Gießener Hamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger________ j ihrgang |952 Freitag, den 29. Januar Nummer 8 Winterabend. Von Rudolf Lambert. Abends bleib ich öfter jetzt zu Haus. Und ich kann auch wieder Storm-Novellen lesen. Und mit Kognak treib ich eine Grippe aus. Letztes Jahr war es sehr schlimm gewesen. Manchmal ist ein Freund am Telephon, Doch ich sage: „Nein, ich kann nicht kommen." — Meine Schreibtischlampe brennt wie roter Mohn, Und ich habe alte Briefe vorgenommen. Lange lag es hier im tiefsten Fach. Was von deinen Schwüren alles blieb: Eine Locke, hier dein Bild und ach, All die Blätter mit dem Maienglöckchenduft, Darauf deine Sehnsucht wirre Worte schrieb. Und ich träume. Eine Uhr schlägt dann und wann. Goldgebundne Bücher dort auf dem Regale Sehn mich sinnend an. Stunden rinnen so. Ich male Andächtig auf Briefe deinen Namen. Den ich nie vergessen kann. auf dessen Rand sie Platz nahm Sie zögerte, blickte mich zaghaft mit und schien mich zu durchschauen. „Ach nein", sagte sie leise, „ich kann ihren sanften Gazellenaugen an auch oben warten." den Ton respektvoller Galanterie in den Salon zu locken, wo der etwas stärkte. phisches Dasein führte. Da begab sich ein holdes Wunder: mein inbrünstiges Verlangen zog sie magisch herbei. Die Flurglocke schlug an; niemand anderes begehrte Einlatz als Frau Jngeborg. Mutter hatte sie für diese Stunde zum Klavierspielen gebeten munte diese Verabredung aber vergessen haben; denn sie war ins ^.Heater gegangen und hatte unser Mädchen für den Abend beurlaubt. Fast hätte ich der herzlich willkommenen Besucherin dielen Bescheid gegeben, besann mich aber eines Besseren, vielmehr eines Schlimmeren, indem ich schwindelte, Blutter werde nicht lange au sich watten lassen. Unverhohlen beseligt bat ich sie einzutreten und einstweilen mit meiner Gesellschaft vorlieb zu nehmen. Kleine Abendmusik. Von Kurt Martens. Sie, die ich mit Stolz meinen Schützling nennen darf, ist nun eine gefeierte Pianistin. Wenige wissen, daß sie aus den Quartieren des Elends stammt und vor dreißig Jahren als armes Gassenmadel mit Blumen, ine {ie auf den Wiesen der Vorstadt pflückte, treppauf, treppab hausieren ging. Ihr Talent freilich habe ich nicht entdeckt. Mein einziges Verdienst bestand darin, daß ich sie damals, als sie mir schüchtern ihr Anemonen- Sträußchen anbot, nicht von der Schwelle wies. Man soll doch vor einem armen Kind, selbst wenn es zu betteln scheint, niemals die Tur zulchlagen. Wer weih, ob man es damit nicht in seinen heiligsten Rechten krault. 3u jener Zeit wohnte ich als Student noch im Hause meiner Mutter und war sterblich verliebt in die reizende Frau Jngeborg aus dem zwecken Stock. Deren Gatte, ein dicklicher Stadtrat von durchaus praktischer Lebensrichtung, schien mir solch ein Juwel nicht zu .verdienen.^>e war kinderlos und viel allein und hatte den Vorschlag meiner Mutter, mit ihr zuweilen vierhändig zu spielen, freudig angenommen. An einem milden Abend saß ich über meinen Büchern und Kollegheften, aber meine Gedanken schweiften ab m die Bezirke einer vagen Sehnsucht, hinaus nach dem zweiten Stock, wo die Königin meines Herzens mir unerreichbar — denn ich konnte es nicht über mich gewinnen, bei dem nüchternen Stadtrat Besuch zu machen ihr- abseitige., le i - Mit feuriger Ueberredung, die sich in kleidete, gelang es mir endlich doch, sie Flügel sie anheimelte und ihr Zutrauen Ich rückte ihr einen Fauteuil zurecht, «u, n' wie ein verschüchtertes Vögelchen auf der Kafigstange. Wie >ung sw noch war! Wie unverheiratet sie sich ausnahm in ihrer madchenha! e „Gewiß habe ich Sie in Ihrer Arbeit gestört", sagte sie. „Das haben Sie wirklich", lachte ich. „Wie Sie es gleich erratend „Dann sollten Sie sich aber durch mich nicht abhalten lassen." „Meinen Sie, gnädige Frau, ich könnte Gesetzbücher studieren, wen« ich Sie nebenan weiß?" . „Warum nicht? Ich werde mich ganz still verhalten ... kann vielleicht unterdes in den Noten blättern. Ist es auch wahr, daß Sie Ihre Mutter noch erwarten?" , _ „Wahr und wahrhaftig! Sie ist ja nur auf einen Sprung ... hinüber ... ins Theater gegangen." Nun mußte ich fürchten, daß sie selbst ausspringen und entrüstet das Weite suchen werde. Allein sie machte nur eine Bewegung erschrockener Abwehr und streifte mich mit vorwurfsvollem Blick: „Ins Theater? Das kann ja noch Stunden dauern! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?" .... „ „Weil schon die Höflichkeit gebot, Sie hereinzusuhren. Und vor allem deshalb, weil Ihre Gesellschaft mir lieber ist als meine Arbeit." Darauf gab sie keine Antwort. Errötend wandte sie das Gesicht zur Seite, ihre schmalen Finger zupften nervös an dem Saum der Tischdecke. Eine lange, traumverlorene Stille trat ein, die mir für nichtssagendes Geplauder zu schade war. ..... „Jngeborg", dachte ich, „du bleibst! Ich habe dich für mich allein; ich darf selig sein in deiner Betrachtung." Aus der Betrachtung aber stieg das Verlangen auf, die unruhige, kleine Hand mit der meinen zu umschließen, damit sie sich besänftige. Da blinkte der glatte goldene Reif mich an und hemmte meinen kecken ^5ie mochte erraten, was in mir vorging. Die Hand fiel in den Schoß zurück und übte dort mit gekrümmten Fingern unhörbare Triller. „Schön ist es, Frau Jngeborg, Sie anzusehen", sagte ich. „Nur muß ich fürchten, daß Sie das langweilt. Wenn Sie sich an den Flügel setzen wollten, wäre uns beiden geholfen." . Sie erhob sich, sichtlich erleichtert: „Ja, deshalb kam ich ja eigentlich her." Und alle Befangenheit siel plötzlich von ihr ab. Gelöst, belebt von einem Element, in dem sie heimisch war, begann sie zu spielen. Auf einmal setzte auch ihre Stimme leise ein, formte Worte, schwoll an zu einem Lied. Jngeborg sang: „Und so hebst du meiner Seele Schleier mit verwegner Hand, Daß sie nichts mehr dir verhehle, Die erbebend vor dir stand. Nun entkleidet ihrer Flickern, Nun so scheu in sich geschmiegt, Ueberriefelt sie ein Zickern, Zwischen Glück und vcham gewiegt." Entzückt lauschte ich auf das kleine, liebe Lied, das mir ein bedeutungsvolles Bekenntnis abzulegen schien. , r , . Nach der zweiten Strophe brach sie ab und ließ die Hande auf den Tasten ruhen. Kein Zweifel, daß sie sich unterbrochen hatte. Text und Melodie blieben in der Schwebe. „Wie ich Ihnen danke, Frau Jngeborg, daß Sie das mich Horen ließen! Aber warum verschweigen Sie mir den dritten Vers — die Sie schüttelte den gesenkten Kopf, daß ihr die Locken über die Stirn fielen: „Ich weiß ihn nicht." „Dann müssen wir uns auf ihn besinnen. Als ob sie gegen solch bedrohliche Zumutung sich wehren wollte, schlug sie sofort neue Akkorde an und glitt in eine mir unbekannte Sonate hinüber, die mir mit einem beschwingten, fluchtartigen Presto das Wort ^Der^meite Satz war ein Allegro voll leidenschaftlichen, qualvoll gehemmten Verlangens. Geneigt, es gleich dem Liede auf mim felb t w belieben ließ ich mich dadurch zu einem räuberischen Entschluß entflammen: sobald dieser Satz verklungen wäre, würde ich mit meinen Livven ihren Nacken berühren. Das mußte die ersehnte Losung, die Entscheidung bringen. Was würde daraufhin geschehen? eie wurde aufspringen ...ich würde sie in die Arme schließen. Während ich mir noch den Ausdruck ihres Erschreckens ihres rasch bezwungenen Widerstandes vorstellte, riß mich ein fast unhörbarer Schritt hinter mir aus meinem schlimmen Rausch. ° Ich wandte mich um. Ein fremdes Bettelkind stand auf der Schwelle und starrte mit großen entgeisterten Augen auf den Rucken der spielenden. Als ich ihr entgegentrat, hob sie flehend ein Brtzchel Blumen zu m'r®arum packte ich sie nicht, ergrimmt über die Störung, und stieß sie wieder hinaus? Warum-nahm ich ihr kümmerliches straußchen wie eine „Sie wird begeistert fein', rief Doktor Rooble, „sie soll morgen die Sackre leiten, den Trank mischen und den Sieger belohnen. Ja) werd« ihr die Sache heut abend bei unserm Souper auseinandersetzen. „Also gut. Aber der Verlierer, was ist der Einsatz? "<5agen wir tausend Dollar'. An einem Tisch des eleganten Restaurants saßen Jim und Dick und warteten aus die Witwe aus Texas. Sie wußten eigentlich beide von ihr nur, was sie von ihr selbst gehört hatten. Sie hatte nicht mel von sich gesprochen, sie sei Witwe und besitze in Texas große Landerelen, die sie fitzt verknusen wolle. Jim hatte sie gelegentlich kennengelernt und sie blöderweise auch seinem Freunde Dick vorgestellt, der sich ebenso prompt wie er selbst in die reizende Frau verliebt hatte, und nun zappelten beide, ohne daß es bisher zu einer Entscheidung gekommen war. Heddy Goodfield kam herein, begleitet von einem jungen eleganten und ebenfalls sehr brünetten Herrn, von dem sie sich kurz vor dem Tisch der beiden Freunde verabschiedete. „Mein Rechtsbeistand , sagte sie, mit einem Wink nach dem brünetten Herrisi „er hilft nur meine Besitzungen zu verkaufen und mein Geld anzulegen.' Das Essen nahm seinen Verlauf. Beim Dessert und dem dritten „stro- hibitionstee", der, in japanischen Tassen serviert verdächtig schäumt« und perlte, begann Dick der fröhlichen Witwe seinen kaplta en Plan aus^ einanderzusetzen. Dies« hatte andächtig zugehört: „Fabelhaft, reizend, rief sie begeistert, doch plötzlich verzog sie das Mündchen und bemerkte. „Aber etwas gesällt mir bei der Sache nicht, liebe Freunde, bin ich wirklich nicht mehr wert als lumpige tausend Dollar? Jim Parker blickte Dick Rooble an und wurde rot: „Heddy hat recht! grollte er, „Dick, wie zwei Buschklepper benehmen wir uns, wie b utige Strahenhändler, du bist schuld, Dick, mit deinen schäbigen tausend Dollar! „Fünftausend', sagte Dick lakonisch. Jim blickte die Witwe an, diese hatte noch immer das Mäulchen verzogen. „Zehntausend sagte er. , Fünfzchntausend' ertönte es von Dick. Jim sah wieder auf Heddy: Zwanzigtausend!' Dick wollte eben fünfundzwanzig bieten, da bemerkt« er, daß die Züge der schönen Heddy wieder heiter waren, und er konnte noch rechtzeitig stoppen. „Allright“ sagte er nur. „Das lasse ich mir schon eher gefallen', meinte die Witwe aus Texas lächelnd. Und wann soll dieser fabelhafte Zweikamps vor sich geh^l? Morgen ist Samstag, um 14 Uhr in meinem Prwatburo, Börse ist geschlossen, Störung nicht zu befürchten" sagte Jim Parker. Es wurden noch mehrere Tassen des ausgezeichneten Tees getrunken, und um 22 Uhr wurde die kleine Witwe von den beiden Freunden in ein Auto verladen, das sie nach ihrer Pension besörderte; eine Begleitung hatte fie stets entschieden abgelehnt. Jim und Dick unternahmen noch einen kleinen Nachtspaziergang. * Am andern Tage um 14 Uhr waren die Drei in Jims behaglichem Privatbüro versammelt. In tiefen Klubsesieln saßen Jim und Dick, vor ihnen auf dem Schreibtisch lagen zwei Bündel Banknoten zu je zwanzigtausend Dollar. Aus einem Seitentisch stand die Flasche „Black & White nebst Syphon und Gläsern. Die schöne Witwe aus Texas stand bereit, ihres Amtes zu malten. Doktor Dick Rooble, Chefmanager des United Chemikal Trust, entnahm feiner Tasche zwei ganz kleine, mit Tropf- vorrichtunq versehene Fläschchen, beide mit wasserheller Flüssigkeit gefüllt: Also Frau Heddy, in einer dieser Flaschen befindet sich reines Wasser, während die andere das Schlafelixier enthält. Sie mischen nun zwei Toddys und tröpfeln in eines der Gläser fünf Tropfen aus der einen, tn das andere Glas fünf Tropfen aus der zweiten Flasche. Niemand von uns weiß, in welcher Flasche und in welchem Glas sich der Schlaftrunk befindet, außerdem werden Sie die Mischung ungesehen von uns beiden vornehmen; aber genau dosieren, nicht mehr als fünf Tropfen.' Heddy nahm die beiden Fläschchen und begab sich an den Seitentisch, während Jim und Dick sich in den tiefen Klubsesseln zu einer bequemen Lage zurechtsetzten. Die schöne Witweckarn mit den beiden Gläsern Toddy, stellte sie auf den Schreibtisch zu den Banknoten und rief lachend: „Auf in den Kamps! Wer schläft, verliert!" Ohne ein Wort ergriffen Jim und Dick ein Glas und tranken es in einem Zuge aus. Heddy Goodfield mußte wirklich genau dosiert haben, denn pünktlich um 16 Uhr schlug Jim die Augen auf und sah, wie sich fein Freund Dick ebenfalls in seinem Klubsessel zu bewegen anfing. Er richtete sich auf, rieb sich ein wenig die Augen und blickte sich um. Die Witwe aus Texas war nicht mehr im Zimmer. Inzwischen hatte sich Dick aufgerichtet und blickte sich ebenfalls verwundert um. „Sag mal, Jim", begann er „was ist das, wer von -uns hat eigentlich geschlafen?" Jim hatte inzwifchen feinen Blick auf den Schreibtisch geworfen, die beiden Bündel Banknoten waren verschwunden. „Ich glaube, mein lieber Dick', brummte er, „wir sind zwei ganz verdammte Esel. Sieh her, wo sind unsere vierzigtaufend Dollar und wo ist unsre Witwe aus Texas?" Jetzt begriff auch Doktor Dick Rooble. „Damn“ sagte er, „wie lange tjaben mir geschlafen?" Er griff nach seiner Uhr. „Jim!" schrie er, „meine Uhr ist fort!" Er betastete sich: „Meine Brieftasche mit drei- bis viertausend!" „Dann brauch ich gar nicht erst nachzusehen" rief Jim, „ich hatte auch fo gegen dreitausend drin und meine Uhr ist mit Brillanten besetzt. Aber", er grübelte einige Augenblicke vor sich hin, „sage mir. Dick, wie konnte diese kleine Kanaille wissen, in welcher Flasche...?" „Aber Jim!" rief Dick, „wie kann man solch ein Idiot sein? Das ist doch ganz einfach, unsre liebliche Witwe hat eben aus jeder Flasche in jedes Glas die fünf Tropfen getan, begreifst du das nicht?" „Natürlich begreif’ ich das" grollte Jim, „brauchst dich nicht aufzu- fpielen, mein Junge, aber was tun wir nun?" „(Bar nichts tun wir!" rief Doktor Rooble. „Denkst du, ich habe Luft, uns von Neuyork auslachen zu lassen? Trinken wir einen Toddy und reden mir nicht mehr über unsere Idee." „lieber deine blödsinnige Idee, mein lieber Dick" brummte Jim Parker und holte die Flasche Black & White. Kostbarkeit zwischen zwei Finger, kaufte es ihr rechtens zu gutem Preise ab und zog die kleine Händlerin ganz sachte neben mich aus die Polster, dank, damit sie mit mir gemeinsam der herrlichen Sonate lauschen möge. Eine geheimnisvolle, weise und gütige Macht muß mich dazu beftemmt, muß meine törichte Verliebtheit in diesem Augenblick in em Gesicht ganz anderer Richtung umgewandelt haben. 3ngeborq hatte nichts bemerkt. Sie ging aus dem 2lllegro oljne Pause in ein mildes, getragenes Adagio über, das nun wirtlich ihres Liedes Lösung brachte: die himmlisch reine Melodie einer entzauberten und geklärten Sehnsucht. . „ , Das Kind schmiegte sich an mich und hielt meine Hand umklammert. Ich sah, wie es selbstvergessen schwelgte, wie seine Augen sich mit Tranen füllten, wie all fein Elend und seine Verlassenheit hinweggeschwemmt wurde von der Flut der Töne. . Als Jngedorg geendet hatte und sich umwandte nach mir, lächelten wir beide sie dankbar und verlegen an. , Oh!" sagte sie. „Ein Gast, Ein kleiner, frember Engel? Wer hat uns ben'gefanbt?" Und mit einem Mal war sie eine frohe, sichere, mütterliche Frau, ging auf die Kleine zu und küßte ihr die Stirn „Ja, Sie müssen schon entschuldigen, Frau Jngeborg , erklärte ich sachlich. „Ihr Besuch hatte mich vorhin so in Verwirrung gesetzt, daß ich in meiner Gedankenlosigkeit die Flurtür offen ließ. Da ist die Spitzbübin hereingehuscht und hat, von Ihrem Spiel sehr verzeihlich angelockt, den letzten Satz mit gehört." „Wie heißt du denn?" fragte Jngeborg und zog sie zärtlich zu sich. „Hörst du denn gern Musik?" „Marianne heiße ich", erwiderte ein zartes Sümmchen. „O ja, ich höre es furchtbar gern. Aber das andere, das in den Straßen und Höfen, die Leierkasten und die Grammophone... Von denen möchf ich jetzt gar nichts mehr wissen." „Wirklich? Dann müssen wir uns schon etwas genauer kennenlernen. Du kommst mir ja wie ein Geschenk vom lieben Gott. Ich lasse dich so bald nicht wieder weg. Jetzt werden wir erst einmal oben zu Abend essen; dann wirst du mir erzählen, wer du bist und was du werden willst/ Ehe ich mich's versah, hatte Frau Jngeborg mir meinen Schützling entführt. So oft ich von nun an Frau Jngeborg begegnete — es geschah noch Jahre hindurch, doch nie mehr unter vier Augen —, sprachen wir immer nur von Marianne. Jngeborg nannte sie unwillkürlich, in aller Naivität, „unser Kind", berichtete mir von ihrem Wohlergehen und dem beglückenden Aufblühen dieser jungen Seele, von ihrer erstaunlichen musikalischen Begabung und ihren raschen Fortschritten im Klavierspiel. Später mußte ich sogar mit ihr gemeinsam für die heranreifende Künstlerin den rechten Meister suchen. lieber die Mauer aber, die im übrigen zwischen uns aufgerichtet blieb, eine von Anemonen überwucherte Mauer, grüßten wir uns mit freundschaftlich vertrauten Blicken. Oie Witwe aus Texas. Von Max Marschall. „Also Dick, schieß los", sagte Jim Parker zu seinem Busenfreund Doktor Dick Rooble und schob ihm das gefüllt« Glas zu. „Verdammt teuer der Black & White, aber garantiert echt. Also was ist mit deiner fabelhaften Idee?!" Doktor Rooble fetzte das Glas hin und begann: „Lieber Jim, es ist doch klar, daß es mit unsrem Kamps um Heddy, um Frau Goodfield meine ich, nicht so weiter gehen kann." „Also du trittst zurück?" brummte Parker, „Dick, das wäre allerdings eine glänzende Idee." „Denke nicht dran!" rief Doktor Rooble, „aber, alter Junge, es ist doch scheußlich, wenn zwei so alte Knaben, hartgesottene Junggesellen und in Liebesdingen vollkommen unbescholten, noch länger in den Netzen dieser kleinen Witwe aus Texas zappeln und womöglich ihre alte Freundschaft dabei —' „Stop.!" unterbrach Parker, „das hat mit unsrer Freundschaft nichts zu tun. Du weiht, wer das Glück hat, führt die Braut heim." „Ja, aber diese kleine Hexe zieht uns nun schon Wochen an der Nase herum, ohne sich für einen zu entscheiden, ich mach' das nicht mehr lange mit." „Tritt zurück, mein Junge" brummte Parker wieder, „bann ist die Sache entschieden." „Denk nicht dran!" rief Doktor Rooble, „aber entschieden soll's werden und zwar morgen, hier habe ich die Entscheidung!" Er holte ein kleines mit einer wafserhellen Flüssigkeit gefülltes Fläschchen aus der Westentasche und hielt es Parker hin. „Bist du verrückt Dick?" rief dieser aus. „Gift, amerikanisches Duell ober so ein Nonsens?" „Red' keinen Unsinn, Jim, bas ist kein Gift, bas ist ein von unsrem ersten Chemiker erfunbenes, ausprobiertes unb glänzenb wirkenbes Schlaf- Elixier. Wir werden ein Duell haben, ein amerikanisches Duell, ein höchst originelles, echt amerikanisches Duell: wer schläft, verliert. Was sagst du dazu?" Jim Parker machte ein ziemlich blödes Gesicht: „Dick, hör auf, ich verstehe kein Wort." „Aber Jim, das ist ganz einfach, wir nehmen zwei Gläser mit Wasser oder Toddy —" — „Dann bin ich für Toddy" warf Parker dazwischen. „Schön", fuhr Doktor Rooble fort, „in eins der Gläser werden fünf Tropfen dieses Elixiers hineingetan, die genügen, um den Betreffenden für. zwei Stunden in tiefen Schlaf zu verfitzen; alfo wir beide trinken natürlich ohne zu wissen, in welchem Glas der Schlastrunk sich befindet. Wer einschläft, hat verloren unb überläßt bem anderen bas Felb, verstauben, Jim?" „Blöbsinnig, aber sehr originell“, meinte Parker unb paffte Wolken aus feiner Pfeife. „Ader unsere reizenbe Witwe aus Texas, unsere klug« Hedby Goodfielb, was wirb fie bazu sagen," Genie und Schicksal. Don Dr. Hedwig Fischman«. Einem Mann dem der Tod schon seinen Stempel aufgedruckt und ihn der feiernden Mitwelt streitig gemacht hat, galten die Ehrungen, mit denen die Schweiz und darüber hinaus alle Stamme deutscher »unge Gottfried Keller an seinem 70. Geburtstag überhäuften. Es war in all feinem Ruhm und Glanze ein trauriges Fest. Der Tod seiner immer getreuen streitbaren Schwester, mit der er trotz aller Wesens- und Geistes- Verschiedenheit, trotz der täglich nusgefochtenen häuslichen Fehden aus das innigste »erwachsen war, hatte schon im voraus einen dunkeln schatten über den Tag gebreitet. In des Dichters Zimmer zu Seelisberg, wohin er in dem vergeblichen Versuch, sich dem Ansturm zu entziehen, von Zurich geflüchtet war, türmten sich in buntem, gleichgültig aufgestapeltem Wirrwarr Riesenberge von Kränzen und Adressen, Briefen und Telegrammen, ohne auf dem Antlitz des Gefeierten einen Schimmer der Freude hervor- zurufen. Eine scheue und gedrückte Stimmung lastete °»f dem Kranken, der geführt werden muhte und sich nur mit Muhe aufrecht erhielt. Vor seinem inneren Blick aber mochte wohl jener andere 19. Juli auftauchen, der ohne jedes ermunternde Zeichen seiner Umwelt an dem Jüngling, der sich so heiß nach einem richtunggebenden Halt gesehnt hatte, voruber- zog, und an dem er in seinem Tagebuch notierte: „Meine Hoffnungen sind um nichts besser geworden." Welche von der Lebensnot zuruck- qedämmten Kräfte hätte damals ein Bruchteil der Anteilnahme, die ihn jetzt in ihrem Uebermah zu Boden drückte, entsiegeln helfen! Aber kaum jemals wohl barg eine zu fpat gewahrte Schicksa.sgunj einen so scharfen Stachel tragischer Ironie wie der Kampf und endliche Scheinsieq, den Joseph Kainz auf seinem Totenbette um einen lebenslänglichen Vertrag mit dem Wiener Burgtheater erfocht. Bedingungen, wie sie noch nie vor ihm einem Künstler dieser Buhne gewahrt worden, erringt er in zähem Streit um jeden Urlaubsmonat, um lede Klause, als ob ihm noch ungemessene Zukunfts- und Sch«ffensmoglichke.ten offen ständen. Und kämpft doch nur mit der Verzweiflung des Todgeweihten sich am Leben Anklammernden um ein leeres Traumbild. Zwei Monate, nachdem das Ziel seiner Wünsche erreicht, sind die lebensdurstigen Augen dieses „Prinzen aiis Genieland" auf immer geschlossen. Aber «»mal. em einziges Mal, bricht doch das wehe, immer willig überdeckte Bewuhhem von der Truggestalt des Wunschgebildes aus dec T.efe,hervor, al-ihm zwei Tage vor feinem Hinscheiden die ihm als letzte Freude zugedachte Ernennung zum Regisseur mitgeteilt wird, da vermmmt er sie nut em m schnell verlöschenden Lächeln und einer mudabwehrcnden Handbewegung. "^Gleich' unbarmherzig im Gewähren wie im Versagen spielte undsspottete das Schicksal mit dem einem frühen Tode verfallenen Musiker Carl Maria von W e b er. Gescheitert waren seine Hoffnungen auf einen materiellen Erfolg der Londoner Reise, die der Kranke mit dem traurigen Wissen angetreten: „Ob ich reise, ob ich nicht reise, bin ich m einem Jahre em toter Mann. Wenn ich aber reise, haben meine Kinder zu essen, wenn der Vater tot ist während sie hungern, wenn ich bleibe. Aber das Opfer war vergeblich gebracht. Durch die Anstrengungen der Londoner Tage unb i)ie Bitternis der Enttäuschung waren die letzten Kräfte erschöpft. Run drängte sich all seine Sehnsucht in dem einen Wunsch nach Rückkehr SU den Leinen zusammen. Doch auch diese Gunst versagte das Geschick dem Lebenden. In der Nacht vor der geplanten Reise in die Heimat ftarb er einjam im fernen Land. Erst 18 Jahre später ward dem Toten ersullt was der Sterbende so heiß ersehnt: durch das tatkräftige Eintreten Richard W a g - lieber dem Lebenswerk des verstorbenen Malers Les,er Ury, wie es sich in der großen, als Feier zu seinem 70. Geburtstag geplanten Berliner Ausstellung darbietet, die nun zu einer Totenehrung geworden ist, stehen mit unsichtbarer Flammenschrist die anklagenden Worte. Zu spatl Letzter Wunschtraum eines mit sich, mit der Welt Zerfallenen dessen Verwirklichung die dahinschwindenden Lebenskräfte in sieberhaster l^tigkelt verzehrte, hat Erfüllung gesunden, als das Auge des Meisters sich schon auf immer geschlossen hatte. In dem traurig mahnenden „Zu spat! aber schwingt und klagt ein Chor von Stimmen mit, die alle von einst unaestüm ersehnten, zu spät beschiedenen Glucks- und Ruhmesgaben künden. Und wie uns heute, wie uns erst vor wenigen fahren ibeim L.ahin- fcheiden des Dichters Arno Holz, über dessen letzten Wochen die Hoff- nuna auf den alle Daseinsnot endigenden Nobel-Preis gestanden diese müte Weise umschwebte, so klang sie oftmals seit frühen Tagen, cm trübes Finale der Lebenssymphonie vieler unserer Großen im Reiche der Kunst. Wie tief ergreifend jenes Bild des greisen Grillparzer, zu dem sich qanz Wien an seinem 80. Geburtstag die schmale Treppe nach dem bescheidenen Stübchen im vierten Stockwerk des Hauses m der Spiegel- gasse hinaufdrängt, Exzellenzen und vornehme Damen, Deputationen und Boten beladen mit Blumen und Geschenken! Und war doch i>as|elbc Wien, das einst seinem Lustspiel „Weh dem, der lügt einen hohnvollen Empfang bereitet und auf immer die Schasfensfreudigkeck des munosen- hast Verletzbaren ertötet hatte. Vergraben in seinem Pulte blieb seit jenem Tage alles, was er geschrieben hatte. Und die Regierung, die ihm, stolz auf desterreichs größten Sohn, durch ihre Würdenträger dis höchste Auszeichnung, das Großkreuz des Franz-Jofef-Ordens übersandte— war das wirklich derselbe k. und k. Bürokratismus, der durch ein Gestrüpp von Zensurhindernissen seine Dramen von der Buhne des Burgtheaters ferngehalten, der in ihm nichts anderes hatte sehen wollen als einen durch Dichten sich unliebsam bemerkbar machenden, unbotmäßigen «ub- alternbeamten? So mochte sich wohl der sehr müde, freudlos gewordene Greis dem alle diese Huldigungen galten, an diesem Tage fragen. Uno indessen der Strom der Gratulanten schier unerschöpflich herein- und hinauswogte, klang es mutlos von den Lippen des Gefeierten: „Früher zu wenig, jetzt zu viel! Es find Gnadenstöße, die mir versetzt werden. Wenige 'Tage später erinnerte nichts mehr in dem zum stillen Alltag zurückgekehrten Dichterheim an diese unerwünschten, verspäteten Ehrungen. So schnell wie möglich hatte der Verbitterte alles, was ihn an den^„Ehrentag" gemahnte, entfernen lassen. Nicht eine Blume im Glase durste stehen- ners wurden Benefiz-Vorstellungen an allen größeren deutschen Bühnen veranstaltet - wie bitter hatte Weber einst unter der Gleichgültigkeit seiner Heimat gelitten! — und die endliche Heimkehr des toten Meisters zu den Seinen ermöglicht. Unvollendet ein Lebenswerk zurückzulassen, das Krönung, das weithin ragender Gipfelpunkt bedeutet hätte, nur weil es nach langem Harren auf Schultern gelegt wurde, die schon des Greisenalters schwere Bürde schleppten - das war der Schlußakt der großen Lebenstragodle M , ch e l• angelos. Zum Bauherrn des ersten Tempels der Christenheit ward der 71jährige Meister berufen. Seit dem Tage, da seinen großen Gegner Bramante der Tod von seinem Schassen an St. Peter hinweggeri.fen, hatte Michelangelo manchen Künstler im Dahingleiten der Jahre an dieser weithin sichtbaren Stelle schaffen gesehen. Raffael, Antonio da S a n Gallo, Peruz zi wurden erkoren. An ihm, dem eigenwilligen, ungeselligen Meister, gingen die Päpste scheu vorüber. Das Beispiel der nie gestalteten Fasfade von S. Lorenzo in Florenz mit der von Temperamentsausbrüchen ihres Bildners durchtobten Baugeschichte schreckte. Erst als die hohe Zeit der Renaissance sich zur Rüste neigte, als nicht mehr m verschwenderischer Fülle die urschöpferischen Künstlerpersönlichkeiten zur Wahl standen, ward der greife Michelangelo berufen. Ihm aber, den die Jahre, den die Lebensschicksale zu tief religiöser Einkehr aufgerujen, war die Bauleitung von St. Peter nicht nur eine künstlerische Aufgabe, die seine Schaffenskraft zur Einsetzung des höchsten Könnens spornte, sie war ihm darüber hinaus ein gottgefälliges Werk, in dessen Vollendung er willig seine letzten Kräfte erschöpfte. Doch wie er sie nun in kleinlichen, nie abreihenden Streitigkeiten mit kirchlichen Behörden, mit den seinem Willen widerstrebenden Werkmeistern und Bauleuten im zermürbenden Gang der Jahre schwinden fühlt; wie er sich nur noch manchmal mühsam von 'seinem Maultier auf den Bauplatz tragen läßt, aber Die hohen Baugerüste nicht mehr besteigen kann; wie selbst die zitternde Hand nrcht mehr den Zeichenstift regiert: da dämmert in ihm die wehe Erkenntnis, daß seine Augen das heilige Werk, zu dem er zu spät berufen, niemals vollendet schauen würden. Selbst die Kuppel, dieser kühne -träum beseligter Schasfensstunden, die dieses Baues festlich-frohe Krönung werden sollte, sieht er nicht mehr über den ragenden Pfeilern sich wölben. Mehr als ein Vierteljahrhundert schlummert er bereits in seiner Vaterstadt Florenz, als sie, nach dem Modell des Meisters von fremder Hand gebildet, emporwächst zu dem unvergänglichen Wahrzeichen der Ewigen Stadt. 3n ber hohen Feierlichkeit ihres Schwebens aber, in ihrer Erd- und Zeuentruckt- heit, die kein irdisches Maß kennt, ist alle Bitternis, alle Anklage gegen ein allzu spät spendendes Schicksal erloschen, gelöst in ewigen Harmonien. pankraz, der Schmollet. Novelle von Gottfried Keller. (Fortsetzung.) Doch diese Jndierinnen, die schön waren wie die Blumen, gut wie Zucker aussahen und sprachen, waren nichts weiter als dies und rührten mich nicht im mindesten, da Schönheit und Güte ohne «alz und Mehrbarkeit mir langweilig vorkamen, und es war mir peinlich zu denken, wie eine solche Frau wenn sie mein wäre, sich auf keine Weise gegen meine etwaigen schlimmen Launen zu wehren vermöchte. Die europäischen Weiber dagegen, die ich sah, welche größtenteils ans Großbritannien Herstammten, schienen schon eher wehrhaft zu fein, jedoch waren sie weniger gut unb lewst wenn sie es waren, so betrieben sie die Güte unb Ehrbarkeit wie ein abscheulich nüchternes und hausbackenes Handwerk, und selbst die edle Weiblichkeit auf die sich diese selbstbewußten respektablen Weibchen so viel zu gut taten, handhabten sie eher als Würzkrämer denn als Weiber. Hier wird ein Quentchen ausgewogen und dort ein Quentchen sorglich tn die löschpapierne Düte ber Philisterhastigkeit gewickelt. Ueberb.es war nur immer als ob durch bas Innerste aller biefer abenblandischen Schonen und Unschönen ein tiefer Zug von Gemeinheit zöge, die Krankheit unserer Zeit welche sie zwar nur von unserem Geschlechte, von uns Herren Europäern überkommen konnten, aber die gerade bei den anderen wieder zu einem neuen verdoppelten Uebel wird. Denn es sind üble Zeiten, wo die Geschlechter ihre Krankheiten austauschen unb eines bem andern seine angeborenen Schwachheiten mitteilt. Dies waren so meine unwissenden hypochondrischen Gedanken über die Weiber, welche meinem Verhalten gegen sie zugrunde lagen und mit welchen ich meiner Wege ging, ohne mich um eine zu bekümmern. 21(5 nun die schöne Lydia bei uns anlangte und ich mich täglich in ihrer Nähe befand, erhielt meine ganze Weisheit einen ^>toh und nel zusammen. Es war mir gleich von Grund aus wohl zu Mute, wenn sie zugegen war, und ich wußte nicht, was ich hieraus machen sollte. Höchlich verwundert war ich, weder Groll noch Verachtung gegen die e zu empfinden, weder Geringschätzung, noch jene Lust, doch verstohlen nach ihr hinzuschielen; vielmehr freute ich mich ganz unbefangen über ihr Dasein unb ah sie ohne Unbescheidenheit, aber frei unb offen an, wenn ich in ihrer Nähe zu tun hatte. Dies fiel mir um so leichter, als ich in meiner Stellung als armer Soldat kein Wort an sie zu richten brauchte, ohne gefragt zu werden, und also kein anderes Benehmen zu beobachten hatte^ als dasjenige eines sich aufrechlhaltenden ernsthaften Unterof iziers. Auch war mir das Schweigen, besonders gegenüber den Weibern, so zur anderen Natur geworden durch das langjährige Kopfhangen, daß ich bemr besten Willen jetzt nicht hätte eine Ausnahme machen tonnen, auch wenn es sich geschickt hätte. Dennoch fühlte ich ein großes und ungewöhnliches Wohlwollen für diese Person, war in meinem Hsrzen ehr gut auf sie zu sprechen und ihr zu Gefallen veränderte ich meine schlechten Ansichten von den Frauen und dachte mir, es müßte doch nicht so übel mit ihnen stehen wenigstens sollten sie um dieser einen willen von nun an mehr Gnade finden bei mir. Ich war sehr froh, wenn Lydia zugegen war oder wenn ich Veranlassung sand, mich dahin zu verfugen, wo sie eben war; doch tat ich deswegen nicht einen Schritt mehr, als im natürlichen Gange ber Dinge lag; nicht einmal blickte ober ging ich, wenn ich mich im Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'lche Universitäts-Buch- und kleineruckecei,V. Longe, Dieben. dabei durchsichtig wie Kristall, jeder vom reinsten Wasser in seiner Art, so daß, wenn schlechte Skribenten die Welt der ^Mittelmäßigkeit und sarb- losen Halbheit beherrschen und malen und dadurch Schwachköpfe in die Irre fuhren und mit tausend unbedeutenden Täuschungen ansüilen, dieser hingegen eben die Welt des Ganzen und Gelungenen in seiner Art, d. h. wie es sein soll, beherrscht und dadurch gute Köpfe in die Irre führt, wenn sie in der Welt dies wesentliche Leben zu sehen und wiederzufinden glauben. Ach es ist schön in der Welt, aber nur niemals da, wo wir eben sind oder dann, wann wir leben. Es gibt noch verwegene schlimme Weiber genug, aber ohne den schönen Nachtwandel der Lady Macbeth und das bange Reiben der kleinen Hand. Die Giftmischerinnen, die wir treffen, find' nur frech und reulos und schreiben gar noch ihre Geschichte oder legen einen Kramladen an, wenn sie ihre Strafe überstanden. Es gibt noch Leute genug, die wähnen Hamlet zu sein, und sie rühmen sich dessen, ohne eine Ahnung zu haben von den großen Herzensgründen eines wahren Hamlet. Hier ist ein Blutmensch, ohne Macbeths dämonische und doch wieder so menschliche Mannhaftigkeit und dort ein Richard der Dritte, ! ohne dessen Witz und Beredsamkeit. Hier ist ein« Porzia, die nicht schön, ! dort eine, die nicht geistreich, dort wieder eine, die geistreich aber nicht ■ klug ist und wohl versteht, Leute unglücklich zu machen, nicht aber sich ' selbst zu beglücken. (Fortsetzung folgt.) unverwandt nach ihr hin, bis sie, das Spielzeug tn bie Dafche steckend, upversehens sich erhob und einen seltsam wohllautenden Triller singend davon ging, ohne sich wieder nach mir umzusehen. Dies alles wollte mir nicht klar 'sein noch einleuchten, und meine Seele rümpfte leise die Nase zu diesem Tun; aber von Stund an war ich verliebt in Lydia. In der wunderbarsten gelinden Aufregung ließ ich mein Bäumchen stehen, holte die Doppelbüchse und streifte in den Abend hinaus weit in die Wildnis. Biele Tiere sah ich wohl, aber alle vergaß ich zu schießen: denn wie ich auf eines anschlagen wollte, dachte ich wieder an das Benehmen dieser Dame und verlor so das Tier aus den Augen. Was will sie von dir, dachte ich, und was soll das heißen? Indem ich aber hierüber hin und her sann, entstand und lohete schon eine große Dankbarkeit in mir für alles mögliche und unmögliche, was irgend in dem Borfalle liegen mochte, wogegen mein Ordnungssinn und das Bewußtsein meiner geringen und wenig anmutigen Person den widerwärtigsten streit erhob. Äls ich hieraus nicht klug wurde, verfielen meine Gedanken plötzlich auf den Ausweg, daß diese 'scheinbar so schöne und tüchtige, Frau am Ende ganz einfach ein leichtfertiges und verbuhltes Wesen sei, das sich zu schaffen machte, mit wem es sei, und selbst mit einem armen Unter« osfizier eine schlechte Geschichte anzuheben nicht verschmähe. Diese verwünschte Ansicht tat mir so weh und traf mich so unvermutet, daß ich wutentbrannt einen ungeheuren rauhen Eber niederschoß, der eben durch die hohen Bergkräuter heranbrach, und meine Kugel sah fast gleichzeitig und ebenso unvermutet und unwillkommen in seinem Gehirn, wie jener niederträchtige Gedanke in dem meinigen, und schon war mir zu Mute, als ob das wilde Tier noch zu beneiden wäre um seine Errungenschaft im Vergleich zu der meinigen. Ich setzte mich auf die tote Bestie: vor meinen Gedanken ging die schöne Gestalt vorüber und ich sah sie deutlich, wie sie die drei Male gekommen war mit jeder ihre Bewegungen, und jede» Wort tönte noch nach. Aber merkwürdigerweise ging dies gute Gedächtnis noch über diesen Tag hinaus und zurück überhaupt bis auf den ersten Tag, wo ich sie gesehen, den ganzen Zeitraum hindurch, wo ich doch gänzlich ruhig gewesen. Wie man bei ganz durchsichtiger Lust, wenn es Regen geben will, an entfernten Bergen viele Einzelheiten deutlich sieht, die man sonst nicht wahrnimmt, und in stiller Nacht die fernsten Glocken schlagen hört, so entdeckte ich jetzt mit Verwunderung, daß aus jenem ganzen Zeiträume jede Art und Wendung ihrer Erscheinung, jedes einzelne Auftreten sich ohne mein Wissen mir eingeprägt hatte, und fast jedes ihrer Worte, selbst das gleichgültigste und vorübergehendste, hörte ich mit klar vernehmlichem Ausdruck in der Stille dieser Wildnis wieder tönen. Diese sämtliche Herrlichkeit hatte also gleichsam schlafend ober heimlicherweise sich in mir aufgehalten und der heutige Vorgang hatte nur den Riegel davor weggeschoben ober eine Fackel in ein Vund Stroh geworfen. Ich vergaß über biefen Dingen wieder meinen schlechten Zorn und beschäftigte mich rückhaltlos mit der Ausbeutung meines guten Gedächtnisses und schenkte demselben nicht den kleinsten Zug, den es mir von dem Bilde Lydias irgend liefern konnte. Auf diese Weise schlenderte ich denn auch wieder der Behausung zu und überließ mich allein diesen | Mik den Büchern des Gouverneurs war ich endlich so ziemlich fertig geworden und wußte nichts mehr aus denselben zu lernen. Lydia, welche i mich so oft lesen sah, benutzte diese Gelegenheit und gab mir von den ihrigen. Darunter war ein dicker Band wie eine Handbibel, und er sah . auch ganz geistlich aus; den er war in schwarzes Leder gebunden und vergoldet. Es waren aber lauter Schauspiele und Komödien darin mit der kleinsten englischen Schrift gedruckt. Dies Buch nannte man den Shakespeare, welches der Verfasser desselben und dessen Kopf auch vorne drin zu sehen war. Dieser verführerische falsche Prophet führte mich schön ‘i in bie Patsche. Er schildert nämlich die Welt nach allen Seiten hin durchaus einzig und wahr wie sie ist, aber nur wie sie es in den ganzen i Menschen ist, welche im Guten und im Schlechten das Metier ihres Daseins und ihrer Neigungen vollständig und charakteristisch betreiben und angenehmen Vorstellungen: jedoch vermochte ich nun nicht mehr so unbefangen und ruhig in ihrer Nähe zu sein, und da ich nichts anueres anzufangen wußte noch gesonnen war, so vermied ich möglichst jeden Verkehr mit ihr, um desto eifriger an sie zu denken. So vergingen drei ober vier Wochen, ohne baß etwas weiteres vorfiel, als baß ich bemerkte, baß sie bei aller Zurückhaltung, die sie nun beobachtete, dennoch keine Gelegenheit versäumte, irgend etwas zu meinen Gunsten zu tun ober zu sagen, und sie fing an, mir völlig nach dem Munde oder zu Gefallen zu sprechen, da sie Ausdrücke brauchte, welche ich etwa gebraucht, und bie Dinge so beurteilte, wie ich es zu tun gewohnt war. Dies schien nun erst nichts Besonderes, weil es mich eben von jeher angenehm bünlte, in ihr ganz dieselben Ansichten vom Zweckmäßigen ober vom Verkehrten zu entdecken, deren ich mich selber befleißigte: auch lachte sie über dieselben Dinge, über welche ich lachen mußte, oder ärgerte sich über die nämlichen Unschicklichkeiten, so etwa vorfielen. Aber zuletzt ward es fo auffällig, daß sie mir, da ich kaum ein Work mit ihr zu sprechen hatte, zu Gefallen zu leben suchte und zwar nicht wie eine schelmische Kokette, sondern wie ein einfaches argloses Kind, daß ich in bie größte Verwirrung geriet und vollends nicht mehr wußte, wie ich mich stellen sollte. So fand ich denn, um mich zu [atvieren, unverfänglich mein Heil in meiner alten wohlhergestellten Schmollkunst und verhärtete mich vollkommen in derselben, zumal ich mich nichts weniger als glücklich fühlte in diesem sonderbaren Verhältnis. Nun schien sie wahrhaft bekümmert und niedergeschlagen, kleinlaut und schüchtern zu werden, was zu ihrem sonstigen resoluten und tüchtigen Wesen eine verführerische Wirkung hervorbrachte, da man an den gewöhnlichen Weibern und je kleinlicher sie sind, desto weniger gewohnt ist, sie durch solche schüchterne Bescheidenheit glänzen und bestechen zu sehen. Vielmehr glauben sie, nichts stehe ihnen besser zu Gesicht, als eine schreckliche Sicherheit und Unverschämtheit. Da nun sogar noch der alte Gouverneur anfing, in einer mir unverständlichen und wenig delikaten Laune zu sticheln und zu scherzen und zehnmal des Tages sagte: .Wahrhaftig, Lydia, du bist verliebt in den Pankrazius!' so ward mir das Ding zu bunt; denn ich hielt das für einen sehr schlechten Spaß, in Betreff auf feine Tochter für geschmacklos und vom ordinärsten Tone, in bezug auf mich aber für gewissenlos und roh, und ich war oft im Begriff, es ihm offen zu sagen und mich den Teufel um ihn weiter zu kümmern. Letzteres tat ich auch insofern, als ich mich nun gänzlich zusammennahm und in mich selber verschloß. Lydia wurde eintönig, ja sie schien nun sogar bleich und leidend zu werden, was mich tief bekümmerte, ohne daß ich daraus i etwas Kluges zu machen wußte. Als sie aber trotz meines Verhaltens ! wieder anfing, mir nachzugehen und sich fortwährend zu schaffen machte, s wo ich mich aufhielt, geriet ich in Verzweiflung, und in der Verzweiflung ' begann ich, abgebrochene und ungeschickte Unterhaltungen mit ihr zu ‘ pflegen. Es war gar nichts, was wir sprachen, ganz unartikuliertes jüm- ' merliches Zeug, als ob wir beide blödsinnig wären: allein wir beide schienen gar nicht hieran zu denken, sondern lachten uns an wie Kinder; denn auch ich vergaß darüber alles andere und war endlich froh, nur diese kurzen Reden'mit ihr zu sichren. Allein das Glück dauerte nie länger i als zwei Minuten, da wir den Faden aus Mangel an Ruhe und Beson- - nenheit sogleich wieder verloren und bann zwei Kinbern glichen, bie ein ’ Perlenband ausgezettelt haben und mit Betrübnis bie schönen Perlen ’ entgleiten sehen. Alsdann dauerte es wieder wochenlang, bis eine dieser großen Unternehmungen wieder gelang, und nie tat ich den ersten Schritt dazu, da ich gleich darauf wieder nur bedacht war, mir nichts zu vergeben und keine Dummheiten zu begehen bei diesen etwas ungewöhnlichen Leuten. Hundertmal war ich entschlossen, auf und davon zu gehen, allein die Zeit verging mir fo eilig, daß ich die Tat immer wieder hinausschieben mußte. i)enn meine Gedanken waren jetzt ausschließlich mit dieser Sache beschäftigt, und es ging mir dabei äußerst seltsam. $Sies $ ertfielt sich so ungefähr ein halbes Jahr, ein Jahr ober auch etwas darüber, ich weih es nicht mehr genau; denn bie ganze Zeitrechnung von bamals ist mir verloren gegangen, der ganze Zeitraum schwebt mir nur noch wie ein schwüler von Träumen durchzogener Som- mertag vor. Während dieses Anfanges nun, dessen längere oder kürzere Dauer ich nicht mehr weiß, ging so alles gut und ruhig von statten. Die Dame obgleich sie mich öfters sehen mußte, hatte nicht besonders viel mit mir zu verkehren oder zu sprechen, wenn sie es aber tat so war sie außerordentlich freundlich und tat es nie, ohne mit einem kindlichen harmlosen Lachen ihres schönen Gesichtes, was ich dann dankbarst damit erwiderte, daß ich ein um so ehrbareres Gesicht machte und den Mund nicht verzog, indem ich sagte: .Sehr wohl, mein Fräulein!' oder auch unbefangen widersprach, wenn sie sich irrte, was indes selten geschah. War sie aber nicht zugegen ober ich allein, so bachte ich wohl vielfältig an sie, aber nicht im minbeften wie ein Verliebter, fonbern wie ein guter Freund ober Verwanbter, welcher aufrichtig um sie bekümmert war, ihr alles Wohlergehen wünschte und allerlei gute Dinge für sie ausdachte. Kaum ging eine leise Veränderung dadurch mit mir vor, wenn ich mich recht entsinne, daß ich gegenüber dem Gouverneur ein wenig mehr auf mich hielt, ein wenig mehr den Soldaten hervorkehrte, der nichts als feine Pflicht kennt, und in meinen übrigen Dienstleistungen mehr den Schein der Unabhängigkeit wahrte, wie ich denn auch in keinerlei Lohnverhältnis za ihm stand und nachdem bie eigentliche Arbeit auf feinem Bureau getan, wofür ich befolbet war, alles übrige als ein guter Vertrauter mit« machte und nur, da es die Gelegenheit mit sich brachte, etwa mit ihm aß und trank. Und fo war ich, wie schon gesagt, vollkommen ruhig und zufrieden, was sich freilich auf meine besondere Weise ausnehmen mochte. Da geschah es eines Tages, als ich unter den schattigen Bäumen mir zu tun machte, daß die Lydia innerhalb einer kurzen Stunde dreimal herkam, ohne daß sie etwas da zu tun oder auszurichten hatte. Das erstemal fetzte sie sich auf einen umgeftürgten Kord und aß ein kleines Körbchen voll roter Kirschen auf, indem sie fortwährend mit mir plauderte und mich zum Reden veranlaßte. Das andere Mal kam sie und rückte den Korb ganz nahe an das Rosenbäumchen, das ich eben säuberte, setzte sich abermals darauf und nähete ein weißes seidenes Band auf ein zierliches Nachthäubchen ober was es war; denn genau konnte ich es nicht unterscheiden, da ich diesmal kaum hinsah und ihr nur wenig Bescheid gab, indem sie etwas verlegen wurde. Sie ging bald wieder fort und kam zum dritten Male mit einem feinen, kunstvoll in Elfenbein gearbeiteten Geduldspiel aus China, packte den alten Korb und schleppte ihn wieder weg, indem sie sich in einiger Entfernung daraus setzte, mir den Rücken zuwendend, und ganz still das Spiel zu lösen versuchte. Ich blickte jetzt ■ nach ihr hin, bis sie, das Spielzeug in bie Tasche ftertenb, ia.,e, der Ort des Domes leitete ihre «chritte. Green Grey 2 Yellow Grey 3 Blue White Cyan Grey 1 'ganze Leben kostet? ..." . . Die Generale Melac und Monclar standen nut ihrem Stabe nn brockenbefäten Hof des Domkreuzgangs. Ihnen wurden ein paar Soldaten zugeführt. In der Nacht hatten sie sich in den Dom geschlichen und die auf der Chorempore liegenden Gräber von der Krypta her angebohrt. Die Generale blickten streng. Ein Hauptmann erklärte: „Nichts von Bedeutung gefunden. Zwei Gräber erbrochen mit diesen den Leichen beigefügten Steintäfelchen: Adolf von Nassau, Albrecht von Oesterreich *>.." — „Kennen wir nicht", sagten die Generale ... — „Ein anderes: Rudolf von Habsburg ..." — „Kennen wir nicht", sagten die Generale ... — „Hier ist sein Schädel", sagte der Hauptmann. „Eine Schramme darin. Der Kaiser war vor seiner Wahl ein streitbarer Landgraf ..." — „Die Deutschen waren immer Raufbolde, schlagen sich die Köpfe ein ..." — „... Landgraf im Elsaß :.." — „So? Also in Frankreich! Ein französischer Graf! Rasch, anständig wieder begraben!" — „Noch -wei Frauengräber, einer Beatrix, Kaiserin, und eines Kindes, Agnes, Frau und Tochter von Friedrich Barbarossa ..." — „Aha, kennen mir, Barberousse! ..." — „Und hier ist das Gehirn des Kindes, der Kerl da hatte es in der Tasche." Der Hauptmann reichte dem General Melac das zur Größe eines Aepfelchens zusammengetrocknete und hartgewordene Gehirn. „Haben Ball damit gespielt", fügte der Hauptmann hinzu, denn er war in Wut über die Ruchlosigkeiten. .. Zum neuen Jahre. Von I. W. v. G o e t h e. Die Jahre sind allerliebste Leute: Sie brachten gestern, sie bringen heule, Colour & Grey ControLChart Red Magenta Grey 4 Black . „4JVIIIIIUJC UlK-J. <-*■ QM. It-MiVB v^vwvil.d.vvv... Deutschen mag mun's gönnen. Was ist es denn schon grofj mit igren Königen und Kaisern? Alles Bauernkaiser und Raufbolde! Schramme im Schädel! Hat man je so was gehört? Kann man sich einen französischen König mit einer Schramme im Schädel denken? Aber den Wilhelm von Oranien mag es gegen Frankreich aufbringen, unsere Majestät fürchtet olmehin eine europäische Koalition. Und außerdem, unseres Königs legitimer Sinn könnte sich verletzt fühlen. Wenn es auch nur Deutsche waren, es waren doch Könige ... Also" — statt der Aufforderung: Schweigen! die der General nicht aussprach, legte er, sich im Kreise umsehend den Knopf seiner Reitpeitsche an die Lippen, und der ganze Stab führte lächelnd den Zeigefinger an den geschlossenen Mund. Der Hauptmann kam eilig und geradezu atemlos wieder daher. „Mein General! Die Mine, die in den Hauptpfeiler gebohrt wird — um die Kuppel und ihre Türme — niederzulegen — die „Pioniere haben eine Grabplatte gefunden mit dem Namen: Karl —..." — „Karl? Karl der Großes Liegt er nicht in Aachen begraben? Aber die verfluchten Deutschen könnten unfern Karl ihren Strauchkaisern hier an die Seite gelegt haben . . Charlemagne! Erster Kaiser der Franzosen! «vfort alle Zer- törungsarbeiten einstellen! Der Rest der Ruine mag erhalten bleiben! 2 8 6