SietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1952 Freitag, den 25. Dezember Nummer 100 Es ist ein Ros entsprungen. Volksweise. Es ist ein Ros entsprungen Aus einer Wurzel zart, Als uns die Alten hingen, Aus Jesse kam die Art Und hat ein Blümlein bracht Mitten im kalten Winter Wohl zu der halben Nacht. Das Röslein Las ich meine, Davon Esaias sagt, Hat uns gebracht alleine Marie die reine Magd: Aus Gottes ewgem Rat Hat sie ein Kind geboren, Wohl zu der halben Nacht. Weihnachtspredigt für Tiere. Von Ernst W i e che r t. „Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde." Ja, chr wart dabei. Als das Licht der Liebe über die Erde fiel und des Herrn Engel in die Verkündigung trat, wart ihr dabei. Aus dem Dunkel des Stalles wandtet ihr eure großen, sanften Augen nach dem Schrei der Gebärenden und dem strahlenden Ring um ihren Scheitel. Eine Krippe war des Kindes erstes Haus. Bei euch ward es geboren, gekleidet, angebetet. Ueber eurem Dache stand der Stern. Die Menschen hatten keinen Raum, aber ihr hattet Raum, hattet Geduld, Sanftmut, Schweigen. Schon damals. Alt ward ihr. Schon damals. Ewigkeiten schimmerten schon dämme in eurem Blick, die begonnen hatten, als der Mensch noch ein Traum war. Aber als er der Herr der Erde wurde, wart ihr da, schweigsam, geduldig, wie Untertanen da sind, wenn der König kommt. Auch als die Liebe über die Erde fiel, ward ihr da, ward Herberge, Wärme, Nahrung, Gehorsam, Demut. Und ward vergessen, gleich den toten Dingen im Raum, damals wie heute. „Denn euch ist heute der Heiland geboren", sprach der Engel des Herrn. Ihr saht sein Licht, ihr hörtet seinen Segen. Aber „euch, das war der Herr der Erde, der Mensch, deren jeder um diese Stunde ein König der Empfängnis war. „Siehe, ich verkündige euch große Freude! Ihm, nicht euch. Die große Freude vergaß euch, die Erlösung vergaß euch, die ewige Seligkeit vergaß euch. Nur als man nach Bildern für das gottselige Wunder suchte, dachte man an euch, an das Unbeseelte, Schweigende. „Es ist ein Ros entsprungen", sang man. „Ein Lammlein geht und trägt die Schuld", sang man. Aber es gab keinen Himmel für die Blumen, keine goldene Stadt für das Tier. Ihr Vergessenen, ihr Schweigenden und Unerlosten, zu euch will ich sprechen in dieser Weihnachtszeit. Ihr hört mich Nicht. Aber hort das Meer mich, wenn ich an seinem Ufer stehe, ein Erschütterter seiner Ewigkeit? Hört die Blume mich, über die ich beseligt mich beuge? Der Baum, an dessen Rinde ich meine Wange lege? Der Mensch, dessen Hand ich ergreife? Gott, zu dem ich rufe? . . . Wir sprechen nicht um Erhörung. Wir sprechen w,e eine Glocke die der Wind anrührt. Sie bebt und tönt und sie //rigt nicht, ob die Herzen erbeben und tönen, zu denen sie spricht Das Unerhörte ist mehr QlS Ihr Vergessenen, immer ward ihr bei den Heiligen und bei den Kindern, bei Franziskus und in den Märchen. W fangt, als - gf war und Grani Gold trug von der Heide, ihr fangt, ate Gudrun wusch am Meeresstrand, ihr spracht im Haupte Faladas, chr ward die sieben Schwäne und die sieben Raben. Ihr Bruder und Schwestern aus unserer Kinderzeit und der Kinderzeit der Menschen, ich mochte euch bitten, un zu vergeben, was wir euch angetan. Ich mochte euch sov.A Gutes tun um diese Weihnachtszeit. Denn ich bin euer Schuldner für Zeit und ^"Als'ich ein Kind war, hatte ich einen Panich, lebt« in meinem Garten, und der Garten war der Garten Eden 'dem wst als z-r^ Brüder miteinander wohnten. Um die Mittagsstunde lag ch L Rasen und rief nach meinem Bogel. Er kam und blieb> zu meinen Fußen stehen. Er spielte mit meinen Schuhen, meinen Knöpfen me nen Han den. Und dann legte er sich nieder, daß fein L->b Sw,sck)en meinem Arm und meinem Herzen lag und verbarg. feinen Kopf an meiner Brus. Ein leise träumender Laut kam unaufhörlich aus ferner Kehle, unchguch geborgen und glückselig. Meine Hand strich über sein bläuliches Gestever w!« über die Wange eines Kindes. Sein Auge öffnete sich noch zuwe und blickte mich vertrauend an, und dann schliefen wir ein, während die Bienen über, uns summten und der Pirol vom Walde rief. Ja, ich bin sein Schuldner für Zeit und Ewigkeit. Ich bin ein Schuldner jeder Drossel, die am Abend in den Fichten fang, als ich meine ersten Verse schrieb, ein Schuldner jener jungen Schwalbe, die einst auf meiner Schulter saß, als ich zum erstenmal aus dem Kriege kam, ein Schuldner des Pferdes, das mich trug, des Hundes, der mich tröstete, ein Schuldner aller derer, die mich nun in meiner Stille besuchen, von den Meisen vor meinem Fenster bis zu dem Weberknecht, der jeden Abend aus meinem Schreibzeug sitzt und zu meiner schreibenden Hand hinübersieht. Ach, ich möchte euch so viel Gutes tun, ich möchte ein Zauderer fein und an diesem heiligsten Abend durch eure Wohnungen gehen, durch die Tannen des Winterwaldes und die Höhlen der Erde, zu den kalten Nestern, wo das Eichhorn schläft und unter die Rinde der Bäume, wo die Käfer ruhen. Ich möchte euch Futter streuen, und Frieden mit meiner Hand und ich möchte zu euch sprechen können, daß ihr mich versteht. Ja, ich möchte wohl Lichter entzünden auf einem Baum der tiefen Wälder und euch ju mir bitten, ihr Vergessenen. Und ich möchte die Verheißung des Jesasta zu euch sprechen: „Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen, und die Pardel bei eben Böcken liegen. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden an der Weide aehen, daß ihre Jungen beieinander liegen und ein Säugling wird feine Lust haben am Loch der Otter." Das wird sein, wenn der Gottesfriede auf der Erde sein wird, von dem die Weissagungen und Offenbarungen sprechen. „Wartet, ihr meine Brüder!" möchte ich zu euch sprechen unter den Kerzen im Winterwald. „Auch die Stillen unter uns warten des Gottesfriedens. Auch einander Haffen, verfolgen und töten wir. Einmal werden wir des müde fein. Einmal wird der Zauber von uns fallen, das Hart« unferer Augen und Hände, und ihr werdet aufftehen aus euch, wie das Königskind im Märchen aus dem häßlichen Entlein aufsteht. Dann werden wir teilen mit euch, wie Joseph, der Erhöhte, mit feinett Brüdern teilte. Nicht nur die Speis«, nicht nur die Erde, nicht nur das Leid, sondern auch den Himmel, von dem wir träumen. „Ich glaube", sagt Luther, „daß auch die Belserlein und Hündelein in den Himmel kommen und jede Kreatur eine unsterbliche Seele habe." Wartet, ihr meine Vergessenen. „Ich träumte", erzählt die Legende des Orients, „ich träumte, ich sei im Himmel. Da kam ein Fuß herein. „Der Mann", sagte der Engel, -„dem dieser Fuß gehört hat, war bös In allen Singen und ist deshalb jetzt In der Hölle. Mit diesem Fuß aber hat er einmal einem durstigen Kamel den Wasserkübel nähergeschoben!" Wartet, ihr meine Vergessenen, auf den Himmel, in dem ihr euch unserer Füße erbarmen werdet. Bayerische Reiterweihnacht. Von Sofie von Uhde. Copyright 1932 by I. L. A., Wien. Im knisternden Rauhrelf schlummerte der Winterwald. Zuwellen hoppelte ein Häschen über unfern Weg, zuweilen streifte Unsichtbares die Aeste: bann fielen die weißen Kristalle wie himmlische Grüße auf unsere Schultern und auf die Mähnen unserer Tiere. Fünf nickende, schnaubende Pferdeköpse, fünf weihnachtsfrohe Reiterherzen. — Ueber dem schweig end en Wald stand der wegeweisende Stern. Unsere Straße war noch weit. Viele Kilometer hinter fraftflitten Feldern, hinter weihen Hügeln und nächtlichen Wäldern lag die alte Wallfahrtskirche, zu der es uns zog: ein andachtsvolles Reiten durch den Winterwald, eine Huldigung dem Kindlein in mitternächtiger Mette, zwischen Bauern und Bauernblut und bann ein froher Trab nach Hause, das sollte unsere Weihnacht sein. Die Pferde schritten vorsichtig und kräftig aus und wandten rechts und links neugierig die Köpfe an langen Zügeln, um zu sehen, was in diesem Winterwald an stiller Zwiesprache lebte. Zuweilen streifte sie die kalte, fallende Last eines Zweiges, bann schüttelten sie sich und schnaubten. Wir ritten in gläubiger Erwartung. 3n solch schweigendem Glauben waren damals die fremden Könige durch die Nacht geritten, edelsteingeschmückten Zaum in der Zügelhand, güldene Gefäße mit Spezereien an sich gedrückt und die Augen fromm auf den Stern gerichtet, der wegweisend mit ihnen zog. Ruhig Harnll, heute wird nicht getänzelt und gescheut: heute Ist die stille, die heilig« Nacht. Ruhig, mein Freund. Lichter schimmerten awl- chen den alten, knorrigen Stämmen. Vor uns, am Rande des Waldes, taub die Wallfahrtskirche, prunkend im barocken Zierat: aus den erhellten Fenstern fiel ein goldener Schein auf den Schnee und die tiefen, dunklen Wagenspuren des Weges. Vor dem Krug hielten die Schlitten der Bauern, vermummte Rößlein senkten die Nasen in die Futterkrippen, und die Männer traten in den hohen Stiefeln von einem Fuß auf den andern und schlugen die Hände in den Pelzhandschuhen aneinander, um fl» Mf erwärmen. Die Frauen, in sonntäglichen, schwarzwollenen Kopftüchern. (hoben die Kinder, die mit srostroten Bäckchen aus dunklen Kapuzen sahen, über den beglänzten Schnee des Weges in die Helle des geöffneten Kirchentores. Der alte Riederbauer hielt mein Pferd am Zügel, während ich abfa6; jein silberweißes Haar glänzte im Schein der flackernden Schlcktenllchter, auf feiner Weste glänzten die reichen, filbernen Taler, und um ihn standen feine starken, blonden Sohne. In dem Gruß, den er uns bot, war die oute, gottgewollte Achtung vor der Herrschaft; keine Unterwürfigkeit, aber rechter Stolz und schöne Zugehörigkeit waren darinnen, und der Händedruck, bitt mir tauschten, war voll Vertrauen: ich dien dir, und du sorgst für mich, und so wivd's ja auch des Herrgotts Wille fein. Wir führten unsere Pferde in den mächtigen, langgestreckten Stall. Warm schlug der Dunst der schweren, guten Ackergäule uns entgegen, die heute in den schönen, alten, silberplattierten Geschirren vor den bäuerlichen Kutschen gingen; und es stand auch ein Paar leichter, guter Halbblüter dazwischen, Stolz und Reichtum ihres Bauern, der zungen- schnalzend Weib und Kind mit ihnen zur Kirche gefahren hatte, den Hut im Genick vor lauter froher, treu erarbeiteter Wohlhabenheit. Unsere schlanken Vollblüter schauten fremd in diese brave, warme Welt der Ackergäule. Die schwankenden DeUaternen ließen gespensterhafte Schatten über das Steingewölbe huschen, Spinnweben und Fledermäuse hausten unter den schweren Balken; traulich klang das tiefe Schnaufen und das behagliche Mahlen der kauenden Kiefer. Es roch nach Heu, nach rauchenden Laternen und dampfenden Pferdeleibern; von draußen tont noch immer Rufen und Kusenknirfchen ankommender schlitten. Hamil, mein heidnischer Bruder, nun kommt die Stunde, die deine Zunge löst, nun hebt sie an, die heilige Nacht, in der die Tiere untereinander reden und Gott preisen. Sprich auch zu mir: bin ich dir jemals in einer unguten Stunde ein harter oder ungerechter Herr gewesen, so sag es mir und vergib; und bin ich, was ich hoffe, dir ein guter Freund, a denk an mich in dieser Stunde, in der das Licht wiedergeboren wird und die heimlichen Quellen wieder beginnen zu rauschen, — denk an mich in dieser heiligen Stunde, der ihr Erdverbundenen naher seid als wir. — 2Iber Hamil schwieg und sah mich mit den dunklen Tieraugen voller In der Kirche begann die Orgel zu klingen und wir schritten in unseren schweren Reiterstieseln hinauf in unser Gestühl. Was tat das, daß einige von uns Protestanten waren? In dem dämmernden Licht, in dem barocken Goldfchimmer dieses Raumes war Platz für leden Glauben und jede Liebe. . , . . . . Da faßen sie die Alten und die Jungen, vermodert heute M den flandrischen Gräbern, da saßen sie; lauter gute, harte Bauernkopfe, harte i Bauernfäuste vor sich aus den Knien. Der alte Rieder und der Kreuz- s dauer, der Gormer und der Mosevsepp, und der große, schone Reith- j linger von der Marienhalb, der ein paar Jahre In der Fremde gemeßen , war und -beinahe gestorben wäre vor Heimweh nach der bayerischen Ackererde und den bayerischen Bergen. Da saß die krumme alte Christel, ■ die sünszehn Kinder geboren hatte, lauter feste Bauersleute, da saß die - junge Lisbeth von Hofbauern und schielte ganz heimlich nach bem 0(61^= linger hinüber, mit dem sie ging. Und da sahen alle die sachsblonden, rotwangigen Kinder und kämpsten, an die ermahnenden Mutter gelehnt, mit dem Schlafe. Da sah sie, die liebe, vertraute heimatliche Bauernwelt; über ihren andächtig gesenkten Köpfen jubilierten die dicken Stuck-Engelein an Säulen und Altären und neben dem schweren, bäurischen Barock der Kanzel wehten die Kerzen auf den großen Tannen, die der Riederbauer aus seinem Wald gemacht hatte. Eine mittelalterliche Krippe war aufgebaut, Herden und Hirten umringten das göttliche Kind. Ein weißhaariger Greis amtierte vor dem Altar; und es war schön zu sehen, wie er die zitternden Knie und das Haupt beugte vor dem Glanze biefer Geburt: vor dem wiedererstandenen Licht, vor der Aus- erstehung, vor dem Leben. Die Chorknaben fangen, und der Weih- t'aU§n den Wänden ringsum hingen die tausend Opfergaben der vielen Wallfahrer, die jahrein, jahraus hierher ihre Anliegen trugen: die roärhfernen Pferde und Oechslein, die hölzernen Krücken und Hande die silbernen Herzen. — Soviel sinnfällige Bitten, soviel kindlich bargebotene Leiden — ach, Friede, Friede auf Erden, und Menschen und Tieren em tÖoM-qcfaUen! . Standen sie draußen vor dem Tore, die Hirten und die Könige und die lauschenden Herden? Sangen sie über dem Felde, die himmlischen Heerscharen? Aus bäuerlichen Mündern klang es einfach und von Herzen demütig: Ehre sei Gott in der Höhe! Die Orgel brauste bis unter die schwebenden Englern an der Decke, n>eit öffnete sich das schwere Tor. Unb mit schweren Arbeitsschritten, in ihren großen harten Stiefeln schritten die Bauern hinaus; die Frauen erweckten mit fünften, kleinen Stößen die entschlummerten Kinder, die ganz versunken waren in ihre Kopftücher und Kapuzen. Ueber den verschneiten Platz strömten sie hinüber in den Krug, und da gab es noch einen guten, erwärmenden Schluck vor der Heimfahrt und für die Kinder Brezeln und Dörrobst. Wir zagen unsre Pferde aus dem Stall, die uns schon ungeduldig entgegenwieherten: es schien ihnen nun genug des Besuches bei den Vettern vom Lande! Wieder stand der ehrwürdige, weißhaarige Riederbauer und hielt Hamil beim Zügel; er war der Aelteste der Gemeinde, dies Recht lieh er sich nicht nehmen. ,,, , . m „Gesegnete Weihnacht!" — und hinein in den schlafenden Wald. Und Trab — und Trab — „ .. . Fünf nickende, schnaubende Pferdeköpfe, fünf selige Reiterherzen. Hamil, mein Freund — „ . „ „ Ein hohe- Tor, ein verschneiter Park. In geräumiger, warmer tan- lunbuftenber Diel« bampjte der Weihnachtspunsch. Oer Tannenbaum. Bon Kurt Heynick«. Er stand im Wald in herbem Moose Und ward von Sonne und von Wettern satt. Er sehnte sich ins Grenzenlose. Da kam die Axt. So fuhr er in die Stadt. Er stand mit goldnem Fuß auf weißer Decke Und war der schönste in dem engen Raum, Das Lied der Eltern tönte aus der Ecke Und lobte ihn: „D Tannenbaum". Sein Leib war reich besteckt mit Lichtern, Ihm lagen Sterne in dem grünen Haar. Doch schiens, daß rings von den Gesichtern Er sehr bedrückt und einsam war. Doch plötzlich fingen seine Aeste Sich sacht in einem Kinderblick, Und jählings schwanden für ihn alle Gäste, Und selbst die Wände traten still zurück. Es sah ihn an mit lächelnd offnem Munde Und mit verzaubertem Gesicht. Es liebte ihn in dieser Stunde. Sehr zart. Sehr fromm. Berauscht von soviel Licht. Und er bekam des Kindes Herz zu lesen. Daß er für ewig dort zu Hause war. Da schenkte er fein ganzes Wesen. Die Kerzen glänzten wunderbar. Weihnachten in deutscher Prosa. Zusammengestellt von Peter Sixt. „Eines der schönsten Feste feiert die Kirche fast mitten im Winter, wo beinahe die längsten Nächte und kürzesten Tage sind, wo die Sonne am schiefsten gegen unsere Gefilde steht unb Schnee olle Fluren deckt, bas Fest der Weihnacht... In den meisten Gegenden wird schon die Mitter- nachtsstunde des Herrn mit prangender Nachtfeier geheiligt, zu der die Glocken durch die stille, finstere, winterliche Mitternachtsluft laden, zu der die Bewohner mit Lichtern auf dunklen, wohlbekannten Pfaden aus schneeigen Bergen an bereiften Wäldern vorbei unb durch knarrende Obstgärten zu der Kirche eilen, aus der die feierlichen Tone kommen, und die aus der Mitte des in beeiste Bäume gehüllten Dorfes mit den langen beleuchteten Fenstern emporragt. Mit dem Kirchenfest ist auch ein häusliches verbunden. Es hat sich fast in allen christlichen Ländern verbreitet, daß man den Kindern die Ankunst des Christkindleins — auch eines der Kinder, des wunderbarsten, das je auf der Welt war — als ein heiteres, glänzendes, feierliches Ding zeigt, das durch das ganze Leben fortwirkt, unb manchmal noch spät im Alter bei trüben, schwermütigen oder rührenden Erinnerungen gleichsam als Rückblick in die einstige Zeit mit den bunten, schirnrnernoen Fittichen durch den oben, traurigen und ausgeleerten Nochthimmel fliegt. Man pflegt den Kindern die Geschenke zu geben, die bas heilige Christkindlein gebracht hat, um ihnen Freube zu machen. Das tut man gewöhnlich am Heiligenabend, wenn die tiefe Dämmerung eingetreten ist. Man zündet Lichter unb meistens sehr viele an, bie oft mit den kleinen Kerzlein auf den schonen grünen Aesten eines Tannen- aber Fichtenbaumes schweben, der mitten in ber Stube steht. Die Kinder dürfen nicht eher kommen, als bis das Zeichen gegeben wird, daß der heilige Christ zugegen gewesen ist und die Geschenke, die er mitgebracht, hinterlassen hat. Dann geht die Tür auf, und die Kleinen dürfen hinein, und bei dem herrlichen schimmernden Lichkerglonze sehen sie die Dinge auf dem Baume hängen oder auf dem Tische herumgebreitet, die alle Vorstellungen ihrer Ein- bildungskrast weit übertreffen, die sie sich nicht anzurühren getrauen, unb die sie endlich, wenn sie sie bekommen haben, den ganzen Abend m ihren Aermchen Herumtragen unb mit sich ins Bett nehmen. Wenn sie dann zuweilen in ihre Träume hinein bie Glockentöne der Mitternacht hören, durch welche bie Großen in die Kirche zur Anbacht gerufen werden, bann mag es ihnen sein, als zögen jetzt bie Englein durch den Himmel, ober als kehre der heilige Christ nach Hause, welcher nunmehr bei allen Kindern gewesen ist unb jedem von ihnen ein herrliches Ge- schenk hinterbracht hat. — Wenn bann ber folgenbe Tag, ber Christtag, kommt so ist er ihnen so feierlich, wenn sie frühmorgens mit ihren schönsten Kleibern angetan, in ber warmen Stube stehen, wenn der Vater und die Mutter sich zum Kirchgänge schmücken, wenn zu Mittag em feier- liches Mahl ist, ein besseres als an jedem Tag des ganzen Jahres, uno wenn nachmittags oder gegen Abend hin Freunde und Bekannte kommen, au' den Stühlen unb Bänken herumsitzen, miteinander reden und behaglich durch die Fenster in bie Wintergegend hinausschauen können, wo ent- weder die langsamen Flocken nieberfaUen, ober ein trüberober Nebel um bie Berge steht, ober die kalte blutrote Sonne hinabfinkt. An verschiedenen Stellen der Stube, entweder auf einem Stühlchen, ober auf der Bank, ober auf dem Fensterbrettchen, liegen bie zaubrischen, nun aber schon bekannteren unb vertrauteren Geschenke von gestern abenb herum. Hierauf vergeht ber lange Winter, es kömmt der Frühling und der unendlich dauernde Sommer — und wenn die Mutter wieder vom heiligen Christ- erzählt, daß nun bald sein Festtag fein wird und daß er auch diesmal herabkommen werde, ist es ben Kindern, als sei seit fernem letzten Erscheinen eine ewige Zeit vergangen, und als liege bie damalige Äreude in einer weiten, nebelgrauen Ferne. Weil dieses Fest (0 lange nachhält, weil sein Abglanz so hoch in das Alter hinaufreicht so stehen wir so gerne dabei, wenn Kinder dasselbe begehen unb sich oeiruDer freuen.“ (Adalbert Stifter: „Bergkristall .) , ... als ob wir selbst noch irgendwo die Kinder wären, die wir einmal" waren — bie wartenden frohbangen Weihnachtskinder, auf bie die großen Ueberraschungen gufommen wie Engel aus Innen und Außen; wie Kinder, die das Dunkel jener Abende, die dem einen Abend ooran- gingen, fürchteten und liebten; di« fühlten, wie klein in jenen Dezembertogen, die das Fest vorbereiteten, der Kreis der Lampe war und wie immer geheimnisvoller die Stube ringsum sich verlor, so daß man gar nicht sagen konnte, wo ihre Wände waren, und ob man nicht an einem runden Tisch mitten im Wald« saß ... Bis dann das Dunkel sich in Glanz verwandelte, so daß man auch die geringsten Dinge glänzen sah." 1 (Aus einem Brief Rilkes.) » „So war in Not und Nässe Weihnacht gekommen. Der Dauwind schnob durch die Felder, die Dorsgassen taten ihr weites Maul aus, armer Leute Kindern die Schuhe zu verschlingen oder wenigstens ihnen ihre kalte Nässe in dieselben zu gießen (Jeremias Gott Helf: „Der heilige Weihnachtsabend .) „... schon war Weihnacht draußen in der Stadt. Schnee siel, es kam Frost, und in der scharfen, klaren Lust erklangen durch die Straßen die geläufigen oder wehmütigen Melodien der italienischen Drehorgelmänner, die mit ihren Sammetjacken und schwarzen Schnurrbärten zum Feste herbeigekommen waren. In den Schaufenstern prangten die Weih- nachtsausstellungen. Um den hohen gotischen Brunnen auf dem Marktplatze waren die bunten Belustigungen des Weihnachtsmarktes aufgeschlagen. Und wo man ging und stand, atmete man mit dem Dust der zum Kauf gebotenen Tannenbäume das Aroma des Festes «in." (Thomas Mann: „Buddenbrooks".) „... Es war der vierundzwanzigste Dezember, und alle die jungen Damen, welche Pantoffeln und Zigarrentaschen und Polster und Kissen für den Rücken gestickt hatten, — die Seelen der Männer, der jungen und alten, zu fangen, nach dem Wort des Propheten Ezechiel im dreizehnten Kapitel Vers siebzehn und achtzehn, waren fertig mit ihrer Arbeit und erwarteten ihrerseits die Dinge, die da kommen sollten. Es warteten sehr viele Leute — große und kleine — auf kommende gute Dinge. — der Himmel war am Morgen und Mittag so blau, wie man es sich nur wünschen konnte, die Sonne bestrahlt« glitzernd die weihe Weihnachtszeit und färbte sich erst am Nachmittag blutrot, als sie in den aufsteigenden Nebel hinabsank. Es schien, als ob die Sonne es wisse, daß hunderttausend Christbäume auf ihren Niedergang warteten, und es schien, als ob sie gutmütig froh ihren Lauf beschleunigt«. Um fünf Minuten nach vier Uhr war das letzte Stückchen feuriges Gold hinter dem Honzont versunken — der heilige Abend war da, war endlich gekommen, nachdem sich Millionen Kinderherzen solange nach ihm gesehnt hatten. Um suns Uhr läuteten alle Glocken im Lande den morgigen Festtag ein, und die Kuchen waren fertig; es wunde Fried« in der Brust auch der scheuer- eifrigsten Hausfrau. Um sechs Uhr stand >eder festlich geschmückte Tannenbaum in vollem Lichterglanz, und wer noch froh und gluck ich sein konnte, der war es gewißlich in dieser Stunde, inwelchersich das Himmelreich derer, die da sind wie die Kinder, auch den trübsten Blick ■öffnet und das dunkelste Herz hell macht. , (Wilhelm Raabe: „Die Chronik der Sperlingsgasse .) ... Am Weihnachtsabend holte Markmann Littauer drüben bei den Seen 'einen mächtigen Fickstenboschen. Felix war geschickt worden, um ein ganz klein wenig Kunstschnee und um viele Kerzen. Frau Christin« machte aus wenig Dingen und unter primttioen Voraussetzungen etwas wie Weihnachtsgeback. Der Baum stand mb em gemeinsamem Wohnraum, die Menge Kerzen brannte daran und gab ein Licht wie man es in Achtsiedel nicht gewohnt war. Rauh und salsch- tönenb, nur manchmal zu einem ganz reinen Akkord zusammenfindend, fanaen die Männer Weihnachtslieder aus einem zersetzten Kirchenbuch, das^ irgendwie, wahrsechinlich durch Frau Christine eingeschmuggelt war- den war. Und bis zur Mitternacht standen sie ruhelos so herum. Neue Kerzen steckten sie an, und neue Lieder sanden fte. au ber großen Blechschüssel Christines Backwerk, und >ed«r wollte her schma- . cymil pfnxis aaiH ßie-bes f-aaen ... Kalt n>ar 'dle und wind'H. Die paar Sterne di« sich manchmal durch das jagende Gewölk wagten wunden bald wieder zugedeckt... Dann sangen auch sie, so gut es eben geben wollte mit den rauhen Stimmen, das Lied von der stillen Nacht, der heiligen Nacht. Das gleichförmige Brummen im Haus wurde still, als,burcb die Fenster die ersten paar Töne erklangen. Die zwei >^eisch- mann waren von der Tür abgewendet und sahen die anderen nicht herauf "eten Dre" Strophen, soweit sie den Text aus dem Gedächtnis noch wußten, 'angen sie Keiner klatschte Beifall sie «°ren °uch ° zufr.edem So war ihnen das Weihnachten geworden nach der Art der ^'"'(Mis dem Siedlerroman „Achtsiedel" von Josef Martin Bauer.) Um diese Zeit saß in ihrer einsamen Stube neben dem Kochofen, Äte L HSWE zwei gebraut hatte, allein auszuschlurien. Der Teller mit lyrem oe^ nen Nachtmahl war beiseite «"Eut em S^erHo igkuch ä « »mää Äwwa Ss fS*AIÄ »* - Haubenbänder neben ^geröteten Km flocke ^jh^chtsbefcherung".) ..... Weihnachten kam. Wir hatten einen Baum In der Stubeneck« stehen mit weißen Kerzen, und darunter lagen Bücher, die wir uns geschenkt, auch Lebkuchcn, Aepsel und Nüsse. Wir summten: „Still« Nachh heilige Nacht" vor uns hin, brauten einen steifen Punsch und glitten bann auf den Schneeschuhen in die Christnacht hinaus... Sie war klar un> heilig.. ."Von weit her läuteten die Glocken zur Mette. Wir nahmen für eine Vaterunserlänge di« Kappe ab und beugten uns über di« Skistöcke und feierten den Mythos der göttlichen Geburt. Dann stiegen wir wieder zu dem Hof hinauf und sprachen leise und innig noch einmal aus der Ofenbank unser ganzes Leben durch bis zum Morgengrauen... Ein« milde Trauer zog durch unser Gemüt, weihnachtlichem Duft entströmt und der Gebundenheit kindlicher Erlebnisse an dieses Fest." (Hermann Eris Busse: „Peter Brunnkant".) * „... Er war ausgestanden und hatte einen Fensterflügel aufgestohenr der Wind sauste; unter den Sternen vorüber jagten die Wolken; dorthin, wo in unsichtbarer Ferne ihre Heimat lag. Er legte fest den Arm um sein« Frau, die ihm schweigend gefolgt war; seine lichtblauen Augen lugten scharf in die Nacht hinaus. „Dort!" sprach er leise... Und er griff di« Hand seines Kindes und preßte fi« so fest, daß der Junge di« Zähn« zulsammenbiß. Noch lange standen sie und blickten dem dunklen Zug der Wolken nach Hinter ihnen im Zimmer ging lautlos die alte Maad umher und hütet» sorgsamen Auges die allmählich niederbrennenden Weihnachtskerzen.. * (Theodor Storm: „Unter dem Tannenbaum".) Heilige Nacht. Volksweise. Zu Bethlehem waren einst Hirten zur Nacht, Die hüteten dort ihre Herde, Da sah'n sie den Himmel in glänzender Pracht, Und Engel stiegen zur Erde. Der himmlischen Scharen sroher Gesang Bei Bethlehem auf der Flur erklang: Ehr« sei Gott in der Höhe! Der Engel des Herrn zu den Hirten spricht: „Der Heiland ist heute geboren! 6 freuet euch, Menschen, und fürchtet euch nicht, Gott hat ihn euch selber erkoren. Nun eilet alle nach Bethlehem hin, Zu sehen das Kind mit liebendem Sinn: Friede, Friede auf Erden!" 3um Stalle eilten bi« Hirten nun, Zu sehen das göttliche Kind. Sie sinden's in einer Krippe ruhn, So lieb und freundlich gesinnt. Ihr Herze entbrennt, als das Kindlein sie sehn, Was ist doch in dieser Nacht aeschehn? Den Menschen ein Wohlgefallen! Das Kindlein, wisset, heißt Jesus Christ, Das hat uns gar Schones gebracht. Die Nacht das liebe Weihnachtsfest ist, — Das hat uns bas Christkind gemacht. O Christkind, wie bist du so himmlisch gut! Ach, was es doch an uns Menschen tut: Es hat uns den Himmel erschlossen! Ewige Weihnacht. Erzählung von Karl Neurath. Es begab sich, daß ein Gebot ausging von den neuen Machthabern, alle Welt müsse geschätzet werden. Du waren aber viel« unter den jungen Bauern, die wollten keine Kriegsdienste tun für die roten Teufel, die Elend über das Land und die Menschen gebracht hatten, und sie schlossen sich zusammen und kamen überein, in die Steppe zu gehen oder in die Taiga, den unermeßlichen Wald im Osten, um sich dort vor den Haschern zu verbergen. Unter ihnen war auch ein Mann, der hieß Jewgenis Pawlowitsch, ein schlichter Zimmermann, aber fleißig und redlich wie einer. Er war unlängst getraut worden mit Arina, der Tochter eines kleinen Bauern, und sie hingen mit großer Liebe aneinander. Die Frau war guter Hoffnung, aber dennoch beschwor sie ihren Mann solang, bis er einmiUigie, sie mitzunehmen auf die Flucht. Des waren die anderen unwillig, denn sie befürchteten, daß das Weib sie aufhalte auf ihren Wegen und ihnen gefährlich wäre. Sie redeten ein aus ekrogemj, ft« bei Den Eltern zu lassen, aber er wollte sein Wort nicht brechen und beharrte aus seinem Vorsatz. Aber ba er lieber allein in der Wildnis sein wollte als mit unzufriedenen Kameraden, beriet er sich mit Arina, seinem Weibe, und sie kamen überein, ohne die anderen und ganz für sich allein ihr Heil in den Wäldern zu versuchen. Und er machte sich auf, da es Abend war, rüstete heimlich seinen Esel der sonst die gefällten Stämme zu Tal brachte, — die beiden munteren Pferdchen, die früher diesen Dienst getan, hatte er an die Sowjets austiefern müssen — setzte sein Weid darauf und verschwand mit ihr in der Nacht. ...... .. . . Stunde um Stunde zogen sie dahin und waren fröhlich miteinander, denn di« Wege lagen hell im Mondschein, und die Sterne glitzerten freundlich und gesellig vom blauen Himmel. Ader allmählich wurde Arina chweigsamer. Sie kannte die Gegend nicht mehr, und auch Jewgenis hielt oft den Schritt an und fragte sich wohin er ihn wenden solle. Das Eselein aber griff wacker aus, und er stapfte treulich neben ihm her, streichelte ihm manchmal sein« dampfenden Nüstern oder fein prustendes Maul gab auch Arina, seinem Weibe, hin und wieder ein gutes Wort, unb redete sich immer erneut Mut und ©ottoertrauen ein. Arina, die seit früher Jugend bas Reiten gewohnt war, hatte ichon toft itn Saktel geschloßen, und so war sie auch setzt friedlich eingenickt. Der bieder« Jewgenis aber trottete sorgenvoll dahin, denn soweit er schauen konnte, war nichts als die unermeßliche Shene und der schimmernde Rand des Himmels. , Und ihn ergriff die Einsamkeit der Nacht und die Stille der Welt. Die weiße Ferne versank vor seinen Blicken, er sah nur noch die^unkeln- den Sterne über seinem Haupte und er faltete-die Hände vor seiner Brust und ging in seliger Entrücktheit dahin, ohne noch des Weges zu gedenken. Plötzlich blieb Miuschka, das Eselchen, stehen, wedelle mit dem Schwanz, wabbelte mit den Ohren und ließ dann den Kopf hängen, als ob es einfchlafen wolle. Jewgenis gab ihm gute Worte, aber es blieb lautlos stehen, und war durch nichts zu bewegen, weiter zu gehen. Es lief da aber in Sommerzeiten ein Wäfferlein über den Weg. Jetzt war es gefroren und das Eis bedeckte ein weites Stück Land. Jewgenis hob feine Augen, und im Dämmer des Morgens sah er einen Dornbusch am Wege und dahinter eine kleine Hütte, wie die Fischer sie bauen, wenn sie für ein paar Tage auf Fang in die Wildnis kommen: drei Wände und «in Dach darüber, ein paar Feldsteine als Herd und ein weiches Lager. Jewgenis besah sich den freundlichen Platz, schätzte, daß er ein gutes Lager ab gebe, und zog das wackere Eselein unter das Dach. Da war nun eine hübsche Reisigschütt«, dicht mit Moos und Blättern gepolstert, weich und behaglich zu liegen, und es waren allerlei Gerätschaften da, um das Eis zu brechen, Fische zu fangen und ein warmes Essen zu bereiten. Fröhlichen Herzens wollte er Arina wecken, aber die war schon wach geworden, sah sich verschlafenen Auges um, ließ sich aus dem Sattel heben und legte sich ohne ein weiteres Wort aus die duftende Streu. Jewgenis sah ihr verwundert zu, stellte den Topf, in dem er den Tee hatte ansetzen wollen, wieder zur Seite, und kroch neben sie auf das Lager. Das Eselein aber, mit seiner Herrin lest feinem ersten Lebenstag innig vertraut, legte sich dicht neben sie und spendete ihr von der Wärme seines Leibes. So schliefen sie unter Jewgenijs Mantel, der mit schönem weichen Schafpelz gefüttert war, selbdritt in den Tag hinein. Arina war die erfte, die erwachte. Sie hatte im Schlaf ein helles Zippen vernommen, und wie sie nun die Augen aufschlug und verwundert um sich blickte, sah sie einen Flug Meisen, der vor der offenen Wand des Schuppens in den Zweigen spielte. Ein kleines Lächeln huschte > über ihr Gesicht, und ihr Herz wurde wieder froh. Hurtig weckte sie Jewgenis auf, hieß ihn das Eis aufschlagen, Wasser holen und den Tee bereiten, während sie Aeste und Zweige schichtete und ein Feuerchen ent- zündete. Luftig leckten die Flämmchen um den rußigen B.echnapf, Arina : holte ihr Bündel hervor, packte Brot und Käse aus, und da sie für das j Eselein nicht besonders gesorgt hatten, teilten sie ihren Vorrat redlich : mit ihm. Jewgenis fand das Plätzchen behaglich und sicher, Arina aber wollte ' nichts davon wissen, so nahe bei ihrer Wohnung zu bleiben, und trieb zum Aufbruch. Ohne Eile gehorchte Jewgenis Pawlowitsch, denn sein Vater hatte ihn gelehrt, daß man den Weibern nicht allzu bereitwillig folgen dürfe, und als auch Miuschka nach langem Zureden endlich auf die Beine gesprungen war, machten sie sich wieder auf den Weg und zogen eilends davon. Arina schritt tüchtig aus, aber bei jedem Tritt kam sie «ine Furcht an, wenn sie den Blick in die weihe Unendlichkeit schweifen ließ, und sie trug schwer an ihrer Hoffnung. Jewgenis bahnte den Weg und wanderte mit einem leisen Lied auf den Lippen frohgemut dahin. So aller Arbeit ledig war «r kaum einmal gewesen in feinem Leben, und er gedachte der Sfeorte des Popen, daß der Herr sorge für alle, die guten Willens seien, und verachtete Michail Michajlowitsch, der den roten Teufeln verfallen war und den Angeber machte, von Herzen. Und lachte, wie er erwog, was der nun für ein Gesicht mache, da er Jewgenis Pawlowitsch nicht fand. Aber ein Tag ist lang, viel länger als man am Morgen denkt, murrte er mit einem Male, denn sie trafen weder ein Dorf noch ein Gehöft, noch eine andere menschliche Behausung auf ihrem Weg«: nicht einmal eine Hütt« oder eine Feime fanden sie zum Unterschlupf. Arina redete ihm zu, tat, als wäre fi« selber guter Dinge, und verhehlte ihre Schmerzen. Und wenn er rasten wollte und sich liebevoll um sie kümmerte, daß sie sich nicht zu viel zumute, dann strich sie ihm über das Haar, bih die Lippen zusammen und lächelte ihm zu. Und der Tag verging und der Abend kam, aber sie hatten kein Obdach gefunden. Und es kam die Nacht, streute ihr« Sterne wie einen Saatwurf über den blauen Himmel und hüllte sie beide ein in ihr Geheimnis. Arina blieb ergriffen stehen. Sie legte die Linke auf das Herz, faßte mit der Rechten nach Jewgenijs Hand und wies mit leuchtenden Augen empor. Und er folgte ihrem Blick und verstand sie. Arina stand lange still, dann zeigte sie ihm eines der glitzernden Gestirne und vertraute ihm, daß das ihr Stern sei. Jewgenij lächelt« gutmütig, denn er verstand nichts von den Sternen und wußte auch nichts davon, daß jeder Mensch einen Stern habe. Arina wuirderte sich sehr, und belehrte ihn. daß jeder Mensch seinen Stern habe, und daß das fein Schutzengel sei. Davon hatte Jewgenij nun auch gehört, aber er war ein Mann und gab nicht viel auf Weibergered. Und in Moskau hatte man ja auch den Herrgott abgefetzt und alle Heiligen dazu. Ob die nicht auch an die Schutzengel gedacht hätten? Aber wie nun Arina bös wurde, ihn einen roten Heiden nannte und einen Knecht des Teufels, da erfrbrot er vor ihrem Zorn und beteuerte, alles zu glauben, was sie jage. Gedankenvoll schritt er hinter dem Esel her. So tarnen sie an einen Kreuzweg. Jewgenij wollte den zur Rechten einschlagen, denn er schien der bequemere, aber Arina begehrte den zur Linken zu wählen, beim er führte auf ihren Stern zu. Und so wählten sie trotz Jewgenijs Bedenken ben zur Linken Er führte steil auf einen Berg hinauf, und sie mußten oft stehen bleiben, um Atem zu holen. Jewgenij wollte umkehren, sie aber beharrbe auf ihrem Willen und klomm ungebeugt bergauf. Als erste erreichte fle die Höhe, und sie reckte sich hoch, warf die Arm« empor und stieß einen Hellen Jubelschrei aus. Vor ihr tag ein Dorf, bas mit hundert Lichtern freundlich aus der Dunkelheit leuchtete und ihnen glückliche Einkehr verhieß. Jewgenij umarmte sie lachend, und sie drückte ihn an ihr Herz, bewegt von seiner Freude und befeligt, daß sie nun wußte, daß sie ein Lager habe in dieser Nacht. Plötzlich fiel ihr ein, daß cs heiliger Wend wär«, un_> sie kniete nieder i>m Schnee und sprach ein Gebet. Jewgenij stand «inen Augenblick betreten, neigte bann ebenfalls die Knie und faltete die Hände. Arina fühlte, daß ihr« Stunde gekommen war aber sie wollte ihren Mann nicht verstören, schwieg ihre Sorgen in sich hinein, und schritt wieder tapfer dahin. Er rodete ihr zu, das Eselein zu besteigen, aber sie wollte es nicht. So schien es ihr besser. Aber endlich ging es nicht mehr. Vielleicht war es ein Stein, vielleicht war es ein« Schwäche; sie tat einen ungeschickten Schritt, stolperte, und sank tn den Schnee. Jewgenij hob sie sofort auf, sie lachte ihn an und stand wieder ganz sicher. Er aber schalt sie und hob sie trotz ihrer Gegenwehr in den Sattel, obwohl es auch dem Eselein gar nicht zu behagen schien. Spät in der Nacht tarnen sie in das Dorf und fragten sich nach einem Gasthaus. Doch nirgends war mehr «in Platz, denn es war Weihnachtsmarkt, und viele Händler waren herbeigekommen und hatten sich ein- genistet. So waren sie frohs als ein alter Bauer, gerührt von der Schönheit der jungen Frau und ihrem blassen Aussehen, herantrat, und ihnen feinen Stall anbot, denn auch fein Haus war voller Gäste, weil [eine Tochter ihre Hochzeit feiern tboUte. Da sie in den Stall tarnen, war da Heu und Stroh die Menge, sonst aber war er leer, denn der Bauer hatte sein Bi>eh an di« Händler verkauft, und die trieben es sogleich «davon, da die Streifen der Sowjets bas Land unsicher machten. Jewgenij erschrak sehr, aber der Alte beruhigte ihn. Die Grenze sei nah, und eh' di« Aufgreifer kämen, hätte man längst Nachricht. Dieses Trostes voll, richtete Jewgenij feinem Weibe das Lager und bettete sie sorgsam, damit fie weich und angenehm ruhe. Auch dem Eselein gab er eine Streu, füllte die Krippe mit guter Kleie und legte sich dann friedlich zur Ruh. Da war es ihm plötzlich, als spräche ein« Stimme zu ihm, und,mie er die Augen aufschlug, war eine große Helligkeit um ihn, denn der Mond war aufgegangen und warf fein Licht in den Stall. Arina aber lag mitten in dem Glanz, und Jewgenij wunderte sich wie schön sie war. Und es kam ihn der Wunsch an, ihren ruhig atmenden Mund zu küssen, aber da öffnete fi< die Lider und sagte ihm, daß ihre Stund« nah sei. Und er lief und weckte die Knechte und die Mägde, wie ihm der Bauer gesagt hatte, hieß sie Tücher herbei tragen und Decken, und machte ein starkes Geschrei. Wie fie aber zu «dem Stall kamen, da hielt Arina schon ihr Kind im Arm, und es war ein Sohn, und sie hatte ihn in ihren Mantel gewickelt und an ihrem Herzen geborgen. Da wunderten sich die Leute, die mit Jewgenij gekommen waren, und sie schoben sich heran, das Kindlein zu schauen, und ihre Herzen wurden gerührt von seiner Holdseligkeit.. In scheuem Schweigen standen sie ba, starrten ergriffenen Herzens das zart« Gebilde an, und neigten sich andachtsvoll. Der alte Bauer aber, der nicht nur ein frommer, sondern auch ein rechtschaffener Mann war, tarn heran mit allerlei Geschenken, und da er das verklärte Weihnachtswunder sah, faltete er in Ehrfurcht die Hände zum Gebet und sprach: Ehre fei Gott in ber Höh«, Friede auf Erden, und den Menschen «in Wohlgefallen. Einen Augenblick war es ganz still, und es schien ihnen, als wäre die Nacht von Bethlehem wiedergekehrt. Und sie verharrten in Demut und blickten voll frommer Andacht auf das Kind und die lächelnde Mutter. Da aber der Mond weiter wanderte, und durch die Fenster des Stalles nur noch ein dürftiges Licht fiel, wich die Befangenheit von ihnen, und sie gingen, Laternen zu holen und Fackeln, und kamen wieder und brachten mancherlei Angebinde, ein jeder nach seinem Vermögen. Auch von den persischen Kaufleuten kamen etliche, und sie spendeten aus ihren Vorräten Tücher und bunte Stoffe, Lammfelle und feines Linnen, und Arina sah, wie die Schätze sich häuften, urtb fie «dankte Gott mit glücklichem Herzen. Jewgenij stand dabei und war bedrückten Gemütes. Er sah bas Weib und sah bas Kind, das sie in die Krippe gelegt hatten, forscht« in feinen Zügen und konnte bas Wunder nicht fassen. Ehrfurcht ergriff ihn vor dem Dasein, und er pries die absonderlichen Wege des Herrn in stillem Gebet. Noch tief in der Nacht, als sie längst allein waren, und Arina friedlich schlief, bewegt« er die bedrängenden Gedanken in feinem Herzen. Und er hotte die Laterne vom Nagel, leuchtete dem Kindchen ins Gesicht, sah die Zartheit der rosigen Haut, sah die kleinen Fäuste, die es an seinen Mund drückte, di« feinen Fingerchen und die winzigen । Nägelchen daran, und wunderte sich von ganzem Herzen. Wie konnte Michail Michajlowitsch, der Verräter, sagen, daß es keinen Gott gebe, wo er sich in solchen Wundem offenbarte, und wie durfte er, ein bummer Bauer, im Angesicht dieses Geschehens an den ' Sternen zweifeln, die sie hierher geleitet hatten? Bon Stunde an hatte er keine Ruhe mehr In feinen Gedanken, und immer wieder mußte er fein Weib anschauen und das Kind, das das feine war, und er träumt« davon, daß auch es einmal ein großer und weiser Mann werden müsse, , wie jener andere... I Da riß ihn «ine schlimme Botschaft aus seiner Versunkenheit. Die roten Strelfscharen rückten heran, di« Würgengel von Moskau... Und In der Nacht, da alle schliefen, zog er den Esel aus dem Stall, setzte sein Weib darauf und sein Kind und entwich, von dem alten Bauern auf sicheren Wegen geführt, heimlich über die Grenze und in ein anderes Land... Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche UniverjitätS-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.