Gießener Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang M3 Freitag, den 1-September - Nummert September-Morgen. Von Eduard Mörik«. Im Nebel ruhet noch die Welt, Noch träumen Wald und Wiesen: Bald siehst du, wenn der Schleier fällt, Den blauen Himmel unverstellt, Herbstkräftig die gedämpfte Welt In warmem Golde fliehen. Hans Gillemer. Eine Erzählung von Lily Hohenst« in. Der Name Hans Gillemer steht in keiner Künstlerchronik, Selbst der geschwätzig« Sandrart verschweigt ihn. Und vielleicht wäre jede Spur von |ein«m Dasein so hineingeronnen in das Unmaß verweslichen Staubes, das keiner mißt, hätte nicht Matthes Dotzheimer, der Chronist der Stadt Mainz, um die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts eine kurze Notiz gegeben über den merkwürdigen Fall eines Malers, der von einer gutzahlenden Kundschaft weg ganz plötzlich verschwindet, einfach untertaucht — verschollen bleibt. Danach wäre der Gillemer — sofern wir die Notiz auf ihn beziehen dürfen — ein rechter Schmierer gewesen. Das ist einer, der den Leuten zu Gefallen malt, wie sie es haben wollen und was sie haben wollen, unbekümmert um das ungeschriebene Gesetz, das den wahren Künstler bindet. Er hätte denn auch, wie es mit solchen Menschen so geht, sein hübsches Auskommen gehabt; was man allerdings seiner Kleidung und dem Wirrwarr in seiner Herberge mit den umgestürzten Staffeleien, den angeschlagenen Tellern und den Käserinden am Boden nicht weiter habe ansehen können. Möglich sei es wohl, daß er seine Dukaten in den Elenüsgassen zurückließ, die er fast täglich mit einem Skizzenheft unter dem Arm aufsuchte, der eindrucksvollen Köpse wegen. Aber verbürgt sei derlei nicht. Es ging nur ein großes Wundern los unter den Mainzern, als auf einmal die stämmige Gestalt mit dery schwarzen Pelz am alten scharlachroten Rock nicht mehr auf den Straßen gesehen ward. Man dachte erst an eine« Unglücksfall. Aber als man die Tür der Herberge erbrach, fand sich der ganze Hausrat zerbrochen am Boden und in dem kalten üamin ein verkohlter Rest von Malerleinwand. Das Wundern und Rätselraten dauerte nicht allzu lange, denn da sind ja immer neue Dinge, sie den Leuten die Mäuler aufreihen. Der Mann blieb verschollen. Und Dotzheimer, der den Fall etwa ein Jahrzehnt später erzählt, so nebenbei ils eins der vielen Zeichen einer toten Zeit, führt nicht einmal einen Namen an. Vielleicht war der Name da schon vergessen. Und verschollen geblieben wie der Mann, der ihn trug, wäre gewiß »uch der Name, hätte sich nicht vor einiger Zeit im Archiv eines rheini- chen Klosters ein sonderbares Schriftstück gefunden, das, wenn man so logen will, die Beichte eines Menschen darstellt, „Hans Gillemer" ist das Schriftstück gezeichnet, und so mag es wohl angehen, seinen Inhalt mit der lvrzen, namenlosen Notiz des Dotzheimer in einen Zusammenhang zu »ringen. Wie und wann das Blatt ins Klosterarchiv gekommen ist, wird jedenfalls immer unergründlich bleiben. Der Gillemer ist, seiner eignen Aussage in dem Schriftstück nach, guter 3eute Kind gewesen. Mit vierzehn Jahren ist er in die Lehre zum Kaspar sternbaldner gekommen, der damals seiner Kurfürstlichen Gnaden Hofmaler gewesen ist. Die Stadt wird nicht genannt. Aber wenn wir das Be- enntnis des Gillemer und den Hinweis des Dotzheimer zusammenrücken, oird es ja wohl Mainz gewesen sein. Hans Gillemer ist bald der Lieblingsschüler des alten Sternbaldner '«wesen. Der war ein guter Meister, selber ein Schüler des Elsheimer. tnb wenn so eigentlich fast gar nicht von ihm auf die Nachwelt gekommen i t, so darf man auch dies wohl den wirren Zeitläuften intt ihrem Un- >«wiß von heute dein und morgen mein zuschreiben. Der Sternbaldner iutte an dem jungen Gillemer bald einen Narren gefressen. Das mag ja ilaublich sein bei einem rechten, guten Menschen, wenn er so das Heransachsen einer Kraft mitansieht, die stärker ist als die eigne. Was mir blber versagt bleibt ..., der da wird's erreichen! So hat sich der Stern- chldner gesagt. Denn er war einer, dem das ungeschriebene Gesetz im &lut gelebt hat. Das war der große Augenblick für den jungen Gillemer, als ihm einmal eine Werkstattarbeit über die Maßen geglückt war und der alte Geister nur, statt allen Lobens, ihm die Hände auf die Schultern legte frid leise sagte: „Hans, vergiß das nie: von Gott ist's dir geschenkt!" Der Gillemer ist erst rot geworden und dann blaß. , 2m Jahr darauf bekam er seinen Zunftbrief. Er hat seine eigne Werk- Jntt ausgemacht, und der Kurfürst hat das erste Tafelbild des neuen -Leisters erworben, eine „Muhe auf der Flucht". Cs soll ein gutes Bild l-wesen sein, ein Meisterbild, und der Kurfürst hat es in irgendeinem Uner Schlösser über dem Betstuhl aufhängen lassen. Es ist dann irgendwie verlorengegangen, das einzige wahre Bild des Hans Gillemer. Wie der Gillemer später selbst. Nach dem guten Anfang kam schlechte Zeit. Der Kurfürst hat den Sternbaldner für ein paar Jahre seinem Vetter, dem Herzog von Württemberg, nach Stuttgart ausgeliehen, weil der einen reifem Künstler suchte, als wie er sie im eignen Land damals hatte. Vielleicht ist oem Gillemer auf die Art ein Holt verlorengegangen. Der Kurfürst hat sich nicht weiter um ihn gekümmert — man kann ja nicht wissen, was an so einem Hof für Intrigen spielen. Also, der Gillemer stand auf einmal allein mit seiner Werkstatt und mit seinem Können und war auf die Aufträge aus der Bürgerschaft angewiesen. Er hat auch bald den ersten Auftrag gehabt. Cs war ein „Kindermord von Bethlehem", den er da für eine fromme Patriziersfrau malen sollte, die einen Knaben verloren hatte. Der Gillemer hat sich mit aller Liebe und von ganzem Herzen in die Arbeit gestürzt. Aber als das Bild fertig war und er vor der Bestellerin in der Werkstatt den Vorhang von der Leinwand zog — mit einem klopfenden Herzen, voll bescheidenem Stolz in der Haltung und doch den ganzen Rausch feiner Schaffenstage noch im Blick —, da ist die Frau enttäuscht zusammengesahren und hat dann kalt gesagt, daß sie das Bild so nicht nehmen kann. Daß er’s übermalen müsse. Da strahlte nämlich am dunklen Nachthimmel, unter dem all das Erdengrausen da vor sich geht, hellglühend der Stern von Bethlehem! Das war so ein Einfall gewesen. Uno den Gillemer hatte es überlaufen, als ihm der Einfall kam. Es steht ja nichts davon in der Schrift, daß der Stern von Bethlehem über die Christnacht hinaus geleuchtet habe. Und wenn wir so dem Weg der Geschichte nachblicken, dann scheint es auch glaublich, daß er mit dieser einen Nacht für immer erloschen ist. Nun, dem Gillemer war's halt gewesen, als müsse ein jeder sein eignes Gefühl und fein eignes ergriffenes Schaudern nachspüren, mit dem er den Stern da mitten in die schwarze Weltnacht gesetzt hatte, das Fanal von droben. Der Dame war's nicht recht. Mit dem Verstoß gegen die Schrift hätte sie. sich ja allenfalls noch abgefunden. Sie hatte das überhaupt zuerst für einen ganz gemeinen Stern gehalten. Aber da war nun die Frau da im Vordergrund, die Hauptgestalt, um die das ganze Geschehen herumkomponiert ist. Die Frau spürt es ja gar nicht, wie ihr der rohe Herodesknecht das Bübchen aus den Armen reißtl Sie blickt ja gebannt, wie in einer Verzückung erstarrt, zu dem glühenden Fanal empor, mit dem Gesicht einer Seligen! Den Gillemer hatte es überlaufen, als ihm der Einfall kam. Und es war ihm da, als hätte er in seinem Herzen, ganz leise und friedlicher schon, das Herz der Mutter schlagen gefühlt, die bei ihm ein Bild des Kindesmordes bestellt batte, weil ihr eigner Knabe an einer Seuche, wie sie so der Krieg nach sich zieht, gestorben war. Aber der Gillemer sollte das Bild übermalen. Es war nicht die Szene aus der Heiligen Schrift, die man ausgemacht hatte. Der Gillemer dachte nicht daran, das Bild zu übermalen. In dem Bild war fein Herz. Er laß ein paar Wochen vor der Staffelei auf einem Schemel. Bald war der Vorhang aufgerissen, bald verdeckte der Vorhang das Bild, aber der Gillemer sah jede ekstatische Bewegung und jeden Helldunkeln Farbton in seiner Seele. Das Bild war gut. Die Frau verstand nichts. Nach vielen Wochen ging der Gillemer am Rathaus vorüber, um die Mittagsstunde, wenn die Ratssitzung geschlossen wird. Er wollte dem Stadtkämmerer begegnen. Der war ein reicher Mann und ein Kunstfreund. Als der Stadtkämmerer unter dem Portal erschien, zog der Gillemer das Barett vom dunklen Haar und trat mit ehrerbietiger Gebärde einen Schritt vor. Der Stadtkämmerer sprach ihn leutselig an, und dann ging er mit in die Werkstatt. Er besah sich das Bild. Er schüttelte den Kopf, zuckte die Achseln. Dann ging er. Tag für Tag ging der Gillemer um die Mittagsstunde am Rathaus vorüber, an der Dompropstei, an den Häusern der reichen Handelsherren. Er ging vergebens. Als ihm das Wasser am Hals stand, klopfte er bei der Patrizierssrau an, die einst das Bild bestellt hatte. „Wie wollt Jhr's haben?", sagte der Gillemer nur, rauh und feindlich. Dann übermalte er den lebendigen Stern mit einem alltäglichen Mond, und die Frau im Vordergrund bleckte jetzt die Zähne gegen den Kriegsknecht Mit einer verbissenen Wut malte er das Blecken der Zähne hin. Und die Hände der Frau sorgten sich mütterlich im letzten Lebensaugenblick noch um die feuchten Windeln des aufgespießten Knöbleins. Die Patriziersfrau nahm das Bild und zahlte den ausgemachten Preis. Der Gillemer lachte und bleckte die Zähne dabei. Die Hälfte des Geldes versoff er. Kurz darauf glückte es, daß ihm der Abt vom St. Veitskloster eine „Speisung der Fünftausend" in Arbeit gab. Für den Saal, in dem das Bettelvolk [ein Fressen verabfolgt bekommt. Der Gillemer ging in die Elendsgassen und brachte volle Mappen heim. Er zeigte dem Abt den Karton, in Stolz und Erwartung. Da saß sie selber, die Bettelgesellschaft, in all ihrer etetn Aussätzigkeit zu Füßen des Herrn. Der Herr speiste sie, und jeder wurde satt. Jeder trug einen Abglanz des Herrn auf seinem grindigen Gesicht, das gestern noch voller Gemeinheit gewesen war. "»U M) nath J*; Seit "Hi auf hu le, Rch. -tränen Stauen- e es der m Stuhl, i|d)en die Miiiieln Oberarme ! Besorg, tan, ober mbe, ein leben sich M mir, er nimmt appt den agio |em- iigel, nie« hnen der sie Haden ir Bude!" lesinnliche ie grobe- Wünschen . 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September >m preußischen Hauptquartier be,gewohnt hat. Der Verfasser — ein Kapitan d Or s e t — hat seine Wahrnehmungen kurz daraus in Stettin, wohin er als Kriegsgefangener gebracht worden war, niedergefchrieben. Die an der Verhandlung teilnehmenden Personen waren folgendermaßen gruppiert: Mitten im Zimmer stand ein viereckiger Tischmit roter Tischdecke. An einer der Seiten dieses Tisches saß General v. Mol t k e, mit Bismarck zu seiner Linken und General v. Blumenthal zu seiner Rechten. An der entgegengesetzten Seite sah General Wimpffen allein ganz vorn, hinter ihm, saft im Schatten, die Generale C a st e l n a u und F a u r e, sowie die anderen französischen Offiziere. Außerdem waren sieben oder acht preußische Osfiziere anwesend, von denen der eine sich an den Kamin stellte und alles, was gesprochen wurde, notierte. Nachdem man sich gesetzt hatte, herrschte eine Weile Stillschweigen. Man merkte, daß General W i m p f s e n nicht recht wußte, wie er die Besprechung einleiten sollte. Aber da M o l t k e keine Miene verzog, entschloß er sich zu beginnen: „Ich möchte die Kapitulationsbedingungen erfahren", sagte er, „die S. M der König von Preußen noch zu bewilligen geneigt ist." _ _ ... .. Diese sind sehr einfach", erwiderte Moltke, „das ganze Heer ist mit Wasfeu und Bagage kriegsgesangen. Den Offizieren bleiben ihre Waffen Der Abt lachte „Das ist ja recht schön, Hans, was du dir da ausgedacht bait und wenn die Zeiten andere wären, könnten mir s >a auch^ >rgend- roohin hängen. Aber wir brauchen nun einmal ein Bild sur den ^reKaal. Meinst du denn die Leute mögen da ihren eignen Jammer sehen. h, KÄwwi d" Un AP--«'. Mal -w-.fch-«-, mn, Reute ablenkt von ihrem eignen Gestank! Der tsiuemer jentte Kons u^d atmete in Stößen. Nach zwei Wochen ging er mit seinem Malierin ins Kloster und hieb die Sache gleich auf die Wand hm. 3n ein !aa/Wochen Der Abt lachte und sagte: °So ist's recht, du bist gelehrig, ^"^Da^Bild gefiel Die Bürger kamen ins Kloster und besahen sich das Bild Li? ain'gen dann fr* davon Soweit sie ii? fS.nns Gillemer Austräge. Hans Gillemer lachte. „Wie wollt Ihr st Nicht dieses Rot? Mehr Himbeer? Gewiß! Der Mantel der Maria, Korn- blume oder Vergißmeinnicht? Sagt nur genau, wie Ihr s haben wollt. Hans Gillemer hatte immer Arbeit. Am Abend ging er m ^e E end goffen. Und er setzte nie einen Namenszug aus em Bild. Er hatte leinen ®rUmerboäer fünf Jahre gingen so hin. Da kam der alte Sternbaldner aus dem Württembergischen zurück, weil dort seine Arbeit sorgfältig getan war Das erste war, daß er nach dem Gillemer fragte. „E, ,a. Meister, 7us den könnt Ihr stolz sein! Der ist der gesuchteste Maler m der ganzen Gegend!" Der alle Sternbaldner sah sich das eine uud /mdre Bild serrns ehemaligen Schülers an, und sein Gesicht wurde hart. Am andern Mittag -- d." fcÄ WLA: WM®.«« hatte nur das eine Zimmer sür sich gebraucht. Er wmkte le'den^aftUch dem alten Lehrer, zog ihn nach sich in den Raum. An den Wano n standen Bilder, viele gute Bilder. All die Bilder, die er in den letzten Jahren gemalt hatte, standen da noch einmal. So, rote er ste hatte malen müssen' Er stieß die Bilder, die ungerahmt, nur auf den Keilrahmen ge- snannt umherstanden, vor den Sternbaldner hin. ,,Das da , keuchte der Gillemer, „das da, das wird einmal zeugen für mich, spater einmal roenn die Menschen einmal wieder em Verstehen haben werden ...! Der alte Meister legte ihm, Schweigen gebietend die Hande aufbie Schultern. Ganz leis sagte er, mit einem Zittern m der Stimme. „Hans ... Hans.. ■ weißt du, was du geworden bist? Ein Schweinehund bist du geworden. Der Gillemer wurde erst blaß und dann rot. ffi(. In der Nacht, die dann kam, muß es gewesen sein, daß der Gillemer seinen Hausrat zerschlug und seine Bilder im stamm verkohlen Ueh. Bann d hat keiner ihn mehr gesehen. Nur der Dotzheimer berichtet noch in einer Anmerkung im Anhang seiner Chronik von dem obdachlosen Gesindel aus all den vom Krieg zerstörten Dörfern und Flecken, das sich in den Waldern des Taunus umhertrieb und die Handelsstraßen nach Mainz unb 5r Mal hat dies Gefühl der Anheit der Amerikaner Walt WNtman in feinen Hymnen ausgesprochen: „ich meine, ich könnte mich den Tieren zu- gesellen und mit ihnen leben!" ruft er aus. Er liebkost das Pferd wie eine Geliebte und findet in den Augen des Ochsen mehr ausgedruckt „als alles Gedruckte, das ich in meinem Leben gelesen" Bei uns hat der Schweizer I V. Widmann in seinem Buch „Der Heiland und die Tiere' Aehnliches gefühlt und ergreifende Dichtungen hat aus diesem Gefühl heraus der Franzose Francis Ja mm es geschaffen in seinem „Hasenroman" und dem .Paradies der Tiere". Bengt Berg, Paul Eipper, Friedrich Schnack haben in ihren vielgelefenen Tierbüchern intime Einfühlung bewiesen Viele der jüngsten Dichter fachen verwandte Seelen im Zoologischen Garten, und empfinden, was Otto Flake in feinem „Logbuch" sagt: „Sitte die Tiere sagen dir etwas von dir selbst aus; sie geben eine dunkle Erinnerung an etwas Uraltes in dir selbst." Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Waller Julius B l o e m (GDS.). (Fortsetzung.) Am Ende der vier Räume hat Anton sein Laboratorium eingerichtet, nichts von dem prahlerischen Glanz moderner Sachlichkeit, ein Küchen- tisch dient ihm zum Schreiben, zum Rechnen und zum Experimentieren mit dem Bunsenbrenner. Die Frau Leer aus der oberen Wohnung futtert ihm ein paar Kaninchen und Meerschweinchen, denen er zuweilen seine Präparate unter die rasierten Felle spritzt. Es gibt ferner einen wackligen Kleiderständer, mehrere Kisten und Regale, während an den Wänden die Retorten, Schalen und Mörser durcheinander stehen, immer gerade derjenige unerreichbar, den man braucht. Schon längst hat Anton sämtliche Salben und Schönheitscremes, alle Schaumbäder und Blutreinigungspillen, die es überhaupt zu kaufen gibt, chemisch analysiert, und das schwefelgelbe Pulver, das er jeden Morgen unter so geheimnisvollen Umständen mischt, ist das erste Ergebnis dieser Bemühungen, seine Salbe zu vervollkommnen. Aber neulich war er in Eisenach, um persönlich mit einem Grossisten zu sprechen, und als er sich am Morgen im Hotel wusch und rasierte, sand er ein hartes Wasser dort, d^s sich schlecht mit der Seife verband, es macht« die Klinge kratzen, so daß er sich schnitt, und hinterließ eine rauhe Haut. Seither trägt er Tag und Nacht den Gedanken mit sich, daß man irgendetwas austüsteln müßte, Pille oder Tablette oder Pulver, womit die Männer sich das Rasierwasser enthärten können, drei Pfennige das Stück. Aber obwohl alles von seinen Anordnungen abhängt, wagt ,emand zu behaupten, Anton sei nicht das eigentliche Gehirn dieses Betriebes. Eine Stunde nach Arbeitsbeginn taucht Kandidat Kieselbach im Büro auf, manchmal sogar noch später. Für ihn wurde quer vor eine Ecke ein Tisch gestellt, dem Fenster so fern und abgekehrt wie möglich, eine Standlampe muß dort brennen, und Modezeitungen, Prospekte von Automobil- und Seidenfabriken, Bücher über Werbekunft liegen in Massen aufgestapelt. Dort sitzt er in einem alten Lehnstuhl der Frau Leer, bläst aus einer meterlangen Pfeife und wühlt mit unsteten Händen in ewig zerknitterten Schreibpapieren, die er entweder mit Zeichnungen von Schmetterlingen, im Profil gefehenen Köpfen oder mit winzig eng geschriebenen philosophischen Abhandlungen bedeckt. Kisselbach mag jedoch tun, was er will, es endet immer und auf geheimnisvolle Weife in einem Inserat für die Salbe Erotikon. Seit kurzem erscheinen alle männlichen Angestellten und auch der Kandidat so glatt rasiert wie englische Lords, Anton übergibt jedem von ihnen bei Arbeitsschluß täglich eine Literflasche mit einem irgendwie präparierten Wasser, sie müssen es zum Rasieren benutzen, und sofort am Morgen läuft Elli mst einer Liste herum, in welche sie eine genaue Zensur des jeweiligen Wassers ejnträgt, dessen Zubereitung ständig zu schwanken scheint. Seither zeigen Kieselbachs Arbeiten eine leichte Tendenz, sich auf die Kunst des Rasierens zu erstrecken. Nach vierzehn Tagen hat Anton seine Pillen fertig, Kieselbach heißt Elli einen Haufen Zeitschriften besorgen, blättert die Inserate durch und tauft die Pillen „Barbaran", das später in „Barbaran weich" verwandelt wird, obwohl es keine harte Sorte gibt. Um das neue Erzeugnis stillschweigend einzuführen, entwirft der Kandidat einen handgroßen Prospekt, der künftig den Salbentuben nebst einem Tütchen mit drei Pillen beigepackt wird. Elli allerdings erkundigt sich nicht ohne Berechtigung, ob das Erotikon etwa nur von verheirateten Frauen gekauft werde. „Im Gegenteil, die haben den Apfel vom Baum." — „Ach was", sagt Anton, „ein Mann ist immer irgendwo in der Nähe, wenigstens bei denen, die eine Schönheitscreme benutzen." Stimmt das? Es 'ist nicht viel los mit dieser kleinen Fabrik, nicht wahr? Vier Räume, in denen es fade und süß riecht, Wände mit verstaubtem Mörtel und mit bröckelnden Nagelspuren, Spinngewebe in den Ecken. Nur acht Menschen etwa, die ihr Brot finden, und gewiß kein Üppiges. Aber wenn Anton Wagenschanz mit argwöhnischen Blicken durch die vier Räume schleicht, immer in der Sorge, daß die Leute ihn Übervorteilen oder daß sie faulenzen, es klappert und stampft in den vier Räumen und läuft hin und her, so kommt es vor, daß er sich mit Staunen fragt, wie ist das eigentlich entstanden, wie ist es zugegangen? Gemessen an seiner dumpfen Untätigkeit hinter der Theke seiner Mutter scheint es ihm, als habe er die Welt geschaffen! Wahrscheinlich sitzen Hunderte, Tausende und Millionen müßig herum, untätig und verzweifelt, sie warten aus einen solchen Entschluß, durch den ein anderer ihnen Brot auf den Tisch setzen soll, aber zu ihnen kommt kein Anion Wagenschanz. Das denkt er ohne Hochmut. Alle Straßen findet er sperrangelweit offenstehen, die er verriegelt glaubte, offen für ihn, sofern er nicht daraus hofft, daß ein Fremder ihn nutzieht. Ja, wie ist es zugegangen, wie kam es eigentlich, was gab den Anstoß? In der Erinnerung kommt es ihm so vor, als sei alles kinderleicht gegangen, wie von selbst, und alles Schwere nur in der Zukunft. Denn wird er sich auf die Dauer halten? Er rührt unaufhörlich die Trommel an allen Orten im nahen Umkreis, und sobald er sich denkt, nun ' haben wir es geschafft, nun läuft die Karre von selber — dann tröpfeln die Nachbestellungen nur noch zögernd herein und versickern ganz. Der Lehramtskandidat Kieselbach ist in die Reihe der Lebendigen zurückgekehrt, schon trägt er auf Abzahlung einen neuen Anzug, feierlich schwarz und mit einem steifen Röhrenkragen. Er hat seine Talente entdeckt, fernab vom Lehramt, für das sein Vater ihm eine nutzlose Ausbildung verschafft hatte, und auch dieser Umschwung kam her aus jenem einsamen Entschluß. Als er nach anfänglichem Herumlungern in Antons Nähe einen richtigen Arbeitstisch bekam, brachte er sich bald eine Flasche Wein mit, ohne die er nicht .dichten' zu können behauptete. Elli, die im gleichen Raum an ihrer Maschine schrieb, erwiderte ihm, er solle nicht dichten, sondern arbeiten. „Von solchen feinen Unterschieden verstehen Sie nichts, Fräulein Elli." Tags darauf fand er Wasser in seiner Flasche, der schöne Rotwein floß in die Kanalisation. Daraufhin brachte Kieselbach sich eine kleine Rockflasche mit, aber der Tag glühte vom Himmel und der Rock hing über der Stuhlkante; der Kandidat kam aus dem Laboratorium zurück, auf seinem Arbeitstisch lag eine Schachtel mit den feuchten Scherben auch dieser Flasche. Da geschah etwas Außerordentliches, er krempelte die Aermel auf und schlich, die Augen rot vor Wut, auf das Mädchen los. Aber bevor er Elli anzugreifen wagte, zischte er Schmähungen. „Sie riechen nach Schnaps, Kieselbach", sagte Elli unbarmherzig. In seinem Gesicht ging eine Veränderung vor, sie drchte ihm jetzt erleichtert den Rücken und spannte einen neuen Bogen in ihre Maschine. Seither gehorcht der Kandidat ihr wie ein Schoßhündchen, seither liebt er sie ohne Wagemut. Seine vom Lebensüberdruß und vom Alkohol geschädigten Nerven zittern abends, wenn er sein Zimmer betritt, es ist ein winziges Hinterhauszimmer, drei Stockwerke hoch, Elli trieb es für ihn auf, und auch fie erreichte nur mit vielen Bitten etwas, da niemand den bekannten Säufer aufnehmen wollte. Man blickt dort über hundert Dächer, mitten ins Abendlicht, zu dem die schwachen Opserseuer zahlreicher Kamine empor rauchen. Täglich versetzen Zauberhände dies Zimmer in einen unbeschreiblich herrlichen Zustand, man tritt abends dort ein wie in das verlorene Paradies der Kindheit. Dach um Kieselbach toben immer noch die bösen Geister, seine Hände sind besessen von ihnen, er ergreift dieses und jenes Stück, stellt es sinnlos weg, und Minuten später sieht das Zimmer verwüstet aus, bewohnt von einem Unhold. Es steht immer noch schlimm um Kieselbach. Aber er liegt aus dem Fenster heraus, läßt seine Großvaterpfeise in den Abgrund hinabhängen und weint Tränen über die Herrlichkeit des verblassenden Himmels. Bei Tage, mit einem Blick in diesen knallblauen Himmel hinein, bedauert Doktor Wagenschanz gelegentlich, daß er keine Zeit findet, das Autofahren zu erlernen, obwohl er einen Wagen besitzt (und was für einen!) Gleichmütig erwidert Kieselbach: „Warum lassen Sie sich nicht von mir fahren, Herr Doktor?" „Was, Sie können Autofahren?" schreit Elli. Anton zweifelt. „Haben Sie denn überhaupt einen Führerschein?" Der Kandidat hott mit lässiger Hand aus seiner abgegriffenen Brieftasche das Papier hervor. Schon am nächsten Tage erscheint ein junger Monteur mit zwei Bierflaschen voll Benzin bei der Witwe Wagenschanz und steuert den taubengrauen Wagen rückwärts zum Schuppen hinaus, als ob das gar nichts sei, und vorwärts durch Hof und Straßen zum Bezirksamt. Kieselbach sitzt als zweiter Mann dabei, hohlwangjg und unausgeschlafen hockt er in den Polstern, da er die ganze Nacht beim Schein der Petroleumlampe wach zu Bette lag und seine Kenntnisse vom Autofahren durch eine Art Selbststudium auffrischte, gegen Morgen konnte er es schon wieder großartig. Er log nicht, vor einer Reihe von Jahren war ihm eine kleine Erbschaft zugefallen, die er als moderner Mann nicht besser verwenden zu können glaubte als mit dem Besuch einer Fahrschule, und mit Ach und Weh bestand er damals das Examen. Nun gleitet der taubengraue Zweisitzer ruhevoll und unhörbar dahin und ahnt noch nichts von seinem künftigen Schicksal. Nach einer Stunde (mir arbeiten in dieser Hinsicht bei weitem fortschrittlicher als sogar die Reichshauptstadt) slitzt der Wagen aus dem Hof der Behörde, vorne und hinten leuchtet eine funkelnagelneue Nummer mit einem prahlerischen roten Stempel darauf. Kieselbach zögert nicht länger, ein paar sachkundige Redensarten fallen zu lassen „Perdammt gute Kompression", tagt er anerkennend, „das hört man ordentlich." Dann geht das Benzin zur Neige, sie bremsen vor einer Pumpe, eilfertig springt Kieselbach heraus, greift nach dem Benzinschlauch, schraubt vorn den Kühlerdeckel ab und steckt den Schlauch hinein. Der Monteur und der Tankwart halten sich die Bäuche. Nun hat der Monteur etwas davon gehört, daß Kieselbach mit dem Wagen fahren soll, und weil ihm die Sache verdächtig vorkommt, führt er den Zweisitzer aus der Stadt heraus und überläßt dem andern das Steuer. „So, nun fahren Sie mal!" Inzwischen jedoch hat der Kandidat seine theoretischen Kenntnisse durch praktisches Aufpassen förmlich auf die Spitze getrieben, in der höchsten sportlichen Erwartung nimmt er den Platz des Führers ein, übersinnt unter schärfstem Nachdenken nochmals die nötigen Griffe, schaltet kraftvoll, aber der Taubengraue zuckt nur ein bißchen und bleibt verstummt auf der Stelle. „Nanu?" „Im allgmeinen fährt man ja nicht mit blockierter Bremse, Herr Kandidat." Man einigt sich, daß ein solches belangloses Versehen zuweilen auch dem erfahrensten Lenker widerfährt, und nichts hindert Kieselbach nunmehr abzufahren. Die reichlich verkonstruierte Maschine bewegt sich 1 jedoch mit einigen schnellen Sprüngen rückwärts; ein ruscher Griff des Monteurs zur Bremse belehrt sie darüber, daß sie sich so zu verhalten hat, wie es ihren Führern gefällt, und nicht etwa hier eigenmächtig herum- laufen darf. Sie erträgt die Faust des Menschen nur ungern, denn der Motor bleibt mit einem zornigen Röcheln stehen. „Bestie!" stößt Kieselbach zwischen den Zähnen hervor. Es gelingt ihm denn auch, den Eigenwillen des widerspenstigen Mechanismus zu brechen, mit ungeheurer Anstrengung schleppt der Wagen sich einige Schritte dahin, bis er vollkommen erschöpft liegen bleibt. „Na ja, los! Warum geht es denn nun nicht mehr? Kieselbach schüttelt verwundert seinen Vogelkops. ,,Fahren wir zurück", meint der Monteur, indem er sich wieder ans Steuer schiebt. Der Zweisitzer spitzt die Ohren, wittert Stalluft und schnaubt wie ein Falke bis vors Tor der Chemischen Werke. Im Laboratorium findet eine kleine Unterredung zu Drift statt, der Kandidat Kieselbach ergreift eine Retorte, schmettert sie in Scherben und nimmt wieder an feinem Arbeitstische Platz, die Enttäuschung flackert in feinen Händen, er zündet feine lange Pfeife an und hüllt fein Haupt in stinkende Oualmwolken. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. - Druck und Beklag: Drühl'sche Universitäts.Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen