*nträto üte nb* !ltWi in muh!1 % “ftÄ vlkyne W akn barai» deckt« in oom ^Qnw Seme Ach GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger )ahrgangl9Z2 Freitag, den 25.November Nummer92 «fiung. Sn inb mdbete in der L» Micher Ae men Wen tete sich «in । der Arm en allen jii l -em M V hin. z, pnnz Noch l«de-nl«P von seinen er«, -ie i» ijmen: „Bol «ch eins |ier von dei ufrichtia 6e sein Leim Oie Beiden. Von Hugo von Hofmannsthal. Sie trug den Becher in der Hand, ihr Kinn und Mund glich seinem Rand. So leicht und sicher war ihr Gang, kein Tropfen aus dem Decher sprang. So leicht und fest war sein« Hand: Er saß auf einem jungen Pferde, und mit nachlässiger Gebärde erzwang er, daß es zitternd stand. Jedoch, wenn er aus ihrer Hand den leichten Becher nehmen sollt«, so war es beiden allzuschwer: denn beide bebten sie so sehr, daß keine Hand die andre fand und dunkler Wein am Boden rollt«. 'ritt *$5 Ä it 8 !«'|fl > lebe oei« le Stirn« ' Und Hi nirbe iw erregt, i* i der M ,re MeM rin, ein y eutnnnt * enst seil * den W werde, l» vbBG n von * > Ne »* W'» von &“■ ,x ans W hat in <* W» K6 K°s n W« 1 Stieg * t!" ,w andle, * ls «*£ -chl^Z. r lfil« , Erste Liebe. Von Max Halbe. Max Halbe, der Dichter der .Lugend" erzählt unter dem Titel „Scholle und Schicksal" die Geschichte seines Lebens. Mit Erlaubnis des Verlags Knorr & Hirth, München, entnehmen wir dem gut ausgestatteten Band (5,50 RM., Leinen 7,30 RM.) die schlichte Erzählung seiner ersten Liebe, die der Vorwurf seines so erfolgreichen Dramas „Jugend" werden sollte. Wenn ich ein Bild meiner Kusine Adele geben soll, so ist es wohl das Beste, es mit den Worten zu tun, die sich mir über sie aufdrängten, als ich vor neunundreißig Jahren mein Drama „Jugend" schrieb. Es war damals feit jenem ersten Besuch in ©nebenan (Rosenau) erst neun Jahre her, ich hatte sie inzwischen ein paar Mal gesehen, ihr Bild stand noch in starken Lebensfarben vor meiner Phantasie. Ich könnte es heute gewiß nicht ähnlicher, nicht treffender malen, als ich es damals tat. Ich folgte also jener Beschreibung aus jungen Tagen. Sie lautete: „Annchen, seine (des Pfarrers) Nichte. Sie ist achtzehn Jahre alt. Ihre braunen Augen sind leicht verschleiert. Das aschblonde Haar fällt kraus und wirr in die Stirn. Es ist slawischer Schlag, das Gesicht rundlich, eine warme Fülle des Wuchses, naive Sinnlichkeit, etwas Empfangendes, weich Weibliches, Hingegebenes. Auch in der Art, wie sie sich trägt, gibt sich etwas Schmiegsames, Biegsames. Sie liebt bunte Farben. Um den Hals hat sie an einer Schnur ein kleines goldenes Kreuz." Dies also war Kusine Adele, das Annchen der „Jugend", dessen Urbild sie war. Ich kam mir vom ersten Augenblick an, den ich im Psarrhof von Skiebenau zubrachte, wie verzaubert vor. Vielleicht war ich es schon die zanze Nacht gewesen und auch den Abend vorher, in dunkler Erwartung von etwas Besonderem, das mir bevorstehe. Aber was war es, das jetzt mit mir geschah? Das Besonderste und das Natürlichste, das es auf der Welt gibt, beides zugleich: die Liebe. Das große Wunder war über mich jefommen. Es war in mein Leben getreten, wie Geburt und Tod und alles Große und im Grunde Einmalige (trotz aller Wiederholung) m unser Leben zu treten pflegen: ganz einfach, ganz schlicht, ganz |elbft= verständlich und gerade durch seine Einfachheit, durch seine Selbstverständlichkeit am überzeugendsten. Wenn ich mir heute den Zustand zuruckruse, in dem ich mich damals als noch nicht Achtzehnjähriger befand, und mir He Frage vorlege, wie er an dieser Stelle, im Rahmen meiner Sehens- Erinnerungen, am besten sinnfällig zu machen und in ein Bild zu bringen lei, nachdem ich ihm doch bereits vor vierzig Jahren seine endgültige lichterische Gestalt verliehen habe, so kann die Antwort nur lauten, bafe •uf meiner heutigen Warte mir Selbstbescheidung geziemt. Jeder Verlach, „Jugend" noch einmal in erzählender Form schreiben zu wollen, färe sinnlos und müßte mißlingen. Ich kann nichts tun, ww mir scheint, Hs einfach berichten, was geschah, und muß auf >edes Beiwerk vzch. Sielleicht fügt sich aus solchen Farben unb Ionen ein Bild zusammen, •ns den Reiz des Erlebnisses und der Wirklichkeit besitzt. . Es war äußerlich wenig genug, was geschah. Alles war nachi innen drängt, war Stimmung des Augenblicks unausgesprochenes Ge uhl »ar bereites Schweigen, hastiges, stockendes Wort. Der dramatis-ye Rowr fehlte, der das Drama „Jugend in Bewegung setzt. Wir waren Minter nur drei im Psarrhof. der Onkel, Adele und ich. Vielleicht hantierte «och eine Maruschka bei den Kochtöpfen Ich ^innere mich ihrer mchtz Zber das Entscheidende: es war kein Kaplan «nd kein Amandu- d.. eie sind erst lange Jahre später, als alles nur noch Melancholie und Erinnerung war, in die dramatische Vision eingetreten, haben ihr die markanten Diagonalen gegeben. In jenem Psarrhof zu Griebenau ift_ kein Kampf, kein Auseinanderfetzen gemefen, kein hartes oder böses Wort einander bestreitender Weltanschauungen ist gefallen. Höchstens einmal ein kleiner Zank hat stattgehabt, wie es unter Liebenden Brauch, seitdem die Welt besteht, und wie er zur Würze der Liebe gehört. Ansonsten war nichts in uns und um uns als schnell wirkender Zauber, den jeder vom Munde des andern trank. Versunkensein Auge in Auge, Blick in Blick, hin- gegebener Genuß der niemals wiederkehrenden Stunde, viel Kuchen, Kaffee und Ungarwein, Klavierspiel, Gesang und Wagenfahrten und erstes Frühllngsahnen. Ich hatte nur drei Tage für Griebenau Zeit. Dies war von vornherein beschlossen, stand unzweifelhaft fest. Am vierten Tage mußte ich zum achtzigsten Geburtstage des Großvaters wieder in Dirschau sein. Vielleicht lag es an diesem strengen Zeitrahmen, daß alles sich so zu- sammendrängte und damit Das dramatische Tempo annahm, das der Handlung im übrigen fehlte. An jenem ersten Morgen gesellte ich mich, wie ich ging und stand, zu Onkel und Kusine an den Kaiseetisch. Nicht lange, und der Onkel wurde abgerufen. Ein Sterbender in einem fern gelegenen Dorf der Pfarrei verlangte geistlichen Zuspruch. Wir beiden Achtzehnjährigen waren allein. Adele und ich. Cs war ein verschleierter Vorfrühlingstag, nicht sonnenhell und nicht ganz trübe: die Stimmung, die jener schwermütigen Landschaft am besten zu Gesicht stand. Wir saßen nebeneinander auf dem Sofa und hielten uns bei den Händen. Als der Onkel gegen Mittag zurückkam, hatten wir uns alles gesagt. Aber unser Herz war dadurch nicht leichter, nur schwerer geworden. Wir hatten entdeckt, daß jeder von uns auf den andern gewartet hatte und beide alles so hatten kommen sehen, wie es jetzt gekommen war. Der Onkel fragte, ob wir uns gut unterhalten hätten. Ich glaube, wir wurden beide rot, aber Adele war gewandter als ich und half mir mit einem Scherz aus der Verlegenheit. Nachmittags spielte Adele Klavier, es war ein altes wohlklingendes Instrument, ich glaube, ein Tafelklavier: dazu fang sie mit ihrer hübschen Stimme polnische und deutsche Volkslieder, die mich tief ergriffen. Das alte „Lang lang ift's her" war auch dabei. Es gehört für mich untrennbar mit in das Bild jener drei märchenhaften Vorfrühlingstage im Pfarrhof zu Griebenau. Stets wenn ich es in einer Aufführung meiner „Jugend" erklingen höre, zieht es mich wie mit Geisterhänden zurück in das friedliche weltentlegene Pfarrhaus und die trauliche Wohnstube mit den Biedermeier-Möbein, in der ich es vor bald fünfzig Jahren zum ersten Male von den Lippen des geliebten Mädchens vernahm. Am Abend dieses ersten Tages fuhren wir im Verdeckwagen des Onkels zum Pfarrer von Nawra. Der Onkel und ich faßen rechts und links. Adele faß in der Mitte zwischen uns. Es hämmerte bereits, wurde dunkel, aber wäre es auch pechschwarze Nacht geworden, wir beiden hätten nichts dagegen gehabt. Leider war die Fahrt nur kurz. Der Pfarrer von Nawra war ein polnischer Herr, sehr liebenswürdig und verbindlich, mit dem mein Onkel, trotz des nationalen Gegensatzes, sich vortrefflich stand. Auch hier war wieder, neben Seelsorgerfragen und gutmütigem Nachbarnklatsch, Hauptthema Polnisch und Deutsch, Aber jeder Teil nahm sich sehr zusammen, dem andern nicht gar zu nahe zu treten. Ich wurde mit Interesse gewahr, daß auch der Onkel diplomatisch zugeknöpft fein konnte. Tokaier und Bordeaux beflügelten die Stimmung. Man aß vortrefflich, wie übrigens in Griebenau und überall hierzulande. Jdele spielte wieder und fang. Meine Blicke hingen an ihr. Meine Gedanken flogen in eine nebelhaft ferne, rosenrote Zukunft voraus, die doch vom nahe bevorstehenden Abschiedsschmerz bereits ins Tragische gefärbt war. Die beiden geistlichen Herren rauchten ihre Zigarren, potulierten fleißig dazu und setzten halblaut ihren amtsbrüderlichen Schwatz und Klatsch fort. Spät am Abend ging es nach Griebenau zurück. Die Fahrt erschien uns beiden noch kürzer als vorher. Der Onkel war friedlich eingenickt. Am zweiten und dritten Tage wiederholte sich alles beinahe auf die gleiche Weise wie am Tage meiner Ankunft, nur daß der Onkel nicht gerade zum Kranken fuhr, aber doch wieder durch Beruf und Amt den ganzen Vormittag serngehalten war und uns unferm Schicksal überließ. Wir steckten im Garten und Haus so viel zusammen, wie es nur ging, denn auch mein Böschen hatte ja Hausfrauenpflichten. Das erste Radieschen fand sich im Beet, die Knöspchen der Fliederzweige spitzten aus dem Gebüsch. Ich schoß mit dem Tesching nach der Scheibe. Am Abend ging es nach Unislaro zum Dekan. Dort war die große Zuckerfabrik, viel deutsche Beamte und Angestellte. Auch der Dekan war ein Deutscher, ein großer starker Mann: es hieß, daß er gelegentlich mit den Polen paktiere. Empfang und Aufnahme waren wieder von der gleichen gastfreundlichen, beinahe überströmend herzlichen Weise, die dort des Landes der Brauch. Die nächtliche Heimfahrt war diesmal von längerer Dauer. Uns erschien sie immer noch kurz genug. Der Onkel nickte in noch tieferem Frieden als gestern. 9tr letzte Tag meines Besuches im Psarrhof van Griebenau war da und zog vorüber. Noch einmal durchlebte ich wie im Traum alle die kleinen Begebnisse, die mich gestern und vorgestern beglückt und entzückt hatten. Auch das Unscheinbare wurde bedeutungsvoll. Nichtiges wandelte sich in Wichtiges, denn die Stunde des Abschieds nahte heran. Eines Abschieds wer weiß auf wie lange, vielleicht für immer und alle Zeit. So mag es dem Sterbenden zumute fein, der noch einmal fein Leben vorüberziehen und alle die kleinen Dinge, die holden Nebensächlichkeiten dieser schönen Welt wie vom Glanz der scheidenden Abendsonne vergoldet sieht. Schon seit dem ersten Augenblick war dieses Bewußtsein von der Flüchtigkeit und Unwiederbringlichkeit der uns geschenkten Stunden mir nicht von der Seite gewichene in den ersten Trunk aus dem Kelch des Glücks war schon die süße Bitternis des nahenden unentrinnlichen Abschieds gemischt gewesen. Wir beide wußten es; es war umsonst sich dagegen zu wehren. Jetzt wie die Stunden flogen, krampften sich unsere Herzen, daß wir glaubten, wir ertrügen es nicht. Aber von außen war uns nichts anzusehen. Wir gingen im Garten nebeneinander hin und lachten vergnügt, wenn wir dem brevierbetenden Onkel begegneten. Des Mittags bei Tisch wurde noch einmal das Lieblingsthema besprochen, ob Polnisch oder Deutsch. Meine Base spielte und sang: „Lang lang ift’s her". Der Onkel summte seine Leibmelodie und schlug den Takt dazu. Des Abends kamen der Dekan von Unislaw und der Pfarrer von Nawra auf Besuch zu uns. Es wurde ein kleines Fest, auch zum Abschied für mich. Zum letztenmal funkelte der Ungarwein in den Gläsern. Wir alle stießen an und tranken auf meine Studentenzeit. Gegen Mitternacht ließen die beiden geistlichen Herren anspannen und verabschiedeten sich. Der Onkel begleitete sie hinaus. Adele und ich standen im Halbdunkel des Fensters und hielten uns noch einmal umschlungen. Es wurde nicht viel gesprochen. Ich glaube, uns beiden liefen die Tränen herunter. Am nächsten Morgen um fünf Uhr fuhr ich ab. Was Spinoza für die deutsche Kultur bedeutet. Zum 300. Geburtstage des Philosophen. Von Dr. Georg Kuhn. Ein Geist, wie der S p i n o z a s, der mit Plato und Kant das leuch- tendste Dreigestirn am Himmel der Philosophie darstellt, kann in seiner Wirkung auf die Menschheit nie erlöschen. Vielmehr wird sich sein Einfluß immer mehr verstärken und vertiefen, je tiefer er im Boden der Kulturen verwurzelt ist. Wir stehen heute in einer neuen Spinoza-Renaissance, in der man sein Werk besonders in seiner religiösen Bedeutung und als 'Ausdruck feiner Zeit würdigen gelernt hat. Der Spinozismus erscheint nunmehr — besonders durch die Arbeiten von Carl Gebhardt — nicht als „metaphysische Mathematik", sondern als ein von den tiefsten und höchsten Kräften beseelter Glaube. Die internationale Spinoza- Gesellschaft, die zur Feier feines 250. Todestages das Haus im Haag, in dem er zuletzt gelebt fjat, ankaufte und zum Mittelpunkt des modernen Spinoza-Studiums machte, wirkt in dem Sinne eines lebendigen Fortwirkens der Lehre dieses genialen Denkers. Sie ist aus der modernen Geistesgeschichte und besonders aus der deutschen nicht fortzudenken. Als der stille Weife am 21. Februar 1677, mit 45 Jahren von der Schwindsucht aufgezehrt, die großen dunklen Augen zum ewigen Schlummer geschlossen, da waren seine wichtigsten Werke noch nicht veröffentlicht, und als sie aus feinem Nachlaß erschienen, lebte der Mann, den man den „Fürsten der Atheisten" nannte, zunächst gleichsam unterirdisch nur unter den Freidenkern weiter. In der Oeffentlichkeit sprach man von ihm nach Lessings Wort, wie von einem „toten Hunde". Selbst Leibniz, der einzige, dessen Höhenflug den feinen erreichte und der so viel von seinen Ideen in sein Weltbild übernahm, der ihn kurz vor seinem Tode besuchte und wenigstens seine persönliche Makellosigkeit anerkannte, bekreuzte sich vor der „grundschlechten" und „erbärmlichen" Lehre dieses irreligiösen Schriftstellers. Noch einflußreicher aber war die Verbannung seiner Philosophie durch den freigeistigen Kritiker seiner Tage, durch Pierre Bayle, der vier Jahre nach Spinozas Tode in feinem berühmten „Wörterbuch" fein System „die abscheulichste und absurdeste Hypothese, die man sich denken kann", nannte. Da erstand plötzlich, mehr als hundert Jahre nach seinem Tode, sein Geist aus dem Grabe eines anderen Großen wie eine Feuersäule auf, entfesselte den Streit der Meinungen und erleuchtete mit seinem klaren reinen Licht das größte Zeitalter unserer Kultur. Friedrich Heinrich I a • cobi, ein anregender, aber unklarer Kops, machte in feinem 1785 erschienenen Buch „lieber die Lehre des Spinoza" die überraschende Mitteilung, Lessing sei „Spinozift" gewesen. In dem Wunsche, die unheimliche Lehre des Holländers, die ihm als die „tonfequentefte" erschien, zu widerlegen, war er 1780 nach Wolfenbüttel gekommen, um bei Lessing Unterstützung zu finden, und muhte nun in langen Gesprächen, deren Wiedergabe durch Jacobi unverkennbar Lessingsche Prägung trägt, erfahren, daß der Dichter des „Nathan" sich uneingeschränkt zu der Lehre von der „Einheit alles Seins" bekannte und einen persönlichen Gottesbegrisf ablehnte. Diese Anerkennung des lange versehmten Systems wurde durch den ältesten Freund Lessings, Moses Mendelssohn, heftig bekämpft, der zwar die Reinheit des Menschen Spinozas warm würdigte, aber nie und nimmer zugeben wollte, daß Lessing sich zu dieser „Irrlehre" bekannt habe. Der so entfesselte Streit wogte nun durch ganz Deutschland. Plötzlich stand der bis dahin nur von wenigen Fachgelehrten gekannte „Jude von Amsterdam" im Mittelpunkt des Interesses. Moses starb aus Gram über die „Anklage" seines verehrten Meisters; über seinem Leichnam aber ging die Sonne des Spinozismus strahlend auf. Ein Gedicht Goethes, fein „Prometheus", hatte den zufälligen Anlaß zu Lessings Erklärung gegeben. Aus Weimar kam nun die eigentliche Ehrenrettung unb Wiedererweckung Spinozas, die weit über Jacobis verklausulierte unb im Grunb ablehnende Wertung hinausging. Herders Feuergeist geriet durch die Berührung mit dem „Heiligen Spinoza" in helle Flammen. Hatte er ihn schon in Bückeburg studiert und „weitgehende Ucbereinftimmung" gesunden, so wurde er jetzt durch Gespräche mit Jacobi, der seinen alten Freund Goethe besuchte, noch mehr in seiner Auffassung bestätigt, und sein 1787 erschienenes Buch mit dem auffälligen Titel „Gott" ist das erste leidenschaftliche, aus tiefem Verstehen geborene Bekenntnis zu Spinoza, das mit den Fehlurteilen über ihn aufräumt und den „sanftmütigen stillen Geist" nicht als Atheisten, sondern als „Schwärmer für das Dasein Gottes" erkennt. Durch Herder wird die Anschauung Spinozas „zu einem Leitfaden für die denkende Betrachtung des Universums", der in feinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte" weiter durchgeführt wurde. Durch Herder wird Spinoza zum Seelenführer der Romantik, vor allem aber Goethes. War Goethe Spinozift? Man hat diese Frage ebenso mit einem entschiedenen Ja wie mit einem schroffen Nein beantwortet, aber es genügt wohl zum Beweise für die lebenslängliche Verbundenheit des Dichters mit feinem „Herrn und Meister" auf den Ausspruch Goethes hinzuweisen, daß Spinoza neben Shakespeare und Sinne die größte Wirkung auf ihn gehabt habe. Freilich ist Goethes Spinoza-Liede gleichsam vorbestimmt in seinem Wesen. Schon als Zwanzigjähriger, da er von Spinoza nur durch Bayles Zerrbild weiß, betont er die Einheit von Gott und Natur. Als er sich in ihn vertieft, strahlt die All-Liede des Philosophen wieder in den pantheistifchen Hymnen des „Werther" unb des „Urfaust", im „Prometheus" und im „Ewigen Juden", der nach dem ursprünglichen Plan Spinoza besuchen sollte. Ein neues Spinoza-Studium Goethes beginnt bann in Weimar gemeinsam mit Herber, bas in bem Bekenntnis bes jebenfaUs von Goethe angeregten Aufsatzes „Natur" sich zuerst offenbart. Begeistert begrüßt er von Rom aus Herders „Gott", dieses Büchlein „voll würdiger Gottesgedanken", als „liebwertestes Evangelium" und nennt den Philosophen den „christlichsten" und „gott- erfüUteften". 1812 kehrt Goethe noch einmal zu Spinoza zurück, um in ihm „zu leben und zu weben". Aber nicht dieses öftere Studium ist das Entscheidende, sondern die Durchdringung seiner ganzen Weltanschauung, Forschung und Dichtung mit dem Geist Spinozas, die er selbst in der Einleitung zum vierten Buch von „Dichtung und Wahrheit" hervorgehoben hat. Die Ueberzeugung von dem Wirken der Natur nach ewigen, notwendigen, göttlichen Gesetzen, das Gefühl, ein Teil dieser Natur zu [ein und in ihr zu handeln, ein lebensfreudiges Entsagen — das find wesentliche Züge seiner Stellung zum Dasein, die er Spinoza verdankte. Dabei hat er — wie schon Lessing und Herder — manches seiner Lehre, das Rationalistische, Passive, Unpersönliche, abgelehnt und ist mehr Leibniz und dem von Spinoza berührten englischen Pantheisten S h a f t e s = bürg gefolgt, aber durch sein Schaffen erhielt die ganze deutsche Dichtung eine spinozistifche Prägung, die ihr unverlierbar ist. Goethe ist nicht der „Spinoza der Poesie", wie ihn Heine genannt hat, aber das all- beseelende Naturgefühl dieser Lehre durchflutet seitdem wie ein befruchtender Golfstrom unsre Dichtung. Die Bahnen zweier gewaltiger Denker kreuzten sich damals im deutschen Geistesleben und entbanden im steten Ringen ungeahnte Kräfte. Gegenüber dem „Alleszermalmer" Kant bot Spinoza das Gegengewicht einer Versenkung in die Natur, die besonders die Dichter beglückte. Die Romantiker verehrten den Mystiker, den Novalis einen „gottrunte- nen Mann" nannte. Schleiermacher, der in den „Reden über die Religion" begeistert anhebt: „Opfert mit mir ehrerbietig eine Locke der. Manen des heiligen verstoßenen Spinoza"! nimmt in seiner Darstellung des Spinozismus eine Mittelstellung zwischen Kant und Spinoza ein; Friedrich Schlegel, der ihn mit Schleiermacher zusammen studiert, findet in seinem Pantheismus den milden Widerschein der Gottheit im Menschen, den Urgrund aller Poesie. Vor allem aber ist es Schelling, der durch den Anschluß an Spinoza die Wendung zur romantischen Naturphilosophie vollzieht und damit dem deutschen Denken einen neuen folgereichen Weg bahnt, aus dem viele deutsche Denker von Hegel uni Schopenhauer bis zu Lotze und F e ch n e r gewandelt sind. Jeder Philosoph muß sich von nun an mit der Gedankenmacht Spinozas auseinandersetzen, und durch Vermittlung der Philosophie strahlt sein Wesen auf die Dichtung aus; fo ist z. B. Gottfried Keller die fpinozistische Naturvergöttlichung durch Ludwig Feuerbach vermittelt worden, und Wilhelm Raabe mag zu der spinozistischen Färbung feines Weltbildes durch Schopenhauer angeregt worden fein. ' ' Das „junge Deutschland" suchte das menschliche Schicksal des aus- gestoßenen Juden als ein Märtyrertum für Gedankenfreiheit und religiöse Toleranz auszudeuten. So fügte Gutzkow feinem „Uriel Acosta", bet das ähnliche Geschick eines Vorgängers dramatisch schildert, eine Szene mit Spinoza ein. Auerbach, der durch seine ^Übertragung der Werke viel zur Popularisierung feiner Philosophie beigetragen hat, schlachtet fein Leben zu einem rührselig-breiten Roman aus. Auch Heine in feinem Buch über „Religion und Philosophie in Deutschland" feiert mehr den Kämpfer als den Denker, und fein wundervolles Leben in Entsagen und Bedürfnislosigkeit wird nun manchem zum Vorbild, so Anzengruber, der ausruft: „Glas schleifen und tief im Herzen die Gedanken verschließen"! und der durch seinen Steinklopferhannes der „Kreuzeischreiber" einen naiv-volkstümlichen Spinozismus predigt. Neu erlebt und geseheA hat den holländischen Weisen dann Nietzsche, der ihn unter (eine „Vorfahren" rechnet und ihn mit den schönen Versen zeichnet: „Dem .Eins in Allem' liebend zugewandt, Amore dei, selig aus Verstand — Die Schuhe aus! Welch dreimal heilig Land!" Wenn er dann die Philosophie des „Einsiedlers" aus einem „heimlich glimmenden Rachebrand" erklärt, so sucht er das tiefste Geheimnis dieser gottlos-gottliebenden Seele freilich recht paradox zu ergründen. Das rätselvolle Wesen Spinozas, das in so vielen Dichtungen unsrer Tageais Stimmung anklingt, ist wohl am schönsten gedeutet worden in E. Kolbenhcyers Spinoza-Roman „Amor Dei“; hier tönt „jene Hohr Weise, die klingen wird, wo eine Menschenbrust sich öffnet, ihre Welt ins All zu gießen, sich weitet, Ewigkeiten zu umschließen, unb gibt und nimmt in gottestrunfner Lust". gebrochen sei; der bei, 93et. °P'no3n Io mit einen ™t, aber e‘ Ebenheit bei rutf) ©oefijei E die grötzt i'ßiebe gleich hriger, ba ei ' die Einhei All-Liebe b(i Verther" un| der nach btn wza-SiudiW das in bm „Natur" fi-s cders Zoll" „liebwerteftj i" und „golb lurütf, um in rdium ist das lltanschaunnz, selbst in bei heit" herr«i< nach ewiger, (er Natur j« — das sch >za oerdantt. seiner Lehn, st mehr M= Shasteideutsche M- oethe ist nite aber das all- > ein besnich- uch mit tiefem «teilen übet "«ch Herda d'e denkend inert Ä Wirt’1; fei Wenn von Karl I. berichtet wird, er habe aus einer Jagd im Walde in einer Köhlerhütte seinen späteren Henker gesehen, wie er als Säugling noch in der Wiege lag ... Wenn erzählt wird, der König sei an diesem Abend völlig gestört und verwirrt gewesen und habe sein Schicksal vorausgesagt: dann bin ich schon nachdenklich. Einfach, weil es ähnliche Dinge gibt, die in unseren Tagen sich abgespielt haben und an denen nicht zu rütteln ist. lieber das bekannte, von Prosper Merimee erzählte Gesicht Karls X., der im Stockholmer Palast die Hinrichtung des Komgs- mdrders Ankarström um 80 Jahre voraussah, gibt es im Stockholmer Staatsarchiv immerhin einige vom König und ein paar Ministern unterzeichnete Staatsakten, und wenn es auch da ein Wenn und ein Aber gibt so will ich mich doch jener anderen Geschichte verschliehen, die der schwedische Gesandte Graf Fersen von Marie Antoinette erzählt: daß die Königin im Jahre vor ihrer Hinrichtung, in den Tuilenengarten einem fremden Mann begegnet und urplötzlich in fassungsloses Weinen aus- gebrochen sei; der Fremde aber, der sie höflich grüßte, se> niemand anderes gewesen, als eben jener Scharfrichter Samson, der eben diese schone Königin acht Jahre später köpfte. Historischer Spuk. Von Fritz R e ck - M a l l e c z e w e n. Nein, ich werde Sie nicht mit weißen, mit grauen und sonstwie gefärbten Ahnfrau belästigen, ich werde nicht aus alte Fontanesche Balladen zurückgreifen und nicht mich mit der schwedischen Legende befassen, nach der man in Schweden den sterbenden Gustav Adolf in der Stunde seines Todes bet Lützen aus blutigem Pferd durch die Wolken galoppieren sah. Ich glaube nicht an Schwedenkönige, die blutig durch die Wolken galoppieren; ich bin, weil Palastwachen gern das sehen, was zu sehen ihnen befohlen wird: ich bin außerordentlich skeptisch, wenn Nikolaus II. in einem nun von den Bolschewiken im Winterpalais gefundenen Brief erzählt, er habe in einer Winternacht in seinem Arbeitszimmer seinen vor zwei Jahren verstorbenen Vater Alexander III. ausgebahrt gesehen und habe die Palastwache gerufen, und die habe er ebenfalls gesehen. Nein, ich glaube nicht an tote Kaiser, die sich nach zwanzig Jahren aufbahren lassen, und ich glaube auch nicht recht an diese Tagesbucheintragung: „Um vier Uhr srüh sahen wir in einem seltsamen, gespensterhaften Licht urplötzlich ein Schiss auftauchen, und in diesem seltsamen Lickt hoben sich Rahen, Segel und Masten einer Brigg sehr deutlich ab. Aks das Schiss sich näherte, rief es den Ausguck an, es wurde voyr Wachthabenden bemerkt, und auch von dem Kadetten der Wache. Als der aber auf das Verdeck lief, war das Schiff nicht mehr da, und ebenso war es plötzlich allen anderen verschwunden. Die Nacht war hell und klar. Im ganzen haben dreizehn Personen das Schiss gesehen und morgens fragte die .Kleopatra', die hinter uns segelte, durch Signale an, ob auch wir das seltsame Schiss beobachtet hätten. Der Mann aber, der es vom Ausguck zuerst gemeldet hatte, stürzte am selben Morgen von der Vorderbramstange und war gleich tot." Nein, auch daran glaube ich nicht recht, obwohl der Erzähler niemand anderes ist, als König Georg von England, der als junger Prinz in den achziger Jahren auf dem Kreuzer „Bachante" eine Weltreife machte^und am 11. Juli 1881 diese Tagebuchaufzeichnung eintrug und nun das britische Imperium regiert und das Kabinett Maedonald empfängt. Ich weiß nicht, weswegen ... ich glaube nicht recht daran und will mich mit den, ganzen Arsenal von Erklärungen, von Sinnestäuschungen, Massensuggestion und Gott weiß was nicht erst befassen. Ader es gibt immerhin eine Menge seltsamer Zufälle in der Geschichte, es gibt merkwürdige Zusammentreffen und sogar üble Gesichte ... Nein hier werde ich nachdenklich. Und sehr, sehr nachdenklich werde ich bei einer Reihe von Geschichten, die in unsere Tage hinudergrelsen^.. Nun gibt es natürlich auch in der, unsere Tage betressenden Legende des historischen Spuks Dinge, die von vornherein lächerlich und albern sind, und dazu gehört in erster Linie dieser alberne Cant """ den m den Wolken erschienenen Engeln, die am 28. August 1914 über öem Schlachtfeld von Mons in Belgien zu sehen waren und die zurucks utende englische Armee dadurch retteten, daß ""hüllende liebel aus ben Wolken schickten. Albern und auch kitschig. T r o tz d e inw u rben M em weißen Engel von Mons in Hunderten von englischen Kriegsge chichten gesungen trotzdem wird dieser Kitsch heute noch von ernsten Leu en und selbst %n „Augenzeugen" geglaubt, und ich bin M't Leuten Astarnrnen gewesen die sie nach eigenem Erleben mir erzählt hoben. Truppe war", so erzählte mir zwölf Jahre spater m Afrika der engb che Eardernajor Birkbek, „wie fasziniert von d" Erscheinung imdich muß SK' Menschengestalten mit Fittichen nicht unähnlich ^?rensieichienen die Abspannung und unsere Erregung nach der Schlacht mag das^hre dazu beigetragen haben ... sie schienen uns ost ga z > h 3 Und wenn Sie mir nun vorwerfen daß ich Ihnen -auter^ Geschichten erzähle, über die ich mich mokiere, so sage ich 2H , B „ . doch noch ein wenig kühl überlaufen soll, Horen Sie■ alfoum am 15. Juni Kommandeur bricht eine Depesche auf, er f 6er s\aifer »s-FSäx« nah im beul ahnte MU Gegengemti beglückte. Die n „gottrunir eben über b« ine Locke ber >t DarftellA Spinoza ei: lmen stndirt f Gottheit» SchellM MÜsche»» einen neue fieqel» >[i (inb. Lei' Spinozas V« worben, «e. :es fia( bes * tunbreWj a in cm1" ne ,n ' m ert mehk' eU3<>& I und n unter । iet; Front zu sehen ist: die Evolutionen der Truppe nämlich haben in dem nassen Sande dunkle Spuren hinterlassen, die Spuren zeigen ein riesenhaftes „W" ... das Monogramm, das das Regiment von nun an tragen wird ... * Seltsam, immerhin seltsam. Und wenn ich mich der Gegenwart noch näher pürschrn darf, so sollen Sie hören, was ich von einem Herrn aus der unmittelbaren Umgebung des in Serajewo ermordeten österreichischen Thronfolgers ... von einem alten, heute noch lebenden Stabsoffizier mit nüchternster Beobachtungsgabe weiß. Franz Ferdinand also ... Sie erinnern sich dessen immerhin ... begibt sich Anfang Juni 1914 zu den bosnischen Manövern, besteigt in Wien den Salonwagen, muß feststellen, daß (es ist Abend) die elektrische Beleuchtung des Wagens versagt und äußert sich sehr ungehalten über die ersatzweise angezündeten Kerzen: „Wie bei einer Aufbahrung" sagt der Prinz und gibt dem Gefolge, das sich eben mit zum Essen setzen will, einen etwas ungemütlichen, wenn auch zunächst nicht allzu sehr beachteten Auftakt zur Reise. Das Seltsame aber kommt erst. Franz Ferdinand ist in den nächsten Tagen miserabelster Laune, spricht über gewisse von ihm getroffene Maßnahmen, belegt sie, ohne daß jemand diese Maßnahmen angefochten hätte, mit zornigen Argumenten und endet jeden seiner Sätze mit einem bis zum Uederdruß wiederholten Worte: „Das ist eben mein Prinzip". Das Wort verklingt auch in den nächsten Tagen nicht, es bleibt das Leitmotiv auch der prinzlichen Manöverreden ... Prinzip und immer Prinzip. Und die Suite wird nervös über das Wort, und man fängt sich an zu mokieren, und noch am siebenundzwanzigsten Juni abends, als der Thronfolger sich verabschiedet, bekommt ein Adjutant es sozusagen an den Kops geworfen: „Es ist nun einmal mein Prinzip". Bis am nächsten Tage das Wort schauerliche Wirklichkeit wird, bis es Fleisch und Blut wird ... jawohl, Sie erinnern sich ja noch, daß der kleine serbische Gymnasiast, der am achtundzwanzigften Juni den Erzherzog niederschoß, P r i n c i p hieß ... * Nach Moltke heißt die am alten Generalstabsgebäude in Berlin gelegene Brücke. Diese Gegend ist der Schauplatz einer höchst unheimlichen Geschichte gewesen. Erlebt wurde sie von zwei Herren, die im Jahre 1891 Generalstabshauptleute waren ... der eine, aus dessen Munde ich sie gehört habe, lebt, nach einer glanzvollen Karriere, noch heute ... nicht wahr, Generalstabsleute stellten doch sonst nicht gerade das Haupt- kontingent für Geisterseher und Okkultisten ... Item, am Morgen des vierundzwanzigsten April 1891 war die Moltkebrücke wegen etwelcher nicht abgeschlossener Arbeiten gesperrt, und am gleichen Tage um etwa neun Uhr gehen die beiden zum Dienst auf das Gebäude des großen Generalstabs zu, sehen plötzlich ihren ehemaligen Chef ... den alten Generalfeldmarschall Helmut v. Moltke, wie er, mit aufgeknöpftem Jn- terimsrock, ohne Kopfbedeckung und auch ohne die gewohnte blonde Perücke, über die dem Verkehr gesperrte Brücke kommt. Nein, es ist nicht etwa die Tatsache, daß die beiden Offiziere den alten Herrn zur Stunde auf dem Krankenlager wissen: daran denken sie im Augenblick nicht. Sie denken an das Nächstliegende und für preußische Soldatenaugen Ungeheuerliche, daß ein hoher Offizier ohne Kopfbedeckung und mit offenem Rock die Straße quert, daß es ein naßkalter Tag ist, daß der alte Herr sich schwer erkälten muß: da gehn sie auf ihn zu. — Sie sehen ihn am Portal vorbeigehen, sie sehen — beinahe das Schauerlichste an der ganzen Episode — wie der Posten präsentiert, sie sehen ihn plötzlich vor dem Portal abbiegen und an einem sonst sorglich verschlossenen Seiteneingang die Tür öffnen, sehen ihn in der Tür verschwinden ... Gehen ihm nach, finden die Tür verschloffen... Fragen den Posten, hören, daß der General eben an ihm vorübergegangen und in der Seitentür dort verschwunden ist... Gehen kopfschüttelnd ins Haus, fragen nach der alten Exzellenz, sehen erstaunte Gesichter, machen sich jetzt klar, daß das alles ja gar nicht so hat fein können, und dah der Marschall krank liegt... Erfahren eine halbe Stunde später, daß Helmuth von Moltke soeben seiner Lungenentzündung erlegen ist. Und werden sehr nachdenklich ... So nachdenklich, wie ich Sie selbst gemacht zu haben wünsche. Diese Geschichten, diese von klaren und nüchternen Augen gesehenen und mit kühlen Sinnen wahrgenommenen Dinge: nicht wahr, Sie sind immerhin nachdenklich geworden? Und schließlich und endlich: wäre das Leben nicht entsetzlich spießig und trifte, wären da nicht diese paar Geschichten, die man mit dem FrageMchen versieht, bis man sich dem großen Unbekannten schließlich doch fügt? _____________ Oer Kriegskommiffar des Königs. Roman von Friedrich F r e f | a. Copyright 1931 by August-Scherl, G. m. b. H., Berlin. (Fortsetzung.) Das war im Drill des ersten Bataillons ein hartes Leden: In Friedenszeiten Soldat zu fein und eine schöne Försterstelle dafür hinzugeben, würde mich wohl gereut haben. Und dazu mußt du wissen, wie di« enge Uniform die Glieder zusammengepreßt und die spitze Blechmutze dir den Kopf drückt! Eh man das gewohnt wird, dauerts eine Zeit! Ader ich gab mir Mühe fürs Exerzitium und lernte es auch schnell, io daß ich nach drei Monaten schon aus Potsdam fort ins Feldbataillon üder- aefübrt wurde, das den Winter über zu Dresden in Santamerung gestanden hatte. Hier wurden wir Rekruten nach der Gewohnheit vom König selbst inspiziert. Nicht weit vom ersten Bataillon stieg er ab, nahm Meldung des Obersten entgegen und schritt langsam die Glieder entlang. Als er vor mir stand, musterte er mich scharf und tat die gewöhnlichen Fragen: .Wie heißt er? Woher ist er? Was war er früher!' Aus meine Antwort jagt er: ,Ein Förster? Wie kommt es, daß Er jetzt Rekrut gewoxden ist? Er scheint mir auch schon ziemlich dreißig Jahre alt zu seins* — Ich erwiderte kurz, ich hätte mich anwerben lassen, weil ich glaubte, daß mein König setzt Soldaten gebrauchen könne. — Da fragte er den Kapitän der Kompanie: Zst das wahr? Hat der Mann gute Papiere?' Und als er hörte, daß mein Abgangszeugnis als königlicher Förster ein sehr gutes sei, sah er mich freundlich an und verhieß mir: ,Er ist ein braver Mann!- Halte Er sich als Soldat nur gut — so soll Er bald avancieren! Ich werde Seiner nicht vergessen £ — — Nun, dann sind wir hermarschiert nach Prag, und -ich kann dir sagen, es war mir nicht wohl zumut und den anderen auch nicht, als wir znm erstenmal Kanonenkugeln sausen hörten. Wer man hielt uns fest am Band, und dann schmetterten Trommeln und Pfeifen den Sturmmarsch, und wir stürmten hinauf mit angezogenem Bajonett. Aber was eigentlich vorgefallen ist, das hab' ich nicht erfaßt. Plötzlich waren wir unter den weißröckigen „Halters" und standen neben den Geschützen. So ein« Schlacht ist ein verfluchtes Ding, bei der man viel aushält und nichts sieht." Dann mußten sich di« beiden trennen. Heinrich tonnt« lange nicht schlafen. Am Morgen, als er endlich zur Ruhe gekommen war, wurde er von einem Adjutanten des königlichen Dienstes geweckt, der sich sämtliche Papiere des Grafen Schwerin ausfolgen ließ. Rach der Durchsicht erhielt Heinrich die Kisten mit den Akten, die auf Familienangelegenheiten Bezug hatten und führte sie mit einem sicheren Transport nach Pommern über. Hier hatte er mit der Rechnungsablage und sonstigen Geschäften durch Wochen Hin zu tun; dafür empfing er eine anständige Extrabelohnung und war dann nach, langer Zeit sein eigener Herr. Es war an einem Sommerabend, da es schon dunkelt«, als er durch die Aecker ritt. In den stahlblauen Himmel schnitten di« Türme und Dachpfannen der hohen Häuser von Kolberg. Vom Meer aus kam ein erfrischender Windhauch, und über di« Roggenfelder ging das leise Sirren der Aehren. Der alte Torschreiber Hans kam aus der Pforte.. „Ach, der Herr Pastorensohn!" rief er. „Sind wohl zurück aus dem Krieg? Hab' gehört: .Waren auch bei der Prager Schlacht dabei!" Heinrich grüßt« den Alten, gab ihm ein paar Groschen, um einen Trunk auf das Wohl des Königs zu tun, und ritt über das Hol per- "Pflaster der Gaff«. Wie eng erschien ihm di« Straße, wie unansehnlich die Häuser, roi« fern seine Jugend hier! Er kam vors Haus der Mutter, sah di« Tur mit den zwei Stufen und das Dach, das auf den Mauern saß, wie eine zu tief herabgezogene Mütze. Licht war im Stübchen; eine Helle Mädchenstimm« rief: „Ein Reitersmann ist vor der Pforte!" Und die Stimme der Mutter antwortete: „Es wird doch teilte schlechte Nachricht sein?" Er sprang ab und führte das Rößlein in den Garten, wo er es an den Apfelbaum band. Dann nahm er seine Satteltaschen und den Maniel- sack. Als er sich umwandte, stand vor ihm eine schlanke Gestalt. Es war Dorchen. „Die Freude!" rief sie. „Heut kommt auch alles zusammen! Dmk an: Ein Brief ist angelangt von Friedrich Wilhelm! Es geht ihm gut — er ist zum Korporal befördert. Und Joachim Nettel- beck tst zurückgekehrt von der Insel Madeira im Ozean. Er hat den Theodor getroffen. Der ist Kaufmann gewesen in Afrika und fährt jetzt in das Land Indien. Und er hat der Mutter zwanzig holländische Dukaten und zwei große Hörner geschickt, wie sie die Antilopen tragen." Heinrich fand seine Mutier schwach und müde, aber sie freute sich, daß sie die Arm« um den Hals des Sohnes legen konnte, und weinte. Ja, es war eine wichtige Veränderung im Hause vorgegangen: Der Herr Vormund war gestorben, und nun war Dorothee ganz bei der Mutter und half im Haushalt und auch in der Schule. Heinrich mußte erzählen vom Kriegszug, vom Feldmarschall Schwerin, von der Prager Schlacht, vom König, vom Bruder Friedrich Wilhelm. Aber «r mußte nicht-nur zu Hause erzählen — er ward aber auch in manches Haus geladen, das ihm früher verschlossen gewesen. Und wenn er mit Joachim Nettelbeck ausging und' sie zusammen einen Krug tranken, mar alsbald eine große Menge um sie versammelt, denn beide waren Wunderkinder der Stadt. Der Joachim, weil er so weit mit dem Schiff herumgesegelt war; und Heinrich, weil er aus dem Krieg kam. Dann langten zwei Nachrichten nacheinander an. Der einen lief ein Gerücht voraus: Der König hab« eine große Schlacht verloren; bei Solin wäre es gewesen, daß zum erstenmal der preußische Adler nicht zur Sonne des Sieges gestiegen fei. Die Bürger wollten es nicht glauben; der Nettelbeck erklärt« es für eine ausgestunkene Lüge. Da ward die Nachricht bestätigt, und alle, die vorher noch grohaetan hatten, wurden ganz klein. In diesen schwarzen Tagen überbracht« die Post an Heinrich einen schwarzgestegelten Brief. Die Frau Pfarrerin Mahlmann meldete, daß ihre liebe Tochter Emma, die Braut Heinrichs, dem Lazarett fieber zum Opfer gefallen fei. Es waren hoffnungslose Zeilen, aber darunter stand SstnsfAt in kleinen, flüchtigen Buchstaben: „Lieber Herr Fritsche, seien Sie barmherzig — kommen Sie zu uns! Es wird di« Mutter und auch mich trösten. Klara." Ein seltsames Empfinden ergriff Heinrich. War es nicht ein Unrecht gerne en von ihm, daß er damals versäumt. hatte, über Halle zu reifen und feine Brau, wiederzusehen? Jetzt war das Versäumnis nicht wieder gutzumachen. Aber wenn er sich aufrichtig Antwort gab, fo hatte es ihn mehr gedrängt, die Mutter zu sehen als Emma. Nun war das Mädchen richt mehr, und — seltsam — es tat ihm nicht so weh, wie es hätte sein ollen .. . Er schalt sich innerlich als roh und bar eines natürlichen M«n- chengemuts. Jedoch, wenn er die Mutter ansah und Dorchen, so war es nm, als ob das Haus der Pfarrerin in Halle ein ganz fremdes fei, das ihn schier nichts anginge. Den ganzen Tag lief er herum und trug schwer an dem Gefühl »einer Unzulänglichkeit. Er empfand es fast wie Hohn, als er die Mutter fer|e öu Dorchen sagen hörte: „Sei behutsam zu ihm — es geht ihm doch schrecklich nahe! Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. - Druck und Drrlag: Brühl Das tonnte er noch weniger vertragen, daß ihm ein Gefühl zugetraut wurde, das er nicht hatte. In feiner Qual erklärte er; ,^Ich muß nach Halle! Ich muß die Pfarrerin sprechen!" „Was willst du da hinunterreiten?" barmte trie Mutter. „Gemähtes Korn kann der Mensch nicht wieder aufrichlen ...“ „Aber ein gutes Wort im Unglück kann viel helfen!" meinte Heinrich. „Ist die Klara «in ebenso hübsches Mädchen, wie ihr« Schwester ei mar? fragte Dorchen und schaute auf Emmas Schattenriß, den Heinrich neben den Ohrenstuhl der Mutter gehängt hatte.. „Darauf hab' ich nie geachtet!" fuhr Heinrich auf. Unruhe war in ihm. Er setzte den Tag seiner Ab reis« fest und nahm Abschied. Am frühen Morgen schwang er sich aufs Rößlein. Da kam Dorchen aus dem Haus. Sie hatte- Tränen in den Augen und sagte: wollte, du rittest nicht fort!" Das war ein trübsinniges Reiten. Auf den Wegen traf Heinrich riete Trupps neugeworbener Rekruten, die scharf bewacht waren von Unter« Offizieren und alten Mannschaften. Alle Kantonements mußten frisch« Leute ab geben, um di« Lücken auszufüllen, di« die großen Schlachten der preußischen Arme« geschlagen. Die sonst fo heiter« Stadt Berlin fand Heinrich sehr bedrückt. In den Konditoreien saßen die Leute beisammen, lasen Gazetten und machten lange Gesichter. Und die Offiziere mochten sich noch so sehr Mühe geben, zu beweisen, es wär« Uebermacht und eine Reihe besonderer Umstände, — der Glaube, König Friedrich sei unbesiegbar, war dahin ... Das Herz Im Leibe tat Heinrich weh, als er von Berlin wegritt. In dieser Stimmung langte er in Halle an. Die Frau Pastorin Mahl« mann schloß ihn weinend in ihr« Arm«; Klara kam ihm errötend entgegen und küßte ihn auf die Wangen. Es war ihm ganz seltsam, da er nieder saß und hinüberblickte zu dem leeren Stuhl, auf dem sonst Emma gesessen mit einer Arbeit in der Hand. Ja, es war wenig zu berichten. Plötzlich war das Uebel ausgebrochen, und nach wenigen Tagen war das junge Mädchen eine Braut des Todes. — ■ Sie gingen auf den Friedhof, über den die ersten Herbstbiätter raschelten. Die Mutter schluchzte, und Klara weinte still; beide Frauen mußte Heinrich tröften. Des Abends faßen sie beisammen und sprachen von der Not der Zeit. Jetzt merkte Heinrich, wie gealtert bi« Pfarrerin war 'in dem einen Jahr, da er sie nicht gesehen hatte. Er wollte sich verabschieden und gehen, aber sie winkt«, Klara sagt« gute Nacht, und die Pfarrerin ergriff Heinrichs Hand. „Mir ist so angst", sagte sie. „Sind wir doch eigentlich hier in dieser Stadt, meine Tochter und ich, allein, und können nicht vergessen, daß wir immer zu dritte gewesen sind!" Sie schaute Heinrich mit bangem Mick an. „Es wird Ihnen wunderbar vorkommen, mein lieber Doktor, was ich Ihnen jetzt Jage. Es drückt mir das Herz ab, wenn ich daran denken muß: Auch mich kann's eines Tages dahinraffen, und 'bann steht Klärchen allein in dieser Welt! Wenn ich nur wüßte, daß ein Mensch da wäre, der für sie sorgt, der ihr Stecken und Stab wär« in der Einsamkeit und Not, bann wär' mir's leichter. Ich weiß ja, sie ist nicht roi« Emma — sie ist lustiger und unbeschwert. Emma wäre so recht eine Pfarrersgattin gewesen, aber Sie, mein lieber Doktor, werden ja auch nicht auf der Kanzel stehen, sondern mit beiden Beinen ins Leben treten und es, bei Ihrem Geist und Ihren Gaben, wohl bald zu etwas bringen ... Um Emmas willen bitte ich Sie: Denken Sie nach, ob Sie dem Mädchen nicht selbst die Schwester ersetzen wollen und ihr eine Stütze fein, die sie vielleicht notwendig braucht!" Dabei legte sie ihr Haupt auf Heinrichs Brust und schluchzte. , Heinrich war von dem allen so überrascht, daß er nur immer sagen konnte: „Aber, liebe Frau Pastorin, Sie dürfen mir vertrauen — Sie können auch mich bauen! Wär ich denn hergekommen, wenn ich Ihnen nicht hätte Zuspruch leisten wollen?" „Ich weiß. Sie sind ein guter Mensch und Christ", schloß di« Pastorin. „Und Sie werden es nicht bereuen: Klärchen wird es Ihnen lohnen!" Heinrich war ganz verwirrt, als er die Pfarrerin verließ. Er war gekommen, um eine Braut zu betrauern, und sollte nun eine neue haben? Und dabei mußte er sich mit Beschämung sagen, daß er Klärchen gern ungeschaut hatte heute. Freilich hatte er immer nur Erinnerung an die Schwester gesucht, mit der sie im Gang und in der Bewegung viel Aehnlichkeit besaß. Aber wie anders war die Stimme und das Lachen! Und ganz und gar fehlte ihr die Bescheidenheit Emmas. Wie er so nachsann, mußte er Dorchens gedenken, die ihn gefragt, ob Klara so hübsch sei wie Emma, und zum Schluß so herzlich bat, er möge nicht reiten ... Aber Dorchen war ein dummes, kleines Mädchen! Heinrich wollte sich frei machen von all diesen Gedankendingen und Gefühlen. Er ging in den Ratskeller, saß in einer Nische, ließ sich einen Trunk warmen Würzweins geben und eine Pfeife. Die Bürger ringsum redeten und rauchten. Da klangen Schritte Neuankommender herab. „Wollen bis zum frischen Vorspann hier unten von dem guten Wein einen Becher nehmen unb einen Imbiß dazu!" rief eine Helle Kommandostimme. Heinrich schaute auf und erhob sich. Eintrat der Generalleutnant von Winterfeldt mit ein paar höheren Offizieren des Königs. „Sie spielen mir einen schönen Streich, Doktor!" rief der General wohlgelaunt. „Hab' gerade einen Bries expediert an den verzog von Braunschweig-Bevern, den Gouverneur von Stettin. Der Gras Schwerin, der Neffe unseres Feldinarschalls, hat sich für Sie verwandt, daß Sie als Sekretär bei der Proviantkommisfion der Ritterschaft für das Herzogtum Pommern angcstellt werden, und ich hab' Ihren eine gute Konduitenliste geschrieben. Sie werden in Kolberg gesucht, Herr Doktor, und sind in Halle?" Heittrich setzte mit knappen Worten den Grund seines Daseins auseinander. (Fortsetzung folgt.) 'sche UniverfitätS-Buch. und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.