangen habe, di« Figura zeigte. I got bim. Das war seine ganze Beschreibung. Die anderen Hirten aber, Kenner, die das Resultat sahen, starrten den Schweden kopfschüttelnd an und konnten nichts weiter äußern als die leisen Laute, die sich von selbst aus der Kehle drängen, wenn man tief ergriffen dem Außergewöhnlichen gegenübersteht. „Der Monsun" hatte nur Augen für die 5000 Dollars gehabt, mit ihrem Ausblick auf Schweden, das wie eine Vision im Hintergrund erschien und ihn vor Energie toll machte. Trotzdem darf man aber wohl den Versuch machen, sich in die Einzelheiten der herkulischen Tat des Schweden hineinzudenken. Zuerst hatte er den Stier ausgesucht, was kein Ferienausflug war. Selbst nach der genauesten Beschreibung der Hirten, die den Stier gesehen hatten, war seine Auffindung noch genau so schwierig wie das Suchen nach einem Taschenmesser in einem Heuschober, Nachdem er den Stier gefunden, hatte er ihn „ge—roped“, ihm den Lasso um die Hörner geworfen, und nun stand er vor der unmöglichen Aufgabe, das gigantische wilde Tier viele Tagereisen von den Bergen zur nächsten Station zu leiten. Er hatte es hier nicht mit einem Stück Vieh zu tun, das trotz feines halbwilden Zustandes den Lasso kennt und Respekt davor hat, und das trotzdem sowohl dem Hirten wie dem Pferd noch genug zu schaffen machen kann: er hatte es mit einem alten wütenden Büffel zu tun, der niemals di« Nähe eines Menschen und Eingriffe in sein Selbstbestimmungsrecht geschmeckt hatte, es war der König der Ochsen in höchsteigener Person, den er mit einer Schlinge um die Hörner zur gefälligen Gefolgschaft eingeladen hatte, es war seine Majestät der große Büffel, auf dessen Rücken sich die Stärke und der Galopp von zehntausend Generationen zu einem Buckel ausgetürmt hatten, so daß er sich wahrhaftig selbst an Große überragte. Mit ihm hatte der Schwede eine gewisse spannende Verbindung etabliert indem er ein unzerreißbares Tau zwischen dem Sattelknopf des Pferdes und dem Horn des Stieres befestigt«. Der Schwede ritt ein zähes Pferd, einen unermüdlichen Gaul, aus Sehnen und Feuerstein gemacht, und diese beiden, die sich zu einem vielgliedrigen Springwesen vereinigten, von dem verstrickende Fangleinen ausgingen, begannen also den großen Einsamen zu ärgern. Man konnte sehen, wie der behaart« Vater Buffalo, der König der Ochsen, sich drohend vor dem Reiter zum Sprunge duckte und mit dem Maul auf dem Erdboden dem schußähnlichen Schnauben Luft machte, das besagen sollte: jetzt komme ich. Und dann beginnt das Duell. Bald ist es König Buffalo, der in sehr gekränkter Majestät in donnerndem Galopp und mit Gebrüll wie Bombenkrachen hinter Mann und Pferd herjagt, bald ist es der sprühend« Mustang, der die Erde mit den Hufen zerreißt, und der stumme Reiter, die zusammen den Stier verfolgen und jagen, oder an dem schneidenden Tau zerren — auf keiner Seite wird Pardon gegeben — aber wie es auch zugeht, der unermüdliche Teufel auf dem Pserderücken versteht es, den Büffel stets in diejenige Richtung zu narren, in die er ihn haben will. Es vergehen Tage und Gott weiß wie viele Meilen, wo König Buffalo in mörderischer Einfalt den Reiter aus seinem Reich hmaus- zujaqen meint, immer hinter ihm her, und statt dessen ist der netter auf dem Pferde nur darauf bedacht, so schnell zu reiten, daß der Lasso einigermaßen gestreckt bleibt, während sie sich in gerader Linie den bewohnten Gegenden nähern, wohln er den Stier locken will. Zu aride reu Zeiten, wenn es dem Stier dehagt, seine königliche Unverletzlichkeit beiseite zu setzen, und nur wie ein geplagtes und verzweifeltes Tier durch Flucht einen'Abstand zwifckzen sich und seinen Plagegeist zu legen versucht, richtet der Reiter es auch so ein, daß die Flucht den Bussel gerade wegs zu Zivilisation und Gefangenschaft, statt in das Versteck der Urnatur führt. Des Nachts gibt er dem Büffel die Freiheit, notabene nut einem schweren Stein an der Seine, die um die Vorderbeine verwickelt ist und er selbst schläft auf der Erde in einer Decke am Feuer, wo er den ewigen Speck mit Bohnen geröstet hat, während der Mustang in der Dunkelheit Dornenbüsche kaut. , , .... . Tags darauf weiter. Neue Scheingefechte. Reue majestätische Mordversuche von selten des Büffels und neuer Rückzug des Reiters über Hals uicd Kopf, was abermals einige Meilen näher zum Ziele fuhrt. Da reißt der Lasso, und der Stier geht seines Weges, duckt sich in einem getrosten Galopp heimwärts, und der Reiter muß hinter ihm her, tagelang, bis er von neuem den Zauberring gebrochen hat, den Kraft und Schnelligkeit um den Stier legt, und er Ihn von neuem an der Leine hat. Und dann l das Verlorene wieder eingewinnen. Und weiter. Und die Nahrungsmittel werden knapp, und er mutz sich aus karge Rationen setzen, oft kein Trinkwasser und des Nachts friert es, und die Kraft des Pferdes geht zu Ende, obgleich man meinen sollte, daß er das unsterbliche Hollenpferd reitet, mit einer Flamme aus dem Hals« und mit Gelenken, die Funken sprühen — ja, und dann kommt wirklich der Tag, an dem er die Station sehen kann! Ihm ist, als seien Jahrhunderte vergangen, seit er auszog, um die Jagd zu beginnen, und so ist es auch, denn er hat den ganzen Weg zurückgelegt, aus den der Mensch in seinem siegreichen Kamps gegen das Tier und die Natur zurückblicken kannl Der Büfselstier konnte die Station aber auch sehen! Und damit sagte er stopp! Keinen Schritt weiter — nein, er dankte vielmals. „Der Monsun" quälte sich einen Tag lang mit ihm ab, aber er wollte sich weder narren noch vorwärtstreiben lassen. Da band der Schwede ihn, ritt in einem letzten teutonischen Rasen um ihn herum, hatzerfüllt wegen all der Mühe, die seine Wildheit und Stupidität ihn gekostet hatte, und er spann ihil so vollständig in seine Lederriemen ein, daß er umfiel und sich nicht von der Stelle zu rühren vermochte. Und dann fort nach einem Wagen und Menschen zum -elfen. Sie mußten an Ort unb Stelle einen Kran bauen, um das gebundene Tier aus den Blockwagen zu heben. . Und als sie spät abends mit dem Stier zur Station kamen, wo er mit der Eisenbahn weitergeschafst werden sollte, kam ein Mann mit einer Blendlaterne heraus, um den Stier zu betrachten, und in dem Augenblick, als das Licht ihm in die Augen fiel, streckte er sich mit einer ungeheuren, krampfartigen Anspannung, sprengte die Verschnürung und war tot. War das nicht seltsam? „ , . Da aber lachte der Schwede. Es war das erste Mal, daß >emand ihn lachen sah. Es kleidete ihn nicht. Und jedesmal, wenn er später die Geschichte erzählte, die in seinem Munde sehr kurz wurde, lachte er reichlich, und etwas wie das Zittern eines alten Mannes überfiel seine Glieder. Westgotland hat er nie wiedergesehen. Sonne und Sand. Fahrt durch die Uavajowüste. Von Josef Ponten. Am Morgen brechen wir aus, als die Sonne schon hoch am Himmel steht. Es ist wider die Regel des Lebens und Reifens in diesen heißen Ländern. Hier besteht die vierundzwanzigstündige natürliche Zeiteinheit aus zwei Tagen und zwei Nächten, jede von sechs Stunden Dauer, d. h. es gibt eine Jtacht mitten im Tage. Vom Mittag bis in den Nachmittag verschwindet alles menschliche und tierische Leben. Wie einen Sommerschlaf, so gibt es in diesen Ländern auch einen Mittagsschlas der Pflanzen und alles Organischen. Der Reisend« muß also um drei Uhr in der Nacht ausstehen und sich auf den Weg machen und um elf Uhr vormittags zur ersten Ruhe gehen. Schatten gibt es freilich nirgendwo, so weit das Auge blickt — nun, der im Kraftwagen Reisende (große Reisen im offenen Wagen zu machen ist unmöglich, man sieht denn in Amerika das Phaethon auch so gut wie nicht), hat ein Dach über dem Kopfe. Wir haben im trading post noch herrliche Navajoteppiche gekauft und Zeit und Geld vertan — ich dränge zur Abfahrt. Fünfundsechzig Meilen, hundert Kilometer, haben wir heute vor uns, es ist nicht viel, aber der Weg ist Wüstenpsad, und es ist fraglich, ob wir dieses kleine Stück Ent- fernung bewältigen werden. In Staub und Sonnenglast, zwischen roten und gelben Bergen geht die Fahrt in neue Einsamkeit. Ein alter, höchst würdig aussehender Indianer zu Pserde, auf dem Kopfe eine Pelzmütze und vor den Augen eine goldene Brille, begegnet uns. Maschine und Rotz schnauben einander an. „Yata hail Yata!“ (Guten Morgen!) Gruß und Gegengruß in Navajo — dann liegt der Chaeo Canyon mit seinem einsamen Leben hinter uns. Wir haben die Nase des Wagens in eine steile, aufwärtsführende, wüste Trockenfchlucht gerichtet, das schwer beladene Gefährt singt auf dem halsbrecherischen, unbefestigten Felsenpsade, als wollte es sich wie ein Wolgaschlepper durch Singen bei der Arbeit Kraft zulegen, es bewältigt die Ausgabe, und wir kommen aus die weite Hochebene, in die der Chaeo Canyon eingeschnitten ist. Doch knapp vor dem Ende der Steigung, in der Wurzel der Schlucht wohnte ein Indianer. Dichtes Pflanzengrün um das Lehmhaus herum verriet das Dasein einer Quelle. Hundert Stimmen von Tieren ließen sich hören. Aber in der Hütte war kein Mensch, die Einwohner waren wohl fortgegangen mit den Muttertieren, man trennt offenbar frühzeitig Alt- und Jungtier« der Herden. Auch der Webstuhl an der äußeren Hüttenwand ruhte. (Oder sollten etwa die Einwohner geflohen fein und sich in der Miniaturoase versteckt halten? Wir wollten es nicht glauben.) Die kleinen Haustiere, Lämmchen und Zicklein, hielten sich im Schatten der Sträucher und schrien kläglich nach den Müttern. Einige Tiere waren noch blutig, sie konnten kaum auf den Beinen stehen und hungrig saugten sie sich an den Gewändern der Frau an, als röchen sie das weibliche Menschenwesen und wären bereit, es für das mütterliche Tierwefen zu nehmen. Ein kräftiges Zicklein wollte um jeden Preis mit der Frau in den Wagen steigen, wir mußten das Tier an einem Fettholzftrauch feftdinden. Großes Gejammer gleich einem vielstimmigen klagenden Aufschluchzen aus Tiermund begleitet das An- [djnurren der Maschine 'Auf der Höhe der Eben« der alte Blick: Wüste, Halbwüste, Steppe. Nichts, gar nichts von Leben. Ein paar gelbe, weihe, rote unb schwarze Berge in allen Farben. Sie sind deutlich zu sehen und mögen doch stundenweit entfernt fein. Hinter einigen Kreosotbüschen verbergen sich eiligst vor uns zwei junge indianische Hirtinnen. Auf der Streck« der nächsten Meilen sehen wir seitab zwei Hogans, einen Hund sehen wir, aber Menschen nicht. Geier in der Lust. Präriedogs (Präriehund«) wimmeln umher. Eine kleine Eule (burrowing owl, Grubenente, weil sie in den Höhlen der dogs wohnt), sitzt auf einem Block, sie läßt uns nahe heranfahren und macht immerzu Verbeugungen Das Tier der Wüst«, das selten einen Menschen sieht, Ist vertraut. Schöne große Wachteln, rostrot der Rücken, graublau bk Federn und ein reizendes Häubchen auf dem Kopfe, laufen über die Spur, der wir nachfahren. Einer der Bogel scheint uns von Block zu Block zu locken: Taktik, das feindliche Wesen von dem tiefgebauten Nest wegzuleiten. Der Weg ist sehr schlecht, es heißt immer spurfahr«n. Ungeheuere Weiten tun sich auf. Dies ist gewiß ein uralter Indianerpfad der Wüste. Man entdeckt auf einem Block ein altes mystisches Zeichen. Freiweidende Pferde, die zu irgendeinem versteckten Hof gehören. In der Ferne steht ein Sandsturm auf, die Ferne verschleiert sich mit Staub. Glücklicherweise verliert der Sandsturm sich, er scheint in sich selbst zufammengestürzt zu sein. Da ist es im leichtgewellten Land vor uns, als läge Nebel über einem Flusse. Aber als wir näher kommen, sehen wir das gewaltig breite Bett eines Trockenflusses, in der Regenzeit mag er dem Kolorado pflichtig fein. Der Sand schimmert vor Weiße. Noch aus der Nähe sieht er wie frischer Schnee aus. Die Spur quert das Bett, also müssen wir hindurch. Die Frau unb unser dritter Mann, ein Deutscher, dem wir Gastfreundschaft im Wagen gewähren, gehen voraus, sowohl um den Wagen zu erleichtern wie um nach einer Furt zu suchen. Ich sahre den Wagen zurück, um eine Anlaufstrecke zu gewinnen. Solange ich die beiden im tiefen Sande waten sehe, bleibe ich stehen, das Maschinenroß sozusagen am Zügel haltend. Jetzt sehe ich, daß sie festen Grund gewannen — ich roag’s: zweiter Gang unb hinein! Aber bald schon stecke ich fest. Erster Gang, unb „Schiebt! Schiebt!" Die Maschine arbeitet schwer, hinten wird kräftig geschoben (eine Einbeulung blieb davon im Blech). Ab unb zu fällt einer von den Schiebenden auf die Nase in den Sand. Die Maschine rast. Die Räder laufen im Leeren. Plötzlich aber entgleitet der Wagen den Schiebenden, er hat Fahrt, und ich rase kreuz- und querfahrend nach schnellem Augenurteil und Entschluß fort und zwischen den Sandwellen hin und her (der Wagen soll einem Kahn im Wassertumult ähnlich gesehen haben) solange, dis ich festen Grund unter den Rädern fühl«. Erst nach einer halben Meile Sandwatrns finden sich bi« Fußgänger roieber ein. Wir finb alle heiß, müde und durstig. Aber bas Wasser ber Feldflasche kriegt die Maschine zu sausen. Ich gieße es in den Schlund des Kühlers, bann rieche ich wenigstens in ben kühlen Flaschenbauch hinein. Unb nun Meilen um Meilen die gleiche, graue Menschen- unb lebensleere Halbwüste unb dieselben verlorenen Unendlichkeiten. Hinten im Wagen schläst man schon, ich selbst am Steuer kann kaum noch die überblendeten Augen offenhalten — ich gebe es auf. Der Wagen steht. Es ist Wüstenmittagnacht. Wie der Wagen ftillsteht unb kein von der Fahrt erregter Luftzug mehr hinburchgeht, ist er eine Glutkammer. Das Dach ist vielfältig g'eriffen. Die Sonne steht hier, nahe dem Wendekreise unb im Frühjahr, fast senkrecht über unserem Kopfe. Nirgendwo Schatten im Lande, wir selbst werfen kaum Schatten. Wir kriechen unter ben Wagen. Die Frau darf unter bem Trittbrett liegen. Das heiß gewordene Del unb Fett tropft nieder. Wir schlafen in der Stille der Welt. Im Himmelsraum rast unhörbar ber Üichtsturm. Aber schon nach zwei Stunden muh ich wieder ben lästigen Mahner machen. Wir finb ohne Nahrung unb namentlich ohne Wasser, ben Zielort sollten wir doch noch heule erreichen. Im ewig öden Einerlei von Himmel und Erde schieben wir uns langsam auf unserer Spur weiter. Die Artemisia, die wir aus den Wolgasteppen kennen, steht grau auf unübersehbaren Breiten. Wir sehen den Weg, den Feldweg, die Wagenspuren — sechs Meilen (wir haben di« Entfernung am Zähler gemessen) im gewellten Gelände schnurgrade oorauslaufen, bann, auf jenem Hügelkopfe angekommen, sehen wir einen neuen Horizont mit schnurgradem Pfad sich uns eröffnen. Pfade kreuzen — kreuzend« sind nicht gefährlich. Aber es gibt auch Gabelpfade, unb fchon beschleicht uns wieder bas Gefühl des Berirrtfeins. Die ?nne steigt am Himmelsbogen abwärts. Schließlich finden wir einen indian trading post, ben ein Indianer führt. Wir essen, trinken unb rasten. Ein Weißer kommt aus der Unendlichkeit dahergeritten, zwei Ersatzpferbe hinter sich herführend. Er verheißt uns „pretty good road“. Hoffnungsvoll fahren mir ab und fallen bald in Enttäuschung über den „recht guten Weg". Wüste und Steppe — bare Flächen, Artemisia, Iucea und Kaktus. Flache Wellen des Geländes. Ein helles graues und grünes, vollständig nacktes Gebirge aus ab» gewaschenen und in der Sonne gehärteten Mergeln erscheint rechts vor uns und verschwindet rechts hinter uns. Pfeilgerade läuft der Weg unb verliert sich in neuen Bodenwellen. Als die Sonne schon tief steht, werden di« Wellen kräftiger, die Boden- geftaltung wird energischer, «in Flutzwesen kündet sich durch Wurzelbildung in der Landschaft an. Noch find die Würzelchen zart und flach, bald aber kann man die Mulden schon Gerinne und zuletzt gar Täler nennen, ihre Zahl vermindert sich mit kräftiger werdender Formung, und schon sehen wir in ber Ferne einen Rand ber Hochebene, über die wir fahren, erscheinen unb barüber einen neuen Canyon sich auftun. Es muß ber San-Iuan-River im Flußreiche des Kolorado fein. Bald können wir auch in eine Oase hineinfchauen. Aber da erhebt sich noch schnell, anscheinend ohne jede Veranlassung unb unmittelbar vor uns, ein Sanbfturm, er überfällt uns mit Machtz deckt uns zu, unb wir sitzen in einer hohen Sandwehe fest. So heillos fest, daß wir sürchten, hier angesichts des Dafentales liegen bleiben zu müssen. Wir überlegen, wer ins Tal gehen soll, um Menschen- und Maschinenhilse zu holen. Aber erst noch neue Versuche! Die Räder drehen sich in den Sandgruben. Der Sand ist von der Reibung heiß. Es beginnt nach Gummi zu stinken. Den schweißtriefend am Wagen Arbeitenden schneidet eil kalter, scharfer Sandsturm vom Westen in Gesicht und Hände. Vergebensl Schließlich d«r schwere Entschluß: alles Gepäck ausladen! Die sorgfältig und mit Kunst drinnen und draußen v/rftauten, auch mit Riemen aus den Trittbrettern festgeschnallten zweiundzwanzig Gepäckstücke einer Mehrmonatfahrt von drei Personen werben eins nach bem anberen herausgeholt, ine kleineren verschwinden bald im aufwehenden Sande. Der Wagen ist erleichtert. Ich wünscht« nur, mich in einen Geist ver- tranbeln und am Steuer gewichtlos zu werden. Ein neuer Versuchl Mir l opst das Herz, wenn unter mir der Wagen bald fährt, bald gleitet, Wittert, oder, was das Schlimmste ist, im Leeren läuft — aber mit t»rkelndem Wagen nach festem Grund suchend — es gelingt! Eine Strecke ti-egab steht das Fahrzeug auf dem Harten! Das Gepäck wird Stück für ö-tück nachgetragen. Ein Stück kann im Sande nicht mehr gefunden »erden und must verloren gegeben werden. lieber herrliche, doch scharfe Kurven fallen wir erlöst in das Sanjuan-Tal und kommen in das Städtchen Farmington... Oer japanische Bolkscharakier. Don Professor Dr. Karl Haushofer*. Will man völkerpsychologische Grundzüge neben Rassen- t erkmalen verfolgen, so erkennt man unter einer scheinbar vollkommenen ! affeneinfjeit, ähnlich wie in England, so auch hier, die Fugen der •luftigen Zusammensetzung und hat zunächst z» unterscheiden: was ist i-sprungliche Art der einzelnen Rassenzweige und was ist bewußter lchliff und Firnis, zum Teil in gewollter Gegenarbeit zur Bekämpfung ktannter Temperamentfehler anerzogen? Ungestümer Freiheitsdrang, „viriler Adel" find oftgerühmte Eigen- liaften des Malaien vorwiegend beherrschte, aber manchmal dämonisch «sbrechende Leidenschaft, nachtragende Gesinnung, zäh das Ziel verfügende Rachsucht finben sich sowohl bei Malaien wie bei Paläoasiaten, le beide in der Jnselrasse vertreten sind. Wenn sich dazu noch hoch- slhrende Züge des chinesischen Charakters gesellen, entschiedener geisti- ! r Hochmut unter höflicher Form, streng beherrschtes, die Ausbrüche lmg zurückhaltendes Zeremoniell, so tragen alle diese summierten Eigen- t mlichkeiten nicht dazu bei, eine solche Volkspersönlichkeit leicht durch- haubar, bequem im Umgang, kurz „gemütlich " zu machen. Oft wird dem jnpaner gerade seine Feinfühligkeit, seine Achtung vor der persönlichen lAmosphäre des anderen, seine übersteigerte Höflichkeit und Form — ts zu jenem Gipfel der Selbsterziehung, dem berühmten japanischen kücheln — als Falschheit und Heimtücke gedeutet, während es sicher bei h chwertigen Menschen die Selbstüberwindung einer höchst verfeinerten kZelenkultur, freilich bei starker Verschlossenheit, bekundet. Aber es ist ticn vielfach eine Ueberroinbung ursprünglicher, starker und leidenschaft- liijer Triebe, die Verdrängungen schafft: und durch die scheinbare Be- sh'eidenheit wird tatsächlich unbändiger Stolz verschleiert. In mancher Hinsicht scheint der ganze ferne Osten demokratischer im fefügc als irgendeines der freiheitlichsten Länder im Westen; aber da- hnter steht das Erbe einer sozialaristokratischen Vergangenheit, ein aus= zjsprochen selektiver Zug. Grausamkeit und Abstumpfung gegen fremdes C iben, aber auch klagloses Ertragen bes eigenen, ist ein allen Mischungs- h len der japanischen Rasse gemeinsamer unb beshalb auch natürlich in ifr selbst besonbers hervorstechender Zug. Sowohl Malaien als Paläo- a aten kennen die schon erwähnten Stuporzustänbe, bie noch durch Autosuggestion unb medizinische Hilfsmittel gesteigert werden können, u b von benen Hellseherei und Amoklaufen bekannte Exzesse sind. Rück- stztslose Tapferkeit unb unbegrenzte Opferfähigkeit für die Gesamtheit hingen mit dieser Gleichgültigkeit gegen individuelle Leiden und der A-ringschätzung der Einzelpersönlichkeit zusammen. Feiner Naturflnn und bas Bebürfnis eines innigen Zusammenlebens nut der Natur sind über den Gesamtbereich der ostasiatischen Inselbogen verbreitet, wie auch die altangestammte Seetüchtigkeit der Malaien, Ver- diutheit mit dem Meer, aber auch mit dem Gebirge, die Fähigkeit des k-chzurechtfinbens mit einer üppigen Pflanzenwelt. Die Ablehnung ber Nebelung in der Ebene, besonders in der Hochebene, die Abneigung gigen weiträumige Kulturen, gegen dauernden Aufenthalt im Hoch'anb uib im nordischen Klima verraten den Südseeinstinkt ber feeroanbernben iDcataien. Der Bambus als Wanderpflanze ist von ihnen unzertrennlich uib ebenso kennzeichnen!! wie für den Paläoasiaten ber geschälte Weiden- |t- eig, das Inao, das noch heute in Japan vielfach in Sitte und Aberglauben spukt. Im Gegensatz zu diesen Instinkt-Erbschaften ist wohl der starke Fa- nnienfinn und die Verehrung des Alters durch chinesische Vorbilder li ordert worden, während die warme Liebe zu Kindern ursprüngliche ll.lage scheint, aber durch diesen Familiensinn noch stark gesteigert Diirbe. Seltsam ist, wie völlig die auf den Liukiu-Inseln noch nachweisbaren Züge des alten Mutterrechts, einer vorherrschenden Stellung te- Frau in der Familie, feit langem verschwunden sind. Japan ist einer !r ausgesprochensten Männer st aaten ber Erde, so ausgesprochen, An es vielleicht nur die alten griechischen Stadtrepubliken gewesen sind. De Frau ist bis zum 19. Jahrhundert in ihrer Eigenart und Persönlichkeit vollständig dem Staatszweck geopfert worden. Ihr blieb nur die kmhl zwischen ber Rolle ber Okusama, des „verehrten Inneren (bes ijnifes)", d. h. ber völlig auf dieses Haus beschränkten Haushälterin und Sutter, und der Geisha oder Hetäre, als solche allerdings mit nicht je ingem Einfluß auf politisches und kulturelles Dasein. Also fanden sie ii:t nur in dieser letzten Eigenschaft als Geisha die Möglichkeit, ihr ticsnes Leben zu führen und, wenn auch indirekt, über den Familien- !rins hinaus zu wirken. Von einer Frauenfrage in unserem Sinn ist erst !ki dem jetzt lebenden Geschlecht bie Bebe; diese Frage wird freilich irmer akuter werden, je mehr die von moderner Bildung beeinflußten Mdchen nach der Verheiratung unter der von ber alten Sitte aus-