SiehenerzamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 58 . Sreitag, den 29. Juli j ahrgang 1932 Alt Heidelberg, du feine ... Von Victor von Scheffel. Alt Heidelberg, du feine. Du Stadt an Ehren reich, Am Neckar und am Rheine Kein' ander' kommt dir gleich. Stadt fröhlicher Gesellen, An Weisheit schwer und Wein, Klar ziehn des Stromes Wellen, Blauäugletn blitzen drein. Und kommt aus lindem Süden Der Frühling übers Land, So webt er dir aus Blüten Ein schimmernd Brautgewand. Auch mir stehst du geschrieben Ins Herz gleich einer Braut, Es klingt wie junges Lieben Dein Name mir so traut. Und stechen mich die Dornen, Und wird mir's drauß zu kahl, Geb' ich dem Roß die Spornen Und reit' ins Neckartal. Wiedersehen mit Heidelberg. Von Wilhelm H a u s e n st e i n. Die Turmuhren schlagen fünf Uhr zur Schloßterrasse herauf, — und iielchen Standort würde man sich für das erste Wiedersehen mit ^tadt und iandschaft denn sonst gesucht haben ... Heidelberg liegt schiefergrau im glühenden Dunst des werdenden ilbends. Das Schiefergraue dringt ein wenig vor: am Dach und Turm i“r Kirche zum heiligen Geist; am Dach der Iesuitenkirche; an den ge- Diebelten Hauben der Türme des Brückenkopfes auf der Seite der Att- fndt; am Dach der Universität, das in schönem Schwung stillsteht — wie tme festgewordene Woge. Dies sind die erhabenen Stellen, die man hundert- Nd vielleicht tausendmal hat herausschauen sehen aus den zimtfarbigen Schleiern, die Heidelberg fast immer überweben. Das Schiefergrauo daran shimmert matt, und wenn es blinkt, so gibt es die Lichter des Himmels ur stumpf zurück ... Sonst ist Steinrot da, das pfälzische, das badische ttteinrot, da« ins Lila geht; so finde ich es wieder an der Heiliggeisttirche, m der Iesuitenkirche, an den Bogen und Geländermauern der alten Brücke, 'tegelrot ist wenig; längst sind die Ziegel der alten Dächer erdbraun geworden. Ueberall in den Tiefen liegen violettblaue Schatten; violettblaue Ht einer tonigen Entschiedenheit, wie man sie wohl drunten in Bozen i« erleben pflegt. „ Farben und Töne sind das Erste, das wieder crusfallt — am allermeisten dann, wenn man aus München gekommen ist, wo ute -ttnge bilö- '"risch und räumlich, mit klaren Kanten und Oberflächen, 'n einem tonver- - hrenden, ganz klaren Licht stehn. Die Dinge wachsen dem schaue'ck- wußten Auge aus dem köstlichen Tongespinst: gewölbte kugelige Turm- chouetten des Barocks, die Providenzkirche auch, die schonen alten Man- !wdenstöcke. Hin und wieder ist eine helle und deutliche Stelle i c k'aue, violette, blaue, rötliche Tonmeer eingetieft: das lichte Band der llchweiften Hauptstraße, der man auf den mattblanken Boden sieht, das chte Viereck des Karlsplatzes mit den weißen Hausern und> den gestutz en hld)grünen Bäumen. Man blickt von oben hinein — aus der P^spektive l wesener Kurfürsten. Der Neckar, der die Stadt langsam begle, et ! mmert gelbqrau und oliv unter der von warmem Brodem umdunsteten i ^nnc. Draußen im Westen, über der bayrischen Pfalz steht em einziger ' 'iengeldener Nebel: Atem der Erde, Atem des Rheins, Luft und Rauch b»nz und gar von Sonnenlicht durchsickert. i Vom Ocker des Münchner Odeonsplatzes eingenommen, wunder. man ich immer aufs neue darüber, daß diese Stadt ""d ihr Schl ß s i sandsteinrot und ins Lila umgebrochen So steht dw Sroßartlge Rume l'rt drüben, der zerstörte Steinbrokat der deutschen ^naissance die i.ier --rklichkeit gewesen ist, im dutzendfältigen Grün der hellen Acazien der "nklen Nadelbäume, des glänzenden Efeus, des lloldgrunen Rasen-, "d rötlich laufen seine Wege durch das üppige'Wachstum^ Wunder^ «n das Lilarvt der Ruine, wo es — mit dem Flügel des Otthe,nr ch .l,us - in den Schatten gekehrt ist ... über der Hohe des --ch-ossts blühen unzählbare Edelkastanien den Königstuhl hinauf; es ist ein zartgrünes und zartgelbes Weiß, das, den Frühling in den Juli hinein verewigend, zauberisch ausschwärmt. Auf der Gegenseite, überm Neckar drüben, steht der Heiligenberg mit seinem lichten Laubwaldgrün, der rötlichen Waagrechten des Philosophenwegs und ruhig gezogenen Kuppen- linie, die in langsamem Gefälle zu Tal geht; der Heiligenberg mit den blauen Schatten, die so blau sind, wie sonst nur die Schatten des Südens über den Alpen drüben. Der Strahenweg zum Königsstuhl hinauf — ist er nicht so paradiesisch, als zöge er durch Toskana hin? Nun sind die lichtgrünen, die gelblichweißen Raupen und Kerzen der Maronenblüten ganz nahe; ihr Duft ist von exotischer Süße. Die Luft steht still — gleichsam ein leichtes durchdringendes Gebäude aus Wärme. Der Boden des Waldes ist dicht bewachsen: das Farnkraut wirft seine Palmwedel überall aus. Da und dort leuchtet das violette Rot des Fingerhuts. Hin und wieder ist her Erdboden aufgebrochen: das Innere der Waldhänge kommt lilarot zutage — grün umwachsener Steinbruch, aus dem das Heidelberger Schloß herausgehoben sein könnte ... Auf dem Gipfel des Königsstuhls ist es kühl. Der Neckar weit drunten im Tal ist flüssiges rotes Gold. Die Stadt ist im abendlich vertieften Violettblau nun fast ganz vergangen, lieber der Ebene im Westen draußen steht eine violette Sommernebelwand. An einer Stelle ist sie aufgerissen — dort funkelt der Rhein. Es geht gegen zwanzig Uhr; aber die Sonne steht noch ziemlich hoch; solange ist es im Westen Tag. Die Sonne lagert auf dem Rand des violetten Nebels, der dicht ist wie ein Sockel. Neckaraufwärts liegen die Berge des Odenwaldes in der Ruhe: dumpfgrün, blau — fast nur Fläche, Ton und Umriß, keine bildnerische Form mehr und ohne jede kenntliche Einzelheit; so scheinen die Berge größer, als sie sind. * In den Gassen sitzen die Leute; die Altstadt hält auf eine schier neapolitanische Art Feierabend; Stühle stehen auf dem Bürgersteig; die Buben sind in Hosen und Hosenträgern — die Haut ist ihr Hemd. Die hübschen fränkischen Mädchen haben mitunter ein schier florentinisches Ansehen: dann sind sie zierlich, schnell, braunäugig, brünett, feinnäsig, ein wenig blaß. Wie Eidechsen laufen sie durch die Gassen. Jeden Morgen erwartet man sich den Regentag, öer auf die Hitze folgen soll; aber jeden Morgen erlöst sich die Stadt, als läge sie in Italien aus Dunst und Wolken aufs neue in eine blausilberne Helle — der als' besondere Wohltat die Morgenkühle des Nordens hinzugefügt ist. Mittags ist es schön die Stelle zu suchen, wo die Brüder B o i s s e r ö e in einem weißen Hause gewohnt und ihre alten deutschen Meister gehegt haben. Es ist der weiße Platz mit den gestutzten Bäumen und der unmittelbaren Aufsicht zum Schloß, die sich finden läßt. Goethe hat ste gekannt. Die Romantiker haben sie ehrfürchtig empfunden. Wieder ist es Nachmittag und die Zeit des Spazierengehens. Hinter dem Schloß am Wolfsbrunnenweg heben sich die südlich aus- areifenden Profile bläulicher Zedern in die brütende Luft. Rosen hangen in überfließendem Schwall an Steinmauern herab; Gärten sind voll von blauem Rittersporn und von purpurnen Dahlien. In einem Obstgarten erntete ein Bursche die hochroten Kirschen: auf der Leiter ist er mit seinem braunen Oberkörper, den eine archaische Knappheit gebildet hat, wie eine Gestalt aus Terrakotta. Studenten und Studentinnen liegen am Ram im Baumschatten über ihren Büchern; einem der Mädchen fällt rostrot der Sckovf über die Buchseite oder das Kollegheft. Zuweilen kommt vom Neckartal unvermittelt ein kühler Lufthauch herab; er trifft Schlafe und Hhr wie eine angenehme Anrede. 9 Ich qehe den Weg, den ich vor dreißig Jahren als Student fast täglich gemacht habe bis zu der Stelle, die mir klassisch geworden ist: gegenüber liegt blaßgelb und weiß Stiftneuburg mit der Kapelle; ein wen,g weiter droben leuchtet das Scharlach der Dächer von Ziegelhausen; die sanften Berge drüben sind unten lichtdlaugrün von jungem Hafer, darüber grasgrün und oben Blätterwald ... Ich steige bergab, uberguere den Neckar mit der Fähre und laufe im Tal nach Heidelberg zuruck. Nun werden die drei Kirchtürme deutlich, — grau gegen den rotgoldenen Abenddunst: dort drüben steckt das rote Saristor im Boden; lila fließen fast bis zu meinen Händen Glyzinien an einem alten Haus herab; schon stehe ich am d^m Scheitel der alten Brücke - und so ist wieder beinahe alles erblickt, was mir nun noch „Heidelberg" heißt ... Aber es bleibt noch ein Morgen, und weder Sonne noch Hitze soll mich hindern, den Philosophenweg zu suchen, wie vor einem kleinen Menschenalter Hat nicht die Stadt erst von seiner Hohe her ihr eigentliches Gesichi? Es aeht gegen Mittag. Ader auch nun ist das Licht auf der Stadt nicht durchaus blank. Das Licht der Sonne kann hier nicht unmittelbar auf die Dächer schlagen; so dickt ist die Luft gewoben, daß sie das Licht Mit freundlichem Gruß! Ein Kamerad, der es gut meint. Dies find. Doch-- 20. Oktober. 1914 in Flandern. Straßburg, 8. Oktober 1914 mit dem Mansardendach im dichtgewachsenen Gartengrun i|t oas verjmue Heimathaus Rottmanns, des romantischen Malers, der von Heidelberg einen Steg nach München schlug ... ist verwundet. Um Sie darauf vorzubereiten, teile ich Ihnen dieses er. gebenst mit Machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt. Die Kugel, dl, den Helden traf, hat leider zu gut getroffen, denn sie hat ihn getoteb Richten Sie sich aber auf in dem schönen Bewußtsein, daß er den schönsten Tod starb, nämlich den Heldentod fürs Vaterland. Beim nächsten Transport gehen viele Bekannte mit. Wir freuen iw schon sehr. Gott wird mich schützen. Ich habe noch nicht genug aus o- Welt leisten können — doch kann es auch sein, daß nach dem Krieg ich meinem Volke noch viele Enttäuschungen erleben muß und wir den nur dem zu danken haben, daß unsere Feinde noch viel schlechter sind. * dieser Betrachtung tröste ich mich, wenn mir wirklich Gottes RauMU» was Ernstliches vorbehalten hätte. Doch wir — ich fasse das Wort । engsten Sinne der wenigen idealen Menschen — sind Deutsche: wir rampl" für unser Volk und vergießen unser Blut und hoffen, daß die Uev zu filtern scheint. Und auch am Mittag liegen die Schatten mit ihrer vollkommenen Bläue in ihren Schächten und Grüften; auch unter dem Mittag wird das Steinrot des Schlosses, der Kirchen, der Brücke nicht grell. Alles ist aus eine unbeschreibliche Weise von dampfenden Lüsten Hier ist eine große Pause, die jedoch nicht so nichtssagend ist, wie diese paar Striche. Was ich schreiben wollte, ist: Doch die Mittagspause ist vorüber, und wir müssen wieder an unsere Arbeit. — Arbeit? Ja, wenn Ihr das sähet; wir sind die reinsten Maulwürfe; wir werfen nämlich Schützengräben aus, damit die Herren Engländer hier nicht durchbrechen. So tut man allerlei, wovon man früher keine Ahnung gehabt hat. Aber man tut es gern. Wir machen es uns auch ganz gemütlich; bauen Unterstände, wo mir des Nachts unser müdes Haupt hinlegen und unterschlüpfen können, uns gegen Schrapnells zu schätzen. Wir nehmen ab und zu auch ein Schlückchen Wein; denn Patrouillen von uns haben eine Anzahl Flaschen guten Rotweins mitgebrachtl-- Erlaube mir, den von Ihrem lieben Sohn und Bruder begonnenen Bries zu vollenden, dcrsclbst ist setzt außerstande, dasselbe zu tun, denn er eingehulltei ben Reb- und Obsthttngen herunter; die Sonne heizt' Johannisbeeren leuchten in rubinroter Fülle an den Stauden; das Reblaub ist grün von Vitriol. Die Ebene in den Westen hinaus ist mit Obstbäumen regelmäßig besetzt wie mit Spielzeug. St ist Handschuhsheim, und dies inmitten des Ortes, dies Haus ansardendach im dichtgewachsenen Gartengrün ist das versteckte O Deutschland! Pom Prinzen Emil von Schoenaich-Carolath. Mondschein und Giebeldächer in einer deutschen Stadt — ich weiß nicht, warum der Anblick mich stets ergriffen hat. Dort drüben beim Lampenscheine, ein Jüngling starrt ins Licht, und schwärmt und schluchzt und empfindet sein erstes, sein bestes Gedicht. Dort fitzt eine junge Mutter, die wiegt ihr Kind zur Ruh, sie lächelt und sinnt und betet und singt ein Lied dazu. Es blickt auf die mondhellen Giebel tiessinnend ein Greis hinaus, er hält in der Hand eine Bibel, drin liegt ein welker Strauß. Die Bäume rauschen, es funkeln die Sterne ab und zu; dort unten liegen die dunkeln Häuser in tiefer Ruh. Es plätschert in alter Weise am Simonsplatze der Born, von weitem tutet leise der Wächter in fein Horn ... O Deutschland! Mir tat's gefallen in manchem fremden Land; dir aber hat Gott vor allen das beste Teil erkannt. Du lebst und schwärmst und dämmerst in tiefer Seelenruh; wenn du dein Eisen hämmerst, erklingt ein Lied dazu. O lasse dir niemals rauben die alte Schwärmerei für Frauen, Freiheit und Glauben — bleib unentwegt dabei! Und schöpfe aus Sang und Sage Gemüt und Frömmigkeit und Kraft zu wuchtigem Schlage nun und in Ewigkeit! Das Vermächtnis von Langemarck. Mus den Kriegsbriefen gefallener Studenten. Am 10. Juli d. I. wurde der Gefallenen-Friedhof in Langemarck in Flandern der deutschen Organisation übergeben; viele, unendlich viele der jungen Kriegsfreiwilligen von 1914 haben hier ihr Grab gefunden. Das kürzlich hier besprochene, bei Müller und Langen in München erschienene Büchlein „L a n g e m a r ck" enthält die Gedenkrede von Joses Magnus Wehner, dazu eine Sammlung von Kriegsbriesen gefallener Studenten, denen wir einige mit Erlaubnis des Verlags entnehmen: Willi Böhne stuck, ehern., Freiburg i. B., gefallen am 24. Oktober 1914 bei Lille. 16. Oktober 1914. Siebe Eltern und Geschwister! Augenblicklich liege ich hier im Stroh und habe das in der Feldküche zubereitete, sehr schmackhafte Mittagessen zu mir genommen, dabei rauche ich eine der Zigarren, die soeben als Liebesgaben an uns verteilt worden Martin Drescher, stuck, phil., Berlin, gestorben am 3. November 1914 an den Folgen seiner Verwundung in Cherbourg. Das war ein Tag an den ich nur mit Schrecken zurückdenken werde, dieser 21. Oktober. Unsere Artillerie war nicht zur Stelle, und wir mußten gegen feindliche Artillerie, Infanterie und Maschinengewehre vorgehe^ nein, vorspringen und Deckung suchen. Nicht einmal zum Schuß sind wm glommen, es war ein Spießrutenlaufen. Am Abend Haden wir uns dan« noch einqraben müssen: die Minuten wurden zu Stunden, ein kleines Häuslein unserer Kompanie fand stch zusammen: ich war auch zu einer andere» Kompanie versprengt worden. Nun die Totenstille, ringsum brennen« Dörfer Stöhnen von Leicht- und Schwerverletzten: und dann noch manns- tief sich eingraben. Um 2 Uhr nachts half ich noch, unseren schwerveo mundeten Zugführer suchen. ,, , So geht's Tag um Tag. Fürchterliche Marsche und tagelanges, um- tätiges Dahinveaetieren, Hitze und Kälte, zuviel Essen und wieder langem Hungern. Die Rede dreht sich nur noch um solche materiellen Dinge un» um die Dottorfrage ob wir morgen noch leben werden. Ich habe mich so gut es geht, damit abgefunden. Zuerst natürlich befiel mich ein mach Hges Zittern: der Wille zum Leben ist doch zu groß, aber der Unsterblich keitsqedanke ist ein erhabener Ersatz. Wenn ich auch nicht an die bekannt:« persönliche Unsterblichkeitsidee glaube, der Anblick der funtehiben Sterne geftern abend und sonstige Erinnerungen und Beobachtungen aus früherer Zeit zumal aus Goethe, haben in mir wieder die alte Theorie von der - Allseele in der die Einzelseele aufgeht, belebt. Und so habe ich letzt schem ruhiger die Granaten über mich hinsausen hören. Ich bin der festen Uebec- Beugung daß ich, d. h. meine Seele, nicht bloß dies eine Mal gelebt HM sondern weiter und weiter leben wird; wie, male ich mir nicht aus, da j zwecklos ist. So bin ich beruhigt und gefeit. Rudolf Fischer, stuck, phil., Heidelberg, gefallen am 1. Dezember 1914 bei Bermelles. Bauvin, den 18. November 1914. Ich glaube Ihr stellt Euch unser Leden viel schlimmer vor, als es ist Für die Kälte 'gibt es Mäntel, Zelte, Decken, für den harten Boden reichlich Stroh für den Dürft Kaffee und feiten etwas Wejn. Für den Hung« geröstete Kartoffeln (Leckerbissen, wenn nichts anderes zu erhalten!, Schwellkartosseln, wenn wie meist kein Fett aufzutreiben ist, außerdem Dai, nicht schlechte Feldküchenessen. Wahre Feierstunden bedeuten immer Der Postempfang für Herz und Magen, namentlich fürs Herz. Was man entbehren muß, wird aufgewogen durch manches, was id| vorher geahnt. Nie habe ich solche Andacht bei einem Sternenhimmel empfunden und so mit der ganzen Natur gelebt. Morgen, Abend, Mittag, Nay bedeuten hier etwas. Heute früh z. B. hat es gereift, ein kalter, bunfügen, weißer Wintermorgen. Ich ging mit Josef ums Dorf rum zum Lacken. Die Sonne ging gerade winterrot auf. Leute gingen auch übers Held, um Brot zu holen. Es war ganz heimatlich, die weiß verschleierte Landschan, I Feld- und Baumgruppen und das liebliche Dorf, die frische, falte mW Seelisch bin ich wieder ziemlich in Ordnung, bin stolz, Mitwirken zu burfeui, kämpfen zu dürfen für die Eltern, Geschwster, fürs liebe Vaterland, fuit alles was mir bisher das Höchste war. Für Dichtung, Kunst, VbilofoplU, Kultur geht ja der Kampf. Er ist traurig, aber groß. Das ganze Leben IM im Feld durchdringt ein erhabener Ernst. Der Tod ist täglicher ®eno|| t, der alles weiht. Man nimmt ihn nicht mehr feierlich und mit grotz« Klagen. Man wird einfach, schlicht gegenüber feiner Majestät. Er ist w: manche Menschen, die man liebt, wenn sie auch Ehrfurcht und Schau- einflößen. Es kommt keiner aus dem Krieg, der nicht ein anöerw I geworden. Seid also fröhlich in Freiburg, wie wir im Felde es sind. ♦ Rudolf Moldenhauer, Student der Handelshochschule in München gefallen am 13. Dezember 1914 bei Pöronne. Halle bei Pöronne, 9. Dezember 1914. ... Wenn uns ein schöner Sonnenuntergang an den Sumpfgewässemi I der Somme beschert wird, wenn ein schöner kalter Dezembermorgen oe« I Frühnebel bricht, und die Sonne den roten Lehm des Schützengrabens YM I strahlen läßt, so sind wir glücklich und freuen uns wie Kinder über one I Schönheit. Dann sehen wir auf unsere Untergebenen in ihren felbqrauan I Kleidern: sie kommen aus den Unterständen, dehnen sich, säubern sich I reinigen ihre Gewehre. Sie schauen über den Grabenrand, und ihre Augs» I leuchten, ihre Körper strotzen vor Gesundheit und Gradheit. Alles ist Iw g I und freut sich der Natur und lebt in einem Ganzen, das gegenwärtig da» stärkste ist: ein zum Schönen, Guten und Machtvollen erwachsenes Volk. I Emil Alese 1 d, stuck, rer. techn., München, gefallen am 20. Dezeinb N Wiener Auch daß er sein Amt so heilig ern! es es Ein Märtyrer des Theaters. Zu Joseph Schreyvogels 100. Todestage. Von Dr. Johannes Günther. vielleicht besser als den Sieg errungen zu haben und zu nur ein äußerer Sieg war, ohne die Menschen innerlich lebenden unserer Opfer würdig sind. Cs ist für mich der Kampf um eine Idee die Fata Morgana eines reinen, treuen, ehrlichen Deutschlands, ohne Schlechtigkeit und Trug. Und gehen wir zugrunde mit dieser Hoffnung im Herzen, ist ••"s sehen, daß zu bessern. ........ Bürgersohn im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ... lernt lesen in einem Komödienbuch, lernt italienisch wegen der Oper, englisch um Shakespeares willen. Ein Kind seiner Zeit im Guten und Unguten: den Frauen auf Gnade und Ungnade verschrieben, ein Leidensgenosse Werthers, geheilt von der Philosophie Kants, entflammt für die Revolution, verdächtigt als Jakobiner —: er muh aus Wien fort. Student in Jena, Wahrheitsucher in vielen Wissenschaften, schriftstellert, liebäugelt mit dem Theater, verzagt in Ansätzen und Halbheiten: „Es geht nicht", sagt er zu Goethe. Und der große Zauberer und heitere Weise antwortet: „Man muß nur in die Hand blasen — dann gehl's schon." Ist das ein Spott des genialen Menschen, der mühelos, dem Hexenmeister gleich, aus dem Nichts schafft, ein Spott des genialen Menschen über den Ungenialen? Oder spricht daraus Goethe, der positive Pädagoge, der den Zaghaften ermuntert, es zu machen wie der Gärtner, der in die Hand spuckt, bevor er zu graben beginnt — mit anderen Worten: guten, sröhlichen Willen aufzubieten und sich selbst zu vertrauen? Jedenfalls bemächtigt sich S ch r e y - vogels eine mächtige Sechnsucht nach Wirksamkeit im wahrsten Sinne des Wortes. Aber: blieb er bisher mit seinen kleinen Absichten und Erwartungen in Halbheiten stecken, so erleidet er mit seinen großen Versuchen große Niederlagen: sein Plan, eine einflußreiche politische Tageszeitung als Sprachrohr der Staatsverwaltung für das Publikum zu schaffen, scheitert; mit einem großen Kunstverlagsunternehmen verwirtschaftet er sich elend; sein „Sonntagsblatt" muß sich ihm offenbaren als zweckloser Kamps gegen eine Zeitströmung, der er selbst wider Willen angehört; seine schriftstellerischen Erfolge — so muh er’s selbst empfinden — sind nur sehr sterbliche Zeiterfolge; der Zweiundvierzigjährige macht einen seltsam demütigen Versuch, sich zu „ändern", und drei Jahre später gerat er fast in Geistesverwirrung. Aber sein Leben sollte nicht verkümmern. Er entdeckte noch seine Bestimmung, seinen Beruf, er leistete noch fein Wesentliches: im W i e n e r Burqtheater als Dramaturg. Er diente den Schauspielern: zunächst vom Worte her. Sein Glaube war dies: „Aus klassische Werke muh das Theater einer Nation gegründet werden, wenn es seiner Bestimmung wert sein soll. Ohne ein bleibendes Repertoire solcher Stücke werden wir weder eine tragische, noch eine komische Schaubühne, noch ein Publikum, das sie zu würdigen verstände, noch endlich darstellende Künstler dasur haben. Joseph Schreyvogel wollte, daß die Schauspieler ihre Gestaltungskraft nicht vergeudeten und verslachen und welken ließen an minderwertigen Buhnem Lichtungen, sondern gut anwandten, ausbildeten, veredelten an nihaltlich und dichterisch hochwertigen dramatischen Werken. Feinfühlig "nd sicher machte Schreyvogel schauspielerische Talente ausfindig; aber er audltetc keine „Virtuosen", sondern zum Teil durch sehr persönliche Besetzunge versuchte er den Dramen wirkliche Gestalt zu geben. Durch Schreyvoge kam Heinrich A n s ch ü tz ans Burgtheater: Anschutz wurde em vorbildlicher „Musikus Miller", ein vorbildlicher „Meister Anton — er hob den bürgerlichen Charakter ... nicht etwa ins Heldenhafte, ab" mit Rauheitz Wucht und Verantwortung auf einen ebenbürtigen Platz neben bem Helden. Vor den Schauspielern, die das Burgtheater durch Schreyvogel empfing, muß noch Sophie Müller, die früh Verstorbene,■ werden: sie spielte Kriemhild (in Raupachs N'belungendrama) Desbemona Bertha („Die Ahnfrau") und war eine so bestrickend l'ebenswurdige und echt poetische Erscheinung, daß sie geradezu wie ein Wesen aus besseren Welt verehrt wurde. „„„ mnhfifiim« Trotz engherziger Zensur, trotz der Vorliebe des Wiener Publckums für französische Novitäten und deutsche Eintagswerke, blieb Joseph Schreyvogel seinem Bestreben, hochwertige Buhnenwerke emzu^hren und au dem Spielplan zu halten, treu. So diente er Calderon Moreto Shake- speare Goethe, Schiller und vor allem Grillparzer Freilich empfand Grillparzer Schreyvogels dramaturgische Erziehungsarbeit eher ^''Schreyvoge?s^Bühnenbearbeitungen tIai^^.rA^j“^ühnflenbrDertefna4 stündlich zeitgebunden - denn jede Zeit macht sich d'° Buhnenwerke nach ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten zurecht —. zeugen von strenger und gesunder geistiger Durchdringung, von künstlerischem Buhnen sinn und stets vom Bewußtsein der Pflicht dem Werk d s D.chters zu dienen. Hermann Bahr äußert sich einma über das. W en ,des Bmg theaters und über die Aufgaben einer rechten Burg h ..... Dem Burgtheater, diesem innerlich ganz sicheren, doch stch^I ID' genug mißverstehenden, launischen, störrischen, a eiaenttirfl will, lässigen Instinkt urgesunden Geschöpf abzuhorchen was 9 $ bje und ihm dann die dazu notwendige Tat auszuzwing , Schrey- Direktion des Burgtheaters". Und diese Aufgabe, memt B-Hr. h-b- v°gel als erster erfüllt. Er hat unerhor en Undank «"rntet. Er wm andere als ein Schmeichler der Vorgesetzten; und das verz ) nicht. nft nahm, beunruhigte die vielen Oberflächlichen um ihn und über ihm. Man duckte ihn, ^nan jna vor den Schauspielern lächerlich, man degradierte ihn, ma wa ^ / freiticf) armselig genug, ihn wieder heranzuziehe , auf rümpfte, durfte. Aber als Schreyvogel einmal traft s-m-- ^XÄtif s 9 crfu