Nummer 57 Montag, -en 25. Juli Jahrgang 1952 Mit ta- Schoner." I wchr, V herabgerufen. Er stand neben mir. gemeldet worden. Auf einmal ist es der Kapitän, „als wüßten sie nicht mmW Wmhd igen 8* rtung lieb WM- Eil ojl » rit Siifir als G line hi» Berzli^ I (ort? ei Den Kapitän hatte die Neugier Da sagte ich: „Das Schiff »ist doch Steuerbord Backbord." " Sitz,. Iber blt. gPrtzr beiläiife MfiettZ „Sie zuckeln herum", antwortete wohin, weiß der Teufel! So 'n oller ------ Ich zog das Magazin des Gewehres heraus und hatte die Augen auf die Schar der Haie gerichtet, die in wildem Eifer das Wasser durchschnitt. Jetzt waren sie, wie eine fahrende Unterseebootsformatton, einer hinter dem andern. Nur die starren, nach vorn steilen Dreiecke der Rückenflossen ragten außerhalb des Wassers wie grausige breite Messer. Aber bald warfen sich die ersten Flossen um, die folgenden keilten sich zwischen die plötzlich umgekehrten, ein schlagendes, jumpendes Spielen begann. Bald schoß aus dem Bündel ein Kopf, bald weit und hoch ein 'M. jebhers ‘ Imm Äü •Kenn ,• ich N'i: nen, d sg eit« «flff 'S* Helte "e" F f(e"! ,, er< Gießener ZamistenbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Hinterlein heraus. , Jetzt hineinpfeffern! Hölle und Himmel, da gab s setzen! Ich stoße das Magazin geladen wieder ein. Es war eine Wrnchester- büchse mit zwölf Schuß, richtiges Kaliber. Es wird singen. Etwas trillerte in mir wie eine eiserne Lerche, ein grausames, blutrünstiges Jagd- und Zerstörungsgefühl, Gegenkraft gegen die unter Vereinsamung und ein« engendem Zwang zerflatternden Nerven. Jetzt hineinpfeffern! , ... . Ich hatte nur eine Angst auszustehen, das Bündel käme auseinander und nehme seinen Wettlauf mit dem Schiff, einer hinter dem andern wieder auf, bevor ich schießfertig war. Aber sie überkugelten sich nach wie vor, mit der Fahrt des Schiffes widerstrebend, während ich das Gewehr an M Schulter setzte. . nf. Ich zielte und drückte ab. Ein wenig zitterten mir die Ellbogen. Aber die Zunge des Abzugs gleitet ohne Widerstand unter meinem Singer, der nicht weniger gespannt war, als meine Phantasie, kraftlos zurück. Das Schloß war in Unordnung geraten. . Bei allem Fluchen war nichts zu machen. Ich drohte mich tu der Flamme des Jagdgefühls zu verzehren! • „Haben Sie nicht ein Gewehr an Bord?" fragte ich ungeduldig und unglücklich den Kapitän. .- ... Nein nur 'n ollen Revolver, der verrostet ist, und ich weiß nicht einmal, wo er liegt. Aber der Maschinist kann doch mal ihre Buchse Nachsehen, erte öicjenl a[[0 das Gewehr aus, und als ich zurückkam an die Stelle, wo ich den Kapitän verlassen hatte, sah id), baß bas vorhin acTTietbcte Schisf nai)c vor uns war und den „Union Jacr hocyslerte. ,Wat will ber olle Yankee?" knurrte ber Kapitän. Denn bas Hochziehen ber Nationalflagge bedeutet, baß bas Schiff einen Wunsch hat. Es war ein alter Dreimastschoner Der Kapitän ließ stoppen. Der Schoner war letzt etwa dort wo auch die Haie gewesen wären. Er hatte sich in unsere Fahrtrichtung gedreht und durchs Glas erkannte ich sehr deutlich, daß aus dem unordentlich gehaltenen Deck drei Männer, lange Stangen, faul am Boden ausgestreckt waren und sich mit dem Rücken gegen eine Ladeluke stutzten. Sie waren barfuß und trugen nur Hose und ein Leibchen. Einer hatte einen alten Hut auf, zwei andere zogen ein Segel ein. Drei Focksegel und das Groß- ieael standen Ein Mann arbeitete an der Flaggenleine und zog Signalflaggen hoch, die sich nicht auseinanderlösen mollterr Sie blieben oben in einem Ballen -hängen. Da sah ich, wie die,er Mann, der ebenfalls barfuß war, nach Affenart an dem Mast hochkletterte, indem erjnit beiden Händen an gestreckten Armen sich voranzog und mit den Mß- sohlen sich hintennach am Baum hochstemmte. Die Flaggen kamen auseinander und flatterten geordnet untereinander in dem leichten Nordost. Es waren zwei Zeichen. Das erste hieß R Z, gelbes Kreuz in rot und schwarzgelb, blaurot in guer geteiltem Das bedeutet, wo bin ich? _ .... „Kannst du haben, Yankee!" hörte ich meinen Kapitän neben mir ia9$r rief zur Brücke hinauf, dem Steuermann zu: Gib ihm Bescheid." Bald hörte ich, daß der Steuermann durch ein Sprachrohr hmuber- r'^Ünb ^s“dann“auch das^zweite Signal sich an der Flaggenleine erkenn- bar„BunnertieUe5)at auch'^Dat Hütt' ich nu nid) gedacht, 'n Geschäft auf ^"De?n"dieses°Zeichen hieß Y 0 und bedeutet: Haben unverzllgtich ßeb2)k'tteinen “blauen 2Iugen des Kapitäns leuchteten gierig und glücklich. Wir haben beigedreht. Der Schoner kommt rasch heran . Der ftaptton idiaut mit seinen Aeuglein verzückt .zu, rechnet wohl, was aus der Begegnung herausschauen wird. Wir hören, wie ber Leib des Schoners an un9fer Schiff sich anreibt. Der Kapitän schaut nach dem Bootsmann oder nach einem Maat aus, um Befehl zu geben, em Tau zu werfen, an dem der Schoner sistmachen kann Gebet. Bon Friedrich Hebbel. Di« du, über die Sterne weg. Mit ber geleerten Schale Aufschwebst, um sie am ew'gen Born Eilig wieder zu füllen: Einmal schwenke sie noch, o Glück, Einmal, lächelnde Göttin! Sieh, ein einziger Tropfen hängt Noch verloren am Rande, Und der einzige Tropfen genügt, Eine himmlische Seele, Dir hier unten in Schmerz erstarrt. Wieder in Wonne zu lösen. Ach, sie weint dir süßeren Dank, Als bi« aiiberen alle, Die bu glücklich und reich gemacht Laß ihn fallen, den Tropfen! Begegnung am Wendekreis des Krebses. Bon Norbert Jacques. Oft werde ich gefragt: Welches war auf ihren Reifen die größte Lefahr, der sie zu begegnen hatten? Das ist eine Frage die man nicht >ei.ntroorten kann. Denn die Gefahren in fremden Indern und Bolkern ilid meist wie die Anwesenheit eines Geistes Brelleicht war einer da? Im Jahre 1913 z. B. ging ich einmal in der Nahe mm «amatanei auf >ieu Mecklenburg in den Busch hinein, dem Inneren der Insel zu. Die Manner in den Dörfern dieser «üdseeine waren uicht freunbl ch zu nur inch nicht besonders entgegenkommend Ader wenn auch duftete, kletterte -iner einen Palmstamm hinauf und schlug mit jemem U ^messer eine vtotosnuß herab. Sie ließen mich ungehindert in 'hre Hutten emtreten und schauten untätig und gleichmütig allem zu, was: ich vernch ete. Ich Zatie das Gefühl einer Gefahr nicht starker, als wenn ich etwa am Hiiuibe einer autodurchrasten Stadtstraße über den Steig ge). d? B ich kann in jedem Augenblick die Steuerung eines Wagens versagen "uÄÄKtel^'Srb.« auch m .ton Dörfer, durch die ich scheinbar ungefährdet Forscher ermordet. Der Geist dieser Todesgefahr hatte wohl ebenMis ifc S teÄ1” M.LNÄ m7ch ’SÄS" ,( Sein Yankee-Schoner auf 22 Grad Nord und 42 ®rab Äe|t. ~as 9 iaft auf dem Wendekreis des Krebses und ist •eine Stelle ।etwa ha bwegs Äillwerpen, von wo ich ausgefahren war, und Westmd en wo auf «ner Fahrt von 3000 Seemeilen nichts anderes besteht, als d .) meis über den Mafien und die Tiefe des Ozeans unter dem Schiff. Ss Neschah an jenem Tag, der mit dem ^onnenunterg g “ > fcbien «ganze westliche Welt wie in Gold und Blut verglühen z Das Schiff war ein kleiner Frachlbampfer der Platz für M00 Donnen Ladung und für sechs Reisende hatte d. h. der Ri M f ^(appftutjl "vor karg zugemessen und ging nicht mn den Platz für einen -iibei das Allernotwendigste hinaus. Man hat bannStunde , in oen man diese Beengung nicht ertragen zu tonnen glaubt •einer Tätigkeit in der man sich vor chr rettet und b.e wunden (sänftigt Da rief der Kapitän: sÄttÄ °i-»»ffiS »efunben. Ich sah den Haien zu, die in einer ©ntfernu g Schiffes •301) Meter vom Schiff durcheinanberschneibend mit dem -auf De- ck> mitgingen. 3d) werde auf sie schießen! Augenblick melden, Schis! an Steuerbord! horte ich die Wache . nucjd)(je^en wo ich mir den Bootsmann nahm, um nur ben P Munition Schon f lasten. Ich packe bas Gewehr hervor, emeSchast -l Mantwn. Sch halte mich eine fast fieberhafte Ungebulb erfaßt, zu Itßieß« , id,c^lirf)en Beute etwas untergehen zu sehen. 2jrü(te hinauf, . Als ich an Deck zurückkam, ging "'"st ' 2 auffteuen Dort i ländern wollte mich hinter ber Kombüse bei La becanb -jch wenig «>ar man nach vorn gegen ben ^uhrwind beften hoch über dem Wasser und m der Mitte des oa) u «chießverhältnisjen. 3öpfen, h r sich O behack! I „0 Mit!' Wi", ! nicht d iw W bierenfitü'-1 BMP ereni, f«:l cheih q en Ml>' iann i®,| :nflr«6; i »xi W «3 :qann«M ich-" * ni er *\ iie Ni* hierin«»" iiiiM "f. Da kommen auf einmal die drei Männer, die ich durch das Glas vorhin an der Luke auf dem Segler hatte liegen sehen, durch den Außen- dcckgang zu uns heran. Niemand von uns hatte gesehen, daß und wie sie an Bord gekommen waren. Sie kamen heran, nebeneinander, mit einer merkwürdigen Verbundenheit ihres vagabundenhaften Aussehens. Meervagabunden. Langbeinig und braun, wie ein alter Pfeifenkopf. Barfuß, in schäbigen, geflickten und verwetzten Hosen, die Haare strohtrocken, verwählt, ausgelaugt von Wind und Regen, rötlich wie abgegriffenes Leder. Der Hut, den der eine aufhatte, war ein alter, verblitzter Panamahut. Das erste, was mir auffiel, war, daß alle drei in einer betroffen machenden, einmütigen Art die rechte Hand in der Hosentasche hatten, steif, als hielten sie sich dort an etwas fest, was noch unsichtbar war, aber gleich in der nächsten Minute in Erscheinung treten könnte. Ein unklarer Verdacht fuhr mir durchs Herz. Ich erschrak ein wenig, ohne zu wissen wovor. Dann schaute ich den Kapitän an. Der stand da, klein, blaß, hatte die Zähne aufeinandergebissen, hielt die Fäuste geballt etwas zurückgehalten an den Schenkeln. Und bann raste es durch mein Blut und ließ es wie Eis erstarren. Mein Herzschlag gerann. Wir sollten überfallen werden. Die drei kamen näher, nicht hastig, aber mit einer unaufhaltsam drohenden Gleichartigkeit ... wie drei Räuber, in einem Traum in einen verschmolzen. Der mit dem Hut machte höhnische Augen. Die anderen schauten starr und verbissen her auf den kleinen Kapitän ... wie sie die Hände so verflucht gefährlich immer in den Taschen festhielten. Ein leichtes Zittern kam in meine Kniekehlen. Da sah ich, wie mit einer plötzlichen Heftigkeit alle sechs Augen vom Kapitän sortflogen und über meine linke Schulter hinweg an uns vorbei sich irgendwo seitlich und höher von mir hefteten. Ich hatte den Mut nicht, die drei aus den Augen zu lassen. Aber da lüftete der eine den Hut ein wenig, und die anderen schlugen mit einem Finger an. „Ich danke Ihnen, Käpten", sagte er näselnd „Good by, Siri Wir haben die Lebensrnittel noch nicht notwendig." Und mit dem schwangen sich alle drei, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, über die Reeling und waren auf einmal wieder unten in ihrem Schiff, zwischen der Unordnung und dem Schmutz ihres verkrätzten Decks. Ich schaue unfern Kapitän an, zweifelnd und fragend, noch gestört von der Plötzlichkeit der Begebenheit und ihrer Auflösung. Da wies der Kapitän mit den Augen hinter mich, und wie ich mich umdrehe, sehe ich den Lauf meiner Winchesterbüchse sich durch eines der Ochsenaugen der Kombüse herausstrecken, gerade in der Richtung, aus der die drei gekommen waren. * % „Keine Angst, sie kann kein Bumbum machen", sagte lachend der Maschinist, dessen Gesicht hinter dem Lauf erschien. „Ein Federchen ist aus dem Schloß herausgefallen." „Volldampf voraus!" schrie der Kapitän. Der Maschinentelegraph rappelte los. Der Segler löste sich rasch zurück. Die drei lagen wieder an der Luke auf dem Boden gestreckt, drei andere setzten Segel, einer holte die Signalflaggen ein, nachdem er wieder wie ein Affe mit Händen und Fußsohlen am Mast hinausgeklettert. „Was war das nun?" fragte der Kapitän, schaut mich an und geht rasch auf die Brücke. . * Ich werde nie wissen, ob der Scherz des Maschinisten mit meiner Büchse uns vor einem Ueberfall gerettet hat oder ob alles nur ein Spiel dummer kleiner Zusammenhänge war. Die Stunde mündete in den Sonnenuntergang, in dem sich in einer fernen Schönheit am Himmel die blutigen Ereignisse vollzogen, die vielleicht verborgen gebliebene und verronnene Absichten des Schicksals uns zugedacht hatten. Der Kapitän hat die Begebenheit mit keinem Wort mehr erwähnt; ein Zeichen, wie stark sie auch ihn berührte. Als Gast bei Richard Wagner. Eine «Erinnerung an die Bayreuther Erstausführung des „Parsifal". Von Baron Michael v. Meyendorff. Einer der wenigen heute noch lebenden Augenzeugen der denkwürdigen ersten „Parsifal"-Aufführung vor 50 Jahren, der ehemalige russische Botschafter Baron v. Meyendorff, gibt die folgende anschauliche Schilderung der damaligen Bayreuther Feststimmung und seiner persönlichen Begegnung mit Richard Wagner. Im Sommer des Jahres 1882 reifte ich — damals ein 16jähriger Jüngling — mit meiner Mutter nach Bayreuth, einem Ort, um den sich Legenden gebildet hatten. Man erzählte, daß hier, in dem von Richard Wagner nach eigenen, für die damaligen Theaterbegriffe recht revolutionär anmutenden Plänen erbauten Feftspielhaufe — ein schwer begreifliches Wort! — unerhörte Ansprüche an die Aufnahmefähigkeit eines sonst an die leichte Kost landläufiger Opernaufführungen gewöhnten Publikums gestellt wurden. Man hatte ja bereits einige Erfahrungen nach den finanziell vertust-' vollen, aber künstlerisch um so wertvolleren Festvorstellungen des Nibelungenrings im Jahre 1876. Im Bayreuther Festspielhause, so hieß es, werden Opern — die freilich von treuen und gesinnungstüchtigen Aposteln des Meisters nicht anders als „Musikdramen" genannt wurden — von ungeahnter Länge und dennoch ohne den geringsten Strich aufgeführt. Wenn man beispielsweise vom „Ring" sprach, glaubten Uneingeweihte tatsächlich, daß man vier Tage ununterbrochen in der Oper sitze! Ich meinerseits war einigermaßen in die Geheimnisse der Wagnerkunst eingeweiht. Meine Mutter, die in freundschaftlichen Beziehungen zu dem Schwiegervater des Meisters, zu Franz Liszt, stand, wußte, was es mit dem neuesten Werk Wagners auf sich hatte, und so war ich wenigstens vor der Wiederholung des meisten Unsinns, der über das Werk und die Person des Meisters im Umlauf waren, von ihr gewarnt. Bayreuth war damals noch ein kleines, abseits der großen Verkehrs- wege liegendes Nest. Ein glänzendes internationales Publikum, darunter zahlreiche deutsche und fremde Fürstlichkeiten, hatte sich in dem sonst schlafenden Städtchen am Roten Main versammelt. Gegen 16 Uhr — eine für damalige Begriffe recht ungewohnte Theaterzeit — begab ich mich ju der mit fieberhafter Spannung erwarteten Uraufführung, deren Generalprobe meine Mutter durch Vermittlung Liszts beigewohnt hatte und deren Eindruck auf sie von ungeheurer Gewalt gewesen war. Obwohl ich aus Erzählungen mit dem eigenartigen Bau des Festspielhauses bereits vertraut war, konnte ich beim Betreten des Hauses einen Ausruf der Bewunderung nicht unterdrücken. Es war kein Theater mit vergoldeten Sesseln und pompösen Ranglogen, sondern ein schlichter, tempelartiger Bau, der gerade durch die vornehme Einfachheit seines hellenischen Stils auf mich, der eine klassische Bildung genossen hatte, ganz besonders imponierend wirkte. Ein mit erlesener Eleganz gekleidetes Publikum strömte durch die Gänge, die das Theater gleichsam umfassend das übliche Foyer! ersetzten. Wieder eine Neuerung, die manchen staunen ließ: statt Des gewohnten schrillen Glockenzeichens feierliche Posaunentöne, die dreimal ertönten und die allgemeine Spannung womöglich noch erhöhten. Vor fieberhafter Erwartung zitternd, betrat ich den nicht hell, sondern matt erleuchteten Saal des eigenartigen „Opernhauses", in dem das Orchester zu fehlen schien. Aus einem verdeckten Abgrund, der tief unter der Bühne lag, hörte man gedämpfte Klänge, wie man sie bei dem Stimmen von Instrumenten vernimmt. Die Türen wurden geschloffen, das Licht erlosch, — der heißersehnte Augenblick war da. In Erwartung dieses Moments hatte ich die erste in Bayreuth verbrachte Nacht kein Auge schließen.: können. Das Vorspiel begann. Diesen ersten Eindruck von der Klangwirkung des versteckten Orchesters werde ich nie vergessen — eine Empfindung, die jedem begeisterten Bayreuth-Besucher bekannt [ein wird. Langsam und erhaben, in allmählicher Steigerung, um bann gleichsam zu ersterben, rauschte bas Vorspiel vorbei. Nach bem ersten Akt, ber doch eigentlich ungewöhnlich lang — er hatte knapp zwei Stunben, also bie Normallängc einer italienischen Durchschnittsoper gebauert — erscheinen mußte, war bas Publikum tief erschüttert. Ich sah Männer, bie, wie es bie bamalige Mobe verlangte, lange „Heldenbärte" trugen, wie Kinber vor Erschütterung schluchzten! Frauen taumelten, wie Nachtwanblerinnen in stiller Ekstase versunken, ins Freie. Es war eine bei einer „Opernaufführung" noch nie erlebte Wirkung. Nach bem zweiten Akt brach ein spontaner Beifall aus. Das Verbot, beim „Parsifal" zu applaubieren, ist nämlich erst später erlassen worben Plötzlich erschien Wagner in seiner Loge und rief mit lauter Stimme einige Worte in den von Beifall dröhnenden Raum. Totenstille trat sofort ein, und ich vernahm die ziemlich schrille Stimme des Meisters, ber in einem unverkennbar sächsischen Tonfall sprach. Wagner schien über bic unzähligen Hervorrufe ber Sänger recht ungehalten zu fein, ba sie bi« feierliche Stimmung nach feiner Auffassung zerstörten. Nach bem weihevollen Schluß bes letzten Aktes wagte nun niemanb zu applaubieren. Einige schüchterne Versuche wurden sofort heftig niedergezischt. Aber auch das schien dem als ungewöhnlich launisch bekannten Meister nicht recht zu sein. Wieder ertönte Wagners Stimme. Diesmal, nach Beendigung der Vorstellung, erläuterte er, könne eine Beifallskundgebung keineswegs störend wirken, sondern wäre ein schuldiger Dank, der den Darstellern für ihre außergewöhnlichen und opferfreudigen Leistungen gebührte. Der Dichterkomponist klatschte nun selbst mit größter Begeisterung und riß das Publikum zu frenetischen Applaussalven mit. Tief ergriffen verließen wir — meine Mutter und ich — das Haus, in dem wir soviel im Theater Ungewohntes erlebt hatten. Selbst der Vorhang vervollständigte das Maß meiner Bewunderung, denn er ging nicht in die Höhe, sondern teilte sich! Auch bie Theatermaschinerie von Bayreuth, heute belächelt, wirkte damals wie eine technische Offenbarung. Am nächsten Tag wurde dieses Kunsterlebnis durch eine, wenn auch flüchtige Begegnung mit dem Schöpfer dieses Werkes ergänzt und gekrönt. In der Villa W a h n f r i e d, bie in ihrer strengen Bauart gleichfalls- ungewohnt wirkte, fanb ein glänzendes Fest statt. Die Zahl der geladenen Gäste war sehr groß. Ich konnte mich nur mit Mühe in der Menge ber festlich getleibeten Damen und Herren bewegen. Der Herr bes Hauses- lief in raschen Schritten von einer Gruppe zur anderen — für jeden batte er ein meistens scherzhaftes Wort, denn er war an diesem Abend, nach dem Erfolg des Vortages, besonders gut aufgelegt. Der Meister näherte sich mir, — ich stand wie versteinert und wagte es kaum, dem Komponisten des „Parsifal" ins Gesicht zu sehen. Wagner bemerkte sosort meine Befangenheit und sah mir nun prüfend ins Auge. Dieser Blick leuchtet mir noch heute — nach einer Zeitspanne von 50 Jahren, in der Throne gestürzt und Landkarten umgeschnitten wurden — entgegen. Mir fiel ber unverhältnismäßig große Kopf bes kleinen Mannes auf. Seine Augen waren hellblau unb befaßen einen ganz befonberen, fafjinierenben Glanz. Sie bildeten einen scharfen Kontrast zu dem gelblich-blassen, von tiefen Falten durchfurchten, etwas aufgedunsenem Gesicht des Meisters. „Ihnen hat der „Parsifal" wohl nicht gefallen?" fragte Wagner scherzhaft. Ich stammelte einige ungeschickte Worte der Begeisterung. „Der Junge scheint mir dennoch ein verkappter Brahmsianer zu sein!" sagte bann ber Meister zu meiner Mutter, bie biefer humoristischen Behauptung selbstverständlich widersprach; er gab mir einen freundlichen Klaps auf die Wange und verschwand, zu der nächsten Gruppe eilend und feine Hausherrenpflicht erfüllend. Ich hatte damals noch keine einzige Note von Brahms gehört, den Wagner — ob mit Recht ober nicht, mag bahingestellt bleiben — als feinen größten Wiberfacher betrachtete. Beinahe wäre ich bem Meister nachgestürzt, um ihm nachträglich zu erklären, baß ich von ber Musik Brahms' keine Ahnung hatte! Ich erinnere mich noch heute an das außergewöhnlich schmackhafte Essen, das von einem kalten Bufett serviert wurde. „Wenn man bedenkt, wie Wagner in Paris hungern mußte!" sagte ein Herr, einen italienischen Salat erster Güte genießend, wie ich mich deutlich erinnere. Dann sah ich Wagner in einem eifrigen Gespräch mit dem berühmten Heltentenor Albert Niemann und mit anderen Künstlern. Beim Abschied durfte ich — von meiner Mutter und Franz Liszt begleitet — dem Meister die Hand reichen. Er erinnerte sich meiner und sagte wieder: „Auf Wiedersehen, mein kleiner Brahmsianer!" worauf ich wieder nichts zu erwidern wußte. Seitdem habe ich — mit Absicht — Bayreuth nie wieder besucht. Ich wollte den starken Jugendeindruck von einem großen Werk und einem großen Mann unversehrt in meinem Herzen bewahren. (Nach dem Russischen von Dr. Petroff.) Rügen. Deutschlands größte Insel. Von Otto R. Gervais. Wann der Rügen-Damm fertig ist, wird Deutschlands größtes Eiland im Baltischen Meer keine Insel mehr sein. Der Rügendamm wird es zur Halbinsel machen, ohne daß jedoch der schöne Jnselcharakker Rügens verloren geht. Der Damm ist in den letzten Jahren zur Lebensfrage für die 14 Bäder der Ostküste geworden, denn der Zeitverlust und die Unkosten, die mit dem Trajektoerkehr für die Motorfahrzeuge verbunden waren, bildeten kein zu unterschätzendes Hemmnis bei der Entscheidung: Rügen oder Usedom-Wollin? Abggesehen davon, daß der Fährbetrieb nicht immer den Verkehrsanforderungen an großen Tagen (Pfingsten, Ferienbeginn usw.) gewachsen war ... So wird ein alter Urzustand, der die Insel einst vom pommerschen Festlande nicht trennte, wiederhergestellt. Eine Cisenbahnstrecke, eine Auto- und Fußgängerstraße soll Rügen wieder mit seinem Mutterlande verbinden, wird'den Verkehr inniger, moderner gestalten, um sich vor allem für die Rügenbäder, die für die Zukunft der Insel allein wichtig bleiben, segensreich auszuwirken, damit sie Volksbäder im wahren Sinne des Wortes werden, wozu alle Voraussetzungen da sind. Stralsund, die ehrwürdige Hansastadt, bildet das Eingangstor nach Rügen. Es ist die Stadt der großen gotischen Hallenkirchen, der wundervollen waldumstandenen Teiche, der traulichen Gäßchen und gemütlichen Gaststätten. Die hanseatische Architektur ist im „Nürnberg der Ostsee" in ungewöhnlicher Vollkommenheit lebendig geblieben, hat nichts von ihren Beziehungen zur Gegenwart verloren. Vor der Meerstadt stand einst Wallenstein in ohnmächtiger Wut, weil der kleine Bürgermeister Lambert Steinwich seine Tore den Verheerern Pommerns nicht öffnen wollte. Im „traurigen Stralsund", wie einst Ernst Moritz Arndt sang, floß auch Schills Blut, als dieser die Stadt aus Napoleons Händen reißen wollte. Auf Hiddensee, das im Norden des Sundes schimmernd grüßt, hat sich Gerhart Hauptmann eine Villa bauen lassen, um der „Literaten- insel" noch mehr Ruf zu verschaffen. Im Süden des Sundes ragt die Insel Dänholm aus den Fluten und drüben liegt, wie eine riesige Polypen- Oualle, zerlappt, mit dickem Kern und unheimlichen Fangarmen — Rügen! Von brandenden, plätschernden, rollenden Wogen ist es umgarnt und umschmeichelt. Die Sonne ließ den deutschen Kiefern- und Buchenwald in unversiegbarer Fülle auf ihm wachsen. Zwischen geschwungenen Höhen und beschatteten Tälern sagen sich noch Fuchs und Hase Gutenachf, das fröh- lische Kreischen der Möven tönt in das heisere Bellen der Robben, die sich aus heißgebrannten Riffen lagern, lieber schilfigen Ufern ziehen buntschillernde Enten, über riesigen Klippen schreiende Wildgänse. Vorgebirge, Landzungen Werder Halbinseln, Meerbusen, Buchten, Boden und Wieke, Dünen-, Riff- Stein'- oder Steilküste, Bastionen und Wälle und weißer Badestrand lassen das äußere landschaftliche Ufergepräge wie eine Beispiel- fammlung aller möglichen Küstenformationen erscheinen. Düstere Wald- seen, Mondfeen- und Gespensterhaine, Tausende von Hünengräbern, uralte Schlösser, Befestigungsanlagen, Tempelruinen und stille Kirchen künden von einer Sagen-, Mythen- und Gefchichtfymphonie, bei der die Urgermanen, die Slawen, Wenden, Nordländer und Deutschen gleicherweise Mitwirkten wie Wodans Heidentum. Swantewits Blutopfer fordernde Unversöhnlichkeit, der schönen Göttin Herta Grausamkeit und schließlich die selbstlose Mönchsarbeit einer Bekehrung zu Gott. Auf dieser Insel blühen andere Blumen als in den Vasen der Zivilisation; ^erleben andere Tiere als in den Käfigen zoologischer Gärten; und auch die Menschen sind anders, sind Insulaner, sie empfinden den Nächsten nicht als eine Bedrohung, denn auf dem Eiland im Baltischen Meer ist paradiesisch viel Platz, auf dieser Insel, deren weiße, leuchtende Kreidefelsen jedem schiss winken, wenn es weit hinten im Meer an ihnen vorüberfährt. Am roeitqeöffneten Boden der Prorer Wiek, am Ausgang einer Sandnehrung, liegt Rügens größtes und feudalstes Bad: B i n z. Es vermag einen wundervollen weihen Strand und festen Badegrund aufzuwe,sen. Eingebettet in prächtige Laubwaldungen auf der einen und in Nadelwald auf der anderen Seite, wird es von welligen Höhenzugen vor rauhen Winden geschützt. Immer wieder erfreuen den Binzbesucher die gepflegten Promenaden und Plätze, das fröhliche, bewegte Treiben in ben Straffen, das stilvolle Kurhaus, die 600 Meter weit ins Meer ragende Seebrucke nut windgeschütztem Restaurant. Dann wieder macht die Doppelnatur des Ortes erstaunen: das alte Dorf mit feinen strohgedeckten Hütten, seinen anheimelnden sauberen Gärten, feinen urwüchsigen Fischern. Die üppige buchen- waldige Granitz mit dem fürstlichen Jagdschloß (dem Orientierungspunkt des ganzen Bädergebietes) bildet zusammen mit der Idylle °es schufum- säumten. Schmachter Sees ein begehrtes Ausflugs- und Abwechslung ziel. Saßnitz hat im vorigen Jahre seinen Badestrand künstlich befestig hat jedoch die Stahlwände so gut verkleidet, daß "^ends der natürliche Eharakter leidet. Damit wird das einstige Bad Schieiermachers einen weiteren Anziehungspunkt schaffen, obwohl es deren bereits eine (fülle darbringen kann. Auf den Terrassen Jasmunds hingebettet, rmrfen weißen Villen vor dem Hintergrund der dunkelwaldigen Stübnitz wie h n- getupft, wie lauschige Stätten des Südens auf Feimngers Gemälden. Wildromantisch auch die Umgebung dieses bedeutenden WnP‘Q^“ b_- benkammer und seine Kreidefelsen, der einzigartige König, st h ■ Flughafen von Rügen ist der Selliner See am alten Fischerdorf eeUtn. Der Badeort dagegen hat sich, vom Saum der Granitzwaldungen überschattet, in die günstigste Lage dem Ostseestrande zu gebettet, auf den es von hohen Ufern hinunter schaut. Die natürliche Schönheit Sellins wird von seiner reizvollen Umgebung noch unterstrichen. Erwähnt mag der Uferweg zur „Waldhalle" oder eine Fahrt zur Möveninsel „Werder" fein. Waldungen führen zum eigenartigsten Teil Rügens hin, zum Mönch- gut, das einst eine chinesische Mauer der Abwehr gegen jeden fremden Einfluß aufrichtete. Zeugnis von der Starrköpfigkeit echt westfälischer Dickschädel, die zur Christianisierungszeit, von Mönchen gerufen, hier einwanderten. Rings um das von Sagen umflatterte Nordperd (Hövt), einer weit und breit ins Meer stoßenden, waldbestandenen Hügelkette, lagert sich Bad Göhren. Doppelter Strand, bürgerliche Behaglichkeit, Anmut der Straßen und Villen, ungezwungene Heiterkeit geben Göhren das Ansehn, das alljährlich viele tausend Badegäste anlockt. — In raschem Aufschwung begriffen, kann Baabe mit seinem vorbildlichen Strand dienen. Es wird der Lunapark Rügens werden, denn feine ungezwungene Bewegungsfreiheit, feine Wafserrutschbahn, Tanzplatte, fein Heidelager und seine Waldverschwiegenheit lassen es immer mehr zu einem Tummelplatz großstädtischer Jugend wachsen. — Gemütlichen Aufenthalt beschert das fast vom Wasser umgebene Thiessow, an der Südostspitze Mönchguts. Es nennt sich stolz „die funkelnde Ecke am schönsten Edelstein Deutschlands" und hat in der Tat eine Reihe von Vorzügen, die ihm Eigenart und Einmaligkeit sichern. Pittoresk die Fischerhäuschen im holländisch gehaltenen Stil, bedeutungsvoll die Marine-Lotsenstation des Ortes, am schönsten aber sein doppelter Strand und der ausgedehnte Wald zwischen frischen, bienen« übersummten Wiesen und erdrüchigen Aeckern. An der Nordküste der Halbinsel Jasmund, gegenüber Kap Arkana, liegt Bad Lohme malerisch auf hoher Steilküste in freundlicher Grüne der Stübnitz: ein Bad des Waldes, der Gärten und Erholung. Auf Witkow, dem „Ort der Winde" und mit dem Eiland Rügen nur durch eine schmale Landzunge verbunden, lagert sich Breege-Juliusruh quer vor Bodden und Wiek. Nette Villen und kleine Hotels inmitten saftiger Weiden und duftender Gärten geben dem Ort ein freundliches, schmuckes Aussehen. Park Juliusruh mit vielhundertjährigem Baumbestand, der feine, breite Badestrand und vor allem Bodden und Wiek als Paradies für Kanu und Paddelboot, haben den Ort zum Dftfeebab ber beutschen Wassersportler gemacht, zumal hier auch ber Deutsche Kanuverband sein Rügenlager unterhält. Berühmt und schön: Putbus, die alte Fürstenresidenz und besuchter Lustkurort. Schloß, Orangerie, Schwanenteich inmitten eines herrlichen alten Parkes voll seltener, ausländischer Bäume, die bauliche, einheitliche Anordnung der 1815 vom Fürsten Matte gegründeten Ortschaft, haben ihr Ruf und Fremdenverkehr eingebracht, besonders da Putbus mit feinen Ortsteilen Lauterbach, Neuendorf und Vreechen an die See reicht, so daß es auch als Dftfeebab bezeichnet werden kann. Vom Frühling bis in den Spätherbst hinein blühen vor allen Häusern des Marktfleckens Rofenftöcke: Erinnerung und Symbol lebendiger Tradition. — Putbus gegenüber im Greifswalder Bodden, liegt die Malerinsel Vilm. Ein kleines Königreich für sich mit einem einzigen Hotel inmitten uralter Bäume, besonnter Buchten und Waldwege: eine Einsamkeitsstätte tiefster Beschaulichkeit. Bäder-Insel Rügen! Von Arkona herab bis Thiessow ein Bad am andern, doch jedes verschieden vom andern in Charakter und Struktur. Zur „Wald- und Wasserfreude^. Novelle von Theodor Storm. (Fortsetzung.! Da geschah es eines Nachmittags, daß Herr Zippel seinen Wachtelhund vermißte. Da das Tier schon seit gestern nicht mehr gesehen war, so lief Kätti von Haus zu Haus, um es zu suchen, denn es war fast mit ihr aufgewachsen. Aber sie erfuhr nichts Bestimmtes; nur ein Kind behauptete, es habe die lange Irina, die dort hinterm Holze wohne, mit einem schwarz und weih gefleckten Hündchen auf dem Weg gesehen. „O weh!" sagte die dicke Magd, als Kätti mit diesem Bericht nach Hause kam. „Warum o weh, Anngretje?" „Darum", sagte die Magd, „weil das Fideichen immer Buttersemmeln ah und sehr gut bei Schicke war." „Deshalb?" — Kätti muhte lachen. „Ja, ja, KSttichen; die lange Trina schlachtet die kleinen, selten Hunde; das Fett verkauft sie an den Apotheker in ber Stadt und macht auch Sympathie damit." Nun erschrak das Mädchen ernstlich; aber Herr Zippel, der eben hinzutrat, langte in die Tasche und drückte ihr ein Geldstück in die Hand. „Geh selbst und tauf’s ber alten Hexe ab," sagte er; „Fibelchen wird schon noch am Leben fein!" --Es führte burch den Walb ein Weg und von bleiern ein Fußsteig zu ber Wohnung ber langen Trina; Kätti aber fürchtete sich zu ver- irre'n und ging lieber im wetten Sogen um den Wald herum. Als sie nach stundenlanger Wanderung die Kate erreicht hatte, welche im Schatten eines lannenfdjiag lag, fiel ihr Blick zuerst auf ein gegen die Mauer gelehntes Brett, an dem die Fette von allerlei kleinem Getier, dem Anscheine nach zum Trocknen, festgehestet waren; Kätti besah sich eines nach dem anderen, doch schien Fidelchens Fett noch nicht dabei zu sein. Bei ihrem Eintritt in die Wohnung saß die hagere Alte vor einer dampfenden Kaffeetasse. Sie hatte früher einmal bei einer verwitweten Kanrmerherrin in der Stabt gebient und nach berem Tode nebst anderem Plunder auch die schwarzen Krepphauben der Dame zum Geschenk erhalten, welche sie seitdem, mit bunten Bänderfetzen verziert, auf ihrem eigenen Kopfe trug. Kätti, obwohl vom Dorfe her die lange Irina ihr nicht unbekannt war, erschrak hier in der Einsamkeit doch etwas vor dem knochigen Bauernanllitz, das so grotesk unter dcm Flitterputz hervorjchaute. Beraniwortlich: L>r. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Aniverf itäts-Vuch- und öteinörudetei, R. Lange, Gießen. noch ein anderer sie gefangen halte, aus dem sie nicht so leicht entrinnen sollte. * Am nächsten Sonntage, es war schon gegen Adend, fuhr in drei Wagen eine Gesellschaft seiner Leute an der „Wald- und Wasserfreude vor Herr Zippel, dem vorher nichts angemeldet worden, geriet in große Aufregung, als man ihm ankündigte, hier sei die letzte otation der heutigen Lustfahrt: man wolle nun mit Abendbrot und Tanz den Kehraus machen. Der Doktor dagegen schien von allem unterrichtet: er war sogleich zur Stelle, hals den alten und jungen Damen vom Wagen und chatt die jungen Herren, daß sie sich unterwegs so lange aufgehalten. Kätti stand, nach der Flußseite, halbverdeckt hinter der Ecke des Hau,es Untätig, mit düsteren Augen und herabhängenden Armen, horte und beobachtete sie alles, was hier oorging: dann, als die Gaste von ihrem Vater in das Haus hineinkomplimenttert waren, schlich sie sich zögernd durch den Garten in die Küche. ra . Nicht lange nachher erschien sie mit Tischzeug und Geschirr in der Veranda und begann unter Herrn Zippels kreuz und quer fliegenden Befehlen die Abendtafel herzurichten. Während sie leicht und sicher eines nach dem anderen an seinen Platz setzte, wandelte d.e Gesellschaft plau. dernd und lachend auf den Gängen des sich unterhalb ausbre.tenden Gartens, und Satti konnte es nicht lassen, mitunter halbbettommen einen Blick hinauszuwerfen. Die jungen Damen waren ihr fast alle bekannt, mit mehreren hatte sie einst aus derselben Schulbank gesessen, und - ste zog grübelnd eine ihrer schwarzen Flechten über die Brust hinab — von keiner war sie noch begrüßt worden. Aber freilich, sie war bei ihrer Ankunft ja auch hinten um das Haus herumgelaufenl — Nur eine, die hübscheste, ein schlankes, blondes Mädchen, war ihr fremd: ste hatte was Vornehmes in dem lässigen Neigen ihres Kopfes, und Katt, selber mußte immer die Augen nach ihr wenden. Aber es war noch ein anderes wodurch die blonde Dame wie magnetisch die Blicke des braunen Mädchens auf sich zog. Es war nicht zu verkennen, daß sie sich immer wieder wie von selber mit dem Doktor Fedders zusammenfand, und eben setzt gingen beide ohne Begleitung den Seitensteig zum Flusse hinab und konnten der überhängenden Büsche wegen von der Veranda aus "'Al mehr gesehen werden. Kätti blickte auf die Stelle, wo die lugendlichen Gestalten verschwunden waren, bis sie vor der scharfen Stimme ihres Vaters auf- schreckte und nun emsig in ihrer Arbeit fortsuhr. Als sie die letzte Schüssel aufgesetzt hatte, sah ste das Paar aus der Tiefe des schon dämmerigen Gartens auf dem an der Veranda vorbei- führenden Steige heraufkommen. Das blonde Mädchen hatte e,ne feine, weiße Hand erhoben und redete lebhaft zu dem jungen Doktor. Gewiß, sie war die Hübscheste: aber — Kätti wußte nicht recht weshalb — auch wohl die Stolzeste! . . . Und jetzt näherten die beiden sich der Veranda, und da ste auf dem Steige langsam vorübergingen, ließ die junge Dame ihre blauen Augen eine Weile betrachtend auf Küttis Antlitz ruhen und fragte dann wie .gleichgültig, sich wieder zu ihrem Begleiter wendend: „Wer ist das Masche»^" Sie hatte laut genug gesprochen, und in dem Ton der Frage lag kein Bemühen, sie vor ihrem Gegenstände zu verbergen. „Es ist die Wirtstochter", sagte der Doktor leise und schien rascher vorllbergehen zu wollen. Aber Sattis feine Ohren hatten auch das gehört. Die junge Dame hob den blonden Kopf und sprach lächelnd ein paar Worte aus Französisch, und Wulf Fedders erwiderte ihr in derselben Sprache. Dann gingen sie vorüber, und Kätti hörte ste von hinten in den Saal treten. m „ Der Garten drunten hatte sich geleert; die übrige Gesellschaft war am Flußuser auf und ab gegangen und kam jetzt die große Felstreppe wieder herauf, welche zu der Anfahrt des Hauses führte. Die braune, schmächtige Wirtstochter stand noch immer m der Veranda, unbeweglich -an derselben Stelle; sie wußte selbst nicht, was sie überkommen war. aber sie fühlte, wie ihr das Herz fast schmerzhaft lchlug und wie ihr ganzer Körper bebte. Plötzlich warf sie, was an Gerat noch in ihren Händen war, fort und lief in den Garten hinab. — i^od) eine Weile faß sie unten vor der Abnahmewohnung auf dem großen Feldstein, der unter den Fenstern ihres Gastes lag. Es war ganz einsam hier: nur der Fluß rollte in dem Abendwind, der sich erhoben hatte, eintönig seine Wellen an dem Uferrand hinauf. Kätti starrte auf das immer wiederkehrende Spiel des Wassers; sie hatte keinen Gedanken, sie fühlte sich nur ganz verachtet und vernichtet. Aber jetzt hörte sie oben vom Hause her die Stimme ihres Vaters: „Satti! Kätti!" rufen und dann scharfer unv lauter: „Rosalie!" und noch einmal: „Rosalie!" Sie wußte wohl, jetzt, während die Gäste in der Veranda tafelten, sollte sie mit Sträkelstrakel spielen und zur Gitarre ihre Lieder singen. Aber — vor jenem blonden Mädchen? Sie hätte sich eher die Zunge ao- gebissen. Und selbst vor ihren früheren Schulkameradinnen — auch vor denen nicht; nein, nun und nimmer wieder! Vorsichtig stand sie auf; aber sie ging nicht, wohin sie gerufen wurde. Seitwärts unter alten Nußbüschen war ein niedriges Rohrdach auf dem Boden Eingebaut, ein Aufbewahrungsort für allerlei Gerumpel, noch von dem vorigen Wirte her. In deni hintersten Winkel, hinter leeren Tonnen und Bienenkörben hatte Kätti sich jufammengetauert. Sie horte noch einmal ihren Vater rufen, aber sie achtete nicht darauf; sie hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und stützte die Arme aus ihre Knie. Doch saß sie jetzt nicht mehr in dumpfem Hinbrllten; „die Wirtstochter!" iprach sie halblaut vor sich hin, „nur die Wirtstochrer!" — Er hatte vor Jahren auf dieselbe Frage ja ganz dieselbe Antwort gegeben, und sie hatte sich damals kindisch darüber gefreut; warum denn brannte heut das Wort wie eine Kränkung in ihrer Brust? — Aber es war ja auch nicht jenes Watt allein: wie anders als gegen sie war fein Benehmen jenem blonden Mao- chen gegenüber? Sie hatte früher nie daran gedacht; aber jetzt wallte e» fiebenb in ihr auf: er hatte keinen Anfkanb genommen, sie noch immerfort zu buzen, so wie sie selber es bisweilen mit dem armen Sträkelstrakel \ machte! (Fortsetzung folgt.) Aber die Alte rückte ihr einen Stuhl zum Tische und nötigte sie wiederholt, wenn auch vergebens, ein Schlückchen aus ihrer Tasse zu I probieren; von dem Hunde aber wollte sie nichts gesehen haben. „Es ist meine Katze gewesen," sagte sie; „die läuft mir oftmals nach; sieh f nur, dort liegt sie unterm Ofen!" ; Und wirklich lag dort eine schwarz und weiß gefleckte Katze, die sich, । rote ihr behagliches Schnurren zu erkennen gab, um all die abgezogenen Fellcken draußen wenig zu bekümmern schien. . Aber Kätti traute doch nicht; sie drückte dem Weibe das Geldstück in die Hand und sagte: „Da habt Ihr ein Trinkgeld; mein kleiner Hund ßeißt Fidel, und wenn Ihr ihn uns wiederbringt, so gibt mein Vater Euch gern das Doppelte!" . . , „ Ich weiß nichts von deinem Hund", rief die Alte unwirsch. „Jaber , fuhr sie wie in plötzlichem Besinnen fort, „du sollst den Weg doch nicht umsonst gemacht haben! Kennst du, was man den Speiteufel heißt k Kätti schüttelte den Kopf. ,Es ist ein Pilz, und es gibt deren blaue, rote und auch grüne; aber von dem roten muß es fein; er wächst hier im Holze, just um diese Seit." Das Mädchen sah gespannt die Alke an. „Wenn du dir wieder An Hündchen ziehen willst, so tupfe mit dem Finger in den roten Schaum, der auf dem Hut liegt, und netze das mit deinen Lippen! Es brennt ein wenig; aber bas schabet nicht. Warte nur, es ist auch ein Spruch dabei!" Sie zog ihre Tischschublade auf, kramte darin umher und holte endlich einen schmutzigen Zettel daraus hervor, den sie Kätti vor die Augen hielt. „Das muß dabei gesprochen werben, jagte sie; „wenn bann das Hündchen davon frißt, so wird es nimmer von dir weichen." Die lange Irina rückte näher und fuhr mit ihrer harten Hand über die Wanae des Mädchens. „Es hilft nicht bloß für Hündchen", sagte sie heimlich;" „die gelbe Marthe weiß wohl, warum sie jetzund auf ber großen Hufe sitzt; der Niklas hatte zwei und mußte nicht, an welche er sich hängen sollte." Kätti faß plötzlich wie mit abwesenden Augen; ihr dunkles Gesicht war merklich bleich geworden. Die Alte sah sie schmunzelnd an; dann ergriff sie eine ihrer schwarzen Flechten und zog den Kops des Mädchens an den ihren, während ein lüsterner Zug den groben Mund umspielte. „Du", flüsterte sie, „du bist wohl gar um beffenmitlen hergekommen; du hast wohl auch so einen Hin-und-wieder-Burschen! Streich's ihm auf ein Pröbchen, auf ein Stückchen Zucker; es gibt Rat für alles in der Welt! Nur merk's dir, fürsichtig mußt du jein; ein wenig macht lebendig, zu viel — da könnt' der Teufel leicht fein Spiel gewinnen!" Wie aus einem dösen Traume [prang das Kind empor. „Nein, nein! Laßt mich los; ich will nichts von Euren Teufelskünsten wissen!" Sie war schon draußen vor der Haustür; aber das Weib tarn hinterher. „Narre, Narre, wohin läufst du?" rief sie, als sie bas Mädchen auf dem Wege sah, ber um bas Holz herumführte. Sie war zu ihr getreten und zeigte auf einen Eingang in ben Tannenschlag: „Dort", sagte sie, „unb immer gerabeaus, so kommst du auf den Fahrweg!" Sie führte Kätti an ber Hand, dis wo ber Fußsteig beutlich zu erkennen war. „Nun lauf; und wenn du dich besonnen hast, in einem halben Stündchen kannst du bei mir fein!" Fast willenlos hatte Kätti sich in den finsteren Tannensteig hinein« führen lassen. In ihrem Köpfchen war kein Raum jetzt für die Furcht; das Hürdchen freilich war vergessen, aber statt seiner hatte ein Menschenbild sich unerbittlifter als je ber jungen Phantasie bemächtigt. Schon vordem, mit der qualvollen Spürkraft der Eifersucht, hatte sie heraus- empfunben, wohin bie Stabtbesuche ihres Gastes zielten; bei ben aufregenden Worten des argen Weibes hatten plötzlich alle Zweifel sie verlassen; aber zugleich auch war eine wilde Hoffnung in ihr ausgestiegen, die sie vergebens zu verjagen strebte. Wie betäubt ging sie jetzt dahin auf dem einsamen Waldsteige; immer wieder schwebte der schmutzige Zettel ihr vor Augen, und mechanisch murmelten ihre Lippen die unverständlichen Worte, die sie daraus gelesen hatte. Dann wieder sah sie jäh empor, als suche sie Zuflucht in dem reinen Aetherblau, bas hoch über ihr am Himmel staub; sie schüttelte wie zornig ihr buntles Köpfchen, als könne sie so bie unheimlichen (Bebauten von sich werfen aber immer roieber unb immer unabweisbarer brang es auf sie ein. Unwillkürlich suchten ihre Blicke hin unb roieber, unb halb folgten auch bie Füße seitwärts vom Wege ab; ihre Augen streiften alles, was hier burcheinanber aus bem Dunst bes Pobens aufgeschossen war; auch Pilze von allerlei Form unb Farben sah sie, nur waren es bie rechten nicht. Unb weiter ging sie, ohne auf ben Weg zu achten, ohne aufzusehen. ba, am Raube einer feuchten Lichtung, stockten ihre Schritte. Sie glaubte erst, es fei eine Blume, was so zinnoberrot unter bem grünen Farrenkraut hervorleuchtete; aber batb fah sie es beutlich, es war ber Hut eines großen Pilzes, ber hier jetzt hießt vor ihren Füßen staub. Ein Laut gleich einem Stöhnen kam über ihre Lippen; sie schloß bie Augen wie vor einem bösen Trugbilb; aber als sie sie wieder öffnete, stand es noch immer da und bot, wie in einem Näpfchen, ihr ben roten Schaum entgegen. Ohne baß sie es wollte, hatte sie sich hinabgebückt; in ihren Gebauten rief es: „Gift! Gift! Es ist Gefahr babei!" aber ihre flürmenben Pulse antworten: „Es ist um befto besser!" Ihre Lippen begannen roieber bie unsinnigen Worte Herzufagen, unb schon hatte sie ben Arm, ben Finger ausgestreckt, ba bewegte sich ber Hut bes Pilzes; ein Schauer zog burch ben Walb, unb bie Bäume rauschten wie vom Obern eines Unsichtbaren angehaucht. Es war nur ber Abendroinb, ber sich erhoben hatte; aber bas Mäb- chen mar aufgesprungen: vom Schrecken ber Einsamkeit erfaßt, rannte sie ohne Aushör in ben Walb hinein; ohne umzufehen, ohne zu achten, baß bie Fetzen ihrer Kleiber an ben Büschen blieben, bis sie enblich in gutem Glück auf den ihr bekannten Fahrweg hinauskam. Ihr wurde plötzlich leicht ums Herz; sie atmete auf, als ob sie jetzt bem Zauberbann ber argen Frau entronnen wäre. Ihr fiel nicht bei, baß