Nummer 42 Freitag, den 2. Juni Jahrgang 4933 Pfingsten. Bon Maria Kahle, GDS. Me die Drosseln in den dunklen Tannen rusenl Aller Frühling will so hold mich locken. Sehnend schwillt es durch die Abendtäler, Alles Blut will mir im Herzen stocken. Herz, du solltest wie der Weißdorn quellen. Blütenüberschwellend selig prangen, Herz, du solltest wie der Ginster leuchten, Von der Sonnenschönheit goldumhangenl Herz, du solltest wie die hellen Wiesen Weit dich auftun vor dem Licht und Wehen, Herz, du solltest wie die schlanke Birke Demutinnig unter Schauern stehen! Wie die Drosseln in den dunklen Tannen rufen! Wie von Wald zu Wald die Stimmen schwingen! Laß mich blühen, Weißdorn, goldner Ginster, Laß mein Herz im Blütenrausch zerspringen! „Wen Gottes Geist beseelt.. Von Dr. Johannes Günther. „Schmückt das Fest mit Maien, lasset Blumen streuen, zündet Opfer an!* So beginnt ein Lied, das im evangelischen Gesangbuch steht und seit zweihundert Jahren von fröhlichen Christen gesungen wird. Es ist eigentlich ein schöner Mut, ein geistliches Lied so beginnen zu lassen. Ein Mut zur Erkenntnis, zur Sprengung aller Schranken spricht aus dem Liedanfang, wenn man ihn mit Bewußtsein singt. Maien! Blumen, Opfer! Hier hat man „Heidentum" nicht mit Stumpf und Stiel ausgeroitet, sondern seine gesunden Triebe und sogar seine starken Sinnbilder in Ehren beibehalten. Wenn man die Birken, die „Maibäume", vor die Häuser oder in die Stuben stellt oder auf die Dorfplätze stellt, mit frohen Bändern putzt und umtanzt, dann will man mit diesen schmucken, schlanken Bäumen den herrlich erwiesenen Sieg der warmen fruchtbringenden Jahreszeit über den Winter feiern; blumengeschmückt halten Männer und Weiber und Kinder und das liebe Vieh feierlichen Umzug durch Gassen und Feldwege, freuen sich dessen, daß sie so „künstlich und fein bereitet* finb (— von wem? Ja, das schlägt unmittelbar und begeisternd heftig Flamme des Heidentums in Flammen des Christentums über, hier wagt es das Christentum, „ja" zu sagen zu Starkem, Altem, Kreaturhaftem, ohne seine Stellung zu verlassen, ohne feine Ueberzeugung zu verleugnen!) Und: „Zündet Opfer an!*: in manchen Gegenden Deutschlands, in Steiermark und auch in Norwegen, läßt man noch die Pfingstfeuer brennen: diese alten Zeichen der Lauterkeit, vor denen alles Gespenstergezucht das Werden und Wachsen verderben will, flieht. Und ein besseres, heiligeres Bild als das Feuer kannten ja auch die ersten Christen nicht, als sie das überwältigende Erlebnis der Gottergriffenheit Mitteilen wollten. In ihrem Sinne also, uralte Gebräuche hebend, adelnd, fährt der Liederdichter, wenn er begonnen hat, „schmückt das Fest mit Maien, lasset Blumen streuen, zündet Opfer an*, fort: „Dazu der Geist der Gnaden Hat sich eingeladen, Machet ihm die Bahn. Nehmt ihn ein, so wird sein Schein Euch mit Licht und Heil erfüllen Und den Kummer stillen!" Fröhliche, durchlichtet« Menschen überwinden alle kümmerliche Muckerei, sie sind Brüder gewissermaßen des Michael Schirmer, der den Dreißigjährigen Krieg von Anfang bis zum Ende durchkosten mußte und dennoch sein herrliches Jubellied „O heil'ger Geist, kehr bei uns ein , dichten konnte, Brüder Luthers, der „den heiligen Geist um den rechten Glauben allermeist" bat und unter den Geistesgaben zweierlei verstand: die starke Einigkeit der Liebe und die Unoerzagtheit („daß wir nicht fürchten Spott noch Tod"). Liebende Menschen und beharrliche Menschen müssen von Gott ergriffen sein — sonst könnten sie die oft unerhört schwierigen Folgerungen ihrer seelischen Haltung nicht tragen. Ein in dieser Weise ganz gottergrif- fener Mensch ist schon ein Wunder. Und wir erfahren immer wieder das Glück, solchen spürbar gottergriffenen Menschen zu begegnen, und wenn sie uns davon erzählen, wie es in, ihnen licht wurde, wenn sie, h>n- I gerissen, von dem künden, was m ihnen lebt, dann stehen wir wohl, ähnlich den Pfingstzungen, vor der Wirkung übernatürlicher Macht, die aber nicht bloß einmalig, historisch oder gar zeitbedingt und legendär ist, sondern: „... sie ist an diesem Fest und alle Morgen neu!" wie Johann Sebastian Bach sang. „Zeitbedingt und legendär* und für uns heute symbolisch sind nur die Begleiterscheinungen jener Gottergrisfenheit am „ersten" Pfingsttage, „zeitbedingt"; denn vor zweitausend Jahren nahmen die Menschen mit Kindersinnen, mit vergrößernden, ausschmückenden Märchensinnen wahr. Aber wie auch ein Kind schon tiefste Wahrheit erkennen kann, vielleicht bloß noch nicht unmittelbar, noch nicht zu Formulierung und Vermittlung fähig, wohl aber angepackt und durchschauert von dieser Wahrheit, jo sollen wir dem alten Bericht trauen, daß hier Gott in Menschenseelen überging und zwar in so ganz besonderer und entscheidender Weise, weil Jesus, ihr Lehrer, erst vor kurzem von ihnen gegangen war und sie nun allein ihr Leben meistern sollten. Wir dürfen wegen ber Begleiterscheinungen, die mitberichtet werden, der eigentlichen Pfingstwahrheit, die Me Morgen neu sein kann, nicht mißtrauen. Schön ist es, wenn ein kindlicher Mensch der Gegenwart die alte Pfingstgeschichte wieder hört und wieder ein Organ hat für das Mitschwingende, was dem klaren Beobachter märchenhaft vorkommen muß, wenn es ihm in der naiven Weife mitgeteilt wird. Aber der kindliche Mensch empfindet eben im Psingstbericht nicht „Hauptsache" und „Nebensachen , nicht Sinn und Ausdrucksversuch, sondern ein Großes, das ihn überkommt. Der starke gütige Dorfpfarrer und Dichter Gustav Frentzen fchätt dann aus diesem Seltsamen, Großen, das einfach hin- genommen wird, für seine Bauern (in den „Dorfpredigten") das Ewige und persönlich Wichtige heraus: «... wo nichts geschieht, ist nicht Pfingsten. Wo aber in einer Seele etwas geschieht, nämlich Feuer fällt, der Stab in die Hand genommen wird, mühsam die ersten Schritte auf neuem Wege gemacht werden: da kommt und wächst und steigt ein namenloser Segen. Wenn Vater- und Muttersegen, wie man sagt, den Kindern starke Häuser baut, so baut wohl Gottes Segen ein Haus von Fels und Eisen, ein ewig Haus. Glücklich die Menschen, die vom Geist Gottes die Funken im Herzen und in den Händen tragen, die Herz und Sinne auf Gott gerichtet haben! Was ist geschehen? Feuer flog vom Himmel. Was sollen wir tun? Warm werden an dem Feuer, wandern in dem Licht. Das sollen wir tun. Das wollen wir tun." Vor der Universitätskirche zu Kiel steht eine Skulptur Ernst Var- lachs, „der Geistkämpfer": auf dem Rücken eines Raubtiers steht mit merkwürdig schwebender Straffheit ein Engel, er hat sein Schwert kerzengerade über sich geschwungen; sein Haupt, mit der Miene heiliger Sorge, ist streng und linde zugleich dem Tiere zugewandt. Das ist Pfingstgeist: große Ueberlegenfjeit über das Animalische; Prophetie; hehre Stille im Göttlichen. r . Und das sind nicht etwa Ideen, die in Stein und Erz gebannt sind. Sie haben sich in Stein und Erz chre monumentale und ewig angemessene Form gesucht, aber sie werden geboren in begnadeter Frühsommerzeit, in pfingstlicher Stunde; die man wieder mit den schon angeführten Bach. Klängen feiern muß: „Wen Gottes Geist beseelt, wen Gottes Wort erreget. Wer Gottes Gnade fromm in feinem Herzen heget. Der stimme mit uns ein und preise Gottes Treu': sie ist an diesem Fest und alle Morgen neu!" Oie Pfingsten des Musketiers Wiedegang. Von Ernst W i e ch e r t. Man hatte uns schon am Abend zum Pfingstgottesdienst befohlen, weil man am ersten Feiertag vorn einen Angriff erwartete. Es war im letzten Kriegsjahr, und wir nahmen auch die Feldgottesdienste hin. Der Altar war in einem zerschossenen Walde aufgebaut, und während der ganzen Predigt rief der Kuckuck. Wir alle lauschten nach der Birkenwand hin, hinter der der Ruf erklang, als stehe dort die Gotteskirche, von der der Pfarrer sprach. Nur Wiedegang lauschte nicht, der Musketter Wiede- gang, von dem das ganze Regiment wußte, daß er einmal Pfarrer gewesen war. Er stand da, aufrecht und ordentlich wie immer, und feine schweren Augen hingen unbeweglich an dem Gesicht des Geistlichen. Wie ein fremdes Wesen ging die laute Stimme über die Birken hin und durch die Sanftheit des Sogeirufes. „Und es soll geschehen", sagte sie, „und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Aeltesten sollen Träume haben." war nicht das, was wir hätten begreifen können. Es rührte uns nicht mehr an, denn es war das vierte Pfingstfest im Kriege, und wir hörten, wie die Mühle des Todes sich langsam wieder zu drehen begann, in unserem Rücken, hinter den Kreidehügeln, auf denen die Sonne flim- Sicfjeiier^amilieiiblättcr Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger werte. Wir wußten, welche Gesichte uns bevorstanben, und wir hatten keine Lust zur Weissagung. . „Nein, er weiß es auch nicht", jagte Wiedegang, als wir am Abend vor den Waldhöhlen unserer Reservestellung saßen. Er hatte seine holzschale in den Händen, eine glatte Schale, aus Lindenholz, die mir alle kannten und die er von Front zu Front mit sich trug, ohne daß wir ihren Zweck erkannten. Er strich mit den Händen über das weiche, gebräunte Holz, und wir sahen wieder, daß seine Hände aus den schwarzen Falten eines Talars hätten herausleuchten müssen, statt aus der grauen, verschmutzten Starrheit seines Wassenrockes. Die Birken Dufteten in der Abendluft, und wir waren verträglich, als stehe der Friede vor dem Tor scheidenheit. Und ich hatte eine Frau, die zart war an Körper und Seele, so zart wie eine Blume. Und eines Tages waren ihre Füße gelahmt. Sie hatte Füße wie ein Kind. Es war ein Gebirgsdorf, und als das Wildwasser im Frühling kam, standen mir die ganze Nacht draußen, weil Menschen und Vieh ertrinken wollten. Und am Morgen sagte sie dann, daß Gott sie verlassen habe. Es dauerte ein ganzes Jahr, und ihre Seele ging wohl langsam ins Dunkle, obwohl ich soviel Lichter um sie stellte, wie Gott sie mir verliehen hatte. Bis ihre alte Kinderfrau zu ihr kam und ihr sagte, daß man in der Psingstnacht eine Schale unter eine junge Birke stellen müsse, eine Schale aus unberührtem Holz, und einen Spruch dabei sprechen, und wenn Gott den heiligen Geist ausgiehe, über alle Kreatur, zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang, dann gieße er ihn auch über die Schale als ein kühles klares Wasser, und wer die Füße darin wasche, der werde gesund zur selben Stunde. Es half mir nichts, daß ich dagegen sprach als gegen einen dunklen Glauben und einen Frevel an der Demut vor Gottes Hand. Denn ich liebte sie, und sie umfing meine Knie in der Aot ihres Leidens. Ich schnitzte die Schale mit meinen Händen, und affi Abend trug ich sie hinaus. Die Sterne schienen, und ich sah, daß kein Regen fallen würde als eine milde Täuschung irregeführten Glaubens. Es war eine schwere Nacht für meine wachende Seele, aber es steht ja in unserem Buche geschrieben, was wir zu tun haben oder nicht. Und um die Mitternacht ging ich leise hinaus. Ein Bogel rief über die Wiesen im Grund, und ich dachte, daß Gott dort stehe und gegen mich rufe. Aber ich trug das Wasser aus dem Brunnen, bis die Schale gestillt mar. Die Espen rauschten an unserem Tor, und ich dachte an Judas, der sich erhängte an einem Espenbaum. _ ... Sie ermachte nicht, als ich mich wieder legte, aber als die Sonne über die Berge stieg, sah sie mich an. Ich brachte die Schale an ihr Bett und wusch ihre toten Füße. Sie sprach kein Wort, aber in ihren Augen war zu lesen, daß ihre Seele unter Dem Torbogen ftanb, hinter Dem keine Seele mehr roiebertommt. Sie fiel in einen tiefen Schlaf, unb im Schlaf war ihr Gesicht von Tränen nah. Und am Abend ... ja, am Abend stand sie auf und wandelte." \ „Laß es fein", jagte leise einer von uns. Aber er hob nur den Kops und lauschte nach der stärker mahlenden Front. I „Sie fragte mich. Ich wußte, daß sie fragen würde, und es war so schwer, die Lüge in ihr Auge zu sprechen. Aber ich sprach sie, ja, ich beschwor sie, beim Namen des heiligen Geistes beschwor ich sie. Und am selben Tage trat ich wieder aus die Kanzel. Versteht ihr nun, weshalb ich hier zu allem ruhig bin? Glaubt ihr, daß es leicht ist, in die schweren Minen zu gehen, wenn man ein Jahr lang nach jener Nacht auf die Kanzel gegangen ist? Denn ein Jahr dauerte es. Nach einem Jahr starb sie, im Kindbett, und ich zog meinen Talar aus. Ich hatte Gott verraten. Und nun warte ich auf Das letzte PfingstwunDer, Denn es stehl geschrieben in Der Apostelgeschichte: ,UnD soll geschehen, wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll selig werden?" Wir sprachen noch ein wenig in die Dunkelheit hinein, aus der die Lindenschale und seine Hände 'leuchteten. Unbeholfen und schwerfällig, denn wir waren ungeschickt geworden, an zarte Dinge zu rühren, ob mir sie auch als einen fremdartigen Zauber empfanden. Er ging noch ein roenig abseits, und wir krochen in unsere Höhlen hinunter. Zeder von uns sah, daß er die Schale nicht mehr trug, als er wiederkam, aber niemand fragte ihn. Nur jagte ihm jeder Gutenachi. Es begann gleich nach Sonnenaufgang, und Die erste schwere Lage warf uns Den Sank» in Die verstörten Augen. WieDegang faß schon aus seiner Pritsche, Den Stahlhelm auf Dem Kopf, Das Sturmgepäck umgeschnallt. „Ja, Kameraden", sagte er, „nun sängt es an." Und er sah jeden einzelnen von uns an und nickte ihm langsam zu. Die zweite Lage hörten wir schon, als sie über den Kreidehängen war. Es waren schwere Kaliber, und sie stürzten wie Häuser in einen heulenden Abgrund. Und bann schrie es braufjen, wie bie Kreatur unter bem Entsetzen schreit. Wiedegang war der erste. Er stürzte hinaus wie zu einem Ertrinkenden. Es mar der Unteroffizier aus der Nachbargruppe. Er lag am Birkenrand, und seine Beine hörten bei den Knien auf. Wir sahen alle, daß es keinen Zrneck mehr hatte, aber Wiedegang riß bas Banb von seinem Brotbeutel unb schnürte das strömende Blut ab. Dicht daneben im versengten Grase lag die Schale aus Lindenholz, unb Wiebegangs Augen blickten in sie hinein. Er sah nicht auf feine Hände, die gerötet mären vom strömenden Blut, sondern auf bas glatte fleckenlose Holz, unb sein schweres Gesicht mar traurig unb erloschen. Und Dann hörten mir es über Den KreiDehügeln heulen unD schrien ihm zu. Aber er richtete sich in Den Knien auf unD sah Dem entgegen, Das unsichtbar sich über uns stürzen mollte. Wir lagen in Die Erbe gepreßt unb sahen sein Gesicht mie in. einem blassen Schein, aber es schien uns allen, als leuchte bieser Schein mie im Licht einer Hossnung, verzerrt aber hell bes Tobes gemiß aber ihm llichelnb zu- gemanbt. Es schlug vor uns ein, unb Die Splitter streiften uns so Dicht, Daß sie unser Haar versengten. Ein Bogel schrie auf, mit heller, erschreckter unseres Lebens. m . „Ich will es euch nun erzählen", sagte Wiebegang, unb sein schweres Gesicht mar aufgeschlossen rote ein Haus nach einem-marmen Regen. „Es könnte ja fein, baß mir morgen nicht mehr alle zusammen sinb. Es ist schon wahr, bah ich ein Psarrer gewesen bin. Vielleicht mar ich kein Hirte, aber ich säte gern auf Den Acker Gottes, und hin und mieder ging ein Korn auf unb ich sah, Daß es Frucht trug unb freute mich in Be- ......ich hatte eine Frau, bie zart war an Körper unb Seele, Blume. Unb eines Tages maren ihre Füße gelähmt. Stimme, und bann war es still. Wiedegang war auf sein Gesicht gefallen, die Hände vor sich ausgebreitet, und aus feiner Brust strömte das Blut tu bie Schale aus Linbenholz. Er lächelte, als wir ihn aufhoben. Er schüttelte den Kops, als wir eine Zeltbahn unter ihn schieben wollten, unb bat nur, baß man ihn etwas ausrichte. Dann sah er in die blut- gesüllte Schale, bis seine Augen grau wurden. Er sagte nichts, kein Wort, aber er trug [ein Lächeln bis in die «chatten des Todes, und dort legte er es nieder. _, , Wir begruben ihn allein, ohne Psgrrer, und legten die Schale in fein Grab. Wir hatten nicht viel Zeit, aber bevor wir über die Kreide- Hügel gingen, pflanzten wir einen Birtenstrauch in die frische Erde. Wir sahen uns nicht mehr um, denn bie Hügel vor uns bampften, aber es war uns, als könnte keiner von uns zurückkehren in Das Leben der Menschen, das hinter uns blieb. Junges Deutschland. Von Rudolf G. B i n d i n g, GDS. Heraus, wir Jungen! Deutschland ruft. Väter, mir hören da ihr es schuft. Heraus, mir Jungen! All auf die Bahn. Junger Tat alle Ehr ist aufgetan. Heraus, mir Jungen! Frieden und Recht tragen als Banner wir junges Geschlecht. Heraus, mir Jungen! Unser Schritt ist gleich. Ein Herz in der Brust — so sind mir reich. Heraus, mir Jungen! Hört wie es ruft. Deutschland will leben. Deutschland ruft. pfingsiwunder der deutschen Musik. Von Alexander B e r r s ch e. Dr. Alexander B e r r s ch e ist ein Schüler von Max R e - g e r und nicht nur einer der besten Pianisten, [onbern auch einer unserer ersten Musikkenner und Musikkritiker. Diese Ueberschrist ist nicht von mir, sondern von meinem alten Pfarrer bei uns daheim. In einer Psingstpredigt sprach er von der Kraft des Heiligen Geistes, die es bewirkt habe, daß die Worte der Apostel allen Hörern, den Juden, Griechen und Römern, verständlich gewesen seien, weil jeder sie in seiner eigenen Muttersprache gehört habe. Und um uns Kindern dieses Wunder plausibel zu machen, brachte er die Rede auf die Musik, besonders aus bie beutsche Musik, deren Gewalt zu jedem Menschenherzen bringe, unb er sagte, baß barum bie deutsche Musik auch ein Psingstwunder, ja ein ewiges Psingstwunder sei. Er war nämlich selbst ein Musiker, hatte mit Liszt vierhändig gespielt, mit Bruckner Briese gewechselt und hatte für unfereinen, der verbotenerweise und über das ihm angemessene Pensum hinaus an Liedern unb Klavierstücken von Schumann, ja am Kiaoierauszug bes „Tristan" naschte, statt der gebotenen Strenge ein kameradschaftlich aufmunterndes Lächeln. Da er aber auch — als Musiker — der Mann der improvisierten Rede war, dem es unmöglich gewesen wäre, eine Predigt auszusetzen unb zu memorieren, so wibersuhr es ihm bamals, daß er in ein begeisterungsvolles Erzählen geriet. Er erzählte ein Erlebnis von einer Wallfahrt ins Heilige Lanb, wo bei einem Aufenthalt in Smyrna ober Ephefus eine wüste polnische unb französische Schimpserei aus bie beutschen Barbaren — es war ja immer so — losgegangen war. Aber ba hat unser Pfarrer einem Freunb, der feine Geige bei sich hatte, einen Wink gegeben, und die beiden haben den Vertretern der feineren Kultur das Abendlied Schumanns uorgefpielt, worauf die ganze Debatte erledigt war: alle hatten auf einmal — für wenige Minuten — deutsch verstanden. Er sprach höchst anschaulich, ja dichterisch, und während die Gemeinde in dem milden Befremden verharrte, mit dem man im Konzert einem Solisten folgt, der bei der Kadenz den Uebergang zum Dominantsept- attorb mit bem langen Triller nicht finben will, schauten wir Kinber in festlicher Spannung hinauf zu dem alten Herrn, der nun wahrhaftig eine Pause machte unb mit einem Lächeln seliger Abwesenheit dastanb. Wir wußten, baß er mit bem inneren Ohr aus bie Klänge lauschte, bie seine beredten Worte herbeigelockt hatten, unb es war uns, als müßten es auch alle andern hören, wie die spätsommerliche Schönheit und Trauer der Schumannschen Melodie für einen Augenblick fremd und verklärend den stillen Raum erfüllte. Das dauerte nur wenige Sekunden. Dann kam dennoch bie Ueberleitung zum Dominantseptakkorb, unb bie Pfingstprebigt ging machtvoll zu Ende. Der feine, aus Geist unb Güte geschossene Seelsorger hat längst die Augen zugemacht. Ich ehre sein Anbenken in der Erinnerung an viele unvergeßliche unb erhebende Eindrücke. Keiner davon steht mir so lebendig vor Augen wie der Moment in jener Psingstpredigt, wo die Leute geglaubt hatten, er sei steckengeblieben. Wenn ich einem Ausländer klarzumachen hätte, was es eigentlich mit der deutschen Musik und den must- 1 tauschen Deutschen für eine besondere Bewandtnis habe, so würde ich ihm diese kleine Geschichte erzählen. Er sollte daraus eine Ahnung bekommen von den seltsamen Menschen, denen Musik kein sogenannter Berus keine Unterhaltung, kein Gehirnsport ist, sondern ein Lebenselement, das sie umgibt und durchdringt wie die Luft, die sie atmen. Und dann sollte er sich seine Gedanken darüber machen, was das aber auch für eine Musik sein müsse, die die Kraft habe, einen Menschen stets und ganz zu beherrschen, ihm in jeder Sekunde seines Lebens bewußt gegenwärtig zu sein und in all sein Tun und Lassen heimlich hineinzuklingen. Es hat ja jenseits unserer Grenzen nie an seinen Kopsen aesehlt, -die das Besondere unserer Musik und unseres Verbundensems mit ihr empfunden haben. In der französischen Literatur stößt man bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und oft gerade dort, wo man es am wenigsten erwartet hätte, aus Spuren hellsichtigen Berständnisses, ja auf Regungen einer nur halb eingestandenen und fast verschämten Schwärmerei für die eigentümliche Erscheinung des musikalischen Deutschen. Aber der Blick dieser Beobachter hastet immer nur am einzelnen Fall- es ist der Blick des Sammlers, der liebevoll auf seltenen Exemplaren verweilt. Niemand sah im scheinbar Zufälligen das Symptomatische und Symbolische, und mancher, der nur eine Anekdote zu erzählen glaubte, wußte nicht, daß er den Schlüssel zum Innersten des deutschen Wesens in der Hand hielt. Freilich ist der Deutsche schwer zu begreifen. Er war von je der Märchenhans und Dümmling, der immer zu spat gekommen ist. Aber wenn er dann endlich zur Stelle war, hatte er Glück und führte die Braut heim. Das war unverständlich, ja provozierend, und ist merkwürdigerweife nicht rechtzeitig unterbunden worden. Wäre nicht das grob Materielle stets wichtiger gewesen als alles andere, fo hätte ein kultureller Völkerbund bereits gegen,Heinrich Schütz und seine brutale Art, kühner und organischer zu musizieren als die Italiener und Franzosen, Einspruch erheben müssen. Die deutsche Musik, von der zu Zeiten Leonins und Perotins noch gar nicht, im Zeitalter des großen Mach aut sehr wenig und erst vom 16. Jahrhundert an ernstlich und in weiteren Kreisen die Rede war, sing plötzlich an, ganz bedrohlich zu wachsen und sich auszubreiten wie ein mächtiger Wald. Hundert Jahre später zeigte sich schon, daß dieser Wald in dem reicheren Boden wurzelte, und als Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel ihre Werke schusen, war die deutsche Musik längst von der Uebergipselung fremder Vorbilder zur Entdeckung neuer Länder und Welten vorge- chritten. Sie war — „still und mit Zeit" — die Königin geworden, der niemand die Krone streitig machte. Sonst aber sah es aus der Welt so aus: Frankreich, das nie einen größeren Musiker besessen hat als Machaut, war schon im grand siede zu dem nobelen, geistvollen und verkleinerten Format einer Musik übergegangen, die eigentlich „musiquette“ heißt, ein Wort, das wir nicht haben, weil wir die Sache nicht haben, und das wir ebensowenig übersetzen können wie die Franzosen das deutsche „Lied'. Englands Musik war seit P u r c e l tot. Sie starb plötzlich und unerwartet wie unter dem Fallbeil. Italien hat die organische, gestaltende Kraft deutscher Musik nicht mehr in sich aufzunehmen vermocht, aber noch blühte dort die alte, edle Kantilene wie ein goldener Sommernachmittag, von dem man nicht glaubt, daß er zu Ende gehen kann. Er ist dennoch zu Ende gegangen. Es kam jene musikalische Weltrevolution, die den Gene- ralbahstil dahinrafste, und die nur Deutschland ohne Schmälerung seines Erbes und feiner Macht überstanden hat. Während unser Boden einen chaydn, Mozart und Beethoven hervorbringen und tragen konnte, begann in Italien die Musik immer mehr an Saft zu verlieren. Die edle, alte Erde war verbraucht. Es bedurfte nur weniger Jahrzehnte, um die Kantilene dieses Landes, die einst ohnegleichen war, in die seichtesten Niederungen amüsanter und sentimentaler Popularität sinken zu lassen. Die Gemeinsamkeit und gegenseitige Befruchtung europäischer Musik hatte ausgehört, jede Nation war isoliert, und keine konnte auch nur den Versuch wagen, sich mit der deutschen Musik innerlich auseinander- zusetzen. Italien hat ebenso wie Frankreich die großen Ereignisse Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert nicht erlebt, sondern nur von außen gesehen. Es hals nichts mehr, daß in der späteren Romantik die abgerissenen Fäden wieder angeknüpft wurden. Auch im Leben der Volker läßt sich nichts nachholen. Der Substanzverlust war nicht mehr herein- zubringen, und keine historische und psychologische Konstruktion kann die furchtbare Leere ausfüllen, die durch den passiven Widerstand gegen Haydn, Mozart und Beethoven geschossen worden ist, so wenig als geistige und technische Aus-der-Höhe-stehen das unwägbare Etwas ersetzen kann, ohne das es nicht möglich ist, eine tiefe, herzbewegende Musik wie eben das Schumannfche Abendlied zu schreiben. Wie aber diese tragische Entwicklung kam, warum bei Italienern, Franzosen und Engländern die ganz große Musik auf einmal verstummt ist, und warum sie bei uns weiterlebt bis auf den heutigen Tag, läßt sich nicht ergründen. Die Historiker wissen es nicht, nicht einmal die Psychoanalytiker, die doch alles wissen. Es ist ein metaphysisches Geheimnis, das durch die Geschichte nur bestätigt, nicht erklärt wird. „Ihr Deutschen habt es eben leicht musikalisch, ja musikbesessen zu fein, ihr habt den unschätzbaren Vorteil einer sozusagen legitimen Kontinuität musikalischer Entwicklung, die seit dem Ausgang des Mittelalters eingesetzt hat und nie unterbrochen worden ist wie bei uns." So sagte mir vor zwei Jahren cm geistreicher Musiker und Landsmann Romain Rollands. Ich erwiderte: „Wir sind nicht das musikalische Volk, weil wir unsere große Geschichte und Tradition haben, sondern wir haben diese Geschichte und Tradition, well wir das musikalische Volk sind." Das sand er sehr nett; er hatte als echter Franzose seinen Spaß an jeder improvisierten Antithese. In der Sache war er anderer Meinung. Aber dann erzählte er mir, wie m Frankreich keine Musik liebevoller, ja leidenschaftlicher gepflegt werde als die deutsche, und welch vollendete Interpretationen Beethovenscher Symphonien er in Rom unter Molinari erlebt habe. Er meinte, wenn es m Frankreich mehr Musiker gäbe, wäre das Verständnis für Deutschland großer und die Einigung der Völler gar nicht so schwer. Ganz Europa schwelge in beut» scher Musik. Da schwieg ich, weil mir keine rechte Antwort emstel. Ich dachte an die Wehrlosigkeit alles Geistigen vor Politikern und Geschäftsleuten. Ich dachte an die optimistischen Selbsttäuschungen vorurteilsloser Künstler. Aber ich dachte auch an meinen alten Pfarrer und fernen Glauben an das Psingstwunber der deutschen Musik. der Dunkelheit. Ton kam die Antwort schon die Beerdigung.' Oie Oame mit dem Otterpelz. Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.) Aber genau konnte er es nicht lesen, die Entfernung war für feine etwas kurzsichtigen Augen zu groß, und außerdem schwankte das Zeitungsblatt in der Hand der Dame wie ein Fächer hin und her. Seins Begierde, die Zeitung in feinen Besitz zu bringen, steigerte sich mit jeder Sekunde. Und plötzlich griff er zur Kriegslist. Er tat, als wolle er sich eine neue Zigarette anzünden, und beugte sich dabei so ungeschickt vor, daß er mit seinem Patentfeuerzeug der Zeitung zu nah kam und der untere Rand Feuer fing. Mit einem Ausruf ratlosen Schreckens riß er der Dame das Blatt aus der Hand und goß den Inhalt feines Wasser- Kling nahm sich in einem Hotel am Schlesischen Bahnhof ein Zimmer für die Nacht und versenkte sich zunächst in ein tiefschürfendes Studium des Berliner Telephonbuches. Nach einer viertelstündigen General- muft-erung sämtlicher Fuchs hatte er festgestellt, daß der von ihm gesuchte Caspar Fuchs am Schöneberger Ufer Nr. 11 wohnte und auch Telephon besaß. Er beschloß, aufs Geratewohl einen Versuchsballon loszulassen, und lieh sich mit der betreffenden Nummer verbinden. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich jemand meldete. Dann fragte eine heisere Frauenstimme : „Wer ist dort? Was wünschen Sie?" „Ich möchte Herrn Fuchs sprechen. Ich bin ein alter Geschäftsfreund von ihm und auf der Durchreise in Berlin", log Kling kühn drauflos. Die Stimme räusperte sich, und in tieferstauntem Zzr. di: Antwort fifeer „ „. ... . _ . . nicht an Wert eingebüßt. Schleunigst holte er fein Monokel hervor und suchte damit die Todesanzeigen ab. Und richtig, da stand es: Fuchs! Der Name stimmte zwar, aber alles andere war ziemlich enttäuschend. Dieser Mann, der hier als am 20. November verstorben gemeldet war, hieß mit Vornamen Casus und war ein Makler aus SW. Berlin. Und wenngleich er auch den nicht ungewöhnlichen Namen Fuchs trug, so konnte sich Kling doch nicht verhehlen, daß für feine Identität mit dem angeblich ermordeten Kunsthändler aus der Jnvalidenstraße sonst nicht das geringste sprach. Und dennoch — sei es nun, daß fein Interesse bereits übertrieben auf diese Sache zugespitzt war, ober daß er in feinem Spüreifer den nebensächlichsten Umständen ein übermäßiges Gewicht beilegte — diese im Grunde so nichtssagende Anzeige ließ ihn nicht mehr los. Sie saugte seine ganze Aufmerksamkeit an sich, sie verstrickte seine Gedanken in die abenteuerlichsten Kombinationen. Und so kam es, daß Kommissar Kling sich selbst dabei überraschte, daß er in Schnetdemühl den Königsberger V-Zug verließ und auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig einen Zug bestieg, der in entgegengesetzter Richtung nach Berlin zurückfuhr. Als Kling in Berlin ankam, war es bereits zu spät, an diesem Tage noch etwas zu unternehmen. Dazu kam noch, daß ein dicker, rostfarbener Nebel den Straßenverkehr hemmte. Alle Fahrzeuge waren gezwungen, im Schritt zu fahren. Und die Warnungssignale heulten gespenstisch aus glafes über die glimmende Stelle. Dann breitete er unter vielen Entschuldigungen bas klitschnasse Papier auf der Tischplatte zum Trocknen aus. Aber die Dame hatte genug. Sie strafte ihn mit einem stummen, vorwurfsvollen Blick und nahm ostentativ an einem andern Tischchen Platz. Aus die durchweichte Zeitung verzichtete sie großzügig. Kling hatte seinen Zweck erreicht. Er war jetzt uneingeschränkter Be- ber Zeitung, und für ihn hatte sie trotz ihres beschäbigten Zustandes ~~ ...... ' " holte er fein Monokel hervor und nb richtig, ba staub es: Fuchs! Der zurück: „Aber wissen Sie benn gar nicht, baß Herr Fuchs gestorben ist? Ja, denken Sie nur, am Montagabend! Morgen ist schon die Beerdigung." Kling ließ, scheinbar verstört, eine Pause eintreten. „Was Sie sagen! Gestorben? Aber das ist ja schrecklich! Und so plötzlich! Woran denn nur?" „Ich weih nicht recht. An Blutvergiftung, glaube ich — aber fo etwas Aehnlichem. Schade, daß Fräulein Hohmann nicht zu Haufe ist. Die könnte es Ihnen genauer sagen." Kling spitzte die Ohren. „Ach so — Fräulein Hohmann! Seine — Sekretärin meinen Sie wohl?" , O nein! Die Nichte von Herrn Fuchs. Sie ist jetzt sehr viel unterwegs. Weil es doch allerhand Laufereien gibt wegen des Begrabniffes und fo — verstehen Sie?" .. „Gewiß — natürlich. Aber ich möchte doch nicht versäumen, Fraulein Hohmann mein Beileid auszusprechen. Und außerdem hätte ich auch gern über eine andere Sache mit ihr gesprochen. Eine Sache, beretroegen ich eigentlich Herrn Fuchs aufsuchen wollte. Wer ich muß morgen schon wieder mit dem Mittagszug nach Küstrin weiterfahren. Und fo früh am Tag möchte ich doch nicht gern stören!" , Das weibliche Wesen am Apparat schien zu überlegen. Dann meinte es zögernd: „Vielleicht, wenn Sie schon von neun Uhr kommen würden ...? Fräulein Hohmann ist immer sehr früh auf. Und ich glaube kaum, daß sie morgen vor zehn Uhr ausgeht, weil sie die Schneiderin bestellt hat. Kann ich ihr vielleicht etwas ausrichten?" Kommt sar Kling dachte einen Augenblick nach. Dann rief er ms Telephon: „Gut also — melden Sie Fräulein Hohmann meinen Besuch für morgen vormittag um neun Uhr. Mein Name ist — Müller, Heinrich Müller. Ja, — mit Doppel-l." Er hängte schnell den Hörer an und verließ nachdenklich die Telephonzelle Dieser Fuchs also hatte eine Nichte! Eine Nichte, die allem Anschein nach bei ihm im Hause lebte. Ein tüchtiges, gesundes Mädchen, das des Morgens früh aufftanb unb auch im tiefsten Schmerz nicht vergaß, die Schneiderin zu bestellen! Aber jener andere Fuchs, der Ermordete — ober wie Kling ihn bei sich zu nennen pflegte, „Fuchs, ber Rotbart — hatte ber nicht auch feine „Nichte" bei sich gehabt? Oder doch eine grau, die er als Nichte ausgab. Und von dieser Frau besah Kling, danieder erfolgreichen Unterstützung von Dr. Morris, eine ziemlich genaue Personalbeschreibung, die es ihm nicht schwer machen würde, auf den ersten Blick festzustellen, ob zwischen der beschriebenen Person und diesem Fräulein Hohmann irgendeine Identität bestand. Kling vergaß an diesem :Abend vollkommen das Abendessen. Eine Sache, die sich In seinem Leben aum ersten Male ereignete. Ruhelos und von widerstreitenden Gedanken zerrissen wanderte er immer aufs neue die acht Quadratmeter seines kahlen Hotelzimmers ab. Aber wie sehr er auch sein Gedächtnis nach allen Einzelheiten dieses mysteriösen Falles durchpslugte, und so aufrichtig er bemüht war, einen einigermaßen plausiblen Grund dafür zu finden, daß er plötzlich von seiner Reise nach Ostpreußen abgeschwenkt war und einer Fährte folgte, für deren Richtigkeit vorläufig auch nicht das Allergeringste sprach — nichts, als dieses ruhelos tastende Gefühl m ihm selber, das ihn magisch dieser Spur nachzog. Es gelang ihm nicht, irgendeinen konkreten Anlaß zu finden, der seinen Entschluß gerechtfertigt hätte. _. , , ,, ... Kling war kein Mensch, der sich mit irrealen Dingen befaßte. Und wenn er auch zum erstenmal im Leben derartigen Dingen nachgab, so blieb er sich doch jeden Augenblick darüber klar, daß fein ganzes Unternehmen mit neunundneunzig Prozent Wahrscheinlichkeit ein Luftsch.oß war Denn ebenso, wie er diesen sicherlich auf die normalste Werfe verstorbenen Mann verfolgte, bloß, weil er den Namen Fuchs trug und eine Nichte besaß, zwei Eigenschaften, die er ohne Zweifel mit einer ganzen Reihe von anderen Menschen teilte — ebensogut hätte er auch irgendeinen harmlosen Passanten auf der Straße anhalten können, auf die bloße Tatsache hin, daß er einen roten Bart hatte. Kommissar Kling kam sich nach dieser Selbstanalyse ziemlich lächerlich vor. Und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er kurz entschlossen mit dem nächsten Zug nach Stralsund zurückgefahren und hätte sowohl Herrn Caspar Fuchs als auch seine Reise nach Marienburg glatt im Stich gelassen. Nur sein Eigensinn und der ihm in Fleisch und Blut übergangene Grundsatz des Kriminalisten, niemals auf halbem Wege umzukehren, hielt ihn davon zurück. — r.. Am nächsten Morgen verließ er kurz nach acht das Hotel. Kaufte sich in der Nähe einen fchwarzen Zylinder und begab sich nach dem Trauer- war ein altes, einstöckiges Haus mit Spiegelfenstern und altmodischem Klingelzug. Der Typ eines wohlhabenden altberliner Bürgerhauses. Ein sauberes Dienstmädchen öffnete ihm und führte ihn durch das mit wertvollen Teppichen ausgelegte Vorzimmer in einen hohen und hellen Raum, der dem verstorbenen Herrn offenbar als Arbeitszimmer gedient hatte. „Das Fräulein wird gleich kommen. Die Schneiderin ist gerade bei ihr", entschuldigte sich das Mädchen, in dessen etwas heiseren Organ Kling sofort die Stimme am Telephon wieder erkannte. „Komme ich denn auch nicht ungelegen?" fragte er bescheiden und blieb mit dem Zylinder in der Hand vor dem ihm angebotenen Stuhl stehen. „Fräulein Hohmann ist gewiß sehr beschäftigt heute und ..." „Das macht nichts! Sie hat mich beauftragt, Sie zu empfangen. Nehmen Sie doch Platz, bitte!" Sie ging und Kommissar Kling hatte fast eine Viertelstunde Zett zu einer eingehenden Rekognoszierung des Terrains. Das Zimmer an sich hatte nichts Merkwürdiges. Ein [orgfälHg aufgeräumtes Herrenzimmer mit eingelegtem Parkettfußboden und schönen, alten Mahagonimöbeln. Der Schreibtisch machte einen kahlen und unbenutzten Eindruck. Man hatte anscheinend alle Papiere und Schriftstücke nach dem Wieben des Hausherrn weggeräumt. In einer indischen Schale waren noch Aschenreste, und daneben lag eine alte, angetaute Zigarrenspitze, in der eine halbgerauchte Zigarre steckte. An einem hinter einem Schrank verborgenen Kleidergestell hing ein einsamer schwarzer Ulster von einer Schäbigkeit, die in der bürgerlichen Gepflegtheit des Raumes auffallend wirkte. Kling versuchte vergebens, sich in diesem bettelhasten Kleidungsstück den Wann vorzustellen, der dieses Zimmer bewohnt hatte. Es konnte nur ein Mensch gewesen sein, der auf feine äußere Erscheinung nicht den geringsten Wert gelegt hatte. Entweder aus Geiz oder aus irgendwelchen anderen Gründen, von denen der der Armut von vornherein ausschaltete. Da sesselte auf einmal etwas anderes die Aufmerksamkeit des Kriminalisten in noch höherem Maße. Sein Blick hatte die Bibliothek gestreift, die in hohen Regalen fast die Breite des Zimmers füllte. Und diese Bibliothek war nicht die eines Geschäftsmannes und Börsenspekulanten, der im Adreßbuch unter dem schlichten Titel „Makler" rangierte. Handbücher über Bodenspekulation und Wechselgesetze und andere handelswissenschaftliche Werke bildeten nur einen verschwindenden Teil ihres Inhalts. Die anderen waren zumeist philosophische und medizinische Schriften — Haeckel, Nietzsche, Swedenborg und Freud. Auch eine vollkommene Ausgabe des Pitaval im französischen Originaltext fand sich darunter, und das sechsbändige Werk eines Professors der Universität Upsala über Autosuggestion und Magnetismus. Alles in allem die Bibliothek eines Gelehrten oder doch zum wenigsten in hohem Maße wissenschaftlich intereffierten Mannes. Während Kling noch in ratloser Verblüffung vor dieser Büchersammlung stand und sich umsonst bemühte, von diesem vielseittgen und erstaunlichen Menschen ein Bild zu gewinnen, ging die Tür auf, und eine schwarzgekleidete junge Dame trat ins Zimmer. Es vergingen ein paar Sekunden, bis Kling zu der Rolle eines Trauerbesuchers zurücksand. Während er zögernd und mit geschickt gespielter Verlegenheit auf die Eingetretene zuging, prägte er sich ihre Erscheinung mit allen Einzelheiten ein. Er hatte zu Beginn seiner Laufbahn ein Jahr beim Erkennungsdienst gearbeitet und war dadurch gewissermaßen darauf eingeübt, sich aus einem einfachen Signalement die Physiognomie eines Menschen, den er nie gesehen hatte, bis zur Porträtähnlichkeit zu rekonstruieren. Und hier galt es festzustellen, ob das Signalement jener Unbekannten, die Donald Grau im Auftrage von Fuchs gemalt hatte, auf die junge Dame stimmte, die ihm jetzt im Zwielicht des nebligen Morgens gegenüberstand. Dieses Frl. Hohmann war ein hübsches, sogar ausfallend hübsches, rothaariges Mädchen mit blendender Haut und einer schlanken, sportlich entwickelten Figur. Die Farbe ihrer Augen war schwer zu bestimmen. Sie wechselke von einem hellen Braun bis ins Grünliche. Und der kühle Blick dieser an sich schönen Augen wurde nur gemildert durch die warme Sinnlichkeit eines roten, weichgeschwungenen Mundes. Ihr kräftiger Händedruck ließ darauf schließen, daß sie mit Ruder und Racket gut um- -uqehen verstand. Alles an ihr erweckte den Eindruck körperlicher und geistiger Frische und Gespanntheit und machte es einem schwer, ihr Alter zu erraten. Sie hätte ebensogut achtzehn wie fünfundzwanzig sttn kon. nen. Denn sie vereinigte mit einer nicht unangenehmen Burschikofttat die Anmut und Sicherheit einer jungen Dame. Während Kommissar Kling ihr gegenüber Platz nahm und ein paar einleitende Höflichkeitsphrasen wechselte, überlegte er angestrengt Es er- schien ihm nicht ausgeschlossen, daß dieses Mädchen dieselbe Person n>ar, die Grau gemalt hatte. Die Beschreibung stimmte im allgemeinen. Dazu kam noch, daß Grau sein Modell nur im Kostüm gesehen hatte — einem Kostüm, das Gesicht und Gestatt sehr wesentlich verändern muhte. Und — daß er sie mit dem idealisierenden Auge des Künstlers sah! Vielleicht war dieser „gefährliche Zauber", den ihr der Maler zuschrieb, nur eine Spiegelung feiner eigenen überschwenglichen Phantasie. Ein durch Ein- samkeit bis zur Verzücktheit gesteigertes Begehren, das ihm diese Frau in der Aureole einer fast unwahrscheinlichen Schönheit zeigte... Und Kling sagte sich mit Recht, daß seine eigene sachlich kühle Betrachtung, die vielleicht eine Identität dieses Mädchens mit dem Unbekannten geleugnet haben würde, mit der übersteigerten Ideenwelt eines Künstlers — unD eines Verliebten dazu! — keine Parallele halten konnte. Darum ließ er in seinem Innern die Frage vorläufig noch offen und trachtete danach, der Lösung auf andere Weise näher zu kommen. Zunächst war sein Bestreben, soviel wie möglich über die Person des verstorbenen Fuchs zu erfahren. Er fetzte eine bekümmerte Miene aus und erkundigte sich teilnahmsvoll: ,,2lber sagen Sie mir doch, liebes Frl. Hohmann, wie ist das nur so plötzlich gekommen? War Herr Fuchs denn schon längere Zeit leidend?" „Nein — das heißt, leidend war er ja schon feit Jahren. Er hatte Zucker und muhte mit allem sehr vorsichtig [ein. Muhten Sie das gar nicht?" „Nein — denken Sie! Wenn ich mit Herrn Fuchs zufammenkam, haben wir immer nur von Geschäften gesprochen. Und auherdem war er ja, was seine Person betraf, nie sehr mitteilsam. Wollen Sie mir glauben, daß ich sechs Jahre mit ihm zusammengearbeitet habe und heute zum erstenmal erfahre, daß er eine Nichte bei sich im Haufe hatte? Mir gegenüber hat er davon nie eine Erwähnung getan. Oder sind Sie melleicht erst kurz vor seinem Tode zu ihm gekommen?" Frl. Hohmann schüttelte den Kopf. „Ich bin schon seit meinem elften Jahr bei ihm. Eigentlich bin ich gar nicht feine Nichte. Unsere Verwandt schäft ist sehr weit hergeleitet. Bei einer Typhusepidemie verlor ich rasch hintereinander beide Eltern. Da nahm Onkel Casus sich meiner an. Ich bin ihm großen Dank schuldig. Er war immer sehr gut zu mir." Ihre Augen wurden feucht. Aber gleich darauf fuhr sie ganz ruhig fort: „Vielleicht wäre er heute noch am Leben, wenn er besser auf sich geachtet hätte. Aber er hat sich ja niemals geschont — in feiner Weise. Und von Aerzten wollte er überhaupt nichts wissen. Erst als er schon bewußtlos war, konnten wir ihn ins Hospital bringen lasten. Aber da war es bereits zu spät." Kling rückte interessiert näher. „Ach richtig, das Mädchen sagte gestern am Telephon etwas von einer — Blutvergiftung, wenn ich recht ver» ; standen habe?" Die junge Dame bewegte zustimmend den Stopf. „Aber wieso denn? Hatte er sich verletzt?" „Ja, an der linken Hand. Das Mädchen sagte, er fei am Samstagabend nach Haufe gekommen und hätte die Hand mit Tafchentüchern dick verbunden gehabt. Ich war an dem Abend im Theater und habe ihn nicht mehr gesprochen. Und am Sonntag sahen wir uns auch erst beim Mittagessen. Da sah er schon ganz gelb aus und trug den Arm in der Binde. Ich merkte es ihm an, daß er Schmerzen hatte, und bat ihn, die Wunde anschauen und ihm einen richtigen Verband machen zu dürfen. Aber er lehnte es einfach ab. Und Sie kannten ihn ja — Widerspruch kam gegen Onkel Kajus nicht auf!" „Er hat Ihnen auch nicht gesagt, wie er sich die Verletzung zu- gezogen hat?" Er sagte nur, daß er sich mit einem Stemmeisen leicht verletzt hätte, aber.. .* Kommissar Kling wäre beinahe wie ein abgeschossener Bolzen von seinem Stuhl geschnellt. Ganz verwirrt stotterte er: „Was — mit einem Stemmeisen? Das ist doch sonderbar!" Das Fräulein schien seine Verwunderung nicht zu teilen. Kühl und sachlich fuhr sie in ihrem Bericht fort: „Er muß mit dem Werkzeug hantiert und es sich durch irgendeine Ungeschicklichkeit in die Hand gerannt haben. Ader statt sosort zu einem Chirurgen zu gehen, hat er die Wunde vernachlässigt. Bei Zuckerkranken bedeutet ja jede Verletzung an sich schon eine Gefahr. Dann kam noch eine Sepsis hinzu. Und als ich am Montag wie gewöhnlich gegen sechs vom Dienst nach Hause kam — ich arbeite nämliche an einem bakteriologischen Institut — da lag er bereits im Delirium. Wir brachten ihn unverzüglich ins Elisabeth,Krankenhaus. Aber die Vergiftung war nicht 1 mehr zu lokalisieren. Und in der Nacht ist er bann gestorben.. I Eine lange Pause trat ein. Dann fragte Frl. Hohmann mit einem resoluten Aufatmen: „Darf ich jetzt fragen, Herr Müller, was Sie außerdem noch mit mir besprechen wollten? Sie ließen mir doch sagen, daß ! Sie in einer bestimmten Angelegenheit eine Auskunft von mir haben wollten. Und Sie werden gewiß verstehen, daß meine Zeit heute leider sehr knapp ist." (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.