GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1932 Zreitag, den 2b. August ' Nummer 66 Oer Bahndamm. Von Edmund Finke. Damals auf dem Bahndamm trugen Rad und Achsen unsre Sehnsucht kaum zum nächsten Kornfeld hin, rundherum war wilder Mohn gewachsen, Wolken standen zart wie Porzellan aus Sachsen in der himmlischen Vitrine drin. Damals auf dem Bahndamm — Margueriten schmiegten sich bestürzt an deine Knie, Gras und Haare waren kurz geschnitten, und die goldnen Sommerstunden glitten unbekümmert über deinen Mund, Marie. Damals auf dem Bahndamm, als der Reigen fremder Welten jäh vorüber brach, lauschten wir in riesengroßem Schweigen ängstlich erst, dann wieder still dem Steigen einer sommerfrohen Lerche nach. Damals auf dem Bahndamm! Heut' nach Jahren — kühl und herbstlich wehte schon der Wind — sind wir wieder dort vorbeigefahren und ich sah in deinen braunen, klaren Augen, daß wir noch so froh wie damals sind. Oas badische Land. Lin Blick in die Heimat. Von Wilhelm H a u s e n st e i n. Das „Badische" ist von erstaunlicher Mannigfaltigkeit; nicht minder als Bayern, das mit Berchtesgaden etwa und mit Würzburg ja auch zwei Pole umfängt. Von Süden gegen Norden ist das badische Land ja auch kaum weniger „hoch" als das bayerische Land. Aber im übrigen ist es freilich kleiner wie der Name „Ländle" ja auch andeutet. Doch hat auch dies wieder seinen Reiz: denn auf schmalerer Basis vereint werden die mannigfaltigen Schönheiten Badens unmittelbar empfunden. Im staatlichen Sinne eine Schöpfung des napoleonischen Zeitalters, das bekanntlich einigermaßen mechanisch zu Werke ging, hat dies mannigfaltige Baden seine politischen Voraussetzungen. Hütte man sich beides, das Politische und das Landschaftliche, nun nicht organischer denken können? Seit ich in Karlsruhe aufs Gymnasium ging und beim alten Gustav Wendt mit der Lektüre des Plato und der heraklitischen Fragmente die Grundzllge tieferen Nachdenkens kennengelernt Habe, bin ich die Frage nicht los geworden: weshalb ist zum Exempel nicht das badische Oberland mit dem Elsaß eins geworden? Denn diese Gaue sind in Wahrheit eine ntürliche Einheit: vom Schwarzwald bis in Die Vogesen, um die Achse des oberen Rheins geordnet volklich eine Gleichung, sprachlich auch (im Alemannischen), eine Gleichung auch un Wachstum, denn hüben wie drüben gedeiht ein guter Wein, mit dem die Speisen aus verwandten Küchen behaglich begossen werden. In diesem Umkreis schaut die Welt sich selber an: der «chwarzwald „blickt auf die Vogesen" (nicht umsonst hat damit der in Badenweiler wohnende Elsässer Schickele den Titel eines seiner schönsten Romane genommen): und umgekehrt schauen die Vogesen aus Kcuserstuhl und Schwarzwald. Man könnte sagen: Schwarzwald und Wasgenwald der eine sei des anderen Spiegel. Wie, wenn man will, yreiburg der Spiegel Straßburgs ist und Straßburg der Spiegel Freiburgs ... Em solches Baden hätte ich mir also denken können und denken mögen. Aber die Dinge sind ein wenig anders gekommen — und Gott verhüte, daß ich dem Schicksal darüber grolle! Es ist anders gekommen• '=’*?“ eines kreisrunden Landes im Süden, vom Schwarzwald zu d n -o - Seien, ist das lange badische Ländle entstanden — der lange hohe Stiesel; und, damit ich es sogleich aus vollem Herzen gestehe, ein Stiefel mindestens so schön wie der italienische! Vielleicht ist er . ch Koner (der badische); noch eleganter. Und da ich auf den Umriß eines Landes wert lege, da ich ihn zu lesen liebe und beinahe geneigt bin, aus ihm etwas' zu schließen, stelle ich die Feinheit der Kontur des badischen Landes immer aufs neue mit einem wahren Entzücken fest. Die Grenzen find in der napoleonischen Zeit also wohl doch nch s willkürlich so mechanisch gezogen worden. Eine so hübsche Grenze kann man ja gar nicht ,"machen"; sie entsteht; sie hat ihren S,nn auch lenseits der Willkür. Da haben wir nun also das langgestreckte, ein wenig ausweichende, aber auch gleichsam höflich sich hinziehende Gebilde des Heimatlandes. Mir ist es rechts Denn was alles enthält es nun in seinen anmutigen Randlinien, die nichts Geringeres als den Rhein zur Basis haben? Den lichten Odenwald mit dem reizenden Neckartai und seinen Burgen, aber auch den dunklen Schwarzwald. Konstanz und Mannheim; Meersburg überm Bodensee (mit dem köstlichen Weißwein zu den köstlichen Felchen) und Wertheim am Main — an einem Main, der von Würzburg mäandrisch herllberkommt und ein Stück lang die badische Nordgrenze bildet; und Heidelberg, das pfälzische, mit Freiburg, dem alemannischen — und so fort. Geht es nicht gut? Ist es nicht ein herrlicher Reichtum geworden? Stehen diese beiden, Freiburg und Heidelberg, beide sandsteinrot, nicht so richtig in diesem zusammengesetzten Land, wie die Brennpunkte inmitten des gestreckten Umschwungs einer Ellipse? Nein, gegen das badische Ländle, so wie es ist, bleibt nichts einzuwenden. Es ist gut, wie es ist Der Himmel behüte und begnade es, wie er tut! Zwischen Freiburg und Heidelberg ist am Ende — wirklich am Ende, nämlich erst 1715 — eine Stadt entstanden, die nachmals die Hauptstadt des Landes werden sollte, und dieser Rolle auch gar nicht so übel entsprechen lernte, wie die bösen Zungen manchmal behauptet haben: Karlsruhe. Ich wenigstens lasse nichts auf Karlsruhe kommen. Neun Jahre Gymnasium, Karlsruher Gymnasium (was für ein treffliches, überzeugendes, nachhaltiges Gymnasium), die Erinnerungen an das reißende Rheinbad in Maxau, die Erinnerungen an Streifereien im Hügelland um den lurmberg, über Durlach — dies und anderes verpflichtet ein Leben lang! Und war es etwa nicht auch inmitten der Stadt schön genug, wenn wir nachts von der Pennäterkneipe kamen und unterm Vollmond auf dem antikifchen Forum standen, das ein großer Meister des klassischen Stils, ein badischer Napoleon der Baukunst, im Herzen der Stadt errichtet hat — Friedrich Wein b renne r? Hätte er die lange Straße so ausbauen dürfen, wie er gewollt hat, bann -hätte die Münchner Ludwigstraße einen gefährlichen Konkurrenten bekommen; aber die Ludwigstraße hat Glück gehabt. Und wenn Wein- brenners Lange Straße beileibe nicht gebaut worden ist, wenn mir vielmehr nicht ohne Beklemmungen durch die „Kaiserstraße" wandern: so ist doch ein ganzes, kostbar-schlichtes, klassisch-klares und klassisch- graues Weinbrenner-Karlsruhe da. Man muß es kennen; man muß es gefunden und wiedergefunden haben; es ist der Liebe wert, die man für es im Herzen trägt. Gewiß: es ist von seinem Gründer Karl in eine „Ruhe" gesetzt worden, die der Leere ähnelt. Aber man sieht doch die ersten Anhöhen des Schwarzwaldes, und man kann sich in den hellen, lauen Altrheinwäldern verlieren, wo die Iris wild wächst —, und neuerdings hat Karlsruhe ja auch angefangen, das Versäumte nachzuholen, indem es sichmuf den Rhein bezieht. „Karlsruhe am Rhein". Das erste Zeichen dieses Landes (wenn man es im ganzen nimmt) ist die Wärme. Heiße Quellen entspringen einem Boden, den sie, wie eine Zentralheizung der Natur, erwärmend durchzogen haben. Baden- weiter und Baden-Baden: dies zumal ist Baden! Die Römer schon haben dort in Thermen die erkältenden Grausamkeiten des Nordens ausgeglichen. Der Kaiserstühler Wein — mir der liebste unter den badischen, die meinem Herzen aber alle teuer sind — gedeiht über einem vulkanischen Grund. Die Obstblüten der Bergstraße hinter Heidelberg und die des Bodenseeufers schäumen.unter der Gunst einer südlichen deutschen Sonne; da wächst in der Nachbarschaft des Weins, eines Weines, den die deutsche Menschheit besser kennen sollte, als sie ihn kennt, — in diesem Lande also wächst neben dem guten Wein wälderweise die Edelkastanie; da gedeihen der Tabak, der Mals, sogar di« Mandel. Vom badischen Gemüse, das unsereinem das Leden allein schon lebenswert macht, gar nicht anzufangen. In diesem Lande fängt sogar die Palme an, sich mit dem Norden auszusöhnen; geht einmal auf die Mainau im Bodensee! Oleander mit weißen und roten Blüten vor den Wirtshäusern sind die allermindeste der Selbstverständlichkeiten. Ich meine: solche Tatsachen entschädigen dafür, daß die Landschaft nicht durchweg von heroischer Größe ist — wie diesem Land wohl nachgesagt werden mag. Ja, es ist wahr: die badische Landschaft neigt melerorten mehr zum Angenehmen als zum Bedeutenden. Aber nun muß ich freilich auch fragen: sollte der Schwarzwaldlandschaft, wie man sie in Tri berg um sich hat oder wie man sie von der Murg aus übersieht, das Großartige mangeln? Sollte der Welt, die man von der Höhe des Feldbergs erschaut, das Bedeutende fehlen? Die Frage stellen heißt sie beantworten. Und ist dies Land ins Liebliche ins Gemütliche gewandt: es entbehrt nicht der tiefen, der schweren Töne. Im Schwarzwald droben, wo die dunklen Bauernhäuser manchmal schon den Ernst von Katafalken haben können und wo die unendliche Grün- heit der Tannen so sehr ins Dunkle geht, daß der Tag sich in eine grüne Nacht verwandeln mag — in dieser Welt spielen Natui und Menschenleben nicht Flöte und Fiedel, sondern das Cello. auf Raubwild, bas sollen die Jägerburschen tun, ich schieße überhaupt nicht mehr, nie mehr, ich kann nicht mehr schießen, es geht Nicht stun halten Sie mich wohl für einen Narren? Ich wollt, ich war ein Narr, Herr, denn wär ich ein Narr, so hätte ich Ruh in der Nacht und konnte einmal wieder friedlich schlafen. Aber man wird nicht so schnell ^verrückt man wird es nicht, und wenn man tausendmal drum bittet. Un er Weg mündete in eine Lichtung. Ein Specht hämmerte, fern- her rief ein Kuckuck, die Bäume warfen über den weiten Schlag lange Schatten. Der Förster b-lieb stehen und hielt sich die Hand vor das Gesicht: „Es ist keine lange Geschichte, Herr, es tut mir wohl, wenn ich wieder einmal darüber sprechen kann, sie wird auch ihr Herz bedrücken aber wenn ein anderer mitträgt, wird einem leichter. Der Förster' blickte flüchtig auf, kehrte sich ab und begann mit gepreßter Stimme zu erzählen: , m , , „Ich war im Krieg Feldwebel an der Kartnerfront. Wochenlang fiel "dort kein Schuß, der Schnee machte uns in den Bergen mehr zu schaffen als der Feind. Da kommen eines Tages Offiziere von der Brigade herauf, die Seilbahn bringt Verpflegung und Munition, Patrouillen werden vorgetrieben, wir konnten es uns an den Fingern abzählen, daß es bald losgehen mußte. . Einmal, gegen Sonnenuntergang, an einem solch stillen Dag wie wir ihn heute haben, merke ich, daß ich draußen meinen Feldstecher vergessen habe. Ich lasse meine Patrouille einrücken, ich lauf allein zu- rück. Richtig, da vorne, bei dem Auslug, liegt der Stecher. Und keine fünfzig Schritt vor mir, zwischen den beiden Stellungen, steht ein kleiner schwarzbärtiger Italiener und winkt mir mit der -uand. Vielleicht, denk ich mir, ist es ein Ueberläuser, der mir zeigt, daß nicht geschossen werden soll. Ich richte mich auf und deute ihn mit der Hand, näher zu kommen. . . Der kleine schwarzbärtige Mann schüttelt den Kops, schaut einige - Male scheu zurück, dann winkt er mir wieder und zeigte. — wie das eben die Italiener tun, mit Armen, Händen und nacheinander in die Höhe schnellenden Fingern: Ich die Hälfte — du die Hälfte er meinte, wir sollten einander entgegenkommen. Der kleine schwarze Kerl dort drüben, dachte ich mir, soll nicht glauben, daß ich mich vor ihm fürchte. Ich entsichere rasch meine Pistole und springe los: ich das Ganze! In ein paar Sätzen bin id) bruben bei ihm, ducke mich und warte keuchend, was er von mir will. Aber da seh ich zu meinem Schrecken, daß der Mann nicht mehr von demselben Regiment ist, das uns seit Monaten gegenuberliegt, denn mit dem früheren Regiment der Italiener sind wir ganz gut gestanden, der harte Winter hatte uns verträglich gemacht, wir hatten nur hie und da aufeinander geschaffen, wenn aus dem Tal Inspektion gekommen war, und auch dann nur ein paar Schuß, mehr nicht. Wird der Mann da vom neuen Regiment sich auch an dieses stillschweigende Abkommen halten? Weiß er davon? Was will er von mir? Ich bereue meinen Leichtsinn ich werde argwöhnisch, weil biefer Mensch immer wieder zurückblickt. Warum zieht er mich beim Arm zu sich nieder? Warum fuchtelt er mit den Händen, warum rollt er mit feinen schwarzen Augen, was will er denn, warum zeigt er immer wieder auf die verschneiten, im Abendrot glühenden Berge? .... Rein, denk ich mir, so dumm bin ich nicht, daß ich mich hier von dir beim Aermel festhalten lasse, bis deine Kameraden da sind, mich gefangennehmen und bis nach Sizilien schleppen, nein, mein Lieber, dazu mußt du dir einen Dümmeren aussuchen. Loslassen! sag ich und geb dem kleinen Kerl einen Stoß, sofort loslaffen! Aber der Mann versteht mich eben nicht, der Mann lacht und packt mich nun bei der Hand und sagt etwas, als wollt er mich verhöhnen! Da bleibst du letzt, glaub ich, jagt der Mann, ich hab dich jetzt und laß dich Nicht mehr los Nein, in so eine plumpe Falle geh ich nicht, ein Ruck, der Kerl fliegt zur Seite, ich spring auf und greif nach meiner entsicherten ^Herr, so wahr mir Gott helfe, bei der Gesundheit meiner Kinder, Herr, der kleine Mann lacht noch immer, er lacht immer lauter, er rudert mit den Händen herum, es stößt ihn vor Lachen — er greift — und das kann ich beschwören bei allem, was mir heilig ist, nach der- selben Tasche seines Rockes, wo ich in meiner Bluse die Pistole stecken hab. Jetzt, denk ich mir, jetzt kommt es darauf an, wer schneller ist. Mein Schuß kracht früher, der Mann fällt hintüber zusammen, seine braunen, kleinen Hände rupfen das kurze Gras, die Füße schlagen und schnellen noch ein wenig und dann wird es, während das Echo aus allen Wänden meinen Schuß zurückwirft, als wollten die Berge ihn nicht behalten, hier oben zwischen den Schützengräben stille. Ich beuge mich über den kleinen Mann. Der Schuh ist ihm durch die zur Abwehr erhobene linke Hand gerade ins Herz gedrungen. Kein Zucken, nichts mehr, aus. Nun will ich dem kleinen Mann die Pistole abnehmen, ich zieh ihm die Hand aus der Tasche, Herr, wissen Sie, was der Mann in der Hand hält? Herr, können Sie das erraten? Es ist so furchtbar, Herr, daß es kein Mensch erraten kann. Er hält eine Photographie in der Hand, eine kleine Photographie und auf ihr ist eine kleine schwarze Frau und drei Kinder, drei Kinder, Herr, nicht älter und nicht jünger als meine drei Kinder zu Hause. Da stand ich nun neben dem Toten und nun begannen die Italiener, unruhig geworden durch meinen Schuß, aus dem naheliegenden Graben zu schießen, rings um mich schlugen die Kugeln in das Gestein, ein Maschinengewehr begann zu rattern, ich hielt noch immer das Bild in der Hand, ich deckte mich nicht, ich duckte mich nicht, ich hoffte, nun werde doch auch eine Kugel so barmherzig sein und mich treffen. Dem toten Mann, Herr, war nicht mehr zu helfen, aber dein lebenden auch. Hätte mich bas Bild nicht an meine eigenen Kinder erinnert, ich hätte mich neben den Toten gelegt und mit eigener Hand meinem Leben ein Ende bereitet. Wie ich dann, im ärgsten italienischen Feuer in die eigene Stellung zurück bin, langsam, Schritt für Schritt, immer noch auf einen Gnadenschuß hoffend und doch nicht einmal von einer Kugel gestreift, fiel mir ein, wie mich bei Iwangorod ein riesiger Sibirier mit dem Kolben niedergehauen hatte, weil meine Pistole eine Ladehemmung gehabt hat. Uno 3n diesem Lande sind die Romer zuerst heimisch geworden, als sie anfingen, Germanien zu kolonisieren, und es mag chuen Nicht übel gefallen haben. In diesem Lande hat die deutsche, mittelalterliche Frömmigkeit eine ihrer ersten Heimstätten gesunden: Baden ist ^ne starke Provinz des Romanischen geworden — wie heute noch die drei Munster auf der Insel Reichenau im Bodensee großartig und innig bezeugen: drei mächtige romanische Kirchen, die ravennatischen Geist atmen — im Untertoieb von Ravenna freilich umgeben von der köstlichsten Fruchtbarkeit (wie paradiesisch ist es dort zur Zeit der Bohnenblute!). Lang vor dem Jahre 1000 schon sind die Benediktiner in Sankt B! a (i en rühmlich zu Hause gewesen. Der südöstliche Teil des Landes ,st die West des „Ekkehard". . . Das gotische Zeitalter hat im Badischen einige seiner schönsten baulichen Urkunden geschrieben: im Freiburg des rötlichen Münsters, im Konstanz der Aera des Hus, der Aera des großen Konzils. Der immer so wunderliche Begriff der „deutschen Renaissance ist in Freiburg und vollends in Heidelberg zur Wirklichkeit geworden — und nach der Renaissance des Heidelberger Schlosses tritt das Barock mit feiner gründenden Fruchtbarkeit in den badischen Landschaften, in den badischen Städten auf: Mannheim quadriert sein Straßennetz, erbaut ein Schloß, das neben dem von Versailles nicht abfiele. Karlsruhe breitet den Fächer feines alten Planes und findet damit einen der liebenswürdigsten Plangedanken der barocken Welt; Karlsruhe erbaut fein scharmantes Schloß und läßt es die Arme um die ganze eigentliche Markgrasenstadt breiten. Der Bischof von Speyer erstellt sich in B r u ch- sal ein Herrenschloß, das man kennen muß, wenn man wissen will, welcher Entfaltung die Pracht einer ekklesiastischen Feudalwelt fähig gewesen ist In Schwetzingen wachsen die Spargel, die ich persönlich für die besten der Welt halte; dort sind aber auch Schloß und Schlohgarten, die so sehr zum Wesen der barocken Schönheit gehören, wie Nymphenburg und Schleihheim und Veitshöchheim und Ludwigsburg — oder was sonst es sei! Da ist Schloß Rastatt, Schloß Favorite. Aber auch Freiburg, sonst so sehr dem Gotischen und der Renaissance verpflichtet, hat die barocke Wendung gefunden — und dies in einer Art, die an Oesterreich denken macht. Wahrhaftig hat Oesterreich ja auch einmal bis in diesen äußersten deutschen Westen, bis an die Grenzen des französischen Lebens vorgereicht ... Und dann — wo cf) einmal: dann kommt die Zeit eines Karlsruhe, das viel mehr, als man gemeinhin weiß, ein Denkmal des Empire-Klassizismus geworden ist. Und nun würde wohl die Schulfrage kommen: Was für große Dichter und was für große Meister der bildenden Künste dortzulande daheim gewesen seien? Geben wir Badener es zu: da stockt die Statistik vielleicht ein wenig. Aber einige sind da — wahrhaftig; und einige, di« sich sehen lassen können! Vorab ein Dichter, so groß etwa wie weiland Cervantes: Hans Jakob Grimmelshausen, der deutsche Dichter des Dreißigjährigen Krieges — Schultheiß in dem Stabilem Renchen, das heute der Schnellzug Frankfurt—Basel streift. Und nachher: Johann Peter Hebel, der Kalendermann des rheinländischen Hausfreunds, ein deutscher Prosaist von der vordersten Ordnung der Weltliteratur — obwohl sich die wenigsten Leute über dies« Tatsache Gedanken machen. Unter den Malern hat Baldung, der Nach- gotiter, der Renaissancemaler, von Straßburg herüber mit dem Badischen zu tun gehabt; für üb n er, in seinen Anfängen groß, und Rottmann sind von Heidelberg ausgegangen; Thoma ist gegen 1870 vom Schwarzwald herabgestiegen, um Dinge zu malen, die der Geschichte des malerischen Realismus als Zeugnisse von allzeit be- weisender Schönheit angehören. Und noch einmal: in " Weinbrenner brachte das Badische einen der größten Baumeister der neueren Zeit hervor. Aber auch die humaniore Gelehrsamkeit fand im Badischen ihre Zeugen: M e l a n ch t h o n aus Bretten und den R e u ch l i n aus Pforzheim. Es gibt noch andere. Aber ist es nicht genug? Im ganzen ist dies badische Land eine Sphäre intimer Behaglichkeit, die das Große und das Kleine gerne ausgleichtz damit ein Lebenston gemütlicher und gleichsam verwandschaftlicher Gegenseitigkeit entstehe. Man ist nicht von der Gier gepeinigt, es aller Welt zuvorzutun — und doch ist man das „Musterländle geworden, ganz im Stillen, sozusagen mit einem familiären Stil der Oesfentlichkeit. Die Badener lieben private Abseitigkeit; sie sind nicht ohne epikureische Züge, trinken ihren Schoppen und gehören, nicht nur für mein allzu beteiligtes Gefühl, zu den aUernetteften Menschen der Erde. Damit man aber nicht meine, es fehle diesem Lande an der weltbürgerlichen Weite, hat es seine Fäden doch in alle Welt hinausgewvben. Wohin in alle Welt sind die Badener ausgewandert (um Badener zu bleiben, versteht sich)! Der Hafen van Mannheim ist ein weltwirtschaftliches Phänomen. Und die - Welt kommt auch ins Badische herein: die Rennen von Iffezheim bei Baden-Baden — das ist nicht anders als Epsom, Auteuil und Longchamps. Oie unsühnbare Schuld Von Bruno Brehm. Einmal traf ich den Mann, der immer allen Leuten so scheu aus- wich, an einer solch schmalen Wegstelle und so unerwartet für ihn, daß eine Begegnung unvermeidlich war. Er nahm seinen Jägerhut ab, bot mir einen Guten Tag, ich war unschlüssig, ob ich stehenbleiben ober weitergehen sollte, ich erzählte ihm, daß ein Fuchs meinen Weg gekreuzt habe, er horchte unaufmerksam zu und lachte seltsam vor sich hin. Dann fragte er, wohin ich gehe und als er mein Ziel gehört hatte, meinte er, daß er mich begleiten könne. Er ging eine Weile stumm neben mir her und begann auf einmal zu sprechen: „Herr, Sie haben sich wohl einen Revierförster anders vorgestellt, roie£ Keine Kugel im Lauf, keine Patrone in der Tasche — nichts." Er senkte sein durchfurchtes Gesicht, er hatte wohl einen Anlauf genommen, kam aber nun nicht weiter. Ich wollte ihm helfen: „Sind denn nicht viele Wilderer in dieser Gegend?" „Mehr als man glaubt. Die können ja schießen, die sollen nur schießen. Herr, ich schieße nicht zurück. Ich nicht Ich schieße auch nicht !ri)aupt 151un । $atr, tonnte s« oer. let." «> fern- 3 lange or bas > wenn erz bs Der Schier fjenlang aehr ju wn der )n, Pa- Singern lag wie tbftedjer lein ju- il) leine : e'l)t ein b. Diel' licht ge- r tjanb, t einige • wie bas : in die meinte, ! g^afg war es doch ehrlicher Kampf gewefen und ich wäre, hätten euch nicht meine Leute noch rasch daoongeschleppt, auf ein Haar in die ksangenfchaft gekommen. Ich habe oft darüber nachgedacht, was der Italiener von mir ge- rollt hat, ich hab es nur langsam begriffen, wohl, weil ich es nicht I greifen hab wollen, aber heute weih ich es, heute weih ich es ganz inau. Vielleicht ist er zum erftenmale in den Bergen gewesen, hat das iliihen der verschneiten Gipfel nicht gekannt, hat sich in der Stellung । aller den jungen unverheirateten Burschen einsam und verlassen ge- jhlt. Vielleicht hat er am gleichen Tag mit der Feldpost das Bild i ner Frau und seiner Kinder bekommen. Da mag ihm wohl so schwer ans Herz geworden sein wie es auch mir oft war, wenn wir in den Ingen untätigen Stunden an daheim dachten, Briese schrieben und ,chi sprechen konnten, weil es einem das Herz abdrücken wollte. Und ire nun die Sonne so prächtig unterging, wie es so still wurde, daß ran das Pochen seines Herzens hörte, da duldete es den kleinen Mann !cht mehr im Graben, da ging er hinaus, da sah er mich, sah einen ihren Mann, dem er das Bild seiner Kinder zeigen wollte, mit dem r über Dinge reden wollte, die die jungen Burschen nicht verstehen. Irtb die Antwort, Herr, die ich ihm darauf gegeben habe, die hat diesen rtnen Menschen für immer stumm gemacht, aber auch ich habe über ir für immer das Lachen verlernt. Ein paar Tage draus ist es losgegangen. Wir durchbrachen die iilienische Stellung, ich rannte immer meinen Leuten weit voraus, ich <1 b keinen Schuß ab, denn wo immer ich mich nur zeigte, wichen mir ie Italiener und die Kugeln aus bis mich endlich drei Kugeln er- dien. Ich wurde, halb verblutet, gefunden, zurückgebracht, ich riß mir ie Verbände herunter, aber die Äerzte brachten mich durch, ich sollte tn meine Buße nicht herumkommen, ich sollte am Leben bleiben, Herr, li war es mir bestimmt. Es ist nun schon mehr als zehn Jahre her, tz kann es ja niemandem erzählen, die Leute verstehen es nicht, sie rollen es nicht wahrhaben, sie wollen es nicht hören. Wenn ich meine ii aber anschaue, Herr, so seh ich die Kinder des andern, wenn mich leine Kinder um etwas bitten, so bitten die Kinder des andern mit, ter, Herr, ist das Bild, ich trage es bei mir, es ist schon fleckig und loh geworden — das sind doch liebe Kinder, und das ist doch sicher tne brave Frau. Keinen Trost, Herr, bitte, nur keinen Trost. Dies ü ben will ohne Trost getragen werden, denn mich kann kein Richter «urteilen und kein Gewissen kann mich freisprechen." oll nid)i e Pisiolk ■ brüten L Ater on bcm- ,enn mit iben, ter hie unb efommen ;r Mm jfommti meint« t mietet ffiarum chmorzt« bie wi’ hier # inb, m i Lieder, I ich «s ,r «Kann । dei ter ■ bu i# ich! B ber chch-s" r Kntek. lauter, greift- nach 5 (den neöer ren, ag«n Ech° Serge W l »£ kl ff asft^ filtll«”1 Das chinesische Theater. Don Johann Newel. Wenngleich moderne Lichdfpielbühnen in China immer mehr Anklang z finden scheinen, ist dies in bezug auf Theatervorführungen nach «. ropäischem Muster nicht der Fall. Das Volk hängt in diesem Punkt Zh am Althergebrachten. Während in den Großstädten chinesische Buhnen ks ganze Jahr hindurch vor meist ausvertauften Häusern spielen und i er zum Teil hervorragende, gut bezahlte Kräfte verfügen, kennt man r>f dem Lande nur gelegentliche Theateraufführungen von urnher- ichenden Schauspielern, die meist in sehr dürftigen Verhältnissen leben, Ihre Requisiten und Kostüme selbst von Ort zu Ort schassen und selten nf einen grünen Zweig kommen. Der Leiter solcher, aus sechs bis P>öls Personen bestehenden Wandertruppen hat gewöhnlich unum- hränktes Recht über sie, da er sie in der Regel als Kinder ausgekauft mb für ihren Beruf großgezogen hat. .. Für die Vorstellungen auf dem Lande besitzt jedes großere 2 orf eine Bühne, die auf einem freiem Platz ober auch dicht an brr Hauptstraße liegt, mit Vorliebe vor dem Eingang zu einem Tempel, b: mit auch die Götter, denen zu Ehren in früheren Zeiten allem Heater gespielt wurde, bequem zuschauen können. , Vornehme Chinesen, die es sich leisten können, mieten bei beson- frren Anlässen, z. B. bei einer Hochzeit, einer Geschästserossnung ober krgleitfjen, eine Truppe, bie dann auf einer aus Bambus schnell her- ! richteten Bühne bie zahlreichen Gäste während des oft tagelang ® uernben Festschmauses unterhält. An Szenerie braucht bie altchinesische Bühne nur sehr wenig. Ein irmsessel unb ein davor stehender kleiner Tisch genügen den An- liriichen-des in dieser Beziehung sehr bescheidenen Publikums Je nach- tim es bie Handlung erforbert, muß ber Stuhl auch einen Hagel ober «ren Berg markieren, den ber Held des Stückes besteigt, etwa um Aus- B'°u zu halten. Wird ber Stuhl zu biefem Zwecke an eine andere Stelle k tragen, wobei wohl auch ber Tisch beiseite geruckt wirb, so geschieht ^ser Szenenwechsel auf offener Bühne, ohm dadurch der Jllu o ^bruch zu tun. Ebensowenig, wie wenn ein schauspieler — und dies P auch von ben berühmtesten Bühnenkünstlern ber ?ro&en st°dti|chen Heater — sich zur Stärkung eine Tasse Tee reichen laßt. Er dreht stch L diesem Zweck bloß um unb schlürft ben Labetrunk mitthen üU/ ^ f Mne. Daburch, baß er sich abmenbet, um zu trinken, wird ^gezeigt, 5 dies nicht zum Stück gehört, unb bie Zuschauer ftni' barmt ganz 3 (neben unb gönnen ihrem Helben gern einen Erholungsschluck nach «ner anstrengenden Arie ober einem längeren Monolog. „Den Hintergrunb ber Bühne bilbet gewöhnlich eln'n grellen Farben S'baltener, mit Drachen ober Phönixen bestickter Vorhang, ber g JiirabfäUt unb an ben beiben Seiten, wenn es ber Raum gestaltet, einen l^maten Durchgang hat, der ebenfalls mit einem bunten Lappen über ift. Tisch und Armsessel sind in der Regel °"ch ""t e.mr z^m Mang, wenn auch nur im ichmierigen ^lu^ehen pafsenb tick Langen. Alles andere, was Szenerie anbetrifft, denkt B-h °er qni Zuschauer. Und das ist für ihn nicht 1° * ' Z auf der ^men mag. Denn alle Kostüme, alle Gesten der Schauspieler aus oe »ne, Inhalt unb Darstellung ber meist ^Nunbertealten Beg hii en aus ber chinesischen Heldensage unb eb u n b e n. iSJg.emein bekannte Formen und G e s e tz e g e bu n ° en hzjebe Fetische Erregung, für jeben ltlsiekt sind die un(er= i $DPfberoegungcn genau vorgefchrieben. Selbst das Mien IP liegt gewissen feststehenden Regeln und erstarrten Formen, wie sie tnts auch in der chinesischen Kunst seit Jahrhunderten auf Schritt unb Tritt begegnen. Sogar bas Schminken unb Anmalen ber Gesichter geschieht nach alten Vorbilbern; bie komische Figur auf bem chinesischen Theater ist nicht bentbar ohne einen quer über bie Nase gehenden weißen Papierstreisen ober Farbstrich. Wer einen Feldherrn barstellt, hat stets ein halbes Dutzenb bunte, breieckige Fähnlein auf bem Rücken befestigt, bie über bie Schultern hinausragen. Eine Reitpeitsche ober ein, beim Reiten zur Sommerzeit in China unentbehrlicher, Fliegenwebei in ber Hcmb bes Schauspielers beutet an, baß er beritten ist. Er bewegt sich auch bementsprechenb mit gespreizten Beinen unb einer (bas imaginäre Reittier) antreibenben Armgedärde. Ueberhaupt bie Bewegungen auf der chinesischen Buhne! Sie müssen in genau vorgeschriebenem Tempo ausgeführt werden, begleitet von den scharfen, schrillen Geräuschen der Musikinstrumente. Für europäische Ohren ist chinesische Orchestermusik in ber Hauptsache ein u n - glaublicher Krach mit Gongs, Zimbeln unb Trommeln, hohen ©eigen- unb Flötentönen. Die chinesischen Musikanten haben es nicht leicht; beim sie müssen bas Aeußerste aus ihren Instrumenten herausholen und fast immer forte-fortissimo spielen. Den Sologesang — wie meist auch bie gesprochenen Worte, in Fistelstimme hervorgebracht, — begleiten bie burchaus nicht unmelo- bischen Klänge ber chinesischen Geige. Jebe Bewegung bes Schauspielers, ber als guter Mime auch fingen, tanzen unb Akrobatenkunststücke vollführen kann, wirb mit bem Schlagwerk kräftig unterstrichen. Hebt er bie Hanb, so werben die Zimbeln aneinander geschlagen, macht er einen Schritt vorwärts, so ertönen die Gongs, und vollendet er einen Satz oder eine Arie, so wird dies durch heftiges Trommeln hervorgehoben (ä la Mickn-Maus-Film). Besonders bei der Darstellung einer Schlacht wird zur Markierung des Getümmels ein ohrenbetäubender Lärm mit sämtlichen zur Verfügung stehenden Instrumenten vollführt. Die Chinesen können sich stundenlang mit Pauken- und Gongschlägen vergnügen, wie man es namentlich in ber Neujahrsnächt unb oft schon wochenlang vorher, sowie bei jeber Monbfinsternis beobachten kann. Je lauter ber Krach, um so besser unb um so grünblicher werden dadurch döse Geister vertrieben, von denen man annimmt, bah sie starke Geräusche nicht vertragen. (Bei einer Mondsinsterei soll ber Monb mittels Gong- unb Paukenschlag vor bem enbgültigen Verschlucktbleiben burch ben Geist ber Finsternis bewahrt werben.) In ben meisten chinesischen Theaterstücken wechselt bas gesprochene Wort mit Gesang ab. Neben luftigen, oft einbeutigen Schwänken als Zwischenakten, kommen Dramen unb Tragöbien vorwiegenb historischen Inhalts sowie bürgerliche Schauspiele zur Ausführung. Einlagen von Tänzen, grotesken Akrobatenstücken, erhöhen für den chinesischen Zuschauer den Genuß. Man spielt viele Stunden lang, oft von Mittag an bis spät in die Nacht hinein. Das Publikum kommt unb geht, wann es ihm beliebt, raucht, ißt unb trinkt, lacht, schwatzt unb schmatzt unbekümmert während ber Vorstellung, bie auch burch bas Geschrei kleiner Kinder nicht beeinträchtigt wird, denn auf ein wenig mehr ober weniger Lärm kommt es nicht an; bie Zuschauer kennen bie Texte ber alten Stücke meist genügenb, um ber Handlung folgen zu können, auch ohne daß sie die Worte verstehen. Gegen entsprechende Bezahlung kann man auf kleineren Bühnen einen Zuschauerplatz auf den Brettern haben, und von dort auch leicht den Ankleideraum der Künstler betreten, in dem eine Reihe großer Farbtöpfe in die Augen fällt, aus denen sich die Schauspieler anpinseln. In ben historischen Dramen hanbelf es sich gewöhnlich um bie Ueberliftung unb Vernichtung eines gefährlichen Bösewichts burch einen tapferen, starken Helben. Der chinesische Schauspieler bewegt sich auf ber Bühne nicht wie fein europäischer Kollege, mehr ober weniger natürlich. Er gleitet mehr, als daß er schreitet, unb bie höchste Kunst ift es, sich scheinbar schweben!) in ber Lust zu halten; so macht es z. B. ber gefeierteste Schauspieler ber Gegenwart, Mei-Lang-Fang, besten elegante Bewegungen als ber Gipfel ber Vollkommenheit gepriesen werben. Wie bie meisten anderen berühmten chinesischen Schauspieler tritt Mei-Lang-Fang nur in Frauenrollen aus (alt-chinesische Sitte verbietet Frauen selbst bas Auftreten auf ber Bühne) unb entfaltet babei einen solchen Liebreiz unb eine so beftridenbe Anmut, baß man zehn gegen eins wetten mochte, eine ber schönsten unb feinsten Frauengestalten bes chinesischen Reiches vor sich zu haben. Kein Wunber, baß Mei-Lang-Fangs Photographie, oft sehr sein übermalt, von allen Theaterfreunben gern gekauft wird, unb daß es schwer ist, einen guten Platz zu bekommen, wenn Mei- Lang-Fang auftritt; kein Wunber auch, daß er sich.jebes Auftreten fehr gut bezahlen läßt. Berühmt finb die vielen Kostüme Mei-Lang-Fangs, deren Stickereien unb Farbenzusammenstellungen nach seinen eigenen Angaben verfertigt, einzigartig unb unübertrefflich sind. Nächst dem Darsteller weiblicher Rollen ist es ber General, ber Mann ber Kraft", ber den größten Beifall erntet; seine Glanz- leiftung ist ber Schwertertanz ober ber Zweikampf, in welchem bie beiben Gegner, mit langen Speeren bewaffnet, einen akrobatischen Reigen ausfuhren inbem sie sich roilb unb immer roilber brehen unb roinben, roäbrenb bie Gongs unb bie Trommeln einen Höllenlärm vollführen. Auf großen Bühnen schlagen gleichzeitig eine Anzahl von Springern um bie Kämpsenben herum Saltos unb Purzelbäume, um bas Toben ber Schlacht anzubeuten. Zum Schluß zieht immer ber „Mann ber Kraft" als siegreicher Helb unter ohrenbetäubenbem Lärm sämtlicher Werkzeuge durch ben Vorhang ab, begleitet von seinen Lanzen und Stanbarten tragenben Trabanten. Die durch Erzähler im Volke verbreitete Kenntnis ber allen Sagen unb Geschichten erlauben bem chine- fi eben Zuschauer, bas Schauspiel voll zu genießen, unb man könnte glauben baß er von ber primitiven Bühnenszenerie mit Tisch unb Stuhl einen größeren Genuß hat, als von einem mobernen europäischen Kulissenausbau ähnlich fo, wie bas kleine Kinb einem komplizierten Wunber ber Mechanik auf die Dauer ein ganz einfaches Spielzeug oor- zieht welches feine Einbildungskraft immer wieder neu anregt. Oer Sturz in den Malstrom. Erzählung von Edgar Allan Poe. (Fortsetzung.) Ich stellte mich so, wie er es wünschte, und er begann: „Ich und meine beiden Brüder besahen einmal ein als Schoner auf- getakeltss Küstenschiff von etwa 70 Tonnen, mit dem wir zwischen den Inseln hinter Moskoe nahe bei Burrgh auf den Fischfang fuhren. In allen heftigen Meereswirbeln ist besonders gute Gelegenheit zum Fischen, wenn man nur den Mut hat, sie zu ergreifen, aber von allen Küstenbewohnern der Lofoten waren wir drei die einzigen, die regelmäßig ein Geschäft daraus machten, zu den Inseln zu fahren, wie ich Ihnen schon sagte. Die üblichen Fischplätze sind ein großes Stück weiter nach Süden. Dort kann man zu allen Zeiten ohne große Gefahr Fische fangen, und deshalb werden diese Plätze bevorzugt. Die ausgesuchten Stellen hier um die Felsen enthalten aber nicht nur die vorzüglichsten Arten, sondern diese auch in größeren Mengen, so daß wir ost an einem einzigen Tage soviel fingen wie die ängstlichere Mannschaft nicht in einer Woche zusammenkratzen konnte. Tatsächlich setzten wir unseren Stolz in rücksichtsloses Wagen — die Lebensgefahr ersetzte die Arbeit, und der Mut entsprach dem Kapital. Wir verwahrten das Schiff in einem Schlupfhafen etwa fünf Meilen weiter oben an der Küste. Und es war unsere Gewohnheit, bei schönem Wetter die fünfzehn Minuten Stillwafser auszunutzen, um über den mittleren Kanal des Malstromes vorzudringen, weit über den Wirbel, und dann stromab zu treiben nach einem Ankerplätze bei Otterholm oder Sandflesen, wo die Strudel weniger heftig sind als anderswo. Hier blieben wir dann, bis die Zeit des Stillwassers beinahe wieder ha war, um den Anker zu lichten und heimwärts zu fahren. Wir zogen nur dann auf diese Unternehmungen aus, wenn für die Hin- und Rückfahrt ein steter Wind von der Seite wehte, ein Wind, von dem wir sicher waren, daß er uns nicht vor der Rückfahrt im Stiche lassen werde: und wir verrechneten uns selten in diesem Punkte. Zweimal in sechs Jahren waren wir genötigt, die ganze Nacht vor Anker zu liegen wegen vollständiger Windstille, die gerade hierzulande sehr selten ist; und einmal mußten wir fast eine Woche sortbleiben und starben fast vor Hunger, denn ein Sturm war kurz nach unserer Ankunft ausgebrochen und machte den Kanal zu ungestüm, um an Abfahrt zu denken. Bei dieser Gelegenheit hätten wir trotz allem in die See hinausgetrieben werden müssen (denn die Wirbel warfen uns so heftig herum, daß sich schließlich unsere Taue verwickelten, und wir vor Anker trieben), wenn wir nicht in einen der zahllosen Gegenströme geraten wären, die heute hier und morgen dort sind, der uns in den Schutz von Flimen brachte, wo wir glücklicherweise vor Anker gehen konnten. Ich kann Ihnen nicht den zwanzigsten Teil aller Schwierigkeiten erzählen, die uns auf den Fischplätzen entgegentraten — sie sind schon ein böser Aufenthalt bei gutem Wetter —, aber wir bemühten uns immer, ohne Unfall das Wagnis mit dem Malstrom aufzunehmen, wenn mir auch manchmal das Herz im Halse schlug, weil wir eine Minute früher oder später kamen als das Stillwasser. Zuweilen war der Wind nicht so stark, als wir bei der Abfahrt glaubten, und dann legten wir weniger Weg zurück als wir gewünscht hätten da die Strömung das Schiff unlenksam machte. Mein ältester Bruder hatte einen achtzehnjährigen Sohn, und ich selbst hatte auch zwei kräftige Buben. Diese hätten uns zu solchen Zeiten gute Dienste tun können, beim Rudern sowohl als hinterher beim Fischen, aber irgendwie wagten wir nicht, unsere Jungen in die Gefahr zu bringen, der wir uns selbst aussetzten, denn nach allem war es eine schreckliche Gefahr, das ist die Wahrheit. In einigen Tagen werden es drei Jahre, daß sich zutrug, was ich Ihnen erzählen will. Es war am 10. Juli 18.., ein Tag, den die Menschen, die diesen Teil der Erde bewohnen, nie vergessen werden, denn damals tobte der schrecklichste Orkan, der je vom Himmel kam; und doch hatten wir den ganzen Morgen und bis spät in den Nachmittag hinein eine günstige und steife Brise aus Südwesten gehabt, während die Sonne hell schien, so daß die ältesten Seeleute unter uns nicht ahnen konnten, was folgen sollte. Wir drei, meine Brüder und ich, kreuzten zu den Inseln hinüber — etwa um 14 Uhr — und hatten bald unser Schiff voll schöner Fische geladen, die, wie wir alle bemerkten, an diesem Tage reichlicher vorhanden waren, als wir jemals erlebt hatten. Es war genau sieben auf meiner Uhr, als wir Anker lichteten, um heimzufahren und das Schlimmste zu schaffen, während im Strom Stillwasser war, und wir wußten, daß dies um 8 Uhr sein mußte. Wir brachen auf bei frischem Wind von Steuerbord und fuhren einige Zeit sehr schnell dahin, ohne von Gesahr zu träumen, denn wir hatten wirklich nicht die geringste Ursache zu Befürchtungen. Da wurden wir ganz plötzlich von einer Brise, die von jenseits des Helseggen kam, zurückgerissen. Das war ganz ungewöhnlich — etwas Niedagewesenes — und mir wurde ungemütlich, ohne daß ich genau wußte warum. Wir brachten das Boot an den Wind, konnten aber gar nicht vorwärts kommen wegen der Strudel, und ich wollte, gerade Vorschlägen, zum Ankerplatz zuriickzu- kehren, als wir rückwärtssehend bemerkten, daß der ganze Himmel mit sonderbaren tupferfarbigen Wolken bedeckt war, die mit erschreckender Schnelligkeit auszogen. Inzwischen war die Brise, die uns von vorn entgegengeblasen hatte, weggefallen, und wir trieben in totenähnlicher Ruhe nach allen Seiten. Dieser Zustand dauerte aber nicht jo lange, daß wir Zeit hatten, darüber nachzudenken. In weniger als einer Minute war der Sturm über uns, in weniger als zwei der Himmel vollständig überzogen und es wurde nun so dunkel — dazu noch bei der tosenden Gischt — daß wir uns gegenseitig im Book nicht sehen konnten. Es wäre Wahnsinn, wollte ich versuchen, einen Orkan wie den, btt damals tobte, zu beschreiben. Die ältesten Seeleute in Norwegen fjafcti nie etwas Derartiges erlebt. Wir hatten unsere Segel eingezogen, bi. vor er uns vollständig faßte; aber beim ersten Windstoß gingen unfere beiden Maste über Pord, wie wenn sie abgesägt wären — und dir Hauptmast riß meinen jüngsten Bruder, der sich der Sicherheit Ijalb-r daran angebunden hatte, mit sich fort. Unser Boot war wie die leichteste Feder, die jemals aus dem Wassjir schwamm. Es hatte ein ganz flaches Deck mit nur einer einzigen 8ule in der Nähe des Bugs, und diese Luke pflegten wir zu verschalle,, wenn wir den Strom kreuzen wollten, aus Vorsicht gegen das Stoff in , der See. Aber bei dieser Gelegenheit hätten wir sofort finken müsse,, denn wir lagen einige Augenblicke vollständig begraben. Wodurch men ältester Bruder damals dem Tode entging, kann ich nicht sagen, bern I 77 ich hatte niemals Gelegenheit, es sestzustellen. Ich meinerseits wmf ! M mich, nachdem ich das Focksegel gesetzt hatte, flach auf das Deck, bie 55 Füße gegen das enge Schanzdeck auf dem Bug gestemmt und be Hände an den Ringbolzen nahe beim Fuß des Focksegels getlammeit. Lediglich mein Instinkt hieß mich dies tun, was übrigens entjcfjieW das Beste war, was ich tun konnte, denn ich war viel zu aufgeregt, um zu denken. Während einiger Augenblicke waren wir völlig überflutet, und während dieser ganzen Zeit hielt ich den Atem an uto krampfte mich an den Bolzen. Als ich es nicht mehr aushielt, erhob ich mich auf die Knie, ohne die Hände loszulassen und madjre so meinen Kops frei; augenblicklich schüttelte sich unser kleines Boot m p ein Hund, der aus dem Wasser kommt, und befreite sich einigermafjun von den Wogen. Ich versuchte nun die Betäubung zu überwinden, die mich ergriff hatte, und meine Sinne zusammenzunehmen, um zu überlegen, was je gt ; zu tun sei, als ich fühlte, daß mich jemand am Arm ergriff. Es tw mein ältester Bruder, und mein Herz hüpfte vor Freude, denn ich haäü sicher geglaubt, er sei über Bord gefallen, aber im nächsten Äug« blicke verwandelte sich die Freude in Entsetzen, denn er näherte [einen ] Mund meinem Ohr und schrie nur das eine Wort: „Malstrom". Niemand wird je erfahren, was ich in diesem Augenblick empfaiu). I Ich bebte vom Kopf zu den Füßen wie in einem Anfall von heftig: 11 Schüttelfrost. Ich wußte nur zu gut, was er mit diesem einen W»'i 1 meinte, was er mir damit zu verstehen geben wollte. Bei dem Wü:s j der uns jetzt trieb, mußten wir bestimmt in den Strom geraten, uniII nichts konnte uns retten. Sie wissen ja, daß wir beim Kreuzen i nt j, । Stromkanal immer ein großes Stück oberhalb des Wirbels bliebet, II selbst beim ruhigsten Wetter, und dann vorsichtig warten mußten, d; [I das Stillwasser kam; aber nun trieben wir genau in den Wirbel urtll dazu bei einem solchen Orkan! Sicher, dachte ich, werden wir gerate ' in der Zeck des Stillwassers ankommen, da ist noch ein wenig Hossnm 1, II aber im nächsten Augenblick fluchte ich mir selbst, daß ich ein solch»: I Narr sei, überhaupt noch von Hoffnung zu träumen. Ich wußte fete I wohl, daß wir verurteilt waren und wenn wir zehnmal ein neunzig«:! I 5i; Kanonenboot gewesen wären. 31 Zu dieser Zeit hatte sich die erste Wut des Sturmes erschöpft, ob«: I vielleicht kam es uns so vor, weil wir vor ihm herliefen, aber jedenfalls (1Bf erhoben sich die Wogen, die bisher durch den Wind niedergehalten flaiq j und schäumend lagen, jetzt zu wahren Bergen. Auch am Himmel zeige I sich eine merkwürdige Veränderung. Ringsum war er in jeder Richtumz .1 I immer noch so schwarz wie Pech, aber säst genau über unseren Stopfen |j| brach ganz plötzlich ein kreisrunder Spalt des klaren Himmels berooc, * so klar in tiefstem Blau, wie ich ihn kaum jemals sah, und durch Wil ,, schien der Vollmond hindurch mit einem Glanze, den ich nie vorh«:»» ,Jr an ihm gekannt hatte. Er beleuchtete alles um uns her mit gröfetar Deutlichkeit — aber, 0 Gott! welches Schauspiel war es, das er toi beschien! Ich machte nun einen oder zwei Versuche, mit meinem Bruder UI sprechen, aber auf irgendeine Weise, die ich nicht begriff, hatte das 6-f-l töse so zugenommen, daß er nicht ein einziges Wort verstehen tonnt::, | obgleich ich so laut wie möglich in sein Ohr schrie. Bald darauf schütteln! er den Kopf, wurde totenbleich und hob einen Finger in die Höhe all» 1 wollte er sagen: „Horch!" Zuerst verstand ich nicht, was er meinte — aber bald blitzte eitl gräßlicher Gedanke in mir auf; ich zog meine Uhr aus der Tasche. 6/1 ging nicht. Ich schaute beim Mondlicht auf das Zifferblatt und brach iü I Tränen aus, während ich sie weit weg in den Ozean warf. Sie war u® I sieben Uhr stehengeblieben. Wir waren schon über die Zeit der St® I hinaus, und der Wirbel des Stromes in voller Wut! Wenn ein Boot gut gebaut, richtig ausgerüstet, und nicht zu tl>>! 1 geladen ist, scheint es bei steiser Brise und ungehinderter Fahrt immer,I als ab die Wogen hinter ihm herhüpften; das kommt den ßanbratt/ sehr sonderbar vor und ist was wir in der Seemannssprache „reifem, • nennen. Also bisher waren wir sehr geschickt „geritten", aber nun ergn t ] uns eine riesige Woge gerade unter der Quittung, trug uns mit v® 1 und stieg hoch — immer höher — als ab sie in den Himmel rooUtit. 1 Ich hätte nicht gedacht, daß eine Wette jemals so hochsteigen könne. Uw | dann tarnen wir wieder herunter mit einem Schwung, einem ©leite' I und Tauchen, daß ich mich krank und schwindlig fühlte, als ob ich ,IT11 Traume von einem hohen Berge herunterfiele. Aber während wir obei j waren, hatte ich einen raschen Blick rundum geworfen, und dieser | genügte schon. Ich Übersah in einem Augenblick unsere ganze Lage. Dr: Wirbel des Moskoeftroms war etwa eine Viertelmeile unmittelbar tw' uns — aber dem alltäglichen Moskoestrom nicht ähnlicher als.cher Wirb:«, den Sie jetzt sehen, einem Mühlgerinne. Wenn ich nicht gewußt bat hi.' wo wir waren und was wir zu erwarten hatten, würde ich die Stell ; überhaupt nicht erkannt haben. Bei diesem Anblick schloß ich unroiJ kürlich die Augen vor Entsetzen. Meine Lider preßten sich jujammM ] wie in einem Krampf. (Schluß folgt.) ^»ranttvortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck undDerlag:Brühl'sche Universitäts-Duch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen - I i