Nummer 40 Freitag, den 27. Mai hrgang <952 das ®*', er t Don A ren. Ser k iel*, meta hästssiihm (Belegen^ >er ein A inte ibm i nem fei iges & | Sögeni.'l auptbm, ||| n Irieilrl rben 'M stark D in schsd! :er unM ite 3i"» 1, im 8iii foä fiitj 'M stch ttltl er war f1 ■ Sonnti ] 'f truj n, red» ■ morgen - 3°9 ih«i , dem M Misti d r nicht r, urm, y l, hieß j Morgenlied. Bon Conrad Ferdinand Meyer. Mit edeln Purpurröten und Hellem Amselschlag, mit Rosen und mit Flöten stolziert der junge Tag. Der Wanderschritt des Lebens ist noch ein leichter Tanz, ich gehe wie im Reigen mit einem frischen Kranz. Ihr taubenetzten Kränze der neuen Morgenkraft, geworfen aus den Lüften und spielend aufgerafst — Wohl manchen ließ ich welken noch vor der Mittagsglut; zerrissen hab ich manchen aus reinem Uebermut! Mit edeln Purpurröten und Hellem Amselschlag, mit Rosen und mit Flöten stolziert der junge Tag — Hinweg du dunkle Klage aus all dem Licht und Glanz! Den Schmerz verlorner Tage bedeckt ein frischer Kranz. billig auszukaufen und ihn dann in China, wo es jetzt immer weniger Jade gibt, teuer zu verkaufen, und will mir bald ein Vermögen machen, um den Vater zu beerdigen." Der zweite der Brüder sagte: „Du wirst mit Jade nicht viel verdienen; ich werde nach Hongkong reisen und einen großen Opiumhandel anfangen. Mit meinem so erworbenen Vermögen werde ich die Särge eher bezahlen können als du." Der dritte sagte: „Jade und Opium stehen schlecht heute: ich werde nach Schanghai reisen und dort an der ausländischen Börse Geldmakler werden. Dort lehren uns die Fremden, deren Kriegsschiffe den Schanghaihafen füllen, daß man ohne Waren schneller ein Vermögen an der Börse machen kann als mit einem Lager von Jade und Opium. Ich werde mit schnell erworbenem Gelde den Vater früher beerdigen lassen können als ihr." Der vierte der Brüder weinte und seufzte: „Ich werde hier am Sarge wachen, bis ihr drei wiederkommt und werde jeden Morgen in die Opfer« taffen frischen Tee auffüllen und Wachskerzen kaufen und Sandelräucherwerk. Und der fünfte Bruder soll inzwischen den Laden hüten und mit den Jaderesten handeln, die wir noch besitzen, um wenigstens das Geld für die täglichen Ahnenopfer zu verdienen." So verabredeten es alle fünf und kehrten aus der Grabkammer zurück, um den letzten Nachmittag im Jadeladen zusammen zu verbringen. Keiner der fünf hatte an die einzige Schwester gedacht, an das junge Mädchen, das ohne Vater und Mutter allein hinter dem Laden in den Wohnzimmern zurückgeblieben war. Sie saß dort unbeachtet im hintersten Zimmer, in der kreisrunden Tür, hinter dem Topfpflanzengarten und meinte in ihren seidenen Aerrnel. „Die Mädchen dürfen meinen und wünschen, die Männer müssen handeln", hatten die Brüder einmal verächtlich zu ihr gesagt. Gemeint hatte sie schon viel: aber was sollte sie sich wünschen? Sie schaute in das leere Haus, darinnen nur die dunkeln Perlmutter- möbet glitzerten. Verzweifelt nahm sie ihren grünen Jadepfeil aus dem schwarzen Haar und wollte ihn sich ins Herz stechen. Aber der glatte Pfeil sprang ihr aus den Händen, fiel hinaus auf das Porzellanpflaster des Gartens und zerbrach. „Ich wünsche also nicht zu sterben", sagte sie zu sich, „ich wünsche also weiter zu leben, sonst wäre der Pfeil nicht in meinen Händen zerbrochen. Der Pfeil ist vor meinem Lebenswunsch ausgewichen." Und das Mädchen mar froh, daß sie doch noch den Wunsch zu leben hatte, denn eigentlich starb sie nicht gern. „Aber was soll ich mit dem Lebenswunsch anfangen", dachte sie: „den Vater kann ich nicht begraben lassen, wie die Brüder können, also ist mein Leben unnütz. Wenn ich doch den Vater begraben lassen könnte, weil die Brüder jetzt kein Geld haben!" Wie die junge Chinesin noch grübelte, was sie tun sollte, begann der Fußboden zu zittern, die bunten Glasscheibenwände, welche die Wohnzimmer voneinander trennte, begannen laut zu klirren, und im kleinen Gartenhof ertönte ein hohler Metallklang. Das junge Mädchen blinzelte erstaunt. In der Mitte des Hofes stand ein Silberbecken, darin sonst aus einer Metallspitze eine kleine Silberkugel balancierte; die Kugel roar mit weithin tönendem Laut in das Becken gefallen, das bedeutete Erdbeben, und bei dem Metallton mußten alle Hausbewohner flüchten." Das Mädchen hörte Geschrei an allen Enden, es sah die Leute und die Wienerinnen kreischend durch das Haus fortstürzen. Die Wände schienen plötzlich zu wandern, die Zimmerdecke hob und senkte sich, die 'Blumentöpfe im Garten drehten sich alle im Kreis, die gelben und blauen Porzellanpflastersteine tanzten auf den Wegen. Das junge Mädchen sprang auf aber wagte sich nicht vor und nicht zurück. Sie stand unter der Tür und klatschte in die Hände, um sich die Furcht zu vertreiben. Dann wurde die Lust grau von Staub, daß sie nichts mehr sah. Die Ratten aus dem Haus liefen an ihr hoch, und eine blieb auf ihrem Kopf fest sitzen. Da rannte das Mädchen mit der Ratte auf dem Kopfe geradeaus durch die zerbrochenen Glaswände der Wohnzimmer; sie mußte über gestürzte Stühle und große rollende Blumenvasen klettern. Sie lief blind durch die dicken Staubwolken, darinnen Hunderte von unsichtbaren Gegenständen krachten und stürzten. Sie wagte nicht mit den kleinen Händen nach der großen Ratte auf ihren, Kops zu greifen. Aus dem Jadeladen waren ihre fünf Brüder in alle Winde fortgelaufen. Der rote Ahnenaltar am Eingang roar eingestürzt, das junge Mädchen sprang über die Trümmer und wäre längst liegengeblieben, hatte sie nicht noch immer die Ratte auf ihrem Kopfe gefühlt. Sie stürzte durch die staub- qefüüten Straßen, wie von der Ratte an den Haaren durch die Lust gezogen. Sie wußte nicht, daß sie durch brennende Häuser, über Tote und Verwundete hinroeglief, bis es totenstill um sie wurde und sie sich auf einmal in dem Stadtviertel der Gräberhäuser, in der Grabkammer ihres Vaters sah Dort sprang die Ratte mit einem Ouietschlaut von dem Kopf des jungen Mädchens und grub sich vor ihr in die vorn Erdbeben aufgewühlte Erde. Das Mädchen kauerte am Boden und bemerkte gar nicht, öa& der Leichnam ihres Vaters samt den drei Särgen verschwunden mar Als der Staub sich gelegt hatte, erschienen nach Stunden ihr, fünf Oer unbeerdigte Vater. Eine Geschichte aus China. Von Max Dauthendey. Die Jadestraße von Kanton, die so genannt ist nach den Juweleiüäüen «Hl von kostbarem Jadestein, ist die prachtstrotzendste Straße der Stadt, littst du in diese Straße, die wie alle durch ein Holzgüter von der Trgftraße, Metzgerstraße, Mobelstraße getrennt ist, glaubst du zuerst, ii >1 seist in eine üerfinnlidje Welt geraten. Die Jadeladen sind über und I fer vergoldet und von künstlichem vergoldetem Holzgitterroerk umrankt, iiine Glasscheiben trennen die Ladenräume von der Straße. Wo daste, «crgolbete, und vergoldetes »lattgeroirr, verschlungen in phantastischer Jigurenroelt, hängen wie goldene Gardinen die Läden halb zu. rie | «raße ist wie alle Kantonstraßen kaum für drei Menschen breit. Bei Ä^senroetter feucht und halbdunkel wie ein langer Kanal; dann grin|en Hi goldenen Ladenreihen wie spukhafte, goldene Scheiterhaufen, und Wiaragdgrüii, indigoblau und purpurrot leuchten die senkrechten Laöen= Wilder wie unzählige Kulissen in der Straße. Drinnen laufen, lautlos Mich iveißen Mäusen, die Chinesen in weißen, lila und hellblauen prletinfleiöern, und ihre Köpfe erscheinen und verschwinden wie gelbe ■Siltmonbe hinter den goldenen Ranken und bunten Kulisfenschildern. In dieser Gasse hatte Hei-Hee seinen Laden, hier hatte er sein ganzes l&ben lang gelebt und roar kaum je aus den Holzgütern der Straße । Mrausgetommen; erst jetzt, wo er starb, verließ er seit Jahren zu, W>krab=i Wimmern gebracht; das sind kleine Häuser in einem besonderen Stadt B’irtet an den Mauern von Kanton, wo die Toten auf die Beerdigung Harten müssen. Als Hei-Hees fünf Söhne die drei carge des Vaters toteilt hatten, den silbernen, den elfenbeinernen und den «andelholzsarg I to genau ineinander paßten, und darinnen man den reichen ^adehandter ■in der Trabkammer ausgestellt hatte, und ein Bonze den Tag prophezeien ■ölte, welcher der günstigste für die Beerdigung war, da fanden die J-'bne inzwischen, baß ihr Vater nicht der reiche Mann gewesen für den I'h, die Leute bei Lebzeiten gehalten hatten. Nur Schuldscheine und kein U®Hb fand sich im Laden, und alle Jadekunstschatze des toten Händlers ■'ichten knapp, um die Schulden zu decken, aber nicht, um die drei kost- Wren Särge zu bezahlen Die fünf Söhne überlegten eine ganze Rächt tluib wachten im Sarghause bei der einbalfamierten Leiche des I: b« Sarghändler kamen am dritten Tage und sagten: „Wir geben euch unbegrenzten Kredit auf die drei Sarge, n t ll'ier Vater nicht mit den unbezahlten Särgen begraben werden und muß !-P der Grabkammer bleiben, bis ihr die Sargkoften bezahlt habt. Was J®« nichts Außergewöhnliches im Kanton, und es ereignete sich öfters, ||M) die einbalfamierten Tvien jahrelang liegen mußten, bis bie Jnge- ■*b trtgen die teuern Sargkosten bezahlen konnten Hei-Hees '-ohne sa ds, ll^rum die Rede der Sarghändler recht und billig und murrten nicht Sie fünf Sohne berieten von neuem, und der älteste fagte- .-Sch l|M Japan reifen und will dort versuchen, alten chinesischen Jadestem " pl#’l tert tomnif” uert «7 äntt^j in M , Destel »'M DU icRener^aniilienblättcr Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Brüber, einer nach dem andern, um nach dem toten Vater zu sehen. 21ber wie erstaunten sie, als der Tote nicht zu finden war, und als sie am aus- aebrochencn Fußboden entdeckten, daß die Erde ihren Vater samt seinen drei Särgen in die Tiefe gerissen und begraben hatte. Das junge Mädchen sah aus und sagte: „Ahr sollt nicht staunen, ich habe als unnutzes Mädchen gewünscht, den Vater zu begraben. Verzecht mir, daß mein Wunsch für mich gehandelt hat; ich weiß, daß ich als Mädchen kein Recht zu handeln hatte." , , _. Da freuten sich die fünf Brüder und antworteten ihr: „Die Sarg- Händler dürfen keinen Toten mehr ausgraben, der einmal unter der Erde ist Wenn du den Vater mit deinem stillen Wunsch begraben konntest, Schwester, dann bist du als schwaches Mädchen stärker mit deinem Weinen und Wünschen gewesen als wir Männer mit allem Handeln. - Vom Nutzen der Modelle. Von Dr. Hellmut Thomasius. Wie im Leben überhaupt, so ergeben sich auch im technischen Leben Crsahrungen über Erfahrungen, deren Ausnützung die Quelle neuer Fort chritte bildet. Im Leben kann und muß man meist auf diese Erfahrungen warten. In der Technik ist man gleichfalls häufig darauf angewiesen bis irgendein Zusammenwirken von Umständen, bis vielleicht ein Zufall' eine neue wertvolle Erfahrung bringt. Ein derartiges Zuwarten hat aber feine bedenklichen Seiten. Es kann dadurch viele Zeit verlorengehen, manche Arbeit zunichte gemacht werden. Deshalb sucht man die Verhältnisse, wie sie sich voraussichtlich gestalten werden, sucht man den Zufall, der eintreten könnte, auf künstlichem Wege herbeizuführen. Das stößt bei der fertigen Maschine, beim großen Schiff und in vielen sonstigen Fällen auf Schwierigkeiten. Zuviel steht dabei auf dem Spiel. Darum hilft man sich mit Modellen. In eigenen Wasserbehältern werden Schiffsmodelle dahingezogen, um an ihnen die günstigsten Verhältnisse für die Linien des Rumpfes zu finden. Sie find aus Paraffin hergestellt und können deshalb in ihrer Form leicht verändert werden. Modelle von Flugzeugen werden vor Windkanälen aufgehäNgt. Sie dienen dazu, auch hier die günstigsten Umstände für den Bau zu ermitteln. Aehnliche Modelle und Modellversuche gibt es noch eine ganze Reihe weiterer. Ein neues derartiges Modell von sehr großen Abmessungen ist eben im Entstehen begriffen. Bei zahlreichen technischen Unternehmungen spielt das Wasser eine'große Rolle. Es verändert die Ufer, an denen wir bauen wollen. Es muß aus dem Boden entfernt werden, auf dem wir Häuser errichten. Die Flüsse, auf denen unsere Schiffe dahingleiten, schwemmen hier Sand weg und lagern ihn anderseits in Gestalt mehr oder minder mächtiger Sandbänke wieder an. Ihr Bett verändert seine Gestalt. Wo ein Schiff heute noch fahren konnte, findet es nach einigen Monaten vielleicht keine Fahrrinne mehr. Felsen werden durch das Wasser unter« höhlt. Die gegen die Brückenpfeiler gerichtete Strömung erfordert oft besondere Maßnahmen. Lange Zeit kann vergehen, bis in diesen und in einer Reihe sonstiger Fälle die nötigen Erfahrungen vorliegen, deren man bedarf um überall Sicherheit zu schaffen, Gefahren abzuwenden und aus den sich ergebenden Verhältnissen den richtigen Nutzen zu ziehen. Deshalb ist man dabei, in der Hauptstelle für wissenschaftlich-technische Untersuchungen der Vereinigten Staaten ein riesiges Modell herzustellen, das zum Studium so ziemlich aller mit dem Wasser zusammenhängenden Angelegenheiten bestimmt ist. Ein eigenes Gebäude wurde errichtet, dessen einer dreistöckiger lang dahingestreckter Flügel das Modell eines Wasserlaufes aufnimmt. Am einen Ende dieses Flügels erhebt sich ein höherer turmähnlicher Bau, in bestem oberen Teil sich die Wasserbehälter befinden, die den durch bas Modell sich hindurchziehenden kÜnstlichen Flußlauf fpeifen wollen. Das Wasser wird aus den Behältern in die verschiedenen im langen Flügel enthaltenen Versuchsräume geleitet. Das eine Stockwerk enthält den eben erwähnten Flußlauf. Er hat eine Länge von 70 und eine Breite von durchschnittlich vier Meter. Diese ist aber den natürlichen Verhältnissen entsprechend nicht immer die gleiche. Es gibt Verengungen und Erweiterungen Außerdem hat der künstliche Fluh zahlreiche Biegungen, Windungen und scharfe Ecken. Er strömt über groben und feinen Sand, an Felsenufern und Mooren vorbei. Die mannigfachsten natürlichen Verhältnisse sind nachgebildet. Alles hat derartige Abmessungen, daß die mit den Versuchen betrauten Ingenieure genau wie in einer Landschaft am Ufer entlang gehen ober sich bort niebersetzen können. Im Fluß wirb alles mögliche errichtet werden, was man eben gerade braucht. Es ist an Verpfählungen, an Pfahlroste, an Holzgeräte, an Brückenböcke und an Brückenpfeiler der verschiedensten Arten gedacht. Ganze Brücken sollen in verkleinertem Maßstab entstehen, ebenso Dämme, die aus den verschiedensten Stoffen hergestellt werden. Um genaue Untersuchungen darüber zu ermöglichen, wie sich alles dieses, wie sich insbesondere die Ufer und das Flußbett gegen das Wasser und feine Strömungen verhallen, sind Einrichtungen getroffen, um die Geschwindigkeiten sowie die Menge des Wassers beliebig zu verändern. Diese Veränderungen werden teils dadurch hervorgebracht, daß man Wasser aus einem höher oder aus einem tiefer stehenden Hochbehälter einftrömen läßt, teils dadurch, daß man es durch Pumpen unter verstärktem Druck setzt. Besondere Einrichtungen dienen zum Messen der Wassertiese, der Strömungsgeschwindigkeit, des Wasserdrucks und der Wassermenge. Für gewisse Zwecke sind Vorrichtungen angebracht, durch die der Wasserspiegel ganz genau auf einer gewünschten bestimmten Höhe gehalten wird. Das in den Fluß eingelassene Wasser strömt unten in einem besonderen Behälter ab, aus dem es wieder in die Hochbehälter hinaufgepumpt wird, von wo es in stetem Kreislauf von neuem in den Fluß gelangt. Außer diesem großen Flußlauf ist in den anderen Stockwerken noch eine Reihe kleinerer vorhanden, die für Sonderzwecke benutzt werden sollen. In ihnen können bestimmte -Untersuchungen vorgenommen werden. Es lassen sich darin mehr ober minder kräftige Wirbel erzeugen. Alle diese Flußbetten sind so eingerichtet, daß man die unter dem Wasserspiegel sich abfpielenbcn Vorgänge von der Seite her durch dort angebrachte Fenster und teilweise durch gläserne Wandungen verfolgen kann, in ähnlicher Weise, wie man in einem Aguarium von der Seite her hinein- blickt. Zahlreiche Laboratorien, in denen Untersuchungen der mannigfachsten Art vorgenommen werden, stehen zur Verfügung. Bei unseren Verkehrsmitteln hat man gleichfalls aus der Erfahrung. Diel gelernt. Es wäre aber verfehlt, wollte man warten, bis jeder einzelne" Lokomotiv- und Slrahenbahnführer feine eigenen Erfahrungen gc fummelt hat. Deshalb hat man auch hier zu Modellen gegriffen. Sdjon eit geraumer Zeit gibt es Modelle, die einen Schienenftrang zeigen, auf dem alles erdenkliche vor sich geht, was sich auf der Strecke ereignen kann., f Der Straßenbahnfahrer steht vor einem derartigen Modell, das mcijt das. Bild einer Straße zeigt. Bald taucht auf dem Schienenstrang plötzlich * ein Fußgänger auf, bald wieder ein anderes Hindernis. Es wird ihm gc- 1 zeigt, welche Maßregeln er im einen oöjr im anderen Fall zu ei- j greifen hat. ... Für das Flugzeug ist nunmehr ähnliches von einem amerikamscheir Erfinder in eigenartiger Weise durchgesührt worden. Wir kennen bir Wandelpanoramen, wie sie teilweise auf der Bühne Verwendung fiiidkil: und wie sie vor allem aber benutzt werden, um eine Reise vorzutauschen Die Zuschauer fitzen in einem Eisenbahnwagen ober befinden sich aus einem Schiff. Draußen gleitet eine Landschaft, gleitet das Ufer vorüber, die auf eine Leinwand aufgemalt find. Diese rollt sich von einer (enfrenjt stehenden Rolle ab und auf eine andere auf. Der „Reisende" hat das Gefühl, daß er durch ein fremdes Land dahinfahre. In ähnlicher Weise wird im zukünftigen Flieger die Vorstellung erweckt, daß er über eine Landschaft dahinflöge. Das Flugzeug ist naiur- lich wieder ein Modell, lieber ihm wölbt sich der blaue Himmel, eine Art von Kuppelhorizont. Unter ihm breitet sich die Landschaft aus. Dieser Eindruck wird dadurch erweckt, daß die Landschaft auf den unterem Teil des Kuppelhorizonts aufgemalt ist, der hier in eine flache Scheibe übergeht. Horizont und Scheibe find beweglich. Je nach dem sie mehr oder minder geneigt, nach rechts ober links gekippt werden, zeigen sich« andere Teile der Landschaft und des Himmels. Das Gefühl des Fliegens mit feinen wechselnden Bildern entsteht, verschiedene Zufalle treten auf, die der Schüler durch entsprechende Maßnahmen unschädlich madjem muß. Der Lehrer sitzt hinter ihm und leitet von hier aus die Bewegungen des künstlichen Himmels und der künstlichen Landschaft, im das Fiugzeug auf einem hohen Bocke hoch über dem Boden steht, fmtD die Schwingungen des Modells sehr weit, es ist also reiche Abwechslung, möglich. Oer Lausbub. Cine ketzerisch« Betrachtung. Von Egon F r i e b e 11. In Franksurt am Main war ich nur drei Jahre aus dem Gymnasiuni- Dann wurde ich hinausgeworfen. Mein Ordinarius erklärte eines Tages, einer von uns beiden könne die Klasse nicht mehr betreten. Der Direktor: entschied sich für mich. Als meine Anverwandten weinend bei jenem Lehrer erschienen, und ihn fragten, was denn um Gotteswillen gegen mich norläge, da ich doch im verflossenen Semester nur ein einziges Mol das Löschblatt vergessen hätte, und von der Politik völlig irrige Vorstellungen hätte, erwiderte er: „Es ist nichts Bestimmtes gegen ihn z» monieren. Aber er ist ein Lausbub!" Er strich seinen Bart und fügte drohend hinzu: „Mit fünfzehn Jahren!" Ich weiß nun allerdings nicht, ob der Professor damals nicht übertrieben hat, denn der Begriff der ßausbüberei war bei ihm ein sehr umfassender, aber cs wäre mir sehr lieb, wenn er sich nicht nur damals mit seinem Urteil nicht geirrt hätte, sondern sogar noch heute recht fjättr Denn ich habe inzwischen über diese Frage noch öfters nachgedacht unö gesunden, daß ein Lausbub etwas sehr Erfreuliches ist. Ich habe nämlich erkannt, daß die Menschen überhaupt nur in zwei Gruppen zerfallen, Im Lausbuben und in sogenannte „ernste Menschen", oder wie einer meine» Freunde, der langjährige Dramaturg der Reinhardtbühnen, Arthu» Kahane es manchmal zu nennen pflegt, in „Samumisten", das heißt Menschen, die wie Samum wirken, indem sie alles Lebendige im Keime ersticken. Es gibt nur zweierlei Menschen: luftige und lächerliche. D« ersteren sind "talentiert und lebensfähig, die letzteren sind untalentiert unc verdienen aufgehängt zu werden! „Seriöse" Menschen zum Beispiel sind meistens Samumisten unö daher so ziemlich die unbegabtesten Mitglieder der menschlichen Gesellschaft. Künstler dagegen sind immer Sausbuben, und daher so ziemlich die begabtesten Lebewesen. Will man sich diesen Gegensatz recht unzweideutig anschaulich machen, so braucht man bloß bei irgendeinem großen Dichter nachzulesen. Der Narr in „Was ihr wollt" ist ein Bausbub unö eine Künstlernatur, Malvolio ist ein Samumist und eine seriöse Natur Dasselbe Verhältnis besteht zwischen Hamlet und Polonius oder zwischen Eilert Lövborg und Jürgen Tesman. In fast allen bedeutenden Dich- tungen findet sich dieser Kontrast bewußt oder unbewußt ausgeprägt. Ich sagte: ein Lausbub fein heißt ungefähr ebensoviel wie: Talent haben, und ich muß nun hinzufügen, daß der Grad bis zu dem di» Büberei in einem Menschen entwickelt ist, im geraden Verhältnis zu bei Tiefe und dem Umfang ferner Begabung steht. Um dies empirisch ZU beweisen, müßte ich die ganze Weltgeschichte erzählen, ich beschränke mich daher auf ein paar Beispiele, und auch die find ja nur zur Widerlegung der Samumisten notwendig. BismarctJjat doch wohl ziemlich unbezweiseU bare positive Leistungen vollbracht. Seine Freude am Witzereißen und Anulken war aber so unbezähmbar, daß sie ihn nahezu niemals verlieh-, obgleich er sich im Laufe seines Lebens in mehr als einer recht ernsten und verantwortungsvollen Situation befand. Statt irgendeiner der Zahl losen Anekdoten, die hierüber berichtet werden, will ich nur auf «in einziges Faktum Hinweisen, das mehr beweist als alle Anekdoten, näm lich eine Stelle aus dem Tagebuch Kaiser Friedrichs. Dieser, Bismarck Roon und Molkke waren am 15. Juli 1870 dem König Wilhelm, der au? Ems nach Berlin kam, bis Brandenburg entgegengefahren. Unterwegs hielt dann Bismarck dem König einen zusammenfassenden Vortrag ubci die europäische Sage, und der Kronprinz fügte hinzu: „Mit großer Klar leinen Hauptspaß im Blühen und Duften ur!° öer‘cHlgJr j, darin kein glänzendes Zeugnis ausstellten. Einmal, so er,zählte der Buschur, findet. Auch die Wiesenblumen durften kaum ihren hockst। ’ S «beim» i hatte sie dem Koufmann Witzenbacher in der Stadt einen Korb Eier mit erbhrfen, vermittels Anlockung der Jnsekten^die Befruch g h 4^ | den Worten angeboten: „Wann Ihr rat', wieviel Eier ich im Korb hat»', Dcrmmeis iuniDtiuny uti —1 ~ innhJm fuhren und dadurch den Blumenumsatz der Saison zu steigern, sondern Oie pariser. Roman von Alfred Bock. (Fortsetzung.) ich vermute, daß sie frivol und oberflächlich genug find, ihre schönen Farben und angenehmen Gerüche als Selbstzweck zu betrachten, wie ja auch der geistig so viel höher entwickelte Mensch, wenn er liebt, meist erst in zweiter Linie an die Erhaltung der Art zu denken pflegt. Kurz: alles, was nicht vollständig widerlich ist, wird ohne materiellen Zweck unternommen. Und auch diese ziemlich verständige kleine Betrachtung wurde nicht deshalb ersonnen, weil Sie, sehr geehrte Redaktion, von mir einen Beitrag haben wollten. rftetaj g g isi nat» hninel, tii dschasi e den unkii iche EG m sie Mi , zeig'« si Jes Fii'p i treten i: ilid) mot" ins di« 5 ndschnsi 8 n steht, P AbwechiP Wasser." Run wollen mir aber zum besonderen Verdruß aller Samumisten noch einen Schritt weitergehen und rundheraus erklären: Alles Wertvolle ist ledialich Spielerei, und alle menschlichen Betätigungen bleiben nur solange wertvoll als sie eine Spielerei sind, oder bekommen erst in dem Augenblick einen Wert, als sie zur Spielerei werden. Dies zeigt sich schon im täglichen Verkehr. Alle höheren Menschlichkeiten, der sog. gute Ion, die Wohlerzogenheit, die gesellschaftlichen Formen sind völlig nutzlos und in vielen Fällen sogar völlig sinnlos. Es ist gänzlich ohne Nutzen und Sinn, auf der Straße, ohne daß man unerträgliche Hitze verspürt, plötzlich den Hut zu lüften; am Abend eine anders geschnittene Weste zu tragen als am Vormittag; einer Dame im Omnibus den Platz einzuraumen oder gar ein Gedicht auf sie zu machen; es ist ohne jeden praktischen Zweck, Personen zu sich zu Tisch zu bitten und mit ihnen Liebenswürdigkeiten zu wechseln; eine Welttheorie aufzustellen, Pferde und Hunde zu halten, Leinwand zu bemalen, Schmetterlinge zu sammeln, eine neue Philosophie zu stiften: all diese Beschäftigungen sind müßige Liebhabereien, und ihr Wert steigert sich mit dem Grad ihrer praktischen Zwecklosigkeit. Was hingegen ist keine Spielerei? Ein Pfund Safe eintaufen eine Kanone zu laden, an der Börse zu spekulieren, ein Paar Stiefel zu reinigen und einen Wechsel einzulösen. Alle großen tiefen und neuen Dinge sind immer spielend gefunden worden. So verdanken zum Beispiel alle praktischen Erfindungen, von der Urzeit angefangen, ihre Entstehung höchst unpraktischen Beschäftigungen. Das Wurfgeschoß der Feuerstein, der Hammer, all dies war anfangs Spielerei. James Watt beooachtete zum Zeitvertreib einen summenden Teekessel, und infolgedessen hat die Erdoberstäche ihr Aussehen gänzlich verändert. Graf Mirabeau ein geistreicher Schauspieler, der gut reden konnte und sich gern reden horte, hält eine Reihe von öffentlichen Deklamationsübungen, und das soziale Gebäude Europas geht aus den Fugen. Ein gutgelaunter älterer Herr namens Sokrates vertreibt sich die Zeit mit Aphorismen, ein ebensogut gelaunter Landsmann von ihm namens Plato macht daraus eine Reihe amüsanter Dialoge, und Bibliotheken schichten sich auf Bibliotheken werden auf Scheiterhaufen verbrannt. Bibliotheken werden als Makulatur verbrannt, neue Bibliotheken werden geschrieben, und hunderttausend Köpfe und Mägen leben von dem Namen Plato. Der ernste Mensch hingegen erreicht ausnahmslos nichts. Er will das Leben zu einer verzinslichen Bankanlage machen, aber es geigt sich, daß nur tote Sachen Zinsen tragen. Er stellt sich 510r,I,*?.r®'n9e will ihnen ihren Sinn abfragen, aber sie drehen ihm belästigt den Rucken. Denn die Geheimnisse der Welt machen es wie die Kmder: vor einem ernsten, kalten, würdevollen Wesen ziehen sie sich ängstlich zurück und es ist nichts aus ihnen herauszubekommen. Die Kinder haben auch hier den ganz richtigen Instinkt: sie wissen, daß das Leben nicht ernst 's- und b - bandeln es als Spiel und luftigen Zeitvertreib Aber dann kommt die Schule und sagt: „Ihr müßt ernst sein. Das Leben ist es auch Ander- leits heißt es aber immer: „Nimm dir die Natur zum Vorbild deiner Lebensführung!" Nun, in der Natur wird nichts als Unsinn getrieben Die Schmetterlinge tanzen, die Käfer musizieren, der Pfau protzt mit seinem Rad, der Hahn benimmt sich gräßlich albern und der Affe hat nichts als Schabernack im Kopf. Die Katze spielt mit der Maus bevor sie sie frißt: ihr Spieltrieb ist stärker als ihr Hunger Und 'sh habe auch die niedrigeren Lebewesen, die Pflanzen zum Beispiel, sehr j ' $ ' daß es ihnen gar nicht darauf ankommt, etwas zu leisten - ich glaube daß einem Apfelbaum feine Aepfel ziemlich unwichtig find und daß er einen Hauptspaß im Blühen und Duften und derler zwecklosem^Unsinn heil und würdigem Ernst, frei von seinen sonst gewöhnlich beliebten Scherzen." Man denke sich in die Situation: Zwischen Emser Depesche und allgemeiner Mobilmachung entwickelt der Kanzler des Norddeutschen Bundes dem König, dem Kronprinzen, dem Kriegsminister und dem Ches des Generalstabs die maßgebenden Gesichtspunkte, bleibt dabei vollkommen ernst, macht nicht einen einzigen Witz, und der Kronprinz notiert diese auffallende Tatsache in sein Tagebuch. Hieraus geht doch wohl hervor, daß es Bismarck im allgemeinen am nötigen Ernst gefehlt haben muß, was ihn aber nicht gehindert hat, das größte praktische Genie zu sein, das Deutschland seit Friedrich dem Großen hervorgebracht hat. Dem es übrigens auch am nötigen Ernst gefehlt hat. Von ihm sagt Maeaulay (dem mau hier die endemische englische Nationalkrankheit des „cant" zugutehalten muß): „Er besaß eine Liebhaberei, die bei einem Knaben verzeihlich fein mag, die aber bei einem Manne von reifen Jahren und gutem Verstände, wenn er sich ihr gewohnheitsmäßig und voll Ueber- legenheit hingibt, saft unfehlbar auf eine böse Gemütsart schließen läßt. Dies war seine Freude an boshaften Streichen. Wenn ein Höfling eitel auf seine Kleider war, wurde ihm Del über feinen reichsten Anzug geschüttet. Hing er am Gelde, so wurde ein Trick ersonnen, durch den er gezwungen war, mehr zu zahlen, als er zurückbekam. Wenn er hypochondrisch veranlagt war, wurde ihm eingeredet, er habe die Wassersucht. Hatte er sich fest vorgenommen, nach einem bestimmten Ort zu fahren, so wurde ein Brief fingiert, der ihn vor der Reife abschreckte." Mit diesen Dingen befaßte sich Friedrich der Einzige, während er im Begrifse stand, fein Heer zum schlagfertigsten und -kräftigsten, seine Verwaltung zur leistungsfähigsten und seinen Staat zürn gefürchtetsten im damaligen Europa zu machen. Und nun will ich, um das nüchterne Preußen nicht zu verlassen, nur noch Moltke nennen, dessen finsterer schweigsamer Ernst sprichwörtlich geworden ist. Als Bismarck Moltke Mitte Juni 1866 zu sich gebeten hatte, um ihm mitzuteilen, daß der König sich endlich entschlossen habe, den Operationen an der böhmischen Grenze eine kriegerische Wendung zu geben, womit der seit mehr als hundert Jahren drohende große Entscheidungskampf endlich zum Ausbruch kam, drehte sich Moltke beim Verlassen des Zimmers noch einmal um und fragte Bismarck, ob er schon wisse, daß die Dresdner ihre große Brücke gesprengt hatten Schade!" sagte Bismarck, „die schöne Brücke! Wann ist sie denn gesprengt worden?" „Gestern", erwiderte Moltke, „aber nur mit Gegen zehn Uhr kam der junge Sägemüller zum Vorschein. Er war von mittlerer Große. Aus breiten Schultern saß ein wohlgebildeter Kopf. Die Augen und ein Zug um den Mund erinnerten an den Vater. Das blonde Schnurrbärtchen war keck in die Hohe gezwirbelt. In Haltung und Miene prägte sich ein starkes Selbstgefühl aus. Die Hände in den Hosentaschen, schritt er über den Holzplatz und musterte die Stämmes die heut abgeliefert worden waren. Darauf wechselte er mit dem Rohnspeter ein paar Worte und zog sich wieder in seine Schreib- und.Wohnstube zurück. Diese hatte er nach seinem besonderen Geschmack ausgestattet. Au den Wänden hingen Geweihe, alte Wasfenstücke, ein Stich „Der Blumen Rache" und Photographien von Jagd- und Trinkgenossen. In der Nähe des Ofens stand ein mit grünem Rips bezogenes Sofa, davor ein Rauchtischchen. Auf einem Bücherbrett sah man Schillers Werke, ein Kommersbuch, einen Katechismus für die Holzindustrie, ein Taschenbuch für junge Kaufleute und als Erinnerungen an das Gymnasium, das er bis zur Obersekunda besucht hatte, den Julius Caesar, Ciceros Reden und Homers Odyssee. Unter einer großen Hängelampe stand ein einfacher Schreibtisch, Ein paar polierte Rohrstühle, ein Regulator und ein golbner Spiegel vervollständigten die Einrichtung. Der Philipp ließ sich auf dem Sofa nieder und zündete feine kurze, filberbetolagene Pfeife an. Er war in verdrießlicher Stimmung. Der ganze Kram hier widerte ihn an. So eine Sägemühle war ein erbärmlich Geschäft. Da lief man auf die Holzversteigerungen, wurde getrieben unb muhte noch froh sein, wenn man etwas bekam. An den Zwischenhändlern war nichts zu verdienen. Und nun der Absatz der fertigen Ware.; Die Bauhandwerker pumpten bis in die Puppen, gar manche Forderung wurde in den Schornstein geschrieben. Bei den Submissionen sprang wenig oder nichts heraus. Ein erbärmlich Geschäft! Vielleicht, daß der Mühle aufzuhelfen war, wenn man sie mit Dampf in großem Stile betrieb. Davon wollte der Bürgermeister nichts wissen. Alles blieb im alten Geleise. Für einen Kerl, der etwas los hatte, war hier kein Platz. Seine Kräfte spüren und sie nicht brauchen können, das war das Schlimmste. Schanzen und schwitzen konnte jeder-Esel, auf die Kopfarbeit kam's an. Fünf Jahre lang hatte er die Bänke des Gymnasiums gedrückt, hatte Latein und Griechisch geochst, daß ihm die Schwarten krachten, hatte den Einjährigen in der Tasche gehabt, und war alles für die Katze gewesen. Er war kein Musterschüler, aber er war mitgekommen, Jura hatte er studieren wollen. Zum Landrichter Hütte er es mindestens gebracht, möglicherweise auch zum Kreisrat. Und was war jetzt aus ihm geworden?! Ein Hälbling, nicht Fisch und nicht Fleisch. Daß der Vater ihn mitten aus feinem Studiengang gerissen, würde er ihm nie vergessen. Eher stürzte der Himmel ein, als daß solch hartköpfiger Bauer begriff, was es für eine Wohltat war, als gebildeter Mensch durch die Welt zu gehen. Daß der Alte ihn für das Studium bestimmt hatte, war Dicktuerei gewesen, weiter nichts. Nach feinem Abgang vom Gymnasium hatte er sich vorgenommen, das Flämmchen nicht erlöschen zu lassen, daß die Lehrer in ihm angezündet, und hatte zu seinen Büchern gegriffen. Bald aber fah er ein, daß sich sein Geschäft und Studieren nicht miteinander vertrugen. Und war eine Lustlosigkeit über ihn gekommen, aus der er sich nicht mehr aufraffen konnte. Und war alles in ihm verdorrt. Nur einem Vorsatz war jit treu geblieben, er hatte den Verkehr mit feinen ehemaligen Schul- Jameraben aufrecht erhalten. Mit den Dörflern wollte er keine Gemeinschaft haben. Ein Glück, daß er hier draußen hauste. In die Stadt roar’s nur ein Katzensprung. Dort hatte er feine besonderen Erfahrungen gemacht. Bildung, hieß es, macht frei. Aber auch das Geld gab einem unter den Menschen Sicherheit. Seine Freunde hielten ihn für wohlhabend, Ja für reich. Des Finanzaspiranten Fuchs stehende Redensari war: „Wallenfels, du lebst wie der reiche Mann im Evangelium, alle Tage in Herrlichkeit und in Freuden", und der Zivilingenieur Heilmänn, der nebenbei in Grundstücken spekulierte und in der Bürgerschaft eine Rolle spielte, hatte letzt geäußert: „Herr Wallenfels, Sie und ich in Kompanie, wie könnten der Welt was zeigen." Der Plan war nicht übel. Der Heilmann hatte einen Zug ins Große. Er hatte ihn auch. Noch waren ihm die Hände gebunden. Kam Zeit, kam Rat. Er erhob sich, klopfte feine Pfeife,aus und begab sich an den Schreibtisch, auf dem das schöngebundene Hauptbuch lag. Seine Buchführung war' die denkbar einfachste. Er notierte die Geschäftsvorgänge auf Zetteln, um sie von diesen direkt in das Hauptbuch zu übertragen. Hilfsbücher existierten nicht. Es konnte nicht ausbleiben, daß bei so mangelhafter Einrichtung vielerlei verabsäumt und ein klarer Einblick in die Geschäftsführung erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht wurde. In der Ächreibtischschublade suchte er unter einem Wust von Zetteln nach einem Beleg, als seine Wirtschafterin, die alte Berwel, den Kopf zur Tür hereinstreckte. Sie war eine Sechzigerin mit einem gelben, verschrumpelten Gesicht und seltsam kleinen, tiefliegenden Augen. Ehedem hatte sie die Botengänge in die Stadt besorgt. Sie stand mit aller Welt auf gutem Fuß. Nur einen Menschen haßte sie, den Buschur. Der hatte Geschichten über sie in Umlauf gesetzt, die ihrem Denkvermögen gerade Ersch«, ’ l'btr» ininjfn» ffen. St: .zeig'», I.; Wen la? 5 meijt [« inj piiy nb ü)m ;• fall jii E leritanifo tennen i bung sch irzuiSG icn sich e ser do* 'er lenltii SijinnolP ein« feiler Ms* d bei p" willen ft® -'"E irrige V legen ihs.i rt und 1»? 5 nichi * ein sch"' nur b* e rch^ hged-ch> *; Hobe zerM m«*£l d)crl*‘i talcnti*1 rumilti’' Men w, ucht und Behandlungsweise er wohl vertraut war. Fragte man ihn, warum er die Tierchen nicht allerlei Stücklein lehre, erwiderte er: „Wann sie nachpfeifen, was ich ihnen vormach', verlernen sie ihre eigenen Lieder. Und das ollen sie net." Nach getanem Tagewerk holte er seine Geige herbei die ihm der Musiklehrer in der Blindenanstalt geschenkt hatte. Er spielte schlichte Volksweisen, aber auch, was er frei erfand und was ihm aus dem Herzen strömte. Die Musik war ihm die Vermittlerin der heiligsten Gefühle, in Wohlklang und Rhythmus gewann das Allergeheimste Leben, das er scheu vor den Menschen verbarg. Deshalb war er nicht zu bewegen, so oft er auch darum angegangen wurde, sich in dec Spinnstube, geschweige aus dem Tanzboden hören zu lassen. Als Burschen- von sieben Jahren war er von seiner Mutter einmal zum Kramer geschickt worden, Rüböl zu holen. Damals schon halbblind, sollte er sich nützlich erweisen sollte mancherlei besorgen, was im Haushalt notwendig war. Das konnte er, weil er die Wege dem Gefühl nach fand. Beim Krämer bekam er fein Rüböl und trippelte heim. Plötzlich entglitt die Flasche seinen Händen und zersplitterte in tausend Scherben. Auf sein gottserbärmliches Geschrei sprang ein kleines Mädchen herzu und suchte ihn zu trösten. Das war die Annegret. Der Franz aber wollte sich nicht beruhigen, er wußte, die Mutter würde ihn grausam schlagen. Da schlang die Annegret in überwallendem Mitgefühl ihren Arm um seinen Hals, führte ihn zu ihrer Patin und ruhte nicht, bis diese eine neue Flasche und Geld für Rüböl hergegeben hatte. Daß dem Franz kein neuer Unfall begegne, geleitete ihn die Annegret zum Kräiner, von dort zu seiner Mutter. Die schaute das Pärchen mit großen Augen an, sagte jedoch kein Wort. Ob der Franz hernach doch seine Prügel gekriegt hat, darüber ist nichts laut geworden. Von diesem Tage an sah man die Annegret als Hüterin des unglücklichen Buben. So ernsthaft nahm sie ihren Samariterdienst, daß sie ihre Spiele vergaß. Schmerzten den Franz die entzündeten Augen, legte sie ihre Händchen daraus und pflegte ihn wie ein echtes Hausmütterchen. Als er nun völlig erblindet war und auf die Fürsprache des Pfarrers hin in der Anstalt Unterkunft finden sollte, weinte er bitterlich. Nicht, daß ihm der Abschied von den Eltern schwer gefallen wäre, die Trennung von der Annegret schnitt ihm ins Herz. All die Jahre, daß er der Heimat fern war, hörte er nichts von der Jugendgefährtin, allein er vergaß sie nicht und gedachte ihrer in unauslöschlicher Dankbarkeit. Nachdem er zurückgekehrt war und siw in seinem Häuschen eingerichtet hatte, stellte sich sogleich die Annegret ein, und der alte Freundschastsbund wurde erneuert. Sie brachte ihn' Leckerbissen, plauderte mit ihm und las ihm wohl auch aus der Zei- schent' ich sie Euch alle zweiunddreißig." Der Kaufmann runzelte die Stirn als ob es sich um die Lösung eines schwierigen Rätsels.handle, und erwiderte: „Ihr werdet wohl zweiunddreißlg haben? .„Krieg die Krammenot", sprach die Berwel, „Ihr habt s geraten Seid Ihr aber gescheit!" Ein andermal hatte sie bei demselben Kaufmann ln emem großen Spiegel ihr Ebenbild erblickt. „Ei s Gewerzel , rtef sie, „da, i» ja noch ein bekannt Mensch. Da können wir beisammen nach heim gehn. Diese und ähnliche Schnurren gingen van Mund zu Mund und erregten Stürme van Heiterkeit. Die Alte humpelte auf den Sägemüller zu. „Macht Ihr dann heut in die Stadt?" Der Philipp drehte sich um. „Warum fragst du?" Die Berwel fuhr mit der Hand über die Nase. „Ei, weil ich hier emal gründlich säubern wollt. Ihr kommt ja im Dreck um." „Wenn du nur nicht an deiner Putzwut erstickst, brummte der Philipp. Die Alte kicherte vor sich hin. Beim Hinausgehen sagte sie: „Der Hahn von Gellshausen is auch wieder da." „Er soll hereinkommen", befahl der Philipp. Der Holzhändler hatte beim Bürgermeister kein Glück gehabt Dieser hatte ihm großpratschig erklärt, er gebe nichts Schriftliches von sich. Was sein Sohn kaufe, werde der auch bezahlen. Dafür komme er, der Bürgermeister, auf. Und das genüge. So war Hahn unvernchteter Sache abgezogen. In jedem Fall wollte er bei dem Sagemuller auf Zahlung An den Eintretenden richtete der Philipp zuerst das Wort. „Herr Hahn, Sie wollen Ihr Geld?" „Jawohl, Herr Wallenfels." „'s paßt mir heut nicht." „Ich muß meinen Gläubigern auch gerecht werden, Herr Wallenfels." „Daß weiß ich." „So geben Sie mir ein' Wechsel, der net zu lang läuft." „Wie lang denn?" „Vier Wochen." „Meinetwegen. Her den Wisch." Der Holzhändler zog ein Wechselformular aus der Tasche. Der Philipp setzte seinen Namen daraus. „Abgemacht!" ’ Ein Löschblatt war nicht vorhanden. Damit die Unterschrift schneller trockne, schwenkte Hahn den Wechsel ein paarmal hin und her und sagte: „Wollen Sie sich dann net den Verfalltag notieren, Herr Wallenfels?" „Behalt's schon", entgegnete der Philipp, griff zu Hut und Stock und verließ zugleich mit dem Händler die Stube. Draußen machte er seinen Hund vor der Kette los und rief den Rohnspeter herbei, allerlei Anordnungen zu treffen. Mit einem buschikos herau geworfenen „Morjen!" wandte er sich darauf dem Fahrweg zu, der eigens für die Sägemühle angelegt worden war und in die Staatsstraße'mündete. Er war noch nicht hundert Schritte weit gekommen, als er stehen blieb. Es fiel ihm ein, er hatte vergessen, auf dem Wechsel den Betrag seiner Schuld auszufüllen. Ob er nicht doch lieber umkehren sollte? Ah bah! Der Hahn war kein Nullmacher, von dem hatte man keine Unredlichkeit zu befürchien. . Er setzte seinen Weg fort. In vier Wochen, überlegte er, wurde er bet dem schlechten Eingang der Ausstände das Geld schwerlich zusammen- brtngen, den fälligen Wechsel zu decken. Da mußte der Alte halt wieder blechen. Daß er das tat, war seine Pflicht und Schuldigkeit. Mit Geld wär gar nicht gutzumachen, was er an ihm gesündigt hatte. Der Alte saß in der Wolle. Wie er zu seinem Wohlstand gekommen war, pfiffen die Spatzen auf den Dächern. Wenn in der Stadt in seinem Kreise von Ausbeutern auf dem Land gesprochen wurde, stieg ihm das Blut zu Kopf. Das Beste, was ein Vater seinen Kindern hinterlassen konnte, war ein guter Name. Der Bürgermeister durfte sich dessen nicht rühmen. Schon waren die Geister der Rache am Werk. Aus den Reihen der Pariser, die er hatte vernichten wollen, war dem Alten eine gefährliche Gegnerschaft erwachsen. Wenn nicht alle Zeichen trügten, würde er bei der Wahl unterliegen. Den Alten focht so leicht nichts an. Und doch, ^erar-twörtlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, B. Lange, Gießen.