Nummer 52 Montag, -en 25. April ahrgang 1932 Erzählung von Rut Lands Hofs. Oer Mond. Bon Wilhelm Busch. Der Mond. Dies Wort so ahnungsreich, So treffend, weil es rund und weich — ■ Wer wäre wohl so kaltbedächtig. So herzlos, hart und niederträchtig. Daß es ihm nicht, wenn er es liest, Sanstschaudernd durch die Seele fließt? Schlechte Folgen guter Lektüre. sS Ji( no» K Sä' WnerZamilieMätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Lächeln aus den lieblichen Zügen nach Hampton und vor ihr Haus. Wah- rend sie den Knaben den Händen ihrer Jungfrau, um ihn zu säubern und der Lumpen zu entkleiden, übergab, ging sie durch all« Räume uno begann alle umherstehenden Kleinigkeiten, wie Porzellanfiguren und silberne Dosen, sortzuschließen, denn sie hatte bei ihrem Lieblingsautor gelesen, daß arme Kinder oft diebische Veranlagungen haben oder, dem chtechien Beispiel ihrer würdelosen Eltern folgend, das Fortnehmen und Äneignen von ihnen nicht gehörenden Gegenständen sich angewohnt hoben. ans sie den Schlüssel drehte, kam weinend und die Hände ringend ihre Jungfrau herein und berichtete, das fremde Kind volle sich um keinen Preis waschen lassen, es kratze und beiße, wenn man ihm mit dem Schwamm komme, und sei beim Anblick der Zahnbürste in herzbrechende Tränen ausgebrochen. Ethel Friederike, darauf vorbereitet, für ihr schweres Unterfangen eine seltene Geduld nötig zu haben, tröstete das weinende Mädchen und folgte ihr in das ehemalige Kinderzimmer des Hauses. Hier anden sie den sremden Knaben, wie er splitterfasernackt, mit dem durch Tränen verschmierten-staubigen Gesicht wie ein streitbares Teufelchen aussehend, mit Bürste, Seife und Lappen Flottenspiele im Badetrog oer- anstaltete. „Dies ist die Fregatte des zweiten Admirals McPhearson, agte er, seltene Kenntnisse verratend, und deutete auf die schwimmende Seife und, sie mit den Fingern stoßend: „Jetzt kriegt sie eine Breitseite und geht unter." Die Seife ging tatsächlich unter, wurde zusehends kleiner und färbte das Wasser mit weißlichen Blasen. „Das ist der Soak, erklärte der nackte Junge. Wahrscheinlich ist er aus einer Hafengegen», dachte Ethel Friederike, und „komm, sei lieb und steig ein , bat sie ihn. „Aber Mädelchen", sagte der Junge, „wie kann ich das? Weißt du denn sy genau, ob das Meer hier keine Haie hat?" — „Es ist doch ein Wasch- troq" erklärte Ethel Friederike tief erschrocken über die Unwissenheit des armen Kindes. — „Du irrst, Mädelchen", sagte das Kind freundlich. jetzt ist es gerade der indische Ozean, und ich bin Black Bill, der Pirat. Ethel schauderte: in was für einer Umgebung mochte das Kind ausgewachsen sein, daß es in so zartem Alter schon wußte, was ein Pirat sei. Mit Hilfe der Jungfrau hatte sie es gerade fertiggebracht, den Knaben in das warme Wasser zu befördern, als er fürchterlich anfing zu brüllen: scklimmer sei es zu Hause auch nicht, und er wollte zurück, alles, wahrend Ethel unverdrossen seine sich.rötende Haut mit Bürste und Schwamm becirb'eitete. fjerr Thomson, der gerade aus den Ställen kam, hörte das Geschrei und lief nichts Gutes ahnend, dem Klang nach. In dem alten Kinderzimmer fand er seine Tochter über und über von Seifenwasser triefend, einen gewaltig schreienden Knaben aiif den Knien, den sie mit Tüchern trocken rieb Als es Herrn Thomson erblickte, wurde das Kind ruhig, fa es begann fröhlich zu lachen. „Mädelchen", sagte es zu Ethel Friederike, die es erstaunt ansah, „was hat der Herr für einen ungeheuer dickm Bauch." Herr Thomson, gekränkt durch diese reichlich oberflächliche Kritst seiner Person, erfuhr auf seine Frage, daß seine Tochter dieses arme Kind in London gefunden habe, daß sie ts hier behalten und zu einem Herrn erziehen wolle. Herr Thomson rang die Hände, hielt ihr vor, wie unbedacht sie gehandelt hab«, daß sie kein Recht habe, ungebeten in fremder «eilte Schicksal einzugreifen, und ähnliches mehr. Derweilen hatte der Junge aus einer Kommod« und den Badetüchern ein Segelschiff gebaut, und'da der von Rässe spiegelnde Fußboden sich ausge,zeichnet zum Ozean eignete anqefangen, imaginäre Regatten zu segeln. Plötzlich rutschte er auf der Kommode, di« er als Maltkorb erklettert hatte, aus und fi^ herunter. „Mann über Bord, die Trossen los! schrie er. „®as^inb scheint verrückt zu fein", bemerkte Herr Thomson bedauern. „Vielleicht ist es nur vorübergehend irre", schlug die Jungfrau vor. Ich trage -keine Weiberkleidung", rief der Junge empört, als letzt Ethel Friederike versuchte, ihm eins ihrer alten Kinder-Nachthemden über- zuziehen Dann bleibe ich lieber nackt rote alle Galeerensträflinge. Er nahm Herrn Thomson seinen Reitstock fort und begann angestrengt atmen» damit auf feinem Ozean herumzurudern. „Ich bin ein Lebenslänglicher , verkündete er stolz. „Ein ungewöhnlich sittenloies Kind , bemerkte Herr Thomson und ging, betrübt den Kopf schüttelnd, aus dem Zimmer. Mittlerweile hatte Ethel Friederik«, die mit Kummer feststellte, daß ihre Aufgcibe über ihre Kräfte gehen würde, den Knaben ins Bett gesteckt und ihm' sein Abendessen kommen lassen: er aß ungeheure Mengen und bemerkte zufrieden, daß er daheim abends nie Beefsteak bekommen habe unb überhaupt kein Fleisch. Der arme Junge, dachte Ethel Friederike, und die Tränen schossen ihr in die Augen. Wahrscheinlich hatte man ihn f,Un3um Beten wurde Herr Thomson wieder gerufen, um etwaigen Widerstand gleich im Reime zu ersticken. Wußte man denn, aus welchem flotte ofen Milieu der Knabe stamme? Aber er sprach sein Gebet sehr ordentlich und bat am Schluß den tieben Gott um besonderen Schutz für das Pony, welches ihn hergebracht hatte, den Herrn nut bem tuf igen Bauch, bas Mädelchen und für den Großadmiral der englischen Flotte, Amen. Uchd« « 6i(j 'n M im Nch >fen ms? htiiii ii gratide ;n, bereu und n sieben» me k lit gejch nicht j «Metz shapeiiii und iw !k i* bet Al!« linier ta djten di, durch ein n fletw ,en bie|e= :süllie di! chäuschei, aren. H schlisse« Zräsiii ii den (Jin in Sanbe n Söul« n garte !r Wim nnis. Du Haus al ((fertigte fllörflein- e erriiW MU «ii chineM ilch, EH» irden. Di len nter einen e Zeiilal nid flute’ > FW«! ’n Seinen jes teilte' bei ibnet [djuxiryi । sie Besuch * batten Pt die 3* wollen, Mus",6 nacht-,»"'. int> 31* Gesellig rfrfeits >n Bol«°k ; Diaina»1 Jen trufl«’ wissen, * ah P- ” fia, nn Goelds! W N In der Zeit, als ein gewisser Dickens in England mit seinen Berichten über inenMiche Schicksale, über die Bestrafung der bosen und die Leiden md endliche Belohnung der guten Menschen auf dieser Welt viel Ehren md »Geld verdient«, lebte in Hampton, nicht weit von London, Herr j O A Thomson. Er besaß ein hübsches einstöckiges Häuschen, das, nmitten eines blühenden Gartens und auf einem Hügel S^en, außer ^lesenen Möbeln und bildlichen Darstellungen von hochgestellten Person- ichkeiten und von Jagden hinter bem Fuchs einen besonderen Schatz enthielte feine Tochter. Diese, ein wohl gebildetes, herzliches Geschöpf, bas rach der früh verstorbenen Mutter unb einer weitläufigen vernmnbten teutlcken Tante Ethel Friederike hieß, war merkwürdigerweise trotz ihres bestrickenden Aeußeren noch unverheiratet, obwohl ft« ihr achtzehntes ^ebenssahr bereits überschritten hatte. Eines Taaes als Herr Thomson, der di« Aufsicht über die Vewirte chaftung seines'Gutes selbst betrieb nach mühstimem Tagewerk he^ - lam, machte Ethel Friederike ihn wahrend des E se s, bas. °'>st -mmer -echt schweigsam verlief, mit einem Entschluß bekannt, den sie, angereg 0u7ch die Lektüre eines zeitgenössischen Dichters üestißt ^atte. Sie H b agte sie, genug davon, gehegt unb gepflegt dahmzutebm ^d sei dayer uit chlossen etwas Nützliches zu unternehmen. Herr -homson, u w oatbiick berührt warf ein daß Ethel Frieberike von ihrer Eigenlast. As ^weibliche Person bereits von Natur aus zu etwas °ußergewohn ich Nützlichem vorausbestimmt sei, na mich einem edlen Maiinenegi Gattin und schließlich Mutter von Kindern öuwerdendiefe W J wieder hegen unb pflegen könne: worauf Ethel Friederike erwioerre, °.»i »•* i von ihnen hätten nichts zu essen, ja nicht einmal ein ich Kopf, und derlei unmädchenhaste Sachen mehr Und.es schien D Thomson, als fände seine vorlaut« Tochter es richtiger' erstalle h g g Kinder zu speisen und zu pflegen, ehe man neu« an,erlüg . Der nächste Tag fand Ethel Friederike, derb und ^rstandÄah'fl gekleidet, auf dem Bock ihres Ponywagens um^nach Londoniju tutfcjie ten und dort in dieser großen Stadt des Elends das ’ | , ’ bedürftigste Kind herauszufinden um ihm zu helfen. Die schmutzigsten 5tvnfaen bie sie eirtfcf)(ucu bic büfterften leintet schienen ) 6 , ( ß^hr Borhaben Kran einer Ecke, in die sieeinb.egenroo bbeb das Pony plötzlich stehen und weigerte sich, noch Weiterhin einen D-st vor den anderen zu setzen. Es riß den geschirrt pf » nnb wieherte so angeekelt, daß Ethel Friederike be chl ß, ^trafsen ‘ dem holprigen unb kotigen Pflaster fernerhin zu "erich - n yn. oufznfuchen, bie, wenn auch ärinlich, so bod) fllatt (Säufer ftanben, versehens kam sie nun in eine Gegend, wo schone hohe y i ' mit Blumen an den Fenstern und großen, vornehmen Auffahrten. Kirchs . Zeit war noch nicht vorüber, es herrschte vollkommene . Pl ^gbjelt dem Pony, dessen ehrwürdiges Sliter es fllucklicherwe! Tu steigen ein Klumpen Erde an den Kopf. Ethel ,irie . „ ..m' ÜL bemerkte zwischen den Büschen der Anlagen von Devon We Place einen schmutzigen, völlig verwahrlosten lind, zerlumpten ^«>1^ ir Knaben, dessen Hände gerade ein neues Wurfgeschoy trotzig : (stieg ab, unb mit liebevollem'Lächeln begann st« auf bas Kmb, bas trotzig * AM 7-d ««W« S,*. dem bie Jucht imb Sitte bes Elternhauses Kon^ mit ch^^ll I 1ür bich forqen unb mit Liede unb (Bute, y1. « . frhtmihi» Vorbild biVauf den guten Weg leiten " Der Knabe siihrte se.ne^chmutzi- I flen Hände zum Mund unb betrachtete erst ""Iranisch, V ^nvachen- ! den Fingernägeln knabberte, die freute Dame, und - b f.enb dem Interesse, bas Pony. Kurz entschlossen hob Ethe Friederike beyeno I 'das fremde Kind auf den Dock, wobei sie ihre Mantill« ar«, benutz , I hüllte es trotz der strahlenden Fruhiahrssonne -in furforgUch genommenes Plaid tmb fuhr schweigend, aber mit einem jutneD Wieso für den, wollt« Ethel wissen. „Es ist mein Papa , sagte der Junge. Herr Thomson, der ihn wieder für irrsinnig hielt, fragte streng, wie er denn heiße? „Lord Bill Jnverelide", sagte der Junge. Am nächsten Morgen, als die weinende Ethel den Buben zu seinen aeängstigenden Eltern zurückbrachte, fragte sein Bater, wahrend er ihn glücklich umarmte: „Aber was hattest du nur in Lumpen aus dem Devonshire Place zu suchen?" . „ „„ , Ich wollte wissen, wie man sich fühlt, wenn man em armer Junge ist, und ich muß sagen, daß ich es wundervoll sand. Man hat nur ein Buch vorgelesen", erklärte der Bub, „das von Ansang bis zum Schluß von einem kleinen Jungen handelte, dessen Erlebnisse eben so merkwürdig waren wie die eines Helden der Geschichte. Und darum war ich gestern aus dem Devonshire Place Oliver Twist. Sonderbar", bemerkte der Admiral zu Ethel Friederike, wahrend er sie zu ihrem Wagen führte, „daß das Kind einen solchen Eindruck bekommt von etwas, was, wie wir alle wissen, dieser Herr Dickens von Anfang bis zum Schluß erlogen hat." Ja", sagt« Ethel Friederike und verschwieg, welches von ihren Buchern zu Hause der Anlaß gewesen war für ihren Entschluß: auszugehen, um «in armes Kind vor Kummer und Leid zu retten. Tolstoj privat. Erinnerungen aus dem Elternhause des Dichters. Bon Mexandra Tolstoj. Eine Zeitlang studierte mein Baler den Buddhismus und andere orientalische Religionen, sowie die Werke großer Philosophen. „In welch erhabener Gesellschaft ich den Abend verbracht habe!" pflegte er dann am nächsten Tag nach der Lektüre von Kant, Schopenhauer und anderen großen Denkern zu sagen. Auch beschäftigte er sich mit dem Gedanken, auf welch« Art er die Frucht dieser Stunden breiten Massen zugänglich machen könnte, und kam aus die Idee, einen Abreißkalender mit „Aussprüchen weiser Männer" zusammenzustellen. Er suchte zu diesem Zweck, wie Juwelen, Sprüche aus der Masse von Büchern, die ihn umgaben. Dieser Kalender bildete den Anfang einer ganzen Reihe ähnlicher Bücher, hie er bis zu feinem Lebensende herausgab. Als der Verleger Iwan Gor- bunosf meinem Vater die ersten Namensexemplare des neuartigen Kalenders zuschickte, kannte sein« Freude keine Grenzen. Er las allen aus dem Kalender vor, und ich kann mich nicht erinnern, daß ihm jemals ein Buch soviel Freude bereitet hätte. Meine Mutter hatte immer viel zu tun. Sie ordnete die Bücher, die Autoren und Verleger dem Vater massenweise ins Haus schickten, trug sie in einen Katalog ein, sammelte Zeitungsausschnitte, klebte sie in ein Album, machte photographische Aufnahmen, die sie dann selbst entwickelte. Manchmal wußte sie nicht, wohin sie ihre Energie entladen sollte. In ihrem Zimmer lagen all« möglichen Gärtnerinstrumente. Im Sommer pflegte sie die Nessely, die an der Mauer wucherten, niederzumähen, obwohl in unserem Hause ein Gärtner angestellt war. Sie liebte es, auch Garteiitische, Bänke und Waschtische zu streichen. Nie konnte sie untätig sein. Eines schönen Tages wollt« sie Maschinenschreiben lernen und ver- brachte nun die ganze Zeit ah der Schreibmaschine. Genau so unerwartet entflammte sie auf einmal für Malerei — sie kopierte Bilder unserer Ahnen und versucht«, meinen Vater und mich zu porträtieren. Dann kam eine Leidenschaft für die Schriftstellerei an die Reihe. I» der „Zeitschrift für Alle" erschien ein Gedicht „Seufzer", dessen Alitor meine Mutter war. Ihre stärkste Leidenschaft wurde aber Musik. Sie hämmerte nicht nur Tonleitern und Hebungen aus dem Klavier, sondern versuchte alles nachzuspielen, was Tarejew, der bekannte russische Pianist, an seinen Klavierabenden vortrug: Beethoven, Mozart und Mendelssohn. Sie spielte die Stücke unzählige Male vom Anfang bis zum Ende, immer mit denselben Fehlern und schlug auf die Tasten mit ihren schwer sich biegenden Fingern. Jeder Gast, der ein wenig auf dem Klavier klimpern konnte, wurde sofort von der Mutter gebeten, mit ihr vierhändig zu spielen. Ja, der Gast wurde überhaupt danach eingeschäßt, ob er Klavier spielte. Mutter fuhr oft nach Moskau und kehrte von dort vergnügt und belebt, von Konzerteindrücken voll, zurück. Ich aber geriet in einen Zustand der Grübelei und Reizbarkeit, wie er mich in meiner Kindheit oft gequält hat. Manchmal stürzte sich Mutter mit ihrer ganzen Energie auf die Wirtschaft. Sie verstand aber nichts davon und konnte auf diesem Gebiet nichts Gutes leisten, da sie nur Kleinigkeiten beachtete, das Wesentliche aber übersah. Sie ärgerte sich über Bauernfrauen, die durch den Hof mit (Brasbiinbeln gingen, wütet« über ein altes Weiblein, das einen trockenen Ast aus dem herrschaftlichen Wald fortschleppte, bemerkte dagegen nicht die Diebstähle des Gärtners, des Gutsverwalters und die allgemeine Mißwirtschaft. Ich entsinne mich eines tragischen Falls, der durch eben diese Mißwirtschaft verschuldet wurde. Seit Menschengedenken wurde in Jas na ja Pol- iana Sand aus eine Sandgrube geholt. Das Saiidholen war mit der Gefahr, verschüttet zu werde», verbunden — alle wußten es, und dennoch achteten die Verwalter, die den Bauern 10 Kopeken für eine Fuhre Sand abnahmen, nicht auf die Todesgefahr, die den Leiitkn drohte. Eines Tages wurde der Bauer Semjnn Wladimiroff vor den Augen des Starosten verschüttet. Er hatte zu tief gegraben, die Grub« füllte sich mit Sand, der Unglückliche konnte seine Beine nicht mehr befreien. Er wimmerte, flehte um Hilf«, schrie. Der Stnrofta und der Sohn Semjons wollten dem verzweifelt um fein Leben^Ringenden ein Seil zuwerfe, fühlten aber, wie der Sand unter ihren Füße sich bewegte, und [prangen entsetzt zurück. Sie mußten zusehen, wie Semjon vom Sand zugedeckt wurde und hörten herzzerreißende, erstickte Klagerufe aus dem Sandgrabe ertönen. Man stürzte ins Haus des Gutsherrn und beriditefe von dem Unglück. Selten habe ich den Vater so erschüttert gesehen Zusammen mit Arbeitern grub er die Leiche Semjons aus. „Man darf Menschen nicht solchen Gefahren ausseßen", tagte er der Mutter streng. „Wenn du die Wirtschaft führst, mußt du sie entweder gut führen ober die Arbeit ganz auf geben'" Es war das einzige Mal, daß mein Vater sich in die Wirtschaft einmischte. Er stellte Landarbeiter an, zeigte ihnen, wie man eine Sandgrube aus- 1 gräbt, und besucht« seitdem oft die Grube, um zu sehen, ob alles ii Mutter war überzeugt, daß ihr« wichtigst« Lebensausgabe die Sorge um den Vater war. Sie fühlt« die innere Entfremdung, klammerte sich — wie der Ertrinkende an einen Strohhalm — an äußere Sorgen um ihn. Sie freute fick) mit einer warmen Müße, die sie ihm strickte. Sie verstand nicht, daß nichts die moralischen Leiden des Vaters lindern konnte war aber felsenfest davon überjeugt, daß mein Vater zugrunde- gegangen wäre, wenn sie ihm nicht Fleischbrühe heimlich in die Suppe hineingeqossen hätte. . . Im Jahre 1895 hatte mein Vater eine Art Testament in seinem Tage- bud) verfaßt, in dem er feine Drau und die Minder bat, feine üterariiujen Werke der Allgemeinheit freizugeben. „Die Tatsache, daß meine Werk« in den letzten 10 Jahren verkauft wurden, ist für mich eine schwere seelische Last. Meine Schwester Mascha zog drei Kopien von diesem Testament ab, lieg den Vater ein Exemplar unterschreiben, gab die zwei übrigen dem Freunde Vaters, Tschertkoff, zur Aufbewahrung. Mein Bruder Ilia erfuhr die Geschichte und erzählte der Mutter davon. Ihr ganzer Zorn ergoß sich über Mascha. Sie nannte Mascha falsch und verlogen, beschuldigte sie, dem Vater das Schriftstück heimlich untergeschoben zu Haden. Mascha erklärte, daß das betreffende Dokument keine Rechtsgiiltigkeit besaß, und erinnerte daran, daß die ganze Familie den Willen des Vaters kannte. Mutter hörte nicht zu und fuhr fort zu toben und zu schreien. Sie war • Mascha vor, nach dem Verzicht auf ihr Erdteil es wieder zuruckverlangl zu haben, um ihren Mann, „einen Hungerleider", durchzufüttern. Dann lief sie zum Vater. Ein furchtbarer Auftritt spielte sick) ab. Vater wollte anscheinend das Schriftstück nicht vernichten, denn Mutter hörte nicht auf zu toben- sie schrie, heulte, drohte mit Selbstmord. Vater bekam eine Herzattacke. Mascha wußte, daß die Mutter nicht aufhören würde, ihn zu quälen, und gab ihr — aus Furcht um feine Gesundheit — das Testament zurück. , . , , .. Wie trotzig sah mein Vater aus, wenn er nach einer erfolgreichen Arbeit aus seinem Zimmer heraustrat. Sein Gang war leicht, das Gesicht freudig, die Augen lachten. Manchmal drehte er sich auf den Absäßen herum oder schwang das Bein über die Stuhllehne. Ich glaube, «daß mancher rechtgläubige Tolstoj-Nachfolger über ein derartiges Benehmen feines Lehrers und Meisters entsetzt wäre. In der Tat: Fröhlichkeit wurde meinem Vater übelgenommen. Ich erinnere mich an folgenden charakteristischen Fall. Am „Präsidentenplatz", wie «r bei uns hieß, saß die Mutter. Rechts von ihr der Vater, neben ihm Tschertkoff. Wir speisten auf dem Balkon — es war unerträglich heiß und Mücken schwirrten durch die Luft, stachen ins Gesicht, Hände und Füße. Vater unterhielt sich mit Tschertkoff, die Stimmung war heiter. Plötzlich bemerkte mein Vater eine Mücke auf der Glatze Tschertkofss, macht« eine schnelle Bewegung und schlug ihn auf die Glatze. Von der mit Blut vollgefogenen Mücke blieb ein kleiner roter Fleck. Alle hielten sich die Seiten vor Lachen, auch mein Vater. Tschertkoff unterbrach den allgemeinen Heiterkeitsaus- bruch, indem er feine schön-geschwungenen Augenbrauen düster zufammen- zog und meinen Vater vorwurfsvoll anstarrte. „Was haben Sie getan, Leo Nikolajewifch", sagte er,' „Sie haben ja ein lebendiges Gefchöps ermordet! Schämen Sie sich!" — Mein Vater war beschämt. Alle konnten letzt ein ungemütliches Gefühl nicht unterdrücken.» ‘ Hunde und Pferde spielten in unserem Hause eine große Rolle. Mein Vater ging oft mit einem Barsch spazieren. Dieser Hund war ruhig, solange er nicht einer Schafherde begegnete. Dann pflegte er sich auf die Herde zu stürzen und zerriß manchmal Schafe. Eines Tages kam mein Vater von einem Spaziergang äußerst verstimmt zurück. „Gib den Hund weg!" befahl er mir. „Er hat heute wieder Schaf« gejagt, ich habe ihn mit Mühe gebändigt." „Hast du dich zu sehr anstrengen müssen?" fragte ich teilnahmsvoll. „Das wär« nicht schlimm. Er hat mich aber zu einer Sünde verführt. Ick) habe den Hund mit dem Riomengürtel geschlagen. Bas Schlimmst« aber war, daß ich es mit Bosheit getan habe!" So mußte ich den Barsoj anderweitig verschenken. Einmal zeigte er auf eine Stelle bei einer Wiese, die im Frühling von Vergißmeinnicht ganz blau war: „Sascha!" sagte er, „hier zwischen diesen Eicken sollt ihr mich begraben, wenn ick) einmal tot bin." (Ins Deutsche übersetzt von Dr. $ e troff.) Bei den Sioux-Indianern. Von Josef Ponten. Da steht westlich des Missouri in Süd-Dakota in Nordamerika ein Wunderwerk der Natur, das menschlichem Großwerk, der Architektur, in seiner äußeren Erscheinung merkwürdig sich nähert. Man kommt von Norden durch große Einsamkeiten. Durch magere Prärien schleicht aus schlechten Wegen das Automobil. Vielleicht braust eine Herde von sreiweidenden Jndianerpserden vor dir auf — im Zeitalter des Kraftwagens kann man hier ein Pferd für nur einen Dollar taufen. Auf einem Crdhügel steht vielleicht ein schweigender Sioux- inbianer (die Amerikaner sprechen Sioux wie Sfu), aus scharf geschnittenem Gesicht, die Hand über der Stirn, nach den Rossen äugend. Aber da steigen weihe und cremefarben« Mauern auf-, gegen den Himmel linear* scharf abgeschnitten und mit unbedingt senkrechten Klüftungen inmitten. Der Laie spricht von „senkrechten Wänden", di« er etwa in her Alpennatur gesehen hab« — selten, sehr selten findet sich in der Natur die geometrische Senkrechte, fast nie in den Alpen. Aber näher find wir schon dem merkwürdigen Landschaftswesen gekommen, es löst sich auf in einzelne, massige Bauten. Trotz der bald erkennbaren Höhe sind es gebildete Klötze von mehr Breitenerstreckung als Höhenerhebung. Und trotz der spielerischen Vielfalt der Formen zeigen sie eine Einsalt des Typus. Wir fassen einen Klotz ins Singe. Vor uns steht ein Erdbau, über anlaufenden Böschungen senkrecht, breit ausladend, mit kräftigen horizontalen Bändern, die wir Gesimse nennen müssen. An den Ecken erheben sich vollkommene Türme. Die „Dächer" (sinh wir versucht zu sagen) sind fast flach mit ganz kleinem n । »ir [iir jflä iä>e dm. alles j| ie Som nerl( ft ,rS«n llg itffe. $« ' liubtti W8tu* IE St* !M Zogt -rmijch« tteiniti che 8n|i.' i ab, litj Freuch csuhi lii Tflofe ft Ibigte ft ialchu eu M ml s tannh. Cie mu ikvecktz rn. Doti vvllte D - W auf jii । ■ine hey e, ihn 11 leltamtill olgreidxe to EeW Abjifti lubi.iüii öenehm ’eit wuid djaraite , faß üi ir fpeifte« schwinbi unterN rtte *i Melle IgefogtW or Lachen -rteitaiti1 jufantnum Sie fl* GefG! 16 ton* olle. »'• ruhig, |f ch auf * kam * den M । Hube * n?" N t zu ri"11 g-E So mW1 Mi"S"' chen W1* inerifa hilekl«r.» rd) MLfltil' her 6* ?8S :K 1 ?11B d-c 7ß » °us jir-' es pi d l'^B Steigungswinkel. Und siehe da, da sind aus den Dächern jedes der beiden Jlügeltrakte auch die bekrönenden Knäufe. Dazu eine Fülle des wohlangebrachten Kleinwerkes der Zierung. Dieses, tropfen- und knollenförmig, erinnert einen sofort an ein Ziermoiiv französischer Renaissancebaukunst, reich verwendet etwa am Luxembourgvalast in Pckris. Das Ganze des Klotzes läßt an den weitausladenden orientalisierenden Justizpalast auf dem Berge in der Stadt Brüssel denken: Bald aber denken wir an gewisse, mit Schmuck überladene indische Tempel und sühlen uns bei diesem Erinnerungsbilde wohl. Denn Bauwerke, das sind doch Hohlkörper, zu irgendeinem Zweck der Verwendung innerer Räume von innen nach außen errichtet. Diese Naturerdklötze aber und die gewissen indlsck)en Tempel sind massive, von außen nach innen aus Erde oder Fels herausmodellierte architektur- ähnliche— aber dem Wesen raumbildender Architektur völlig fremde — Gebilde: Sie gehören der Plastik an, nicht der Architektur. Ein Naturdaumen hat hier gearbeitet, geformt, er heißt: Wasser. Der Daumen ist geführt worden von der zufälligen Schichtung der Stoffe ■ und der verschiedenen Härte der Schichten. Aber man wird noch nicht verstehen, man wird verwundert und unbefriedigt bleiben, man wird z. B. wissen wollen, warum es bei uns solche Erdphantasiik nicht gibt. Nun: der Baustoff dort in Dakota ist äußerst bildsamer -Um und Mergel. Auch bei uns gibt es Tone und Mergel in ähnlicher Lagerung. I’tlber es bedarf für Bildungen wie die von Dakota dann weiter eines vorwiegend trockenen Klimas mit scharf abgesetzten Wechseln. Die Tone und Mergel lösen sich unter Wasser sehr schnell, aber sie verhärten sich auch unter der Sonne sehr bald. Gibt es viel Regen zu seiner und mel Sonne zu ihrer Zeit, so ist die Bedingung für die Ausbildung solch plastischer Formen gegeben. Ein flaues Klima aber wie das deutsche mit Regen zu allen Jahreszeiten und unberechenbaren Sonnenscheintagen und -stunden würde nur flaue Formen zurücklassen, wenn es nicht das Ganze in einen Kuchen oder Brei aufköfen würde. Also gibt es die Gebilde denn im trockenen Europa? Ja. Ich habe eines in meinen „Griechischen Landschaften" aus der Landschaft des Korinthischen Golfes beschrieben und die Mühsal eines Rittes durch solch loll zerklüftetes Gelände in Albanien erfahren, wie man in meinem „Europäischen Reifebuch" nachlesen kann. Das Schöne in Erde und Geschichte muß sehr oft durch das Opfer des Nützlichen erkauft werden — diese Lande find äußerst unfruchtbar. „Mauvaises terres“*1 fugten schon die ersten französischen Ersorsckyer des Landes zur Zeit des französischen Louisiana-Reiches angesichts dieser merkwürdigen Landschaft des Erdballs, sie übersetzten damit nur das „mako sika“ der Dakota-Indianer. „Don Gott vergessene Gebiete , sagte mein Führer, „bad iands“ nennt sie der Amerikaner, und das ist eine stehende Bezeichnung der Erdkundigen, ein sester sachname für solche Tonwüsten auf der Erde geworden. Präriegräser wachsen dünn auf ebener Fläche, einige wenige Baume findet man in geschützten Runsen und Risseiz, rot hängt die Beere am seltenen hellgrauen Büfselbeerstrauche. Der graue Wolf und der Coyote streifen umher und machen Jagd auf den possierlichen „ground dog“, der murmeltierahnlich, aus dem Rande seiner Erdhöhle neugierig sitzt und, kommst du nahe, wie der Blitz in sein schützendes Loch schießt. . Und einige Jndianerfamilien wohnen auf den Bafeln. Wenn man nicht wüßte, daß man den Indianern das Gebiet der „Schlechten Lande" nls ,Reservation“ überlassen hat, so konnte man es annehmen, da es eben die „Schlechten Lande" sind, denn die konnte der gierige Weiße den Indianern ohne großes Opfer einraumen. Das „mako sika“ ist nicht überall so ausgeprägt formvoll, es Hal auch flache und wellige Bereiche wie die P'neR'dge, unb ln , *, . Ridge hauptsächlich fitzen heute die etwa 8000 Menschen des 0g ? ’ ftammes des Siouxvolkes. Wir sind in der Pme Ridge Indian Reser vation. Ja, der weihe Mann war nicht fehr sreigebig nut der Bandzuteilung an die Indianer. Sie bekamen armen Boden. Aber die Indianer sind auch wenig zur Arbeit geneigt. Sie sagen, ihre 55 zu 90 Meilen große Reservation ist zu Weitläufig für sie, sie uertaufen "der vermiete gerne ihr Land an weiße Ansiedler, die sie als dw beferen ^ndmbei betrachten. Ich soll Hindenburg sagen, bittet mich „Süßes Sias> ( schenkt mir glasperlen-besticktes köstlich-weiche Mokassins) er soll deutsche Leute schicken. Denn „Süßes Gras" war in Deutschland, "l- Indianer einer Zirkusschau, und er wünscht — ach, sehr! — wieder von ei deutschen Zirkus geheuert zu werden. Und weil noch manche ai b wünschen, dürfen wir sie photographieren unb malen (wogegen sich 3- Maner gewöhnlich höchst ablehnend verhalten), m vollem Kriegsschmuck, den sie herausholen, mit dem Adlerkranz unb -schwanz. der 1 cf)onften Dekoration wohl, die menschliche Phantasie erfand: den Indianer »Jeder und „Adler-Bär", den „Messer-Chief". Ich habe mem Verspreche e^ füllt und Hindenburg und Zirkus Krone oder «arrasam mögen danach Aber ich denke noch lieber an andere Indianer, nn Maria „Bergschaf , die Lehrerin, und Elisabeth ,,Erfchrick-nicht-vor-chren-Pferden, welche die Mokassins so perlenbunt bestickt. Besonders aber an den Alten „Er-fullt- die-Pfeise" und seine liebe alte Indianerin auf der „Roten-Hemd-^asel . „ Wir suchen den Badlands von Süden beizukommen »nd fahren mit Mister Renz (einem Nachkommen eines Stiismanberers und fe(bft»erftanb- üch einem Verwandten der deutschen Zickiisleute einem - ff Therese Renz) aus einem wagenbrecherischen Wade 50 Meilen Nord auf die Rote-Hemd-Tassl. Oben auf der Prärietafel auf den Lroßart g bmiien, 1» der gerne grau verschwimmenden Badlands öes Cheyenne- , River in majestätischer Einsamkeit haust das alte Paar. Eine Blockhütte 'ft fein Haus Häuser wünscht die amerikanische Regierung von den In ienern statt der Zelte; aber ein Seit ftefrt nwiften» neben dann die Sommernächte zu schlafen, unb em «chattenschtrm mibGest^PP d->ch davor. Mr. Renz ist, nach indianischer^Sitte, ^r angenommene Soh^ der Alten, unb selten habe ich größere »reude beim Wieder,eh n Mutter und Sohn gesehen als dort oben, da Mr. Renz nach einem -unhr wieder einmal zu seiner „Mutter" kam. Auch uns Fremde nehmen bk Alten mit der größten Herzlichkeit auf, die eine Hand (die andere ist verstümmelt) kann uns die Indianerin aber nicht geben, denn sie war eben dabei, wie zur glorreichen Zeit der Bisonjagden Beeren und Fleisch in Knchensorm zusammenzukneten, damit es, getrocknet, im Winter als Nahrung diene. Ab er der Alte stapft in die Hütte und holt ein Geschenk für meine Frau: einen Beutel aus Rindshaut, von ihrer Enkelin Lucie „Bärenklau" mit Perlen bestickt. Unb wir geben als Gegengeschenk eine Büchse Ananas, Kaffee, Tee und Tabak, was wir gerade im Wagen haben. Aber dann beginnt Silas „Er-füllt-die-Pfeife" zu erzählen, in leisem, jede Silbe betonendem Sioux, das Herr Renz ins Englische übersetzt; von seinen Bisonjagden und seinem Anteil an den Kämpfen mit den Crow-Jndianern- im Norden, die in die Jagdgebiete der Sio'ux ein-, gedrungen waren. Es sind alte, bekannte Jndianergeschichten, aus dem Munde eines lebenden Indianers klingen sie freilich anders als aus Büchern. Doch wichtiger erscheint es mir, ein Dokument wiederzugeben, das, vom Tragen vergriffen, „Er-füllt-die-Pfeife" mir zu lesen gibt. Es ist ein Beitrag zur Geschichte eines untergehenden Volkes. Die Siouxindianer haben einen alten „Claim“, Anspruch auf die benachbarten Black Hills, der augenblicklich in einem Prozeß gegen den Staat in Washington aus- getragen wird. „Er-füllf-bie-Pseise" wurde vor zehn Jahren als Zeuge vernommen, er sollte aussagen, wessen er sich von der Szene der Ber- tragsschließung erinnerte. Das Schriftstück ist in Englisch abgefaßt und lautet (gekürzt): „Ich bin 65 Jahre all. Ich bin der Sohn vom Roten Hund, Haupt- lino der Oglala-Siour-Jndianer. Ich war zugehen, als der Vertrag wegen de? Black Hills zwischen den Indianern und der Regierung gemacht wurde. Ich glaube, dieser Vertrag wurde im Jahre 1877 gemacht. Soldaten waren zugegen, und die Indianer waren auch bewaffnet. Die Häuptlinge der verschiedenen Stämme waren versammelt in einem Kreis zwischen der Hauptmasse der Indianer und den Kommissionären der Regierung. Als das Volk versammelt war, erhob sich einer von den weißen Männern und sagte, baß er vom Großen Vater (dem Präsidenten der Vereinigten Staaten) gesandt sei, die Black Hills von den Indianern zu pachten. Er frug, ob die Häuptlinge anwesend seien. Roter Hund ging umher und frug die Häuptlinge etwas. Dann sagte er: Ich habe mein Volk gefragt, ob es willens sei, den Vertrag wegen der Black Hills zu machen. Er sagte, sie feien’s, doch unter der Bedingung, daß sie den Wald der Black Hills behielten und daß für sieben Generationen die Kinder ernährt -unb bekleidet würden. Die Kommissionäre frugen, was unter sieben Generationen gemeint sei, und er sagte, daß nach indiantschen Gedanken eine Generation 100 Jahre sei. Also würde es eine Zeit von 700 Jahren betreffen. Red Dog war der erste der Häuptlinge. Red Dog war mein Vater, und oft sprach er zu mir von den Black Hills und anderen Dingen. Ich erinnere mich, daß er es mir erzählte, damit ich es behielte, und er bezog sich oft daraus. Er sagte, diese Dinge könnten in Zukunft von Wert sein. „Der gesteckte Schwanz" sprach nach dem „Roten Hund". Er frug, ob die Kinder Nahrung und Kleidung erhielten, solange als die Welt stünde? „Einziges Horn" sprach dann und machte die Häuptlinge darauf aufmerksam, daß die meisten des Volkes nach dem Norden gegangen feien und baß man warten solle bis zu ihrer Rückkehr, ehe man den Vertrag mache. Er werde nicht für den Vertrag sein zu dieser Zeit. Der Vertrag kam zustande, aber er wurde, wie es säst die Regel mit Verträgen war, die man mit Indianern schloß, von den Weißen nicht gehalten. Karlsbader Novelle. Von Erwin Guido Kolbenheyer. Copyright by Verlag Georg Müller, München. (Fortsetzung.) Wir müssen zurück, der Ball wird beginnen, und ich habe die Dame des'Jestes auf den Saal zu führen. Kommen Sie, Gräfin lassen Sie mich Ihre Perlen bewundern! Sv eine Schnur, das war eine Trense sur mich, ich würde sie selber ins Maul schnappen,, und Sie könnten Hohe Schule auf mir reiten." ... Ihre Hoheit würden keine Strafe befurchten/ .'.Nein. Jeder Streich, ein Pläsirl" r Hoheit war munter, und die Lanthiery wußte ihr zu begegnen Goethe f0[ate mit dem jungen Harrach zum chinesischen Hause. Man schien am Öen Herzog gewartet zu haben; er bat oon feiner -tarne Urlaub und schritt auf die Gräfin zu, die sofort das Zeichen gab. Posaunen, Zinken unb Pauken. Die Gaste i>er|ammelten sich m der Mittelallee und bildeten eine Gasse. Der Herzog von We.mgr führte ine geborene Fürstin Czarloriska durch die tiefen Bücklinge hindurch, man schloß sich paarweise an und gelangte nach vielem höflichem Gedränge über die blumengeschmückte Treppe hinaus in den Böhmischen «aal Dis Augen waren vom Lichterglanz geblendet, und der .Große Putz: Atlas, Seide Gaze, Gold, Steine, Orden — kam erst letzt zur Wirkung. Goethe tanzte gerne, wenn auch nicht allzu leicht, und die Frau Dber- ftaltmeifteiin von Stein war eine der besten Tänzerinnen Weimars gewesen; selbst Herder schloß sich nicht aus. Der Herzog bsteb sehr von der schönen Gräfin eingenommen. Er war immer etwas eifersüchtig am seinen Minister, unb bie spitzzüngige Asseburg hatte ihm ein Wort der Lanthiery hinterbracht: hätte sie ein Nerz zu verschenken, sie wurde es ^^In "der^^Allee schwand Licht um Licht in die Nacht, vieler hundert Laternen in allen Farben, die an Girlanden gehangen waren und das Laub hatten zitterii lassen. Unb schließlich erloschen bie Seueroafen in der Mitte auch. Man hörte die Diener. Sie nahmen die Behänge von den Wänden und bargen sie mit dem andern Schaugeraie in dem Billardsaal Vergeblich hatten die Karlsbader auf ein Feuerwerk gewartet. Es märe für alle gewesen; die Raketen fliegen in den Himmel, der ist für alle Es blieb noch ein Blick auf die strahlenden, offenen Fenster und ein Von Johanngeorgenstadt ging es mit den frischen Vieren auf einer ilichen Strahe abwärts. Das federnde Gerüttel erhielt sie lebhaft. Du kannst aut kein, mein Goethe, und ich bin glücklich in deiner Liebe. Heimat ist sie mir nicht. — Was soll aus dir und mir werden, wenn du alles erschöpft hast, was du zu deinem Bilde brauchst. Denk an Tasso, denk an Elpenor, an Faust! Sie bleiben liegen du gehst von ihnen fort, wenn du aus ihnen nichts mehr greifen kannst. „Seit wann zweifelt meine Lotts an mir?' „ „Du bist still geworden, mir wird bange nach dir. Sie schwiegen. Er war unruhig. Ahnte sie mehr als er? Floh er, da er nach dem Süden wollte? Blieb er nicht auch dort überall mit ihr, der Einzigen, die ihm alles war, was alles man an einem Menschen haben kann, nur das eine nicht — sein Weib? Er hätte sie nirgends verlieren können, jetzt nicht mehr. Goethe suchte nach einem Worte. Es geschieht mir wie der Natur hier, Lotte. Don ihr her kommt auch die Bangigkeit über dich. Verschlossene Wälder, ein kümmerliches Rinnsal, eine Hütte voll Armut. Hier ist die Natur an eine Grenze gekommen und bleibt stehen: so — und nicht weiter." „Nein du bist nicht wie diese Natur, Goethe", antwortete ste lebhaft, als habe sie gewartet. „Aber ich glaube dir, daß du an einer deiner Grenzen bist. Und das ist es, was mich bange macht, denn du mußt über alle Grenzen hinauswollen." leidlichen Straße abwärts. Das federnde Gerüttel erhielt sie levyasl. Das Land schien offener und freundlicher. Böhmen lag hinter ihnen. Und Goethe war gestimmt wie seine Freundin: als sei der Sommer vorbei und man fände ins Gehege. Er fühlte sich eine Zeitlang ganz außerhalb seiner nächsten Pläne. So kam es — Charlottens Augen glanzten voraus — daß er auch ihre Heimgedanken teilte und sich des Gespräches erinnerte, das sie vor ihrer Mahlzeit in einer ernsteren, verschlossenen Landschaft geführt hatten. . Wir sollen beide darin unrecht haben, daß ich ohne Heimat sei. Mag auch die Sehnsucht Iphigeniens das Herz des Barbaren überwältigen, und gebe ihr Toas die Segel nach Griechenland frei: sie such nicht Griechenland, das Land der Griechen sucht sie. Das ist nicht nur Berg und Tal und Stadt und nicht nur unverändertes, getreues Ding — Menschentum ist's. Der Saurier fühlt, daß sie ihr Menschentum ewig missen würde, deshalb verzichtet.er. Mir wird dies eben erst klar da ich mich der Hütte mit den schreienden Kindern erinnere. Dort ist's die Heimat des Geborgenseins, der Gewohnheit, des Schlupfwinkels. Und wir dürfen nicht kärglich bleiben bei dem Gedanken. Auch ein Schloß eine Hofgesellschaft, eine Stadt kann Heimat des Schlupfwinkels, des Geborgenseins im Ding bedeuten. Aber es gibt noch eine andere Heimat- das Menschentum, das man gewonnen hat. Du freilich sagst, vergewaltigt. Aber du sagst es nur, um mich enger auf mich selbst zu beschränken. Seid ihr's nicht alle, meine Heimat, und du vor allen! Muß ich nicht meiner Seele ganze Kraft anspannen wollen, diese Heimal stets neu zu erobern?" Sie reichte ihm wieder die Hand. ., „Nun bist du schön bei dir, mein Freund; und deine Liebe freut mich Verantwortlich: vr. HanS Thhriot. - Druck und Verlag: Brühl',che Univers itälS-Vuch. und Steindruckerei, B. Lange, Gießen. wieder." . . , Weil ich nicht bei mir bin, sondern bei dir und ihnen, tue mir Heimat sind. Ist das nicht ein Organismus, so lebenseinig als unser eines jeglichen Leib? Wo ich auch wäre und bliebe, ich bin mit euch und in euch und ihr in mir. Voller, freier, des Schönen mächtig werden, daß ihr es werdet! Erst dann werde ich wirklich voll, frei und des Schonen mächtig geworden sein." Dein Weg, Goethe." So bekräftigte sie dankbar. Ihr Kopf war zu- rückgelehnt, ihre Augen waren halb geschlossen, sie war ganz an seinen Laut hingegeben. (Schluß folgt.) i,en„3n'ii>ir allein, Lotte, sonst nirgends", fügte er bei, als wünsche er eine'Undankbarkeit gutzumachen. Schall der Ballmusik, der sich bald im Rücken der Heimwandelnden ver- ^r SE war es geworden im Schauen und Warten, und nun war nur ein flüsterndes Berichten übrig von diesem und jenem Kleide, das man nack am Tage aus der Nähe gesehen hatte, bei dem man behilflich gewe- se? war und von manchem faLlhaftem Schmuck Man hielt für em Gute-Nacht vor den Häusern der .Wiese' an, ehe der Schlussel ins ~o fand- über die Johannisbrücke hin und auf dem Rmg zerrann aber de Schwarm der Tagesmüden ohne Zögern -- auch sie befriedigt von der Gräfin, die das Tal in solchem Glanze hatte aufleuchten lassem Es war ein Sommertag, mild in vorausahnender Kuhle. Sie hatten das Hinterdeck der Berlins zurücklegen la sen und fuhren in mäßiger Gangart der Pferde wohl eine Stunde schon über ben Ort Reud hinaus der Sattelhöhe des Erzgebirges zu. Der Wasserlauf neben der Straße eben erst kräftig genug, um das Rad einer Muhle oder den Hammer einer Schmiede zu treiben, schwand Zusehens zu einem dünnen Geriesel keine Granittrümmer mehr, leichtes Gerolle das bald seinen Ort findet und selbst die stattlichen dunklen Erlen wurden zu Buschwerk. Als die Straße um den Turmfelsen von Neudeck gebogen war, hatte ihr Goethe versprechen müssen, dieses fast bedrohliche Gebilde zu zeichnen, iqr wveii-e _____nfo.rfv flocke, schwarze „Daß ich es stets will, kann ich nicht leugnen. Hätte ich eine Heimat, hätte ich ein Heim, wär's anders um mich." „Daran sollst du nicht immer rühren ; „ „Das bewegt mich am meisten! Du allein warst meine Heimat. "Nein darauf will ich nicht zurück." Sie legte die Wange an ihre beschuhte Handfläche»- leicht auf die Armlehne gestutzt, sah ße ^uaus abgewandt von seinen aufmerksamen Augen. „Du hast uns alle hast unser Weimar dir angeeignet, und habet bist du aus rischen Stürmer ein — höfischer Bürger geworden. Menschen deiner Fasson hat es nicht gegeben. Man hat bürgerliche Genies im Verehr mit Höfen gesehen, Zimmermann ist !° ein Typ, und wir haben eine Zahl bei uns — aber du bist anders. Du hast den Hof besesstn. Durch den Herzog freilich, aber was war es anders als Besitz. S e haben sich alle gewehrt. Du haft aus uns Burger gemacht, hofyche Bürger, wie du einer geworden bist. Der Herzog muß nach Preußen ediappieren wenn er etwas retten will. Du bist em Vergewaltiger. Aber nun bist du an der Grenze. Das ist meine Furcht und dem Migmut: du kannst nichts weiter aus uns machen." _... „ . , , Sie war ganz frei geworden, lächelte bet den letzten Sätzen und sah Der^e^s ^ad^^dem^Mauerreste eVner Cyklopenburg gleich: flache, schwarze I ihn an, dessen Augen voll zärtlicher Freude an ihr tigern — okls i i) , „ C£ (C„ sat. fCrtrhüHprunnon Zll Trok ae- I Du hust nach 9Bci6crQrt alles das, was du nur angeschafsen, nun auch mir zu Schuld und Ursache gemacht und klagst über Gewalt, bk ich dir und allen angetan. Ich war mit dem Herzog, wenn ihn die Ungeduld umgetrieben, die er sich an seinem engelhaften Weibe geholt I hat Deinetwegen, Lotte, auch deinetwegen war ich mit ihm, auch IO) 3 voll Ungeduld Ich habe mir Amt um Amt austochen lassen und w,e 1 -in Ackergaul gezogen — deinetwegen, auch deinetwegen. Und nun wirfst du mir das ResumL vor: höfischer Bürger! - Vielleicht ist das ganze Bürgertum an eine Grenze gelangt, die überschritten werden muß, und e5 ist natürlich, daß sich der Adel an dieser Grenze mit ihm begegne, fei’s in Haß ober Siebe." . . „Rede nur, rode! Wir -haben unsere Herzen an dich verloren, und du hast" das deine behalten. Darum hast du keine Heimat." ' ' . . . « i . . . . r • (JaK« SIn " 'Ilm/ Hand war klein und zart, sie erwiderte den leisen Druck der seinen kaum, aber sie blieb in der seinen wie ein weicher Vogellew, an dem man behutsam wird, um nicht wehe zu tun. Und so dursten ste wieder schweigen. Hte und bq nur fiel ein Wort über bas, was an ihnen vorbeikam. Im Posthause zu Johanngeorgenstadt, wo ste Relais erhielten, nahmen sie das Essen und wurden von Charlottes Mmchen bedient. Goethe war um das Beste bemüht gewesen und tat alles, die geliebte Srrau vom Herzen zu erheitern. Da aber auch sie auf lange Zett nicht an einen Tisch allein mit ihm denken konnte — nach neuer sparender Hofordnung speiste Stein zuhause — gab sie sich der freunolichen Gelegenheit hin wie einer letzten erlesenen Stunde vor dem Ausbruche in einen langen Alltag. Und das erhellte ihren Geist zu einer Anmut, die sich ihren müden Zügen und meist ernsten Augen verstingenb mit- Sie schüttelte den Kopf. I teilte. Es wurde Goethe nicht schwer, sein Wort 3u beflügeln Jem Herz Ein Mensch kann des andern Heimat nicht fern, inst eine tfrau des I ergießen. Sie hatten ein Mahl so schön und voll des köstlichen Be- Mannes Heimat nicht. Heimat ist Geborgensein, und Geborgensein ver- sie seiner noch lange dachten langt einen treuen Bestand an unverändertem Ding, erprobt in alle I .... ... —.... -------° Lebenslagen. Menschen sind keine Dinge Du hast nur immer aUe Welt an dich gerissen, nach deinem Bilde umgeschaffen — darum hast du keine Heimat. Du hast dich stets gewandelt und alles mit dir. „Grausam kann meine Lotte sein." Ein wenig grausam sind alle, die einen Besitz vor den andern vor- voraushaben. Und ich habe meine Heimat. Es ist schön m dem Karls- babe, plaisant und stärkenb, aber ich freue mich heim Und du weiht, daß mich kaum Heiteres erwartet. Aber alles um mich her, Haus und Mensch alles wird mit mir fein und an mir teilhaben. Du kennst das nicht, du bist nicht mit den Dingen und Menschen; du willst sie nur zu den Deinen machen und baust dich weiter. Du muht starker sein als wir alle, aber wir besitzen mehr als du." „So wendest du dich im innersten vor mir, Lotte! Weißt du, daß du dich" jetzt von mir gewendet haft.? " . Er sagte das betroffen. Sie aber blieb ruhig, sie lächelte. ,Es ist die ewige Revolte der Ueberroältigten, mein Freund. Er haschte nach ihrer Hanb und drückte sie hastig an die Lippen. Dann stünde es mir an, gegen dich zu revoltieren, und nicht dir Blöcke aufeinandergehäuft. Er war den Erschütterungen, zu Trotz geblieben die sonst die Gesteinsbauten der Urzeit rings gesprengt und in bie Talsohle gerollt hatten. Gegen die Straßenkehre hm war er untermauert und ein bezinnter, vierkantiger Wachtturm Überhöhte ihn wehrhaft und sah doch auf diesem Sockel dem Spielwerke einer schwächlichen, gewitzten Zeit gleich. Alles ein Vorwurf für die romantische Neigung der Griechischen Hand, die Charlotte fein zu fuhren wußte. Einsilbig blieb der Freund seither, wenn er auch zärtlich auf >hr Ve- baaen bedacht war. So saßen die beiden in ihrem langsamer hman- roUenben Gefährte, still von der Landschaft umfangen. Das Gebirge schlug sanfte Wellen ernster, kühler Wälder. Nur am Bache gerodetes jjani), Wiesen meist und wenige Felder einer spärlichen Frucht, der.man streut^ech" f eSdjtes qelliuchk/Mauer/er/ mit deinen ^Fenstern ein I ' 'Sie reichte ihm die Hand und wehrte zuglellh : „Nein bleib dort in onnenoerbranntes Schindeldach, dem die Schneelasten des Winters schwer beiner Ecke. Wir sind allein in diesem Schlotterkasten und nur Mmchen . Lvrben konnten dicke Schornsteine. Hier mochte es kalt werden. Die I auf dem Bocke. Ich bin deiner chevaleresken Zurückhaltung bedürf Kinder einer dieser Hütten mußten, als sie bekommen hatten, mit der I tiger als t““f*" Peitsche verjagt werden, und bann schrien sie dem Wagen, solange ihre Stimme reichte, einen unverständlichen Schimpf nach. „Fühlst du nicht den Winter jetzt schon und die Kalte? Er legk ihr das Tuch dichter um die Schulter und ruckte sich tiefer tn fernem Mantel und auf dem Sitze zurecht. Und auch das ist Heimat", fetzte er hinzu. "Du redest wie einer, der keine hat", meinte sie und ließ ihre Augen über die Wipfel gehen, die in einer fünften Sonne unbeweglich und schweigsam standen, als wüßten sie von verborgener Schönheit. „Ich habe keine", sagte er ruhig. ... . _ niif Da schauderte auch ihr, und er legte d,e Hand naher neben ste auf