SietzenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang <952 ZreitagV den 25. September Nummer 7^ Gottes Schattenspiel. Von Will Scheller. Mensch, das Haupt in müde Hand Stützend, sinkt in sachte Träume. Durch das Fenster an die Wand Ziehn die Schatten grüner Bäume. Grüner Bäume Blätterfall Schmückt ein glänzendes Geschmeide: Sonnengold — und überall Wird die Welt zur Augenweide. Augenweide wird die Welt, Wo des Himmels Licht sie findet; Menschenderz, von ihm erhellt. Ahnt den Geist, der überwindet. Ueberwinder wird zum Kind, Wenn die Stunden tiefer werden: Alle schönen Dinge sind Gottes Schattenspiel auf Erden. Unsterblichkeit. Eine Erinnerung aus den Seplembertagen 1862. Von Hermann Dreyhaus. In der lebhaften Unterhaltung Kaiser Napoleons mit Bismarck war eine Pause eingetreten. Es schien, als wollten beide sich deren Ergebnis vergegenwärtigen, ein Ergebnis, das jeder auf einem andern Gebiet sah: Bismarck in der Lockung Napoleons nach einem französisch-preußischen Bündnis gegen Oesterreich, Napoleon in der Absicht, den Ehrgeiz seines Gastes so angestachelt zu haben, daß er sich seinem letzten Plan zugänglich erwtes. Hochsommerschwüle lag über dem Raum der Villa, in dem Napoleon sich mit dem preußischen Gesandten an seinem Hofe unterhielt, obwohl die Fenster weit geöffnet waren, um die Meeresküste der Biskaya einzulassen. Die Biskaya hatte jedoch ein« ihrer seltsamen Launen: sie betrug sich gegen ihre Gewohnheit wie ein Lamm, ihre eigene Kraft schien erloschen. Napoleon blickte durch den Schleier seiner Augen unverwandt auf die kraftvolle Gestalt des Preußen. Seine Witterung sah in ihm eine Möglichkeit, die Frankreich Ruhm bringen könnte. „Und überdies", nahm er die Unterhaltung wieder auf, „ein Zeichen meines besonderen Vertrauens zu Ihnen: Habsburg habe ich in der Hand. Wenn Sie die Ministerpräsidentschaft in Preußen übernehmen wollten, dürften Sie eines großen außenpolitischen Erfolges sicher sein —" Bismarck fuhr aus seinen Gedanken auf. Es war wichtig, auf alle Falle Zusicherungen des Kaisers über Oesterreich zu besitzen, mochte er selbst auch über das preußisch-österreichische Verhältnis andere Absichten hegen. Allein, was bedeutete die plötzliche Wendung des Gespräches aus dem Politischen ins Persönliche? Napoleon lächelte: „Sie sind erstaunt?! Nun, ich weiß, Sie wollen kliinisterpräsident werden. Bitte keine Beschönigung! Sie werden es!' Bismarck lenkte ein. Hier galt es, etwas zu erfahren. „Fragt sich nur. Wann, Sire!" _. .... .. „Sehen Sie, schon begreifen Sie mich. Im Vertrauen, oi*e «nutzen die 5taatssührung übernehmen, sonst geht Ihr Staat zugrunde, oie aber werden ihn retten, Sie allein —" , , _ „Warum allein ich?" Das graue Auge Napoleons flammte auf Das mgen Sie mich? Das Parlament ist widersetzlich, es weigert die lebensnotwendigen Mittel — was bleibt da einer verantwortungsbewußten Re- lierung anders übrig als zu handeln? Sie find der Mann des Han- __u _ Napoleon stand auf, Bismarck erhob sich gleichfalls. Die untersetzte Gestalt des Kaisers wirkte unscheinbar gegen den preußischen Hünen, beider Blicke maßen sich. Wie Bewunderung klang es von dem Munde v.es Kaisers: „Gott, wenn ich über soviel Gesundheit und Tatkraft ver- *'9te wie Sie, dann wüßte ich, was ich täte. Ein Griff in btc Unfterbli^' 5>t wäre das Mindeste. Herr von Bismarck, das Schicksal reicht ihnen di« Danb. Greifen Sie zu! — Ein Parlament ist doch wahrhaft kein Gegner —" ., .... Um Bismarcks Mundwinkel zuckte es. „Das Parlamen gewiß nicht! 'llein in Preußen regiert ein verfassungstreuer König! sagte er stark »Herr von Bismarck, das Schicksal der Nation reicht Ihnen die Hand! Blicken Sie in die Geschichte, ob das nach Königen fragt!" Eine Blutwelle durchlief Bismarcks Gehirn. Was wühlte der Kaiser in ihm auf? Vielleicht war es gut, ihn weiter reden zu lassen. Doch schien er sein« Pfeile verschossen zu haben. Leichthin beendete er die Unterhaltung: „Eine geschichtliche Betrachtung von mir, nichts weiter! Aber Sie sehen, wie außerordentlich mir Ihr Glück am Herzen liegt. Vielleicht bedeuten wir beide noch einmal das Gluck unserer Völker. Wir sehen uns wieder." Bald nach der Unterhaltung mit dem Kaiser eilte Bismarck in die Einsamkeit des Meeresstrandes. Zuinnerst hatten ihn die Worte aufgeregt. So merkte er kaum, wie der Himmel sich verfinsterte. Erst als Blitz und Donner die Landschaft erbeben machten, suchte er unter einer Klippe Schutz. Die Natur raste. Welches Bild hatte ihm der Kaiser vorgegaukelt? Wohin jagten seine Gedanken? Niemals war ihm die Frage gekommen: er oder der König, ihm allein die Macht oder Verzicht — das entsprach nicht preußischer Tradition, so durfte sich das Problem nicht zuspitzen. — Der Regen schlug, untermischt mit Hagel, der Ozean brandete gegen die Küste, die Flut stieg höher als gewöhnlich. Bismarck kletterte aus den Felsen. Da stand er in dem tosenden Element, und war doch gesichert. Dieses Symbol: gesichert auf einem Felsen in der Flut. — * Hochspannung über Berlin. Die Frag«, ob Parlament oder König, schien vor der Entscheidung zu stehen. Noch wenige Tage und das Abgeordnetenhaus würde alle Ausgaben für die Heeresreform verweigern und damit der Krone seinen Willen aufzwingen. Ingrimmig ging der Knegsminister von Roon in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Er war sich bewußt, die Entscheidung herbeigeführt zu haben. Er war aber auch entschlossen, sie durchzukämpfen, wenn ... dieses Wenn ... immerzu verfolgte es ihn. Entschlossen zu kämpfen, wenn —■ einer neben ihm stand. Allein sah er sich dem parlamentarischen Getriebe zur Not gewachsen, aber diese liberalen Einflüsse bei Hof ... darauf verstand er sich nicht. Die würden ihn zu Fall bringen, ehe er begonnen hatte. Schon zeigte sich der König wieder wankelmütig. Ausgerechnet in diesem Augenblicke, wo er die Dinge auf die Spitze getrieben, denkt er daran- zugunsten seines liberalen Sohnes abzudanken! Dieser Schritt wäre eine Niederlage der Krone! Das ertrug er nicht. Mit solchem Erbe durfte kein künftiger preußischer König belastet werden. — Soweit mar er mit seinem Denken gekommen, soweit und bis zu dem Mann«, den er in fieberhafter Ungeduld erwartete. Endlich meldete die Ordonnanz den Gesandten in Paris, Herrn von Bismarck. In fliegender Eile begrüßten sich die Freunde. Dann brach Roon los: Keine Bedingungen gibt es mehr, lieber Bismarck, Sie müssen annehmen. Und Sie müssen noch mehr: Sie müssen vom König alles für den Endkampf verlangen, alles. — Heute oder morgen kann di« Entscheidung über uns kommen. Da heißt es, bereit fein! Das Heer steht zu uns, Kompromisse gibt es nicht mehr, es muß gefochten werden." Bismarck blickte verwundert auf den Freund. Auch der: Alles müssen Sie verlangen!" Wohin hatte der preußische Geist sich verirrt? Besorgt fragte er: „Und der König?" Roons Gesicht verfinsterte sich. „Der König", sagte er kleinlaut, „will abdanken!" Und dann in seiner Kampfeslust sich wiederfindend: „Das darf er nicht! Bismarck, nötigenfalls müssen Sie ihn zwingen zu bleiben! Sie sind gegen die höfischen Intriguen gewappnet, Sie sind Diplomat. Der König muß sich Ihnen völlig anvertrauen. Für das Heer bürge ich. Führen Sie, und wir bringen Preußen wieder in Ordnung!" „Ist di« Lage wirklich so ernst?" „Sie machen sich keinen Begriff davon. Ein paar Tage noch, dann heißt es entweder — oder. Das Abgeordnetenhaus ist zum Aeußerften entschlossen. Darüber gibt es keinen Zweifel." „Und der Kronprinz? Er hat mich zu morgen früh gebeten!" „Vor der Audienz beim König? Das bedeutet nichts Gutes!" In Babelsberg die Spannung wie in Berlin. Grauer Septembertag. Grau der Himmel, müde der Park, grau die Havel. Die Königin hält es in ihren Gemächern nicht aus. Sie muß mit ihrem Gemahl sprechen. Sie kann nicht einsehen, warum es einen Verlust an Ansehen bedeutet, wenn der König einmal nachgibt. In dem parla- tarischen System, das doch nicht mehr auszuhalten sei, würde überhaupt nicht mehr di« Macht entscheiden, sondern die Klugheit, die höhere Einsicht, gleichviel von wem sie komme. Die Königin fand ihren Gemahl in Gedanken versunken an seinem Schreibtisch. Eine Wolke des Unmutes lagerte über seiner Stirn. „Bismarck ist seit gestern im Lande", begann sie. „Ich weiß", erwiderte einsilbig der König. „Wirst du ihn berufen?" „Wenn er mir noch Gelegenheit dazu gibt." „Was heißt das?" „Er weilt in dieser Stunde bei Fritz' Bei dem zukünftigen König!" „Noch bist du König!" ' „Noch. Aber du siehst, Bismarck ist vorsichtig. Ehe er zu mir kommt, versichert er sich auch meines Nachfolgers!" „Abscheulich!" „Nur klug, meine Liebel" * Lange hatte die Besprechung König Wilhelms mit Bismarck gedauert. Im Schloß Babelsberg war man sich der Bedeutung des Augenblicks bewußt. Deshalb hingen aller Augen an der Ausgangstur des Schloßes. Man hoffte, in den Zügen Bismarcks das Ergebnis lesen zu können, wenn er zu seinem Wagen ging. . Da geschah das Unerwartete, Man sah den König und Bismarck vom Schloß zum Dark hinschreiten, beide in lebhaftem, ernstem Gespräch. Der König trug ein Schriftstück in der Hand. Bismarck nahm es, warf einen Blick hinein und behielt es. Lebhaft begann er: „Nein, Euer Majestät, die Frage der Partei spielt keine Rolle mehr, Wenn ich die Ehre haben soll, Euer Majestät Regierung vorzustehen, handelt es sich für mich nicht um konservativ oder liberal, sondern um Königliches Regiment oder Parlamentsherrschast. — _ , , . „ . Bismarck zögerte einen Augenblick. Was sagte er da? War das ein Widerhall aus der Villa in Biarritz, aus Roons Arbeitszimmer? Aber es zwang ihn fortzufahren: „... die Parlamentsherrschaft muß unter allen Umständen vermieden werden, nötigenfalls durch Diktatur. Der König zuckte zusammen. Das klang nicht nach Uebereinstimmung mit seinem liberalen Sohne Fritz, aber es weckte doch die Sorgen seiner Gemahlin zugleich: dieser Mann war gefährlicher als alle Parlamente. Seine Wege endeten sicher am Fallbeil. Bismarck fühlte das Gewicht des Augenblicks. Unwillkürlich hielten beide ihren Schritt an, sie standen sich Auge in Auge gegenüber. Bismarck empfand des Königs Suchen. Wie eine Befreiung kam es über ihn, der Versucher entwich, Treue, nichts als Mannestreue zu feinem Herrn erfüllte fein Herz, aller Ehrgeiz entschwand. Aus der Tiefe feiner Brust klang es rein und voll: „Euer Ma,e- ftät werden mir erlauben, meine Meinung stets offen zu entwickeln. Aber wenn Sie auf der Ihrigen beharren, dann will ich lieber mit meinem König untergehen als Eure Majestät im Kamps mit der Parlamentsherr- schafi im Stiche zu laßen." Die Augen der beiden Männer hatten sich noch nicht gelost. Stumm reichte der König Bismarck die Hand. Ein Kraftgefühl strömte von dem einen zum andern. Der König zerriß das Schriftstück. Er brauchte es Nicht mehr. Es sollte den künftigen Minister auf eine bestimmte politische Linie festlegen. Nun aber hatte er einen Menschen gefunden, der sich ihm zu unwandelbarer Treue verpflichtete. Das bedeutete mehr als ein Regierungssystem. „ ,, . .... Abermals nahm Bismarck die Unterhaltung auf. „Euer Maiestat mögen nunmehr über mich befinden, wie Sie wollen, ob als Ministerpräsident oder als Minister ohne Portefeuille. Ich bin bereit, da zu kämpfen, wohin Euer Majestät mich stellen." Dankbar lächelte der König ihm zu. Seine Vermutungen über Bismarcks Machtstreben waren ebenso unbegründet wie die Besorgnisse seiner Gemahlin vor dem blutheischenden reaktionären Junker. Wer so sprach, dachte nur an König und Vaterland. Ganz gegen seine Gewohnheit erklärte er mit einem Anflug von Humor: „Herr von Bismarck, ich kann Sie nur als Ministerpräsident gebrauchen. Sie müßen an der Spitze meiner Regierung kämpfen, nicht anders! Noch heute sollen Sie ernannt werden." Bismarcks Augen leuchteten. Der Fels von Biarritz in tosender Flut trat vor seine Seele. Solch ein König war ein Fels, wo einem das feindliche Element nichts anhaben konnte. Wie zum Schwur reichten sich beide Männer noch einmal die Hand. „Mit einem König vorwärts!" rief Bismarck bewegt. „Will's Gott, zur Unsterblichkeit!" antwortete der König. Erhobenen Hauptes schritten sie dem Schlosse zu. reien, Fischerhütten und Klausnereien, in denen die Schuler der Hohen Karlsschule und die Schülerinnen der „Ecole des Demoiselles , bald Götter und Göttinnen, bald Fischer und Hirten darstellten und die Gaste mit Gedichten, Gesängen und Tänzen begrüßten. Auch in der „Akademie" mußten die Karlsschuler vor den fremden Fürstlichkeiten in ihren Gala-Uniformen mit den falschen Zöpfen para- frieren. In all dem Jubel und Festglanze ging einer still und gedankenvoll umher, Schwabens größter Sohn, der Dichter der „Räuber , Friedrich Mit gärendem Blut hatte der gegen seine Neigung zum Studium d-r Medizin gezwungene Zögling der Karls-Akademie in scheuer Heimlichkeit {ein Räuberstück geschrieben. Als Regimentsfeldscher hatte er es vollendet und heimlich der ersten Ausführung in Mannheim am 13. Januar 1782 beigewohnt. Die „Räuber" trugen seinen Namen und Ruhm durch die Welt — nur einer wollte nicht an seinen Dichterberuf glauben und dieser eine war der Herzog Karl Eugen von Württemberg. Er ließ den Reg. mentsmedikus Schiller zu sich kommen und verlangte von chm, daß er alles, was er außer medizinischen Sachen fortan schriebe, ihm zur Durch sicht und Zensur vorlege. Außerdem verbot er ihm ieden Verkehr mit frem Auslande". Als der Dichter sich nicht fügte, auch nicht fugen konnte, wollte er nicht geistig und seelisch verkrüppeln, fuhr der Herzog ihn,an: ,Dch sage, bei Strafe der Kassation schreibt Er keine Komödien mehr! _ Doch Schiller trotzte dem Zorn seines Fürsten und ging Ende Mn 3wn zweiten Male heimlich „ins Ausland", um sich in Mannheim miepet an einer Aufführung feiner „Räuber" zu stärken. Aber welch Erwachen bei der Heimkehr in Stuttgart, in die Zwangsjackenumsorm des Regi- mentsseldichers. „Noch bereue ich beinahe die glücklichste Reife meines Lebens" schreibt Schiller an den Mannheimer Theaterintendanten Freiherrn von Dalberg, ,chie mich durch einen höchst widrigen Kontrast meines Vaterlandes mit Mannheim schon so weit verleidet hat, daß mir Stuttgart und die schwäbischen Dinge unerträglich und ekelhaft werden. Unglücklicher kann niemand sein als ich." ... Schon drohte ein neues Ungewitter. Als der Herzog durch Klatsche- rei von den heimlichen Reifen seines Regimentsmedikus in das verpönte Ausland erfuhr, schickte er ihn im höchsten Zorn auf vierzehn Tage in Militärarrest, und bedrohte ihm mit den schaurigen Kerkern des Hoheit' aspera, wo der Dichter Schubart nun schon im fünften Jahre schmachtele- Voller Verzweiflung schrieb Schiller an Dalberg: „Ich muß eilen, dcih ich hier wegkomme, man möchte mir am Ende gar in Hohenasperg, nm dem ehrlichen Schubart, ein Logis anweisen. Man redet von besserer Ausbildung, die ich bedürfen soll ... ich denke, längst in den Angelegenheiteiu, wobei man mich jetzt unter eine den Geist fesselnde Kuratel setzen morf)te„ mündig geworden zu sein. Das Beste ist, daß man solchen plumpen Fesseln ausweichen kann. Mich wenigstens sollen sie nie drücken ... Immer heftiger sinnt der dreiundzwanzigjährige Dichter daraus, |UQ den Fesseln durch die Flucht zu entziehen. Sein Vertrauter ist der um zwei Jahre jüngere Musiker Andreas Streicher, der an den Gemu- seines Freundes Schiller unwandelbar glaubt und mit opferfreudigen Treue an ihm hängt. Er will den vergötterten Freund auf der Fluch'! begleiten. Nun, da Herzog Karl und ganz Stutgart vollauf mit W glänzenden, lärmenden Festen zu Ehren der russischen Gaste beschaff, sind, wollen sie in der allgemeinen Aufregung fliehen ... diese Gedanken sind es, die den Dichter so still und trüb in dem Festsubel machen, (is ift ja eine Flucht — vielleicht für immer aus der Heimat — vom Herzein des Vaters und der Mutter, der Schwestern — und wenn die Flucht miß» glückt? Dann ohne Erbarmen: Hohenasperg! r Für die Festlichkeiten auf der Solitude waren die großartigsten iso - bereitungen getroffen. Seit Wochen hatten die Bauern der Umgegend vm« Hirsche in einen Wald zusammengetrieben, die sie nun bei Tag und Rach 1 mit Wachtfeuern umzingelt hielten. Diese armen Tiere waren dazu t> e Freizügigkeit gestatteten, und es wird von Heinrich IV. von Frankreich berichtet, daß er an seiner Tafel leichte, zusammenklappbare Stühle auf« stellen ließ, damit man sich besser unterhalten und die Dischordnung nach Belieben ändern könne. Ebenso wichtig war die Entwicklung des Tisches. Im Mittelalter kannte man nur ten viereckigen Eßtisch, dessen eine Breitseite nicht besetzt wurde, sondern für die herantretende Bedienung f reib lieb. Erst im 17. Jahrhundert schließt ter ovale Tisch die Gesellschaft fester zusammen, und der runde Tisch des Rokoko schasst ten harmonischen Kreis für die Tafelrunde, versammelt gleichsam in einem Brennpunkt die Geister um die Mitte und läßt die Bemerkungen und Witze Hinüberschietzen. Der Boden d-es Speiseraumes war zuerst mit Stroh belegt, -dann in ter Renaissance mit Blumen, später mit Matten und Teppichen. Die Tafel- dcloration, die bisweilen von großen Aufbauten aus allerlei Eßbarem I gebildet wurde oder auch aus künstlichen Schaugerichten bestand, erfuhr I erst in der Renaissance ihre vollendete ästhetische Ausgestattung. Aus dieser stammt das meiste, was uns noch heute am gedeckten Tisch entzückt, natürlich mit Ausnahme des erst viel später aufgekommenen Porzellans. Die herrlichsten Gläser wechselten mit wunderbaren Arbeiten der Gold- schmiedekunst, wie sie Benvenuto Cellini geschaffen hat. Man saß in früheren Zeiten sehr viel länger bei Tisch als heutzutage. Essen und Trinken spielten eine Rolle, die sie heute nicht mehr haben. । Karl der Große, wenn er in seinen Pfalzen residierte, aß den ganzen Tag, Napoleon nur eine Viertelstunde! Unendlich groß war I die Zahl der Gänge und Gerichte. Im Mittelalter gab es für gewöhnlich I bei einem besseren Essen zwei Gänge, deren jeder aus vier, sechs oder neun Gerichten bestand. Ein Gang bestand aus -den Fleischspeisen, ein anderer aus Fischen und Gebackenem. Dann folgte der Nachtisch, das Konfekt". Es kam aber auch vor, daß bei Festen über hundert Gerichte I serviert wurden, und sich durch diese selbst nur teilweise hindurch zu essen, | erforderte viel Zeit. Die heute allgemein erkannten und in jeder guten Gesellschaft beobachteten Anstandsregeln bei Tisch haben sich erst im | 18. Jahrhundert in den breiteren Kreisen durch gesetzt. Phantasien im Bremer Ratskeller. Von Wilhelm Hauff. (Fortsetzung.) Balthasar hatte ihm die Schürze umgeb unten, und er neigte sich örtlich argen die Rose. „Wenn nur das junge Volk hier nicht dabei wäre", flüsterte sie befchärnt, intern sie sich halb zu ihm neigte; — ater unter dem Jubeln und Jauchzen der Zwölfe hatte ter Weingott fern Schürzenstipendium nebst Zinsen eingenommen. Dann leerte er [einen Humpen wieder und ward um zwei Fäuste breiter und großer und huv an mit einer rauhen Weinstimme zu fingen: „Vor allen Schlössern dieser Zeit Lob' ich ein Schloh zu Bremen, An seinen Hallen hoch und weit Darf sich kein Kaiser schämen; Gar seltsam ist es ausstaffiert, Mit schmuckem Hausrat ausgeziert. Doch hat daselbst vor allen Eine Jungfrau mir gefallen. Ihr Auge blinkt wie klarer Wein, Ihre Wangen sind nicht bleiche. Wie prächtig ihre Kleider sein. Von lauter schwerem Zeuche; Von Eichenholz ist ihr Gewand Von Birkenreifen ihre Band', Das Mieter, das sie zieret, I Mit Eisen ist geschnüret. —" Oie „Tischzucht". Wie die Deutschen effen lernten. Von Dr. Georg Kuhn. Das Altertum hatte eine hohe Kultur entwickelt, die mit ter Völkerwanderung dahinsank. Damals ward auch saft alles vergessen, was an buntem Glanz und seiner Sitte sich um den Eßtisch versammelt halte. Wie die Menschheit beinahe mit allem vor vorn anfangen mutzte, fo mußte sie auch wieder lernen, menschlich zu essen. Diese Bemühungen um bas gute Benehmen bei Tisch, die Voraussetzung alles feineren und geistigeren Verkehrs, spiegeln sich in einer kleinen ßiteratur- gattung, den sog. „T i s ch z u ch t e n", von denen mir -in der Zeit vom 12. bis zum 17. Jahrhundert aus den verschiedenen Kulturländern etwa 30 kleinere und größere Schriften kennen. Die ersten lateinischen Tisch, züchten stammen aus dem Kreise der Kloster in denen ja überhaupt im Mittelalter die frühesten Erzieher ter Menschheit auftraten. Bei der Beurteilung dieser Anstandsregeln müssen wir uns m eine Zeit versetzen, in der es nur auf den vornehmsten Tafeln Tischtücher und für leben Teilnehmer einen eigenen Teller gab. Im allgemeinen atzen alle aus einer Schüssel und mehrere von einem Teller; man fuhr mit den Löffeln in den gemeinfameri Napf hinein, um st Hb« heften Stucte he - auszufischen. Neben dem Löffel benutzte man das Messer, denn die Braten wurden nicht wie im Altertum bereits zerschnitten gereicht, sondern jeder | fabelte sich sein Stück selbst los. Sogar ter Besitz eines eigenen Losfett galt noch bis ins 16. Jahrhundert als Luxus, undMo nta i 0"emach sich über die Schweizer luftig, die für jeden bei Tisch einen besonderen Löffel hinlegten. Infolgedessen kann man sich lebhaft vorstellen daß em ziemlich wüstes und unreinliches Durcheinander bet Tsich herrschte, und erst die höfische Sitte ter ritterlichen Kultur hob das Benehmen bei der Tafel auf eine höhere Stufe. In dem ersten umfangreicheren Gedicht dieser Art, „Des Tannhäusers Hof zücht", wird unter anderem gefordert, daß man nicht direkt aus der Schüssel schlürfen, sondern sich tes Löffels bedienen solle, auch solle man Brühen und Soßen nicht mit den Fingern, sondern mit Brot auftunken. Man soll bei Tisch möglichstwewg mitestende Laute von sich geben, den Gürtel nicht lockern, wenn ter. Dauch sich füllt, nicht mit dem Messer in ten Zähnen herumstochern ^r diesen Zweck führte man damals den allerdings schon m der Antike bekannten Za fcnjt o J ein; man hängte ihn in einem schonen.^lm um H , Q ' nebenbei zum Schmuck diente, oder hie t ihn "ls kostbare vergoldete Ge flaue in -der Hand. Der Tannhäuser fmdet es a^ höchst unschi^ich, die abgenagten Knochen wieder in die Schussel zu werfen, s g - nicht das Tischtuch, sondern die Hand dazu^gebrauchen. Das T°iq«mu°s »ar ja damals auch noch nicht geboren. Servietten bürgerten. sich.styr langsam ein. Sie galten noch im 16. ^o^hunderis kräftige Parsü- unb man sah weniger auf ihre Sauberkeit als auf-ihre krastige^ter,^ mierung Man band sie damals um ten Hals, um d -prackit führten dadurchzu schützen. Die großen Halskrausen ter spanischen Tracht führten °uch »ur. Ersiridung tes M 'e fiS tu’i Löffeln wäre es nicht M e b i c -i der Gesellschaft schenne. ucn ue 9 Mühlfteinkraaens möglich gewesen, die Speisenfracht über das S allmählich ihren Platz hinwegzubugsieren. Die Gabel tesSaiier am Eßtisch erobert. Unter den Kostbarkeiten oe -o _ gj gujt Karl V. mit in feine selbst S/^stteEinsamke,t -ch d. brauchen, nahm, befanden sich u.a. 12 Gabeln. Cr_mußie ' UL greffer. Im denn er war trotz seiner Abkehr von bereit E ungeheuerer tfre^ 17. Jahrhundert -bringt die ®abel £anbte ein, daß man keine wird aber noch immer stark bekämpft. Ma verrichteten und Gabel brauche, da die Finger diese Ausgabe viel betzer verrinne „Ihr seid ein Schelm", rief die Rose lochend, „Ihr seid ein Türke und habt es mit vielen zugleich; meinet Ihr, ich wisse nicht, wie Ihr mit der leichtfertigen Französin scharmiert, mit dem Fräulein von Bordeaux, und mit dem Kreidengesicht, der Champagnerin: geht, geht, Ihr habt einen schlechten Charakter und verstehet Euch nicht auf treue deutsche Minne," „Ja, das sag' ich auch!" rief Judas und fuhr mit der langen knöchernen Hand nach der Hand der Jungfer Rose, „das sag' ich auch: drunr nehmet mich zu Eurem Galan, liebwerteste Jungfer, und lasset den kleinen Kerl seiner Französin nachziehen," „Was?" schrie der Hölzerne und trank im Zorn einige Maß Wein, „was? mit dem jungen Fant von 1726 willst du dich abgeben, Röschen? Pfui, schäme dich: was mein nacktes Kostüm betrifft, Herr Naseweis, so kann ich ebensogut wie Er eine Perücke auf setzen, einen Rock umhängen und einen Degen an die Seite stecken: aber ich trage mich so, weil ich Feuer im Leibe habe und mich nicht friert im Keller. Und was Sie da sagt, Jungfer Rose, mit den Französinnen, so ist das gänzlich erlogen. Besucht habe ich sie zuweilen und mich an ihrem Geiste erluftiert, aber weiter gar nichts; dir bin ich treu, liebster Schatz, und dir gehört mein Herz." „Eine schöne Treue, Gott erbarm's!" erwiderte die Dame: „was hört man nur aus Spanien, wie Ihr es dort mit dem Frauenzimmer habt. Von dem süßlichen Xeres5 will ich gar nichts sagen, das ist eine bekannte Geschichte, aber wie ist es denn mit der Jungfer Dentilla di Rota", und mit der von San ßüfar7? Und dann mit der Sennora Pietro Ximenes9?" „Alle Teufel, Ihr treibt die Eifersucht auch gar zu weit" rief er ärgerlich, „man kann doch alte Verbindungen nicht ganz aufgeben. Und was die Sennora Pietro Ximenes betrifft, so seid Ihr sehr ungerecht ich besuche sie ja nur aus Freundschaft für Euch, weil sie Eure Verwandte ist." „Was macht Ihr da für Fabeln? Unsere Verhandle?" murmelten Rose und die Zwölfe untereinander/ „wie das?" „Wißt Ihr denn nicht", fuhr er fort, „daß die Sennora eigentlich eine Rheinländerin ist? Der ehrsame Don Pietro Ximenes hat sie heim- gefuhrt als blutjunges Rebstöcklein aus dem Rheingau nach feiner Hei- mat Spanien, und dort hat sie sich angesiedelt und feinen Familiennamen angenommen, noch jetzt, obgleich sie den süßen, spanischen Charakter angenommen, noch jetzt hat sie große Aehnlichkeit mit Euch, wie die Grundzuge des Gesichtes sich in der Familie nicht ganz verlieren. Die- felbe Farbe und jener süße Duft, jenes feine Aroma ist ihr eigen und macht sie zu Eurer würdigen Base, wertgeschätzte Jungfer Rose." „Sie soll leben, soll leben!" riefen die Apostel und stießen an Bafe Ximenes in Hispanien soll leben!" ' " 1 , 9u!t9h’r Rose mochte ihrem Galan nicht ganz trauen und stieß mit bittersüßer Miene an, doch schien sie nicht ferner mit ihm Hadem zu wollen, sondern sprach weiter: „Und auch ihr, meine lieben Vettern vom Rhein, seid ihr alle Wer? Ja, da ist ja mein zarter, feiner Andreas, mein mutiger Judas mein feuriger Petrus. Guten Abend, Johannes, wische dir den Schlaf aus den Eglein, du siehst noch ganz trübselig aus. Bartholomäus, du bist un- Ä. d'» geworden und scheinst trüge zu sein. Ha, mein munterer Paulu-, und w« fröhlich Jakobus um sich schaut, noch immer der Alte Aber wie ihr |eib ja zu Dreizehn am Tische, wer ist denn der dort in fremder Kleidung, wer hat ihn hierher gebracht?" Gott, wie erschrak ich! Sie schauten alle verwundert auf mich und ft11 me'rlerr Anwesenheit nicht ganz zufrieden. Aber ich faßte JXJ!" sagte: „Mich gehorsamst der werten Gesellschaft zu empfehlen. Ich bitt eigentlich nichts weiter als ein zum Doktor der philofoplne graduierter Mensch und halte mich gegenwärtig hiesigen Orts in dem Wirtshause zur Stadt Frankfurt auf." 8 9 x„t" i „»asst du es aber, hierher zu kommen in dieser Stunde, graduiertes Menschenkind? sprach Petrus sehr ernst, indem er Blitze aus aus mich sprühte. „Du hättest wohl denken können, 0*11 nicht in biefc noble Sozietät gehörst." kastel", antwortete ich, und weiß noch heute nicht, woher ich den Mut bekatn, wahrscheinlich aus dem Wein; „Herr Apostel das du verbitte» ich tmr vors erste bis mir weiter bekannt sind. Und'was die ?0Z>etat betrifft, in die gekommen fein soll, so kam sie zu mir mad) j^rr!*" ' K' sitze schon seit drei Stunden in diesem Ge- „Was tut Ihr aber so spät noch im Ratskeller, Herr Doktor" fragte Erdenvolk ?(£[!„' °‘S Apostel, „um diese Zeit pflegt sonst das „Euer Exzellenz , erwiderte ich, „das hat feinen guten Grund Ich bin ein portierter Freund des edlen Getränkes, das man hier unten veri öie Vergünstigung eines wohledlen Senats die Perniisiion erhalten, denen Herren 2lposteln und der Jungfrau Rose meinen Besuch abzustatten, was ich auch geziemendst getan." „Aljo Ihr trinkt gerne Rheinwein?" fuhr Bacchus fort; „nun das ift eine gute Eigenschaft und sehr zu loben in dieser Zeit, wo die Men- jdjen jo kalt geworden sind gegen diese goldene Quelle." m’Ä.^ Teufel hole sie all'!" rief Judas, „keiner will mehr einige »h?r6 •eJn?seln m,fier f>ier und da solch ein fahrender Doktor aufwichse"""^^ Atagifter, und diese Hungerleider lassen sich ihn erst noch < Gehorsamst deprezieren, Herr von Judas", unterbrach ich den schrecklichen Rotrock. „Nur einige kleine Versuche habe ich getan mit « 9.e,mnnt nach der spanischen Stadt Xeres de la Frontera Em Rotwein von Granada. San Lükar, kleine Stadt an der Mündung des Guadalquivir, berühmt wegen seiner Weinberge. 9 Geschätzter Malagawein aus gewelkten Trauben. dero Rebenblu-t von 1700 und etlichen Jahren, und den hat mir aller, dings der wackere Bürgermeister einschenken lassen; was. Sie aber hier sehen, ist etwas neuer’ilnb in barer Münze von mir bezahlt." „Doktor, ereifert Euch nicht", sagte Frau Rose, „er meint’s nicht fa böse, der Judas, und er ärgert sich nur und mit Recht, daß die Zeiten so lau geworden." „Ja!" rief Andreas, der feine, schöne Andreas, „ich glaube, dieses Geschlecht fühlt, daß es keines edlen Trankes mehr wert ist, drum sollen sie hier ein Gesöff von allerlei Schnaps und Sirup brauen, heißen es ChLteau-Marget, Sillery, St.-Julien und sonst nach allerlei pompösen Namen, und kredenzen es bei ihren Gastmahlen, und wenn sie es sausen, bekommen sie rote Ringe um den Mund, dieweil der Wein gefärbt war, und Kopfweh den andern Tag, weil sie fchnäden Schnaps getrunken." ,Ha, was war das für ein anderes Leben", führte Johannes di« Rede fort, „als wir noch junge, blutjunge Gesellen waren, Anno neun, zehn und sechsundzwanzig. Auch Anno fünfzig ging es noch hoch her in diesen schönen Hallen. Jeden Abend, es mochte die Sonne scheinen in hellem Frühling, ober schneien und regnen im Winter, jeden Abend waren die Stübchen dort gefüllt mit frohen Gästen. Hier, wo wir jetzt sitzen, saß in Würde und Hoheit der Senat von Bremen. Stattliche Perücken auf dem Haupt, die Wehre an der Seite, Mut im Herzen und jeder einen Römer vor sich. „Hier, hier, nicht oben auf der Erde, hier war ihr Rathaus, hier di« Halle des Senats! denn hier beim kühlen Weine berieten sie sich übet das Wohl der Stadt, über ihre Nachbarn und dergleichen. Wenn fk uneinig in der Meinung waren, so stritten sie sich nicht mit bösen Worten, sondern tränten einander wacker zu, und wenn der Wein ihre Herzen erwärmt hatte, wenn er fröhlich durch ihre Adern hüpfte, da war der Beschluß schnell zur Reife gediehen, sie drückten sich die Hände, sie waren und blieben immer Freunde, weil sie Freunde waren des edlen Weines: Am andern Morgen aber war ihnen ihr Wort heilig, und was sie abends ausgemacht im Keller, das führten sie oben im Gerichtssaal aus." „Schöne, alte Zeiten!" rief Paulus; „daher kömmt es auch, daß noch heutzutage jeder vom Rat in eigenes Trinkbüchlein, eine jährliche Wein- redjnung hat. Den Herren, die alle 2(benbe hier saßen und kranken war es nicht genehm, allemal in die Tasche zu fahren und ihr Geldsäckelein herauszukriegen. Aufs Kerbholz ließen sie es schreiben und am Neujahr ward Abrechnung gehalten, und es gibt einige wackere Herren, die noch jetzt oft Gebrauch davon machen, aber es sind deren wenige. „Ja, ja, Kinder", sprach die alte Rose, „sonst war es anders, so vor fünfzig, hundert, zweihundert Jahren. Da brachten sie abends ihre Weiber und Mädchen mit in den Keller, und die schönen Bremer Kinder tranken Rheinwein oder von unserem Nachbar Moseler, und waren weit und breit berühmt durch ihre blühenden Wangen, durch ihre purpurroten Sippen, durch ihre herrlichen, blitzenden Augen; jetzt trinken sie allerlei miserables Zeug, als Tee und dergleichen, was weit von hier bei den Chinesen wachsen soll, und was zu meiner Zeit die Frauen tranken, wenn sie ein Hüstlein oder sonstige Beschwer hatten. Rheinwein, echten gerechten Rheinwein können sie gar nicht mehr vertragen; denkt euch ums Himmelswillen, sie gießen spanischen Süßen darunter, daß er ihnen munde, sie sagen er sei zu sauer." Die Apostel schlugen ein großes Gelächter auf, in das ich unwillkür- lich emftimmen mußte, und Bacchus lachte so gräßlich, daß ihn der alte Balthasar halten mußte. „Ja, die guten alten Zeiten!" rief der dicke Bartholomäus; , sonst trank em Bürger seine zwei Maß, und es war, als hätt' er Wasser getrunken, o nüchtern blieb er, jetzt wirft sie ein Römer um. Sie sind aus der Hebung gekommen." ~ ..--Da trug sich vor vielen Jahren eine schöne Geschichte zu", sagte Fräulein Rose und lächelte vor sich hin. „Erzähle, erzähle, Jungfer Rose, die Geschichte!" baten alle; sie aber traut bedeutend viel Wein, damit sie eine glatte Kehle bekam, und Hub an: „Anno 1600 und einige zwanzig, dreißig Jahre war ein großer Krieg in deutschen Landen von wegen des Glaubens: die einen wollten so und die andern anders, und statt daß sie bei einem Glase Wein die Sache vernünftig besprochen hätten, schlugen sie sich die Schädel ein. Albrecht non Wallenstein, des Kaisers Generalfeldmarschall, hauste schrecklich in protestantischen Landen. Des erbarmte sich der Schwedenkönig Gustav Adolf und kam mit vieler Mannschaft zu Roß und zu Fuß. Es wurden viele Bataillen geliefert, sie hetzten sich herum am Rhein und an der Donau, geschah aber weiter nicht viel, weder vor- noch rückwärts. Zu der Zeit war Bremen und die andern Hansestädte neutral und wollten es mit keiner Partei verderben. Dem Schweden lag aber daran durch ihr Gebiet zu ziehen und sich freundlich mit ihnen einzulassen, darum wollte er einen Gejandten an sie schicken. Weil aber im Reich bekannt war, daß man in Bremen alles im Weinkeller verhandle, und die Ratsherrn und Bürgermeister einen guten Schluck hätten, so fürchtete sich der Schweden- konig sie mochten seinem Gesandten gar sehr zusetzen mit Wein daß er Schweden würde und schlechte Bedingungen einginge für die rZ'^Um sich aber im schwedischen Lager ein Hauptmann vom .Piment, der ganz erschrecklich trinken konnte. Zwei, drei Maß zum Frühstück war ihm ein Kleines, und oft hat er abends zum Zuspitzen ■ $lni getrunken und nachher gut geschlafen. Als nun der König ooU Besorgnis war, sie möchten im Bremer Ratskeller seinem Gesandten allzujehr zujetzen, so erzählte ihm der Kanzler-Oxenstierna von dem Hauptmann, Gutkunst hieß er, der so viel trinken könne. Des freute sich der König und ließ ihn vor sich kommen. (Fortsetzung folgt.) ’ Jmi oder Immi ist ursprünglich ein Getreidemaß. 'Beran,wörtlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Vrühl'fche Univer, itäts-Buck- und Steindruckerei, N. Lange, GießUu