GichenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger J ihrgang (952 Freitag, den 50. Dezember Nummer 10| Zum neuen Jahr. Von Eduard M ö r l k«. Wie heimlicher Weise Ein Engelein teile Mit rosigen Füßen Die Erde betritt, So nahte der Morgen. Jauchzt ihm, ihr Frommen, Ein heilig Willkommen! Ein heilig Willkommen, Herz, jauchze du mitt In ihm sei's begonnen, Der Monde und Sonnen An blauen Gezelten Des Himmels bewegt. Du, Vater, du rate! Lenke du und wendet Herr, dir in die Hände Sei Anfang und Ende, Sei alles gelegt! Erinnerung und Sehnsucht. Eine Betrachtung an der Jahreswende. Von Wilhelm von Scholz. Copyright 1932 by I. L. A., Wien. Ich sitze In meinem winterlich-warmen Zimmer nahe dem Fenster, Kalte zu meiner Arbeit ein Buch chinesischer Sprichwörter vor mir und lese eben darin, daß die Erinnerung und die Sehnsucht „gefährliche Diebe" sind. Ich denke nach: natürlich Diebe des Augenblicks, der Gegenwart. Wer in der Sehnsucht oder in der Erinnerung lebt, dem entgleiten Tag und Stunde. Er versinnt sich in innere Stimmungen und Bilder, die ihn erst erfüllen, bald auch umgeben. Ich habe lange darüber gegrübelt, warum das chinesische Sprichwort wohl davor warnt. Vielleicht weil das Sinnen, das Träumen untätig macht. Vielleicht well in beiden, in der Sehnsucht wie in der Erinnerung, eine Unbefriedigung, eine Wehmut über das Entfchwunden- sein oder das Nichthaben mitklingt: das Ungenügen an dem, .was man hat, bleibt schließlich allein übrig. „ , , Ich gehe in der Stube auf und nieder. Mein Blick streift fluchtig das Draußen. Schnee ist wie aus dem Nichts überall in das Bild gefallen, das ich jetzt weit weiß vor mir sehe, aus dem ich gleich zu meinem'chinesischen Sprichwort zurückkehre. Jede schöne erfüllte Stunde müßte doch verarmen, wenn wir nicht innere Stimmungen und Bilder mit In sie verweben würden, die nur in der Seele sind, und jeder graue nüchterne Tag würde ohne Zufluß solcher Seelenquelle noch grauer, noch öder werden! Der Mensch vergißt so leicht, daß er ja die Sinne gar nicht hat, um all das, was er zum Vollgefühl des Daseins braucht, als äußere stoffliche Wirklichkeit gleichzeitig zu ergreifen. Das meiste muß als Traum und Schatten, Gedanke und Gefühl in jeder Stunde mit hinein verwoben werden — nur eben nicht als Sehnsucht oder Erinnerung, sondern als Gegenwart; nicht mit dem Bewußtsein, daß es uns fehlt, sondern mit dem, daß es vorhanden ist und daß wir es unverlierbar besitzen. Die ewigen Wanderer, die ihre ruhige Stätte verlassen, um, was in ihrer Seele auftaucht, draußen zu finden, weil fie meinen, daß es dann schöner sei, erreichen nie ein Ziel, müssen alle sihbeßlich erkennen das ist der falsche Weg! Es gilt, die Bilder unserer Sehnsucht hier auszuschöpfen, wo wir sind, nicht ihnen ins Ungewisse nachzusetzen wie der Jäger der weißen Hinde. Ich habe winterliche Hügel vor meinem Fenster, gewellten Boden, Wald, Wiesen, über die, ein ferner Kranz fast, ein feiner unterer Rand- faum des Himmels, das Gebirge, gebreitet ijt. 2tn tlnren A^e n, w e jetzt oder auch beim Stürmen der Wolken, ist der schmale Fries feiner Felsen und Gletscher als Bandstreifen sichtbar; wenn Nebel geistern, ist er doch gefühlt und geahnt. , , v Gewiß ist es verlockend, wenn man so in den reinen Wintertag hinairdicken Reisrand hat ihn nie ins Schlaraffenland kommen (affen! Dieser Oheim ist gewist nickt mein Vorbild. Aber er hilft mir, in einem Hereinwehen von Winterlust durchs offene Fenster und einem Blick durck das Zeißglas den großen Winter, den Winter der Berge, hereinzuziehen in Stadt und Wohnung. Denn der Winter Ist oben in den Drei- und Vtertausendem zu Haufe. B-i uns, im besiedelten Land, ist er nur Gast, der kommt oder auch nicht kommt — einmal Wochen bleckt, einmal nur Tage und nach einer Pause wieder Tage. Und dann gefällt es ihm nicht mehr, und er geht ganz — oft Diel früher, als es Frühling wird. Aber da oben ist er das liebe, lange Jahr, auch wenn bei uns Hochsommer brütet und wir in Seen und Flüssen baden Das schert ihn die steigende, immer wärmere Sonne? Mag sie tags an der Schneedecke Herumtauen — nachts läßt Winter das Tropfende, Rieselnde, Sickernde wieder einfrieren. Das Wasser muß anhalten, der Tropfen, der schon am Spitzzapfen entlang glitt, um ins Tal zu fallen, muß an der Wanten Zacke still hängenbleiben und glasklar fest werden. Der Schnee wandelt sich in Eis, verharscht und vergletschert. Kurz ist die Zeit, in der die wärmenden Strahlen eben dem Winter beikommen. Es ist dort fast noch Frühling, wenn schon der Herbst einfällt. Höchstens, daß sich der Winter ein, zwei Monate lang hinter den Nordwänden und in den engen Felsfchründen verbergen muh, ehe wieder alles Gebiet der hohen Berge sein ist. Wie das Winterbehagen gibt, daran zu denken! Wieviel tiefer gleich ber kärgliche Winter hier bei uns wird, wenn man durchs Fenster vom Schneewind sich anwehen läßt und weiß, woran er gestreift und seinen silbernen Hauch gekühlt hat. Es ist später Nachmittag geworden, und hinter Graubläue des fast durchsichtigen nahen Vorberges bricht ein aufstrahlendes Gelb der untergegangenen Sonne empor bis in die Höhe, von der Dämmerung einsinken will. Schon stehen da und dort kleine Lichtpunkte im Land, die schnell sich vermehren, als zersprühte ein brennendes Scheit in glitzernde Funken. Ich schließe den Vorhang und sinne im Schein einsamer Lampe, ob der Chinese mit seiner Brandmarkung der beiden Diebe Sehnsucht und Erinnerung wohl recht hat oder nicht. Woher hab' ich alles, was ich jetzt sah, wenn es mir der Dieb Erinnerung nicht zugebracht, und hätte ich es so genossen, wenn der Dieb Sehnsucht mir die Freude daran nicht immer hätte stehlen wollen? Was eben Weisheit war, scheint Torheit — und doch nicht! Denn unbeareifbar ist jeder Augenblick des Lebens mit allem, was du denkst und siihlst, mit allem, was er enthält an Wirklichem und Erträumtem. Vom „Ewigwähren-en Kalender". Von Reinhold Piper. Es ist immer ein etwas feierlicher Moment, wenn man das erste Wort in den neuen Kalender einfchreibt. Noch sind die Tage voll unbegrenzter Möglichkeiten, weiß glänzen ihre Flächen. Welche Spuren wird die Zukunft auf ihnen zurückgelassen haben, wenn sie Vergangenheit geworden ist? Auch diese weißen Tage werden einst verdämmert fein und mit ihnen der Kalender. Ist es nicht eigentlich schade, daß jedes Jahr die alten Kalender wie Schatten im Orkus versinken? Mit all ihren schönen Sprüchen, Gedenktagen und Wetterregeln? Dies fragte sich eines Tages, so um 1668 herum, auch der große Dichter Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen, der Autor unseres unsterblichen „Simplicius Simplicissimus". Wir wär's mit dem ewig währen den Kalender? Mit einem Kalender, der schon deshalb ewig währen müßte, weil er so viel allerwunderbarlichste Historien, so viel hoher gelehrter Leute Meinungen und Sentenzen, soviel notwendige Wissenschaften, so viel mirakulöse Vorbedeutungen, soviel Diskurse von Aftrologia und Astronomia, so viel Hausmittel und Wetterregeln, soviel Geschichten von bösen und schönen Weibern, Kometen, Flöhen, Selbstmördern, Reitpferden, Malern und Aufschneidern und tausend anderen Dingen enthielte — und zwar das Ganze noch dazu mit Fleiß als „Verworrenes Mischmasch" durcheinandergcfetzt —, daß man ewig an ihm zu lesen hätte und niemals sagen könne, man habe ihn wirklich ausgelesenI Gedacht, getan! In dem verschollenen Schwargwalddorf Gaisbach, wo er als Wirt lr3um Silbernen Stern" seinen Gästen den Wein vorsetzte, und in dem kleinen Städtchen Renchen, wo er als bischöslich-straßburgischer Schultheis amtierte, braute Grimmelshausen die vielerlei Materien seines Kalenders zusammen. Dann schickte er die Handschrift, die sicher aus unzähligen zusammengeklebten Zetteln bestand, in die „wohlbekannte und weitgerühmte" Stadt Nürnberg zu Wo f Eberhard Felhecker, dem Verleger. Der brachte sie 1670 ans Licht. „Ewigwährend?" Nun, ein Vierteljahrtausend ist schon ein kleines Stück (Eroigteit. Und so lange hat jedenfalls der Kalender bis heute gewährt. In keinem meiner alten Bücher ergehe ich mich so gern wie in diesem „Luftigen Irrgarten". Aus seinem gebräunten Papier steigt der Geist alten Lebens auf. Das Buch ist schon äußerlich höchst kurios eingerichtet. Sechs Spalten — auf jeder Seite drei — laufen nebeneinander durch das ganze Buch. In der ersten, wie es sich gehört, die Namen der Heiligen. In der zweiten und dritten das „Chaos ahn' einige Ordnung". Da lieft man 'btiefe Wetterregeln: „Wann im Hornuntz die Winde wehen, daß den Ochsen die Hörner im Kopfe wackeln mochten, so bedeut's ein gutes Jahr, sagt mein Knän." Oder dies Rezept für ausgiebigen Haarwuchs: „Wer ein schön lang und dickes Haar begehret, der nehme Wasser, das durch ein lebendiges Rind (wann selbiges im Mertz, April und May von der Weid gehet) destilliert wird und netze alle morgen also warm, wie es von der Mutter kömpt, wann er sich kämmet, (eine Haare damit, so wird er bekommen, was er verlangt. Dies ist zwar ein lächerlich Rezept und verächtliche Materia, aber wer's nicht glaubt, der mag feinen kahlen Kopf behalten. Wer's aber probiert, wird immer darurnb danken. Die Natur tut und muß tun, was sie kann, wann man's ihr nur zumutet." Oder es finden (ich unterm fünften Heumonat folgende zwei historische Daten einträchtig nebeneinander: „An diesem Tage kam die heilige Jungfrau Maria von dem Haus Zacharia wieder gen Nazareth. Heut im Jahr des Heils 1651 starb Maxirniiianus, Herzog und erster Churfürst von Bayern, im hohen Alter, welcher in dem verwichenen Krieg auf katholischer Seiten an vielen Orten das Beste getan." Dies war damals ein Datum der neuesten Geschichte, und Grimmelshausen, in jungen Jahren von Soldaten entführt, hatte den „verwichenen Krieg" bis zum Letzten durchgekostet. Wer bei Nacht zu sehen wünscht wie am Tag, dem rät der Kalender: „Nimm Fett von einer schneeweißen Katzen und die Gall von einer schneeweißen Hennen, schmiere die Augenlieder damit. Etliche schreiben^ man solle die Augen selbst mit Fledermausblut schmieren. Aber ich rate dir, mein Sohn, du sollst es nicht probieren. Ich glaub wohl, daß einer davon bei Tag so viel sehe als bei Nacht." Zur Unterhaltung der Mitmenschen wird folgendes ernpsechlen: „Wan du gern eine schöne Bürgerlust anstellen wolltest, daß die Leute Gottes Barmherzigkeit anrufen sollen, so nimm fünf rinberne Blasen, binde einer Katze an jeden Fuß und an den Schwanz eine, wirs sie bet Nacht einen hohen Turm herab, so wirst du und andere Leute, sonderlich wann es ein wenig windig ist, aus der dunklen Lust herab eine grausam liebliche Musik hören. Aber fchau, daß du nicht selbst dasür in den Turm mußt. Hast du Gäste, die du gerne scherzen wolltest, so nimm Geigen- ober Harfenfaiten, schneide sie klein, tue sie ein wenig ins Wasser, hernach streue sie auf yeiß Rindfleisch oder einen frischen Braten. Wann sie bann erwärmen, so sahen sie an sich zu regen und sehen aus wie Maden." „Junge Mütter mögen sich merken, was unterm 12. Mertz steht: .Unsere Weiber, wann sie aus der Kindbett das erstemal zu gehen pflegen, so geben sie fleißig achtung, ob ihnen ein Manns- ober Weibsbild zum ersten begegne, und halten davor, welcherlei Geschlechts ihnen am elften aufgestoßen, dergleichen werden fie auch bei künftiger Geburt zur Welt bringen.* Meine Mutter sagt, es habe sie niemals betrogen, hat aber ihr lebtag nur ein Kind gehabt." In der dritten Spalte führt der junge Simplicissimus einen langen Diskurs mit feiner Mutter und seinem Alten von der Bauernpraktik. Der Junge meint schüchtern, daß doch auch die Gelehrten brauchbare Obser- vationes' gemacht hatten. Aber wie fühlt sich da der Alte überlegen! „Was wir alten Bauersleut ober unsere Vorfahren bevor erfunden, das haben die Gelehrten von ihnen aufgefischt, einen lateinischen Pfeffer darüber gemacht und solches nachgehends for ihre eigene Ware verkauft. Was wollt so ein Kerl, der daheim in der Stuben sitzt, zu spekulieren, von denen Dingen sagen können, damit wir Leute stündlich umgehen? Nahm da ein Jäger ober Vogelfänger so einen Dokter mit sich oufn Vogelherb, welchen der Jäger still fein hieß, damit er ihm die Vögel nicht nerftöbere. Da nun deren etliche tarnen, schrie der Dokter den Jäger auf lateinisch an, er solle bas Netz zuziehen, cs wären Vögel da und vermeinte, wann er Latein rede, so würden es die Vögel nicht verstehen." Natürlich liegt dem jungen Simplicissimus auch sehr daran, von der Kraft und Wirkung der Planeten Gewisses zu erfahren. Er bisturiert in der fünften Spalte mit dem großen Astrologen Johannes Indanine Grimmelshausen, läßt ihn dabei prachtvolle, dichterisch gestaltete Charakterbilder der Planeten entwerfen. So heißt es vom Saturn: „Satur- nus ist männlichen Geschlechts, grau und bleifarb mit einem dunklen Schein, zaubersüchtig, ein Phlegmaticus, falt, biirr und trocken, weil er gar weit von 'ber Sonnen abgelegen feinen Gang verrichtet, melancholischer, irdischer Art; wird dem Tage zugeeignet, ist bös, der menschlichen Natur sehr schädlich und die große Infortun genannt. Sein Bild ist gleich einem alten Mann. Das Blei ist sein Metall. Aus den menschlichen Geschäften ist fein die Arbeit, aus ber Farbe das Schwarz, von Geschmack das Sauer, aus den Tagen der Samstag. Er bedeutet Gefängnis, langwierige Krankheiten und heimliche Feinde. Wenn ein Kind in feiner Stunde geboren wird, so gibt es einen trägen, schwermütigen Menschen mit einem dünnen Bart, bleicher, gelber Farbe, dickem schwarzem Haupthaar, ist hochmütig, fanget viel an, richtet wenig aus, will über andere Leute fein, wird selten reich, wohnet gern bey Wassern, ist von Natur diebisch, räuberisch, neidisch und hässig, er sticht gern, hat viel unreiner Hitze, wirb schnell krank, zörnet nicht leicht, trägt aber den Zorn lange, ist ungern bey vielen Leuten, trägt gern schwarz, hat tiefe mörderische Äugen, grauet bald, ist kein Frauen-Mann, redet gern mit ihm selbst." Was Grimmelshausens Kalenber vor allem zu einem „ewig-währen- den" macht, ist fein über den Dingen stehender Humor. Nach langen Debatten über die Kunst ber Physiognomisten und Chiromanten, über bie Möglichkeit und Unmöglichkeit von Prophezeihungen und über Künste und Horostopfteller spricht er mit dem Lächeln des wahrhaft Weisen in der sechsten Spulte dieses Schlußwort: „Wann du aber die Wahrheit ohne Fehl und Mängel prophezeien willt, so bleibe bei diesen unfehlbaren Aussagen, nämlich: Das künftige Jahr, wenn es anders kein Schaltjahr ist, wird haben 365 Tage und wird anfangen im Ianuario. Die Planeten werden ihren gewöhnlichen Lauf behalten, es fey denn, daß ihn Gott ändere. Zu unterschiedlichen Zeiten wird Hitze, Frost, Regen und schön Wetter einsallen. Es wird ein solches Jahr seyn, darinnen man essen, trinken, springen, tanzen, feyern, arbeiten, säen und ernten wird. Aber unterdessen wird auch mancher harte Kopf draufgehen, junge Weiber werden schwanger werden und Kinder gebären, aber nicht ohne Schmerzen und Gefahr. Krieg und Blutvergießen wird nicht ohne Schießen, Hauen, Stechen, Schlagen abgehen. Beym guten Wein wird mancher luftig und berauscht werden und werden die Gläser manchen Stoß leiden müssen und nicht alle ganz baroon kommen. Die erwachsenen Dirnen werden gern wackere Männer haben wollen, und im Winter die Mägde beym Spinnen gern schlafen. Umb Fast na äst wird's Narren geben und umb Weihnachten ein Sau- Sterben einsallen, wird auch mehr Bratwürste setzen, wann die Eicheln geraten, als wenn sie nicht geraten wären. Bei fürwitzigen Phantasten wird die Mchimia in großen Ehren seyn, aber denselben nicht alles wohl ersprießen; die Hoffärtigen werden sich fpreuzen, Mord und Totschlag wird zwischen Feinden vorfallen, Fluchen wird bey Krachern und Schiffsleuten, Weinen bey Kindern und Weibern gehört werden. Lügen und Dräu-Reden werden bey den Wirten die gewöhnlichsten Irartament seyn, und werden manchem Mann Hörner wachsen, ehe ers gewahr wird. Siehe, mein Simplici, mit dergleichen Prophezeihung kannst du nicht fehlen. Dahingegen etliche überwitzige Astrolog mit ihren lügenhaften Prognosticis den Flick neben das Loch fetzen und sich selbst zu Spott und Schanden machen. Dabey ich es auch auf diesmal laß bleiben. Gewisseres werden auch wir für unser neues Jahr 1933 nicht prophezeien können, ist uns doch alles Künftige heutzutage verhüllter als je. Eines nur können wir sagen: Wenn wir uns in allem Wirrwarr der Zeit an bie „cwigwährenden" Güter halten, werden wir bas Kommende leichter tragen. oitfe um ein neues Jahr. Don Hans Naton«k. Herr, schenk mir noch «in Jahr! Das letzte war ja keines... Ich streich es und bewein es Wie etwas, das gewesen ist. Es ist schon nicht mehr wahr —। Ich bitte dich, noch eines! Die Zettel im Kalenderblock, Eie fallen wie Schuppen aus den Rock, Dem Jahre gehn di« Haare aus, Herr, ruf mich nicht, noch nicht nach Haus. * Ich halt die leeren Hände hin: Gott, schenk mir noch ein Jahr, Für dich ist es «in »eines — Das letzte war ja keines. Ich gab ihm keinen Sinn ... Ich bin dein dummes Bettellkind, Dein Tagdieb, dem die Zeit verrinnt, Ich stehe da, es wird schon spät, Schenk mir ein Jahr, das nicht verseht. Neujahr im deutschen Lied. Von Dr. Kurt Haack. Di« Sehnsucht der Menschheit, an einem so einschneidenden Lebensabschnitt, wie es die Jahreswende für einen jeden bedeutet, den Blick forschend in das dunkle Zukunstsgejchehen zu richten und zu versuchen, es wenigstens durch ernst gefaßte Vorsätze und heiße Wünsche zu lenken, ist die Keimzelle aller Neujahrspoesie. So legten schon die alten Germanen am Jubelabend beim feierlichen Becherklang Gelübde ab von Taten, die sie im kommenden Jahre ausführen wollten, und solche heidnische Gewohnheiten blieben auch im christlichen Deutschland erhalten. Aus dem U. Jahrhundert stammt eine Predigt, in der als Abgötterei gerügt wird, Neujahrs auf dem Kreuzwege oder schwertgegürtet auf dem Dache zu sitzen, um zu sehen und zu entnehmen, was einem in Zukunst begegnen werde; auch solle man nicht bei Jahresbeginn durch Gaffen und Ort» schäften ziehen und Gesänge nebst Tänzen ausfllhren. Der fromm« Bruder Heinrich Suso erzählt, daß die Jünglinge in Schwaben in der Nacht des Jahresanfangs vor die Türen ihrer Liebsten gehen, Lieder singen und schöne Gedicht« sprechen, damit sie von ihnen Kränzl«in erhalten. Mit dem Befragen der Zukunft und dem Kranzfingen verbindet sich nun noch der Brauch des förmlichen Wunschfprechens. Zur Neusahrszeit gehen Personen beiderlei Geschlechts, aus allen Ständen, unter Verkleidungen und Masken verborgen, nachts in den Gassen umher und klopfen an den Türen, wobei sie Wunschsprüche hersagen und dann aus einem Fenster aufmunternde oder abwehrende Antwort erhalten. Die ältesten Neujahrslieder, die wir besitzen, gehören zu jen«r umfangreichen Volksliedergruppe, die U hla n d als Wunschlieder bezeichnet. Ein kecker Knab wünscht sich wohl, die schöne Jungfrau möge chm ihr Kranzlein schenken, oder er führt sich als einen rechten Narren ein, der ganz tolle Wünsche tun darf. Ein Pferdlein möchte er sein, um fröhlich in bie Welt zu traben, «in Hllndlein klein, um mit der Liebsten zu spielen, ein Kätzlein, um von ihr geliebkost zu werden, ein Vöglein um in den Grund ihres Herzens zu stiegen. Für das nächtliche Anklopfen zu Neujahr wurden allmählich ganze Spruchgedichte geschasten, wie sie uns aus Nürnberg von den beiden bekannten Verfassern zahlreicher Fastnachtsspiele aus dem 15. Jahrhundert, Hans Rose nblüt und Hans Folz, erhalten sind. Formelhaft und feierlich, wie die ernsten Gelübde und Seanungen, die in der wunderreichen Nacht ihre besondere magische Bedeutung hatten, schreiten noch die Sprüche Rosenbluts daher: „Klopf an! Klopf an! Ein selig neus Jahr geh Dich an! Alles, was Dein Herz begehrt, Das wirft Du zu diesem Jahr gewährt. Klops dannoch mchr! Daß Dir widerfahr alle Ehr, Und alle Glückseligkeit, Das Helf uns Maria, die reine Maid!" St Sebold soll ihm hold sein, St. Moritz gebe ihm Sinn und Witz St. Veit bebüie ibn ru aller Zeit, St. Martin soll sein Gefährte fein und die els- tausend^Jungfrauen schützen ihn vor allem Herzeleid St N.llas, der heiPae Himmelsfürst bescher ihm Wein, wenn es ihn durst Noch acht heilige s)immeiJ > mojenW.jits rufen all« nur erdenklichen Bor- äSfe®: WNsS-S allerlei Neckerei mit unterlauft. „Ein selig neu s -oayr geg x/iu, . bildet sich nach dem „Klopf an!" als stehender Glückwunsch au», an den ich komische und groteske Wünsche anreihen. Ausgelassener Mummen- chanz begleitet das Neujahrssingen, und bunte Possen entweihen die gewichtige Stunde an der Wende zweier Jahre. Hans Folz schlägt in einen Sprüchen schon diese lustige frohe Seite der Feier an. Schimpf- und Spottreden wechseln in Rede und Gegenrede. Zärtliche Liebeslieder ertönen, und an sie schließt sich etwa folgender Wunsch: „So wünsch' ich Dich so lange gesund. Bis ein« Linse wiegt hundert Pfund, Und bis ein Mühlstein in Lüften fleugt Und ein Floh ein Fuder Weines zeucht Und bis ein Krebs Baumwolle spinnt Und man mit Schn«« ein Feuer anzündt; Hiemit ein gut's seliges neues Jahr Und hau hin, daß Dich Gott bewahr!" Solche unmöglichen und phantastischen Wünsche mehren sich in den Neujahrsliedern, und der Liebende wünscht sich, Macht zu haben über Sonn« und Mond, die Erde und all« Meere, über Geister und Pflanzen, um sie in den Dienst und Willen seiner Schönen stellen zu können. Diesen natürlich einfachen Prophezeiungen und Bitten setzte der Humanismus eine neue Form entgegen, das steife, in prunkvoll antikem Gewand« und mit gelehrten Anspielungen einherschreitende Gratu'ations- gedicht. Ein Geist des pathetischen Schwulstes und der hochtönenden Wortornamentik entfaltet sich in diesen erst lateinisch und dann auch im stilleren Deutsch vorgetragenen Deklamationen und Oden, die „eine Freuden und Friedenspforte vor dem sich wieder neu eröffnenden Tempel des Kronos" errichten. Wärmere, herzlichere Bekenntnisse werden erst in der Zeit des Elends des Dreißigjährigen Krieges wieder laut. Paul Fleming wünscht, daß im Helm von nun an die Schwalben nisten mögen und aus Spieß und Schwert Pflug *unb Spaten werden sollen, und Paul Gerhardt bittet in seinem würdig eindringlichen Neu;ahrs- gesang „Nun laßt uns gehn und treten", ebenfalls statt des Blutvergießens um Friedensströme, um Huld und Gnadensonne. Aber nach der überströmenden Glückseligkeit des Friedensschlusses schwinden wieder die echten Töne mehr und mehr; man glaubt, in den gedrechselten Alexandrinern, in di« der Hof dichter Johann Ulrich von König seine Neujahrswünsche faßt, die steif-galanten Komplimente der gravitätischen Herren in der Puderperücke wiederzufinden, di« sie am 1. Januar den hohen Standespersonen widmen. In die fromm betrachtsame Art des Gerhardtschen Kirchenliedes lenkt wieder Gellert ein, wenn er zum neuen Jahre dem Gott der Macht Ruhm, Preis und Dank erschallen läßt. Lessing weiht König Friedrich eine begeisterte Neujahrsode, die das Jahr 1754 mit vollen Akkorden einleitet. Den leicht tändelnden Rokoko-Scherz vertritt das Neujahrslied des jungen Goethe, das, 1768 für Kätchen Schoenkopf gedichtet, feine erst« gedruckte Gedichtsammlung „Neue Lieder" einleitet: „Wer kömmt! Wer kaust von meiner War'! Devisen auf das neue Jahr, Für alle Stände. Und fehlt auch einer hie und da, Ein einzger Handschuh paßt sich ja An zwanzig Hände." Seine kecken und leicht srivolen Ratschläge und Wünsche atmen die Anmut der lebensfreudigen Anakreontik. Die jchwermutsvoll« Melancholie der sentimental - weltschmerzlichen Empfindsamkeit spricht aus den „Neu- ;ahrsgedanken" des Freiherrn von C r e u z , der in der Silvesternacht ein« welthistorisch phantastische Dision sich vor die Seele ruft, wie sie dann in Prosawerken Jean P a u l, E. T. A. H o f s ma n n und Jeremias Gott Helf ausgestaltet haben. 1784 singt Johann Heinrich Voß sein „Neujahrslied": „Des Jahres l«tzte Stunde ertönt mit ernstem Schlag", noch heute das bekannteste und am meisten gesungen« Lied, im ernsten Rückblick und hosfnungs- frohen Aufblick allgemein menschliche Empfindungen aussprechend, die der Chor aufnimmt. Stimmungsvoll hebt Matthias Claudius an: „Cs war die erste Dämmerung Mit leisem Tagverkünden, Und nur noch eben hell genung, Sich durch den Wald zu finden. Der Morgenstern stand linker Hanh Ich aber ging und dachte Im Eichtal an mein Vaterland, Dem er ein Neujahr brachte." . Die politische Lyrik gestaltet das Neujahrslied zu einer scharfen Kritik der Verhältnisse um, so daß bei Hoffmann do n Fallersleben recht bittere Disharmonien in bas refrainartig auftretenbe: „Freut Euch des Lebens" hineinfchrillen. In den „Neujahrsglocken" erlauscht C. F. Meyer das schwellende Gedröhne der gewaltigen Heere der Zukunft. Manch weisheitsvolle, kernig« Neujahrsgrüße und -fprüche haben uns auch unsere modernsten Lyriker gegeben. . Die an guter Saune und frischen Wünschen unerschöpfliche, in ihrem Optimismus und ihren Bitten nie versiegend« Naivität des alten Neujahrsliedes lebt aber nur noch fort in der Volkspoesie, die gerade um diesen Tag herum auch in der Gegenwart noch üppig blüht. Aus allen deutschen 'Gauen hören wir von solchen Bittsprüchen, die gleich deutlich unb anschaulich in der Ausmalung des gewünschten Glücks wie des geforderten Geschenkes sind. Ein uralter noch heute üblicher Reim lautet: Ich wünsch' ein glückselig neues Jahr und's Christkindle im krausen Haar, womit vielleicht auf einen Familienzuwachs hingedeutet werden soll. Daran schließen sich Wünsche für langes Leben, gutes Leben, einen schönen Mann, eine schöne Braut, eine Kiste mit Geld und alle nur denkbaren Herrlichkeiten, denen sich die Hoffnung auf einen Dank in klingender Münze nicht selten anreiht. Ileujahrsnacht im Schwarzwald. (Eine Silvesterbegebenheit vor mehr als hundert Jahren. Von Eberhard Meckel. Dort oben im hohen Schwarzwald, im Gebiete des Fekdberges, wo jetzt in der Winterzeit ein fröhliches Leben und Treiben erholungssuchender Menschen herrscht, wo die Skiläufer auf den Matten und Hängen sich eifrig tummeln, ein buntes und vielfältiges Bild, wo loder Ort viele Gäste in feinen Gasthöfen beherbergt, war es vor nicht langer Zeit noch gar still. Wer nicht mußte, lief nicht hinaus, wenn es kalt war, und winters über die Berge ging kein Mensch. Ganz verlassen und öde war die Landschaft, wo auch sommers nur ein paar Vioh- herden weideten, zugedeckt war alles und begraben unter Els und Sistnee. Kein Fuß machte Spuren hinein da, wo jetzt die weißen Flächen bald glatt gebügelt sind von den tausendfach über sie hinweggleitenden Skihölzern. Verschlafen war damals noch alles, die verstreuten Höfe und Gemeinden lagen in friedlichster Ruhe und tiefsten Winterschlaf. Denn der Winter, der heut« so oft ein guter Freund fein kann, war damals nichts als ein grimmiger Feind, der nur Stein und Bein erfrieren machte, die Menschen- in den Häusern gefangen hielt. Ja, der Schwarzwaldwinter ist da oben böse, darin hat sich allerdings auch heut« nichts geändert, der ist gleich wie vor hundert und dreihundert und fünfhundert Jahren: Der scharfe Nordoststurm bringt den Schnee in dunklem Nebelgewölk heran, der Wind faust heulend Tag um Tug, springt singend wie ei» tückischer Kobold in den Kamin, fährt in die Ritzen, klirrt in den Schindeln und scharrt gehässig am Dach. Durch die Wälder geht immer ein Knacken der Bäum« vor Frost, stetig donnern Aeste unter der schweren Schneelast nieder, fern dröhnt das Getöse einer kleinen Lawine an den Bergen wider. So geht das bis zum März, wo die Sonne wieder beginnt, ihre Wirkung zu tun und endlich wieder den Schnee wegnimmt. Menschen kommen, Menschen gehen, und alles ist im Grund gleich heute und ehemals ... In einem solchen Winter, vor vier Menschenaltern, da ging von Todtnau, einem kleinen Besenbinder- und Holzfüllerort — denn die Subergruben, die das Dorf einst reich gemacht hatten, waren längst eingestellt worden — ein älterer Mann gegen Abend weiter in das enge obere Tal, dem Fetdberg zu, wo die Wiese entspringt, die später gang unten bei Basel in den Rhein mündet, und von der einer der schönsten und heitersten deutschen Landstriche den Namen Wiesental hat. Der oberste Ort, ein paar Häuser nur, ehe man hinauf über den Zeigerpaß nach Menzenschwand kommt, heißt Fahl, und dort wollte der Wanderer hin. Da, wo heute eine breite Autostraße läuft, gab es nur ein kleines, wenig gepflegtes Sträßchen, nicht besonders angelegt, sondern wie es sich eben im Laufe der Zeit ausgefahren und ausgetreten hatte. Doch es war ja jetzt Winter, und man sah nichts von einem Weg überhaupt. Nur ein paar Fußstapfen, wohl von Holzschlägern herstammend, di« tags talab gegangen waren, wiesen die Richtung, doch auch die waren bereits wieder halb zugewcht und schlecht zu enfennen. Denn es blies ein scharfer Wind, der Schnee wirbelte unaufhörlich herab, unaufhörlich sank das Land tiefer unter eine weiße endlose Schneedecke. Der Mann hatte schwer zu gehen, oft sank er bis in die Knie ein, er mußte achtgeben, nicht abzukommen, denn links gurgelte es unter der Schneedecke drohend über die sonst so friedliche Wiese, wo noch ein richtiger Wildbach herab rauschte. Und rechts ging es in finster« und unwirtliche Tannenwälder. Doch der Wanderer kannte den Weg genau. Im Vorwärtsstapfen hielt er Zwiesprache mit allen Dingen, die er sah und hörte. „Rausche nur hinab, liebe Wiese, ich kenne dich genau", tagte er freundlich, obwohl ihm ein Eishagel ins Gesicht schlug. „Ihr Wälder, euch habe ich lange nicht mehr gesehen." Und er atmete im mühseligen Gehen die neblige Luft vertraut ein. Luft der Heimat, ja, wie viele Male in früheren Jahren war er hier gelaufen als kleiner Bub, als junger Mann, nur wenig hat er sich verändert feit damals, bloß die Tannen waren wohl groß geworden. Ja, damals; nun war er mittlerweile älter geworden und wollte noch einmal, wer weiß, ob er es wieder könnte, hier oben das für ihn ein Stück feiner Heimat war, verweilen um diese Zeit jetzt, die Zeit ber Jahreswende, wie er es früher oft getan hatte. Jahreswende; heute war der 31. Dezember, Silvestertaa! Und es dunkelte bereits in den Silvesterabend hinüber. Die Nebel hingen tief, über die Hälfte der Berge herab und brauten unheimlich und finster am Talhimmel. Der Wanderer stapfte eifrig vorwärts durch den tiefen Schnee, eine halbe Stunde, eine Stunde, anderthalb Stunden tm schlimmsten Winterwetter, aber es mackste ihm Freude, nichts als tiefe Freude. Ruhe zog in fein Herz, trotz des Sturmes umher, und eine seltsame Feierlichkeit durchdrang ihn auf seinem Gang am letzten Tag des Jahres. — Er näherte sich allmählich dem Orte Fahl. Es war nun Nacht geworden, ein paar blasse Lichtlein blinkten ihm aus den Häusern durch die Dunkelheit entgegen. Kein Mensch war zu sehen, als er in den Ort kam. Aber der Wanderer sand seinen Weg, auch ohne daß jemand ihn wies. Rechts von der ansteigenden Dorfttrahe, am letzten Haufe gegen das Talende zu, klopfte er gegen die Tür eines Bauernhofes. Nach einiger Zeit wurde ihm ausgemacht, ein älterer Mann mit einem Kienspan In der Hand leuchtete ihm Ins Gesicht und fragte nach seinem Begehr. Doch ehe der Ankömmling noch eine Antwort geben konnte, hellte sich des Bauern prüfendes Gesicht plötzlich auf in jäher Freude, und er rief aus, die Hände samt dem Span über den Kopf zusammenschlagend: „Ach, Ihr seid es, Ihr seid wieder einmal im Land, grüß Gott, kommt herein, Herr Hebel, wollt sagen Herr Kirchenrat, kommt nur herein, welche Freud, welche Freud!" Doch der Angeredete wehrte ab und rief mit künstlich zorniger Stimme, durch die Freude klang: „Wenn Ihr noch einmal Herr Hebel zu mir sagt, oder Herr Kirchenrat, dann kehr ich wieder um aus Nimmerwiedersehen. Sind wir nicht zusammen auf der Schulbank gesessen und haben wir nickst zusammen die Geißen gehütet? Als ob es so besonderer Anreden brauchte, wie Ihr sie da macht. Nehmt'» zurück, ober ich gehe!" Loch und heilig beschwor da der Bauer den Ankömmling, doch zu bleiben; er wolle es nicht mehr sagen, doch hätte er gemeint, wenn sein alter Kamerad ein so hoher Herr geworden sei, müsse er es Und so gingen sie einig und lachend zusammen hinein in die Stube. Und der Leser weiß jetzt wenigstens, wer der Wanderer von Todtnau nach Fahl wär: . Der alemannische Dichter Johann Peter Hebel, damals Kirchenrat in Karlsruhe. Er hatte sich von dort aufgemacht, war aus der Stadt herausgefahren, um wieder einmal das neue Jahr in seiner Helmut des Wiesentals, das er fo oft in feinen Gedichten besungen hatte, zu verleben, wie er es früher oft gemacht hatte. Ein paar Tag« war er bereits unterwegs von Base! aus, feiner Geburtsstadt, wo er Weihnachten gefeiert hatte, das Wiesental hinauf, immer alte Freunde und Bekannte aussuchend: und nun war er also hier oben, im obersten Tötende, als letzte Station, bei feinem alten Freund, dem Fahlerlochhosbauern. Wie sie beide also in die Stube kamen, faß die Frau des Bauern spinnend hinter dem Spinnrocken, eine richtige und kräftige Schwarzwälderin, die Tochter, ein frisches und rotbackiges Mädchen, hals ihr dabei und eine Magd schob dicke Holzscheite in den Ofen. Ja, da gab es auch großes Erstaunen und Wiedersehensfreude, und nochmals mußte der Ankömmling sich der ehrenden Anrede erwehren. Nachdem sie alle Neuigkeiten ausgetauscht hatten, saßen sie alle bald friedlich um den Tisch zusammen. Die Magd tischte Geräuchertes aus dem Rauchfang auf, der Bauer holte ein ordentliches Kirschwasser aus dem Wandschrank, und beim prasselnden und gemütlichen fauchenden Kachelofen ging bald ein Gespräch fröhlich weiter. Hebel langte sich nach einer Weile feinen Wandersack her, der auf der Ofenbank tag, und holte unter dem staunenden Entzücken seiner alten Freunde allerlei heraus: Buntgezogene Kerzen fetzte er auf den Tisch, ließ die Magd Tannenreisig holen und stellte ein paar Flaschen Wein aus dem badischen Unterland dazwischen. „So", sagte er schmunzelnd, „nun wollen wir Silvester feiern, das neue Jahr ein« weihen, das alte begraben, es hat's verdient." „Ja ja", meinte der Bauer nach einer Weile des Schweigens, währenddessen die Frauen die Kerzen anzündeten und Wein einfchenkten, stopfte seine Pfeife und steckte sie mit dem Span an, so daß beim Einziehen des Feuers in den Tabak fein verwittertes und hartes Bauern- gesicht seltsam deutlich belichtet wurde. Was mochte das alles erlebt und gesehen haben an schweren und harten Zeiten! „Ja ja, es verdient'?, das Jahr, daß man es begräbt! So geht eines nach dem andern um und was bringen sie alle für die Menschen? Jammer und Elend und Not, was sind es für Zeiten! Teuer ist alles, es umgibt einen eine arge Welt, alles ist unsicher und schwankt. Ich meine, so eine arge Zeit war noch nie. Da entgegenete der Gast: ,Ha, aber was hilft alles Jammern und Klagen darum, ändern wir es dadurch? Wohl sind die Zeiten schlimm, Hungersnot und Elend überall, hohe Steuern und Abgaben, niemand weiß, ob er morgen noch wird leben können, weil alles dann anders fein kann. Doch den Kopf hängen lassen, wozu? Nehmen wir, wie es ist, die Hauptsache ist alleweil, daß man lebt. Und Freude gibts doch genug. Schaut nur einmal den Himmel an, wenn er schön blau ist, die Sonne bald wieder warm scheint und di« Vöglein singen! Noch immer haben die Menschen gesagt, es seien fo schlimme Zeiten, in denen sie lebten, heute oder vor hundert Jahren. Und in über hundert Jahren wird die Welt doch noch stehen, und das Leben ist weiter gelaufen, andere Menschen haben gelebt und leben bann und sagen vielleicht, daß es ihnen schlechter als je einem ginge. Warum sich das Leben fo schwer machen, laßt uns anstoßen, es ist la kein Leichtsinn, es ist nur ein wenig Freude, die soll und danf man haben. Wir wünschen es allen anderen auch fo." „Da habt Ihr recht', mischte sich die Bäuerin in die Unterhaltung der Männer, nachdem sie alle getrunken hatten, „ich sage es auch immer, Vertrauen muß man haben, es wird schon etwas werden. Ich denk«, das" — und sie zeigte auf den Herrgottswinkel, wo das Kreuz hing — „das wird uns schon nicht-im Stiche lassen." Unter solchen Reden kam alsbald eine freundliche Stimmung auf. Der Wind draußen und der Sturm schienen aufgehört zu haben. Als um Mitternacht von der kleinen Dorfkapelle das neue Jahr eingeläutet wurde, stellten sich alle an das offene Fenster und hörten zu. Es wurde chnen gut zu Mute für das neue Jahr. Sie sahen, daß es ganz klar geworden war. Ein voller Mond hing friedlich über dem Tal, hoch lag der Schnee, viele Sterne glitzerten herab, fern brauste der Wiesenbach in der Nacht. Di« Nachbarn erschienen aus den anderen Höfen, miinsch- ten sich gegenseitig fröhlich ein gutes neues Jahr. Bald darauf gingen alle schlafen. Hebel jedoch stand noch lang« am Fenster feiner Kammer und sah hinaus in die Nacht. „Neujahrsnacht still und klar deutet auf ein gutes Jahr." Diese Bauernregel fiel ihm ein. Das dünkte ihm eine gute Vorbedeutung, und er schloß, allen Menschen im Herzen Friede und Freude wünschend, dankbar und zuversichtlich um das, was war und was immer kommen möge, endlich das Fenster, als sich Im Osten über den Bergen das erste Morgenlicht des neuen Jahves ankündete. I5crant® ortltcb: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag; Brühl'sche UntversitätS-Duch- und 6teinbtudetet, A. Lange, Gießen. Jahrgang (952 Freitag, den 2. Dezember Nummer 9H Colour & Grey Control Chart PIC1 0 cm 11 16 17 18 22 23 - Es sang kein Star, kein Tauber, kein Bohnen. Man wagte es, etwas Neues zu bringen. Nach einem Vortrag über „Sachliches Wohnen' Adel ««I, eie 5* Adel, »< bolfs us Belt Kinder singen im Rundfunk. Von K. R. N e u b e r t. verveugen. Der Direktor gab sich einen Ruck, schlug die hocken zusammen und machte erst dem Kartoffelfeld und dann dem Holzschuppen eine überaus höfliche Verbeugung. Als das erledigt war, sah er sich vor einer neuen Schwierigkeit und sagte verzweifelt: „Aber ich weiß doch nicht, wie man im Zirkus spricht!" „Du darfst norwegisch sprechen", gestattet« die Primadonna huldvollst. „Der Schwarze kann die Zirkussprache ja auch nicht!" „Sos", sagte der Direktor und knallte mit der Peitsche. Der Schwarze stand mucksmäuschenstill. Der Direktor mußte sich wohl oder übel bequemen, seinen Platz zu verlassen, zu dem Pferd hin zu gehen und ihm einige Klapse zu versetzen. Der Schwarze tat ein paar Schritte, dann gab er sich wieder mit Behagen der angenehmen Beschäftigung des Fressens hin. „Herr Direktor, Sie müssen ihn am Zügel nehmen und ihn im Kreis herumführen", sagte Miß Rosa. „Und wenn ich mich erhebe und auf einem Bein stehe, mußt du das Publikum sein und klatschen und Blumen werfen." „Ich möchte auch ein bißchen Miß Rosa sein", versuchte Bübi. „Du bist auch nie zufrieden, nun kannst du schon gleichzeitig der Direktor und Publikum sein. Außerdem bist du doch auch tejne Darne.^, J Sauf, legifta 'er hatte m tauf, 1 lüften, les net. !»ck uni Dar. die 8e= 'r einen lhte. Die d genau >em. Sie ir selbst, n Ähre teils ins itali und spiel die eußischen 12 13 19 20 21 14 15 9 10 6 7 8 2 3 4 5 jX nach hinten, daß er stramm wie eine Leine war. ” ein mit der Angst: krank werden oder sterben? Anning? Ich hab daß wir keinen Unfug machen." «ortete Anning mit der ganzen Ueberlegenheit .'benjährigen Knirps. Gellerts ) Ipwch. Familien is dieser kämmen, n wollte, darüber, iren ein. in Zinsen ires, wie Ibergerät zu!öw cher ober >her. an Güter reter der Zwanges ngen N reden M< erstanden scheu, die Bon h« Heinrich n Krieg-' komm», e SchO chald i® Dabei, die »efefjrflntt, ein, M ntertanen i Schwarzen genügend eingepinselt. Die Leim- Mutti nur nicht böse wurde. Aber, na, das war ibend sollte Großmutti ja kommen. Dann begann )sa zog ihr Kleid aus, schnellte ihre Schuhe von :. Dann gab sie der Leiter einen Tritt, daß sie is Reitkostüm bestand aus einem gestrickten Leib- WUVKl —tr--- - Wenn sie schon lang« im Alltag leben... '. wurde ein. St 5 Hörle, SletzenerZamilienblötter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger ä“of,üm rektor und mußt in der Mitte stehen und kom» sich in die Höhe springe, bist du das Publikum d jetzt mußt du schrecklich ehrerbietig sein, Henn ■ sa. Und dann mußt du dich vor dem Publikum Blue White Yellow Grey 3 Cyan Grey 1 Miß Rosa. Von Barbra Ring. „Mutki, darf ich mal die Leimslasche haben?" Bübilein kam in die Küche gestürzt, heiß, mit brennenden Backen und leuchtenden Augen. Er hatte nicht mal Zeit, die Tür zuzumachen. Mutti hatte eine Küchenschürze um und rührte einen gelben Teig mit lauter schwarzen Fliegen drin, es sollte sicher ein Korinthenkuchen werden. „Wer braucht denn den Leim?" fragte Mutti. Mutti war ost sehr mißtrauisch. „Anning muß ihn ganz notwendig haben", antwortete Bübilein und sah angestrengt auf den Boden. — Anning hatte ihm streng eingeschärft, „nicht so dumm zu sein". „Wozu braucht Anning denn unbedingt Leim?" fragte Mutti mit ihrer süßesten Stimme. Sie hatte mit Annings „Bedürfnissen' schon die schlimmsten Erfahrungen gemacht. Wenn Anning irgendwas besonders bedenklich erschien, wurde Bübilein immer vorgeschickt. Bübi antwortete nicht ei^wnX-iaiL lehr keaailen aus. Mutti konnte in seinem süßen Gesichtchen Green Grey 2 Magenta Black Red Grey 4 geschmiert, damit Miß Rosa nicht herunterfallen könnte — dazu braucht« sie die Leimslasche. Es war dem Schwarzen nichts Neues, daß die Leiter gegen seinen Bauch gestellt wurde, wenn Anning reiten wollte, aber daß Anning da endlos stehen blieb, ihm etwas Kaltes über den Rücken goß und es dann mit einem Pinsel verrieb, das hatte er doch noch nicht erlebt! Er drehte den Kopf und fing an, mit dem Schwanz um sich zu schlagen. fuiU mal keinen Schwanz fest", kommandierte Anning. Und Bübilein oanes• • • • - - - - 6 8 L 9 § V £ k oUl' rj uhr fi* oW i sehr K eben 3® fiff aber te f< W *61 teig. Der Kuchen schmeckte eigentlich immer besser ehe er gebacken war. Fünfmal konnte Bübis Fingerchen in den Teig fahren, ehe Mutti wieder zurück war. n „Nun macht aber auch keine Dummheiten nut der Leimflasche , mahnte III „Aber nein, Mutti." Bübilein war mit einem Satz draußen aus dem Hof. Hinter dem Holzstall saß Anning mit aufgelöstem Haar auf einer Leiter. „Hasi du sie? ^sandte und streckte ihr seinen Schatz entgegen „Manchmal bist du doch zu gebrauchen", lobte Anning gnadig 'hol nun die Peitsche, und komm her." «re schleiften b,e Leiter zwischen sich her und zogen um den Stall auf die vorderste Koppel, wo der Schwarte" feftaebunben stand. Gestern waren Anning und Bübilein mit Vater im Zirkus in einem großen Zelt gewesen. Seith^ war Annings heißester Wunsch, so zu werden wie Miß Rosa. Miß Rosa stand auf einem Sein auf dem Pferderücken und sprang durch Reifen aus «eiden- papier Anning wußte ganz genau, daß ihr Wunsch erfüllt werden wurde weil sie doch abends gebetet batte: „Lieber Gott, mach doch daß ich eine Kunstreiterin werden kann". Und der liebe Gott war doch so gut. jo gut, und es war so lange her, daß si.i unartig gerne en war er hatte doch wirklich keinen Grund, ihr diesen Wunsch Ä^Nerluck machen Und nun wollte sie mit Dem Schwarzen den ersten Besuch machen. Vater hatte ihnen erzählt, das Zirkuspferd wäre mit irgendwas em XJll VHUI iiimqiv v»v viun •»■»» ••••» .. ...... gelang es ihnen, Miß Rosa los zu kriegen, aber das Resultat war, daß der Schwarze ganz mit feinen, rosa Wollhaaren bedeckt war. Nun begann die Angelegenheit doch besorgniserregenden Charakter anzunehmen. Der Unterrock sah schauderhaft aus. Und hoffentlich bekamen sie den Schwarzen wieder in Ordnung, bis Großmutti abgeholt wurde. Aber anderseits konnten sie die Vorstellung doch nicht so plötzlich abbrechen, gerade in dem Augenblick, wo Miß Rosa springen sollte. Miß Rosa erhob sich einen Daumen breit vom Rücken des Pferdes und fragte ttiumphierend: „Bin ich nicht schrecklich hoch gesprungen?" Das Publikum trabte tapfer in der Sonnenhitze im Kreise herum, den widerstrebenden Schwarzen hinter sich herziehend. Der Schwarze sand es abscheulich. Wenn Anning ruhig auf seinem Rücken sah, ging es nach, aber daß sie nun anfing, aus ihm spazieren zu gehen, und rumzuspringen, das war wahrhaftig zu viel! Wenn das so weiter gehen sollte, war er entschlossen zu streiken. Schließlich wollte man doch sein Futter in Ruhe und Frieden verdauen! Aus Miß Rosas Fragen antwortete das Publikum wahrheitsgemäß: „Ich hab gar nicht gefehn, daß du Überhaupt gesprungen bist." Miß Rosa war aufs tiefste empört, wie eine wirkliche Primadonna, bereit Kunst nicht gebührend bewundert wird. „Jetzt paß gefälligst auf. Du mußt klatschen und Blumen werfen." Gehorsam bückte sich das Publikum und pflückte eine Hand voll Gras. Und Miß Rosa hüpfte abermals ein paar Zentimeter in di« Höhe.