GiehenerKnnilienblötter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <952 Montag, -en 26. September Nummer 75 Nach einem Wandertag. Von Theodor Kramer. Draußen geht der Tag zu Ende, in der Kammer rauscht es leer: feucht vom Gras sind deine Hände und vom Rucksacktragen schwer. Nimm den Imbiß noch, ich stecke übers Wandbrett dir ihn zu; aufgeschlagen ist die Decke schon im Bett, bereit zur Ruh. Dunkel schimmert im Entschlafen unfern Augen noch einmal auf, was unterwegs wir trafen, Klee am Hang, Gebüsch im Tal. Vor dem Quell, aus dem wir schöpften, sehen traumhaft wir uns stehn, auch die Stöcke, wie sie köpften Disteln unterm Weitergehn. Deine Schulter, die mich duldet, nun $u Ende geht der Tag, dünkt mich fest, doch ausgemuldet wie der Grund, auf dem ich lag. Mit den Schläfen, mit den Wangen schweigsam nahe deinem Hauch, halt ich schläfrig dich umfangen und Gesträuch und Rasen auch. Das Land der Hoffnung. Von Selma Lagerlöf. Da waren gar viele: Lars aus London und Sven aus Paris und Magnus aus Wien und Johann aus Prag und Per aus Berlin und Ole aus Maggebysäter, und der Stallknecht und der Stallbub. Und Lars aus London und Sven aus Paris und Magnus aus Wien und Johann aus Prag und Per aus Berlin waren gar keine Ausländer, sondern Taglöhner in Marbacka. Das verhielt sich nämlich so: Leutnant Lagerlöf hatte sich den Spaß gemacht, seine Katen nach den Hauptstädten Europas zu benennen. Lars aus London und Magnus aus Wien hatten den ganzen Tag draußen auf den Feldern gepflügt. Sven aus Paris hatte das Vieh gefüttert und daneben auf dem Kartoffelacker geholfen. Johann von Prag hatte Kartoffeln ausgebuddelt, aber Per von Berlin hatte gar nichts getan. Er hatte Rückenweh gehabt und deshalb nicht arbeiten können, und er war nur nach dem Herrenhose gegangen, um sich ein wenig zu zerstreuen. Der Stallknecht hatte mit den Pferden zu tun gehabt, und daneben hatte er Holz gespalten. Der Stallbub war mit auf dem Kartoffelacker gewesen. Ole aus Maggebysäter hatte überhaupt nicht auf dem Hofe gearbeitet: er war nur gekommen, ein Viertel Roggen zu kaufen. Es war Herbst und Regenwetter; aber jetzt zwischen halb fünf und fünf war Vesperpause, und so waren alle miteinander samt ihren lehmigen stiefeln, ihren feuchten Kleidern und ihrer schlechten Laune in der Gesindestube versammelt. Sie zündeten sich ein Feuer aus dürrem Holze im Herd an und setzten sich rings herum. Lars aus London, der die größte Kate hatte und der süchtigste von allen den Arbeitern war, nahm auf dem Hackblock gerade vor dem Feuer Platz, und Magnus von Wien, ein fast ebenso guter Arbeiter wie Lars aus London, setzte sich neben ihn auf den dreibeinigen Schusterschemel. Sven von Paris, der sich für ebenso gut hielt wie jeden andern, obgleich er auf dem Hofe nur das Vieh besorgte, setzte sich sogar auf die Herdplatte mit dem Rücken gegen das Feuer und fragte nichts danach, ob er den andern die Wärme wegnahm. Johann von Prag saß auf dem andern Schusterdreifuß, und Per aus Berlin hatte sich auf dem Gügebocf ein wenig hinter den übrigen niedergelassen. Der «tallknecht >1(3 auf dem Bettrand und baumelte mit den Beinen, der Bub hatte !ich auf die Hobelbank verstiegen, und Ole von Maggebymter thronte leben der Tür auf einem Faß mir roter Farbe und hatte öie Fuße auf 'einen Sack mit Roggen gestellt, den er soeben gekauft hatte. Lars von London und Magnus von Wien und Fohann von Prag Machten ihren Proviantbeutel auf, und jeder holte seine scheibe Roggenbrot mit einem Buttecklecks in der Mitte heraus. Dann zog jeder |em Resser hervor, das an einem Lederriemen unter dem schurzsell hing; |te itridjen es an der Hose ab und schmierten dann die Butter über das Brot, ichnitten sich Bissen für Bissen herunter und kauten und ichmaulten ,n -Üer Behaglichkeit. ... ... . , „ ,. Der Stallbub wurde in die Küche geschickt, um für I>ch und den Knech. las Vesper zu holen. Er kam mit zwei halben Roggenlaiben, zwei öutter- klecksen und zwei Scheiben Käse zurück. Aber Per von Berlin, der heut nicht auf dem Hofe tätig gewesen war, hatte keinen Brotbeutel bei sich und ebensowenig Ole von Maggebysäter, der ja nur gekommen war, um Roggen zu kaufen. Die beiden saßen müßig da und guckten den andern beim Essen zu. Das Feuer flackerte und knisterte und verbreitete eine behagliche Wärme, in der die feuchten Kleider trockneten und der Lehm von den groben Stiefeln abfiel. * Rach beendeter Mahlzeit zogen Lars von London, Magnus von Wien und Sven von Paris und Johann von Prag und der Knecht und der Stallbub kleine Tabakrollen aus der Hosentasche. Diesmal brauchte der Alte von Berlin nicht hintanzustehen. Wie die andern zog auch er eine Rolle heraus. Ader der Alte von Maggebysäter halte nicht einmal ein Röllchen Tabak in der Tasche. Wieder holten sie ihre Messer hervor, schnitten ein Stück Tabak ab, legten es auf ihr Schurzfell und zerhackten es in kleine Stückchen. Dann zogen sie ihre kurzen Nasenwärmer hervor, die auch im Schurzfell steckten, und stopften den Tabak hinein. Lars von London hob einen Span vom Boden auf und entzündete ihn an der Herdglut. Damit steckte er seine Pfeife an und ließ den Span an Magnus von Wien weitergehen, Magnus von Wien gab ihn Sven von Paris, Sven von Paris überließ ihn Johann von Prag, und Johann von Prag reichte ihn Per von Berlin, der hinter ihm auf dem Sägebock saß. Per von Berlin reckte und streckte sich, damit der Stallknecht zu dem Feuer gelangen konnte, der Stallknecht steckte seine Pfeife an und hielt den Span brennend in der Hand, bis ber Bub durch die Stube gelaufen kam und ihn holte. Ole von Maggebysäter brauchte natürlich kein Feuer, da er ja weder Pfeife noch Tabak hatte. Die andern waren nun warm und satt, und die Welt bekam für sie wieder ein anderes Aussehen. Ole von Maggebysäter war in den Siebzigern und von Gicht gekrümmt. Seine Finger standen wie Haken hinaus, und der Kopf neigte sich auf die eine Schulter herunter. Sein Rücken war gebeugt, und er sah fast nichts mehr, ein Bein war kürzer als das andre, und [eine Körperkräfte waren ebenso schwach wie sein Verstand. Er war recht häßlich und hatte nicht einen Zahn mehr im Munde; im letzten Halbjahr hatte er sich sicherlich weder gewaschen noch gekämmt, und sein Sinnbart hing voller Spelzen und Strohhalmen. Er besaß eine kleine Kate weit droben im Walde, aber er war nie ein brauchbarer Arbeiter gewesen und hatte die Armut nicht von seiner Hütte fernzuhalten vermocht. Dabei war er von jeher ein mürrischer, verdrossener Kauz gewesen und hatte auch nie einen Freund gehabt. Während der Tabakrauch der andern die Luft erfüllte, sagte er gleichsam zu sich selbst: „Ich hab's mein Leben lang schwer und schlecht gehabt, aber nun hab' ich gehört, es gebe ein Land, das Amerika heißt, und dorthin will ich jetzt ziehen." Die andern saßen in angenehme Gedanken versunken da und gaben dem Alten gar keine Antwort. Aber Ole von Maggebysäter fuhr fort: „Ja, seht, mit Amerika ist es nämlich so: man braucht nur mit einem Stock an einen Felsen zu schlagen, und sofort fließt Branntwein heraus. Das will ich sehen, eh ich sterbe." Die andern sagten noch immer nichts. Sie saßen still da, schauten vor sich hin und lächelten. Aber Ole von Maggebysäter gab sich noch nicht zufrieden. „Mich soll keiner dazu bringen, hier weiter in Armut und Elend zu leben, wenn ich weiß, daß es ein Land gibt, wo die Berge voll Branntwein sind." Die andern sagten immer noch nichts, aber sie verloren keine Silbe von dem, was Ole von Maggebysäter sagte. „Und das Laub dortzulande besteht aus reinem Golde", fuhr der armselige alte Mann fort. „Da braucht niemand Taglöhner auf einem Herrenhofe zu sein. Man geht einfach in den Wald und holt sich einen Arm voll Laub, dann kann man sich kaufen, was einem gefällt, und das werd' ich mir nicht entgehen lassen, so alt ich auch bin." In der Gesindestube war's jetzt schön warm, und allen war es höchst behaglich zumute. Sie glaubten das Land vor Augen zu sehen, wo man Branntwein aus den Bergen zapfen und Gold von den Bäumen pflücken kann. Doch nun erklang die Vesperglocke, und die Ruhepause war zu Ende. Sie mußten wieder hinaus in Wind und Wetter. Lars von London ging zu seinem Pflug, und Magnus von Wien schloß sich ihm an. Sven von Paris und Johann von Prag und der Stallbub mußten Kartoffeln ausbuddeln. Per von Berlin begab sich heim in seine Hütte und der Stallknecht ans Holzspalten. Ole von Maggebysäter wanderte den Wald hinauf mit seinem Roggensack auf dem Rücken. Aber keiner von allen sah mehr so mißmutig aus wie vor einer halben Stunde: im Gegenteil, ihre Augen glänzten. Denn alle dachten, wie gut es sei, zu wissen — jawohl, ob es auch noch so weit entfernt lag und man niemals hinkommen würde, so sei es doch gut, zu wissen, daß es ein Land gab, wo Branntweinberge standen und goldene Wälder wuchsen. Das Ms-Ob im täglichen Leben. Don Geheimrat Prof. Dr. Hans Vaihinger, Halle. Geheimrat Vaihinger beging dieser Tage seinen 80. Geburtstag. Wir bringen aus diesem Anlaß einen Artikel aus der Feder des Schöpfers der „Als-Ob-Philosophie" und Gründers der Kant-Gesellschaft. Es ist ein Vorurteil, daß die Philosophie des Ms-Ob eine hypermoderne Erfindung von mir sei: ich habe verschiedentlich gezeigt, daß fiktive Vorstellungsweisen, d.h. bewußt falsche Als-Ob-Betrachtungen, in der Kulturgeschichte der Menschheit von jeher eine große Rolle spielten. So ist es auch ein Vorurteil, daß die Als-Ob-Betrachtun nur eine Sache der abstrakten Wissenschaft sei, sie spielt vielmehr auch im täglichen Leben eine gewaltige Rolle. Ehe ich darauf eingehe, will ich aber doch noch kurz von der wissenschaftlichen Fiktion sprechen. Im 17. Jahrhundert begann die fiktive Methode, die schon immer tn der juristischen Wissenschaft eine wichtige Rolle gespielt hatte, auch in der Mathematik ihren Siegeszug. Wie Kepler, Cavalieri, Leibniz und Newton sich derselbe^ bedienten und durch die Fiktion des Unendlichkleinen die Infinitesimalrechnung schufen, hat die „Philosophie des Als-Ob" im einzelnen geschildert, und es ist seitdem oft wiederholt worden. So ist auch in weiteren Kreisen schon hinreichend bekannt geworden, daß französische Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, besonders Condillac und Diderot, die Fiktionen auch in die philosophischen Wissenschaften gelegentlich einsührten, und daß dann Kant von der Fiktion einen ausgiebigen und grundlegenden Gebrauch in allen Teilen feines kritischen Systems gemacht hat, besonders in seiner Jdeenlehr«: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit sind für Kant „heuristische Fiktionen", „Rur-Ideen", „Dichtungen der Vernunft", die er mit dem Vorzeichen „Als-Ob" einführt, also bloße „Ms- Ob-Betrachtungen". Ebenso ist bekannt geworden, daß dann um jene Zeit Forberg Niese Betrachtungsweise weiter bildete zu einer Religion des Als-Ob, auch -daß und wie dann später F. A. Lange in seiner „Geschichte des Materialismus" diese Betrachtungsweise unter dem Namen „Standpunkt des Ideals" erneuert hat, endlich, daß bei Nietzsche die Als-Ob- Betrachtung selbständig und von ganz anderen Voraussetzungen aus wieder austaucht, derart, daß die von mir neu gegründete „Vereinigung der Freunde und Förderer des Positivistischen Idealismus" Nietzsches Lehr« von den Fiktionen zum Gegenstand einer Preisaufgabe machen konnte. ' , All dieses will ich also nicht nochmals wiederholen. Lieber will ich einiges Neues sagen. Auch in unserem alltäglichen Leben spielt die Fiktion, d.h. das bewußte Als-Ob, die bewußte Einführung erdichteter Vorstellungen, eine bedeutsame Rolle, so daß in der Zeitschrist „Die Tat" Dr. M al- lachow einem Artikel hierüber den bezeichnenden Titel geben konnte: „Von der Allgegenwart des Als-Ob". Ich wähle mit Absicht ein fast banales Beispiel. Wer einen ihm unbequemen Besuch damit ablehnt, daß er dem an der Tür Wartenden sagen läßt, er sei nicht zu Hause, oder wer, wenn er allein in seiner Wohnung ist, in solcher Lage aus die Tafel vor der Tür die Worte schreibt: „Nicht zu Hause", macht keine Vorspiegelung falscher Tatsachen, keinen Betrug und keine Lüge, sondern er bedient sich einer berechtigten und allgemeinen anerkannten gesellschaftlichen konventionellen Fiktion. Er hat vielleicht schon einen anderen Besuch, dem er sich allein widmen muß, oder er steckt in der Vorbereitung zu einem Vortrag, den er in einer Stunde halten muß, oder er schreibt einen eiligen und sehr wichtigen Bries, an dessen rechtzeitiger Absendung die schwersten Folgen hängen, oder er ist körperlich oder seelisch sehr angegriffen, ohne sich doch krank nennen zu können: kurz, tausend Gründe, die andere nichts angehen und die man anderen nicht detaillieren kann, können uns das Recht geben und sogar die Pflicht auserlegen, den Besucher nicht zu empfangen. Aber abgewiesen zu werden, wenn der zu Besuchende zu Hause und nicht krank ist, ist überaus peinlich und direkt beleidigend. So hat man die gesellschaftliche Fiktion eingeführt, daß der Betreffende „nicht zu Hause" ist. Letzterer handelt also so, als ob er nicht zu Hause wäre. Noch ein Beispiel aus ganz anderem Gebiet. Tante Frieda hat eine reizend« Nichte, die sie gern unter die Haube brächte. Zu diesem Zweck arrangiert sie einen Kaffee, zu dem sie einen jungen Herrn einlädt, den sie vor kurzem zufällig auf der Reise kennengelernt hat und der sie jetzt während eines flüchtigen Aufenthaltes in ihrem von seiner Heimat weit entfernten Wohnort ausgesucht hat. Sie ist überzeugt, daß beide vorzüglich zueinander passen und sagt das sogar auch beiden vorher. Und richtig — nach einem halben Jahre haben sich die Fäden zwischen beiden verknüpft. Gott Amor hat beider Herzen verbunden in wahrster Siebe; Verlobung findet zu Ostern statt. „Wir beide sind von der Ewigkeit her füreinander bestimmt. Nicht der Zufall, sondern eine ewige Vorherbestimmung hat uns zusammengesührt usw." — Dies ist die Ueberzeugung der beiden und kann auch bei beiden sogar religiöser Glaube sein. Es kann aber auch eine bewußte Selbsttäuschung sein, eine absichtliche Selbst- juggeftion, eine bewußte Fiktion, die beide glücklich macht und erhebt. Zehn Jahre später, und die beiden haben ein Töchterchen, das mit seinen Puppen spielt. Das achtjährige Kind weiß ganz sicher, daß die Puppe aus Porzellan, Leder, Sägemehl ober einem anderen Füllsel besteht. Aber für das spielende Kind ist die Puppe etwas Lebendes. Das Kind spricht mit seiner Puppe, als ob diese lebte, als ob sie Empfindungen und Bewegungen zeigte. Alles Spielen der Kinder, so z. B. auch, wenn die Jungens „Räuber spielen", heruht auf solchen bewußten Fiktionen. Es wäre ein grober Erziehungsfehler, vom Standpunkt der Logik aus die spielenden Kinder aus diesen „bewußten Selbsttäuschungen", aus diesem selbst klar durchschauten Traumleben aufzuwecken, und nur ein roher Pedant könnte einen solchen Frevel an dem selbsterbauten Tempel der Jugend ausführen, und die in ihrem Traum gestörten Kinder wurden ihn mit Entrüstung fortjagen. Eine Fiktion ist es auch, wenn jede politische Partei behauptet, ste spreche den „Willen des Volkes" aus: der „Bolkswille" ist eine Fiktion, die auch nicht durch die vornehmer klingende Formel „la volontä generale“ zur Realität wird, aber eine zweckmäßige und notwendige Fiction des Staatsrechts. Bon solchen politischen Fiktionen guter und schlimmer Art ist unser Leben durchsetzt. Die größte derartige Fiktion der neuesten Zeit ist der vielberufene Paragraph des Versailler Friedens, der die alleinige Schuld Deutschlands am Weltkriege ausspricht, allerdings eine verhängnisvolle Fiktion. Wie alles in der Welt, so kann auch die Fiktion mißbraucht werden, aber auch hier gilt: Abusus non tollit usum (Der Mißbrauch ist kein Gegengrund gegen den richtigen Gebrauch). Einen solchen stellt auch die zweckmäßige und notwendige „Lebenslüge" Ibsens dar, worüber Dr. Sternberg in den „Annalen der Philosophie" mit besonderer Rücksicht auf die Probleme der „Als-Ob-Betrachtung" im zweiten Bande ausführlich spricht. Ebendaselbst findet sich auch ein anziehender Artikel von Dr. Hüttner: „Der biologische Wert der Illusion als das Stoffproblem von Thomas Mann". Einen sehr fruchtbaren Gebrauch von der Fiktion macht man neuerdings in der so schwierigen Frage der „Sozialisierung' der Betriebe. Hierüber orientiert die soeben erschienene Schrift von Dr. Fritz K r a s p e r : „Der Arbeitsfriede durch Arbeiterkapitalisten. Eine kritische Untersuchung der nach dem November 1918 gemachten Vorschläge und Versuche zur Beteiligung der Arbeitnehmer durch reale und fiktive Einlagen am Ertrage von Kapitalgesellschaften." Der Autor behandelt darin erstens den Vorschlag von Piechottka: „Beteiligung durch fiktive Einlagen in der Höhe des Zinses der kapitalisierten Arbeitskraft", zweitens einen Vorschlag von Dewitz: „Beteiligung durch fiktive Einlagen in der Höhe der Äufzugskoften des Arbeitnehmers". Noch ein Beispiel: „Das Formular zur Veranlagung für die preußische Einkommensteuer sprach vor wenigen Jahren noch von einer „fingierten" staatlichen Grundsteuer, die gar nicht existiert, deren fiktive Ansätze aber als Grundlagen zu weiteren Steuerberechnungen dienten. Ach, wären doch all« Steuern so fiktiv! Ein berechtigter Gebrauch der Fiktion findet tausendfach in allen Religionen statt. Im Anschluß an Kant hat in Frankreich der protestantische „Symbolo-Fideismus", d. h. der sich symbolischer bildlicher Vorstellung bedienende Glaube der Schule von Sabotier, sowie der katholische „Modernismus" von Le Roy, dem auch schon Renan vorgearbeitet hat, das offen ausgesprochen, und damit das mythische Element in der Religion anerkannt. Oefterreichische Stifter an der Donau. Von Wilhelm Hausen st ein. Klosterneuburg. In Wien merkt man die Donau nicht, aber wenn man nach Klosterneuburg hinaussährt, dann sieht man sie. Man fährt an ihrem User hin; nach der aruberen Seite streift man den Leopoldsberg, die Weinhänge, die zusammen mit dem Laubwald, der Umgegend Wiens fo viel von ihrem Zauber geben, und das entzückende Kahlenbergerdorf, in dem man wohnen möchte, wenn man zu Wien gehörte. Das gesamte Dorf ist so schön wie ein Lied von Schubert. Den Hügel von Klosterneuburg überhöhen zwei gotische Kirchtürme, die nicht recht sprechen, und zwei niedrig aufsitzende, aber riesige Kuppeln, in der Hellen Farbe des Grünspans, die das beherrschende Wort sagen: das Stift der Augustiner Chorherren, der Ort, die liebliche Landschaft gehört diesen Kuppeln. Dem Ankommenden, der die Höhe auf alten Staffeln, zwischen altem Mauerwerk erstiegen hat, stellt sich heraus: an den Türmen hat das neunzehnte Jahrhundert seinen Anteil, aber die Kuppeln sind Kundgebungen des herrschaftlichsten Barocks, und auf ihren Scheiteln tragen sie Kronen — die österreichische Herzogskrone, die Kaiserkrone des heiligen römischen Reichs Deutscher Nation. Die Kronen behaupten nicht mehr, als wahr ist. Denn dies Stift Klosterneuburg hat nicht weniger werden wollen als das Escorial von Wien! Der Stiftsbau, auf jede barocke Art gesättigt, pompös, triumphal, von der großartig phrasierenden Hand eines Mailänder Baumeisters zu südlicher Größe gebildet, ist ein Kaisergedanke, der sich zu Kirche und Kloster bekennt und dort, zugleich mit der Steigerung, den Frieden, die letzte Sicherheit, die Grenzen sucht. Klosterneuburg ist ein Kaisergedanke des sechsten Karl, des Vaters von Maria Theresia, der in seiner schöpferischen Stärke noch nicht genug erkannt, in der Entfaltung des Wesens und der Form einer der mächtigsten Habsburger gewesen ist. Er war der Vater dieser Tochter... Ihm waren in dem freilich nie zu vollen Umfang des riesigen Plans ausgebauten Stift die warmen Kaiferzimmer zugedacht, aus denen nun der Blick eines kargen Zeitalters auf einen stillen Obstgarten fällt und auf die ewig gleiche niederösterreichische Landschaft, die der Großartigkeit dieser kaiserlichen Eremitage auch noch den Rahmen der Lieblichkeit hinzusügte. Denn so ist es in dieser österreichischen Welt: auch das Verpflichtende, das Strenge liebt noch die barocke Fülle der Form und ist einer Landschaft leibeigen, in der die Linien und Lichter lauter sanft beglückende Annehmlichkeiten sind. Freilich war das Bild des Hügels von Klosterneuburg einmal härter. Die Urform der Stiftskirche, noch gut zu erkennen, ist romanisch gewesen. Man sieht es außen; man merkt es innen, wo eine romanische Enge den üppigen Freiheiten des Barocks heimlich entgegensteht. Das romanische Urwesen der Kirche hat in der Krypta Urkunde und Siegel empfangen und bewahrt beides bis 3um heutigen Tag: Gold und Email des Verduner Altars, der, seinem mit Verdun verbundenen Meister geheißen, das gleichsam Unbedingte romanisch-sakraler Gewerbekunst durch ein Jahrtausend aufrecht und blank erhält. Dennoch ist nicht weniger wahr, daß spätere Zeiten diese Kirche barock gewandelt haben — man darf wohl behaupten, Oesterreich habe auch in dieser Kirche die Gestalt gesucht, m der es sich eigentümlich vollenden konnte: die barocke. Dor iber sichtgebenden Terrasse Les Stiftskellers ruht eine entzückende Welt: mild bewegt, lichtbraune Erd«, von einem Licht geliebkost, das silbernes Blau, silbernes Lila ist. Amseln, Meisen, Finken singen in den Kastanien. Die Düsternis einer Kiefer steht fremd im Vordergrund — wie ein versprengtes Stück der Mark Brandenburg. G ö t t we i g. Göttweig — wie sieht es aus, dort droben auf feinem Berg über der Donau? Spanisch? Russisch? Man sucht in aller Welt herum, um dies Barock und seine Lage zu benennen. Aber am Ende ist auch dort droben ein Stück vom echtesten Oesterreich: obwohl die blutroten Turmhelms an den Ecken des Stifts und die Entrücktheit auf der Höhe der mit Föhren dicht umwaldeten Bastion diesem festen Kastell des Himmels zunächst ein fremdartiges Aussehen leihen. Wie bizarr die Turmhauben, zumal in ihrer Verschiedenheit untereinander! Das Ganze ist ein exotisches Diadem. Aber das Land ist Oesterreich — und Benediktinerabtei und Kirche, wenn man näher kommt, sind es auch. Reste einer groß gewesenen mittelalterlichen Anlage im Stistshof. Don ihnen hat das Barocke sich abgelöst, und nun steht es mit aller barocker Liberalität unter einer treibenden Sonne, von der man denken möchte, sie habe -dieses Barock wachsen gemacht wie lauter Flora: die niedrigen, aber mit Kräften des Gedeihens geladenen Türme und die vorwuchernde Freitreppe zu Füßen der Säulenhalle der Torfront — diese Freitreppe, die den Kommenden mit einer fast verführenden Kraft anzioht, ja schon ergreift... Dazu die Dächer, die halb und halb nach der Art des asiatischen Ostens geformt sind. Die Kirche, -barockisierte Gotik, ist nicht von der größten Art; aber die Kaisertreppe im Stift, ob auch im einzelnen nicht überall von bedeutender Arbeit, -ist ein Ganzes aus der größten Einbildungskraft: weit, -licht und mit Adel verschwenderisch. Und nun — das Stift hat seine Schönheit ja nicht nur in sich selbst; zu ihm gehört die Welt, die man von seinen Fenstern herab erblickt, wie auch der Berg zu ihm gehört, auf dem es gralsburgarti-g gelagert ist. Nach Norden hin: die lichten österreichischen Felder, Helles Erdbraun mit zartem Grün geschmückt, drunten -in der Tiefe ein Stück Donau, von reizenden Kulissen der Natur überschnitten; die Orte und Städtlein — Krems, Stein, Mautern; linkshinaus die nahen, weinigen Berge der Wachau und rechtshinaus die schwermütig-süße Bläue des Waldviertels; Dörfer weithin im Tal; dazwischen am Erdboden wandernde Wolken- schatten; am Horizont die Auflösung der schönen Welt in das zarteste Gold des Paradieses. Solche Himmelsanmut der Welt ist schon der Ueber- gong der Erde in die große Zartheit des Jenseitigen... Mit einem Male dann das gänzlich Nahe auf der anderen südlichen Selle: am Sockel des Göttweiger Berges ein Kirchlein^ ein Friedhof, eine graue Meierei; Waldgebirge, das an meinen Sohlen beginnt; ein helles, schön geschlungenes Straßenband; ein besonnter Streifen Erdengold am Hügel gegenüber, der sonst dunkelgrün schläft und violette Schimmer trägt. Melk. der, Die prächtige Stirn der Stiftskirche steht gegen die mittägliche Sonne, die über der Donau drüben schon niedergeht. Es ist die Stunde, in der die Großartigkeit dieses Kirchenantlitzes verklärt wird — in der es die tägliche Apotheose erleben darf. _ . So steht sie in meinem Blick, wie ich den Strom überquere und wie ich mich nähere, um die Höhe des Stistbergs zu erreichen. Das Stiftsgebäude, das sich dem Steigenden zukehrt, ist nun freilich di- Einfachheit selbst: lang, schlicht, nur durch em maßvoll ausgebildetes Mittel eld und ruhig betonte Eckpavillons gegliedert. Einige Fenster zusammenfassen: was alles vermag das Barock schon mit diesem einzigen in sich so anspruchslosen Griff! So geschieht es m der Mitte und an de Enden des langen Trakts der Benediktinerabtei. ™ .. .. h Immer mischt sich in diese Welt der Donaustifte das Reiche mit der Enthaltung. Am Portal des Stifts liest man die Worte: ah« nisi in cruce. Fern sei es Rühmens zu machen — außer im Zeichen des ^Verfielst es sich nicht, daß der Gast nun vor allem den Umgang sucht der, mit Balustraden eingefaßt, im Bogen um das Angesicht der Kirche hinführt? Gleichsam ein« Spange an ihrem Hals? ^on dieser Hohe erlebt er beides mit einem Male: dos von der sonne «ngestrahlte Prachtges cht der Kirche und, mit einer leisen Wendung der Augen, ine Sonne lewst — die Sonne über der geistlichen Donau in Oesterreich. . Unter dem Umgang, am Berghang, der zur Donau ,°ön Was Gärtchen ausgespart. Es trägt feinen Namen von Ka sie r p ■ . hat er an dieser Stelle gedacht und empfunden? Nichts als den Krieg ^Man'könnt'^s meinen. In der nahen.Bibliothek des Es liegt «in Brief des Kallers — ein Brief über die Möglichkeit der Befestigung Melk und Göttweig! Artillerie — nichts als Artillerie, a ma(hen Stelle, von der die Gebete nur einen Stritt in d H .. , r gje([e hoben? Wer niemand kann wißen, was dieser Mann pflegte, gedacht hat. Er wußte und empfand wohl mehr, °ls er zu miß'- pst gie . Diese Bibliothek! Die in Klosterneuburg war aber d sie Y.er ist über alle Erwartung und Begriffe herrlich. Es l ßt sch 6 Un st- steht in einem lichten Holzbraun das d m lichtesten ^awrau ähnlich ist, und steht in Gold, unä nut dem Gold der Kunst ve | d°s Gold der Sonne, das hereinscheint Viel mehr laßt sich mcht erzay - so sehr entzieht sich die Glorie des Raumes, d,e auch noch eine veyuy t'che Glorie ist, dem versuchenden Wort. tormefiunaen in den ÄS SÄÄ NW denken, um die Großartigkeit der Gattung des^geis g Gesimse geht deuten. Da strahlt jede barocke Herrlichkeit; der Vorstoß der 1 "'s Ungeheuere; die Orgelempore ist eine ma , g ' Braunrot und Genius? die Färbung ist mit einem purpurnen glühenden Bmunro- wit prunkendem Gold majestätisch getan; Pfeiler aus rotem rotem Stucco lustro tragen korinthische Goldkapitelle und scheinen jeder ein Fürst zu fein. Zur nämlichen Zeit sind die Linien der Gesimse ruhig und fest; ihre mächtige Bewegung ist ebenso sicher, wie sie Wagnis ist; die Gewißheit des gesamten Aufbaus ist offenkundig; es ist nicht weniger verbürgende Gewißheit ringsumher als Überschwengliche Kühnheit! — An der Kuppel über der Vierung, einer Kuppel, die den Gedanken an di« michelangelesk« Wölbung über dem römischen Petersdom nicht ausschließt, zweifelt die staunende Empfindung so wenig wie an der Verlässigkeit des Firmaments. Der Prunk versichert sich und uns -im Ernst der Mahnungen: an den Seitenaltären durchdringen Obelisken goldene Wolken — aber dies ist ein Gleichnis der Kraft des Gebets. Aus der Kirche her erblickt man, durch das offene Haupttor umschauend, die goldenen Prunkfeuer der untergehenden Sonne, die sich mit dem leuchtenden Gold der Kirche verschmelzen, — aber am Hochaltar steht ein lateinischer Satz, der alle schimmernden Glorien der Kunst und der Natur an die Unerbittlichkeit der entscheidenden Wahrheit bindet: non coronabitur nisi legitime certa- verit — keiner wird gekrönt werden, er habe denn nach dem Gesetz Gottes gestritten. Das richterliche Wort tönt durch die lindenblütenfarbigen Gänge mit den weißen Stukkaturen nach und durch den stillen Stiftsgarten, der nach Erd« und Blumen duftet. Sankt Florian. Das Pathos der Melker Landschaft ist ruhig geworden: Sankt Florian liegt inmitten einer slachhügeligen Landschaft bukolischen Wesens, abseits von der Linzer Donau, inmitten fruchtbarer oberösterreichischer Stille. Gleichwohl gibt Sankt Florian — so scheint es mir nach den gewaltigen Erlebnissen dieser Tag« — an Großartigkeit den anderen Stiftern nichts nach, wenn «s, als Stiftsbau wenigstens, nicht gar das stärkste ist. Verhält es sich so? Oder ist die Empfindung von dem einen Eindruck so gänzlich hingenommen — dem Eindruck, den die unvergleichliche Freiluft- treppe mit entscheidender Gewalt in Gefühl und Begriff einprägt? Dies« Treppe allein würde Tagereisen lohnen. Dieses „Treppenhaus" in Stein- grau, Ocker, Weiß und Sandfarbe; diese Allegorie Italiens an der Donau, die das römische Imperium beschloß. Und auch hier: die Spur Karls VI., des Habsburgers; die Spur Napoleons des mächtigen Kaisers, dem es, wie die Stiftsüberlieferung erzählt, vor einem allzu krausen Barockbett jo unheimlich zumute war, daß er darin nicht schlafen wollte. Dazu die Spur des Prinzen Eugen, der ein Heros der österreichischen Geschichte gewesen ist. Misergemächer auch hier in langer Flucht, ein prunkender Marmorsaal; eine köstliche Bibliothek mit eingelegten Hölzern, lichtbraun, poliert, — bewundernswert« Arbeit eines ländlichen Meisters von hier in der barocken Epoche. Dazu das ganz und gar Eigen« von Sankt Florian: eine Sammlung von Bildern des Donaumeisters Albrecht Altdorfer, starken, leidenschafllichen, feurigen Bildern aus der Gefchichte des heiligen Sebastian — ein wenig exzentrisch«, aber schöne Bilder, die jedem großen Museum zur Auszeichnung gereichen würden; die musische Weihe, die dem Stiftsgebäude und der weißgoldenen Stiftskirchenorgel durch den Namen Anton Bruckner verbürgt ist. Denn dies ist die Stätte, mit der Bruckner, aus einem späten Zeitalter den zeugenden und empfangenden Kräften des Barocks noch ebenbürtig, immer am meisten und am schönsten wird verbunden erscheinen — wie er an dieser Stätte ja auch seine Gruft gefunden hat. Hier im Stift der Augustiner-Chorherren fein« Verlassenheit: ein paar armselige Möbel und ein bescheidener Flügel. An ihm wunden freilich Töne erprobt — schöpferisch genug, um, in der Orgel zu ihrer vollen Macht auswachfend, einen höchst repräsentativen Kirchenraum zu überwältigen, der, weiß und stark wie unsere Theatinerkirche, mit wahrhaft römischem Charakter, Maßstab und Reichtum, den Staat feiner Halbsäulen, Bogen, Emporen, Gebälk«, Wölbungen voll beharrender Kraft um unser armselig gewordenes Dasein schließt. Phantasien im Bremer Ratskeller. Von Wilhelm Hauff. (Fortsetzung.) Da brachten sie einen kleinen, hageren Mann, der war ganz bleich im Gesicht, hatte aber eine große, kupferrote Nase und hellblaue Lippen, was ganz wunderlich anzusehen war. Der König fragte ihn, wie veil er sich wohl zu trinken getraue, wenn es recht ernstlich zuginge. ,O Herr und König' antwortete er, ,so ernstlich bin ich noch nie darangekommen, habe mich bis dato auch noch nicht geeicht; der Wein ist nicht wohlfeil, und man k