Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1932 Montag, den 2\. Oktober Nummer 83 Herbst. Von Leo Sternberg. Al» ich tarn, war die Heide im Wald schon verblüht und Sonne beschien mich, die nicht mehr glüht. Auf dem Elchblatt de» Meltaus Schimmel und Staub ... Vertrocknete Halme ... Gelichtetes Laub ... Warum kamst du nicht früher? Warum hast du gesäumt, die Zeit meines Zaubers zu Hause verträumt und kommst, wenn die Spinne die Pfade verspinnt und die Espe schon fröstelt im wispernden Wind? Vielleicht war dein Sommer den andern bestimmt und mir nun die Blume, die keiner mir nimmt! Sind beide verlassen und schweigen zu zwein: Dein Letztes, dein Stillstes — hab ich allein ... Kämpfende Hirsche. Von Joachim Krack. (Nachdruck verboten.) Er steht abseits, einige Schritte entfernt van seinem Rudel, reckt den mächtigen, fast schwarzen Hals empor; seine Augen funkeln, sein Geäse reißt er auf, ein Schrei ertönt, ein durchdringender schöner Baß, der Brunstruf. Der Bierzehnender holt sie sich zusammen, seine Alttiere, sein Mutterwild, seine Frauen, setzt zum Sprung an, kreist sie ein, hat sie im Kreis um sich herum. Seine Seher funkeln: Dort steht sie, sein Lieblingsstück, die mit den schlanken Fesseln, mit dem schönen weißen Spiegel, wie die Menschen sagen. Er schreit nochmals zu ihr herüber, aber sie sieht ihn kaum, blickt in den Wald, holt sich ein paar saftige Bissen. In der Ferne heult die See; der Wind fegt über die herbstlich-grünen Gräser schaukelt sie hin und her, zerzaust ihre Köpfe, läßt das Wild scharf aufpassen, damit ihnen kein Geräusch entgeht. Die Jagd ist in vollem Gange. Er hat keine Zeit jetzt, nippt nur ab und zu an den Halmen aus Langweile, wirft sein stolzes Haupt mit den vielen weihgeperlten Enden auf, windet in die Ferne. Dort im Nebel, nicht weit ... Wild rohrt er hinüber zu dem Nebenbuhler. Es ist noch saft dunkle Nacht; der Morgen zieht grau über die Wiesen, deckt den Waldrand zu. Und weit fort brandet die See ... Die Hirsche hären sie kaum noch, haben sich an das Brausen und Wüten und Toben schon gewohnt. Plötzlich fliegen ihre Köpfe in di« Höhe, blicken in eine Richtung. Aber nichts — nein, nur ein Fuchs schnürt leise, still für sich am Rain entlang. Da springt der Kapitale nach links, legt den Kops fast auf die Erde, aber der Schwächer« läuft schon, ist weit fort, hat ihm, dem Starken, Platz gemacht. Und weiter streicht der Wind über di« taufrische Wiese, weit hinten in den Wäldern, an der Ostsee. Doch er hat keine Ruhe: Wieder tauchen über Wacholder, über dünn- stämmigen Kiefern, über hohen Gräsern und über Rohr Kopf« auf mit sechs, acht, zehn Enden. Die Platzhirsche wollen auch etwas haben von der Brunst, denken: da sind doch so viele Tiere, Muttertiere — warum will er, der Starke alles für sich haben? Wütend bohrt er sein Geweih in die weiche Erde, funkelt mit den Sehern, stoßt zornige Rufe aus, die bis weit über die Wiesen und die Felder hallen. Die Jäger passen auf. Ihre scharfen Gläser stechen in die Wiesen hinaus, aber er ist klug, klüger als sie. Er kennt ihre Plätze, ihre Stellen, wo sie sitzen, nächte-, tagelang. Dann holt er sich fein Stück, kreist es ein, fängt es ... Die Sonne will schon durchbrechen durch die Nebelwände, aber sie ziehen dem Wald näher, sind bald in ihrem Schatten, der sie verbirgt über Tag, der sie aufnimmt, sie schützt, sie deckt. Oder will er heute draußen bleiben? Das Rudel rückt langsam voran; er lauft voraus schiebt sie fort, fort vom Holz. Er ist älter als sie alle, und er weiß, daß der Waldrand Schlimmes bringen kann, nur der Waldrand. Viele Jahre geht er nun schon durch diese Wiesen, Wälder und Raine viele Jahre atmet er di« reine frische Lust hier vben an der See viele Jahre hat er den anderen abtreten müssen, was er letzt oerteidigt. 3a. haßt er sie, die Schwachen, die Kieineren die Jungen stoßt ste unroühg beiseite, fegt sie hinaus in die äußersten Winkel, schreit zur »ee hinüber. Doch da ein Ruf, ein tiefer, lauter, schriller Baß. Ein Nebenbuhler denkt er, ein Starker, einer wie ich. Langsam zieht er ihm näher, stumm und heiß, legt seine Enden in den Nacken, schreit wild über die Erde, wartet. Da kommt er in hohen Fluchten an, der andere; heller sieht er aus, nicht so schwarz wie er, aber stark ist er, mit schönem breitem Geweih, mit tiefem Baß. Er erwartet ihn. Da hält der andere wütend an, blickt fragend, stoßt heißen, zornigen Atem gegen ihn aus, nimmt ihn an. So liegen sie sich bald gegenüber, stoßen ihre Geweihe ineinander, hauen aufeinander los, stemmen die Läufe in den Boden, daß sich die schwarze Erde aus der Wiese auswühlt, daß die Knochen krachen. Die Muttertiere warten auf den Ausgang. Laut prallen di« Geweihe auseinander — die Gegner versuchen sich seitlich beizukommen, springen wütend und keuchend im Kreise herum, knurrren sich heiß an, doch das Ende ist nicht abzusehen. Beide scheinen gleich stark. Die Tiere kommen näher, sehen zu, stumm, still, gefaßt. Ihnen ist der Ausgang gleich: ob der oder jener — sie trifft immer das gleiche Los. Jetzt treibt der Kapital« den Gegner langsam, aber stetig, vor sich her; der ander« muß weichen, stemmt sich bann aber wieder ins Gras, krümmt den Rücken, läßt nicht nach, hat festen Fuß gefaßt, hält den Starken auf, sicher und fest, legt seinen Kops noch tiefer. Er berührt jetzt mit dem Geäse fast den Boden; die Gräser, die sich beugen, zittern vor seinem heißen, keuchenden Atem. Er hat ihn gefaßt, stemmt und stemmt; geht keinen Schritt zurück, die Geweihe biegen sich säst von der ungeheuren Kraft, die beide aufwenden, und schieben sich ineinander. Nur keinen Schritt zurück, denken beide, nur nicht Nachlassen, nur nicht ergeben, nein, weiter und härter kämpfen, wilder, feuriger und heißer. Sie sind ganz nah die Tiere, um die es geht. Es geht auf Leden und Tod, wahrlich! Die Kräfte erlahmen langsam. Die Hirsche keuchen sich an, stemmen nicht mehr so hart und eisern; der Schweiß rinnt von ihrem Rücken, Blut läuft an den Seiten herab, ins grüne Gras. Schaum steht ihnen vorm Geäse, weißer Schaum, der zu Boden sickert, von ihren Qualen zeugt. Sie haben sich mit der Zeit weit fortgekämpft, fort vom Wald, stehen hinten in den Wiesen, halb versteckt im Rohr. Schwarz ist die Wiese jetzt, schwarz von den Tritten der Gegner, von den Eindrücken, dem Stemmen und Kämpfen. Das Keuchen wird stiller und stummer; sie versuchen jetzt auseinanderzukommen, merken aber, daß die Geweihe sich vergaben haben, daß sie verschlungen sind wie Knoten, die nie und nimmer zu lösen sind, daß sie so bleiben müssen, solange sie noch zu leben haben, bis heute mittag, vielleicht bis gegen abend oder morgen früh — wer weiß, die Stunden rinnen dahin. Von Zeit zu Zeit reißen sie an den harten, starken Enden, daß es kracht, aber lösen und befreien können sich die Stangen nicht. Dann wieder brechen sie in plötzlicher Wut in ihrer Todesangst auseinander los — umsonst: Mit jedem Ruck, mit jedem Zug, den der eine ausübt, muß der andere mit, ob er will oder nicht — es geht nicht anders, es ist ihr Schicksal. Die Tiere sehen zu, immer noch, fragen sich: Warum hören sie nicht auf, warum kämpfen sie solange um uns, die wir es doch nicht verschuldet haben, die roir’s gar nicht wollen, dieses Kämpfen auf Leben und Tod ... Die Platzhirsche kommen näher. Die Nacht zieht ein, hüllt die beiden in schwarzes Dunkel, läßt sie versinken, in graue Finsternis, deckt die zu Tode Ermatteten zu. Ein letztes Aufflackern letzter Kräfte kommt in den Kapitalen, ein letzter Versuch, aber vergebens — es ist unmöglich, sie können nicht voneinander, sie müssen so sterben. ♦ Di« Tier« tun sich nieder. Dann kommt Leben in die Runde, andere Hirsche kommen, nähern sich erst schüchtern, suchen den Haupthirsch, den Kapitalen, aber mit der Zeit sehen sie, daß der verschwunden ist, daß das Feld leer ist, daß der Platz geräumt, daß die Lust rein ist Sie suchen sich ihr Recht, zerstreuen die Tier« in alle Winde, jagen sie in die Wälder, ins Dunkel. Und weit in der Ferne stehen die beiden Hirsche verkämpft. Ihr Atem geht leis«, die Kraft ist dahin, die Muskeln find erlahmt, die Sehnen schwach, das Herz pocht matt, das Leben rinnt ... In Todesangst und Todesnot zucken sie noch ein paar mal auf und nieder, fühlen aber kaum den Gegner, merken nur schwach ein leises Wiegen und Ziehen, sind schon halb hinübergedämmert ins Jenseits. Dann fallen sie gegen Morgen beide auf die Seite; ihre Körper überschlagen sich, das Geäse ist weit offen, die Seher gläsern, matt und tot. So liegen sie da, Seher, Geäse und Nüstern voll Gras und Sand, erstickt. Nur der Wind geht weiter, wie immer, und die See heult in der Ferne, singt ihr Totenlied, und klagend murmeln die kleinen Wellen am Strand .. 1<£ Freiherr vom Stein. Iv seinem 175. Geburtstage am 27. Oktober. Don .Heinrich o 0 n Treitsch 1«. Am 27. Oktober jährt sich zum 175. Male der Geburtstag des Freiherrn oom Stein, dessen 100. Todestag ganz Deutschland im vergangenen Jahre zum Anlaß wurde, seines großen Sohnes zu gedenken. Die sollende meisterhafte Charakteristik des unvergessenen politischen Reformators, dessen Gestalt aus der Jett der Befreiungskriege bis in unsere Gegenwart hm- -einreicht, entstammt der Feder des großen deutschen Historikers Heinrich von Treitschke. Der Freiherr vom Stein war der Bahnbrecher des Zeitalters der Reformen Das Schloß seiner Ahnen lag zu Nassau, mitten im buntesten Ländergemenge der Kleinstaaterei, von der Lahnbrucke im nahen Ems konnte der Knabe in dis Gebiete von acht deutschen Fürsten und Herren zugleich hineinschauen. Dort wuchs er auf, in der freien. Lust, unter der strengen Zucht eines stolzen, frommen, ehrenfesten altntterlichen Hauses das sich allen Fürsten des Reiches gleich dunkle. Standen doch die Stammburgen der Häuser Stein und Nassau dicht beieinander aus demselben Felsen; warum sollte das alte Wappenschild mit den Rosen und den Balken weniger gelten als der sächsische Rautenkranz oder die wurt- temberqisehen Hirschgeweihe? Der Gedanke der deutschen Einheit,. zu dem die geborenen Untertanen erst auf den weiten Umwegen der historischen Bildung gelangten, war diesem stolzen reichsfreien Herrn in die Wiege gebunden. Er wußte es gar nicht anders: „ich habe nur ein Dater- land das heißt Deutschland, und da ich nach alter Verfassung nur ihm und keinem besonderen Teile desselben angehöre, so bin ich auch nur ihm und nicht einem Teile desselben von ganzem Herzen ergeben Wenig berührt von der ästhetischen Begeisterung der Zeitgenossen versenkte sich sein tatkräftiger, aus bas Wirkliche gerichteter ^>st früh m die historischen Dinge. Alle die Wunder der vaterländischen Geschichte, von den Kohortenstürmern des Teutoburger Waldes bis herab zu Friedrichs Grenadieren standen lebendig vor seinen Blicken. Dem ganzen großen Deutschland,'so weit die deutsche Zunge klingt, galt seine feurige Liebe Keinen der nur jemals von der Kraft und Graßheit deutschen Wesens Kunde'gegeben, schloß er von seinem Herzen aus; als er im Alter m feinem Nassau einen Turm erbaute zur Erinnerung an Deutschlands ruhmvolle Taten, hing er die Bilder von Friedrich dem Großen und Maria Theresia, von Scharnhorst und Wallenstein friedlich nebeneinander. Sein Ideal war das gewaltige deutsche Königtum der Sachsenkaiser; die neuen Teilstaaten, die sich seitdem über den Trümmern der Monarchie erhoben hatten, erschienen ihm samt und sonders nur als Gebilde der Willkür heimischen Verrates, ausländischer Ränke, reif zur Vernichtung, sobald 'irgendwo und irgendwie die Majestät des alten rechtmäßigen Königtums wieder erstünde. Sein schonungsloser Freimut gegen die gekrönten Häupter entsprang nicht bloß der angeborenen Tapferkeit eines heldenhaften Gemütes, sondern auch dem Stolze des Reichsritters, der in allen diesen fürstlichen Herren nur pflichtvergessene, auf Kosten des Kaisertums bereicherte Standesgenosfen sah und nicht begreifen wollte, warum man mit solchen Zaunkönigen soviel Umstände mache. Er hatte die rheinischen Fekozuge in der Nähe beobachtet und die Ueberzeugung gewonnen, die er einmal der Kaiserin von Rußland vor versammeltem Hofe aussprach: Das Volk sei treu und tüchtig, nur die Erbärmlichkeit seiner Fürsten verschulde Deutschlands Verderben. Er haßte die Fremdherrschaft mit der ganzen dämonischen Macht seiner naturwüchsigen Leidenschaft, die, einmal ausbrechend, unbändig wie em Bergstrom dahinbrauste; doch nicht von der Wiederaufrichtung der verlebten alten Staatsgewalten noch von den künstlichen Gleichgewichtslehren der alten Diplomatie erwartet« er das Heil Europas. Sein frei« großer Sinn drang überall gradaus in den sittlichen Kern der Dinge. Mit dem Blick« des 'Sehers erkannt« er jetzt schon, wie Gneifenau, die Grundzuge eines dauerhaften Neubaues der Staatengesellschaft. Das unnatürliche Uebergewicht Frankreichs — so lautete sein Urteil — steht und fallt mit der Schwäche Deutschlands und Italiens; ein neues Gleichgewicht der Mächte kann nur entstehen, wenn jedes der beiden großen Völker Mitteleuropas zu einem kräftigen Staat« vereinigt wird.Stein war der erste Staatsmann, der di« treibende Kraft des neuen Jahrhunderts, den Drang nach nationaler Staatenbildung ahnend erkannte; erst zwei Menschenalter später sollte der Gang der Geschichte di« Weissagung des Genius rechtfertigen. Es war der Schatten feiner Tugenden, daß er in den verschlungenen Wegen der auswärtigen Politik sich nicht zurechtfand und di« unentbehrlichen Künste diplomatischer Verschlagenheit als niederträchtiges Finaf- sieren verachtet«. Ihm fehlte di« List, die Behutsamkeit, die Gabe des Zauderns und Hinhaltens. Auf dem Gebiete der Verwaltung bewegte er sich mit vollendeter Sicherheit, jede feiner Verordnungen war ein Muster geschäftlicher Klarheit und Bestimmtheit. Wenn aber eine Aussicht auf di« Befreiung feines Vaterlandes sich zu eröffnen schien, so verließ ihn die besonnene Ruhe, und fortgeriffen von dem wilden Ungestüm seiner patriotischen Begeisterung, rechnete er dann leicht mit dem Unmöglichen. Den Staat bedachtsam zwischen den Klippen hindurchzusteuern, bis der rechte Augenblick der Erhebung erschien, war diesem Helden des heiligen Zornes und der stürmischen Wahrhaftigkeit nicht gegeben. Doch niemand war wie er für die Aufgaben des politischen Reformators geboren. Der zerrütteten Monarchie wieder die Richtung auf hohe sittliche Ziel« zu geben, ihre schlummernden herrlichen Kräfte durch den Weckruf eines feurigen Willens zu beleben — das vermochte nur Stein, denn keiner besaß wie er die fortreißende, überwältigende Macht der großen Persönlichkeit. Jedes unedle Wort verstummte, feine Beschönigung der Schwäche und der Selbstsucht wagte sich mehr heraus, wenn er feine schwerwiegenden Gedanken in markigem altväterischem Deutsch aussprach, ganz kunstlos, volkstümlich derb, in jener wuchtigen Kürze, die dem Gedankenreichtum, der verhaltenen Leidenschaft des echten Germanen natürlich ist. Die Gemeinheit zitterte vor der Unbarmherzigkeit feines stach- ljchen Spottes, vor den zermalmenden Schlägen feines Zornes. Wer aber ein Mann war, ging immer leuchtenden Blicks und gehobenen Muts von dem Glaubensstarken hinweg. Unauslöschlich prägte sich das Bild des Reichsfreiherrn in die Herzen der besten Männer Deutschlands: di« gedrungen« Gestalt mit dem breiten Racken, den starken, wie für den Panzer geschaffenen Schultern; tiefe, funkelnde braune Augen unter dem mächtigen Gehäuse der Stirn, eine Eulennase über den schmalen, ausdrucksvoll belebten Lippen; jede Bewegung der großen Hande iah, eckig, gebieterisch: ein Charakter wie aus dem hochgemuten sechzehnten Jahrhundert der unwillkürlich an Dürers Bild vom Ritter Franz von Sickin- aen erinnerte — so geistvoll und so einfach, so tapfer unter den Menschen und so demütig vor Gott — der ganze Mann eine wunderbare Verbindung von Naturkrast und Bildung, Freisinn und Gerechtigkeit, von glühender Leidenschaft und billiger Erwägung eine Natur, di« mit ihrer Unfähigkeit zu jeder selbstischen Berechnung für Napoleon und die Genossen seines Glücks immer ein unbegreifliches Rätsel blieb. 3ur Nacht. Don Theodor Storm. Vorbei der Tag! Nun laßt mich unverstellt Genießen dieser Stunde vollen Frieden! Nun find wir unser; von der frechen Welt Hat endlich uns die heilige Nacht geschieden. Laß einmal noch, eh sich dein Auge schließt, Der Siebe Strahl sich rückhaltlos entzünden; Noch einmal, eh im Traum sie sich vergißt, Mich deiner Stimme Heben Laut empfinden! Was gibt es mehr! Der stille Knabe winkt Zu feinem Strande lockender und lieber, Und wie di« Brust, di« atmend schwellt und sinkt, Trägt uns des Schlummers Welle sanft hinüber. Deutsche Kirchenportale. Ein Kapitel deutscher Baugeschichke. Don Dr. Friedrich S p r e e n. „Das ist deutsche Baukunst, unsre Baukunst, da der Italiener sich keiner eignen rühmen kann, viel weniger der Franzose!" So verkündete Goethe in seinem Hymnus auf das Straßburger Münster. Auch für uns Heutige ist dieser mehr als hundertjährige Ruf noch nicht verhallt; er mahnt und predigt noch immer, um fremder Schönheit willen die heimische Herrlichkeit, das urtümlich großartige Gewächs unseres Bodens, unserer Kultur nicht zu übersehen. Denn während wir uns in Italiens Kunst doch erst wie in eine fremde feierliche Welt hineinlebeu müssen, sprechen die Werke unserer deutschen Meister unmittelbar und überstark zu uns mit den Heimatlauten der Muttersprache Erst in den letzten Jchr- zehnten Ijut man erstlich damit begonnen, di« Schranken niederzureißen die unser Volk von seiner alten großen Kunst trennen, den Dann zu brechen, der uns vom Nächsten, Verwandtesten fernhält. Der überall auf= geblühte Sinn für Heimatkunst, Heimatpflege und die Wissenschaft, bne uns ein paar kaum bekannte, bedeutende deutsch« Meistex entdeckt, wie Konrad W i tz und Hans M u 11 s ch e r, reichen sich da die Hand. Im Großen wie in den Einzelheiten, in den machtvollen Schöpfungen der Architektur, Plastik und Malerei, aber auch in der sich einem Ganzen unterordnenden Verbindung zweier Künste, wie sie in den deutschen Kirchenportalen sich offenbart, läßt sich die allmähliche Entfaltung ebenlo wie der überwältigend« Reichtum und di« Mannigfaltigkeit der ausgebildeten Stile verfolgen. Die christliche Baukunst sah sich bei der Schöpsting der Kirchentur vor eine ganz neue Ausgabe gestellt, die die Antike nickst gelöst hatte. In der frühchristlichen Basilika wurde der Vorbau zu einem trennenden, scheidenden Raum. Stellt« doch das geweihte Innere der Kirche gleichsam das Wohnhaus des Höchsten, den Aufenthalt der Gläubigen dar. Vor der Eingangspforte sollten ja die Heiden erst getauft, die Sündigen erst gereinigt werden; eine Sühnung und Buße mußte also in dem Dorraum vollzogen werden. In der Kirche, wo aller Glanz und alle Heiligkeit erst innen am Hochaltar sich erfüllte, konnte darum das Portal schon ein Symbol werden für den engen und schmalen Weg, der zu Gott führt; anderseits aber ward diese irdische Gnadenpforte zum Mittelpunkt und zur Glanzftelle der deutlich ausgebildeten Vorderseite, ein breit ausmündender Schlund, der den Strom der Kommenden willig aufnehmen und in andächtig weihevoll« Stimmung versetzen sollte, bevor er fi« langsam durch die engeren Türen in das Gotteshaus hineinleitete. Baid verschwand in Deutschland die antibisierende Säulenhalle der frühen Christen. Aus dem Vorraum wurde vielmehr in der Karolingerzeit schon ein umfriedeter Dorhof, eine Freistatt für die Lebenden und ein Totenacker für die Gestorbenen, auf dem die Gerichtslinde stand und ein stiller Garten der Andächtigen umfing, das sog. „Paradies". Einfach, kräftig und ruhig sind die ersten Portale der romanischen Kirchen; sie find, dem Prinzip des ganzen Stils folgend, ziemlich breit und niedrig, um dem darauf lastenden TOauergefüge einen festen Halt zu geben. Der Schmuck beschränkt sich zunächst auf die Türen, in deren Feldern Reliefs mit Das- ftcllungen aus der Heilsgeschichte angebracht wurden. Die ehernen Domtüren in Hildesheim und Augsburg sind schöne Beispiele solch edlen Flächenschmuck; bisweilen treten auch, besonders in der Blutezett der Holzplastik um 1500, geschnitzte Reliefs an den Türen auf. Zumeist aber beschränkte sich der Schmuck auf kostbar geformte Türklopfer, wobei der Lowenkopf ein« große Rolle spielt, und auf herrliche, reich vergoldete, sich rankende und verschlingende Beschläge, di« wohl di« Form eines Baumes mit feinen Wurzeln annehmen. Die unauffällige Zierkunft der Türflügel trat schon in romanischer Zeit gegen di« Ausgestaltung des architektonischen Türrahmens zurück Oer Kriegskommissar des Königs. Roman von Friedrich F r e k f a. Copyright 1931 by August Scherl, G. m. b. £)., Berlin, (Fortsetzung.) „Man soll nicht aus seinem Stande heruntersteigen!" lehrte der Vater. „Wenn du nicht ein studierter Mann wirst, wie ich, so sollst du wenigstens ein Mann fein, der etwas darstellt in der Stadt, ein guter Bürger! Gelehrtenstand und Handelsstand stehen näher zusammen als Gelehrtenstand und Handwerkerstand." „Aber wir sind doch alles Menschen!" meinte die Mutter beschwichtigend. „Das ist eine neumodische, weichliche Lehre!" rief der Bater. „Was heißt Mensch sein"? Mensch sein heißt: nackt sein und das Leben haben! Ziehst du das Standeskleid an, dann bist du jemand; denn das Kleid macht den Mann!" „Wieso?" forschte Theodor. „Es steht doch geschrieben: Vor Gott sind alle Menschen gleich!" „Freilich", erwiderte der Vater, „vor Gott sind alle Menschen gleich; aber hier aus der Erde stehst du nicht vor Gott, sondern vor dem König. Und da hast du Richtung zu nehmen in Reih' und Glied, wo du von Staats wegen hingehörst. Wir alle im Staat« sind da wie ein Regiment Soldaten. Jeder hat seinen Platz. Ist er tüchtig, darf er vorrücken; und er hat ehrlich zu sein in seinem Stande — dann bleibt er ehrlich als Mensch und kann später vor dem Richterstuhl Gottes gut bestehen." Hatte der Vater seine Stimme erst einmal erhoben zum Predigerton, dann gab es keine Widerrede. Er wölbte dann seine Brust heraus und stand da mit gespreizten Beinen in der Paradestellung der preußischen Grenadier« von Potsdam, wie eine Mauer, und keiner wagte bann, etwas wider den Riesen zu sagen. Es war ein denkwürdiges Gespräch, das die beiden Brüder Fritsche ihr Leben lang nicht vergaßen. Das Kalenderblatt zeigte den 7. Februar, als sie an diesem Tage schlafen gingen. In der Nacht wurde Heinrich in der Kammer, di« er mit seinem Bruder teilte, geweckt durch einen starken Rauch und große Hitze. Als die beiden erfdjrocfen aus den Betten [prangen und die Tür aufrissen, schauten sie in lodernde, hüpfende Flammen. Sie stürzten ins Schlafzimmer des Vaters und rüttelten den Mächten Mann, der einen festen und gesunden Schlaf besaß. Der Datei war mit einem Satze draußen und erkannte, daß das Feuer schon von unten herauf die Treppe ergriffen hatte. Er rief den Jungen zu: „Rettet euch, Kinder! Schnell hinab — ich will die Mutter holen!" Di« Pfarrerin schlief nämlich in einer warmen Stube auf der anderen Seite des Treppenplatzes, da sie im letzten Jahr zart geworden war und das Schlafen in der ungeheizten, kalten Kammer nicht vertragen konnte. _ . Die beiden Brüder ergriffen also Kleidungsstücke und, was zur Hand war, und stürzten eiligst die Treppe hinab, deren Geländer schon $u glimmen begann. Sie tarnen glücklich durch den Hausflur ins Freie ohne große Verletzungen; nur war ihnen die Haut an einigen Stellen verbrannt. Draußen trafen sie zwei Mägde und einen Knecht, die, vom Feuer geweckt, alsbald geflüchtet waren. Die Flammen schlugen schon an den Fensterstöcken empor, und roter Schein waberte auf dem hartgefrorenen Boden des Hofes. Droben tat sich ein Fenster im ersten Stock auf. Der Vater schrie: „Holt schnell eine Leiter! Lehnt sie an!" Alle hasteten nach dem Viehstall, wo die lange Leiter stand, und die beiden Mägde, die Brüder und der Knecht, schleppten sie gemeinsam herbei Droben stand der Vater und hielt die vor Schreck ohnmächtig gewordene Mutter im Arm in die freie Luft hinaus. Mit dieser Last stieg er auf die Leiter, während die Flammen ihm bereits die Haare versengten. Glücklich erreichte er den Erdboden. Alle Hausbewohner waren gerettet. Sie folgten dem Beispiel des Pfarrer, der sich aus die Knie warf und Gott dem Herrn für die glückliche Errettung dankte. . Inzwischen war das Dorf munter geworden. Der Küster sttetz ins Feuerhorn und läutete die Glocke. Der Vater übergab die Mutter einigen grauen die sie ins Schulzenhaus trugen. Er leitete die Rettungsanstalten Zum Glück hatte sich der Wnd gedreht, und es gelang, Viehstall und Kornscheuer vor den Flammen zu schützen. Aber das Wohnhaus brannte bis auf den Grund nieder, und außer den wenigen Kleidern, die die Kinder mitgenommen hatten, wurde nicht das mindeste Stück gerettet Versicherungen gab es damals noch nicht, und so war der Verlust der Familie sehr bedeutend: Der größte Teil des kleinen Vermögens, daß sie durch Fleiß und Sparsamkett erworben, ging in zwei Stunden uerloren. Jetzt zeigte es sich, wie beliebt der Pfarrer war, beim es kam alsbald Äilfe von den Rittergütern ringsumher. Kindern und Frau wurde Unterkunft angeboten an drei, vier Plätzen, Kleider und Seinen wurde geschickt und alles wäre gut gewesen, wenn nicht der Vater, vergiftet durch den Rauch einer heftigen Lungenentzündung zum Opfer gefallen wäre. Der Arzt aus Solberg, den der Herr von Wedell selbst abholte, erklärte schon am dritten läge, nur ein Wunder könne diesen kräftigen Mann retten Mit der Ruhe und dem Mute eines wahren Soldaten und Christen hatte der Vater fein Leiden ertragen. Er legte dem Arzt auf, ihm nichts $u verhehlen, sondern die strengste Wahrheit zu sagen. Da erklärte der alte, erfahren« Arzt, der Tod sei wahrscheinlich und würde wohl in den nächsten vierundzwanzig Stunden erfolgen. Nun schickte der Pfarrer Fritsche feinen Sohn Heinrich hinüber zum nächsten Amtsbruder, daß der ihm das Heilige Abendmahl reiche und ihn zum Tode vorbreite. Um sich versammelte er bi« Mutter und die vier Kinder denn auch Christine und Friedrich Wilhelm waren herbeigeholt worden Er nahm Abschied von seiner Frau und bat sie um Verzeihung, wenn er sie durch Heftigkeit und befehlshaberisches Wesen mitunter betrübt Hütt«, und dankte ihr für die Liebe und Treue, di« sie ihm während )er Türbalken wurde durch zwei Säulen gestützt und mit einem Rund- loben überspannt, wodurch ein Halbkreis, das „Tympanon", entstand, im die Festigkeit und Massigkeit dieser Anlage zu steigern, zugleich aber :ud) um den Ausgang zu verbreitern und reicher zu gestalten, wurden len Portalpfeilern drei ober vier abgestufte Säulen vorgestellt, die sich nit Nischen und Bogen zu einem schön gegliederten Vorra um erweiterten. Di« Möglichkeit zu einer Schmückung dieses Portals, der wichtigsten stelle in der Fassade, war so gegeben. In dem Halbkreis thronte der i-gnenbe Christus ober der göttliche Weltenrichter; seines Ornament spann ich um die einzelnen Bogen und legte die Flächen in weiche geheimnis- icUe Schatten, während die konstruktiven Teile scharf und klär hervor- taten. Alles strahlt in farbigem Glanze. Aus den schön geschwungenen Wölbungen leuchten die wenigen Figuren des Tympanons in weihevoller Hlorie. Das Ganze gemahnt in feinem weit gespannten Rhythmus an lie strahlende Klarheit und den mächtigen Umschwung des Firmaments, immer kühner wird in den späteren romanischen Portalen das dekorative Element; immer weiter lassen sie ihre Bogen ausschwingen. Alles drängt nehr und mehr zu einer reicheren figürlichen plastischen Ausstattung, zu uner plastischen Belebung dieser stolz sich wölbenden Welt. Unter fran- ösischem Einfluß wird dieser Schmuck zum ersten Mal in der Gallus- Sforte des Basler Münsters durchgeführt und damit der entschei- lenbe Schritt zur Dekoration der Gotik getan, lieber dem Türbalken sind sie klugen und die törichten Jungfrauen dargestellt, die von nun ab an so fielen Portalen auftreten. In den Nischen der Portalpfeiler sind Apostel largeftedt, als Führer zu Christus. Das Tor selbst wird umrahmt von linem Aufbau aus Säulen und Nischen, in denen wieder Figuren und Szenen angebracht sind. Das eigentliche Portal, das sich so einfach-feierlich, nachdrücklich einübend, Ehrfurcht und Schweigen gebietend öffnete, weicht nun einem freieren, schlankeren, heiter und vielgestaltig geschmückten architektoni- chen Aufbau. Der plastische Schmuck hat nichts Kleinlich-Nebensächliches nehr, erhält etwas Monumentales. Bei Portalen, die direkt französischen Ä>rn nach geahmt sind, treten die Spitzbogen auf, die eine architekto- Teilung der Tür zur Folge haben, so daß ein Pfeiler in die Mitte gestellt wird und nun an die Stelle des halbkreisförmigen Tym- ;anon zwei kleine Lünetten und eine große treten. In dieser Verbindung ton gotischem Schmuck und der alten romanischen Grundform sind nun linige der herrlichsten Portale entstanden, die alle Intimität und alle Fracht der beiden Stile vereinigen: die zu Straßburg, zu Frei- 1 u r g i. S., zu Bamberg. Wie wunderbare steinerne Altarschreine issnen sie ihre Gewände in ihrer verwirrenden Fülle des Bildwerks, als sollten sie die Arme breiten zum Empfang. Aber sie bieten gleichsam inr das Präludium der Seligkeit. Darum sind an all diesen Toren haupt- ljchlich Gestalten und Szenen dargestellt, die die Vorbereitung des Er- ösungswerkes schildern, Adam und Eva, die ersten Sünder, die Propheten inb Sybillen, die Christum verkünden, die heiligen drei Könige, die fegende Kirche und die besiegte Synagoge; Petrus darf nicht fehlen, der lie Himmelstür aufschließt. All die vielen Geschichten und die frommen Männer aus Altem Testament und Mythologie, die das Heil voraus- :f>nen, voraus deuten sollen, finden hier Platz. Aber als ernstes Gegenbild it das Weltgericht ausgerichtet; Vergangenheit und Zukunft, das Suchen ach dem Heil von Anbeginn, der dunkle Drang der Guten und die Strafe der Bösen grüßen ernst und bedeutungsvoll den Kirchgänger ... Hatte in den letzten Werken des Uebergangsstils, so z. B. an der Samberger Adamspsorte, die Plastik die Architektursormen | ifcUig überwunden und die vornehmste Wirkung des Portals an sich ge- liffen, so wird in der reifen Gotik die Harmonie zwischen den konftruk- toen Bau gliedern und den schmückenden Statuen wieder hergestellt Der I chlanke Höhendrang des Spitzbogenstils läßt auch das Portal wachsen mb schließt es durch breite Statuenreihen ab; mit der Auslosung der Wand schließt sich eine Verbreiterung der Eingangsanlage, eine sichere, elegantere Gliederung, eine Fortsetzung in hohen Fenstern, die mit dem Portal zu einer hoch emporstreb enden, fein umrahmten und -erschwenderisch verzierten Fläche zufammengeschlossen werden. Daneben treten sehr zierlich und glanzvoll geformte Vorbauten und Hallen auf. Der Klick verliert sich in diesen mächtigen Portalgewölben tn einem Netz l'inen Maßwerkes, gleitet an ungeheuren Figurenmassen entlang, Sie ins der Höhe her ein tiefsinniges Bilderbuch, eine gelehrte ®n3qflopabie tu5 Stein vor ihm ausbreiten, ober schwebt in dem Gewirr der Limen nit den sich im Dunkel verlierenden Bogen empor, erschauernd vor den Geheimnissen des Himmels und träumend von seinen Wundern. Allmah- Ich wird dann das Portal völlig seines eigentlichen Zwccks der Em- tüngsbetonung, entkleidet, ganz in vefsnung und Schmuck aufgelöst wie 'in Fenster ohne Glas. Die Umrahmung ist alles; !»« Tur se bst nichts tiehr. Mit spielerischer Virtuosität wird ein rauschendes Fortiistmo der Mnien geschaffen. Die Plastik und Kleinkunst hoben td) polfcg aussben Kunden der Architektur befreit und treiben em selb ständig-tolles regelest s Spiel. ... . . f Di« Renaissance erst läuterte diese ausgearteten, uberwuchern^n Schmuckorgien der Spätgotik, die sich in den Portalen am stärksten ge- t leigt, zu einer ernsten geschlossenen Würde. Di« ^^^ch^Doch^as seier- Silafter getragen über denen sich ein Rundbogen wölbte. Bod) Bas feier lche und mystische Element einer religiös bedeutungsvollen Umgang ?forte ging in diesen nüchtern klassischen Porten «rloren Erst das barock schuf wieder malerisch belebte reich geschmückt P - , e örem theatralischen Aufbau, ihrer leidenschaftlichem Wucht, ih en ge chwungenen Formen einen gewaltsamen und doch > i Kirchen- । gen Eindruck machen. Das Rokoko bagegen machte aus dem Sirren, I [ertal einen spielerisch niedlichen $00^011, eme to et e ffo [= NS.-«-. L snrtft s tefiÄS, s» L Säulenwerks" ba er sich zurücksehnte nach Der Blütezeit öeuqajw «nd Kunst. der ganzen Ehe gewidmet -und daß sie ihm auch keinen Augenblick Kummer bereitet. Sodann küßte er ein jedes der Kinder, legte die kraftlos gewordene zitternde Rechte einem jeden aufs Haupt und sprach' „Meine armen Kinder! Wenig kann ich euch hinterlassen, außer meinem ehrlichen Namen. Wandelt im christlichen Glauben auf dem Pfade der Reinheit und Tugend — seid arbeitsam und tätig im Geschäft, welches ihr ergreift! Gottes W.le ist es, daß der Mensch arbeite und nütze sei seinen Mitmenschen. Habt euch lieb als Geschwister! Denn die Liebe ist das Größte, das uns der Herr gegeben hat. Haltet den Namen der Familie hoch! Gott segne euch — und ferne Gnade und Barmherzigkeit walte stets über euch!" Danach war seine Kraft sehr erschöpft. Trotzdem ließen der Schulze und die Bauern es sich nicht nehmen, zu ihrem sterbenden Pfarrer zu gehen und die Hand, die er oft segnend über sie erhoben, noch einmal zu küssen. Er durfte es nicht wehren; mußte er doch als Hirt feiner geistlichen Herde ein Vorbild sein — so wie im Leben, auch jetzt im Tode. An ihm sollten die Bauern ein Beispiel haben, wie ein Christ in die Ewigkeit einginge. Feierlich war das Begräbnis. Die ältesten, angesehensten Bauern legten Trauertracht an und trugen selbst den Sarg aus den Friedhof. Und von weit und breit kamen die Rittergutsbesitzer und königlichen Beamten und Amtsbrüder und gaben das Trauergeleit. Es zeigte sich, wie sehr der Pfarrer Fritsche, der Grenadier des Leibgardersgiments des Königs, beliebt war in seinem Dorf. Der alte Schulze sagte am Grabe: „Einen solchen Pastor wie den unsrigen werden wir niemals wieder bekommen!" * Nach langer Beratung mit Freunden des Vaters faßte die verwitwete Pfarrerin den Entschluß, zu Ostern nach Solberg zu ziehen und dort eine Schule für Mädchen zu errichten, um ihre spärlichen Einnahmen zu vermehren. Sie hatte fortan eine Witwenpension von hundertzwanzig Talern jährlich und die Zinsen eines Kapitals von zweitausend Talern. Mehr Vermögen war nach dem Brand nicht übriggeblieben, zumal noch eine notdürftige Hauseinrichtung wieder angeschafft werden mußte. Sie fanden auch etwas Paffendes in der Ostseestadt: ein Wohnzimmer für die Mutter, eine schöne, große Schulstube und drei Schlafkammern. Auch war Garten und Hof bei dem Häuschen, das sie für vierzig Taler jährlich gemietet hatten. Liebe und Anhänglichkeit des Kirchspiels zeigten sich auch jetzt in reichem Maße. Die Dorfbauern hatten zusammengesteuert und brachten eines schonen Tages eine Milchkuh, ein kleines Schwein und ein Dutzend Hühner herbei; zugleich versprach der Schulze, Heu und Stroh für die Kuh unentgeltlich zu liefern. Das war eine Freude, besonders für die beiden Jungen, die sich in der Stadt gar nicht heimisch vorkamen. Jetzt hatte das Haus durch die Tiere wieder Leben! Aber auch die befreundeten Gutsbesitzer schenkten wertvolle Sachen für eine neue Haussinrichtung. Der Herr von Wedel! schickte eine Standuhr, damit die Mutter stets wisse, welche Stunde geschlagen hätte, und der Nachbarpfarrer einen gepolsterten Sorgenstuhl mit hoher Rückenlehne und Ohrenklappen, der Amtmann Bücher für Heinrich und Theodor, der Oberförster zwei Klafter Brennholz nebst der Zusage, solche Sendung jährlich zu wiederholen. An Mehl, Schinken. Butter und sonstigen Lebensrnitteln fehlte es nie, und der kleine Stadtgarten brachte Gemüse hervor, so daß an Nahrung kein Mangel herrschte. Freilich muhte sich die Familie sehr einschränken. Denn für Friedrich Wilhelm, den Aeltesten, mußte die Mutter Kleidung beschaffen und ein Geld für die Tasche und für die beiden Söhne ebenfalls Geld aufwenden für Kleidung und Schulunterricht. Auch mußte sie eine Dienstmagd halten, da ihre Zeit durch Lehrstunden besetzt war und sie also nicht selbst die Wirtschaftsgefchäfte besorgen konnte. Biel brachte der Schulunterricht nicht ein; Bürgermädchen, bezahlten wöchentlich nur einen Groschen Schulgeld, und nicht viel mehr als dreißig Schülerinnen besuchten di« Schule. Schwer war es auch besonders für die Jungen, sich in Kolberg einzuleben. Die enge Stadt, von hohen Wällen umgürtet, hatte finstere, schmutzige Straßen. Sie waren allzusehr gewöhnt an den freien Ausblick aus dem breiten Lande, und sie vermißten das geräumige Pfarrhaus, den großen Obstgarten und das Umherlaufen in Wald und Feld. Auch war der Schulunterricht ganz anders als beim Vater, der ihn mit Freude und Liebe erteilt hatte. Ein alter, mürrischer Magister, der noch drei andere Schüler unterrichtete, exerzierte im Halbschlaf di« Grammatik uif und ab, und Heinrich drang in feine Mutier, ihn doch wenigstens zwei Jahre auf ein ordentliches Gymnasium zu schicken. Das ging nicht so bald, denn durch den Tod des Bakers hatte sich di« Konfirmation verzögert. Die mußt« nun im nächsten Jahre, 1747, zu Ostern nachgeholt werden. Heinrich ward zugleich mit feinem Bruder Theodor eingesegnet. Was wär« dieser Tag für «in schönes Fest gewesen draußen in ihrem eigenen Pfarrdorf. So war es kümmerlich, und sie drückten sich bald nach Haus, wo di« Mutter ihnen einen Napfkuchen gebacken hatte und ein« Flasche Wein hervorzog, die noch aus einer Gabe der Wedellschen stammte. Im Gedenken an den Daker verlief der Tag. Am Abend wurde durchgesprochen, was für einen Beruf Theodor wählen sollte. Er hatte den Wunsch, Künstler oder Naturforscher zu werden, ferne Länder zu bereisen und dort Landschaften und Tiere zu zeichnen. Aber woher sollte die Mutter das viel« Geld nehmen, das ein solcher Beruf kostete? Die Mutter ging den Vormund der Kinder um Rat an, den Kaufmann Watermann aus Kolberg. Der meinte: Wenn der Junge zeichnen könne und Geschick für Farben habe, so solle er zu einem Anstreichermeister in die Lehre gehen; da könne er solchen Sinn weiterentwickeln und in den Freistunden sich auf Papier mit der Bleifeder und der Kreide üben. Dafür wolle er gern etwas ausgeben. Heinrich erkannte seinen Bruder.Theodor nicht wieder, als der 3u.1t ersten Male in einem beklecksten grauen Leinwandüberwurf ihm arf der Straße begegnete. Er hatte zuerst lernen müssen, Farben zu reibet und Pinsel zu reinigen, und nach den ersten Wochen nahm ihn ber Meister mit auf di« Schiffe, die im Hafen lagen, um die Kajüten 31 streichen, die Galionsfiguren zu vergolden und allerlei Schnörkel zi ziehen. Es war eine harte Zeit für Theodor, der feinem Bruder oft fein Leid klagte. Der Meister war ein roher Patron, der zuviel trank und in btt Trunkenheit grob schimpfte und dem Lehrbuben die dicken Pinsel um die Ohren schlug, daß das Gesicht in allen Farben des Regenbogen! schimmerte; oder auch ergriff er das große, breite Lineal und zerbeult! ihm damit den Rücken. Ganz aufsässig aber ward er, wenn er sah, daß Theodor in feinet Freistunden und des Sonntags nachmittags zeichnete. „Das ist dumme, Zeug und Papierverschwendung!" schrie er. „Ein Stuben- und Schiffs malet ist kein Hahnefax von Künstler, sondern ein Handwerksmann, ber nach der Schablone zu arbeiten hat!" — So mußte Theodor oft verstohlen in seiner halbdunklen Dachkammer zeichnen, immer in der Angst, ber Saufbold käme heraufgepoltert, um an ihm fein Mütchen zu kühlen. Aber gerade das Trinken des Meisters verschaffte ihm auch schäm Stunden. Der ließ dann den geschickten Lehrbuben allein auf die Schifte, wo er, nach Rücksprache mit den Schiffskapitänen, malen durfte, teil er es wollte; und diese freuten sich, wenn er über di« Tür der Kajül! vielleicht eine zierliche Frau Venus oder ein paar schöne Aepfel malst und sie gaben ihm einen Extragroschen, und, was ihm mehr wert wer, sie erzählten ihm von ihren Reisen in ferne Länder. Das waren banufc Schiffe, die vom Stolberger Hasen ausliefen nach England, Frankreich, Niederland und Rußland; manche Kapitäne hatten sogar in frühere« Tagen auf Holländerfchiffen weite Reifen nach Amerika, Afrika uni Asien gemacht. Dann kam Theodor, den Kopf voll mit Geschichten von fernen Ländern, zu Heinrich, erzählt« ihm und rief aus: „Wär' die Mutter jetzt niihi hier bei uns! Mühte ich nicht befürchten, sie betrübte sich darüber, sichtlich liefe ich davon, um mich auf einem Schiff anheuern zu lassen uist> in ferne Länder zu kommen!" Heinrich, der im Wesen feinem Vater nachschlug, versuchte, den: Bruder die abenteuerlichen Gedanken auszureden, und erinnerte ihn n des Heimgegangenen Sprichwort: „Bleibe im Land und nähre dich redlich!" Doch viel Eindruck -macht« -das auf Theodor nicht, der immer wiederholte: „Ich gehe doch noch in fremde Länder! Kolberg ist mir zu klein, ist mir zu eng und muffig! Ich müßt' schier verzweifeln, sollt' ich mein ganzes Leben hier verweilen!" Und -darin wurde er bestärkt durch einen Jungen, der ein Schule: feines Bruders war. Heinrich hatte nämlich angefangen, lateinischer Elementarunterricht zu erteilen, und ging in den Abendstunden vm sechs bis acht ins Haus eines wohlhabenden Bürgers und Bierbrauer; Joachim Nettelbeck, dessen Sohn neben den Anfangsgründen im Lateinischen vor allem Rechnen und Geographie lernte. Für diese zwei Stunden erhielt er drei Groschen regulär und zumeist auch noch ein Abendbrot. Somit konnte er in jeder Woche an vier Abenden zwölf Groschen verdienen. Das war ein Geld, was der Mutter und ihm schon vorwärts half; denn nun konnte er Bücher, Schreibmaterialien und alles, was sonst noch zum Studium gehörte, ja sogar das Schuhzeug selber bezahlen und brauchte der Mutter nicht länger zur Last zu fallen. Das mar eine Freude, wenn der alte Brauer aus feiner ledernen Schnapp«- tasche, di« ihm um den Bauch hing, um Samstagabend zwölf blant'i Groschen auf den Tisch zählte und dazu den Spruch sagte: „Selbst erworbenes Gut wohl der Seele tut!" Der junge Joachim Nettelbeck hatte nicht viel Sitzfleisch, doch einen guten Köpft Er begriff schnell. Es war Heinrich ein Vergnügen, ihm Unterricht zu erteilen. Sonst verübte Joachim viele wilde Streiche um ließ sich gern von Theodor auf die Schiffe mitnehmen, wo er so tut, als ob er Hilfe. Es war ihm aber nur darum zu tun, die Matrosen auszuforschen nach den fernen Ländern, um sich dann mit Theodo-: auf Traumreifen zu begeben. Da saßen sie nun, nachdem die Arbeit vollendet war, wohl auf dem Bugspriet, ließen die Beine über dos Wasser des Hafens baumeln und erzählten sich, was sie alles tun wolle ten, wenn sie erst mal draußen wären. Und sie schwelgten in Abem- teuern mit Piraten, Menschenfressern und wildem Volk. Es war ein Glück, daß Friedrich Wilhelm Ostern 1748 beim Ober förfter ausgelernt hatte und nun im vstpreuhischen als Jägerbursch eiiw Stelle annahm, wo er vierzig Taler Gehalt erhielt. Run konnte das sonsf auf Friedrich Wilhelm entfallende Geld zurückgelegt werden für der Gymnasiumsbesuch und das Studium Heinrichs. Theodor war ein Liebling in der kleinen Stadt Solberg geworden Seine Geschicklichkeit im Zeichnen hatte er immer weiter entwickelt, unü gar oft tarnen Bürger zu ihm und baten um ein Bleiftifttonterfei otx > auch um einen Schattenriß für Geburtstage oder Briefsendungen. Dos nun wieder erregte den Neid des alten, versoffenen Meisters, der es nicht verstehen konnte, warum all« Leute feinen Lehrling lobten. Do# mit jeder Woche stieg Theodors Selbstbewußtsein, und er sträubte f’® gegen die schlechte Behandlung, verbat sie sich, schrie den Meister air so daß es oft zu Streit tarn. Wenn Heinrich und di« Mutter versuchtem Theodor zu vermahnen, daß er doch bis zum Ende der Lehrzeit ausharre in christlicher Geduld, dann meinte er: „Ich habe nun einmor kein kaltes Fischblut in den Adern, will meine besten Jugendjahre nicht ■ bei diesem alten, oerfoffenen Grobian hin-dämeln — bei einem Kerl, br dem ich doch nichts lernen kann und der mich schlechter behandelt a.« ein Bauer seinen Pferdejungen!" (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: Or. Hans Thhriol. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, D. Lange. Giefien-