GietzenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgangs Montag, den 29. Februar Nummer IT Abendständchen. Bon Clemens Brentano. Hör, es klagt die Flöte wieder. Und die kühlen Brunnen rauschen; Golden wehn die Töne nieder, Stille, stille, laß uns lauschen! Holdes Bitten, mild Verlangen, Wie es süh zum Herzen spricht! Durch die Nacht, die mich umfangen, Blickt zu mir der Töne Licht. Lakob Kirbergs Verlobung. Geschichte aus dem alten Elberfeld. Von Walter B l o e m. Der alte Johann Gottlieb Kirberg saß in seinen, Kontor, einem niedrigen, halbdunklen Raume des stattlichen Hauses am Letzten Heller, draußen, wett außerhalb der Stadt, inmitten seiner Garnbleichen. &r qualmte stark aus einer langen holländischen Tonpfeife, denn er war sehr wütend. Nicht auf seinen Sohn Jakob, der kerzengerade vor ihm stand. „Also, Jakob, jetzt gehst du auf der Stell hin nach em Kolk zum Meister Siepermann un sags em, dat ging so nit weiter mit seine Lieferungen. Un wenn dat noch einmal vorkäm, un er lieferten so n mangelhaft Leinen ab, dann wären wir zwei geschiedene Leut«, un ich ließ bei en andern Meister arbeiten — haft de mich verstanden, Jung l Der Jakob strich sich bedächtig die braunen Wangen, die er glatt rasiert trug, wie der Vater'auch. „Ja, Vatter — verstanden hab ich Ihnen ganz gut — aber meinen Se nit, dat es viel mehr ausmachen tat, wenn Sie selbst hin gingen täten, dat dem Meister Siepermann sagen? „Nä, Jung, da wird nix mit", sagte Johann Gottlieb qualmend. „Dat wär gottverdeck zu viel Ehr, wenn ich as en Magistratsherr und Obmann der Garnnahrung wollt zu en simpeln Leineweber hingehen — et is ,a richtig, seitdem daß die Leinewebers ihr Zunftprivileg gekriegt haben — wie lang is et denn eigentlich? Wart enß — 1738 war dat Unglucks- jahr — also grab zehn Jahr is et nu Herl — ja, seitdem is en hart Auskommen mit den Leinewebers, un se bilden sich >a wohl bald ein, sie stellten etselbe vor wie wir, die Bleicher un Kaufleute — na, um o weniger muß man ihnen Oel aus ihr Hoffahrtslampken schütten u wenn ich dich, meinen Nettesten, hinschick, dann rs et grad noch Ehr meh als zuviel — einfach vor den Amtsrichter laden sollt manjo n Kerl — der Siepermann is gewiß de tüchtigste Meister m de Stadt, un de kann ganz gut richtig gewebt Leinen liefern, he will bloß nit bloß dat t ) mich ärger^weil ich vor zehn Jahr in Düsseldorf so h a r tge g e nda sL e, ne- weberprivileg geredet un geschrieben hab — seitdem haben fe mich all auf dem Strich, die verfluchte Leinewebermeisters! Das war eine der längeren Reden des ehrenfesten Herrn Johann Gottlieb Kirberg, und als sie zu Ende war, wußte der ,unge Jakob, datz es nun nichts mehr für ihn zu sagen gab. Also Jakob Kirberg ging auf sein Zimmer, puderte lewe Staa sperucke , noch einmal frisch ein, stülpte sie auf seinen vierkantigen bergstchen Schädel, zog den neuen blauen Leibrock mit ben goldenen Tressen an unb stelzte burch ben köstlichen Maiabend der fernen Stadt entgegen. Es war die siebente Stunde am Samstag, darum quollen durch d'e tauM Kuhle von, dickbauchigen Turme der reformierten Kirche die Abendglockenklange, bald antwortete in feierlicher Eintracht das lutherische Getaut. Das Haus des alten Siepermann lag nahe am Kolk dem breiten Wassergraben vor der lutherischen Kirche, den der Magistrat vor em paar Jahrzehnten als Wäscherei für die Bürgerssrauen eingerichtet hatte. war nÄ schwatzendes schnatterndes Leben. Siämmige Ma ammen und ihre mundfertigen Töchter aus dem Stande der Handwerker und Gesellen wuschen mit den derben Dlenstrnagden der Meistbeerbten um die Wette. All die hundert Köpfe der Wäscherinnen aber fuhren: herum, als der schmucke junge Kausmannssohn am Kolk vorüber chritt, und Fahlings verstummte das Geschwätz, um dann nur heftiger, eifriger, g P, ta« .In breite B.rl.ngrunWM, fo sauber bestellt, als sei jedes Kohlpflänzchen, jede Bohnenstange mit dem Lineal ausgerichtet. Und als Jakob Kirberg eben in tue lut f embieflen wollte, da kam vorn Kolk her mit raschen, doch gelassenen Schritten ,emand heran, bei dessen Anblick der Jakob unwillkürlich den Schritt anhielt, ein Mädchen, gekleidet wie die jungen Töchter der kleinen Leute alle in her Stadt, aber doch — anders als sie. — Wuchs und Haltung aufrecht und stramm wie ein Grenadier des verflossenen Preußenkönigs. „Dunnerkiel!" — sagte der Jakob und starrte dem Mädchen nach. Röcke hatte sie noch vom Waschen her aufgeschürzt — na, allerhand Achtung! — sie konnte sich schon sehen lassen. Als er aber den eisernen Klopfer hob unb schallend auf die Tür nieder» fallen ließ, 'welche die Stattliche nicht zu sachte ins Schloß hakt« knalle« lassen, da klopfte fein Herz noch viel schallender. Die obere Türlade öffnete sich — und die Stattliche schaute hinaus. Jakob sah zunächst nichts anderes als ein paar Augen — groß wie die Wasserräder der Eisenhämmer in Gelpetal, braun und funkensprühend wie Sonnen. „Wat wollen Se?" „Ich möcht' den Meister Siepermann sprechen." „Der Meister Siepermann liegt krank. Soll ich ihm wat ausrichten?"' Jakob hatte das Gefühl, als müsse er sich ein wenig in Respekt setzen. War bas! auch eine Art, ihn draußen auf der Treppe stehen zu (affe* und nur fo durch die Tür mit ihm zu verhandeln? „Ich bin der Sohn von Herrn Johann Gottlieb Kirberg am Letzte* Heller, un hab vom Vatter en Auftrag an den Meister." „Is gut — sagen Se't — ich will et bestellen." „Ne, Mamsell, bat soll doch wohl nit gut gehen. Dat soll ich doch woyl besser mit em Meister selbst abmachen." „Dann kommen Se wieder, wenn der Vatter wieder besser is. Acht Tag' kann et dauern, sagt de Doktor." Klatsch — flog die Türlade zu — und Jakob Kirberg stand draußen so verbiestert, als hätte man ihn unsanft vor die Tür hinausgeworfen, nicht ihn einfach stehen lassen. Und dabei fühlte er sich wohlig-dumpf beklommen, wie einst als Bub norm ersten Schulgang. Nun aber hob er abermals den metallenen Klopfer und bummste ganz energisch. Da wurde der Laden heftig aufgeriffen, und in hellem Rot entbrannt schaute das runde, braune Gesicht heraus: „Wat? Sind Se noch immer da? Wat gibt et nu denn noch? „Mamsell", sagte der Jakob Kirberg energisch, „der Herr Johan* Gottlieb Kirberg läßt dem Meister Siepermann zu wissen tun, bat bat nit weiter ging mit bie schlechte Leinenlieferung, un dat —" „Wat is?!" keifte der dreiste, frische Mund, „schlechte Lieferungen _ ?! _ En schönen Gruß vom Herrn Meister Siepermann an den Johann Gottlieb Kirberg, un wenn hä wat wollten von wegen schlechte Lieferungen, dann sollten hä sich an die Zunft wenden —!" Klatsch! flog bie Türlabe wieberum dem Jakob Kirberg vor bie Nase. Da schritt der Jakob in tiefem Sinnen heimwärts. Er dachte an die straffe Gestalt, die sich vor ihm aufgereckt, an die sprühenden Augen unb glühenden Braunbacken — und daß sie eine Webermeisterstochter sei unb er ein Kaufmannssohn, — daß also Abgründe zwischen ihm und der Mamsell lägen. — Dem Bater berichtete er nur, der Meister sei krank unb er habe ihm den Bescheid sagen lassen. Und am andern, am Sonntagmorgen tat der Jakob etwas Ungeheuerliches: er ging in di« lutherische Arche am Kolk — er, der Sohn des Kirchenmeisters der Reformierten — er wartete schon eine Viertelstunde norm ersten Orgeltakt am Tor, und als drüben überm heute friedlich daliegenden Spiegel des Wafchteichs aus dem frischen Grün der Bohnen» [tutete norm Siepermannschen Hause eine stramme Mädchengestakt sich löste. _ ,, .... Dunnerkiel! wat war sie heut aber staats! Das gestern arbeitswirre Braunhaar heut zu modischen Toupet emporgetürmt und elegant gepudert — ein schweres, starres ripsseidenes Gewand raschelnd um die aufrechte Gestalt, gestreifte Seidenstrümpfe — ganz wie ein Fräulein, eine Herrentochter — unb die Augen, die kecken, sittsam gesenkt, nur dann unb wann mit raschem Seitwärtsblick bie Orgelpfeifenreihe der sieben jüngeren Siepermännlein und -weibkein regierend. Doch nun, an der Kirchentür — da hoben sich zufällig bie braunen Gucker, und sahen den tieferglühenden Herrensohn, der hastig unb zere- moniös ben Dreispitz von ben Puberlocken riß — unb sieh, ba würbe sie gleichfalls rot, unb bie dreisten Augen senkten sich auf bas Gesangbuch. Unb nur ein frommes Beten war auf seinen zuckenden Sippen: „Lieber Vater im Himmel, diese — diese — gib in Gnaden, daß diese Manisell Siepermann, von der ich nicht einmal den Vornamen weiß, einmal Madam Jakob Arberg wird!" Und abends beging er die zweite Ungeheuerlichkeit: er ging auf die Hurdt" wo in einem dürftigen, scheunenähnlichen Sälchen die Handwerkstöchter zu tanzen pflegten ... und als er bis halb neun gewartet hatte, ging er abermals zum Kolk... Aus einer Pfeifenblattlaube dicht am Zaune schimmerte Kerzen schein und siehe: da saß die Mamlell seines Herzens und las ... in der Bibel das Kind, den Mann und den Greis gegenüber, und ähnlich wird die Sonne symbolisiert, «ine Vorstellung, die in dem Rätsel der Sphinxzum Ausdruck kommt, die da fragte, wer des Morgens auf vier, des Mittags auf zwei und des Abends auf drei Fußen gehe und von Oedipus die Antwort erhielt: der Mensch, denn er kriecht als Kind auf alle" Vieren, geht als Mann aufrecht und benutzt als Greis einen Stock. Drefe Teilung des Lebens in verschiedene Alter ist dann immer weiter sortge etzt worden. Die Römer unterscheiden in ihren Rechtsanschauungen fünf Stufen: Kindheit, Knabenalter, Jünglingszeit, Mannestum und ^«senatter. Dl- Kindheit wird dann noch weiter geteilt, fo daß wan rechnet. das Kmd bis zu sieben Jahren, den Knaben bis zu Ich den Junglmg bis zu 28, den Mann bis zu 49, den Alten bis zu 70 Jahren und den Greis. bis zu einem ungewissen Ende. Bei den Frauen fanden ähnliche Unter- scheidungen statt. Noch häusiger tritt ein siebenstusiger Ausbau der Lebensalter hervor. So vergleicht Shakespeare an einer berühmten stelle das Leben mit einem Schauspiel in sieben Akten, und der große Arzt Hippokrates kommt auch zu einer Siebenteilung der Jahre, wobei er die Siebenzahl zugrunde legt: bis 7 das kleine Kind, bis 14 das Kind, bis 21 den Heranwachsenden Menschen, bis 28 Junglmg und junge Frau, bis 49 Mann und Weib, bis 56 die Alternden und von da ab das Greyen- tum. Der neueren Zeit und zwar gerade uns Deutschen ist eme Einteilung geläufig, die die Antike noch nicht kannte, nämlich die Gliederung von 10 zu 10 Jahren, die zuerst in Lehrspruchen des 15. Jahrhunderts auftaucht. Auf einem alten Holzschnitt von 1482 liest man: „10 Jahr em Kmd 20 Jahr ein Jüngling, 30 Jahr ein Mann, 40 Jahr wohlgetan, ,)0 Jahr stillstehen, 60 Jahr abgehen, 70 Jahr behüte davor, 80 Jahr der Welt ein Tor, 90 Jahr der Kinder Spott, 100 Jahr, nu gnad Dir Gott! In zahlreichen Abwandlungen taucht dann dieser Spruch immer wieder auf und er wird in rührenden und ergreifenden Bildern illustriert. Plato hatte die Länge des Menschenlebens mit der Zahl 9 in Verbindung gebracht und daher auf 81 Jahre festgelegt, S o l o n di« Zah.en 10 und 7 bis zu 70 Jahren verbunden, und der gleichen Ausfassung begegnen wir in dem bekannten Psalmenspruch des Alten Testaments. Die Rechtspflege, die ja an der Festsetzung bestimmter Jahreszahlen für bestimmte Alterklassen ein besonderes Interesse hatte, ging mehr von praktischen Erwägungen aus, als es die Anschauungen der Philosophen und des Volkes taten. Als Servius die Römer für Steuer und Kriegsdienst in Klassen teilte, zählte er die Knaben bis zu 17 Jahren, die lungen Männer bis zu 46 und darüber hinaus die alten. Aehnlich ist es auch i n alten Deutschland. Der Knabe wird hier bis zum 14. oder 15. Jahr gezahlt, bis zu der Zeit, wo ihm der Bart wächst; als Mann wird einer bis etwa zum 50. Jahre gerechnet, und dann wird er ein Greis Der Israelit wird nach dem mosaischen Gesetz mit 20 Jahren kriegspslichtig und tritt damit in das reife Alter. Mit 60 Jahren aber fing bei dem Volk Israel bereits die Entwertung des Menschen an, denn der Schätzungsbetrag eines Mannes über 60 Jahre wird geringer angegeben als der eines solchen von 25. Bei den Griechen trat der Knabe mit 16 Jahren in den Zustand der Ephebie, gleichsam den Vorhos der Männlichkeit. In Athen nimmt der Zwanzigjährige an der Volksversammlung teil, während m Sparta erst dem Dreißigjährigen dieses Recht zustand. Den Beruf des Richters, für den ein besonders gesetztes und verständiges Wesen verlangt wurde konnte der Grieche erst mit 40 Jahren ausüben. 60 Jahre bezeichnen bei den Griechen wie in Israel die letzte wichtige Lebensstufe, den Anfang des Greisen- wie des Weisenalters. Die Geronten der Spartaner die den höchsten Rat bildeten, mußten wenigstens 60 Jahre alt sein. In Achen erlosch die Kriegspslicht mit 60 Jahren, ja auf Keos hielt man den Sechzig- jähriqen nicht mehr des Lebens wert, und er starb durch Gift. Bei den alten Römern wird der Knabe mit 17 Jahren kriegspslichtig. Das 50. Jahr befreit ihn vom Kriegsdienst, und mit diesem Jahre begann für die Frau, mit dem 60. für den Mann die Zeit, die zu fruchtbarer Verehelichung nicht mehr taugte. Mit 60 Jahren begann auch für den Mann das Greisenalter, in späterer Zeit allerdings erst mit 70, und in diesem Alter fling er wichtiger politischer Rechte verlustig. . In der altdeutschen Literatur wird der Begriff der Kindheit im engeren Sinne bis zum 7. Jahre angenommen. Die ersten Schulgesetze verlangten, daß der Unterricht mit 7 Jahren beginne. Mit diesem Zeitpunkt begann die eigentliche Knaben- und Mädchenperiode. Ein gewisser 'Abschnitt ist wieder mit 12 Jahren erreicht oder auch mit 14 Jahren, wo der Unterricht des Knaben zu endigen pflegte. Selbständigkeit, handlungs- sähiqkeit und Mündigkeit ward dem deutschen Jüngling in den meisten Rechten mit 15 Jahren zuteil; bei den Mädchen tritt die Mündigkeit vielfach schon mit 12 Jahren ein. Doch auch damit erlangte der junge Deutsche noch immer nicht das volle Mannesrecht. Dieses wird ihm erst mit dem 21. dem Mädchen mit dem 15. Jahre zuerkannt. Run ist das Leben des Deutschen auf seine zweite große Stufe gelangt: durch die Begabung mit Schild und Speer wird der Jüngling seinem Vater gleichgestellt, tritt als, selbständiger Mann neben ihn. Allmählich sreilich trat die Belehnung mit Waffen bereits früher ein. Allgemein aber herrscht auch weiter die Anschauung, daß mit 30 Jahren die jugendlich volle Manneskraft erreicht ist. Bei der Frau bringt das 40. Jahr das Ende ihrer reifen Blüte; sie tritt nun bereits in den Herbst des Lebens. Der Mann aber erreicht mit 40 Jahren seine höchste Geisteskraft. So lehrten die Mystiker, kein Mensch könne vor dem 40. Jahr zur wahren inneren Gelassenheit und zur Vereinigung mit Gott kommen. Schon bei den Griechen wurde erst den Vierzigjährigen der richtige Verstand zuerkannt, und in den deutschen Sprichwörtern heißt es, wer mit 40 nicht weise (ei, bei dem (ei alle Hoffnung verloren. In dem Wort vom „Schwabenalter" ist uns diese Anschauung erhalten. Die Tiroler glaubten, daß sie erst mit 50 Jahren klug würden, wollten aber die Schwaben allmählich einholen. Mit dem 50. Jahre beginnt nach dem Volksglauben der Abstieg des Menschenlebens, und mit 60 Jahren ist das Ende erreicht. Jedes Längerleben ist ein unverdientes Geschenk Gottes, lieber das Greisentum, das n a ch 60 beginnt, herrscht allgemein Klage und Jammer; nur selten erscheint in der älteren Zeit eine freundlichere Auffassung des Alters, wie etwa bei Hans S a chs, der sich zu einem mannhaften Lob des Greisentums ausschwingt. Die Lebensalter. Was Völker und Volk davon denken. Von Dr. Kurt Haack. „Vita somnium breve“ (Das Leben ist ein kurzer Traum) heißt ein ' berühmtes Bild von Böcklin, auf dem die Lebensalter dargestellt sind. Vorn sehen wir kleine Kinder am Bach mit Blumen spielen; in der Mitte steht das reife Weib, reitet der Mann gewappnet in den Krieg; hinten aber auf hohem Stein sitzt der Greis, über dem der Tod mit einem Prügel zum letzten Schlage ausholt. Der Künstler hat hier das menschliche Dasein in der Stufenfolge der Lebensalter gemalt, und andere moderne Meister, wie Thoma und Welti, haben das gleiche Thema ergreifend behandelt. Aber auch schon in früheren Jahrhunderten treffen wir in Gemälden, wie solchen von Lotto und Tizian, sowie in alten Holzschnitten auf die Abschilderung der Lebensalter, und es sind nicht nur drei, sondern viel mehr, bis zu zehn Stadien, die hier nebeneinander ausmarschieren. Und ebenso gern wie die bildende Kunst verweilt die Dichtung bei diesen Fragen; ja, sie berührt sich hier mit ihr, und die Vorstellungen des Jungbrunnens oder der Altweibermühle, durch die gebrechliches Greisentum in blühende Jugend verwandelt wird, tauchen zugleich im Bilde und im Gedicht auf. Die gleichen Gedanken von Jugend und Alter, von Welken und Verjüngung bewegen auch heute noch die Gemüter, ja heute vielleicht mehr als sonst. Hat doch der Weltkrieg den Bevölkerungsaufbau ganz aus dem Gleichgewicht gebracht und uns die Gesetze des Werdens und Vergehens besonders deutlich vor Augen geführt. Ideen von Verjüngung und Lebensverlänqerung, wie sie auftauchten, fielen daher auf einen besonders günstigen Boden, und der Schatz an Erfahrungen und Betrachtungen, den in der Vergangenheit die verschiedenen Völker und das Volk über dieses Thema aufgespeichert haben, hat auch heute noch seinen Wert. Der Mensch, der [ein Dasein so gern im Einklang mit der übrigen Natur sieht, hat Jugend und Alter zuerst unter dem Sinnbild des Morgens und Abends oder des Wechsels der verschiedenen Jahreszeiten betrachtet. Die Morgenröte der Jugend, die Abenddämmerung des Alters sind ebenso geläufige Bilder wie Frühling und Sommer des Lebens, Herbst und Winter des Daseins. Solche Vergleiche führten zu einer Zweiteilung unserer Lebenszeit in eine Periode aussteigender und in eine absteigender Kräfte; die Jahreszeiten legten eine Vierteilung nahe in Kindheit, Jugend. Mannheit und Alter, wie dies bereits in der altdeutschen Dichtung, bei Horaz und anderwärts geschieht, wie es Goethe in einem Reimspruch formuliert: „Als Knabe verschlossen und trutzig. Als Jüngling anmahlich und stutzig, Als Mann zu Taten willig, Als Greis leichtsinnig und grillig: Auf deinem Grabstein wird man lesen: Das ist sürwahr ein Mensch gewesen." Für eine Dreiteilung des Lebens bot die Natur ein Sinnbild in den Erscheinungen des Mondes und der Sonne. Ein deutsches Gedicht des 12. Jahrhunderts stellt dem wachsenden, vollen und abnehmenden Mond nein sie las nicht ... die braunen Augen schauten groß geöffnet ins Dunkel,' das feingefältete Spitzentuch über der Brust wogte auf und '"^Mamsell Siepermann!" rief er leise zwischen die raschelnden Blätter ^Jn jähem Entsetzen fuhr die straffe Gestalt empor... „Ich bin t der ^^Wat ... wollen Sie von mich? bei nachtschlafender Zeit?! wollen Se machen, bat Se nach Haus kommen?! Es ging ein wildes Brausen durch Jakobs ganzes Wesen. Sieg oder Tod! , _, ~ „Ich wollt' Ihnen fragen, Mamsell Siepermann, ob Sie meine Frau wollen werden!" Mamsell Siepermann wollte wüten ... ober plötzlich mußte jie [adjen. schüttelnd, prustend lachen. „Ich glaub, Se sind doll — Herr Kirchberg knatschrappeldoll sind Se!" „Dars ich ... darf ich bei Sie in den Garten kommen — Mamsell Siepermann?" „Dat riskieren Se mal —!!" „Js gut — wenn Sie ’t selber sagen —I" Und ritz, ratz, war der Jakob am Lattenzaun in die Höhe geturnt und schon stand er hell im Kerzenlicht. „Mamsell Siepermann — wie heißen Se eigentlich mit dem Vornamen?!" Ihre zur Abwehr gestrafften Fäuste sanken hernieder am knisternden Sonntagskleid. „Hm ... Lina ... heiß ich ... Karoline Siepermann. „Lina!" jauchzte der Jakob. „Wat en wunderwunderfchönen Namen! ' Lina ... willst du mich haben — Lina —?" In der dunklen Maiennacht kommen übern Zaun und fragen — ohne lange Fifematenten ... wer das fertig bringt — bat muß cn rechten . tüchtigen bergischen Jung fein, ... fo fuhr es halb unbewußt durch Linas Herz unb Hirn ... Ader'schon war ihr der Mund geschlossen, ... und eine große Puderwolke stiebte, als bas geputzte Köpfchen an Jakobs breite Schulter sank. Nun müßte ich erzählen vom grimmigen Vaterzorn hüben und drüben ... von Tränen und Wanderschaft und harrender Sehnsucht... Wozu? Ihr wißt, wenn ein bergischer Jung und ein bergisches Mädchen so recht einander von Herzen wollen, die kriegen sich ... und wenn die Welt voll Väter wär. Haremsfrauen, Eseltreiber, Opiumfelder und Ikone. BUber von einer makedonischen Reife. Von Hans Trübst. In Prilep hätten sie mich beinahe verhaftet. Drei Mann hatten sie aufgeboten mit zwei richtigen Schießgewehren. Aber die Sache war nur Wb so schlimm. Denn da ich mich im allgemeinen von Hochstapelei sern- gehalten habe, konnte ich mein Abendbrot in Ruhe weiter verzehren und den Klängen der Musik lauschen, die gerade den ach so unvermeidlichen kleinen Gardeosfizier verabschiedete... Leider nicht endgültig; in Ochrid tauchte er schon wieder auf. So dringt die Zivilisation vor, man kann es nicht verheimlichen. Woraus der geneigte Leser gütigst entnehmen möge, daß eine Reise nach Makedonien keine Expedition in die Wildnis ist. Wir sind auch nicht aucgeplündert worden, und wenn sich wer vorstellt, daß dort die Komitadschis herumspazieren wie anderwärts Herr Meier und Herr Müller zum abendlichen Skat gehen, so irrt sich der. Man trifft Zwar hier etwas öfter Gendarmeriepatrouillen als zwischen Leipzig und Dresden, und es empfiehlt sich auch, den Paß griffbereit in der Tasche zu führen, aber dafür kann man auch erleben, daß man von der Wache in aller Freundschaft aufgefordert wird, die Nacht bei ihr Herberge zu nehmen. So geschehen zwischen Resan und Ochrid, wo uns der Beamte voller Stolz erzählte, daß er in Wien im dritten Bezirk in der Bosmaken- kasernc gedient habe; und es sei doch schön, daß jetzt so oft Deutsche hier herkämen. , . , _ ir, Es ist nicht lange her, daß hier unten ziemlich viel Deuftche waren: wie man weiß, nicht gerade zu ihrem Vergnügen. Noch heute sindet man an den Straßen hier und dort eine umgestürzte Lafette, Brunnen sind mit Granathlllsen geschmückt, und die wackere kleine Feldbahn, die ebenso wie die Straßen von deutschen Truppen gebaut worden ist, ist heute noch in Betrieb. Es wird wenige Beispiele geben für das freundliche Gedenken, wie es hier der deutschen Besatzungsarmee bewahrt wird. Daß Volk und Behörden in gleicher Weise den gefallenen deutsche n-Soldaten alle Achtung erweisen, gereicht ihnen selbst zur Ehre. Die Makedonier sind ein schöner und stolzer Menschenschlag. xUjre Wirtschaft und ihre Dörfer sind denkbar primitiv. Der Holzpslug ist gerade im Verschwinden begriffen, aber die Bauernwirtschaft, die sich bis in die Stadt hineinzieht, ist noch ganz auf Selbstversorgung eingestellt. Ueberall findet man noch Webstühle, und selbst beim Gehen haben die Frauen oft die Spindel in der Hand und drehen den Faden. Farbenfreudig und ornamentreich sind ihre Trachten. Die Männer tragen das weiße Hemd, das wie ein Kittel über die weihen Hosen herüberreicht. Bunt ist der Gürtel, bunt sind die groben Strümpfe. Bunt und prächtig sind vor allem auch die Trachten der Frauen und Mädchen; Hemd und Rock sind fein bestickt Mieder und Schürze leuchten in allen Farben. Sie tragen diese Trachten auf dem Feld bei der Arbeit, sie tragen sie am Sonntag beim Tanz, und es ist besonders reizvoll, die Unterschiede der Trachten von Dorf zu Dorf zu beobachten. Das ist noch wirkliche alte Volkskultur. Alte Sitte und vorkapitalistische Tradition bestimmen auch den Charakter der Städte. In Veles und in Ochrid, in Prilep und in Seb ar, immer wieder findet man straßauf, straßab die Handwerker in ihren offenen Werkstätten, und was sich bei uns nur noch in den Namen der Gossen erhalten hat, hier ist es noch Wirklichkeit: in dieser Gasse hocken die Kesselschmiede, in jener sitzen die Sattler zusammen, dort haben die Schuhmacher ihren Bazar und da die Töpfer. Die Bauern kommen im allgemeinen, nur an den Markttagen in die Stadt, um ihre Waren feu= zubieten — Geflügel und Eier, Lämmer und Zicklein und die Fruchte des Feldes Die „eingeborene" städtische Bevölkerung ist zum großen Teil türkisch Das ist zwar an den Namen nicht immer zu erkennen; denn aus dem Herrn Parmak — Finger auf deutsch — ist eben ein Herr Parmako- vitsch geworden. Aber auch der Parmakovitsch wird nach seiner Gute grüßen, indem er die Hand an den Fez und dann aufs Herz legt. Und er spricht türkisch, wie man in Ankara spricht, er geht !" die Moschee, er hat seinen Harem... Es ist ein seltsam erregendes Bild, diese verschleierten Frauen, denen man auch schon in Stopfte begegnen rann. Jn schlvarzem Rock und schwarzem Umhang, das Gesicht vom schwarzen Schleier völlig bedeckt, eilen sie scheu Über die Straße. Und wenn einmal in menschenleerer Straße der Schleier gelüftet wurde, so fallt alsbalb her Vorhang wieder, wenn ein männliches Wesen auftaucht und verhüllt, was keineswegs immer besonders reizvoll ist. Hier hat kein reformiert und an allen türkischen Häusern sind die Fenster streng vergittert, bann kein Unberufener einen Blick in diese abgeschlossen« Welt tue. So wurde uns auch in Skoplje der Zutritt zum Minarett verweigert, weil ja die Gitter nur gegen die Sicht von der Straße heraus schützen. Fünfhundert Jahre waren die Moslems die Herren des Landes^ Erst die Sehlacht von Kumanovo — unweit Skoplje — >m ersten Balkankrieg wendete das Schicksal, das auf dem Amselselbe 1389 °"tschieden wor^n war. Wieviel Blut ist in den immer wieder aufflackernden Ausstanden Ergossen worden, in denen die Makedonier ihr Christentum verteidigten und gegen den unerträglichen Druck der türkischen Feudalherren as- bcgehrteii. Bis 1870, bis zur Errichtung der autonomen bulgarftchen Kirche mußte der Kampf auch noch gegen die volksfremde griechi ehe ®c 1 - lichkcit geführt werden. Wieviel Kampfe hat dieser Boden gesehen seit 168 v Christi Geburt die Römer das Land unterwarfen seit bte -türme der Völkerwanderung darüber hinbrausten, feit die Slawen sich hier im siebenten Jahrhundert festfetzten und noch Jahrhunderte lang jortwahrende Kriege mit Byzanz auszufechten hatten. Noch heutist m ^Pfte em Stück der alten römischen Wasserleitung erhalten, noch heute rann man am Kastell in Ochrid den sicheren Blick der Romer für b^ strategisch wichtigsten Punkte bewundern. In Stob., m der «afje o°n ®r“(o bas an der Bahnstrecke nach Saloniki liegt, werden jetzt außerordentlich »'ter essante Ausgrabungen gemacht; ein vollständiges aus dem vierten Jahrhundert ist bereits frei gelegt, eine sruhchristliche Kirckp und ausgedehnte byzantinische Hausanlagen wachsen la na am a us dem Loden heraus. Wundervoll sind die uralten Kirchen und Kloster dieses tanöc • Abendland und Morgenland haben sich hier burchdrungen und einen neuen eigenartigen Stil erzeugt. Da ist das Kirchle.n Svet. Klement m Ochrid, eine schlichte, einkuppelige Basilika, die der Heilige Klement, der Schüler der Slawenapostcl Cyrill und Method, selbst gegründet Hal. Der Ikonostas, die Bilderwand vor dem in einer Sakristei liegenden Altar, ist ein Schatz mittelalterlicher Kunst. Die Heiligenbilder — Ikone — sind zumeist mit Silber ausgelegt, und am Reliquienschrein hängen kostbare handgetriebene Silbergesäße. Hier wie in allen anderen Kirchen sind die Wände fast vollständig mit Fresken bedeckt. Sveti Sosia in Ochrid darf sich mit den berühmtesten Gotteshäusern in ganz Europa messen; 1043 erbaut ist sie die größte Kirche des ganzen Landes. Der Ikonostas in Kloster Sveti Jowan Bigorski, das auf dem Wege von Debar nach Gosti- var hoch oben am Felsen gebaut worden ist, muß als ein Meisterwerk der Holzschnitzkunst gerühmt werden. In Blumen- und Blätterornamenten hat der Künstler in außerordentlicher Anschaulichkeit Szenen aus dem SUten und Neuen Testament angebracht. Ein Meisterwerk des gleichen Ranges sindet sich in der berühmten unterirdischen Kirche Sveti Spas in Skoplje. Schon und interessant zugleich sind auch die Moscheen — die weiten Räume offenbaren ein großartiges Raumgefühl, das aus dem breit bahin- fließenden orientalischen Leben in voller Natürlichkeit erwachsen ist. Die Ruhe des Raumes, der durch eine Decke organisch abgeschlossen ist ober dessen Linien in einer Kuppel wie selbstverständlich zusammenlausen, wird durch den Mangel an Schmuck und durch die schonen alten Teppiche des Bodens nur um so stärker betont. Abwchselungsreich wie seine Geschichte, vielfältig wie seine 23 ölt er und Stämme ist auch das Land Makedonien selbst. Ob man auf der Wardar- drücke in Skoplje steht und in der Ferne die schneeglänzenden Gipfel der Schar Planina sieht, ob man den hochgebirgsartigen Paß zwischen Grad- sko und Prilep erklimmt, ob man breite Tallandschaften mit ausgedehnten Mohn-, Getreide und Tabakfeldern durchfährt, ob die Straße sich wie zwischen Debar und Gostivar durch enge tzluhtäler windet — immer ist es schön, immer fesselt der Blick in die Weite und über die Berge. Da die Straßen sich in recht gutem, zum Teil sogar in hervorragendem Zustand befinden, nimmt der Motorverkehr immer mehr zu; zwischen Graü- sto—Prilep—Bitolj—Ochrid—Debar verkehren bereits regelmäßige Autobusse. Ost genug begegnet man aber unterwegs noch den Esel- und Pferdekarawanen, die für die Gebirgspfade auch heute noch unentbehrlich sind. An den typischen hölzernen Packsätteln sind Lasten aller Art befestigt. Hoch mit Kisten und Kasten beloben trotten Tier und Treiber dahin, und auch in den Städten gehört der Tragesel zum Straßenbild. Mit baumelnden Beinen hocken Türken und Albaner auf ihren Grauchen. Aber wahrend der Türke höflich genug ist, Frau und Kind beim Zug über Land den Sattel zu überlassen — ein romantisches Bild! —, so muß die Albanerin zu Fuß laufen und er reitet. Das ist ja wohl im Kaufpreis der Frau mit eingefchlofsen... Schone Landschaft gibt es auch anderswo; malerische Dörfer, orienta- lifche Städte, bemerkenswerte Architekturen wird man nicht allem in Makedonien suchen — aber wo in Europa gibt es ein Land, in dem so wie hier auf engem Raum so viel Volker zusammen wohnen? Und gerade dieses Völkergemisch macht den eigentlichen Reiz Makedoniens aus. Noch haben wir nicht von den Kutzowallachen gesprochen jenen rund 40 000 Romanen, deren „rumänische" Sprache in Wirklichkeit eher mit dem modernen Italienisch Aehnlichkeit hat; wir haben die türkischen Zigeuner nicht erwähnt, deren Frauen in phantastisch bunten Hosen und Jacken Herumlaufen; Zigeuner trifft man auf freiem Feld, wo sie eben nach Ziqeunerart kampieren; es gibt einige muselmanische Slawen, die Po- maken genannt werden. Die Albaner, die ganze Ortjchasten geschlossen besiedeln, sind so zahlreich, daß Kenner des Landes behaupten, binnen kurzem werde die „makedonische Frage" eine albanische Frage fein... Sur türkischen Zeit war der Name „Makedonien verpönt, wie er es heute auch ist; aus Rumelien — Rum ili, das ist römisches Land — ist Südserbien" geworden. Und es ist nicht zu leugnen, daß die Serben Mit allen Mitteln bemüht sind, in diesem Land der ungehobenen schätze, dessen strategische Bedeutung zudem unverkennbar ist, Ordnung und Sicherheit zu schassen. Sie haben Straßen und Bahnen gebaut, sie haben die großen^Volkokrankheiten wirksam bekämpft, sie errichten Schulen. Man hat uns versichert, daß heute in Makedonien niemand an Aufstand und Revolution denke. Unser kurzer Besuch hat uns nichts Gegenteiliges gezeigt- er reicht allerdings nicht aus, um diese Behauptung nun auch positiv zu bestätigen. Man sagte uns, daß den Makedoniern das Bekenntnis zum Jugoslawentum nicht schwer fiele, wenn sie auch keine „Serben" fein wollten... Siine. Roman von Theodor Fontane. (Fortsetzung.) Stine lächelte verlegen vor sich hin. Endlich ober sagte sie: ,,3a, tn diesem Tone spricht sie gern, das ist wahr; aber Nicht aus schlechter Sitte sondern aus Uebermut. Sie weiß, daß sie noch immer sehr hübsch ist und bat aus Eitelkeit und Gefallsucht, wovon ich sie nicht freisprechen kann eine sie beständig quälende Lust, die Männer in Verwunderung 3U setzen bloß um sie hinterher auszulachen. Ich kenne sie besser, weil ich ihr Leben kenne. Sie war kaum zwanzig, als Olga geboren wurde. Da hatte sie nun das Kind, eine gewöhnliche Verführungsgeschichte, womit ich Sie verschonen will; und weil man ihren Anspruch mit einer hübschen Geldsumme zusriedenstellte, so war sie nun eine .gute Partie geworden und verheiratete sich auch bald danach. Und wie meist in solchen Fällen, mit einem kreuzbraven Mann. Aber ich muß auch sagen er kam zu ihr. Sie war eine ganz vorzügliche Frau, nicht das geringste könnt ihr nachgesagt werden, und als der Mann krank wurde, hat sie ihn mit allem, was sie hatte, treu bis zum Tode gepflegt. Freilich, als er dann in seinem Grabe lag, war auch der letzte Notgroschen hin, und ihr Herr Onkel, der in demselben Hause wohnte, nahm sich ihrer an. Und da kam es bann — nun, Sie wissen, wie. Das geht jetzt ins dritte Jahr, und sie wünscht es sich nicht anders, trotzdem sie klagt und wettert, übrigens ohne sich viel dndei zu denken. Sie nimmt ihr gegenwärtig Leben als einen Dienst, drin sich Gutes und Schlimmes die Waage halt; aber des Guten ist doch mehr, weil sie keine Sorge hat um das tägliche Brot Und nun bitte ich Sie, wenn Sie sie Wiedersehen, so sehen Sie sich ihr Tun und Treiben auf meine Worte hin an, und Sie werden finben, daß ich nicht zuviel gesagt habe." „Und was fordert sie von Ihnen? , . Fordert? Nichts. Sie liebt mich und ist seelensgut zu mir und freut sich" daß ich auf mich halte, und ermutigt mich darin. ,Es ist immer das Klügste fo‘, das sind ihre Worte. Würd es aber anders kommen, jo wäre es nicht viel, und sie würde nur sagen: .Ich weiß wohl, Stine, das Richtige läßt sich nicht immer tun/ Ja, sie sieht das, was sie das Richtige nennt, für etwas Wünschenswertes an, aber nicht als etwas Notwendiges; sie gönnt es mir, nichts weiter." Allmählich, während dies Gespräch geführt wurde, wgr die Sonne drüben niedergegangen, und nur ein letztes verblassendes Abendrot schim- merte noch zwischen dem Gezweige der Parkbäume. Stine hatte langst den Stickrahmen beiseite gestellt, und der junge Graf, der ihr jetzt gegenübersaß, sah in dem Fensterspiegel, wie die ganze Straße hinunter bte Gaslaternen aufflammten. Er war so benommen davon, daß er eine Weile schwieg und dem eigentümlichen Straßenbilde zusah. „Ich sehe", sagte Stine, „der Spiegel tut es Ihnen auch an. Ich weiß das' schon; es ist immer dasselbe." „ . Der junge Graf nickte. Dann nahm er Stines Hand mte zum Abschied und sagte, während er sich rasch erhob: „Ich darf doch wiederkommen, Fräulein Stine?" ,, ., „ Besser wäre es, Sie kämen nicht. Sie beunruhigen mich nur.. "Aber Sie verbieten es nicht, Sie sagen nicht nein?" „Ich sage nicht nein, weil ich es nicht sagen darf. Meine Schwester niiirb es unklug finden, und ich weiß, daß ich ihr Rücksichten schuldig bin. „So denn auf Wiedersehen, Fräulein Stine!" Stine gab ihm das Geleit bis auf den kleinen Korridor; dann aber rasch in ihre Stube zurückkehrend, trat sie ans offene Fenster und sog die frische Luft ein, die vom Park herllberkam. Aber es blieb ihr bang ums Her), und sie hatte das bestimmte Gefühl, daß ihr nur Schweres und Schmerzliches aus dieser Bekanntschaft erwachsen werde. „Warum hab ich nicht nein gesagt? Ich habe mich nun in seine Hand begeben ... Und doch, ich will nicht, will nicht. Ich hab es ihr auf dem Sterbebette schwören müssen. ,Stine', sagte sie, .halte dich! Es kommt nichts dabei heraus. Du bist nicht so hübsch wie deine Schwester Pauline, das ist mir ein Trost. Ach, das Hübschsein ...‘ Ich war noch ein halbes Kmd damals; aber was ich ihr versprochen, ich will es halten." * Im selben Augenblick, wo der junge Graf, von Stine geleitet, aus dem Zimmer in den Korridor trat, trat auch die Polzin von ihrem Horcheplatz wieder an den Klapptisch zurück, wo sich nun zwischen den beiden Eheleuten sofort ein kurzes, aber intimes Zwiegespräch entspann. „Er ist eigentlich lange geblieben", sagte Polzin, während er sich wieder an den Webstuhl setzte. „Wie war es denn?" „(Bar nichts war es. Und wird auch nichts." ■ „I wo", sagte Polzin. „Es wird schon werden. Alles muß doch Zeit und Weile haben. Aber du denkst immer..." „Ach was, denken; ich denke gar nich. Ich sage bloß, wenn was werden soll, wird es gleich. Un wenn es nich gleich wird, wird es gar nich... Ich kenne doch auch die Mannsleut." „Ja, ja", sagte Polzin und griente, „die kennst du." „Höre, Polzin, komme mir nich so! Fange nich wieder alte Geschichten an!" „I wie werd ich denn... Ich meine ja bloß ... Neuntes Kapitel. Der junge Graf wiederholte seine Besuche. Während der ersten Woche kam er einen Tag um den andern, dann täglich; aber immer blieb er nur bis Spätnachmittag. Dann ging er wieder. Einmal kam ausnahmsweise der Abend heran, und man öffnete, die Fenster und sah hinaus. Die Schwere der Luft machte, daß das straßen- treiben unten anders als sonst auf die Sinne wirkte, die Lichter brannten trüber, und das Geläute der Pferdebahnglocken klang gedämpfter herauf, lieber dem Parke drüben stand der Mond und warf seinen Schimmer auf einen frei zwischen den Bäumen stehenden Obelisken; die Nachtigallen schlugen, und die Linden blühten in aller Pracht. Der junge Graf wies darauf hin und sagte: „Das ist nun ein Park und heißt auch so. Aber ist es eigentlich nicht wie ein Kirchhof? Daß alles blüht, das hat der Kirchhof auch. Und der Obelisk sieht aus wie ein Grabstein." „Und ist auch so was." „Wie das? Ist da jemand begraben?" „Nein, begraben nicht. Aber ein Denkmal ist es, das zur Erinnerung an die mit der ,Limazone' Verunglückten errichtet wurde. Hundert oder mehr, und ich habe' manchmal ihre Namen gelesen. Cs ist rührend; lauter junge Leute." „Ja", sagte der junge Gras, „ist entsinne mich, lauter junge Leute. Dann schwieg er wieder, und der Ton, in dem er gesprochen hatte, klang saft, wie wenn er sie mehr beneide als beklage. Bald danach brach er auf, sichtlich bewegt von der Wendung, die das Gespräch genommen, und Stine sah, als er auf die Straße hinaustrat, daß er nicht, wie gewöhnlich, nach links hin auf die Bahnhofsbrücke zuschritt, sondern quer über den Damm, nach dem eingegitterten Park. Da stand er nun an dem Gitter und beugte sich vor, und es war, als ob er die Namen, die der Obelisk trug, in dem Hatbttchi zu lesen versuchte. An diesem Tage hatte sein Besuch etwas länger gedauert; sonst blieb er nur bis Sonnenuntergang und hatte seine Freude daran, Stine bei der Arbeit zu sehen und dabei plaudern zu hören. Er nahm teil an allen Vorkommnissen; am liebsten aber war es ihm, wenn sie Geschichten aus ihrem Leben erzählte, von ihren Kinder- und Schultagen, von dem frühen Tod ihrer Mutter und von der Cinsegung, die kurz nachher gewesen, und mfe die Leute im Hause gesammelt hätten, um ihr das Etnsegnungs. kleid schenken zu können. Und wie sie dann in demselben Jahre noch in das große Wall- und Stickereigeschäst eingetreten sei — dasselbe, für bas sie setzt noch arbeite; meistens zu Haus, aber mitunter auch tm Geschäft selbst — und wie sie da lebten und Freundschaften schlössen und in der Weihnachtswoche bis in die halbe Nacht beisammensäßen und der Reihe nach eine immer vorlesen müsse. Das sei nicht bloß gestattet, das sei ogar gewünscht; denn der Herr des Geschäfts sei klug und gütig und wisse, was es wert sei, die, die arbeiten müßten, bei Lust und Liebe zu hatten. Und so käm es auch, daß sie keinen Wechsel im Personal hatten oder doch nur selten und alle gern blieben, es sei denn, daß sie sich verheirateten. Ueberhaupt müsse sie sagen, es würde so viel von Aussaugen und Quälen und von Bedrückung gesprochen, aber nach ihrer eigenen Erfahrung könne sie dem durchaus nicht zustimmen. Im Gegenteil. Im Winter hatten sie Maskenball und Theaterstücke; denn ihr Geschäftsherr, wie sie nur wiederholen könne, vergesse nie, daß ein armer Mensch auch mal aus dem Alltag herauswolle. Das Schönste aber seien die Sanb= pariien im Sommer. Da würden ein paar Kremser gemietet, und noch vor Tau und Tage ging es ins Freie hinaus, nach Schildhorn und Grünewald oder nach leget und dem Finkenkrug. Oder auch zu Wasser, was freilich, solange sie da sei, nur einmal gewesen, aber ihr auch ganz unvergeßlich geblieben sei. Da wär ein Dampfschiff gemietet worden, und die ganze Spree hinauf, an Treptow und Stralow und dann an Schloß Köpenick und Grünau vorüber wären sie bis in die Einsamkeit gefahren, bis an eine Stelle, wo nur ein einziges Haus mit einem hohen Schilfdach dicht am Ufer gestanden habe. Da wären sie gelandet und hätten Reifen gespielt. Ihr aber sei das Herz so zum Zerspringen voll gewesen, daß sie nicht habe mitspielen können, wenigstens nicht gleich, weshalb sie sich unter eine neben dem Hause stehende Buche gesetzt und durch die herad- hängenden Zweige wohl eine Stunde lang auf den Fluß und eine drüben ganz in Ampfer und Ranunkeln stehende Wiese geblickt habe, mit einem schwarzen Waldstreifen dahinter. Und es sei so still und einsam gewesen, wie sie gar nicht gedacht, daß Gottes Erde sein könne. Nur ein Fisch sei mitunter aufgesprungen und ein Reiher über die Wasserfläche hingeflogen. Und als sie sich sattgesehen an der Einsamkeit, habe sie die andern wieder ausgesucht und mit ihnen gespielt; und sie höre noch das Lachen und sähe noch, wie die Reifen in der Sonne geblitzt hätten. Der junge Graf hörte nichts lieber als dergleichen Erzählungen, und so glücklich ihn jedes Wort stimmte, so lehrreich war es ihm auch. Er war in der Vorstellung herangewachsen, daß die große Stadt ein Babel sei, darin die Volksvergnügungen, wenn nicht mit Sittenlosigkeit und Roheit, so doch mit Lärm und Gejohle ziemlich gleichbedeutend seien, und mußte nun aus Stines Munde hören, daß dies Babel eine Vorliebe für Lagern im Grünen, für Zeck und Anschlag habe. Dergleichen verfehlte denn auch nicht, seine Gedanken immer mehr einer ihm angeborenen, allen Standesvorurteilen abgewandten Richtung zuzuwenden, und wenn Stine mit solchen Schilderungen, ernsten und heitern, ihn in die Gemütlichkeit hineingeplaudert hatte, wurd er zuletzt selber mitteilsam und sogar gesprächig und erzählte von seinem eigenen Leben, von dem Predigtamtskandidaten, bei dem er bis zum Ueberdruß Gesangbuchlieder und Bibelsprüche habe lernen müssen, weil es so das Bequemste für den Lehrer gewesen, von seinen Vorbereitungen zum Examen, durch das er nur (denn er habe nie was gelernt) wie durch ein Wunder hindurchgekommen sei, und endlich, nach seinem Eintritt ins Regiment, von seinen Avantageur- und Fähnrichstagen. Das wäre seine beste Zeit gewesen, seine einzig frohe, trotzdem es bei seinem frommen und eisenfresserischen Kommandeur ein für allemal feftgeftanben habe, „ein Fähnrich ist ein Nichtsnutz". Und da mit einemmal hab es geheißen „Krieg"; ein Jubel wäre losgebrochen, und drei Tage später hab er schon eingepfercht in einem Waggon gesessen, überglücklich auch seinerseits, aus dem Garnisons-Einerlei heraus zu sein. Ueberglücklich. Aber freilich nicht auf lange. Denn wieder drei Tage später, und er habe, aus dem Sattel geschossen, dagelegen, und als einen Halbtoten hätten sie ihn weggetragen. Und während seine Kameraden von Sieg zu Sieg gezogen seien, hält er sich in einem Nest an der Grenze hingequält und nicht gewußt, ob er leben ober sterben solle. Unb die Natur habe es auch nicht recht gewußt, ob er leben ober sterben solle. Unb die Natur hab es auch nicht recht gewußt unb habe sich nicht ent- scheiben wollen. Ader zuletzt habe sie sich entschieben, unb er sei genesen. Ober boch halb. Ob zu seinem Glück? Er wisse es nicht. „Es ist doch das Schönste, wenn die Sonne niedergeht unb ausruhen will von ihrem Tagewerk." Stine verstand ihn wohl unb bat ihn, als er das sagte, nicht so zu sprechen. Er müsse doppelt hoffen; denn wer vom Tode gerettet sei, der lebe lange. So sage das Sprichwort, und die Sprichwörter hätten immer recht. Er lächelte bei diesen Worten und lenkte dann auch seinerseits wieder zu heiteren Dingen über. Und bald danach trennte man sich in Herzlichkeit und guter Laune. Zehntes Kapitel. Es war in der dritten Woche nach ihrer Bekanntschaft, ein Freitagabend, unb der junge Graf hatte noch keine zehn Minuten bas Haus verlassen, als es oben an der Flurtür klopfte. Das war das Zeichen für die Polzin, die denn auch sofort erschien und sich mit der Pittelkow begrüßte. „War Besuch hier, liebe Polzin? Ich meine bei Stine?" „Kann ich wirklich nich sagen, liebe Frau Pittelkow. Sie missen, wir sehen un hören nichts." Es schien, daß sich bie_ Polzin über dies ihr Lieblingsthema noch weiter verbreiten wollte; Stine jedoch, bie das draußen auf dem Flur geführte Gespräch gehört und bie Stimme der Schwester erkannt hatte, ließ es nicht dazu kommen. „Ei, das ist hübsch, Pauline, daß du da bist." Unb hiermit wandte sie sich wieber in ihr Zimmer zurück, um, vorsichtig umhersuchend, von einem schon im vollen Abenbschatten stehenden Eckschrank die Lampe herunterzunehmen. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: l)r. HansThyriot. — Druck undB er lag: Br ühl'sche Aviv er sitäts-Buch» undSteindruckere i, N. Lange, Gießen. Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 9 Montag, den gebruar Jahrgang 1932 fäll* a»rft »i«6cn‘ Februar. Bon Edmund Finte. Weinland in den Schwarzwald ausgewandert sind — der reformierte Einschuß der Sippe... Im Siidosten steht bas flippige Karwendelgebirge mit ganz und gar verwegenen Zacken. Im Rücken erhebt sich über uns der mächtig gerundete Aufbau der Hohen Munde: wir wenden uns und schauen sie an. Wir wenden uns zurück und blicken zu Tal; der Inn, der unterm Föhnlicht bleiig zu fließen schien, ist nun lebendig und funkelt. Wir ruhen an einer wunderbaren Stelle der Welt: dies Dörslein, kaum auf Viertelshöhe den Hang hinaufgebaut, hat noch die Gipfel über sich und erlaubt doch schon das schöne Hochgefühl, mit dem das Auge von einem erhabenen Platz in den tiefen Talgrund schaut... Nun kehrt es um und hastet an den Bauernbetten, die gebauscht und rot-weiß gewürfelt über dem nachbarlichen Balkongeländer in der Sonne liegen. Hinter ihnen ist eine warme Wand von Mais. * Es ist Nacht. Die kleine Maria hat noch nie die rechte Nacht des Winters gesehen, und nun gar in dieser entrückten Welt der Höhen. Sie staunt die Sterne an, aber noch mehr die vielen unvermuteten Lichter im Talgrund, die den Inn begleiten. Telfs ist wie ein niedergesallener Sternenhimmel, und die Lichter der Einödhöfe drüben am Verghang, jenseits des Grundes, sind wie zersprengte Gestirnbilder. Um so erstaunlicher sind sie, als man die Hauser unter Tags kaum hatte gewahren können. Die Schlange aus Lichtchen den Inn entlang gefallt der »einen Maria besonders, und von dem mit nächtlichen Lichtern bestickten Telss meint sie, es sehe aus wie ein_„umgefallener Christbaum". Auch freut sie sich an dem widerscheinenden Sternenjchimmer in den Schneekristallem Glanz der Jugend über der besonnten Halde, herrlich brennt der weiß« Frost im Blut, und der harsche Schnee im Föhrenwalde 20 21 22 15 16 17 18 11 12 13 unbe= °nzu- ierteljr ■t vier ch fie lenheit n, und rechen, n9e so nichts r gana betten, !, über Michls mir, leben in ein- l oUenbs n mich stellten ial ich jältnis. i ü und chtigen I; ewöhn- i ist, fi« sehen, schreck- jouner- Lnune rhnstig, nng W ess auf ,ug auf es ihm Meres und in r bleich daraus haltens machte, jeiflung j ihr zu es jäm= r beide Kinder: ch, nur : länger Beson- bie ein Perlen e dieser Schritt ergeben en Leu- lein die schieben r Sache 9 10 x.'S 5« i* ch fertig ( welche oon den i er fa» jen und irin mit ian den ch corne ich W» n durch- qanien >res ben n'ch ners!r,1, ndl°L e in , n. die'x •’S Dir ebt" , üßeibet undd- ■ lrci,si chte Es g|bt chdesteNf wach ml 2345678 In Seefeld vorhin war noch der Norden. Man wußte es mcyt osukucy, aber jetzt weiß man es — jetzt, wo man am Weg noch Mösern eine gelinde Ahnung vorn Süden empfängt. Der Unterschied geht auf. Nicht so osfenkundig wie ja und nein, aber er geht auf. Der Schlitten rutscht bergan, und an den Geschirren der kleinen Pferdchen klingelt es. Hat man diese heitere Musik des Winters nicht in den Kindertagen zum letzten Male gehört? Sie klingelt uns voran. Nicht gerade auf eine Paßhöhe hinauf: aber die Wirkung ist doch beinahe so — denn nun hält sich eine veränderte Landschaft bereit. Man spürt es zuerst am Licht: es ist ein wenig zarter, ein wenig süßer. Und schnell scheint nun alles anders. Es mag tm Un- meßbaren liegen, und es wird kaum auszusagen sein: und dennoch sind wir auch hier am Weg von Mitternacht gen Mittag... Mit einem .ülon, mir erreichen die Welt des Jnntals. Dort drunten windet sich der noch schmale Fluß mäandrisch. Er ist das wirkende Zeichen dieser neuen Gegend, die auch Tirol heißt, so gut wie das schöne Seefeld — aber es gibt ja nickst nur Nordtirol und Südtirol, sondern es gibt dazwischen auch em Jnntirol, in dem das Hüben sich dem Drüben verbindet. Winter ist: alles ist verschneit: gleichwohl trägt dies Bergland um den Inn einen Hauch, dessen Zauber 'freilich nur um so mehr berückt, als er im Geheimnisvollen Süden bläulich aufgelichtet, auch gelblich, schweflig und blaßgrun. Der Föhn ist vor den Augen und um die empfindenden Schlafen^und fahrt mit seiner falschen Lauheit den Nervenbahnen entlang. Der 6ohn gellt in die Ohren: alles hört sich anders an, — wie alles sichtiger ist, so ist auch alles hörbarer. Der Zug, der im Tal drunten nach Innsbruck fahrt, rollt vornehmlicher als sonst. Man hört ihn wie auf eine unwahrscheinliche Nähe; den Ohren ist er noch näher, als den Augen — aber nun entdeckt man die schwarze Schlange drunten in der Nahe von Telfs. Es ist, wie wenn mit einem Male viel «chnee von den Baumen herab- geschmolzcn wäre, die Tannen drüben an den Berghangen stehen m einem gleichmäßigen, dumpfen, aber starken Blau. Es ist erfchreckend, wie blau die Fichtenhänge heute niedergehn. Ich mache eine Probe, der Tannenbaum unmittelbar vor meinen Augen tragt eine blaue Wegmarke; ich schaue auf sie hin, behalte sie im Blick und schaue zugleich an ihr vorbei — und die Fichtenhänge drüben, jenseits des Talgrundes, ichemen mir nicht weniger blau als die Wegmarke vor meinen 'Ihigen. Es ist eine andere Stunde, und ein anderes Licht. Jetzt lche>nen die Fichtenhänge drüben mit Tinte gemalt zu sein. Die Landschaft ist Ichwarz und weiß, wie eine Zeichnung, wie ein Holzschnitt. Auch so ist der Hohn. Das Wetter hat sich gewandelt. Fast mit einem Schlag ist der Südwestwind durch den Nordost vernichtet. Der Morgen ist eiskalt und |onnen= klar. Das Sonnengold spiegelt sich im Neuschnee, den die ichwarze Nacht in Mengen herabgeworfen hat. Gegen Norden ist der Himmel von harter Bläue. Südwärts ist er lieblicher. Dort draußen am Sudrand tragt Läuten wird nicht so unmittelbar vorgenommen, nmen wurde (denn gestern noch läutete es, als md der Glocke überhaupt keine Luft): das Läuten ad von Licht umhüllt und verschwimmt auf Luft- eitet mit seinem Brevier barhäuptig den langen chlichten, bauernmäßigen Haus ab; er hat eine hat den Kops eines Eremiten oder Apostels, iasthaus im Freien, und es ist so warm, wie es <§5* ist nicht mehr der Winter, ober, wenn er es noch ft alle anderen Jahreszeiten mitzuenthalten. Die d sommerlich; an Stellen, wo der Schnee den jen hat, und schon wieder ganz gewichen ist, oer» eFfalbe Gras, indem es noch vom späten Herbst erzählt, schon den kommenden März. Die graue Baumrinde ist ein Zeugnis der Jahreszeiten, die keinen Schnee kennen; so steht sie im Licht, wenn es Mai oder September ist und wenn die Hitze des Sommers um sie brütet — ich wüßte keinen Unterschied. Die Vögel sind vom Licht und von der Sonnenwärme verführt und probieren ihre Stimmen, als wäre es April und die Hänge lägen im zarten Gelb der Schlüsselblumen. Tautropfen platzen auf unseren Eßtisch herab; in ihnen ist der Winter gebrochen. Es ist Winter, Januar — aber alle Jahreszeiten sind in ihm auf einmal gegen- roärtig. Der Gasthof ist ein schönes altes Tiroler Bauernhaus; unten gekalktes Gemäuer, oben dunkelbraunes, samtig anzusehendes Balkenwerk, nach alter Ordnung gefügt und angeschnitzt. Zwischen den Fenstern, die nicht dicht sitzen, unter einem Dach, das sich nur im flachen Winkel hebt, und nicht mehr nordisch giebelig anmutet, sondern schon halbsüdlich, — im reinen Kalkweiß des Gemäuers, sind bäuerlich barocke Fresken aufgemaik. Christus hält die Fahne, und zu seinen Füßen steht das Lamm still; drüben löscht Sankt Florian einen Brand, der gelbrot, wie mit lauter Fähnchen, aus den Fenstern eines winzigen Hauses leckt (denn ein Heili- ber Himmel die Farben der Baumblüte, des Frühlings. Die Fichten haben unter dem vergoldeten Himmelsblau einen bronzigbraunen Ton angenommen, und unter der reinleuchkenden Wölbung zeigen sie eine körperlich ausgebildete Gestalt, wo sie gestern noch wie in einen dumpf- blauen Gobelin flächig eingewirkt waren. Das Holz vor den Bauernhäusern, als Brennvorrat sauber ausgeschichtet, wird ein brandiges Rot, .....ui*- $"*5 der Skis, die, aufrecht in den Schnee gesteckt, ?negZ^. izianblauen Himmel zeigen, ist sonderbar hitzig cra” une schier wie in ein Zinnober verwandelt. Die und der Misthaufen, an dem sie picken, sin- mter dem vollen Licht des Sonnenhimmels tief« Black Grey 1 White