Gießener ZainilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <952 Freitag, den 26. Zebruar Nummer l6 Das Herz. Bon Earl Spttteler. Es kam ein Herz an einem Jahrestage vor seinen Herrn, zu weinen diese Klage: „So muß ich Jahr um Jahr denn mehr verarmen! Kein Gruß, kein Brieslein heute zum Erwärmen! Ich brauch ein Tröpslein Lieb, ein Sönnchen Huld. Ist mein der Fehler? Jst's der andern Schuld? Hab jede Güte doch mit Dank erfaßt und auf die Dauer niemand je gehaßt. Noch ist kein Trauriger zu mir gekommen, der nicht ein freundlich Wort von mir vernommen. Wer weiß es besser, wie man Gift vergibt? Wer hat in Strömen so wie ich geliebt? Doch dieses eben schmeckt so grausam schnöde: Da, wo ich liebte, grinst die leerste Oede." Auf seinem Schreibtisch waltete der Herr, schaute nicht auf und sprach von ungefähr: „Ein jeder wandle einfach seine Bahn. Ob öd, ob schnöde, ei, was geht's dich an? Was tut das Feuer in der Not? Es sprüht. Was tut der Baum, den man vergißt? Er blüht. Drum übe jeder, wie er immer tut. Wasch deine Augen, schweig und bleibe gut.“ Fridolin. Bon Jakob Schaffner. Das Leben ist nichts als die Frage nach der Anpassung. Wer sich gut anpaßt, der kommt gut fort. . Sehe ich zum Beispiel unseren Fridolin an. Ihm ist >n der Wiege keineswegs gesungen worden, welcher Art Leben auf ihn wartete. Seme Wiege war ein schwankendes, luftiges Ding, um das die Seesturme brausten und Lichter und Finsternisse käinpften. Bald war sie naß, bald war sie trocken, wie das bei den Wiegen nun einmal so ist. Schwarze Flügel umflattern sie. Seine Mutter ist ein starkes weibliches Wesen von großen: Mut und bedeutender Findigkeit, aber sie hat etwas Dusteres das ihr dis Leute abgeneigt macht, ist eine Figur grau IN grau, unabhängig, scheu, mit durchdringend blickenden Augen und einer großen schnabelförmig ausgebildeten Nase. Der Bater kann kaum viel schöner sein. Ein blonder Engel wird sich nicht zu ihr gefunden haben. Ihr Sohn, eben der genannte Fridolin, ist ihr Ebenbild. Er hat ihre graue nebelhafte Figur, ihren durchdringenden Blick, ihren frechen Schnabel und sogar ihre krächzende Stimme. Er ist zudringlich und respektlos und im übrigen wie sie kühn, findig und rasch. Da er in der allerersten Jugend in ganz fremde Verhältnisse versetzt worden ist, geriet er, der Zigeuner, in die bürgerliche Ordnung. Wenn es nach der Rami ging so bewohnte er den Buchenforst, der sich zwischen unserem »)aus und der See hindehnt, den die schweren Stürme durchbrausen, den die linden Frühlingswinde durchseufzen, den der Frost der nördlichen Region krachen macht, in dem die Sommersonne sich einnistet wie das Feuer im Stroh, und in dem das Mondlicht webt und schwebt mit geisterhafter Schönheit und Einsamkeit. Das ist Fridolins Urheimat. Fridolin i|t eine Dohle aus dem Nienhagener Forst. Ein Waldarbeiter hat tbn aus dem ie*@leicfHein erstes Auftreten war überraschend. Der Junge des Waldhüters brachte ihn an, als ich eben dabei war/Tomaten »n Garten zu pflanzen. Ich steckte ihn einstweilen in eine Kiste, die in der Waschküche stand, legte ein Drahtgitter darüber, und begab mich wieder zu meiner Plantage. Das Mädchen, eine junge Riesendame von 175 Pfund und einundzwanzig Jahren, war nach dem Backer nusgegangen. Mit zwei Broten beladen kam sie ahnungslos nach chache. «obnld sie m die Waschküche trat und Fridolin etwas Lebendiges horte stieß er ein lautes Gekrächze aus, welches Klara zum Anlaß nahnh beide Brote fallen zu lassen und sich rückwärts in eine Bütte mit Seifenlauge zu sehen, die noch von der Wäsche dastand. Infolge der Begleiterscheinungen bei seinem Eintritt gab ihm meine Frau mit Recht den 'Hamen tyrioohn. Fridolin erfaßte seine neue Lage sofort, obschon letzt feste Wände seine Wiege umgaben und nicht mehr rauschende Blatter, und obwohl in seiner Umgebung Windstille und stabile Verhältnisse herrschten anstatt des bereits gewohnten Schwankens aller Beziehungen. Am zweiten ~age schon begriff er, daß nicht flatternde schwarze Flügel das Rahen der Nahrung ankündigten, sondern klingende Tritte ^ul Zementboden und ein pirolartiger Pfisf oder eine Helle menschliche stimme weiblicher Abkunft, die meiner Frau gehörte. Da er Hunger hatte, |o fragte er nicht danach, woher das Futter kam, sondern er tat das Vernünftige, schüttelte bettelnd und fordernd die Flügel und sperrte krächzend den Schlund auf, in den dann eins von uns, wer gerade des Weges kam, ein paar Brocken aufgeweichtes Weißbrot tief hineinfkopfte. Nach einer Woche war er schon so weit, daß er freudig zu krächzen begann, sobald er eins von uns in der Küche nebenan merkte. Nach vier Wochen fanden wir, es sei jetzt an der Zeit, ihm größeren Spielraum zu geben. Ich schnitt ihm die Flügel, wozu er gewaltig schimpfte und klagte, und ließ ihn laufen, wohin er wollte. Zunächst hielt er sich an uns. Da gab es ja fo viele unbekannte Räume, Abgründe, Gefahren und Verließe, drohende Gestalten und andere noch ganz undefinierbare Verhältnisse, zwischen denen es sich zurecht zu finden galt. Aber er sah, was zu tun war, untersuchte, was er brauchen und nicht brauchen konnte, und stellte fest, was ihn weiter brachte. Er konnte ungefähr alles brauchen, wie sich bald zeigte. Sobald er herausgebracht hatte, daß Wesen unserer Art sich zu beschäftigen pflegen, macht er sich daran, sich zu beteiligen. Pahlten die Frauen Erbsen aus, so holte er sich still und emsig eine Schote nach der anderen und brachte sie in Sicherheit, so daß er schließlich ungefähr die Hälfte auf seiner Seite hatte. Blieb ihm Zeit dazu, so setzte er sich oben auf seinen Haufen und gab sich der Stimmung hin, die man nach ordentlich vollbrachter Arbeit hat. Gern saß er auf dem Rand des Kohlenkastens neben dem warmen Herd. Früh entwickelte er eine Leidenschaft dafür, sich im vollen Schweineeimer vom Rand herab zu baden, wobei er auch einmal hineinfiel. Dann zeterte er laut und durchdringend und wurde gerettet, worauf er unzufrieden und etwas verwirrt weglief, weil es nicht nach feinen Berechnungen abgegangen war. Am nächsten Tage badete er wieder. Später ging er dazu über, jedes flachere Gefäß, daß mit Wasser gefüllt irgendwo stand, für feine Zwecke mit Beschlag zu belegen. Natürlich versah er alle Böden mit seiner Interpunktion. Es waren keine übermäßig großen Ablagen, eben so, wie ein Vogel feiner Art sie der Erde schuldet. Aber Klara verlangte von ihm fliegenartige Ausscheidungen, und da er an den Gebräuchen feiner Sippe festhielt, so begann sie ihn aus der Küche zu jagen. Schließlich lief er schon, wenn sie nur schimpfte. Er war ein Dieb von Geburt, er stahl, was nicht niet- und nagelfest war, Gabeln, Messer, Löffel, Nadeln, Bleistifte, Manschettenknöpfe; alles, was Glanz oder Farbe hat und zu bewegen ist, das zieht er in den Kreis feiner Unternehmungen. Steht irgendwo ein zugedeckter Topf, und der Deckel mag noch so schwer sein, so schiebt er den frechen unverzagten Schnabel darunter: ein Stoß, ein Ruck, der Deckel fällt herunter, und er steht droben, um den Inhalt zu untersuchen. Findet er Kartoffeln, Milch ober Gemüse darin, so bedient er sich. In dem Idyll seines Daseins sand er aber auch Figuren, die ey als bedrohlich und mit Vorsicht zu behandeln erkannte. Da gab es ein ebenfalls graues Wesen mit leisen schleichenden Bewegungen, ein dreijähriger Angora-Kater, der auf den Namen Murr ober Murribus hört. Den grauen Vogel sehen, sich langsam zur Betrachtung nieberbucten und bann' erwägend' mit der Schwanzspitze zu wippen anfangen: das alles war ein vollkommen richtiges Benehmen für eine Katze von Temperament und Charakter. Fridolin stellte sich hoch auf die Beine und machte einen langen Hals. Dann begann er langsam von dem langhaarigen Bruder in der Richtung auf uns zu abzurllcken. Da wir dabei standen, erwuchs ihm keine unmittelbare Gefahr, und das ganze war auch nur auf eine Jnstruktionsstunde für den Kater angelegt. „Murr!“ liefe nun meine Frau ihre Stimme ertönen: „Unke-steh dich!" Murribus hatte gehört und begriffen. Von da an ging er an dem neuen Hausgenossen vorbei, ohne ihn zu beachten. Weitere Feinde erschienen im Hof, als die erste Glucke mit ihrer Gefolgschaft von dottergelben Küken auftrat. Er hatte noch keinen rechten Begriff von der Artung dieser großen Kusinen. Zweifellos waren es Vogel und zwar waren es bestimmt keine Raubvogel. Dabei war er geneigt, sich vorläufig zu beruhigen. Aber Thusnelda, die große rote Glucke war keineswegs geneigt. Den kleinen, kecklich auftretenden schwarzgrauen Gesellen bemerken und sich sofort mit gesträubten Gefieder und geblähten Flügeln wie eine Fregatte auf ihn losstürzen, war eins. Er hatte gerade noch Zeit, sich Hals über Kops auf einen Haufen von Pflastersteinen hinaufzuretten. Dort saß er zwei Stunden lang, regte sich nicht und beobachtete nur die böse Bestie, die scharrend und glucksend wie ein Dämon mit ihren Jungen im Hof herumfegte. Unser Asfenpinscher ist eine Macht, die bei Fridolins Einzug noch nicht vorhanden war. Vom Vogel aus gesehen, ist er ein ebenfalls graues, wolkiges, langhaariges Großgeschöpf vom vierfachen Maß des Katers, das ewig in der Weltgeschichte herumrast, seine Nase überall hineinsteckt, fortwährend gellende Laute ausstößt, über alles hinweg rennt, überhaupt sich einer vollkommen unverständlichen Aufführung befleifeigt. niemand macht sonst so viel Lärm, wirbelt eine solche Menge Staub Freunde der Verfassung, Mähigcr der össentlichen Meinung, wir sind Bewahrer des geheiligten Palladiums des Glückes einer grohen Nation Das verstehe ich nicht, das ist reinster Quatsch. Es handelt sich zwar um den schlechtesten Satz des ganzen Ausrufs. Man muß immer leise beginnen und sich erst gegen den Schluß erhitzen. Wenn du schreibst, höre nicht auf dein Ohr, das von deiner Stimme abhängt. Zergliedere deinen Satz, zergliedere den obigen, und du wirst sehen, daß er keinen Sinn hat Ich würde zwei Seiten brauchen, um diesen Satz zu sezieren. Vor allem sagt man nicht: Mäßiger der öffentlichen Meinung. Dann sagt das Wort .Palladium' gar nichts und verlangsamt den Satz nur. Man müßte also sogen: .Freunde der Freiheit, ihr seid die Bewahrer des Glückes einer ganzen Nation'. Das ist verständlich, doch es ist nicht Napoleons erstetz Kriegskommando. Kier folgt der Hauptbries von den elf neuentdeckten, gerichtet an den Bruder Joseph, vom 22. Juli 1789: Bericht des tun 'gen Schlachten- aottes über sein erstes Kriegskommando und seine erste Waffentat. Ec schildert die Unruhen in Auxonne nach dem grohen Pariser Juli-Mtztand. Mitten aus dem Trommelwirbel, dem Waffengeklirr, dem Blutmr- qießen schreibe ich dir diesen Brief. Der Pöbel dieser Stadt, verstärkt durch eine Handvoll zugelaufener Räuber, die nur zum P undern gekommen sind, inachten sich Sonntag abend daran, die Gebäudezu zer stören wo die Beamten der Steuerpacht untergebracht sind, und plun derten das Mauthaus und mehrere Privathäuser. Man schlug den Generalmarsch und griff überall ein. Der General, der das Kommando fuhrt, befahl mir, bei ihm zu bleiben, um feine Orders zu "berbringen und ibm meine Beobachtungen mitzuteilen. Wir waren auf dem Rathaus, hier hielt er eine Ansprache an die Notabein der Stadt und lieh sie z den Massen greifen. Ich verbrachte die Nacht in einem Sessel im Salon des Generals. Jeden Augenblick bekamen wir Meldungen, daß man soeben bei diesem oder jenem plündere. Zahllos sind die Wege, die ich machen muhte, um Befehle zu überbringen und die Zuge zu »erteilen. Man wollte nicht schiehen und überhaupt mcht Zuviel Schaden anrichten. Grade das ist so mißlich! Bei Tagesdammerung wurde emes der S adt- tore eingerannt, und der Tanz begann von neuem. Der General ist 75 Jahr^ alt. Er war müde. Er befchied das Oberhaupt der Burgerfchaft zu sich unb trug den Bürgern auf, meinen Befehlen zu folgen da ich feine Absichten kenne. Nach vielem Hin und Her verhafteten wir 33Mann und setzten sie hinter Schloß und Riegel. Ich h°be ietzt .m Schloß mit 50 Mann die Wache bezogen. D,e Gefangenen befinden sich s er. Gestern abend um 11 Uhr wurde mir gemeldet, daß man wEmi Posten sturmen wolle um die Gefangenen zu befreien. So verbrachte ich die ganze Nacht in Alarmbereitschaft, die noch andauert. Man wird, glaube: ich, zwei von den Meuterern kriegsgerichtlich hangen. Das Haus Polognac 'ft in Ungnade Man soll sogar Madame ermordet, Artois verbannt, Recker zurückgerufen haben. Alles nimmt eine gute Wendung. Ich wiederhole dir was ich gesagt habe. Die Ruhe kehrt wieder. In einem Monat w i'r d v o n a l l e d e m n i ch t m e h r d i e R e d e s e , n. So daß wenn du mir jetzt die 300 Franken schickst, ich nach Paris fahren werde, um unsere Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. So lautet Napoleons erster Schlachtbericht. Der 75jährige General ist der erste in einer langen Reihe von alten Generalen, mit denen er es zu tun bekommen wird. Früy lernte er den Umgang mit Generalen, früh auch die Verantwortung. Er läßt durchblicken, daß er nach dem eigenen Kopf handelt; nicht ganz: ginge es nach ihnsi er wurdc: wohl schießen lassen, wie er im Vendemicure auf die Pariser Royalisten schießen lassen wird. Seine Partei ist die der Bürger. Ihre Sache ist die gute, ihre Feinde sind die Meuterer. Die gute Sache marschiert. In einem Monat wird es weder Hofkabalen noch Meuterer geben, in einem Monat, also im September 1789 wird Ruhe sein! Rezept für einen guten Wahlaufruf. Die Buonapartes sind Franzosenfreunde und Freiheitsfreunde Joseph Buonaparte ist zum Vorsitzenden des Bezirkes Ajaccio auf Korsika gewählt worden. Er schickt seinen Wahlaufruf an den Bruder. Man höre dessen literarische Kritik: „Ich habe deinen Wahlaufruf gelesen ... Er enthalt Gutes, aber er versinkt in einen Wust von Unnützem und pedantischen Stilbluten. Mein Freund, du hast noch viel zu lernen. Dein Stil zerstießt zu sehr, er ist zu lose. Ihm sehlt es an Kraft und Nerv. Einen Mann der Geschäfte muß er gähnen machen. Ein anderer Fehler ist, daß man steht, du sogst nach ausgefallenen Worten, die dem Sinn nicht genau entsprechen. Hotte dein Ausruf statt vier Seiten nur eine halbe, er wäre vortrefflich. Die paar Gedanken, die er enthält, tun der Sache Genüge, nicht aber deinen Worten und Sätzen. Ueberbies sind die Wendungen unklar, weil sie nicht einfach und weil die Satzsügung unnatürlich ist! Lies doch, mein Freund, die Ansprache an die Franzosen des Bischofs von Autun (Talleyrand') lies den Brief, den der Iakobinerklub vor zwei Monaten herausgesandt hat: er ist einfad); das sind nicht Phrafen, das sind ine Unbekannter Napoleon. E,f neueuldeckle Briefe des Leutnants Buonaparte. Von Emst L o r f y. „Mitten aus dem Trommelwirbel dem Waffengeklirr betn Blutvergießen schreibe ich bir diesen Brief. Der Pobel dieser Stadt ... Mn-c ist bas? Das ist der erste Satz aus Napoleons Bries über feine erst^Schiacht Toulon? Italien? Keine Spur! Der Brief ist dasiert Auxonne Juli 1789. Ein unbekannter Bries, eine unbekannte Schlacht. H-! S'ä N WiSL »L"Lr^ch,°L°'-:pn DL"»-. 8L8 "ÄÄÄ «Ä «2* SfiS La Fere, fein 20. Lebensjahr vollendet hatte. ---EMDM-M ar erlauben will, kommt es zu einem kurzen Verkehr, die M N knurri fchwarzgrauer Nähbeutel mit Beinen. . Mit dem Frühling wird er noch selbständiger. Er geht setzt allem nh menn er di warm gearbeitet hat, so kommt er gerannt und stürzt lldi ins Trinkwasse? der Hühner, um zu baden, so daß er nachher nur noch aussieht wie ein herumhüpsender zusammengeballter nasser Topf- l0Pgür die Hühner kommt übrigens die Rache Ich erstelleHm $jof einen Saun der dem Federvieh nur einen ganz bestimmten Paß laßt Sie müssen dazu etwas hoch fliegen und bann durch eine Oeffnung gehe . Dort stellt sick> Fridolin auf, etwas oberhalb des Durchganges, unb lebe Henn^ d!e nun passieren will oder wegen bes Eierlegens muß, wirb nicht ungestraft gezaust. Aber auch über ihn kommt die Rache. Durch den Sommer hat er feine Unternehmungen weit über bie ganze Umgegend ausgebreitet. E slieat über die Felder und sieht den Leuten beim Arbeiten zu. Und wo ^er kann da beißt er die Kinder ein bißchen in die nackten Beme^ Eines Tones fanden wir ihn empört und traurig mit grobgeschmttenen Fkugeln aus dem Saun sitzen. Eine Nachbarin, die das Spiel wohl trumm nahm, weil sie keinen Spaß verstand, hatte ihn gegriffen und ihm die ®4rom9?,n so kurz abgehauen daß Blut aus den Feberpofen floß. Er- wird ernstlich Schmerzen ausgestanden haben unb war em paar -tage sehr zar lich unb besonders anhänglich. . . Aber bann ersieht er sich bie weihen Angorakaninchen, d,e frei ,m eingezäunten Hof herum hoppeln. Sie furchten üw Nicht unb furchtet sie noch weniger. Nachdem er sie lange genug beobachtet hat tommt er auch ihnen gegenüber zur Ausbildung -mer methodischen Untechaltung Wenn ein Kaninchen recht hübsch und breit an einem Kohlblan sitzt, so spaziert er von hinten an unb bohrt ihm blitzschnell den in den Rücken. Das Kaninchen hoppelt em wenig weiter mid er laßt er zur Ruhe kommen, während er schnell nach Krähen sichert. Dann geht er mit seinen dünnen bronzenen Beinchen schnell wieder vor, tut einen guten Schnabelstoß, unb bas Kaninchen hoppelt w"'erErwartet, beinelt ihm nach, und so kann bas eine halbe Stunde lang gehen. Wenn er auf meinen Schultern sitzt, so liebt er es, wich in die Ohren zu zwicken, mir das Haar zu untersuchen und mir an den Fingern zu knabbern. Wird er gesucht unb gerufen, so gibt er Laut und kommt von weit her gehüpft. Wenn er seinerseits etwas will, so sucht er sich ba aufzubauen, wo man ihn bemerken kann, und gibt Laut. Wenn id) abends vor dem Schlafengehen mich in der Küche uberzeuge ob er auch auf seiner Stange im Bauer hockt und ihn, wenn man ihn vergessen hat, vielleicht hineinsetze, so läßt er Mich nie g^bn, ohne gute Rach gesagt zu habe». Es ist das ein kurzes kameradschaftliches Krächzen der Zufriedenheit mit mir und des Vertrauens, bas mir keineswegs unwichtig ist. Hat er sich irgenbroo verklemmt, unb man sucht ibn, so kann es so spät in der Nacht sein, wie es will — er meldet sich, wenn man ihn anrust. Er ist sehr neugierig. Er mag im Garten sitzen, wo er will: nagle ich im Hof etwas und betreibe es nur lang genug, so wird er sicher bei mir austauchen und mittun. Er liebt es sehr, in den Stall witgenommen zu werden, wo er während des Fütterns das andere Getier, das ihm sonst nicht zu Gesicht kommt, einer Betrachtung unterzwht. Die Schweine besieht er mit dem linken Auge und dann nut dem rechten, rutscht ihnen auf der Barre unwiderstehlich angezogen naher, ist aber leben Moment aufs Ausrücken gefaßt. Der Ziege fliegt er ifhurll einmal auf be Rücken und geht gleich mit Gekrächze hoch, weil sie nicht stille Hali, nachher hat er noch lange Herzklopfen, aber er probiert es immer .wieder. Einer der größten Genüsse, die man ihm bereiten kann, 'st das Köpfchenkraulen. Sobald das Wort ausgesprochen wird, sträubt er schon das ganze Gefieder vor Vergnügen. Die Äugen nehmen einen wackern, ja geradezu lüsternen Ausdruck an, und er senkt den Kopf, um sich möglichst gründlich kraulen zu lassen. Scheint die Sonne recht schön, hat er auch bie Fliegen so weit gebändigt und keine Lust, Unfug zu treiben, auf meinem Schuh zu sitzen und mich am Rock zu zupfen, so fängt er unter der offenen Tur an zu tanzen wie ein Kranich, führt Bewegungen aus gleich einem Betrunkenen von vergnüglicher Sinnesart, und beginnt zu fingen. Von Anfang war das ein ganz zärtliches und broffelartig begeistertes heiseres Krächzen und Gurgeln ober freudenreiches Schluchzen, und dazwischen ubt er einen sehr melodischen Doppelpfiff, von dem ich nicht sicher sagen kann, ob es der Pfiff ist, mit dem ich ihn anrufe, ober eine Nachahmung des Pirols, der im nahen Wald flötet. Wie gesagt, das Leben ist die Frage nach der Anpasfung. Wer sich gut anpafit, kommt gut fort. Kräh! ganz klar in der Idee. Es ist allzu gedehnt, besonders, da es im Anfang steht. Was soll wohl die Phrase bedeuten: .Ihr seid die Bewahrer des Glücks einer großen Nation?' Bor allem stimmt das nicht. Wenn dieses Glück wirklich von ihnen abhinge, dann ginge ja alles gut. Meinst du am Ende, daß die Nation das Verderben der Feinde von ihrer Wachsamkeit zu erwarten habe ...? Ja, warum sagst du es dann nicht derb heraus, ohne eine unverständliche Phrase zu wählen? .Das Feuer der Freiheit', .In seiner Tätigkeit nicht erlahmen', ist schwach und sogar platt. Ich meine damit, daß .. Hier reißt das vergilbte Papier ab. Nielleicht hat Joseph den Rest ärgerlich zerknittert und weggeworfen. Schade, denn das Rezept ist gut: Einfachheit, Sachlichkeit, Kürze, die Ideale, die Napoleon in seinem eigenen Stil erreichte und die ihn zum einslußreichsten Stilmeister eines Jahrhunderts machen sollten. ©er Totenwächter von Basardschik. Von Hans T r ö b st. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Schade, daß Edgar Allan Poe oder E. T. A. Hofsmann niemals dieses Basardschik besucht haben! Sie hätten sicherlich nicht versäumt, dem merkwürdigen Totenwüchter, der dort auf dem bulgarisch-türkisch-jüdisch-rumü- nischen Heldenfriedhof die Wache hielt, ein literarisches Denkmal zu fetze», das sich den phantastischsten Schöpfungen dieser phantastischen Männer ebenbürtig an die Seite gereiht hätte. Leider bin ich kein Hoffmann oder Poe, sonst hätte auch ich sicherlich diesen „Besuch im Beinhaus" zu einer mitternächtlichen, grausigen Groteske, mit dem gespenstischen Wachtmeister im 'Mittelpunkte, ausgestaltet. So bleibt mir nur übrig, nüchtern und sachlich zu erzählen und zu berichten, was ich gesehen habe. Ding dann jeder sich sein Teil dazu denken und die Geschichte weiter ausspinnen. Wie Poe oder Hossmann es getan haben wurde. * Um die Mittagsstunde war ich "mit dem Auto in diesem reizlosen Basardschik angekommen, das nicht schöner und nicht häßlicher ist, als alle anöeren Dobrudscha-Städte und das einen sonderbaren Mischmasch von türkisch-bulgarisch tatarisch-rumänischer Architektur und Kultur darstellt. Zunächst hatte ich einen Bummel durch die baumlose, schlammige, im Sommer sicher unerträglich heiße Stadt gemacht, hatte das Kriegerdenkmal bewundert, die grellen Kinoplakate studiert und war dann im türki- chen Viertel herumgestromert, wo in den engsten winkligen Gassen die Frauen noch tief verschleiert herumhuschen. Hier philosophierte ich etwas mit einem uralten tatarischen Bettler, der schon von weitem bei meinem Anblick freudig erregt ausgerufen hatte: „Ha! Welch frommen Mann erblicken meine erfreuten Augen! Er wird mir sicherlich ein Bairam Backschi sch geben!" — Ich hatte es ihm gegeben, den Segen des Weltenbaumeisters auf mich herabflehen lassen und war schließlich in einer kleinen, windschiefen Spelunke, einem mazedonischen Kaffeehaufe gelandet, wo die Gäste, „alles sehr liebe Leute", jeden Eintretenden kritisch auf seine Wur- digkeit, erstochen, erschossen oder „gesprengt" zu werden, abzuschätzen schienen. Der dicke Wirt brachte mir eine Schale schwarzen, glutheißen Kassees, blies eine Tabakwolke über mich hinweg und fragte mich aus nach Nam und Art und Zweck und Ziel. Er lobte die Schönheit feiner Stadt, zählte die Sehenswürdigkeiten auf, fragte, ob ich am Abend das Kino zu besuchen gedächte, wo man einen Film aus Deutschland zeige und kam zum Schluß aus den Heldensriedhof zu sprechen. Deutsche Soldaten lagen dort zwar nicht, aber er sei einer der prächtigsten in der ganzen Dobrudscha und seinerzeit von den Deutschen angelegt, als diese mit Mackensen Ton auf dem ersten „e" — hier durchgezogen feien. Schön! Ich trank meinen Kaffee aus und wanderte langsam an großen Holzlagern und Delrefernoiren vorbei, vor die Tore der Stadt. Neugierig bestaunt von kleinen Kindern, die Mund und Nase aussperrten, auch die alten Händler traten aus ihren Kramläden heraus und sahen mir kopte schüttelnd nach. Fremde scheint es nur sehr wenige zu geben, Die sich nach diesem Basardschik verirren ... _ . , , . Bald war ich am Ziel: eine im Kapellenstil gehaltene Toreinfahrt bildete den Eingang zu dem großen Soldatenfriedhof, wo sich unabsehbar die Steinkreuze und Stelen auf niedrigen, kahlen ®rabf)ugeln dehnten. Unter diesem Torweg stand ein untersetzter, sehniger Mann mit tiefge- surchten Zügen, Er trug hohe Stiefel, eine grünlich verblichene Kommiß- hose und ein dunkelfarbiges rauhes Wollhemd darüber. Man sah ihm aus hundert Meter den altgedienten Wachtmeister ober Feldwebel der guten Vorkriegsausgabe an, dem überdies ein zehnjähriger Krieg testen unauslöschlichen, unverkennbaren Sonderstempel aufgedrückt hatte. Merkwürdig ... aber ich fühlte mich sofort zu diesem ausgedörrten Rumänen, der aus dem „Alt-Reich" zu stammen schien, hingezogen Ehe wir nur ein Won miteinander gesprochen hatten, war bereits ein unerklärlicher Konnex Zwischen uns hergestellt. Fast schien es, als habe er mich hier erwartet: er trat auf mich zu, in jener halb strammen, halb legeren Haltung, die jeder Soldat anzunehmen pflegt, wenn er mit einem Menschen spricht, in dem er einen „Vorgesetzten in Zivil" vermutet und fragte ob er mir feinen Friedhof zeigen Dürfe. Jetzt sähe er zwar noch recht traurig aus ober die Regierung habe kürzlich Gelder bewilligt und bald könne er enfangen, Blumen zu pflanzen und alles auf das schönste herzurichten ... Gemeinsam wanderten wir über den großen Friedhof, der em Gräuel - Hostes Zeugnis ablegt von den erbitterten Kämpfen, die die Molker de - einst um diele Dobrudscha geführt haben. Zuvorderst logen an die zwanzig bulgarische Offiziere, dahinter die Soldaten, jedes Grab mit einem Sle,n> kreuz geschmückt. In der zweiten Stössel die Juden, aus deren Hutzeln Obelisken ober Stelen mit hebräischem Tert standen, darüber der David- flern. Es folgten in langen Reihen die Türken: vor der ^™nf roieber die Offiziere, dahinter zahllose Massengräber deren halbnwndgeschinuckte Denksteine nur vermeldeten, daß hier die „unbekannten turkilchen Jrieg ruhen. Dann kamen die Rumänien .. auch die Russen fehlten aus diese merkwürdigen Friedhof nicht, der friedlich alle Volker und Rassen ver- einte, die einst um die friedlose Dobrudscha gerungen ... Der Alte ging an meinen Unten Seite, einen halben Schritt rückwärts geftaffelt, wie es die alten Wachtmeister oder Feldwebel zu tun pflegen, und erzählte von feinen Feldzügen. Balkankrieg, Weltkrieg ... zehn lange Jahre war er nicht daheim gewesen . . Plötzlich standen wir vor der Friedhofskapelle. Mein Begleiter schloß auf. Eine Kapelle wie jede andere: Altor, vergilbte Kränze mit verblichenen Schleifen, viele Heiligenbilder ... in der Ecke eine in die Tiefe führende steinerne Wendeltreppe ... langsam stiegen wir hinab. Schon im nächsten Augenblick prallte ich erschrocken zurück: Im Zwielicht des Spätnachmittags, das den Keller in ein seltsames, magisch gedämpftes Licht hüllte, sah ich an den Wänden mächtige Schränke mit gläsernen Türen stehen. Jeder Schrank batte zahlreiche Querbretter, alle sauber mit bunten Papieren ausgelegt. Auf diesen Brettern standen Köpfe. Lauter Köpfe. Hunderte von Köpfen. Einer neben dem andern. Schneeweiße Totenschädel. Davor zwei große Kisten aus Glas, gefüllt mit Arm- und Beinknochen, mit Oberschenkeln, Gelenken und Schulterblättern. Modergeruch über dem ganzen ... verwesende Blumen ... Stille des Todes. Nur zögernd trat ich mit dem alten Wachtmeister an den rechten Flügel der schauerlichen Schrankgalerie heran. „Das find meine Toten", sagte er. „Die Bauern bringen mir die Köpfe, wenn sie im Acker pflügen. Ich sorge für alle diese Stopfe. Am Heldengedenktage, wenn die Priester aller Religionen hierherkommen, um zu beten, wasche ich sie mit Spiritus und taufe neues Papier für die Unterlagen. Denn man muß auch für die toten Soldaten sorgen. Niemand kennt sie.- Aber ich kenne sie alle." Unwillkürlich sah ich mir den alten, seltsamen Wachtmeister näher an. Glimmte nicht etwa der Wahnsinn in seinen Augen?? „Seht, Herr", sagte er plötzlich, r,bas hier war ein Bulgare ..." und Dabei zeigte er auf den zweiten Schädel von rechts. Es klang mißbilligend und verächtlich. Als wollte er sagen: „Selben sich Herr Hauptmann mal diesen Mann hier an! Er hat sich schon wieder die Stiefel nicht gepulst." „Das hier war ein Türke" ... der Wachtmeister stellte es fast zärtlich fest. Denn die Türken mar en die menschlichsten im unmenschlichen Kampf um die Dobrudscha gewesen. Fast von jedem Schädel wußte der Wachtmeister irgendeine Geschichte zu erzählen, als wir beide langsam die Front dieser Toten abschritten. Immer, wenn ich einen Augenblick stehen blieb, nahm der Alte an meiner Seite die Hacken zusammen, und wenn ich fragte, antwortete er kurz, knapp und militärisch. „Wie merkwürdig ist doch das Sieben!" dachte ich. Jetzt gehst du mit einem rumänischen Feldwebel die Front einer toten Kompanie entlang und er redet und spricht zu dir mit der gleichen Sachlichkeit, wie einst ein anderer Feldwebel, mit dem zusammen du jo oft die Front der Lebenden abgeschritten hast ... Merkwürdig, zwischen dem Wachtmeister und seinen Stopfen schien irgendein persönlicher Stornier zu bestehen, er kannte jeden einzelnen so genau, wie ein Kind seine Zinnsoldaten. Die tote Kompanie bildete dem obgedankten Wachtmeister vielleicht ein Ersatz für die lebende von einst. Weil er für die Lebenden nicht mehr sorgen konnte, seitdem der Frieden gekommen war, sorgte er jetzt für die Toten. Wusch die Stopfe mit Spiritus, richtete sie aus. Besorgte ihnen neue Uniformen in Gestalt bunter Papierunterlagen ... sprach mit ihnen ... schauerlicher Gedanke! Er war sehr stolz auf feine Kompanie, dieser Wachtmeister. Jeder Kopf war ohne Fehl. Nirgends fehlte ein Zahn oder ein Kiefer. Denn die andern Stopfe, „bei bereit Anblick die Frauen zu meinen beginnen", hatte er ausrangiert und abseits in einen besonderen Schrank gestellt, den er nur den kriegserfahrenen Männern zeigte. Weil diese eingeschlagenen, zertrümmerten Schädel das „gleichmäßige Bild" gestört hüllen. Schweigend traten wir in die Mille des Raums. Die Hunderte von Stopfen in den gläsernen Schränken sahen uns starr mit „Augen-gerade- aus" an. Als warteten sie auf irgendein Kommando. „Der Herr ist ein Deutscher? Der Herr ist vielleicht auch im Kriege gewesen? Der Sjerr ist vielleicht sogar Offizier gewesen? ..." begann der unheimliche Wachtmeister plötzlich eine Art von Selbstgespräch. ,Der Krieg ist schlimm." Und wieder sah er seine Stopfe an. „Man weiß wirklich nicht ob es nicht besser ist, seinen Stopf auch in diesen Schrank zu stellen, statt ihn noch weiter mit sich herumzutragen. Platz habe ich noch V?ich begann es auf einmal in der Grabeslust zu frösteln. Zwiespältiger Gesichte voll, drückte ich dem seltsamen Totenwächter die Hand und stieg mit immer rascher werdenden Schritten die steinerne Wendeltreppe hinauf Oben drehte ich mich noch einmal um. Der Alte stand noch immer vor seiner „Kompanie" und die Schübel sahen ihn starr, wie unter „Stillgeftanbcn", an. Als warteten sie auf bas befreienbe Kommanbo: "WegtretenI" ... Stine. Roman von Theodor Fontane. (Fortsetzung.) Siebentes Kapitel. Der nächste Tag verging, ohne daß sich die Schwestern auch nur gesehen hätten: die Pitlelkow halte wieder Ordnung zu schlissen, und Stine sollte bis Samstag noch eine große Rahmenstickerei nbliefern. Und still und ohne Begegnung wie der erste Tag schien auch der zweite vergehen zu sollen. Niemand kam zu Stine hinaus, und diese — nachdem Olga den Drücker gebracht halte — wußte nur das eine, daß ihre Schwester Pauline mit beiden Kindern in die Stabt gegangen fei Langsam schwanden die Stunden, und die niedergehende Sonne hing schon tief zwischen den zwei Türmen des Hamburger Bahnhofs, als ein elegant gekleideter Herr die Jnvalidenstraße heraufkam und in Nähe des von Stine bewohnten Hauses eine Häusermusterung begann. Es war der junge Graf, der, seinem Sehen und Suchen nach zu schließen, die Pittelkowsche Hausnummer samt ihrem a, b, c vergessen haben mußte, trvtzaber darauf rechnete, sich in dem Wirrwarr zurechtzufinden. Und, sei's nun aus Zufall ober mit Hilfe kleiner Zeichen, er traf es wirklich, und als er gleich danach auf dem ersten Treppenslur „Witwe Pittel- aus ihr Zimmer zu. * anders' sein. Denn die, die heute nicht." Er hatte sich, während er diese letzten Worte sprach, erhoben und sah, seine Hand auf Stines Stuhl lehnend, in den Sonnenball, der eben zwischen den nach Westen stehenden Bäumen des Jnvalidenparks niederging. Alles schwamm in einem goldenen Schimmer, und das Schweigen, in das er verfiel, zeigte, daß er auf Augenblicke von nichts als von der Schönheit des sich vor ihm auftuenden Bildes hingenommen war. Endlich aber nahm er sich Stines Hand und sagte: „Was hab ich da gesprochen von Freiheit geben und Sie wieder losmachen wollen! Geben Sie mir keine Antwort darauf! Alles falsch und eingebildet und töricht zu. Weil ich mich selber hilfebedürftig fühle, war ich wohl des Glaubens, Sie müßten auch hilfebedürftig fein. Aber ich empfinde mit einem Male, daß Sie's nicht sind, daß Sie's nicht fein können." dem ihm eigentümlich elegischen Tone Kranksein, das eigentlich von Jugend hat auch seine Borteile; man kriegt Fingerspitzen und fühlt es den Men- sie glücklich sind oder nicht. Und mit« die Menschen wohnen. Und hier lehren aut mein Lebensberuf war, es allerlei Nerven in seinen zehn scheu und Verhältnissen ab, ob unter sogar den Räumen, darin 9tG Jhtb doch sagte sie mir, als ich vorgestern nach Olga fragte: .Danach dürfen Sie nicht fragen. Einen Vater hat sie, das ist gewiß. Aber mehr kann ich Ihnen nicht sagen.'" (Fortsetzung folgt.) Stine lächelte vor sich hin. Der junge Graf aber, der es nicht sah oder nicht.sehen wollte, fuhr in " ‘ ' ' ' ■ fort: „Ja, Fräulein Stine, das e Ge V verurtellen und d e mitunter lieber schweigen sollten), dae. sind ganz anders darüber. Wie das?" Ja das ist schwer zu sagen, aber es ist so und kann auch kaum mellten) und reden und spotten, daß man was Apartes fein wolle. ,.li 7enkt wohl, sie fei es.' Ach, wie oft hab ich das Horen muffen! „Welche Berworrenheit der Begriffe!" x !0 nennen Sie’s, und ich mag nicht widersprechen Aber dieselben Leute die so verworren scheinen, sind auch Wiederkehr hell und halten auk Vflickt wo sie sich aus freien Stücken verpflichtet Haden. Und das gleicht manches wieder aus. Reden ihrem bloßen Gerede, das tjeute fo üt und morgen so, gibt es auch was, das ihnen feststeht, und das ist das Kort und die Zusage. Mit dein .sich gut halten f°lan9.e main fr« ft tann man'- am Ende halten, roie man will; aber nut dem Kontrakte 2 mnn’6 halten wie man soll. Was ich übernehme, das gilt, und Ehrlichkeit ift die Hauptsache geworden. Und so kann es einer armen Zau passieren, sn einem Verhältnis, das nicht löblich ist, doch noch ge- Und dieses Vorzuges genießt Ihre Schwester? . , "Ja. Daß sie das Verhältnis hat, ist ihr kein Lob, aber bei der großen Mehrzahl auch keine Schande. Die arme Frau, so sagen sie, He Hatt tteb« anders Aber stt muß. Und Muh ist eint harte Nuß. Und so iätzt man sie's nicht entgelten und fordert nur das eine von ihr, daß sie was" sie versprochen, auch respektiere. Wanda darf tun unb la en, mäs sie will meine Schwester Pauline darf es nichtz Die muß hatten, 7°zu sie sich verpflichtet, und ich darf Ihnen versichern, es wird ge- ^Olt*Unb in das alles hat sich Ihre Schwester hineingefunden? Vielleicht Doch nicht^lelcht. Eher schwer. Aber, die Wahrheit zu gestehen, nicht schwer von Tugend wegen (davon will sie nichts wissen) sondern nur beshalb wett ihr, von Natur, an einem Leben nichts liegt, wie sie s zu führen gezwungen ist. Meine Schwester ist arbeitsam und ordentlich und ganz ohne Passion. Wenigstens» hat sie mir das hundertmal versichert. „Und aufrichtig?" Wer sieht ins Herz? Aber ich glaube: ganz aufrichtig. Und wenn Sie" meine Schwester so gut kennten wie ich, so wurden Sie s auch Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Vrühl'sche Univers itäts.Vuch. und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.