q0 ^/2 Gietzener ZamilienmäM Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang (953 Montag, den 2. Januar Nummer \ seinem Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München. Eine späte Visite. Das Mangobaumwunder. Roman von Leo P e r u tz und Paul Fra nk. Januar. Don Edmund Finke. Wenn das Jahr auftut sein Tor, tritt behutsam über die Schwellei nimmer trägt dich das Schicksal empor in die ersehnte Wärme und Helle, besann sich das wünschende Herz nicht zuvor aller Fügungen ewiger Quelle. Siehe jenseits der Macht den Geist, wie er sich weise müht um den Frieden, aber noch findet das Wort, das ihn preist, nicht das beseelte Echo hienieden, sehnsüchtig fühlt sich das Herz und verwaist aus dem Sinn der großen Gemeinschaft gefchieden. Aber das kann ja nicht fein! Tu dich nur auf dich selbst besinnen, gläubig geh in das Jahr hinein: Welt sei nicht außen, sondern innen, einmal müsse über der Pein die Straft der Liebe von neuem beginnen. „Du mußt sofort einen Krankenbesuch machen! ,Zst bas dein Ernst? In drei Stunden geht mein Zug. Und außerdem bin ich kein praktischer Arzt. Seit wann mach' ich denn Krankenbesuche? Du hättest zu einem der fünftausend anderen Wiener Aerzte laufen sollen; ich bin die einzige falsche Adresse." . . Du bist die richtige Adresse! Du bist Toxikologe, und es handelt sich um eine Vergiftung, wahrscheinlich sogar um einen sehr schweren und dringenden Fall." ,^Jn deiner Familie am Ende?" Nein. Baron Vogh hat sich an mich gewandt. ,^Daron Vogh? Wer ist das?" fragte Dr. Kircheisen. „Baron Vogh! Der bekannte Sportsmann, der berühmte Hochtourist. Von dem mußt du schon gehört haben!" „Kann sein. Ich glaube, mich zu erinnern. hab' ihm im vorigen Jahr feine Villa gebaut, nn Hietzing draußen. Ich hab' dir doch damals die Pläne gezeigt. „Ganz recht. Was ist dem Baron passiert? Das weiß ich nicht. Er hat mich vor etwa einer halben Stunde telephonisch angerufen, sofort deinen Namen genannt und rmch gebeten, dich auqenblick.ich zu verständigen. Er weiß offenbar, daß mir miteinander befreundet sind. Es scheint ihm sehr viel an deiner Intervention gelegen zu fein, und fo hab' ich es übernommen, dich hinzirschicken. In diesem Augenblick ertönte im Nebenzimmer das Signal des Telephons, das Bettina inzwischen wieder instand gesetzt hatte. Dr. Kircheisen eilte hinüber und nahm die Hörmuschel ans Ohr. .Guten Abend, Herr Baron! Hier Dr. Kircheisen", hörte ihn der Architekt'sagen. „Gewiß! Mein Freund ist gerade bei mir. Nein — das nicht. Informiert bin ich noch gar nicht. Wollen Sie nicht vielleicht ... Eine knappe Andeutung zumindestens —! Sie haben mir «in Auto geschickt? Ausgezeichnet. Hoffentlich hat er rasch eins gefunden. Eine Vergiftung also —? Was 'für eine Art von Gift? Ja, ja, gewiß >ch komme, rtber3eht hat er abgeläutet", jagte der Arzt ärgerlich. „Warum hat er mir' nicht wenigstens einen Anhaltspunkt gegeben! Um was es sich eigentlich handelt, ob um einen Unfall oder um einen Selbstmordversuch, und D°r Vielleicht" ist ° dem kleinen Mädel, seinem Töchterchen, etwas zuge- stoß'en. Wahrscheinlich sogar, denn die Geschichte scheint ihm nahezugehen , meinte der Architekt. , ... Jetzt muß ich doch noch einmal meinen Schrelbttzch,aussperren! Maate Dr Kircheisen. „Bettina. Meine schwarze Handtasche. Im Nu hatte er «in Bündel silberglänzender Nadeln, Scheren Zangen, Pinzetten beisammen, lieh sie klirrend in das Innere der Tasche fallen, nahm dann mehrere Reagenzgläser, schob sie in em Futteral und versenkte "" ^,S o,! st ist" ka nn^da Zr A uto -k o mm en", erklärte er dann und sah auf bie Uhr ,Er hat mir nämlich seinen Diener mit einem Nuko hergeschickt. Vierte'lacht! Und zehn Uhr einundzwanzig geht mein Zug. Ich hab nicht viel Hoffnung, ihn noch zu erreichen. Woher kennst du eigentlich den Baron?" seinem Freund Abschied genommen. . „Dieses verwünschte Telephon!" rief der andere. „Seit einer halben Stunde ruf' ich dich an; zehnmal hintereinander! Ich habe das Fräulein beleidigt und den Kontrolleur beflege.lt. Alles umsonst! Keine Verbindung zu bekommen!" ~ , . „ _ . Das glaub’ ich dir gern!" lachte der Amt. „Ich mußte in aller Ruhe meine Reisevorbereitungen treffen können. Ich wollte beim Packen mcht gestört werden; deshalb hab' ich das Telephon ausgehängt!" „Ein menschenfreundlicher Einfall! Gerade, wenn ich» einmal dringend hab', sind die Leut' telephonmüde." „Was gibt es denn jo Dringendes?" Gerade als Dr. Kircheisen seinen Hut anfsetzen wollte, schrillt« im Vorzimmer di« Glocke. Es gab ein heftiges, aufgeregt andauerndes Häuten, bann mar wieder Stille. „Wer wird denn bas fein?" fragte Dr. Kircheisen. „Wenn ber Herr Doktor wollen, sind der Herr Doktor vor zehn Minuten abgereist ..." ,, , .. „Nein, gehen Sie nur nachschauen, wer es ist. Ich laß mich ohnehin auf teinen Fall aufhalten." Die Haushälterin verschwand aus dem Zimmer. Dr. Kircheifen lauschte. Er hörte, wie die Gangtür geöffnet wurde und wieder in» Schloß fiel. Bettina begrüßte irgend jemanden. Eine Männerstimme ließ sich vernehmen, die Antwort gab. Er glaubte, seinen Namen verstanden zu haben, da stand Bettina auch schon im Türrahmen und meldete: „Der Herr Architekt!" . Bevor sie auszuweichen vermochte, wurde sie von einem stürmisch ein» tretenden jungen Mann beiseite geschoben. „Fritz ... du?" fragte Dr. Kircheisen erstaunt. Er hatte mittags von Doktor phil. und med. Kircheisen, der bekannte Toxikologe, war an jenem Abend gerade im Begriff«, eine feit langem geplante Erholungsreise anzutreten. Er befanb sich in der nervös-erregten Stimmung eines Menschen, ber, an sein ruhiges unb bequemes Schlafzimmer gewöhnt, sich nunmehr mit bem Gedanken vertraut machen muß, die Nacht im Eisenbahnwagen zu verbringen. Zum sechsten Male sah er aus die Uhr — es war immer noch erst dreiviertel sieben. So begann er von neuem der Reihe nach an sämtlichen Laden seines Schreibtisches zu rütteln. Alles war richtig verschlossen. Er durchsuchte die Rocktasche, in der er die Eisenbahnfahrkarte und das Lloyd- biitett verwahrt hielt; beide befanden sich noch immer auf ihrem alten Platze. Er holde seine Brieftasche hervor und unterzog die einzelnen Fächer einer strengen Untersuchung: es war alles am richtigen Ort. „Soll ich die weißen Schuhe auch einpacken?" rief die Haushälterin aus dem Nebenzimmer. „Selbstverständlich, Bettina!" antwortete Dr. Kircheisen, und ging iri sein'Schlafzimmer. „Die weihen Schuh« zu allererst! Es geht doch in den warmen Sonnenschein. Ich beneide wirklich niemanden um den scheußlichen Oktoberwind, der jetzt durch die Straßen bläst." Die Haushälterin nahm di« sorgfältig ans der Bettdecke vorbereiteten, sauber in weißes Papier eingeschlagenen Pakete ber Reihe nach und ließ em-; nach dem andern in den Diesen des Koffers verschwinden. „Ja, der Herr Doktor hat's gut!" sagte sie seufzend. . , „Mir scheint gar, Sie gönnen mir das bißchen Erholung nicht, Bettina!" lachte der Arzt. - „Aber ich hab' ja gar nichts gesagt! rief die alte Frau entsetzt. „Der Herr Doktor braucht ja den Urlaub so notwendig! Den ganzen Sommer hat sich der Herr Doktor von Wien nicht weggerührt. Immer studiert und geschrieben, und geschrieben und wieder studiert. Ganz b.aß ist der Herr Doktor geworden, daß es eine Schänd' ist! Nur den Ott kann ich mir nicht merken, wo der Herr Doktor hinfährt." ..... „ „Nach Korfu. Das liegt noch eine ganze Tagereise hinter Triest. „Hinter Triest! Und wieviel Dutzend Taschentücher soll ich einpacken? „Soviel Sie wollen. Haben Sie sich alles gemerkt, Bettina? „Der Herr Doktor können ganz beruhigt fein. Ich weiß schon alles. „Wenn der Buchhändler das Paket schickt „Uebernehm ich's und verlang' einen Erlagschein. „Und wenn jemand nach meiner Adresse fragt?" „Sie find' ich aus dem Vormerkkalender." „Ich schreib' Ihnen natürlich auch, Bettina." „Ich möcht' recht schon darum bitten! Ansichtskarten mit viel pawen darauf, wenn der Herr Doktor daran denken." ,Zch mach' noch einen Sprung ins Kaffeehaus hinunter. Für zehn Uhr bestellen Sie mir bas Auto. Da ist dann noch reichlich Zett; bis zur Südbahn find's ja höchstens zehn Minuten." .Aus den Bergen. An einer sehr schlimmen Stelle auf der Planfpitz«- Tlorim>ani> hab' ich vor zwei Jahren feine Bekanntschaft gemudjt. Die Sache war mir zu schwierig geworden, ich konnte nicht weiter, auch nicht zurück, und war vollständig demoralisiert. Da kam er hinter mir, nahm mich ans Seil und brachte'mich glücklich bis an den Ausstieg. Er hat mir ^zweifellos das Leben gerettet, damals. Ein Mensch, dessen Sehnen aus RickelstahHraht- sind, die Verkörperung von Energie und Kraft — er Mrd dir stchZf imponieren. Er machte als Tourist die unglaublichsten Sachen-, SeineEekannten nennen ihn nie anders als den ,tollen Baron. „ , DuÄist dSch selbst ein erstklassiger Tourist!" warf Dr. Kircheisen ein. > .JSrgTh-^en Baron Vogh ein Kind. Ueberhaupt nicht zu vergleichen. . IkÄffm eKdich interessiert, bring' ich dir einmal die Beschreibung irgend- elnerFeinerLrstbesteigungen mit. Ich bin ihm übrigens noch in anderer Richtung verpflichtet, er hat sich von mir seine Hietzinger Villa bauen lassen." „Der Baron ist wohl sehr reich? „Geld spielt bei ihm kaum -eine Rolle. Wenn du den Park sehen wirst ... und das herrliche Treibhaus, das ich ihm gebaut hab' — es ist im Stil eines indischen Tempels gehalten. Dabei ist er höchstens drei Monate im Jahr in Wien; die ganze übrige Zeit auf Reifen. In Indien, in Südafrika, in den Kordilleren. Er ist erst vor etwa 14 Tagen aus England zurückgokommen, wo er den Sommer verbracht hat. — Was sollen die vielen Pakete da auf dem Tisch?" „Das mutz noch alles in meinen Koffer", gab der Arzt zur Antwort. „Das da find fünfhundert Stück Briefpapier samt Kuvert, hier drin sind die Zigarrenspitzen, genau vierundachtzig Stück. Ich brauche täglich drei. Vier Wochen bleib ich fort. Dreimal 28 gibt 84! Du mußt bedenken, daß ich auf eine einsam gelegene Insel fahre , setzte Dr. Kircheisen hinzu, als er seines Freundes erstauntes Gesicht fcrh. „Du scheinst eine merkwürdige Vorstellung von Korfu zu haben", sagte der Architekt. „Da ist übrigens schon der Diener des Barons." In das Zimmer war ein alter, kleiner, weißhaariger Mann getreten, an dessen Weste zwei Reihen silberner, glänzender Knöpfe saßen. Der Lakai verneigte sich. „Sie kommen von Baron Vogh?" fragte Dr. Kircheisen und schlüpfte rasch in seinen Mantel. „Ich weiß schon. Wir wollen keine Zeit verlieren. Sie erzählen mir alles im Wagen. Leb wohl, Fritz! Aus Wiedersehen! Wenn ich morgen noch hier bin, ruf' ich dich an." Vor dem Hause stand ratternd und knatternd das Automobil. Der Chauffeur hatte die eine Hand am Hebel, di« andere auf dem Volant und wartete auf das Signal, um loszufahren. Der Arzt sprang in den Wagen, der alt« Diener folgte ihm nach. „sie find der Kammerdiener des Barons?" fragte Dr. Kircheisen, als das Auto sich in Bewegung gesetzt hatte. Der Alte nickte und knöpfte seinen Mantel oben am Halse zu, da ihm der Wind in hestigen Stößen ins Gesicht fuhr. „Sie wissen natürlich, um was es sich handelt", fragte der Arzt. Der alte Diener hab wie beschwörend die beiden Hände. ,Erzählen Sie mir also, was eigentlich geschehen ist. Ganz kurz, oder auch ausführlich, wie Sie wollen", fuhr Dr. Kircheisen fort. ,Zch weih bis fetzt nur, daß es sich um eine Vergiftung handelt, sonst nichts. Also fangen Sie an!" Der Lakai nahm plötzlich seinen Hut ab, so daß sein spärliches, weißes Haar, vom Winde bewegt, in bünnen Strähnen in die Höhe stob. Er bchielt den abgegriffenen, schwarzen Schlapphut zwischen den beiden Händen und zerknüllte ihn aufgeregt mit den Fingern. .pLieber, guter Herr Doktor! Richt wahr, Sie werden meinem armen Herrn helfen?" jammerte «r. Der Arzt blickte eine kurze Weile auf die den Hut mißhandelnden, zitternden Finger des Alten. „Gewiß werde ich ihm helfen. Aber vor allem möchte ich doch wissen, was geschehen und von wem etwas geschehen ist. Wohl dem Herrn Baron selbst?" „(Ein Unglück! Ja, Herr Doktor! Ein fürchterliches Unglück." „Was für ein Unglück?" „Wie ich's noch nie erlebt hab'. Und ich hab' viel erlebt, Herr Doktor, mit meinen neunundsechzig Jahren; das können Oie mir glauben!" „Ich glaube Ihnen alles, was Sie wollen, aber statt eines Abrisses aus Ihrer Lebensgeschichte sollten Sie mir doch lieber diesen einen Fall erzählen." „Wenn mir einer gesagt hätte, daß so etwas überhaupt möglich fein Bann! Und gerade meinen Herrn muh das treffen, meinen guten Herrn Baron! Herr Doktor, einen besseren Herrn gibt es nicht, nirgends auf der ganzen Welt! Und die arme Baronesse! Das Unglück! Das Unglück!" ... Das eine weiß ich jetzt wenigstens, daß der Baron selbst der Patient ist — vielleicht auch seine Tochter ..., dachte der Arzt... Mehr bring' ich aus dem Diener nicht heraus. Der alte Mann ist völlig verstört. Der Vorfall hat ihn anscheinend umge.roorfen, es war mehr, als er ertragen konnte. Man muh allerdings auf etwas Ernstes schließen, wenn man die Fassungslosigkeit des Dieners sieht. Run, lang' kann ja die Fahrt nicht mehr dauern, am Westbahnhof find wir schon vorüber. Roch zehn Minuten Geduld, dann hab' ich di« Gewißheit... Der Arzt lehnte sich in seine Eck« und sckstoß di« Augen. Der schmal« Titelkupfer des Buches, in dem er während der letzten Tage gelesen hatte, tauchte in seiner Erinnerung auf. „Recherches botaniques sur les iles Joniennes“, Paris 1879 stand dort in feinen Settern, und darüber zeigte ein zart gestricheltes Bildchen «inen weil ins Meer hineinragenden Felsen, der von einem Kastell gekrönt war. In der Ferne schlug eine Turmuhr. Dem Arzt schien, als sause der Wagen jetzt mit erhöhter Geschwindigkeit dahin... Vielleicht erreiche ich doch noch den Nachtschnellzug..., dacht« er. Er öffnete die 'Augen und beugte den Kopf hinaus. Der Wagen eilte durch eine breite, schnurgerade Allee. Mauern oder Gartengitter zu beiden Seiten des Weges, buntgemustertes Laub, das in mageren Büscheln darüber hing. Die gelblichgrünen Flammen der Straßenlaternen tauchten auf und verschwanden, eine nach der anderen. Der alte Diener, der bis jetzt stumpf vor sich hinstarrend dagesessen war, erwachte plötzlich wieder zum Leben. Er richtete sich aus, sah angestrengt ins Dunkel hinaus und stieß den vor ihm sitzenden Chauffeur mit dem Finger in die Schulter. Der Wagen verlangfamte fein Tempo und hielten «inen Augenblick später vor einem hohen Barockportal, zu dessen beiden Seiten ein zweimal mannshohes schmiedeisernes Gitter die Straße entlang lief. Eine elektrische Bogenlampe verbreitete, vom Winde hin und he^ geschaukelt, ein gedämpftes Licht. Der Arzt nahm feine Instrumententasche an sich und verlieh den Wagen. Ein Mann kam aus dem Garten, trat auf den Chauffeur zu und bemühte sich, die geforderte Münzenzahl aus der Geldbörse, die er in der Hand hielt, zusammenzuraffen. Es war ein alter Herr, von ziemlich schlankem, hagerem Wuchs. Er steckte in einem Anzug von bräunlichem Homespun — dem Arzt fiel es auf, daß 'der Anzug viel zu weit geschnitten war; er schlotterte förmlich um die hagere Gestalt. Das Gesicht war sonnverbrannt, die Haut leder- artig, vielfältig gefurcht und zerrifsen. Sein Haar war stark ergraut und auffallend dicht, di« Augen standen hellgrau und groß unter buschigen Brauen. Seine Finger zitterten während sie In den Fächern der Geldbörse suchten. Endlich hatte er die Geldstücke beisammen und händiMe sie dem Chauffeur ein, der dankend an die Mütze griff, dann den Wagen mit einem Ruck herumwarf und davonfauste. Der alte Herr ging, auf seinen Stock gestutzt, dem Arzte entgegen und streckte dann beide Hände aus: „Doktor Kircheisen...?" fragte er. „Dem Himmel fei Dank, daß Sie hier sind." Seine Stimme klang heiser und brüchig; als er den Satz beendet hatte, war er genötigt, tief Atem zu schöpfen. „Ich habe mir erlaubt, Sie vor einer halben Stunde persönlich zu mir zu bitten", fetzte er hinzu. Dr. Kircheisen verstand nicht sogleich. „Vor einer halben Stunde? Ich habe geglaubt, mit dem Herrn Baron Vogh selbst telephonisch zu sprechen", sagte er. „Felix Freiherr von Vogh", erwiderte der alte Herr und ergriff die Hand des Arztes. „Der bin ich." „Sehr erfreut! Offenbar der Vater des bekannten Hochtouristen, der meinen Freund auf der Planspitze das Leben gerettet hat. „Ich habe keinen Sohn, Herr Doktor. Der bekannte Hochtourist bin ich selbst. Und was die Lebensrettung betrifft, fo hat Ihr Freund ein wenig übertrieben." ...Da fdjeint Fritz allerdings ausgiebig übertrieben zu haben ..., dachte der Arzt. Den „tollen" Baron hab' ich mir anders vorgestellt. Wie hat er ihn genannt? Die Verkörperung von Energie und Kraft — Sehnen aus Nickelstahldraht —? Ein schlechter Spaß — oder jene Tour auf die Planfpitze ist viele Jahre her. Dieser gebrechliche alte Herr würde doch kaum auf den Kobenzl hinaufkommen oder auf irgendeine andere Wienerwald-Iausenstation ... „Wollen Sie freundlichst mit mir kommen!" bat der Baron. „Philipp", rief er dann dem Diener zu, „halt' dich in der Näh', falls der Herr Doktor etwas brauchen sollte." Philipp rannte mit kurzen Schritten an den beiden vorbei, über den mit rotem Kies bestreuten, sorgsam gepflegten Gartenweg. Dr. Kircheisen sah die bunten Ornamente der Blumenbeete, die wie dunkle, große Schatten auf den vom Mondlicht beschienenen Wiesenflächen lagen. Hinter einer hohen, schwarzen, undurchsichtigen Baumhecke hörte er das rieselnde Plätschern eines Springbrunnens. In der Ferne sah er die gespenstische und ihn auf seltsame Art beunruhigende Silhouette eines pagodenartigen Gebäudes, augenscheinlich war das das indische Treibhaus, von dem der Architekt gesprochen hatte. Inzwischen waren sie bei der Villa angelangt. Der Arzt blieb stehen und wandte sich seinem Begleiter zu. (Fortsetzung solgt.) Deutschlands klassischer Verleger. Zum 100. lobeslage von Johann Friedrich Cotta. Cotta, der Freund Schillers und Goethes, ist nicht nur der tatkräftige Mittler unschätzbaren Geistesgutes gewesen, sondern er hat auch als Politiker und Staatsmann, als Industrieller und Landwirt, als Mäzen und Menschenfreund eine ausgebreitete Tätigkeit entfaltet. In diesem vielseitigen Wirken zeigt ihn die Schrift „Johann Friedrich Cotta", die die Cottasche Buchhandlung dem Andenken des genialen Mannes gewidmet hat. Wir bringen daraus die Geschichte feines Aufstiegs. Eine ebenso seltene wie glückhafte Vereinigung mannigfadjfter Kräfte in einer starken Persönlichkeit, dies war es, was Johann Friedrich Cotta o hoch heraushob aus der Zahl feiner Zeit- und Berufsgenoffen, was ,hm Anerkennung und Ruhm von mehr denn drei Jahrzehnten als Lohn ür fein arbeitsreiches Wirken Zuströmen lieh. In feinem Wesen verband ich praktische Geschäftstüchtigkeit mit opferwilligem Enthusiasmus für die Aufgaben der Kultur, und zugleich trieb ihn eine dem universalen Geiste seines Zeitalters entsprechende Vielseitigkeit des Strebens dazu, feine Kräfte nicht nur als Verleger, sondern auch als Politiker und Staatsmann, als Industrieller und Landwirt, als Freund und Mäzen der Künste einzusetzen. Dazu war er erfüllt von großartiger Hilfsbereitschaft und warmherziger Menschenfreundlichkeit. Goethe hat den Eindruck von Cottas Persönlichkeit im September 1797, als er auf der Reise in die Schweiz einige Tage in Cottas Haus zu Tübingen zubrachte und ihn so aus unmittelbarster Nähe kennenlernte, in die Worte zusammengefaßt: „Für einen Mann von strebender Denkart und unternehmender Handelsweife hat er fo viel Mäßiges, Sanftes, Gefaßtes, fo viel Klarheit und Beharrlichkeit, daß er mir eine feltene Erscheinung ist". Dieses Urteil des Unsterblichen kann als Leitwort über Cottas ganzem lieben und Wirken stehen. In allen feinen öffentlichen und privaten Handlungen hat er stets eine kluge Mäßigung gezeigt, einen unbestechlich klaren Blick i für das Real-Mögliche und eine stolze Beharrlichkeit in der Ausführung * feiner Pläne. Und nur einem solchen Temperamente, einem solchen Charakter war es möglich, in den Volk und Kontinent erschütternden Stürmen des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts ein |o großartiges Lebensgebäude, eine kulturell so bedeutungsvolle Schöpfung wie den von ihm gewissermaßen zum zweiten Male begründeten, aus provinzialer Enge zur Weltbedeutung emporgeführten Cottaschen Verlag zu errichten. Der Cottasche Verlag erhielt durch ihn das Fundament, auf dem sich sein Weltruhm, seine Weltbedeutung aufbauten: Schiller und Goethe waren 1794 für den Verlag gewonnen worden. Daß Johann Friedrich Cotta es verstanden hat, sich den Weg zu diesen beiden Heroen zu bahnen, ist sein unvergängliches Verdienst. Denn er war es, der mit kluger Berücksichtigung aller Umstände im Herbst 1793, als Schiller zu längerem Aufenthalt in seine Heimat kam, ihn um ein Werk für den Cottaschen Verlag bitten ließ. Er bediente sich dabei der Vermittlung eines auch ihm nahestehenden Jugendfreundes Schillers, des württembergischen Geheimsekretärs Friedrich Haug, desselben Mannes, der später berufen wurde, als erster Redakteur Cottas schöngeistige Zeitschrift, das „Morgenblatt", zu leiten. Hatte dieser Versuch zunächst auch keinen sichtbaren Erfolg, so waren doch erste Fäden geknüpft, und Schillers Aeußerung zu Haug, daß er gerne ,/)rn. Cotta willfahren zu können" wünsche, „sei es durch welche Schrift es wolle", gab die Grundlage ab, auf der im März 1794 bei einer Reise nach Tübingen die erste persönliche Begegnung zwischen Schiller und Cotta stattsinden konnte. Die Besprechung zwischen beiden führte noch im gleichen Monat zu einem Derlagsangebot Schillers. Dieser wollte in Verbindung mit zwei befreundeten schwäbischen Gelehrten „die vorzüglichsten Tragödien der Griechen in einer modernen und angenehmen Uebersetzung unter dem Titel Griechisches Theater bandweise herausgeben." Cotta, der wohl nach einem moderneren und wirksameren Stoffe ausschaute, ging nur halb zustimmend auf diesen Vorschlag ein, so daß es saft schien, als würde die Anwesenheit Schillers in seinem Vaterlande für Cotta nicht das erhoffte Ergebnis zeitigen. Da brachte schließlich ein Gegenbesuch, den Cotta Anfang Mai dem Dichter in Stuttgart machte, die Entscheidung und die große Glückswendung für Cotta: Auf einer Spazierfahrt nach dem Dörfchen Untertürkheim bei Stuttgart fanden sich Dichter und Verleger zur Ausführung zweier weitreichender Pläne bereit, die für das geistige und politische Deutschland von höchster Bedeutung werden sollte. Der stark auf politische Wirksamkeit eingestellte Cotta, der seit der Zeit seines Pariser Aufenthaltes von einer große» deutschen politischen Zeitung träumte und in dem Verfasser des „Don Carlos" den durch Gesinnung und Kraft des Ausdrucks geeigneten Leiter eines solchen Journals sah, entwickelte diesem seinen Gedanken einer „Europäischen Staatenzeitung", die nach seinen Absichten „eines der schönsten Institute nicht nur Deutschlands, sondern Europas sein" sollte, und wußte Schiller für die Ueber- nahme der Herausgeberschast geneigt zu stimmen. Schiller seinerseits brachte den schon seit Jahren von ihm erwogenen Plan eines „großen literarischen Journals" zur Sprache, das die ersten Köpfe der Nation vereinigen, und das „sich über alles verbreiten" sollte, „was mit Geschmack und philosophischem Geiste behandelt werden kann". Die Vereinbarungen der Untertürkheimer Spazierfahrt vom 4. Mai wurden Ende des Monats von Cotta in Jena auf der Heimreise von der Leipziger Ostermesse in zwei Verträgen festgelegt: in dem „Contract über den Verlag einer Allgemeinen Europäischen Staatcnzeitung von Hrn. Hofrat Schiller", und in dem „Contract über die literarische Monatsschrift Die Horen betitelt, welche unter der Aussicht des Hofrat Schiller erscheinen soll". Zur Durchführung kam in gemeinsamem Wirken von Schiller und Cotta allerdings nur der Plan der „Horen": der Gedanke einer politischen Zeitung wurde vorläufig zurückgestellt, weil Schiller mit Rücksicht auf seine Kränklichkeit und wohl auch aus das eindringliche Abraten Goethes hin schließlich die Leitung einer solchen Zeitung ablehnte. Waren auf diese Weise auch Cottas Haupthoffnungen nicht erfüllt worden — die Uebernahme der „Horen" in den Verlag bedeutete für diesen einen unermeßlichen Gewinn an Ansehen, und was Schiller während der Verhandlungen einmal an Cotta schrieb: „Wenn dies die einzige Schrift wäre, die Sie verlegten, so müßte schon diese einzige Ihren Namen unter den deutschen Buchhändlern unsterblich machen", sollte sich bald als nicht übertrieben erweisen. Denn durch die „Horen" gewann Cotta Beziehungen zu den glänzendsten Geistern des damaligen Deutschlands: in erster Linie zu Goethe, der u. a. den „Benvenuto Cellini" und die „Römischen Elegien" beisteuerte, dann zu Herder, Fichte, Hölderlin, Alexander und Wilhelm von Humboldt, zu den beiden Brüdern Schlegel, Johann Heinrich Voß und was sonst dem Jenaer und Weimarer Dichter- und Gelehrtenkreise nahestand. Daß viele dieser Mitarbeiter der „Horen" früher oder später selbständige Autoren des Cottaschen Verlags wurden, war eine ganz natürliche Folge. Schon 1795 wandte sich Fichte mit mehreren Vorschlägen — und der Bitte um ein Darlehn von 50 Karolin — an Cotta, im gleichen Jahre bot Schiller für Hölderlin dessen „Hyperion" an, der dann in endgültiger Gestalt von 1797—99 in Tübingen erschien; auch Friedrich Schlegel bemühte sich schon 1797, Cotta zum Verlag einer Sammlung philosophischer Aufsätze zu bestimmen — kurz: Johann Friedrich war nun schon ein gesuchter Verleger geworden. Er wurde es vollends, er wurde der von allen Dichtern und Schriftstellern Deutschlands umworbene „Erste Verleger Deutschlands" (wie ihn später Fououä genannt hat), als Schiller und Goethe ganz oon ihren alten Verlegern Göschen und Unger zu dem wagemutigen, glänzenden Honorare bietenden Tübinger Buchhändler übergegangen waren. Schiller tat diesen Schritr unmittelbar nach der Uebernahme der „Horen" gemäß seiner, Cotta gegebenen Versicherung, daß der Verleger der „Horen" auch der Verleger aller seiner Schriften wurde, Goethe, nach der Mitarbeit an Schillers „Tenien- und Balladen-Almanach für 1797 und 1798, und nach dem ersten eigenen Versuche mit den „Propyläen" (1798), entschieden nach der Jahrhundertwende, so daß man von etwa 1805 ab Cotta mit Recht auch als den Verleger Goethes bezeichnen kann. So hatte der Cottasche Verlag sein „klassisches" Fundament erhalten. Das Vertrauen der größten literarischen Geister der Zeit trug ihn und bot die Gewähr einer Wirkung in die Tiefe, ins Wesentliche, ins lieber» tägliche. Aber Cotta wollte auch literarisch in die Breite, auf die weiteste Oefsentlichkeit, für die Bedürfnisse des Tages wirken. Er schuf sich daher im Jahre 1807, zu einer Zeit, als nach der Niederwerfung Preußens durch Napoleon die Flucht der Gebildeten aus der Politik in die Literatur und Kunst immer allgemeiner wurde, eine schöngeistige Tageszeitung, das später so berühmte „Morgenblatt für gebildete Stände". Seine Absicht war dabei, „eine Zeitschrift ins Leben zu rufen, welche, unterhaltend und belehrend zugleich, die Literatur und die ganze Bildung der Gegenwart, mit Ausschluß der politischen Tagesgeschichte, aus würdige Weise repräsentieren sollte". Im Zusammenhang mit dieser Gründung schrieb ihm im Januar 1807 der ihm nahe befreundete Dresdner Archäologe und Journalist K. A. Böttinger: „Endlich hab ich die ersten neun Nummern des Morgenblatts ... gesehn und gestehe Ihnen, daß es meine Erwartungen übertroffen hat. So wenig vorbereitet, leistet es schon jetzt mehr als irgendeiner seiner Vorgänger erreichte. Sie werden Freude und Ehre daran erleben." Aus der Geschichte unserer Spielkarten. Don Karl Richter. Mit beni Einzug des Winters sind die bunten Spielkarten wieder ans ihren Behältern hervorgeholt worden. Mit der Selbstverständlichkeit, mit der man zu alt-vertrauten Dingen greift, erfreuen wir uns ihrer, ohne erst lange nach dem Wann und Woher zu fragen. Und doch blicken diese bald mehr, bald ntinber hübschen Karten auf eine lange, in vielen Einzelheiten noch nicht aufgeklärte Geschichte zurück. Welchem Volke wir die Erfindung dieses Spieles zu danken haben, darüber gehen die Meinungen auseinander. Sicher ist nur, daß es aus dem Orient zu uns gekommen ist, aus dem es vermutlich die Kreuzfahrer nach Europa brachten. Bei den Chinesen ist eine Tradition lebendig, die wissen will, daß sich die Söhne des Himmels schon um das Jahr 2000 v. Ehr. mit Kartenspiel' die Zeit vertrieben haben. Neuerdings ist auch die von Court de Gebelin 1779 vertretene Ansicht, der in den primitiven Spielkarten nur Allegorien sehen und die Weisheitsbücher der allen Aegypter erkennen wollte, von dem amerikanischen Gelehrten I. King van Rensselaer wieder ausgenommen worden. Er weist besonders auf den Zusammenhang hin, der zwischen den heute auf italienischen Atout-Karten vor kommenden Symbolen und den Göttergestalten des Merkur, Nedo und Toth besteht, Göttern, die in Etrurien, Aegypten und Babylonien verehrt wurden. Da außerdem viel dafür spricht, daß die ersten Karten, -die nach Europa kamen, nicht zum Spiel sondern zum Weissagen der Zukunft dienten, so wären es nach dieser Theorie ,zukunftkündende Zigeuner gewesen, denen wir die Einführung aus ihrem Heimatland Aegypten nach dem Abendland zu danken hätten. Weitaus der -meisten Anhänger aber erfreut sich heute die Meinung, die zuerst von dem gelehrten Buchhändler B r -e i t k o p f im 18. Jahrhundert vertreten und jüngst wieder von dem Engländer H. T. Morley in seinem Buch „Alte und seltsame Spielkarten" scharfsinnig dargetegt wurde, nach der auch diese zeitkürzende Gabe wie so manches Geschenk aus dem Rätsellande Indien stammt. Dafür sprechen sowohl ethymologische Gründe wie die auf den frühesten italienischen Karten benutzten Auszeichnungen -oder „Farben". Ein im Jahre 1377 von dem Rat der Stadt Florenz gegen alle Glücksspiele erlassenes Berb-ot, führt ausdrücklich auch das „Dtaiibbe" an; dieses damals die Spielkarte bezeichnende und später in „Na-ibi" umgewandelte, noch heute in dem spanischen und portugiesischen „naipes" als Bezeichnung für ben gleichen Gegenstand fortlebende Wort weist nach dem hindostanifchen Orient hin, wo na-eeb ober na-id soviel wie Bize-König bedeutet. Unter den im Gebiet von Hindostan heinuschen Kartenspielen finden sich aber in dem aus 96 Karten bestehenden ,,-ghendgifeh" ebenso wie in einem von vier Personen gespielten alten indischen Schachspiel als Hauptfiguren der König und besonders der Wesir, der na-ib. Nach dem gleichen Heimatslanb deuten auch die Embleme auf frühen in Italien vertretenen Spielen. Diese bestanden aus 78 Karten, von denen 56 in vier Serien auf je zehn Karten die Zahlen eins bis zehn und auf je vier die Bilder -des Königs, der Königin, des Ritters und des Knechtes auf wiesen — auch von hier Fäden zu dem Schachspiel spinnend; außerdem enthielten die Spiele 22 allegorische Figurenbilder, die allen andern „attuti" ober „Atouts" aus ä toutes überlegen waren, nach welcher Eigenschaft man sie benannte. Als Embleme oder Unterscheidungszeichen traten in Italien zuerst Spa de (Schwester), Coppe (Kelche), Denavi (Pfennige) und Bastioni (Stöcke) auf; es sind dies die gleichen Symbole, die bie Hindu-Göttin Ardhanari, die vor mehr als 5000 Jahren oon den Indern verehrt wurde, auf alten Bildern in ihren vier Händen hält. In Frankreich wurden dann die noch heute üblichen Unterscheidungszeichen Treff, Pik, Karo, Coeur, in Deutschland Eichel, Grün, Schelle, Herz an ihre Stelle gesetzt. In schnellem Siegeszug eroberte sich das Kartenspiel Europa, wenngleich sich auch hier die einzelnen frühesten Stationen des Weges nicht bestimmt nachweisen lassen. In Italien, wo das bereits erwähnte floren- tiner Verbot aus dem Jahre 1377 für feine frühe Ausbreitung spricht, waren die Karten ursprünglich ein Rechenspiel für Kinder. So besaß -der Herzog Philipp Maria Visconti von Mailand in seiner Kindheit um das Jahr 1400 ein gemaltes Kartenspiel mit Darstellungen von Göttern, Tieren und Vögeln, das zu seinen liebsten Spielsachen zählte. In Deutschland, wo die Kartenerzeugung früh in hoher Blüte stand, lassen sich bereits im Jahre 1384 Innungen von Kartenmachern nachweisen; doch dürfte die friHjefte dieser Vereinigungen schon zu Anfang des 14. Jahrhunderts bestanden haben. In Belgien werden die Karten 1379, in Frankreich 1392 ausdrücklich erwähnt; hier hat sich eine Rechnung erhalten, nad) der der Maler Jacquemin Gringonneur für drei Kartenspiele, mit Gold und Farben zum Zeitvertreib des Königs Karl VI. an gefertigt, 56 Sous bekam. Daran hat sich die durch nichts begründete Legende geknüpft, bie Spielkarten feien zur Zerstreuung des schwachsinnigen Königs erfunden worden. Sicher hat er nicht anders mit den schön ausgeführten ftarttm gespielt als mit Papierpuppen In England wird 1463 bereits tp jhmon hnht'n fid) nur lv-en'iae Ein^eik'arte'N, kein -gcl'NZtes Spt»'Sl er halfen^ Mer die schnell wachsende Verbreitung erforderte bald eine t lliaere Herstellungsart. Zunächst griff man zur Materei mit Patronen, uMddurchdenHoiüchn-itt, später auch durch den Metallstich Mtrö t i Äb«" ™ Deutschland entwickelte sich bald ein HiihSr Handelszweig, dessen Mittelpunkt Ulm war. Der Rat von Benedia sah sich im Jahre 1441 zu einem Erlass veranlaßt, der. che v netianischen Kartenerzeuger gegen die deutsche Konkurrenz schützte. Heute sind Altenburg, die Skatheirngt, und Stralsund tw wichtigsten Rutschen Herstellungsorte. Die Figuren aus den Spielkarten haben im , Lause der Jahrhundert« manche Ilmwandlung erfahren, che «>chnei- dcnchte wohl während der französische» Revolutwn, als sie durch po.i- tische Allegorien im Zeitgeschmack ersetzt wurden. Sie konnten sich aber ebensowenig behaupten wie die von üapoleon an ihre totelte gZetzten Karten, zu denen der berühmte Maler David -di-e Entwürfe Die Spielkarten, die als Kinderspiel ihren Einzug gehalten hatten, entwickelten sich bald als ein Glücksspiel, das das bis dahin bevorzugte Würfelsviel in der Volksgunst immer mehr verdrängte. Di« Kirche und der Staat der dann später durch di« Kartenstouer -aus der neuen Leidenschaft Stutzen zu ziehen verstand, zogen frühzeitig mit heftigen Verordnungen gegen das Spiel zu Feld. Schon 1397 wurden in Deutschland wie in Frankreich allgemeine Verbote erlassen, wahrend sich di« Synode von Oangres 1404 ausdrücklich gegen das Kartenspiel der Geistlichen ivaiidte Am 5. Mai 1423 schleuderte der heilige Bernhard von Siena eine flammende Philippika gegen die Glücksspiele von den Stufen der Kirche St Petrowius in Bologna und veranlaßte die Menge, ehre Spielkarten, Würfel, Schachspiele herbeizub ringen, die auf öffentlichem Platze verbrannt wurden. Ein ähnlicher Fall ereignete sich wenige Jahre später in Paris Interessant ist der in verschiedenen Ländern, z. B. in der Bretagne und Dänemark, von der Geistlichkeit unternommene Versuch, das Kartenspiel, das sie nicht ausrotten kannte, der Kirche und dem Labe Gottes -dienstbar zu machen; in Linderform überlieferte geistliche Auslegungen -des Spiels, die bis in den Ausgang des Mittelalters zurückreichen, beweisen das ebenso wie die noch zu Beginn unseres Jahr- himderts in Tiroler Kapellen neben den Heiligenbildern in einem Beutel- djen aufgehängten geistlichen Spielkarten; aus ihnen zog sich der Hilse- unb Trostbedürftige einen guten Rat in Form einer Karte. Verbote und Ablenkungsversuche vermochten aber nicht, den Siegeszug des Kartenspiels als weltliches Vergnügen auszuhasten. Alle Stände wurden gleichermaßen von der Spielletdenfchaft ergriffen, in der elendesten Kneipe wurde ihm ebenso gehuldigt wie in den Salons, und mit vollem Rechte konnte Voltaire im Jahre 1760 au Mad. du Def- funt schreiben: „Die Karten füllen alle Mußestunden der sog. guten Gesellschaft von einem Ende Europas bis zum andern." Und ein Voltaire von heute könnte, den Triumphzug des Bridge-Spiels in den letzten Jahrzehnten erwägend, dieselben Worte sagen. Das Meer und die Kohle. Aus der Urgeschichte der Erde. Von Dr. Emil Carthaus. Daß mir in den Steinkohlen den schwarzen Diamanten, wie man sie wegen ihres hohen Wertes für die Industrie und die ganze Volksrvirt- idyaft mit Recht genannt hat, auf natürlichem Wege verkohlte Pflanzen- rcfte vor uns haben, darüber besteht' kein Zweifel mehr. Ebenso ist man zu ider Erkenntnis gekommen, daß die Pflanzen, aus denen sich di-e Steinkohlen unter Luftabschluß durch überlagernde Erd- und Gesteinsmassen oder auch unter Wasserbedeckung gebildet haben, meistens an «der Stelle gewachsen sind, an der durch ihre allmähliche Anhäufung in auf- ein-anderfolgen-den Geschlechtern die Kohlenflöze «ntftauben. Da die Geologen Aehnliches in den Torfbildungen unserer -europäischen Moore sahen, wo -eine Psl-anzengeneratian auf der anderen heranwächst und sich die abgestorbenen Generationen -unter Luftabschluß nach und nach in formlose braune oder braunschwarze Massen verwandeln, die sich mit der Zeit immer mehr der Braunkohle nähern, so glaubte man allgemein, auch die Entstehung der Steinkohle aus Sümpfe "oder Moore der Steinkohlen- und Karbonzeit zurückführen zu müssen. Gerade die deutschen Geologen haben, sich stützend auf die wissenschaftlichen Ausführungen von Prof. P o t o n i e, bis in die jüngste Zeit hinein diese Ansicht vertreten, während unter den englischen besonders der Präsident der Geologischen Landesanstalt von Großbritannien, Sir Archibald Geikie, sckzon feit Jahrzehnten darauf hingewiesen hat, daß unter anderem als solche erkennbare Ueberreste von echten Moortieren, wie beispielsweise von Gonliatiten, entschieden dafür sprechen, daß die Pflanzen, aus denen sich die Steinkohlen bildeten, in Moorwasser vegetiert haben müssen. Zur Erklärung dieser auf den ersten Blick überraschenden Tatsache weifen die englischen Geologen auf die „tidalforest" oder Gezeitenwälder tropischer und subtropischer Meeresküsten hin, die bei uns unter dem Namen Mangroven- -oder Rhizophorenwälder bekannt sind. Dies« merkwürdigen Wälder bedecken an der flachen, sozusagen unmerklich in di-e Sundasee tauchenden Dstküste der Rieseninsel Sumatra eine Fläche von 1000 Quadratkilometern. Ihr Boden ist vom Meerwasser völlig durchtränkt und wird nach der See hin fuß- ja stellenweise mehrere Meter hoch von ihm bedeckt. Landeinwärts besteht der Mangrovenwald aus salz- lieb-eiiben, bis 20 Meter hohen Bäumen und auffallend weit ausladenden Wurzeln, in feinem dem Meer zugekehrten Teil vorwiegend aus Rhizo- phoren. Es sind das zehn bis fünfzehn hoch aufragende Bäume aus hochentwickelten Pflanzengeschtechlern, die auf sehr merkwürdigen Luftwurzeln oder Wurzelstühlen ruhen, tote ragen so hoch über den Meeresboden -empor, wie sich das Wasser zur Zeit der Flut über ihnen erhebt. Dieses eigenartige Wurzelwerk, wie auch das einiger anderer Bäume der Mangr-ovcnwäld'er erinnert uns in seinen anatomischen und bi-ologischen Verhaltnissc-n ganz aufsallend an -das der Schuppen- und Sicgelbaume — Lepidodendren und Sigillarien — der Steinkohlenflora. Hätten unsere Geologen Gelegenheit gehabt, fid) davon -ein Bild zu machen, wie in dem, ein höchst unliebsames Dickicht und Wurzelgewirr bildenden Meeressumpfwäldern oder „Diüalsorests" unausgesetzt dw Bildung -einer ticfschwarzen, an brennbaren Bestandte-ilen sehr reichen erui.-gen Masse vor sich geht, so würden sic sicherlich di« Steinkohle schon lange aus eine an b-aumsörmige Pflanzen sehr reiche Flora zurückgeführt hab-en, die nicht, wie die torsbi-ldenden Pflanzen von heute, in Sußwafsersu-mpsen des Festlandes vegetierte, sondern in dem -salzdurchtränkten Boden der Meeresküste selbst. Bon diesem Gesichtspunkt aus wird man es erflarlidj finben -daß gerade die Kaibonperiode di« Hauptbilbu-ngszeit der Stern« kahlen' war. Trat fi-e, ebenso wie die geologische Tertiärzeit dadurch rn der Erdgeschichte besonders hervor, daß in ihr die Erdrinde dort, wo fte fidi schon über den Meeresspiegel erhoben hatte, außerordenllch hauf.gen Biegungen und Senkungen unte-rworsen nxi-r, so mußte das wel mehr als in anderen Erdzeiten zu Strandbildun-gen führen, deren Boden einer nach Art der Mangrovengewächse im Meerwasser vegetierenden Flora allnstige -Leben sbodingungen bot. Man sieht das noch -heute im ganzen indischen Archipel bis nach Reu-Guinea hin. Ramentlch m feinem Westen ihn Gebiet -der großen Sunda-Jnfeln, -ist der Meeresboden in langsamer unausgefetzter Auf- und Abwärtsbewegung begriffen, und es gibt wohl kaum eine andere Gegend der Welt, wo di« M-angrovenwa-lde» eine so große Verbreitung besitzen. Dort geht denn auck) noch heute die Bildung von tiefschwarzer, strukturloser Mineralkohle an sehr vielen Stellen und an der Dstkllst« von Sumatra sogar in sehr großem Maßstäbe vor sich Hierbei fallen aber -ebenso wie bei der Bildung -der Stein- kohlen der geologischen Vorzeit gerade di« wechselnden Hebungen und Senkungen der Erdrinde sehr ins Gewicht. Erst -t-ain-n tritt nämeich em« bis Mr Entstehung von wirklicher Steinkohle oder anthrazi-tischer Stem- kohle kührende Anreicherung des Kohle-nstoffs in den am Boden der Mangrovenwä-lder sich bildenden bituminösen «rtugen Mass« ein, wenn fie infolge von Senkungen der Ufe-rrogion, in der sie sich abgelagert haben, von tonigen oder auch f-antt-g-en Ablagerungen der her-c-in-b-rechen-den M-eeresfl-ut üb-erdeckt und auch b-ei später eintretenden Hebungen der Erdrinde von der Luft abgeschlossen bleibt. Sielst man dod) -daß alle Steinkohlenflöze zwischen ton-i-ge und sandige Schichten «i-nge-l-ag-ert sind. Erscheint dieses überall wiederkehrende L-a-gerungsv-erhältnis der totem- kohlen b-ei der Annahme, daß sie sich n-ach Art unseres Torfes aus Sumpf- oder Moorpflanzen des Festlandes gebildet haben, schon recht -gesucht, so müssen wir diese Annahme überhaupt fallen lassen -der Tat- fache gegenüber, daß sich in heißen Klimoten überhaupt kein« Torfmoore bilden können. Geht doch hier die chemische Zersetzung der letzteren sehr schnell vor sich. 9iun läßt aber der gonge Charakter der in der Steinkohl-enformation begrabenen Pflan-zenreste, na-mentlid) der haushoch emporgewachsenen Lepidodendr-en, Sigellarien und -der als C-ala- mi-ten bezeichneten urtümlichen tzti-ese-nfck)-ackstelha-l-me deutlich erkennen, daß sie in einem sehr warmen K'i.-ma Herangewachsen sind. Ab-er n-uht das allein: die umwallten Spaltöffnungen der Blätter dieser -und noch ver< schieden-er anderer Pslanzen-typen der Steinkohlenflora weisen u-n-imder- -I-egb-ar darauf -hin, -daß sie sich der Hauptsache nack) aus Pslanzen zu- fammen-gesetzt hat, die n-icht, wi« die Heute -das Festland bedeckenden, an die atmosphärischen Riede-rschläge oder üb-erbaupt an Süßwasser gebunden waren sondern statt dessen Meerwasser in sich aufnahmen. Das in diesem enthaltene Kochsalz kann nämlich vom Ps-l-anzenkörper nur bis zu einer gewissen Menge -ausgenommen werden, weil es sich in ihm an den Wänden seiner Gefaste abfetzt; di-e-se aber, wenn die Pflanze nicht ab- sterbe-n soll, nicht -allzu sehr beengen darf. Sich mit Meerwasser krankende Pslanzen oder Halophyten müssen -deshalb -eb-enso wie die, di-e in einem sehr trockenen Klima wachsen sHerophyten), -den Wasserverlu-st -bei ihrer Atmung auf ein möglichst geringes Maß zu b-esd-ränken suchen. Die Db-erbaut ihrer Blätter i-ft deshalb verdickt, -und di-e zum Atem der Pflanze -di-e-nenden Spaltöffnungen sind an der Db-erf-lädje entweder ausfallend vertieft oder durch mikroskopisch kleine wallartige Erhöhungen -gegen Verdunstung des Wasser möglichst geschützt. Gerade diese, auf die Halophyten und Herophyten beschränkte Eigentümlichkeit in der Dlattbildung -derseniigen Kan-b-onpfl-anzi'n, die vornehm lich das Material zur Bildung der Steinkohlen abgegeben haben, hätte jenen Geologen zu -denken geben sollen, die nicht von de-m Gedanken ließen, -daß -die Steinkohlen, ebenso wie der Torf in Mooren und Süßwassers iimpsen vorgebildet, im Laufe der geologischen Vorzeit zu Braunkohlen und dann zu Steinkohlen geworden seien. Schon vor mehr als zwanzig Jahren bin ich auf Gru-nd meiner umfassenden geolog-scheu Untersuchungen im Indischen Archipel dieser Ansicht in Wort und schüft entgegentreten. Läßt sich doch namentlich auf Sumatra die Steinkohlen- b-ildung, wie sie wirklich vor sich gegangen i-ft, -in allen ihren Stadien deutlich «rs-ehen bis zur vollständigen Umwandlung in Steinkohle. So unter -anderem in -dem Umbiii-en-Felde, in -einem über sechs Meter -mächtigen, Millionen Ton-nen Kohle enthaltene» Flöz. Wohl bemerkt hat die Bildung dieser, -in -ihrer Heizkraft Ruhrkohle von mittlerer Güte gleich- kommenden Steinkohle, ebenso wie auch die einiger anderer Steinkohlen« -arten niederer geographischer Breiten, erst in der Tertiärzeit -ihren Anfang genommen. In den mehr den Polen genäherten Gegenden -mußten -die den tropischen Mangrovenmälbern von heute -in so vielem ähnlichen Meeressumpfwälder (Tidalforests), damals wegen der weiter und weiter fortschreitenden Abkühlung des K'imas verschwinden, obgleich, wie gesagt, -die gesteigerten, unausgesetzten Bewegungen der Erdrinde mährend der Tertiär-ze-it vielfach günstige Bodenverhältnisse für solche in die Meeresflut reichenden Strondwälde-r darb-oten. An die Stelle der Ste-inkolst-en- b-Hbun-g trat infolgedessen in höheren geographischen Breiten die Torf- u nd Braun kohlenausbildung. verantwortlich: Dr. HanS Thyrivl. — Bruck und Verlag: Brühl'sche Universitäts.Buch. und vteindruckerei. A. Lange, Gießen.