Gießener KnnilienbliMr Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <952 Montag, den 25.Januar Nummer 7 Kerne Stimme. Von Leo Sternberg. O Stimme, süße Stimme, die aus dem Weltraum rief und über die Nerven der Luft bis in meine Seele liefl Ich faß, von meinem eignen Blut beschwert, und fühlte die Brücken mit dem All zerstört, und was ich liebe, weit von mir getrennt, hinter unübersteiglichen Bergen mein Heimatelement — da findest, Menschenlaut, zu dem ich den Weg verlor, aus andrem Reich du an mein Ohr und sagst dem Unbekannten, daß noch Liebe ist, die auch den Fernsten nicht vergißtl Totenkiage um Reims. Bon Walther Harlch t- Wir fahren mit dem amerikanischen Pullmanwagen von Paris ostwärts. Die breiten Pneus des Wagens rollen die schmale Chaussee aus. Kleine Landkarren fliehen zur Seite. Blicke heften sich an uns, sehen uns nach. Es ist Amerika, das den Weg entlang gedonnert kommt. Mitten in der Isle de France, mitten im Schicksalstal der Marne macht sich Amerika mit Pullmanwagen und Reisegesellschaften breit und wichtig. Es paßt nicht ganz in diese Landschaft. Der amerikanische Führer zermahlt die breiten, gequetschten Worte mit seinen sprichwörtlich gesunden Zähnen. Er zeigt auf Cloye. Bis dahin drangen Anno 1914 die deutschen Kavalleriepatrouillen vor. Plötzlich ist alles wieder wie damals. Hier steigt die Kathedrale von Meaux, die älteste gotische in Nordfrankreich, aus dem Tal. Die Höhenzüge der Ferne rücken näher heran. Hier stand einmal die Front des Generals Kluck. Wie nahe wir damals an Paris waren! So wie wir wurden damals die französischen Reserven in 2kutos nach vorne geschasst. An der Chaussee erhebt sich das Denkmal des französischen Kriegsministers, der auf den Einfall kam, Taxis und Privatwagen zusammenzutrommeln, um die Hauptstadt zu retten. , Später biegen wir von der Chaussee ab auf kleinere und unebene Seitenwege. Der „Gide" zeichnet mit gestrecktem Arm Stellungen und Bewegungen der Armeen in die Hügelketten und Zwischentäler. Hier steht kein Haus mehr, das den Sturm von damals überdauerte. Die Pappelalleen sind niedergemäht. Weihe Stellen in dem fetten braunen Boden zeigen, wo die Feuerllbcrfälle den Boden aufwühlten und den tiefen Sand an die Oberfläche schleuderten. Ganze Städte und Dörfer sind neu aufgebaut. Neue dürftige Baumreihen angepflanzt. Und nun kommen die ersten Friedhöfe. Unser Chauffeur fährt zuverlässig und sorgsam. Bor den kleinen Unebenheiten des Weges hält er den Wagen zurück, handhabt mit Vorsicht die Gänge. Decken liegen in Fülle bereit, um über di« Knie geschlagen zu werden, damit nur niemanden ein geringes Frieren ankommt. Von unten steigt die gewärmte Luft der reichlich genährten Heizung aus. In Reims und Soissons stehen schon die gedeckten Tische mit den besten Erzeugnissen der französischen Küche bereit. Es ist eine Fahrt mit allem erdenklichen Komfort. „Französischer Kirchhof! 26 000 Gräber!" ruft der Gide erklärend in den Wagen, und wir donnern an dem Erntefeld der 26 000 weißen Kreuze vorbei. Und das kommt nun öfters so. Zwölftausend Gräber! Neunzehntausend Gräber! Achtzehntausend Graber! Man sieht die Marschkolonnen die Wege entlang ziehen. Man ist noch einmal unter denen, die auf das zerschossene Chateau Thierri) vorstießen. Damals lagen keine Decken in Luxusautos bereit, um über die Knie geschlagen zu werden, keine Heizung sandte den warmen Hauch gegen die Kälte der Nacht, kein Chauffeur fing sorglich jeden Stoß des Wagens auf. Aus den Trichtern stieg giftiger Dampf, von den Horizonten blitzten die Todesgeschwader der schweren Kaliber, aus den Schluchten bellten die Schrappnells der Feldgeschütze, aus den zersägten Furchen ratterten die Maschinengewehre Tod, zwitscherten die Vogelschwärme der Gewehrkugeln. Mitten durch diese Hölle mußten sie hindurch, die jetzt in den Gräbern liegen. Sechs-undzwanAiglau^nb, 3tDölftciu|enb, neuntnuieno, achtzehntausendl Deutsche, Franzosen, Amerikaner. Wenn man den Führer sprechen hört, gibt es nur amerikanische Soldaten Der Wagen hält überall, wo Amerikaner begraben liegen. Man erkennt es von weitem. Jetzt sitzt Amerika hier mitten in Frankreich, eine Welt für sich, eine Industrie. Cs hat seine eigenen Kirchhofsverwaltungen und Kirchen, seine Pullmanwagen und Fremdenführer, und das Land der großen Schlachten ist ihnen hörig. „English spoken steht m den größeren Geschäften. Die Champagnerfabriken mit den alten wohltuenden Namen haben ihre englisch sprechenden Empfangsdirektoren und den halb gesüßten Champagner mit der Bezeichnung „Goüt americaim . Unter den Bettlern vor der zerschossenen Kathedrale von Reims hat der amerikanische Führer seine Lieblinge. Man hat den Eindruck, daß er weniger nach Sehenswürdigkeiten als nach dem Gesichtspunkt der Provision fuhrt. Er eilt mit seinen Schutzbefohlenen zu der großen Kriegsandenken- Handlung, die sich vor der Reimser Kathedrale etabliert hat. Er nimmt die einzelnen Stücke in die Hand und hält sie verführerisch in die Höhe. Hier ist alles zu haben, was auf den großen Krieg Bezug hat. „Echte" Eiserne Kreuze, Stahlhelme, wie neu poliert oder mit Schußlöchern. Verrostete Bajonette, Aschenbecher aus Granatsplittern, Schirmständer aus den langen Messinghülsen der Kartuschen, Bilder, Achselstücke. Hier soll Amerika kaufen, auf daß Babbitt, der Spießer, nachher stolz seine Trophäen vorweisen kann. Es ist ein widerliches Geschäft. Der Snob ergötzt sich an den Religuien des großen Sterbens. Der Gide will feine Prozente haben. Der Gide arrangiert einen ausführlichen Besuch bei einer Champagnerfabrik. Seine strenge Miene will uns durchaus davon Überzeugen, daß Heidsieck und Mumm zum Besuch der Schlachtfelder und der Fremden-Kriegsindustrie gehören. Wir stehen vor der berühmten Kathedrale von Reims. Das ist das Portal aus verwirrender unendlicher Steinstrckerei, das ist das Märchenauge der Rosette aus dunklem Glas, das sind die Türme, die gotische Sehnsucht in den ewigen Himmel reckte. Es wexden raffiniert gemachte Photos herumgezeigt: die Kathedrale vor und nach der Beschießung. Immer ist zerschossenes Trümmerfeld im Vordergrund. Es soll den Anschein erwecken, als ob der Dom ein Trümmerhaufen gewesen wäre. Man sieht, daß gebaut worden ist und noch gebaut wird. Das Dach der Altarseite hat gelitten. Hier ist die hohe Wölbung zerschlagen und hat den Himmel ein« brechen lassen. Von den berühmten Streben der Apsis und dem kleinen Ziertürmchen ist auch einiges heruntergeschossen worden. Es ist die Propagandawirkung dieser geschickt aufgemachten Bilder, daß noch immer die Meinung besteht, unser Artilleriefeuer hätte die Krönungsstätte der alten französischen Könige mutwillig vernichtet. In Wirklichkeit hatten nur wenige verirrten Granaten das Dach getroffen. Wie wir vor der Kathedrale stehen, scheiden sich im Nu die Nationen, und eine merkwürdige Spannung will alte Gegensätze zwischen uns aufreißen. Alte französische Könige sind mir nicht so ehrwürdig, wie das Leben von zwanzig, von acht, von einem deutschen Soldaten. Der Führer erzählt, daß man die Beschießung des Doms dadurch zu hindern versuchte, daß man deutsche Verwundete hineinlegte. Ich werfe ein: „Cs wäre vielleicht wirksamer gewesen, wenn man keine Artilleriebeobachter auf die Türme geschickt hätte." Die Amerikaner sehen auf ihren Führer. „Sind französische Artilleriebeobachter oben gewesen?" fragt er. „Man weiß es nicht. Jedenfalls, wenn ich an Stelle der Deutschen vor der Stadt gelegen hätte, — ich hätte den Dom mit Artillerie umgelegt!" Dieser Führer hat bei Reims mitgetämpft. Er kennt die erbarmungslosen Bedingungen des Krieges. Aber die meisten Amerikaner kennen das nicht. Für sie geht von den abgebildeten Trümmern eine Anklage gegen Deutschland aus. Wie nahe hier die Entscheidungsschlachten zweier Kriegssommer zusammenliegen! Das alles kann man im Auto bequem von Paris aus an einem Tage abgrafen. Wir fahren von Reims nordwärts. Wie ein Wolkenzug liegt längst des Horizonts der Chemin des Dames. Wir überqueren den Aisne-Marne-Kanal. Wie anders sah das vor zwölf Jahren aus! Kleine Winkel des Grauens find als Denkmäler stehen geblieben. Damals aber lagen alle Wände gestürzt und zerpulvert, die Wälder vergiftet und mit hilflosen Stümpfen; Arme und Hände, die sich verzweifelt gegen den Himmel zu strecken schienen. Hier und da sieht man noch Bäume, die von Granaten geköpft und deren Rinde abgeschält wurde. Aber über das alte Grauen ist dichtes Buschwerk gewachsen. Die Mit- sahrenden schaudern vor den kargen Resten der Vernichtung. Sie können nicht ahnen, wie es damals hier aussah. Niemand kann es ahnen Da — bei Berry au Bac — ist die Erde aufgerissen. Wir kalten vor der berühmten Höhe 108. Damals beherrschte sie die Gegend bis zu der Linie des Chemin des Dames. Deutsche und Franzosen hatten hier Ihre unterirdischen Minen gegeneinander vorgewühlt. Auf einmal ging der Bergrücken in die Luft. Die Detonation soll bis London zu hören gewesen sein. Einige tausend Menschen waren nicht mehr. Heule bleckt hier die aufgeriffeiie Erde mit emporgewühlten Eingeweiden. Zwei zackige Schlünde, in denen nichts mehr wächst. Ein Berg mit feinen Wurzeln aus der Erde geriffen. Wir starren vor einem Unterstand darauf, der In den Kreidefelsen eingejprengt ist. Hier lief die Hindenburglinie, wo jeder Quadratmeter mit Blut getränkt ist. Wir stehen und schauen den Schauplatz der furchtbarsten Tragödie an, die je das Schicksal mit Menschenleibern dichtete. Bis die Schleier der Nacht niedersinken Wunderbare Nacht über Frankreichs Gefilden! Ein Himmel voll dunkler Seide, Horizonte von still leuchtenden Pastellfarben, tiefes Drange, verdämmerndes Grün, das die Sterne in das silberne Blau auswirft. Das Auto trägt uns durch die endlosen Wälder von Villers-Cotterets, aus denen damals das Unheil für uns herausbrach: Fachs Angriffs- referven. Wir fahren durch das schlafende Compiegne, wo damals die deutsche Waffenstillstandskommission das furchtbarste Dokument der Welt- '.ichte unterschreiben mußte. Man kann keinen Namen in dieser Land- t nennen, der nicht eine Wunde in unserem Herzen berührte. — Figaro. Zum 200. Geburtstage von Beaumarchais. Von Dr. Friedrich Spreen. Lieber die Liebe zu Büchern. Von Jakob Haring er. I. Die einzigen, die dir die Liebe lohnten, die immer da sind, dich zu trösten; — die immer warten, dir Liebes und Gutes zu tun: die Bucher. Wo wären die Liebste, die Menschen, die so wie sie, jahrelang auf dich warteten, bis du endlich kommst, bis sie endlich dich bezaubern, dich reich, groß und frei machen dürfen. Freilich, Bücher sind fast nichts ohne das Leben. Aber was führte uns mehr zum Leben, zum Erleben als die Bücher. Dieses feine, zarte, heitre Glück des Lesens, durch das wir weiser, glücklicher und besser werden. . 9 Du fitzt unter Menschen, einsam, lächelnd über ihr Tun und Treiben. Du denkst: wär ich fort, wär ich allein bei schönen, lieben Buchern - bei ihren Sehnsüchten, Träumereien, Wahrheiten. O Heun, zu den Buchern heimgehn! Auf dem Kanapee liegen und ein schönes Buch lesen ist ein Alas fllr^ Wunderwelten, unerschöpfliche Schütze warten auf uns. Und wir brauchen sie nur zu nehmen. Mag einer noch |o arm sein, so lange tr W^as'hat^da^s^Leben sonst noch für uns? Weder Wein, noch Freundschaft, noch Essen, noch Liebe, noch das Bewußtsein der Tugend — alles enttäuscht bringt Aerger, Kummer, Sorgen, Verdruß, Verzweifeln und zeigt uns Schwachen. Nicht die geringste Beachtung ist dies alles wert. — Nur in den Büchern allein liegt das Bleibci«e! Die Menschen und ihre Werke vergehn, die steinernen Denkmäler verfallen in Staub, nur der Gedanke ist unvergänglich, ewig. WGMZMZZN L "-„7ch.»d" 3uÄ Ä««l »-"!» Ä.'ÄS turpn her Beteiligten. Wie der Fuchs, der den Hols aus der ^chunge zieht und über seine Widerfacher triumphiert, bleibt er Herr: derStu« iiri„ nimmt die öffentliche Meinung zu feinen Gunsten um, reißt die Belten seiner Seit zur Bewunderung hin und wird so, gleichsam neben» b»j -u einem der besten Pamphletisten der Weltliteratur. Figaro ist unter der Maske des Harlekin als Ankläger aufgetreten und teilt seine •^1^11 schlüge aus Seine Streitschriften werden zu klassischen Schriften. Mo mm e n bat von ihnen gesagt, daß er sie über alle Gerichtsreden Ciceros stelle. Seine komische Schlagkraft, sein geistvoller Witz, feine i^^e Beob- «Atunn und tolle Laune entfalten sich nun auch auf dem Gebiet der Dichtung Mit Rührstücken in der Art Diderots hatte er begonnen; nun ftndet er seine Genre in der Komödie. Es entstehen der y^bicr von Sevilla" und seine Fortsetzung „Figaros Hochzeit. Sn dieftr ^eit, zn den Jahren 1771 bis 1776, ist er auf der Hohe eines Schaffens.x>er Barbier" dieses unvergängliche Lustspiel, das noch heut nut der Mus k Rossinis fortlebt, ist die Krone seiner dramatischen Kunst. Der emsachste Stoss zusammenqesaßt in dem Schlußsatz: „Wenn Jugend und Liebe sich Verbünden E einen Atten zu überlisten, bleibt all seine Gegenwehr nur unnütze Vorsicht", ist zu einem Juwel der guten Laune und des graziösen Scherzes gestaltet. Hier ist Figaro, der listenreiche Barbier, der alle Faden der Handlung in seiner Hand hält, mit den glänzendsten und liebenswürdigsten Eigenschaften feines Schöpfers ausgestattet, stets em Lächeln auf den Lippen, nie um einen Ausweg, einen kecken Streich verlegen, stets ein schlagfertiges Witzwort bereit. Erft die folgenden Kampfe mit den herrschenden Zuständen, die furchtbaren Enttäuschungen und trüben Abenteuer ließen diesen heiteren Gesellen, die Verkörperung des leichten Rokoko-Geistes, zu dem höhnenden Ankläger des „tollen Tages werden. Beaumarchais' Prozesse und Intrigen gehen nach dem Erfolg "Barbiers" weiter. Als Agent Ludwigs XIV. geht er nach Wien, wird hier gefangengesetzt, dann 'freigelasfen und rehabilitiert. Seme, Kühnheit und Frechheit find gewachsen. Meisterhaft spielt er auf dem ^Jiftrument ber öffentlichen Meinung, die er durch seine Schriftstellere,, durch geschickte Reklametricks für sich gewinnt. Das zeigt sich vor "Hemm fernem neunjährigen Kampf um die Aufführung von „Figaros Hochzeit . Man hat dieses schonungslose Gemälde einer frivolen, dem Untergang geweihten Gesellschaft die .Fanfare der Revolution genannt, Napoleon sogar „den bereits zu Taten übergehenden Umsturz". Daß die Regierenden sich diesen Brandpfeil nicht in ihr Gebäude schießen lasten wollten, ist selbstverftand^ lich. Doch Beaumarchais setzt zuerst 1783 eine geschlossene Aufführung bei feinem Gönner, Herrn von Vaudreuil, durch, dann im folgenden sichre die öffentliche, die ein ungeheuerer Erfolg würbe. Die ganze Mute bes Ancien Regime brängte sich, um bas zu beklatschen, was sie lächerlich machte unb zugrunbe richten sollte; sie gab damit ben besten Bereis, daß sie den Untergang verdiente. Der Verfasser wußte durch unerschöpfliche Kniffe, die ihn als mindestens ebenso großen Reklamehelden wie Schris.- steller zeigten, die Sensation immer wieder anzufachen. Doch Figaro, der das Volk gegen die Herrschenden aufrief war zum Kapitalisten und großen Herrn geworden. Als die Lawine sich heran- wälzte wurde er selbst von ihr ergriffen. Seine prächtige, mit Kunstwerken geschmückte Villa wird von der Menge gestürmt. Der »Burger Caron", der taub und fett geworden ist, der auch mit der Revolution Geschäfte machen und ihr 60 000 Flinten verkaufen will, der die Mach- tiqen mit Eingaben bestürmt, kommt ins Gefängnis und entgeht der Guillotine nur durch die rechtzeitige Warnung eines Freundes. Er fluch, tete ins Ausland, nach Hamburg; erst 1796 kehrt er zurück und genießt noch drei Jahre einen ruhigen Lebensabend. Sein liebenswürdiger Humor ’ ist ungebrochen. Er hat von sich selbst öfters gesagt er sei w,e Rousftaus : Mara bei der selbst durch die Tränen hindurch das Lachen manchmal durchbrach". Dieses heitere und spöttische Lachen des gallischen Geistes, aus einer starken Sinnlichkeit und trotzigen Lebenskraft geboren, das Lachen Figaros, hat Beaumarchais unsterblich gemacht. habend 'ihr'/ünstÄ.^tt erst durch'die Musik erhalten m der ^Be^ ! «RoTf9 nT Dn:'9Dichter"sewst hat Mozarts "Wunderwerk sehr abMtzig beurteil" und ebenso hätte er' wohl über Rossini geurteilt, wenn er em Over erlebt hätte. Er glaubte mit dem ihm eignen Selbstgefühl, daß seine Werke durch Zutaten1' nur verlieren könnten. Nicht minder hart^gi^ e mit Goethes Claviqo" ins Gericht, der uns em verklartes, der Wirk- ttchkett keineswegs entsprechendes Bild feiner Persönlichkeit überliefert hat Der Deutsch^' sagte er, „hat meine Geschichte mit einem Begräbnis und einem Zweikampf9 überladen, Zutaten, die weniger Talent als Hohll kövliakeit verraten." Der Glorienschein des ritterlichen und heldenmütige V^rteidigers^der Schwester-Ehre, mit der ihn Goethe umgeben verblaß nnr her Wirklichkeit, aber die Tatsache bleibt bestehen, daß das junge Genie die Darstellung, die der französische Abenteurer von semm spam- schen Erlebnissen in eine Verteidigungsschrift bengalisch beleuchtet streute, z. T. wörtlich für feine Dichtung benutzt hat. ftür Beaumarchais war sein Dichten nur Nebenwerk Erholung von seiner Hetzjagd nach Geld, eins der vielen Mittel, um Aufsehen zu erregen und Macht zu gewinnen. Er verlieh seinen «tucken wie feinen Streitschriften und Satiren den kecken Schwung, die geniale Wucht und Frechheit feines Wesens, und diese Wesensart, bie in ber Gestalt seines »Figaro ihren stärksten Ausdruck gewann, ist es, die ihn unsterblich gemacht hat. In der Geschichte lebt Beaumarchais fort als der „Herold der Revolution" als der Vertreter des „dritten Standes", der Sohn des Volkes der feine Rechte verteidigt. Aber er ist ke-n Revolutionär kem Verkunber einer neuen Zeit, sondern noch ganz em Mensch des Rokoko. Wie Der Zauberlehrling in der Goetheschen Ballade rief er die Geister, ohne zu ahnen was er tat, und grenzenlos war fein Erschrecken, als er it) Furchtbarkeit erkannte. In dem Mummenschanz einer endenden Epoche fnielte er seine Rolle so vortrefflich, wie fein Barbier, eine Lakaienseele, aber mit dem überlegenen Mutterwitz des Volkes, erfüllt von der unverbrauchten Kraft des schlauen Plebejers em Allerweltskerl Hans Dampf in allen Gaffen, der letzte und unwiderstehlichste in der Reche der Glücksritter Charlaiane, Ausbeuter und Betrüger, die der Geftllfchaft des 18. Jahrhunderts ihre Buntheit verleihen; Cagliostro und Casanova m einer Person, aber mehr als sie im Brennpunkt der Ereignisse, begabter, tvvifcher mit weltgeschichtlichen Zügen, die unvergeßlich und unvergänglich die Silhouette seiner Gestalt an dem brandroten Himmel des «onnen- unterganges einer ganzen Epoche erscheinen lassen. ™ ,, Der Sohn des Uhrmachers Caron, der sich dann aus eigener Machtvollkommenheit nach einer Besitzung seiner ersten Frau den Adelstttel de Beaumarchais zulegte, war ein echtes Großstadtkmd, früh erfahren und früh gewitzt, ein Pariser Gamin, dessen vor Nichts haltmachenden Humor er in der Weltliteratur verkörpert, früh von den Frauen verhätschelt und ihnen verfallen, wie sein entzückender Cherubm in »Figaros Hochzeit". Er erlernt das Uhrmacherhandwerk und benutzt es geschickt zum Aufstieg: er macht eine Erfindung, eine sinnreich ersonnene Hemmung im Mechanismus des Uhrwerkes, die ihm ein unehrlicher Zunft- aenoffe stehlen will —, und fchon hat er den ersten feiner berühmten Händel indem er die Sache vor die Akademie der Wisienschasten, ja vor den Hof bringt. Er verwertet feine Künste dazu, um sich bei den unverheirateten Töchtern Ludwigs XIV. beliebt zu machen wird ihr maitre de plaisir, veranstaltet Theateraufführungen, heiratet bie Jlßitroe eines kleinen Hofbeamten, wird dadurch „Tafeldecker des Königs und erungt die Gunst eines jener Finanziers, die die von ihm fo «luhend angebetete Macht des Geldes verkörperten, des Spekulanten Duverney. Mit denselben skrupellosen Mitteln wie sein Figaro, durch sein Plaudergenie und feme Liebenswürdigkeit, durch die Gunst der Frauen und die Furcht der Manner vor seiner scharfen Zunge schafft er sich Geltung unb Macht. Sem Tatendrang, fein Ehrgeiz sind unbegrenzt. Er ist unerschöpflich in .gefchaft- lichen Einfällen, um schnell reich zu werden; die Intrige ist fein Lieb- lingsfeld, auch im Bereich der Politik. „Kemer hebt fo sehr den Lärm und Skandal wie er", sagt einmal Grimm von ihm. So ist er beständig in kühne und große Handelsgeschäfte, in Streitigkeiten und Abenteuer verwickelt. Es kommt ihm nicht darauf an, ob er den Amerikanern Sklaven oder Waffen für ihren Unabhängigkeitskampf liefert; er rüstet sogar ein Kriegsschiff für die französische Flotte aus; als Forstwirt, als Fabrik- unternehmer verdient er viel Geld und verliert es. Als Druckereibefitzer und Verleger großen Stils schafft er die mächtige Kehler Voltaire-Au^ gäbe, die ein Vermögen verschlingt. Dieser schlaue Spekulant hat nainlich zu viel Phantasie und Wagemut, als daß er sich mit soliden und sicheren Gründungen begnügen würde. Daher stürzt er vom Reichtum in Die bitterste Not, lebt in einem ewigen Auf und Ab, und bewunderimgswert ist seine Zähigkeit, sein unzerstörbares Vertrauen auf feinen otern, seine ollem trotzende Unerschrockenheit. Der Abenteurer gewinnt dadurch einen Heroismus, der in feine Schriftstellerei ausstrahlt. Als Glücksritter geht er nach Spanien, wo bekanntlich die „Lustschlösser" liegen, und das Eintreten für feine Schwester, die der haltlose Elavigo hatte sitzen lassen, erfolgt nur nebenbei, vollzieht sich in viel weniger romantischen Formen, als er es darstellt, und endet damit, daß die Schwester bann Clavigo ablehnt. In seinen kühnen Plänen gescheitert, kehrt er nach Paris, unb hier zeigt sich zum ersten Male seine „abvo- katorische Gewanbtheit", bie ihn zum großen Schriftsteller heranwachsen läßt. Nach bem Tobe Duverneys gerät er mit seinen Erden wegen einer Forderung in Streit unb verliert den Prozeß, wobei er einen tiefen Einblick in bie Parteilichkeit unb Bestechlichkeit ber Gerichte tut. Dieser Zusammenstoß des Emporkömmlings mit ber Gesellschaft, in bem er keineswegs bie gekränkte Unfchulb barstellt, entfesselt alle feine Kräfte des Nickt Macht, noch Reichtum, nichts! — nur Les Geistes Zepter dauern. Ein Palast ohne Bücher: wie arm! Eine Hütte mit Buchern wie unsäglich reich! n. heit! III. n- Ht eit 'a- ge la» dir in- ter in« m« lle. ob- d«r mn >on in Der u|il b(te sich nur i(en den ins- )eln l-n. mit iben ijten den. Sar- hier und der lickte eun- hai hten „den iesen ünd- rung latjre des erlich daß slich« hrist- zum eran- kunst- ürger ution Wch- t der slüch- enießi uiiuor ssenus schmal elftes. L d°S jid) 8l! Sucher! uf d'ch reichte u"6 u>eiftr> •reiben, wrn '' glicheru ist e>" is. U"6 tW» kÄ «. «* iler grotesk und verwunderlich. Co habe ich einen Bekannten, der feine liebsten Bücher in Panzerkassen verwahrt: „daß kein Staub hinkommt sagt er Und als ich einen armen Freund in seiner Mansarde aufsuchte, lag er fiebernd und frierend, um sich Hunderte Bucher getürmt und weinte. Sieh die zwei toten Mäuslein sprach er, „sogar die verhunger en bei mir weil sie bloß Bücher fanden!" Dabei blätterte er in einem alten handgeschriebenen Kochbuch und faselte davon daß er nicht in> den H'mmel will wenn nicht Bücher da waren und er die Sterne, Gottes Blinden schri'ft, für uns Blinde nicht lesen könnte. — Freilich sind Unzählige, denen die Bücher die Jugend genommen hat und die das Leben nur aus Büchern gekannt haben. Ach, es blieb ihnen wohl viel erspart! Und doch ist es besser, vom Leben nichts wissen, immer Kind blecken und nur es aus dunklen Büchern ahnen, drin das kostbarste Lebensblut eines großen Geistes einbalsamiert und verwahrt für uns Lebende ... Von fernen Ländern kam ich zurück, wieder heim, heim zu meinen Büchern. ., Ich"Halle Wunsch" es 'bleibt einem ja doch nichts von allem Besitz allem Leben. Man kann nichts mitnehmen... gar nichts. Nicht Macht, noch Reichtum, nichts! — nur des Geistes Zepter dauert, nur der Gedanke ist unvergänglich, ewig... Ja, ich fand im ganzen Leben keine befleren und treueren Freunde ^Lut?1wch grüßen mich Robinson und Rübezahl und all die tausend minderen schönen, süßen und gruseligen Märchenbücher. Der Kindheit Maiental steigt wieder auf. Und heute noch trösten Stifter, Andersen, Thomas a Kernpis, Arnim, Brentano oder Eichendorfs. Wie schon, wie । infäalicf» schön war es, als ich noch Knabe, auf sommerlichen Wiesen hm- gestreckt über Hoffmann, Jean Paul, Nestroy, Raimund und Shakespeare trfl”m ersten Taschengeld wurden immer nur Bücher gekauft. Viele verstand ich zwar noch nicht, aber Sonntags schleppte ich sie im Rucksack Eu-rum und freute mich am bunten Einband, an neuen Sorten, blätterte »erträumt und wünschte mir nichts, als täglich lauter Bucher kaufen zu können. O Seligkeit, als ich alle nur auftreibbaren Bucher auf ^unfern Baden schleppte, sie ausstapelte: alte sacke waren mein Teppich und Larin wühlte, während ein Mairegen aufs Dach prasselte. Was ander »her h t eben was ihn freut - in Krawatten, Zigaretten, Münzen, Wriefmarken anlegckn - ich kaufte Bücher, nur Bücher und wieder Bücher. Und noch heute — in vielen Ländern war ich — vergaß ich oft »lies Schöne um mich herum und stand stundenlang bei den Bucherwagen BerlinLden Antiquaren in der Schweiz, in Paris, in Wien .n Italien ick Kopenhagen. Jedes chöne Buch war Entdeckung und Freude an der Entdeckung auch wenn ich's ein zweites Mal las. Ich faß dann glücklich ?n den Anlage" oder im Nachtschnellzug. Und ich wurde eher ohne Hut «in«. ~ -U-. °°,-°'°n. Auch später noch erwarb ich öfter wieder große Sammlungen, und i Zeiten der Not und des Elends mußten ste wieder "M em Nichts ver- kautt werden Aber noch heute freue ich mich über alle Maßen, sind ich wLr irgendwo biUigVnBud), das ich sch°"°"K'nd als dumm ctllnä(, »inft besessen das ich mir vom Mund abgespart, öd) yave iiever aehimgert als mir ein Buch, das ich mir wünschte, nicht zu kaufen und in ffiUcn’stunben des Friedens träume ich vann, all meine geliebten »üL die in Kisten veÄckt in allen Städten der Welt lagern wieder einmal, endlich einmal gesammelt und geordnet um u,ich zu wissen. Weicker unendliche Trost auch strömt aus den Buchern, für jebes teio, leben Schmerz! Sie lassen einen Dummheit und Gemeinheit der Mitwelt vergessen trösten wie Mütter und weisen in morgenrotliche, schönere, belfere Zukunst Freilich, von manchen Büchern muß man nur kosten, andre muh man verschlingen und einige wenige muß man tauen und ""S'm ~ tnrirbt wäre in der Regel vom Buch auf den Dichter zu schlichen ^so sind doch die wahren Dichter schon deshalb so tröstend, weil f*e L?/°L?vLL Ein, Sokrates, Giordano Bruno, Voltaire Andre de' Chenier Reuter, Dostojewski, Landauer — wie litten fw alle! Jh? Leben war Flucht, Guillotine, Feuer, Tod, Gefängnis, Irrenhaus, ^L'^r-n"'i?7°ch1L rlich, d» Was tümmern sich richtige Menschen um deinen Anzug, aber an "Ä du -Infi 6«klf«. -M- m-h- hust — dl, Viichrr, die du einmal um ein paar lumpige Mark erstanden _ sie blieben dir zu Gewinn, Veredlung, zur Freude. ‘ ’ünb die Armen! Sie sind glücklich über Bäume, em Stuck blauen ^'"sie'fiiib so'froLsich über nichts freuen zu können, über irgendeinen WÜrben"wir°mehr Usen° - wckwär'en bessere Menschen Mer weil wir zu wenig in den Gottfried Keller, den Zschokke, den Gotthelf, den ®SieÄ schlossen und sie haben für alles Mögliche, Unmögliche, nur nicht ,ur ein Vilich?in Lcken ohne Bücher ist kein Leben und ein Tag ohne — und sei !s bloß ein Gedicht oder ein Märchen der Brüder Grimm - ist "^Ein^Mensch mit Geschmack lieft nichts Schlechtes und selbst aus schttm- men unartigen Büchern lernt er noch. Siehe schon Shakespeare. ,,^er meins?du, weil du tugendhaft seist, solle es in der Wett keine To ten unb keinen Wein mehr geben." Und Tolsto. fprad) u ®ortu .-vH- die Scham müßte einen abhalten, von Häßlichem 3« schrecken Das heißt. We Ya soll man nichts barüber schreiben? Nein, man muß über alles KDrewen, "^^Kein^ Geschenk ist so wertvoll wie ein schönes Buch; von ber Schokolabe bleibt nichts, unb der Ring ist vielleicht Erbrochen schon da Buch ist noch da unb erzählt bir von dem, ber d'/ s geschenkt hat. Mer nur Biicker bie bu selbst erworben, erfreuen wirklich. Ein schönes Luch still eine?n viel zu lieb ein, als baß man's verleiht Man leiht ja au« keine Krawatte, keine Würste, keine Frau, keine kostbare Briefmarke al! hn^ was einem lieb unb wertvoll, borgt man vjp Ich'möchte keinen zum Freunb, ber nicht bie Bücher liebt unb die Dichter unb halte sogar die Bücher für zauberhafte Medizin gegen manche Krankheiten. Wer keine Zeit zum Lesen findet, ,ist oberflächlich benn keiner^ist so klug, so gütig, so reich, daß ihm nicht boch noch em Luch "Ts 'hnt|Oünme,?tunter ben Büchersammlern komische Käuze gelben, hi» »nr Feinem 3)1 orb keinem noch so verwegenen Diebstahl zuruatchrea I n nur m in b n Besitz eines schmerzlich ersehnten Werkes zu kommen. Mr eck Buch gaben sie ihr Leben, ihre Seligkeit. Andere wieder wurden pankraz, -er Schmotter. Novelle von Gottfried Keller. (Fortsetzung.) Da ick Zugleich bie Stabte oermieb und meinen Arbeitsverkehr immer im freien Felde, auf Bergen und in Wäldern betrieb, wo nur ursprüngliche unb einfache Menschen waren, so reifete ich wirklich bettsverkehr immer im freien Felde, auf Bergen und in Waldern betrieb, wo nur ursprüngliche und einfache Menschen waren, so reis te d) $ mi» m der Zeit der Patriarchen. Ich sah nie eine Spur von dem Regi- men/der Staaten, über deren Boden ich hinlief, und mein einziges Denken war über eben diesen Boden wegzukommen, ohne zu betteln oder für meine nötige Leibesnahrunq jemandem verpflichtet sein zu müssen, im übriaenaber zu tun was ich wollte, und insbesondere zu ruhen, wenn mir aefiel und zu wandern, wenn es mir beliebte. Spater habe ich freilich auch'gelernt, mich an eine fette aufjer mir li^ende O^nlick unh an eine regelmäßige Ausdauer zu halten, und wie ich erst urplötzlich arbeiten^gelerck/ lernt? ich auch dies sogleich ohne wettere Anstrengung, obalb ich nur einmal eine erkleckliche Notwenbigkeit emsah. Uebriaens bekam mir dies Leben in der freien Suft, bei ber steten Abwechslung von schwerer Arbeit, tüchtigem Essen und sorgloser Ruhe varckess ick und meine Glieder wurden so geübt, daß ich als em traf i- oer unb rühriger Kerl in ber großen Handelsstadt Hamburg anlangte, wo id)bal5ba(b9 bem Wasser zulief »nb mich unter bie Seeleute mischte, welche sich ba Umtrieben unb mit dem Be rächten ihrer Schiffe beschäftig irf, überall zugriff und ohne albernes Gaffen doch aufmerksam war ohne ein Wort dabei zu sprechen, noch je ben Mund zu verziehen, so bulbeten bie einsilbigen derben Gesellen mich bald unter sich unb id) SÄ ant»n Welt vor Anker ging. Es waren seltsame unb fabelhafte Todes- Bifess ms» ®nnn nrobiert- doch nie zum zweiten Male, dieses wurde dem rotfyautigen ober schwarzen Käufer überlassen auf den entlegenen Eilanden. Diesmal lickr er aber nur nach Neuyork und von ba nach England zurück, wo ich, ber Büchsenmacherei nun genugsam kundig, mich vonchm evtsernte u soaleich in ein Regiment anwerben ließ, das nach Ostindien obgehen sollte. L L« Lk'-Lsr-s sä äu® äö Si 'S. T ÄÄJ Dach weiß ich nicht, wie es kam, daß ich muh schleunig wieder ausunser Sckisf sputete und so, statt in der Neuen Welt zu blecken in den.ältesten, träumerifeben Teil unsrer Wett geriet, in das uralte heiße Podien, und zwar in einem roten Rocke, als ein stiller englischer Soldat. Und ich kann nicht sagen, daß mir das neue Leben mißfiel, das schon °uf dem großen Linienschilfe begann, auf welchem das Regiment sich .befand. .^chon d Uinstönd daß wir alle, so viel wir waren, mit der größten Pun tttchke und Abgemefsenheit ernährt wurden, indem jeder seine Ration so Ücker betam wi? bie Sterne am Himmel gehen, keiner mehr noch mmbeir als ber anbere, unb ohne baß einer ben andern b^n radh en tonnte behagte mir außerordentlich unb um so mehr als keiner dafür zu banken brauchte unb alles nur unserem bloßen wohlgeordneten DaleiN gevuyrie. Wenn mir Rekruten auch schon auf bem Sch'ffe emgeschutt wurden unb täalicb ererüeren muhten, so gefiel mir boch diese BesctMstigung uver bie Maßen ba wir nicht bas Bajonett herumschwenken mußten, um et mit Gewandtheit eine Kartoffel baran zu fpiefeen fonbern es warJebig» lick eine reine Hebung, welche mit bem Esten zunächst gar nicht zusam ne hckg und man brauchte nichts als pünktlich unb aufmerksam be.m e.nen und dem anderen zu sein und sich um weiter nichts zu kümmern. Schon am zweiten Tage unserer Fahrt sah ich einen Soldaten prügeln, der wider einen Vorgesetzten gemurrt, nachdem er schon verschiedene Unregelmäßigkeiten begangen. Sogleich nahm ich mir vor, das; dies mir nie widerfahren solle, und nun kam mir mein Schmoll wesen sehr gut zu statten, indem es mir eine vortreffliche lautlose Pünktlichkeit und Aufmerksamkeit erleichterte und es mir fortwährend möglich machte, mir in keiner Weise etwas zu vergeben. ' So wurde ich ein ganz ordentlicher und brauchbarer Soldat; es machte mir Freude, alles recht zu begreifen und so zu tun, wie es als Muster- . gültig vorgeschrieben war, und da es mir gelang, so fühlte ich mich end- | lief) ziemlich zufrieden, ohne jedoch mehr Worte zu verlieren als bisher. Nur selten wurde ich beinahe ein wenig lustig und beging etwa einen närrischen halben Spaß, was mir vollends den Anstrich eines Soldaten , gab wie er fein soll, und zugleich verhinderte, daß man mich nicht leiden s konnte, und so war kaum ein Jahr vergangen in dem heißen seltsamen Lande, als ich anfing vorzurücken und zuletzt ein ansehnlicher Unteroffizier wurde. Nach einem Verlauf von Jahren war ich ein großes , Tier in meiner Art, war meistenteils in den Bureaus des Regimentskommandeurs befchästigt und hatte mich als ein guter Verwalter fyevnus- | gestellt indem ich die notwendigen Künste, die Schreibereien und Rech- - nereien aus dem Gange der Dinge mir augenblicklich aneignete ohne weiteres Kopfzerbrechen. Es ging mir jetzt alles nach der Schnur und ich schien mir selbst zusrieden zu sein, da ich ohne Mühe und Sorgen da sein konnte unter dem warmen blauen Himmel; denn was ich zu ver- । richten hatte, geschah wie von selbst, und ich fühlte keinen Unterschied, ob ich in Geschäften oder müßig umherging. Das Essen war mir letzt nichts Wichtiges mehr, und ich beachtete kaum, wann und was ich atz. Zweimal während dieser Zeit hatte ich Nachricht an euch abgesandt nebst einigen ersparten Geldmitteln; allein beide Schisse gingen sonderbare^ weise mit Mann und Maus zugrunde und ich gab die Sache aus, ärgerlich darüber und nahm mir vor, sobald als tunlich selber heimzukehren und meine erworbene Arbeitsfähigkeit und feste Lebensart in der Heimat zu verwenden. Denn ich gedachte damit etwas Besseres nach Seldwyla zu bringen als wenn ich eine Million dahin brächte, und malte mir schon aus, wie ich die Haselanten und Fischesser da anfahren wollte, wenn sie mir über den Weg liefen. Doch damit hatte es noch gute Wege, und ich sollte erst noch solche Dinge erfahren und so in meinem Wesen verändert und ausgeruttelt werden, daß mir die Lust verging, andere Leute anfahren zu wollen. Der Kommandeur hatte mich gänzlich zu seinem Faktotum gemacht und ich mußte fast die ganze Zeit bei ihm zubringen. Er war ein seltsamer Mann von etwa fünfzig Jahren, dessen Gattin in Irland lebte auf einem alten Turm, da sie womöglich noch wunderlicher sein mußte, als er; solange sie zusammengelebt, hatten sie sich fortwährend angeknurrt, wie zwei wilde Katzen, und sie litten beide an der fixen Idee, daß sie sich gegenseitig ineinander getäuscht hätten, obwohl niemand besser füreinander ge chaffen war. Auch waren sie gesund und munter und lebten behaglich in dieser Einbildung, ohne welche keines mehr hätte die Zeit verbringen können, und wenn sie weit auseinander waren, so sorgte eines für das andere mit rührender Aufmerksamkeit. Die einzige Tochter, die sie hatten, und die Lydia heißt, lebte dagegen meistenteils bei dem Vater und war ihm ergeben und zugetan, da der Unterschied des Geschlechtes selbst zwischen Vater und Tochter diese mehr zärtliches Mitleid für den Vater empfinden ließ, als für die Mutter, obgleich diese ebenso wenig oder so viel taugen mochte als jener in dem vermeinten unglücklichen Verhältnis. Der Kommandeur hatte eine reizvolle luftige Wohnung bezogen, die außerhalb der Stadt in einem ganz mit Palmen, Zypressen, Sykomoren und anderen Bäumen angefüllten Tale lag. Unter diesen Bäumen, rings um das leichte weiße Haus herum, waren Gärten angelegt, in denen teils jederzeit frisches Gemüse, teils eine Menge Blumen gezogen wurden, welche zwar hier in allen Ecken wild wuchsen, die aber der Alte liebte beisammen zu haben in nächster Nähe und in möglichster Menge, so daß in dem grünen Schatten der Bäume es ordentlich leuchtete von großen purpurroten und weihen Blumen. Wenn es nun im Dienste nichts mehr zu tun gab, so mußte ich als ein militärischer zuverlässiger Vertrauensmann diese Gärten in Ordnung halten, ober um darüber nicht etwa zu verweichlichen, mit dem Oberst auf die Jagd gehen, und ich wurde darüber zu einem gewandten Jäger; denn gleich hinter dem Tale begann eine wilde unfruchtbare Landschaft, welche zuletzt gänzlich in eine Gebirgswildnis verlief, die nicht nur Schwärme und Scharen unschuldigeren Gewildes, sondern auch von Zeit zu Zeit reißende Tiere, besonders große Tiger beherbergte. Wenn ein solcher sich spüren ließ, so gab es einen großen Auszug gegen ihn, und ich lernte bei diesen Gelegenheiten die Gefahr lange kennen, ehe ich in das Gefecht mit Menschen kam. War aber weiter gar nichts zu tun, so mußte ich mit dem alten Herrn Schach spielen und dadurch seine Tochter Lydia ersetzen, welche, da sie gar keinen Sinn und Geschick dazu besaß und ganz kindisch spielte, ihm zu wenig Vergnügen verschasste. Ich hingegen hatte mich bald so weit eingeübt, daß ich ihm einigermaßen die Stange halten konnte, ohne ihn des öfteren Sieges zu berauben, und wenn mein Kopf nicht durch andere Dinge verwirrt worden wäre, so würde ich dem grimmigen Alten bald Überlegen worden sein. Dergestalt war ich nun das merkwürdigste Institut von der Welt; ich ging unter diesen Palmen einher gravitätisch und wortlos in meiner Scharlachuniform, ein leichtes Schilfstöckchen in der Hand und über dem Kopse ein weißes Tuch zum Schutze gegen die heiße Sonne. Ich war Soldat, Verwaltungsmann, Gärtner, Jäger, Hausfreund und Zeitvertrei- der, und zwar ein ganz sonderbarer, da ich nie ein Wort sprach; beim obgleich ich jetzt nicht mehr schmollte und leidlich zufrieden war, so hatte ich mir das Schweigen doch so angewöhnt, daß meine Zunge durch nichts zu bewegen war, als etwa durch ein Komrnanbowort ober einen Fluch gegen unordentliche Soldaten. Doch biente gerabe diese Weise dem Kommandeur, ich blieb so an die fünf Jahre bei ihm einen Tag wie den anderen und konnte, wenn ich freie Zeit hatte, im übrigen tun, was mir beliebte. Diese Zeit benutzte ich dazu, das Dutzend Bucher, so der alte Herr befaß, immer wieder durchzulesen und aus denselben, da sie alle dickleibig waren, ein sonderbares Stück von der Welt kennenzulernen. Ich war so ein eifriger und stiller Leser, der sich eine Weisheit ausbildete, von der er nicht recht wußte, ob sie in der Welt galt ober nicht galt, wie ich bald erfahren sollte; denn obschon ich bereits vieles gesehen und erfahren, so war dies doch nur gewissermaßen strichweise und das meiste, was es gab, lag zur Seite des Striches, den ich passiert. Mein Kommandeur wurde endlich zum Gouverneur des ganzen Land- striches ernannt, wo wir bisher gestanden; er wünschte mich in seiner Nähe zu behalten und veranlaßte meine Versetzung aus dem Regiment, welches wieder nach England zurückging, in dasjenige, welches dafür ankam, und so fand sich wieder Gelegenheit, daß ich als Militärperson sowohl' wie in allen übrigen Eigenschaften um ihn sein konnte, was mir ganz recht war; denn so blieb ich ein auf mich selbst gestellter Mensch, der keinen anderen Herrn, als seine Fahne über sich hatte. Um die gleiche Zeit kam auch die Tochter aus dem alten irländischen türme an, um von nun an bei ihrem Vater, dem Gouverneur, zu leben. Es war ein wohlgestaltetes Frauenzimmer von großer Schönheit; doch war sie nicht nur eine Schönheit, sondern auch eine Person, die in ihren eigenen feinen Schuhen stand und ging und sogleich den Eindruck machte, daß es für den, der sich etwa in sie verliebte, nicht leicht hinter jedem Hag einen Ersatz ober einen Trost für diese gäbe, eben weil es eine ganze und selbständige Person schien, die so nicht zum zweiten Male vorkomme. Und zwar schien diese edle Selbständigkeit gepaart mit der einfachsten Kindlichkeit und Güte des Charakters und mit jener Lauterkeit und Ruckhaltlosigkeit in dieser Güte, welche, wenn sie so mit Entschiedenheit und Bestimmtheit verbunden ist, eine wahre Ueberkegenheit verleiht und dem, was im Grunde nur ein unbefangenes ursprüngliches Gemütswesen ist, den Schein einer weihevollen und genialen Ueberlegenheit gibt. Indessen war sie sehr gebildet in allen schönen Dingen, da sie nach Art foldjer Geschöpfe die Kindheit und bisherige Jugend damit zugebracht, alles zu lernen, was irgend wohl ansteht, und sie kannte sogar fast alle neueren Sprachen, ohne daß man jedoch viel davon bemerkte, so daß unwissende Männer ihr gegenüber nicht leicht in jene schreckliche Verlegenheit gerieten, weniger zu verstehen, als ein müßiges Ziergewächs von Jungfräulein. Ueberhaupt schien ein gesunder und wohldurchgebildeter Sinn in ihr sich mehr dadurch zu zeigen, daß sie die vorkommenden kleineren ober größeren Dinge, Vorfälle ober Gegenstände durchaus zutreffend beurteilte und behandelte, und dabei waren ihre Gedanken und Worte so einfach lieblich und bestimmt, wie der Ton ihrer Stimme und die Bewegungen ihres Körpers. Und über alles dies war sie, wie gesagt, so kindlich, so wenig durchtrieben, daß sie nicht imstande war, eine überlegte Partie Schach spielen zu lernen und dennoch mit der fröhlichsten Geduld dm Brette saß, um sich von ihrem Vater unaufhörlich überrumpeln zu lassen. So ward cs einem sogleich heimatlich und wohl zu Mute in ihrer Nähe; man dachte unverweilt, diese wäre der wahre Jakob unter den Weibern und keine bessere gäbe es in der Welt. Ihre schönen blonden Locken und die dunkelblauen Augen, die fast immer ernst und frei in die Welt sahen, taten freilich auch bas ihrige bazu, ja um so mehr, als ihre Schönheit, so sehr sie auffiel, von echt Leiblicher Befcheibenheit unb Sittsamkeit burch- brungen war und babei gänzlich den Eindruck von etwas Einzigem unb Persönlichem machte; es war eben kurz unb abermals gesagt: eine Person. Das heißt, ich sage es schien so, ober eigentlich, weiß (Bolt, ob es am Ende boch so war unb es nur an mir lag, daß es ein solcher trügerischer Schein schien, kurz —" Pankrazius vergaß hier weiter zu reben unb verfiel in ein schwermütiges Nachdenken, wozu er ein ziemlich unkriegerisches unb beinahe einfältiges Gesicht machte. Die beiden Wachslichter waren über die Hälfte heruntergebrannt, die Mutter und die Schwester hatten die Köpfe gesenkt und nickten, schon nichts mehr sehend noch hörend, schlaftrunken mit ihren Köpfen, denn schon seit Pankrazius die Schilderung seiner vermutlichen (Beliebten begonnen, hatten sie angefangen, schläfrig zu werden, ließen ihn jetzt gänzlich im Stich unb schliefen wirklich ein. Zum Glück für unsere Neugierde bemerkte der Oberst dies nicht, hatte überhaupt vergessen, vor wem er erzählte, und fuhr ohne die niedergeschlagenen Augen zu erheben fort, vor den schlafenden Frauen zu erzählen, wie einer, der etwas lange Verschwiegenes endlich mitzuteilen sich nicht mehr enthalten kann. „Ich hatte", sagte er, „bis zu dieser Zeit noch kein Weib näher angesehen und verstand ober wußte von ihnen ungefähr so viel, wie ein Nashorn vom Zitherspiel. Nicht daß ich solche etwa nicht von jeher gern gesehen hätte, wenn ich unbemerkt und ohne Aufwand von Mühe nach ihnen schielen konnte; doch war es mir äußerst zuwider, mit irgendeiner mich in den geringsten Wortwechsel einzulassen, da es mir von jeher schien, als ob es sämtlichen Weibern gar nicht um eine vernunftgemäße, klare und richtige Sache zu tun wäre, daß es ihnen unmöglich [ei, nur sechs Worte lang in guter Ordnung bei der Sache zu bleiben, sondern daß sie einzig darauf ausgingen, wenn sie in diesem Augenblicke etwas Zweckmäßiges und Gutes gesagt haben, gleich darauf eine große Albernheit oder Verdrehtheit einzuwerfen, was sie bann als ihre weibliche Anmut unb Beweglichkeit ausgäben, im Grunbe aber eine Unreblichkeit fei, und um so abscheulicher, als sie halb und halb von bewußter Absicht begleitet sei, um hinter diesem Durcheinander allen schlechten Instinkten und Querköpfigkeiten desto bequemer zu sröhncn. Deshalb schmollte und grollte ich von vornherein mit allem Weibervolk und würdigte keines eines offenkundigen Blickes. In Indien, als ich mehr zufrieden war unb keinen Groll fürder hegte, gab es zwar viel Frauensleute, sowohl indischen Geblütes, als auch eine Menge englischer, da viele Kaufleute, Offiziere und Soldaten ihre Familie bei sich hatten. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: vr. HanSTHhriot. — Druck und Verlag: Drühl'fcheUniversitätS-?Duch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.