GietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1932 Montag, den 31. Oktober NuiWer 85 Heide im Herbst. Bon Detlev von Stliencrtm. In Herbstestagen bricht mit starken Flügel Der Reiher durch den Neb-elduft. Wie still es ist! kaum hör ich um den Hügel Noch einen Laut In weiter Luft. Auf eines Mrkenstämmchens schwanker Krone Ruht sich ein Wanderfalke aus. Doch schläft er nicht, von seinem leichten Throne Aeugt er durchdringend scharf hinaus. Der alte Bauer mit verhaltnem Schritte Schleicht neben seinem Wagen Torf. Und holpernd, stolpernd schleppt mit lahmem Tritte Der alte Schimmel ihn ins Dorf. Spätjahr. Von Wilhelm Hausen stein. Die rot gehäuften Blätter am Boden sind längst viel mehr als der anderen, die lose noch an den Bäumen sitzen als wahre Hinterbliebenen im Monat von Allerheiligen und Allerseelen. An etlichen Aesten kann man die Blätter schon zählen. Welchen Wert diese zählbaren Blätter haben, die letzten, zwischen denen die schwarzen Profile der Dohlen, sichtbar im ganzen Umriß, starr stehen! Das Laub kann die Vögel nicht mehr verbergen, sie sitzen an kahlen schwarzen Aesten, haarscharf in den Himmel gezeichnet und graviert mit dem weitmaschigen Gitterwerk des Gezweigs. Die erschreckende Sichtbarkeit der Vögel in dieser Jahreszeit... Man sieht die Vögel ganz anders als im Frühling, wenn die Finken leck an die Hand flattern. Im Mai kommen sie aus der Fülle des Grünen zutage. Jetzt find sie ins Leere gesetzt, hauslos, ohne Ueberfluß, beinahe entblößt. Ich habe eine Meise gesehen; flüchtig hing sie am nackten Zweig, gelb und blau; ich meinte nie in meinem Leben einen Vogel so deutlich erblickt zu haben, obwohl es nur drei Sekunden waren. Im Durchsichtigen, im Leeren war er ein und alles. Die Durchsichtigkeit des Herbstes! Don Dag zu Tag nimmt sie zu. Eie ist eine Wohltat. Sie läßt sich an, das große Geheimnis freizugeben! Ach, es kommt zwar nichts zutage. Dennoch find wir beruhigt, fragen nicht mehr, fitzen stiller als je im ganzen Jahr vorher und naeyher: uns ist zumute, als wüßten wir nun alles, was man wissen kann Wir sonnen uns, und es könnte sein, daß wir, entblättert an uns selbst, der Materie ganz entledigt, die Strahlen der Sonne durch uns hmdurch- lassen wie durch sanfte Geister, fast wie durch Engel gonz anders als im Sommer, der uns glühen macht wie die Esse das Eisen, uno »et uns den Stoff, aus dem wir geschaffen sind, allzu leidenschaftlich suhlen läßt. Im rotbraunen Laub, das die Wege deckt als eme_ Schicht,, liegen Roßkastanien. Sie glänzen wie Kugeln aus poliertem Nußbaumholz. Wie frisch sie sind! Der Herbst macht gar nicht bloß spat bloß alt bloß murb: er macht auch frisch, macht blank, schöpft junge Dmge mit denen die Kinder spielen können. Die Roßkastanien, dre Eicheln! Die sauberen, glatten Spielsachen! Zwischen dem braunen Laub liegen. leopardierte Blätter: fahl mit scharfen, schwarzen Flecken. Es ist erstaunlich: die Re - heil einer Erfindung! Keine Jahreszeit ist produktiver im großen Stil eines kühnen Geschmacks. Der weite See ist unbewegt vor dem Gebirge hingelagert — gänzlich unbewegt; als hätte er aufgehört zu atmen; als hatte Hammel droben aufgehört zu beben und fein feines Zittern in der femen Fl ch zu siegeln. Die Dinge find so klar zuruckgeschienen wie nie, mitmiwer Starre. Die Steintanten der bayerischen Alpen, die Uferwalder am See entlang, der blaue Himmel stehen ruhig und genau nach unten, - n der Umkehrung so offenbar wie oben: genau so körperlich wie di ch kell oben — diese Wirklichkeit, die freilich Sedichtet scheint, denn der Herbst besitzt die zaubernde Bannkraft, das Wirklich-Gegenwärtige m aller Klarheit so wunderbar zu machen, als wäre es traumhaft wie ras Ober^di-e Welt topf auf, unten die Welt kopfüber, unten im Wasser- ^isgel; die Grundflächen, die Standflachen zusamme^ewachsen ia nur eine und dieselbe: die Basis -der Wirklichkeitund wildes miteinander vertauscht — so wie -m ratselha ter Gl-eichhett !önlge im Schnitt aneinander stoßen. Wirklichkeit und Spiegelb b Meinandergewachsen, sind ein irdisches Gleichnis des Ganzen, der oou ständigen Wett. Dies ist das Spätjahr hier oben. Man sagt, der Herbst löse auf. Ich habe aber erlebt, daß der November das Ganze darwies, ja das Ganze zustande brachte, wie nie vorher eine Jahreszeit es gekonnt hat und wie auch der weihe Winter unter der Sonne es nicht vermögen wirb. Bor dem stumpfblauen Gewebe der Venediktenwand, diesem Gewebe, das kondensierte Luft sein könnte, weht der Rauch des Kohlenbergwerks von Penzberg langhin von Südwesten nach Nordosten — die nämliche lange, weihe Fahne Tag um Tag, unveränderlich dieselbe, lang, weiß, feierlich und still. Man sagt, das Spätjahr treibe die Dinge dem Ende zu, es löse auf: ich habe aber die Erfahrung gemacht, daß der Herbst die Dinge lehrt, zu beharren. Er macht beständig: ein Tag glich dem andern in Blau und Rot und Gold. In der Morgenfrühe liegt zwischen den zackigen Graten des Hoch, gebirges und der blinkenden Platte des Sees, -dieser Lichtlache, die weithin blendet, ein breiter Nebel. Der Rand des Sees, der Fuß der Berge, -ihr Cmwuchs in die Erde ist verborgen. Die Roseninsel im See -ist ein einziger brennender Busch, eingerahmt mit fahlgelbem Schilf von bezwingender Bestimmtheit der Farbe und schneidender Schärfe -der Zeichnung. Doch merkwürdig: die so grau gezeichnete und gefärbte Insel scheint im Nichts zu schwimmen: der See, wiewohl völlig deutlich, löscht um die Insel her seine Gegenwart aus; man merkt -ihn nicht um das genaue Gelb des Jnselufers; er ist wie -weg-gehoben, wie entwichen ..'. Dies Wesenlose des Sees, dies Verschwinden rings um den gelben Rand der Ros-eninsel wird nur einen Augenblick -empfunden: denn wie in einem Vexierbild entdeckt man plötzlich die Logik de» Zusammenhangs. Der Morgennebel zwischen See und Hochgebirge vergeht; wir schauen hin, und stehe da: er ist nun fort, als wäre er nicht soeben noch gewesen; was vorhin nur zu schweben schien, die Steintante der Berge, ist nun plötzlich abwärts verbunden, irdisch verbunden. Die Wirklichkeit -ist nun gänzlich -da, und sie steht still im Glanze des -oberbayerischen Spätjahrs. Aber das Seltsamste und vielleicht das Wichtigste: nicht diese schöne Ruhe des Maren Ganzen, nicht dies Ruhen der Welt in einem Strahl wie aus der Unendlichkeit scheint die wahre Lehre und Bedeutung dieser Jahreszeit zu sein. Sondern, wenn wir’s recht bedenken und begreifen, jener Augenblick, da die Roseninsel mit -dem scharfen gelben Rand im Nichts zu schweben schien und die Steink-anten des Hochge-birgs wie im Nichts über dem Nebel standen und über dem See, dessen Ufer verhüllt war. Jenem Augenblick, ob er auch nichts war als ein Augenblick, ihm also schien die schönste Ahnung der Ewigkeit innezuwohn-en. Einen Augenblick gab dieses Spätjahr die Unermeßlich k-eit -des Ewigen; aus einem scheinbaren Nichts der Sekunden madjte dieser Herbst ein Gleichnis des Alls und eine Vorhalle der Ewigkeit. * Ich habe versucht, -die Farben der Bäume zu zählen, von links nach rechts. Die Lärche ist hellgrün mit einem Hauch von Rosa. Die Kiefer ist ein wenig bleicher als im Sommer: blaßblaugrün — und mit einer Ahnung von Gew. Die Buche ist kupferrot, Eiche und Linde sind havannabraun, gleich dem Deckblatt der Hellen Zigarren. Die Kastanie ist goldgelb ... Ich gebe es auf: denn nun beginnt das unfaßbar feine und vollständige Reich der Töne zwischen Schwefelgelb und Lila. Ein Baum — ich kenne ihn nicht — ist wie mit Teerosenblättern belaubt, aber ganz oben, in -den noch nicht erreichten Spitzen, ist er mit Nilgrün gesäumt. Das Farbige ist unauszählbarer wie in der Jahreszeit der rot- und blau-, der gelb- und weißblühenden Blumen ... Das Grüne, wo es blieb, hat mehr Geltung als im Sommer, in dem es sich von selbst zu verstehen scheint. Das bläuliche Wi-esengrün der schattigen und feuchten Hänge, das bläuliche Grün der keimenden neuen Saat auf den Aeckern, all dies Grün mit etwas Blau in der Mischung, dies nicht mit Gelb gemischte Grün ist nun erst vollends richtig, jetzt, in der Bräune des Novembers. Eins gibt dem anderen Relief: das Grün -der Tannen, der Lebensbäume, dem Gelb und Rot des Laubs, das Braun der Blätter dem noch immer blanken Grün der Eiben, in denen einige feuerrote Beeren stehen blieben. Ich bin auf die höchste Höhe überm See gestiegen, dort hinauf, wo man das Land sieht zwischen dem Gebirg des Wilden Kaisers und den Lcchtaler Alpen, das Land mit dem Wetterstein, der zwiefach abstürzen- den Zugspitze, dem Zickzack des schneeigen Karwendel in der Mitte. Das Land zu den Bergen hin, über Weilheim hin und über Murnau und die Höhe von Peißenberg ist wellig als ein Erdmeer. Es geht in langen weichen Kurven dahin; es ist weit, weit, das Auge schweift wie über einen wogenden Ozean: so sehr trägt dies Land die Züge der Größe ... Die Erde der A-ecker ist fett; wie Speckseiten glänzen die umgepflügten Brocken, sind fest und feist wie Speck. Dort drüben ist die Erde pulvrig, als wäre sie mit Pastellkreide gemacht. Dann wieder ist sie torfig dunkel, bann wieder hell wie Kakaopuloer, zwischen lichtem, leicht rotem Violett und lichtem Braun. Die Linien der Aecker sind lang, lang hinge zogen, aufwärts und abwärts, großartig hochgewölbt bergan und großartig einaewölbt bergab: ihnen gleichen Linien und Flächen der Wiesen, die noch das letzte Weidegras geben. Es ist ein Land an bedeutender Form, nichts Kleinliches verstellt dem Blick den Weg ins Erhabene. Auf >der Hohe der Grasterrassen stehen die Kühe: frei gegen den Himmel stehend, scheinen sie enorm: die Zeichnung des K-alk-enz-cmns ist gegen den Himmel auf unbegreifliche Weife riesig, und ter Hütebub mit der klatschenden Peitsche vor der freien Luft wird ein Gigant. Pferde und Ochsen ackern neben trächtig weidenden Kühen. Auf fünfzig Meter von der Arbeit der Gespanne grasen Rehe vor dem Waldrand; ihre w-int-erweißen Spiegel locken den Blick. Am Rückweg gegen Abend -die schöne Rast. Ein Kruzifix, ausgewaschen, steht als Achse, ein wenig schief. Jur Linken draußen schmelzen die Berge in den Himmel hinein; nun sind sie nur noch ein glühender Schatten, nun bloß noch zwischen Rosa und Gold ein lichter Staub. Rechts droben, auf dem nahen Grasrücken mit den ab-ge-ernt-eten Apfelbäumen steht die Kirche von Oberzeismering mit der barocken Turm- zwiebel; neben der Kirche steht das Wirtshaus, breit, mit stumpfwinkligem Dach; man ahnt, daß es hierzulande nicht weit ist von einer Welt, in der die Menschen lateinisch bauen — von der Welt dort drüben hinter dem Jaun der Berge ... Das Kruzifix ist farblos; kösttiches altes Holz aus laufend Unwettern, nicht grau, nicht gelb. In dem Kreuzwinkel rechts, von dem Schild mit der Aufschrift „INRJ" sitzt ein verlassenes Vogelnest Der Herr neigt das Haupt nah der Seite des Nestes .. • Die Pappelallee hinunter. Es riecht nach Erdboden und vom verwesten Laub auch etwas -branst-g. Ich sitze daheim, vorm Haus. Es siecht nach Veilchen; sie blühen heuer tief hinein in den November! Die Rosen sind noch rot und ganz: ja, an der Südwand treiben sie noch immer! Die Astern drunten im Garten sind ein wenig faul. Die Sonnenblumenhäupter hängen an gebrochenen Hälsen, und wer den bienenbraunen Pelzgesichtern näher kommt, der weiß, daß sie räudig sind und traurig. Aber der Gärtner steckt schon die Tulpenzwiebeln in die frisch gehäufte Erde. Es ist der November, der Totenmonat, in dem die Tulpen ihr neues Leben anfangen ... In den Grasgärten der Nachbarn weiden die Kühe zwischen den teeren vbst- bäunten, und aus,einer überraschend intimen Nähe läuten sie mit ihren Glocken — den hohl und stumpf klingenden Glocken, die sonst nur auf den Almen gehört werden, des Sommers, -oder draußen auf -den Triften. Sie läuten mir in die Ohren hinein. Die Welt zieht sich doch zusammen: wir sind schon beieinander wie in der Arche. ♦ „ Cs ist Mittag. Die Sonne brennt wie im Juli. Am Efeu der alten Steinbalustrade ist ein Schwärmen von Dienen und Wespen und von Mücken wie auf der Maiwiese. Die bronzefarbenen Leiber -dicker Fliegen gleißen. Es ist das Leben wie je — nur weiser, nur beständiger, nur friedlicher. Es ist ein wenig schon das Leben von Nachher, von jenseits des jüngften Gerichts. Gefthichie eines jungen Mannes. Von Karl L e r b s. Man erzählte mir von einem jungen Mann, dem zu einer Jahrzehnte zurückliegenden Zeit, da in meiner hanseatischen Vaterstadt noch kein unterirdisches Vorzeichen die festgefügten Fundamente der patriz-schen Gesellschaftsordnung gelockert hatte, das scheinbar Unmögliche gelang: er durchbrach, selbst einer kleinbürgerlichen Familie in einer bescheidenen Landstadt des benachbarten Großherzogtums entstammend, in wohlvorbereitetem Anlauf die starren Schranken, mit denen die patrizische Kaste sich sorgsam und unnahbar umhegte, und wußte sich durch zähes Fuß- faßen und unbeirrbares Wurzelschlagen in seiner neuen Umgebung so zu befestigen, daß nichts mehr ihn erschüttern konnte. Dieser junge Mann, dem heimischen Kreise durch sein zielstrebiges Weiterwollen und mit durchdachter Bewußtheit gepaartes weitgreifendes Planmachen früh entfremdet, trat in ein großes Handelshaus ein und wußte durch umsichtigen Fleiß und von den ihm Gleichgestellten klug unterschiedenes äußeres Gebaren nach kurzer Jeit die Aufmerksamkeit des Chefs auf sich zu lenken. So kam es, daß er, der sich in einigen ihm von der überlegenen Berechnung des Handelsherrn gestellten selbständigen Aufgaben bewährte, allmählich aus den Niederungen feiner Arbeit auf- stieg und nach einigen Jahren versuchsweise nach China gesandt wurde, wo die Finna ein Zwei gu n te rnehmen hatte. Hier bot sich ihm nicht nur Gelegenheit, durch rasches Erfassen und sachgerechtes Handeln -die ihm zugedachte Aufgabe in einer für die Firma sehr nützlichen Weise zu lösen — er konnte auch seinem an dem eifrigen Studium patrizischer Gepflogenheiten geschulten Benehmen jenen so leicht erkennbaren und so schwer erwerbbaren weltmännischen Schliff des weitgereisten Mannes geben. Dies alles führte -dazu, daß er nach seiner Heimkehr zum Prokuristen ausrückte, und daß ihm von seinem Chef bis zu -den Grenzen der durch diese Stellung bedingten Möglichkeit der Zutritt zur Gesellschaft eröffnet wurde. Während nun freilich für jeden mit den Dingen betrauten Beurteiler damit der Endpunkt wenigstens des gesellschaftlichen Aufstiegs erreicht schien, fühlte sich der Ehrgeizige mit geheimem Ingrimm immer noch in der Stellung des Untergebenen, Angestellten, Geduldeten, der bei jedem Versuch zum weiteren Vorstoß gegen eine unsichtbare, aber unerschütterliche Mauer prallte: -und wenn sich mittags zur Börs-enstunde die gemessenen Handelsherren nach dem Austausch geschäftlicher Mit- teilungen von ihm absonderten und sich wieder in ihre eigene Gebens« sxhäre zurückzogen, so loderte in ihm unter der Decke der Gleichgültigkeit ein wilder Zorn, und eine fressende Unzufriedenheit erfüllte ihn mit glühender Unrast. Zu dieser Zeit lernte er auf einer gesellschaftlichen Veranstaltung die Tochter eines reichen Baumwollimporteurs kennen, die er sich mit jähem Entschluß zum Opfer ausersah. Es -gelang ihm, der alle dem Zwecke dienlichen Mittel -skrupellos und nach Überlegenem Plan anwandte, bei dem kühlen Mädchen ein tieferes Interesse zu erwecken; und als er sich seiner Sache sicher wußte, berettete er unter beherrschten- Juwarten den Hauptschlag vor, der ihn zu einem Ziele bringen sollt-, dessen Erlangung trotz aller schon errungenen Erfolge uneryort und phantastisch schien. . Er suchte an einem Vormittag den Vater der Dame rm Privatkonto, auf und wagte nach einem kurzen Hin und Her geschäftlicher Wort« plötzlich den entscheidenden Angriff. Von dem kühlen Loder des Kl-ut- fessels -in ungezwungener Haltung Besitz ergreifend und ohne unter dem Blick der schonungslos prüfenden stahlblauen Augen feines G-egeniibeis I auch nur einen Augenblick die mit ungeheurer Willenskraft behauptet« Fassung zu verlieren, stellte er die als vertraulich bezeichnete Frage: ob jener geneigt -sei, ihm unter -der Voraussetzung, daß er aus seiner gegenwärtigen Stellung zum Teilhaber seines Chefs aufrücke, ihm die Tochter, deren Neigung er sich versichert habe, zur Fr-au zu geben. Er ftamm« aus der und der Umgebung, habe die und die Erfolge aufzuweif-en uni die und die geschäftlichen Pläne aus-gearbeit-et. Die so angcbahnte Der- einigung bet biiben Häuser — unb fo weiter. Di>e entscheibun^svollen Minut-en, i>a ber anbere in einem Auf unb Ab im Kontor zu -einem Eni- schluss-e kam, verbrachte er, äußerlich unbewegt und in einer Zeitschrisi blätternd — um sich bann, als er unter gedachtem Vorb-eha-lt die bejahende Antwort erhalten hatte, ohne weitere Erörterungen zu empfehlen. Unverwe-ilt begab er sich zu seinem Ehef und führte den zweiten Schlag: Er teilte sachlich mit, daß er auf seine Werbung.bei Henn Soundso einen zustimmenden Bescheid erhalten habe; -ob er im Hinblick ■auf seine dadurch so glücklich veränderten Leb-ensverhältnisse und den sin -die' Finna sich ergebenden praktischen Wert der Verbindung mit -der G- Währung der Teilhaberschaft rechnen könne, wobei er im Falle der bejahenden Bescheids -seine Mitgift in -dem Handelshaus-e, dem er so viel verdank-e, anzule-gen gedenke. Es gab eine fast gleiche Wiederholung der äußeren Umstande jenen - ersten Unterredung; und nach dieser -abermaligen nervenspann-enden Ett:- scheidungspaus-e erlebte er, -der alles gewagt hatte, den Triumph, alles gui erringen. Reber die nun folgende Zeitspanne, da er das Errungene festigen und -die Hemmungen der neuen Sphäre Überwinden mußte, fejil er sich mit selbstverständlicher Gelassenheit und unfehlbarem Takt hd- weg: bis er, anerkannt und schließlich gleichg-oachtet, sich von den Herren -die mittags mit -dem spiegelnden Seidenhut über schmalen Rassegesichterir an -der Börse -den angestammten Platz einnahmen, in nichts mein unterschied. Ian Vermeer van Delft. Zum 300. Geburtslage des niedertändifchen Malers. Von Dr. Paul Landau. Rembrandt und Frans Hals sind ttotz der zu manchen Zetten ge? ringeren Beachtung stets als die führenden Maler Hollands anertamw worden. Aber der dritte Künstler, den man heute neben ihnen als @ro® meister dieser Blütezeit verehrt, Jan Vermeer van Delft, ist eG seit einem halben Jahrhundert mehr und mehr völliger V-er-gessenhr entrissen worden, und auch bevor er ins Dunkel versank, zählte er nut als einer der vielen „Kle-inm-e-ister", die das Stilleben und Jnteri« pflegten. Heute steht der Delfter Meister hoch über all den andern, dm Pi-eter de Hooch, Jan Steen, M-ieris, Metsu usw., die einstmals sem: Werke „verschluckt" hatten. Man hat erkannt, -daß die ganze Schönhn- -der Gestaltung des Jnnenr-aumes -im Tagesl-icht, der farbigen BertläruH des Alltags, der Beseelung des rein Stofflichen durch das Kolorit, te in -der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts sich in einer Fülle von Künstlern und Bildern entfaltete, feiner Schöpfertat ihre EntstehM.z verdankt, -daß de-r früh verstorbene, solange bäum dem Namen nach bekannte Maler nicht nur der größte Meister des Interieurs, sondern einet der größten Koloristen der holländischen Kunst gewesen ist. Im Jahre 1866 veröffentlichte der französische Kunstkritiker Bürgen Thore in der „Gazette des Beaux-Arts" einen Aufsatz, in dem L- die Welt mit der Entdeckung einer „Sphinx" überraschte: er versuch»-'- das Werk eines Malers zusamm-enzustellen, dessen bahnbrechende W sönlichkeit sich ihm auf langen Reisen -und durch viele Studien erschlossen „Van -der Meer war durchaus -nicht tot", schrieb er, „und was er 8* schaffen hatte, war immer vorhanden, aber man hatte auf seinen strahlenden Bildern seinen Namen getilgt. Ban der Meer war hinter Pieter ® Hooch verschwunden wie Hobbem-a hinter Ru-isdael. Jetzt hat Hodberm seine Individualität neben Ruisd-ael wieder erlangt. Nicht minder 9* bührt es sich, van der Meer den ihm zukommenden Platz neben W® de Hooch und Metsu, in der Nachbarschaft Rembrandts zur-ückzuerstatlem Seitdem hat die Forschung das kleine, aber unvergleichliche Lebensweg Vermeers, der früher sogar mit feinen zahlreichen Namensvettern ruber Meer verwechselt wurde, von vielen entstellenden Zuschreibungen 8** säubert und feine Ebenbürtigkeit mit dem Besten, was Hollands SDtelti'1, — und damit alle Malerei — hervorgebracht, erwiesen. Seine Bute gehören zu den am höchsten bezahlten, und wenn eins -dieser Werke den Besitzer wechselt, dann handelt es sich um solche Preise, ow in letzter Zeit allein -die amerikanischen Millionär mitreden konnten oM die Erwerbung zu einer nationalen Angelegenheit wurde, wie bei berühmten „Straße" der Sammlung Six, die jetzt im Ainst-erdaN« Rijks-Museum hängt. Allerdings versucht man, durch den hohen Man- wert dieses Namens verlockt, ihm immer wieder neue Werke sprechen. Allenthalben tauchten „Vermeers" auf, und -das Dunkel, to über seinem Leben und -seiner Entwicklung liegt, läßt Vermutungen M Behauptungen weiten Spielraum. Aber -wie ein hervorragender Kennn- Wilhelm R. D a 1 e n t i n e r, soeben erst in einem Gedenk-Ausi-atz w „Pantheon" betont, sind zu -den 37 Gemälden, die als eigenhändig 6 * erkannt waren, seit 20 Jahren nur noch zwei hinzu gekommen, und«"- wesentlicher Zuwachs ist nicht mehr zu erwarten. Es wird bei en- 40 Bildern bleiben, auf denen seine Unsterblichkeit beruht. . Bürger-Thore ging bei seiner Entdeckung von -der „Ansicht o Stadt Delft" im Haager Mauri tshuis -aus, die -ihm einen unw meers > ries außer-ordentlichen Werkes war ein Vier-und- Delft am 31. Oktober 1632 geboren, war er 1653 ganz neuem Klang auf. Der Schöpfer trief ftaltung darstellt. Man hat gesagt, der Maler habe seine Stadt „mit einer Maurerkelle" gebaut, so -trief ist die Farbe aufgetragen. Aber weich' eine weiche, schimmernde Leuchtkraft -ist mit dieser körnigen, pastosen Technik erreicht! Dorr dem samtenen Gelb -des Vordergrundes schwingt das fließende Grüngrau des Wasserspiegels zu der monumentalen Silhouette der Stadt hinüber, -deren warmes Farbenbukett in roten, blauen, grünen, braunen, gelben Tönen von einem lichtgrau-en Wolkenhimmel über- fchimmert wird. Dieses B-ild geht an -einheitlicher Geschlossenheit über alles hinaus, was die erste Hälfte des Jahrhunderts geschaffen hatte. Es ist ohne Rembrandts Einfluß nicht denkbar, weist aber darüber hinaus. Rembrandtifches lebt -auch in -dem einzigen ^datierten Werk, das wir von Vermeer besitzen, dem sog. „L -i e b e s h a n Ä e l" von 1656 in Dresden, von dem j-ede zeitliche Ordnung feines Schaffens ausgeg-ang-en ist. Die linken Figuren sind noch ein-gehüllt in das warme Helldunkel, aber auf der rechten Seite, auf der der Mann in dem kam-elienroten Rock dem hinter dem leuchtenden Teppich sitzenden Mädchen in zitronengelber Jacke das lockende Geldstück in die Hand fallen läßt, blitzt ein Farbenwunder von ganz vermieden. Zus-ammengehalten werden diese Töne durch ein silbriges ficht, dessen zart schimmerndes Grau wie aus Perlenglanz oder Mond- - chein gewoben scheint. Di-ese Melodie, wie die einer gedämpften hohen Geige, tönt aus den aufs feinste abgestuften Wänden, gestaltet -die tiefen Räume zu beseelten Körpern. Das Höchste in dieser Kunst der monumentalen Stille, der von Licht und Farbe umflossenen Formen ist wohl das „Atelier" beim Grafen Czernin in Wien, zweifellos eins seiner reifsten Werke, bei dem die farbige Klarheit und die Reinheit der Linie noch nicht, wie in seinen letzten Arbeiten, zu einer fast gläsernen Kält« erstarrt ist. Die barocke Kraft einer mächtigen Flächen- und T-iefen-Wr- kung, die die Illusion eines dreidimensionalen Raumes gibt, ist durch dis läuternde und verklärende Wirkung der Farbe zu einer klassischen Harmonie gebändi-gt. Mit solchen Werken erhob sich der „Kleinme-ister" Jan V-ermeer zu einer Vollendung, wie sie nur die „Großmeister" erreichen Oer Kriegskommissar des Königs. Roman von Friedrich F r e k s a. Copyright 1931 by August Scherl, G. m. b. H., Berlin. (Fortsetzung.) Stettin machte auf den Cirzi-ehenden einen mächtigen Eindruck, obwohl er müde war und stark hinkte, weil er sich -die Füße durchgelausen. Wie hoch waren die Häuser, wie räumi-g und -gewaltig die Speicher) Un des herrschte «in Gewühl von Menschen, -daß er stillstehen mußte und aufschnaufen, so verwirrte ihn alles. Und der Mastenwald der vielen Schiffe, die auf der Od-er vor der Stadt lagen, war doch etwas anderes als der stille Ko-lberger Hafen. Aber die Straßen waren noch finsterer, die Luft noch kühler und mehr mit Gerüchen gesättigt als in Kolb-er-g, und noch enger saß alles in der hart befestigten Stadt beieinander. So war ihm das Herz schwer, als er sich zu der kleinen Schifferherb-erge durchfragte, an die er empfohlen war. Sie lag am Hafen, und hier nächtigte auch der Küstenfahrer, der ihm das Gepäck übergeführt hatte. Die Wirtin, eine hochgewachsene, breite Frau, schaute verwundert auf den schmalen Burschen, der bei ihr Herbergen wollte. Sonst kehrten bei ihr nur See- und Fuhrleute ein. Aber -die Grüße von mehreren bekannten Kolberger Schiftern machten die dicke Frau zutraulich. Da sie sah, daß Heinrich hinkte, nahm sie ihn einfach auf die Arm« und trug ihn -die Stiege hinauf, legte ihn in ein ftifchgemachtes Bett, wusch seine Füße mit Branntwein, bestrich sie mit Talg und brachte ihm das Nachtessen, Erbsensuppe mit Speck, hinauf. Von unten drang in die enge Kammer das dröhnende Gespräch, der laute Gesang der Seeleute, aber er war so müde, daß er alsbald ein« schlief und bis zum Hellen Mittag sich nicht rührte. Der Sohn der Wirtin rüttelte ihn wach. Es war ein starker blonder Junge, der der Mutter schon zur Hang ging. Mit seiner Hilfe fand Heinrich Wohnunterkunft, die für feine schmalen Verhältnisse paßte. Es war ein kleines Stüblein unweit des Hafens, -drei Treppen hoch, bei einer alten Witfrau. Er bezahlte für Frühstück und Wohnen das Vierteljahr -neun Taler. Freilich waren die Treppen so eng und steil wie eine Hühnersteige, und er mußte über viele Höfe und -durch lange Gänge laufen ehe er in seine Wohnung kam, die hoch gelegen war, wie ein Storchennest. Dafür hatte er aber aus zwei kleinen, runden Fenstern eine freie Aussicht über die Oder mit ihren vielen Schiffen, und fürs Wecken brauchte er sich nicht zu sorgen, denn die hell« Morgenfonne schien klar und freundlich in das Stübchen -hinein. Nachdem das leibliche Wohl geordnet war, galt es noch, einen schweren Gang zu machen, vor dem er Angst in Magen und Nieren spürte. Er mußte den Rektor des Gymnasiums aufsuchen, . um das Examen rigorosum zu bestehen. Er durfte es feiner Mutter nicht antun, daß sie zu lange für ihn zahlen müßte, und all fein Sinnen und Trachten war darauf gerichtet, in die Prima zu kommen. Das Ex-amen war auch von Wichtigkeit wegen der Schenkung des halben Schulgeldes. In einem einstöckigen Haufe unweit des Gymnasiums wohnte der Rektor. Eine helle Messin-gglock« meldete den Eintritt, lieber die mit Ziegeln belegte Diele kam ein langer, dürrer Mensch, der Famulus^ der das Empfehlungsschreiben abnahm und den Aufnahmeheischenden ins Vorzimmer führte, das von unten bis oben mit Bücherborden ongeftillt mar. Das sah gewaltig gelehrt aus, und Heinrich fiel das Herz in di« Hosen, da er nun -dacht«, -in welche der Wissenschaften er hinabgeworfen würde. , . Nach einer geraumen Zeit, in der ihm -immer banger geworden war, kam der Famulus wieder und sagte griesgrämig: „Der Herr Rektor hat den Brief gelesen, aber er hat jetzt feine Zeit, mit dem discipulo zu sprechen. Er läßt sagen, der Petent solle am andern Morgen pünktlich um sieben Uhr wieder hier fei, gewärtig der Prüfung!" So war Heinrich noch eine Galgenfrist gegeben, und um sich die Brust freizumachen von -dem Examensdruck, lief er in der ganzen Staat herum um sie auswendig und inwendig recht zu besehen. Das Land war nun freilich ungleich schöner als das um Solberg. Wie breit war di« Oder und wie schön die Hügel bei Gollnow! Am andern Morgen putzte er sich so gut heraus, wie er s nur konnte, wandte sogar zwei Groschen daran, um sich beim Friseur den ZoH neu flechten und das Haar frisieren und pudern zu lassen. Aeußerl-ich war er also aufs beste angetan, aber innerlich zerrissen vor Angst, als er mit dem Glockenschlag sieben wieder in das Haus des Ref. t°r52er führt worden. Die Mutter hatte Pfannkuchen gebacken, und der Vater braute einen Punsch und las aus der Bibel die Erzählung von der Geburt Christi vor. Und dann kamen die Armen des Dorfes und holten sich ab, was der Pfarrer für sie gesammelt und ihnen zugedacht. Einen Christbaum kannte man damals in Pommern noch nicht. Draußen aus dem freien Platz schichteten die Burschen den mächtigen Holzstoß, der ent> flammt wurde. Wintersonnwendseier war geblieben; Wintersonnwendfeier zur Erinnerung daran, daß die Tage nun wieder länger würden. Da standen die Geschwister Hand in Hand und sahen, wie die rote, glühende Säule des Julseuers hochstieg, niedersank, und wie geheimnisvoll der Holzstoß in der Nacht verglühte ... Um seine Einsamkeit zu vergessen, ging Heinrich früh zu Bett und chlief alsbald ein, während der Traum ihm vergangene Weihnachts- 1 reuben vorspiegelte. Da warb an sejne Tür geklopft. „Dacht ich's doch", agte eine tiefe Männerstimme, „daß Er allein ist!" Heinrich schlug Licht und erkannte den alten Schiffer, der neben seinem Bett stand. „Nichts da, Schlafratz!" sagte der und schlug ihm gutmütig auf -die Schulter. „Heraus aus den Pofen! Hinein in die Kleider! Das Fest wird gefeiert! Die Mutter wartet schon!" Schlaftrunken lief Heinrich neben dem braven, gemütlichen Mann durch die Gassen, sah die Lichter in den Fenstern, hörte di« Weihnachtslieber aus den Wohnungen klingen, und dann war «r tn der warmen, behaglichen Stube. Christstollen hatte die Frau des Schiffers gebacken; ein Punsch dampfte. Ein paar junge Seeleute von einem Königsberger Schiff waren gekommen, und so feierten sie in des Schissers Hause Weihnacht. Der erzählte von fremden Ländern, und wie er Christabend« gehalten unter Negern oder fern im Mittelmeer. Wie danttiar war Heinrich diesen wackeren Leuten, die ihm so ihr gutes Herz bewiesen! * Die Schulzeit mit ihren Entbehrungen, Leiden und Freuden ging gemach dahin. Michaelis 1750 erhielt Heinrich das Zeugnis der Reise und verließ Stettin, um die Universität zu besuchen. Der Herr Rektor, dem er so viel verdankte, schenkte ihm zum Abschied eine seltene alte .Ausgabe des Tacitus, des Mannes, an den er sich halten solle, weil der mit wenigen Worten viel zu fragen wüßte. Der Jubel über das so wohlgelungene Abiturium steigerte sich am Tage nach dem Kommers mit seinen Freunden. Als Heinrichs Geist noch in guten Morgenträumen weilte, klopfte es an bie Tür, und herein trat in Oelhut und Seemannszeug Joachim Nettelbeck, der auf seiner ersten Fahrt begriffen war, auf seines Vaterbruders Schiff. War das eine Freude! Joachim hatte den Lieblingswunsch bei seinem Vater durchgesetzt, Seemann zu werden, und Heinrich sah ihm an, wie froh und stolz er war, wie offen und heiter sein Gesicht. Nicht genug konnten sie einander erzählen von der Zeit, oa sie sich nicht gesehen. Der Tag verflog, und am Abend kam es heraus, daß am nächsten Mittag der Schoner seine Ladung übernommen hätte und in See ginge nach dem Heimathafen Kolberg. Das war ein neuer Glückssall für Heinrich. Er brauchte nicht zu wandern ober teures Geld auszugeben für eine Fahrt mit ber Postkutsche. Gern nahmen die Landsleute ihn mit, ohne Gelb oder Gab«. (Fortsetzung folgt.) hämische Mensch, daß der Herr Rektor im Studierzimmer warte. Der Herr Rektor saß, gehüllt in einen weihen Pudermantel, auf einem Stuhl. Er sah aus wie eine Steinfigur, von ber der Bildhauer zunächst nur den Kopf fertiggemacht hatte. Der Friseur befestigte mit vieler Mühe auf diesem Kopf eine große, langhaarige weihe Perücke. Das Gesicht des Rektors war hager und gelb; Strenge und Ernst tagen um ben Mund, aber die Augen schauten braun und groß, voller Güte und Rechtschaffenheit. Er redete Heinrich in lateinischer Sprache an und meinte scherzend, ste wollten in dieser Zunge miteinander ver- 'kehren, damit der Friseur 'einen rechten Begriff von der Gelehrsamkeit der Scholaren des Gymnasiums erhalte. Bei diesen Worten flog ein leises Lächeln über sein Gesicht. Heinrich hatte nun das besondere Glück, daß fein seliger Vater, der selbst sehr gut Lateinisch sprach, häufig mit ihm in der Sprache ber Römer geredet hatte, so daß er, was manchem guten Lateiner mangelt, ein schnelles Fassungsvermögen im mündlichen Ausdruck befaß. So kannte er jetzt dem Herrn Rektor unverzagt antworten. Als dann -der Frisiermantel entfernt und der Friseur gegangen war, mußte Heinrich ein Kapitel aus dem Tacitus übersetzen und erklären. Und da er mit -dem Vater schon den Taoitus weidlich traktiert hatte, so ging auch diese Sache gut. Danach kam bas Griechische an die Reihe. Da haperte es mitunter verzweifelt, und ber Examinator schüttelte mißbilligend und bedauernd ben Kopf. Historia und geographia ward wenig gefragt, desto mehr in mathematicis. Darin bestand Heinrich in glück- üchster Weise. ■ Nachdem das Rigorosum beendet, stützte ber Herr Rektor sein Haupt auf bie Faust und sagte: „3m Griechischen ist (Er kaum für bie Sekunda reif — muh noch viel nachholen; aber in allen übrigen Wissenschaften, besonders im Lateinischen/ kann Er sich wohl mtt meiner Prima messen, und dahin will ich Ihn denn auch versetzen vorzugsweise; und wegen feiner bedrängten Lage und Armut soll mir bas mitgebrachte Empfehlungsschreiben und sein Ansehen als rechtlicher Mensch gelten, und ich will einwilligen in das beneficium des halben Schulgeldes. Doch bitt« ich mir aus, daß Er sich vom Fleiß spornen läßt und ein untadelhaftes Betragen bezeigt — widrigenfalls muß ihm das beneficium entzogen werden!" Heinrich küßt« in Dankbarkeit bie Hand des Herrn Rektors. Der entließ ihn mit freundlichem Nicken und fragte, Heinrich habe sich am nächsten Morgen um acht in der Aula des Gymnasiums eingufinben. Hiezu fügte «r: „Er kann auch dann und wann auf ein Stündlein zu mir kommen unb mit mir Lateinisch reden. Will Er Bücher aus meiner Bibliothek zum Studieren haben, soll der Famulus ihm solche geben!" Froh ging Heinrich in bi« Bibliothek zurück. Dort hockte der mürrisch« Famulus über einer Schreibarbeit. Er schaute aus und meinte mißgünstig: „Der Herr Rektor haben gewiß Gnade vor Recht walten lassen und Petenten wirklich in die Sekunda versetzt?" Heinrich lachte: „Nein, bas nicht — aber in bie Prima!" Da machte ber Murrkopf ein Gesicht wie Gift und Gall«. Heinrich kümmerte es nicht. Er ging in voller Herzensfreude, daß alles so gut ab- gelausen, hinaus und rannte durch bie Straßen, und es fang in ihm: In der Prima bin ich — in der Prima! In diesem Gymnasium gab «s einen Kreis von Haupthähnen, sechs ober Sieben ber Stärksten unb Nettesten, bie zusammenhielten und bi« anderen tyrannisierten. Heinrich, ber bie Scholarensitte kannte, daß bie Jüngsten für bie Kelteren zu sorgen hatten, nahm freiwillig bie auferlegten Lasten auf sich, schnitt bie Federn, sorgte für Tinte und Löschblätter, räumte bie Pulte auf. Die Schulstunden selbst verliefen angenehm für ihn, da ber Rektor ihm feine Zufriedenheit bezeigte. Er machte auch Gebrauch davon, ben alten Hagestolz aufzusuchen, ber gern mit ihm auf ben Wällen spazierenging und Lateinisch sprach. Allein bie Schinderei in ben Schulstunden nahm zu. Da Heinrich sich folgsam erwies, wurden die Haupthähne gegen ihn schärfer, und zum Schluß ward es Sitte, daß jeder ihm, wenn er ihn gehen heißen wollte, einen Fußtritt unter die Rockschöße versetzte. Das wurde Heinrich benn doch zu arg; denn er hört« wohl, daß bie Jüngeren meinten, er ließe sich das aus Furcht gefallen. Darum trat er nach dem Unterricht eines Samstags an Steinbrecher, ben größten und Stärksten ber Haupthähne, heran unb fragte: „Genug mit den Tritten! Ich will dir beweisen, daß ich mich wehren kann, wenn ich will. Zieh ben Rock aus! Machen wir einen Faustkamps!" Heinrich war nicht so groß wie seine Brüder, aber von Jugend an körperlich geübt und abgehärtet, wozu ber Vater seine Kinder anregte. Sein langer Gegner wußte also nicht, wen er vor sich hatte, als er höhnisch rief: „Du Knirps willst es wagen, dich mit mir zu messen? Ich schlag dich mit dem ersten Hieb nieder unb steck' dich bann in meine Westentasche!" „Hat Goliath zu David auch gefragt!" rief Heinrich unb legte ben Rock ab. Ungefüge kam Steinbrecher heran und führte von oben einen mächtigen Hieb mit ber Faust gegen Heinrich, aber ber duckte sich, fr prang nun den Gegner von unten an und pflanzte ihm bie Faust so stark auf die Nase, daß das Blut herausstürzte. Zugleich stellte er ihm ein Bein und gab ihm noch einen zweiten Hieb in bie Rippen. Da stürzte Steinbrecher ber Länge nach zu Boden. Heinrich, nicht faul, warf sich über ihn und fetzte ihm so lange zu, bis ber Ueberrounbene um Gnade bat. Nach diesem Kampf hütete sich ein jeder, Heinrich zu hänseln; er fand auch Freunde unter ben Jüngeren, mit denen er an schönen Sommeraben den spazierenging. Sie disputierten dabei über dies unb bas, was fte aus Büchern unb Zeitungen gelesen. Gewöhnlich kehrten sie in einem Sonnt AbrG b Kngt btr ihn, itr itef)mtn, en uni) Reben 'eulschen fe'nflou fiten in eien die । Reben > nieder, im grisi als im i hielten Und sie rgebinde »en uui mildes m.‘ Und innb auf wie der jaar der silbernen Wurzeln und sich nd tiißll m, ,Si« i meiner istlichfie» te Düfte, Blumen jerrliche« lickten es fjiteit de- m Rhein olch eine leingaiies efchweid! ein Herr ie W' iber fei* i,'S! is sie mü lern Bah ur eimy auf WW GiehenerZWilieOMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <952 Montag, den 5. Oktober Nummer 77 Die Liebende schreibt. Bon I. W. v. Goeth e. einmal jung, auch wenn man arm war. Früh genug werde man alt und tauschte die Stunde Sonnenschein gegen ein gutes Mittagessen eint „Wohin wollen wir?" fragte er also. Etn Blick von deinen Augen in die meinen, ßn.fi, ,,___ _____ «n *- - - ’ Colour & Grey Control Chart ix r„ SsCjsZ ! ... Wei wozu braucht man Sommer, Sonne i, du gelehrter Ingenieur! Der du nur mit .. Weil der Ballon hübsch ist, Klas! r -yiv null Uli {JVIUJVIU ,So weit als irgend^ möglich", antwortete sie munter. „Komm, last '"1'a'nes/*^ Ztraßenbahn nehmen, dann können wir auf etn Oer Luftballon. Bon Astrid Bä ring. Die Uhr schlug eins, als sie aus dem großen Warenhaus herauskam, ein schlankes Mädchen mit einem alltäglichen, sehr blassen Gesichtchen, eine von den vielen, die an den Schreibmaschinen saßen und schrieben, während ihr junges Blut einen anderen heißen Rhythmus tanzte. — Er begegnete ihr in der Drehtür. Er war ein junger, gut gewachsener Mann, ebensowenig bedeutend wie sie. „VH Klas, da bist du ja!" rief sie freudig aus und wollte ihm die Hand reichen, muhte sie aber statt dessen über die Augeil legen, so blendete die Sonne. inen aus." 0 sorgfältig, dann nahm sie einen mattrosa, bet _____ ommerhut paßte, und trippelte froh an seiner Seite weiter. Aus dem Ballon war ein kleines Schloß gemalt in mattem Gold mit Turm und Zinnen. Er glänzte in der Sonne. Dann standen sie auf der Plattform der vollen Straßenbahn. Ditz Hitze war fast unerträglich inmitten der .Mammengedrängten Menschen, aber Sun schnitt Grimassen und schien nichts davon zu merken. Und über ihre Schultern hinweg flatterte der Ballon wie eine große schimmernde Seifenblase, flüchtig und vergänglich. Eine plötzliche Weichheit ergriff Klas, eine unerklärliche Schwermut trotz Sonne und Wärme. Warum war heute das Leben für die Jugend so schwer? Warum konnte er trotz aller Bemühungen keine Stellung finden, die ihm eine Heirat ermöglichen würde? Warum hatte er nicht die Macht, Gun aus diesem Bureau herauszunehmen, das ihre Gesundheit untergrub? Er mochte Guns Chef nicht leiden. Aber das war wohl nur Eifersucht, wenn Gun ihm erzählte, daß der Ches sie gut leiden könne. Gun gehörte ihm, ihm, den sie wieder liebte, mit dem sie tanzen Magenta Black Blue White Cyan Grey 1 Green Grey 2 Red Grey 4 Yellow Grey 3 vand gedrückt stand eine Frau mit bunten Bal- ische Früchte in unnatürlich starken Farben, rola, sich von Der grauen Hauswand ab, wiegten sich zen Stielen. Es war eine Zigeunerin, die die ;en schwarzen Augen wirkten in dem mageren tm und gleichgültig wie Das Schicksal stand sie in illt, als fröre sie mitten im Sonnenschein. llon, Klas", bat Gun. damit?" ;llll|lllipi|HII|lllipill|Hlipill|IIH|lllipilinHipill|llll|HHnHI|lllipni[HII|IHl|llll|llll|llll|IHI|nil|lllipin|IHI|IIH|IIH|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll|llll[llll|IIH|llll|llll|llll|llll|llll|llll|ll Ocm 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 6 L 9 § t7 £ M riirfW [5 »0®’ uit« «J l« mit en (« ” aus einem n W* junge Mann schien me öituarion wemger romijcy zu finoen. Aengstlich sah er Das blasse Mädchen an seiner Seite an — ihre Augen leuchteten jetzt um die Wette mit der Sonne —, aber ihm gefiel dies fieberglänzende Aussehen ganz und gar nicht. „Willst Du wirklich wieder kein Mittagessen, Gun?" fragte er vorsichtig. „Natürlich nicht, darauf kannst du dich verlassen", antwortete sie übermütig. „Wer bekommt es wohl fertig, sich in die heiße Kantine an so einem Tag zu setzen, an Dem man während der Mittagspause Sonne haben kann? Ich habe mir ein paar Butterbrote geben lassen, komm schnell, Klas, ehe unsere Zeit um ist!" „Mumm, mu» , jre ivrnie u)u aus innen xraumen. Sie stiegen aus und gingen zum Park. Eine Viertelstunde ihrer so kostbaren Zeit war schon vergangen. Die breiten Wege waren voller Menschen, voll von Kinderwagen und Kindern. Gun wurde von Dem Jubel der Kinder angesteckt) hastig zog sie ihn mit und zog im Laufen ein Butterbrot aus dem mitgebrachten Paket. „Nimm auch eins, Klas, Dann gewinnen wir Zeit", rief sie mit vollem Mund. Aber Klas konnte schwer von anerzogenen Begriffen los, er billigte nicht immer Guns Boheme-Manieren, ihre verschiedene Erziehung zeigte sich ab und zu, und er ertappte sich dabei, daß er rot wurde. Des aus- wie eine allem... bei Dem „Hör einmal, Gun, ohne Mittagessen ...", versuchte er trotz „Sei still, du, mit deiner Vernunft, kannst Du wirklich Sonnenschein vernünftig bleiben?" Sie ergriff seinen Arm, und er gab es auf, den Bormund gelaffenen Mädchens zu spielen. Jetzt standen sie im vollen Sonnenschein. Der Himmel war umgestürzte Schale aus milchblauem Glas, aus bem Das LM nieder- rann, Die Lust war warm und klar. Gun hatte recht; man war nun ich n# gjlattfi1“5 ,®i< ’S "so * Mi. 7 ein ier bL H I. ö Aber Gun kümmerte sich nicht darum, sie schwatzte drauf los, aß mit gutem Appetit, Der Ballon wippte und schaukelte über ihrer Schulter, und als das letzte Butterbrot verschlungen war, mußte Klas Das Papier in Die Tasche stecken. Gun ging unbekümmert über feine unausgesprochenen Vorwürfe neben ihm und sah vertrauensvoll zu ihm auf. Hoffentlich fing sie nun nicht an, von seiner Erfindung zu sprechen, er mochte heute nichts davon hören! „Bist du traurig, Klas?" Klas dachte an Die Einschränkung Des Betriebes, Die bevorstand, und der er wohl zum Opfer fallen würde — davon hatte er noch gar nicht zu ihr gesprochen. Sein Blick glitt über Das satte Grün des Rasens, über Das glitzernde Wasser Des Sees zu ihren Füßen und streifte Dann Gun, Die ebenso festlich und sommerlich aussah, wie alles ringsum. Nur er konnte nicht froh sein, hatte Den Mut nicht dazu ... Ein wildes Verlangen nach Fülle Des Lebens, nach Reichtum und Unabhängigkeit erfüllte ihn. Ach — mit Gun reifen dürfen ... Sehen, wie ihr Gesichtchen sich rundete, sonnengebräunt und gesund wurde, ihr Lebensfreude geben ■Dürfen ... Ihr kleines schmales Gesicht war ihm so nah, ihre Aim Er folgte ihr mit einem ungeduldigen Seufzer. Wie gerne wäre er mit ihr in ein Restaurant gegangen und hätte ihr alles ausbeutbar Schöne vorsetzen lassen — aber würde er es nur wagen, mit solchem Vorschlag zu kommen, (bann wäre Die Antwort! du bist wohl größenwahnsinnig, Klas, denk nur, was wir für Das Geld an Vergnügen haben können abends, wenn wir miteinander tanzen gehen ... Vielleicht hatte sic recht. Ein armer Ingenieur, der froh fein mußte, eine schlecht bezahlte Anstellung zu haben, konnte sich weiß Gott keine teueren Restaurants leisten. Und daß man etwas Farbe in Das graue Einerlei Des Alltags bringen mußte, konnte er auch verstehen ...