Sichen« KmiilieiibMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1952 Montag, -en 23. Mai Nummer 39 Oer Mai. Von Leonore G e i b e l. Der Mai sprang auf und warf sein wild Verlangen In aller Bäume trauerndes Geäst, Da sind in neuer Glut sie ausgegangen Und stehen da in unerhörtem Prangen Und sehnen sich nach kleiner Vögel Nest. Bis auf den Rasen biegt das Laub sich nieder Und grüne Flammen treibt der schmälste Weg, Die Buchen schwellen, auf bricht schon der Flieder, Der Birken zarte Schleier wehen wieder Und Erdgeruch steigt aus von Stein und Steg. O auferstandne Welt, dir fehlt kein Segen: Entbehrst du Licht, bricht Sonne schon hervor, Tau kommt dir kühlend wie ein Kuß entgegen, Den großen Durst stillt der Gewitterregen Und sanfter Wind trägt deinen Dank empor! Afrikanisches Erlebnis. Von Norbert Jacques. Der Bungalow liegt im Herzen Afrikas. Er schaut säst genau unter dem Aequator heraus auf den Biktoriasee. Tausend Kilometer Luftlinie bi» zur Küste des Indischen Ozeans; 50 Kilometer bis zum Ursprung des Nils. Unten zieht die rote Straße vorbei, die in Jm,a den Anschluß an die Bahn nach Mombassa und an die Welt gibt. Nur Autos be ähren sic. Ochse und Pserd, die alten Reisemittel, sind aus Aequatorialasrika verschwunden. . . , , ... . , Ein Weg steigt von der Straße in starken Zickzacken zum Haus. Aber über ihm geht der kloßige Berg weiter hoch hinaus und breit nach beiden Seiten. Ein Mann, der seinen Stolz darein setzt, als Bollblutengländer zu gelten, aber ein persischer Elsenbeinhündler mit Vergangenheit ist hat es mit den drei oder vier anderen benachbarten gebaut. Sie sind alle guten englischen Musterbüchern entnommen und aus wundervollem rotem Stein, der im Berge gesprengt wird, errichtet. Eine gedeckte Veranda ist dem vorgelagert, dessen Gastsreundschaft ich einige Wochen genieße. An der Seite liegt eine Zweite offene Terrasse. Unter dem Haus ist etwas wie ein Park angelegt, und aus der fetten roten Erde wachsen wunderbare Bäume und darunter aus Zwiebeln kleine und große, meist rote Blumen. Aber um diesen Park schließt sich die Dschungel auf, wie ein zurückgestautes Meer von doppelmannshohem 'eSReine^Sa f t geb e r sind ein junges europäisches Ehepaar. Wiener Nach dem Frühstück fahren sie jeden Morgen in ben „störe nach -uunvala bis wohin es fünf Meilen sein mögen. Sie arbeiten dort grmemchm als Vertreter einer europäischen Firma, lausen Baumwolle, «aumwolisa und Felle, um fie nach Europa zu exportieren, und locken d>e schwarze Seelen und den Geschäftsgeist der kleinen indi chen Zwischenhändler mit fiinshundert verschiedenen, in Europa hergestellten Verführungen z- hut bis Motorrad, Petroleumlampe bis Pflug. Das liegt alles mit dem Bureau in einem großen Wellblechfchuppen, mitten zwischen ffi Läden der indischen Kleinhändler. ... Cs war eine harte Arbeit, zu der mein Gastgeber täglich in[feinem „Boxbody" fuhr. In drei Sprachen, Englisch Suaheli und Uganda Ham dein! Den Schlichen des indischen Handelsrechts ausweichen, das sich die Engländer hier aufzwingen ließen, um in Indien selber den g einzukassieren! ... Ugandischen Negerfrauen Farbe und Muster eines Kunstdamastes zu einem Kleid für ihre großen schonen Glieder munku gerecht zu machen. Einen Neger zu überzeugen, daß die l I J Fichr^ich"mit,"dso hatte ich mich den ganzen Tag Zwischeni bein^ Mafien in den brutheißen „stores" und ben von Negern I c '< mobilen, Verkehrspolizisten, Sommerhitze burchguirlten Straßen Herrn zutrollen. Selbes war immer von neuer Spannung. Aber oft blieb ich zu Haus Die Bucht bes ViUoriasees, auf die man fah, brande weiß in bkr Sanne. Ein Vogel faß mit stundenLanger Hartnäckigkeit auf einem Baum und rief Seine Stimme klang, als ob Wasser in eine Flasche hineingluckerte. Auf einem »aumauf beroffenen Plattform lebte ein zahmes Aesschen. Seine Zubrmglichteit war s ß, I und lästig. Es riß mir die indische Zigarre aus dem Mund um ihre Asche zu fressen, und beschimpfte mich, wenn es sich an.ber ffllu oer- brannte. Es biß mich in ben Kopf, wenn ich ferne Z"dr'"glichkeit al, wehrte. Denn trotz der großen Mahnungen meiner Gastgeber g ng ä °bi>e Hut durch die Tropensonne. Die beiden A>reda e-Tirr>er ’ abwechselnd mit mir und dem Aesfchen.- Dann schossen sic auf einen g Heimen Beseht ihres Blutes in die Dschungel. Eine Schlange oder ein Wild waren zu riechen. Auch das Aesschen roch die Gefahr. Im selben Augenblick, wo der Iogdtrieb in die Fesseln der Hunde fuhr, jagte es auf den Baum und in die Kiste, die oben angebracht war, und es war nichts mehr von ihm zu sehen. Keine Zigarre lockte es. So gab es den ganzen Tag einen Austausch von Sensationen zwischen .der Dschungel und dem Bungalow. Auch ich ging manchmal in die Dschungel. Meine Nerven waren dann stets in einer solchen Spannung, daß sie bei dem geringsten Geräusch zitterten, wie eine Wasserfläche unter dem Einfall des Windes. Die Mamba, eine der gefährlichsten Schlangen, lebte hier in Horden. Schakale lagen auf der Jagd. Die Python barg ihren Riesenleib unter dem Gewirr des Bodens. Die hohen Rohre der Gräser schlossen sich über mich. Man kannte von der Welt verschwinden, und der Bungalow lag keine fünszig Schritte davon entfernt. Die Dschungel flieg wild und chaotisch bis zum Rücken des klotzigen Berges. Wo sie aber unterhalb zwischen ben kleinen Parks ber Bungalows und ber roten Straße nach Jinia stehengeblieben war, stieß man auf vereinzelte Negerhütten, bie sich hineinbargen und mit kleinen Mais-, Zuckerrohr- ober Baumwolläckern umgaben. Termiten bauten ihre roten blinden Burgen hin und her. Sie sahen aus wie hohe Lehrnhausen, festgebacken von Lust unb Sonne. Schlug man aber mit einem Dolch bie Kruste ab, so sah man, wie in einer offenen Wabe, aus hundert Gängen Ameisen zu Abwehr und Flucht hastig hervor- stürzen. Fand der Neger, der manchmal mit mir ging, die große Königin, so nagte er ihr als eine seltene Delikatesse den gemästeten Hinterleib ab. Südwärts tiefer lag ein anderer Bungalow, ber mit ben Ranken bes Pafsionsfruchtstrauches bicht eingefponnen war. Da lebten bie Mambas brin, bie Schlangen. Wenn ich auf ber Veranba lag, ging es ben ganzen Tag drüben: Peng! Peng! Jeden Tag schoß der Bewohner Schlangen. An einem acht Stück. Aber es zog fie immer wieder aus der Dschungel zu diesem Haus, dessen gute Gerüche sie, in dem Flechtwerk verborgen, belauerten. Eine farbige Eidechse huschte über ben Veraudaboben, stellte sich an meinen Fuß und äugle. Sie leuchtete wie Glas, das in fließenden Strähnen schillerte. Lästig machten um mich die Farbigen das Haus zurecht, wenn Herr und jfrau zum „störe" gefahren waren. Sie übertreffen an Zahl stets beträchtlich die weißen Hausbewohner. So zählen wir in einem durchschnittlich geführten europäischen Haushalt folgende' Angestellte: Der Koch, sein Gehilse, der Hausboy, jein Gehilfe, der Pantryboy, der Wäscher, fein Gehilfe und zwei bis drei Gärtner und Wasserträger sowie der Junge, der das Auto wäscht und mitsährt. Das sind neun Mann. Jeder hat den Lohn eines europäischen Dienstmädchens. Um sechs kamen meine Gastgeber zurück. Um acht aßen wir zu Nacht. Es war bann schon zwei Stunben lang bunkel, unb wir hatten biefe zwei Stunben bei einigen „sun-downers", ben Whiskys ober Cocktails, bie man zum Sonnenuntergang trinkt, zusammengesessen. War bas Nachtessen vorbei, so war auch bie Dienerschaft wie weggelöscht. Dann kamen bie Schakale aus ber Dschungel hinters Haus. Einer kratzt an bie Hintertür bes Speisezimmers, in bem wir fitzen, weil er Fleisch riecht. Er ruft mit einem leisen Seufzer. Die Hunbe jagen gegen bie Tür. Man öffnet, unb die Hunde stürzen in die Nacht hinein. Nicht weit. Die Dschungel ist mit Ereignissen geladen. Sie riechen fie, prallen auf das Bewußtsein von Gefahr, kriechen winselnd zurück. Sie drücken sich angstvoll an uns. Aber niemand hört ober sieht etwas burch bie Finster- nis. „Es ist eine Python ober ein Panther", sagt der Hausherr und stellt die Büchse bereit. Wir trinken noch einen Whisky, rauchen und gehen zu Bett. Mein Zimmer liegt mit beiden Fenstern gegen den Dschungel. Die Fenster bleiben wegen der Hitze auf, aber es stecken engmaschige Drahtnetze in ben Deffnungen gegen bie Moskiten unb Nachttiere. Es kommen keine Mücken herein aber aus bem Dschungel bringen bie ganze Nacht hindurch Schreie von Lust und Sterben ber Kreatur burch bie Drahtgitter zu meinem Bett unb meinen Nerven. Eines Abenbs geschah auf ber offenen Terrasse neben meinem Schlafzimmer etwas Grauenhaftes. Einer ber Hunbe stürmt heulenb von draußen an bie geschloffene Tür. Der anbere stößt einen roilben Schrei von Schmerz unb Entsetzen aus unb hört nicht mehr auf zu schreien. Aber bas Schreien entfernt sich in ber Dschungel. Die Diener laufen herein unb brüllen mit fjeroortretenben Augen: „(Eine Python hat ihn geholt!" „Hast bu sie gesehen?" fragt ber Herr. „Gesehen! Gesehen!" antwortet ber Schwarze unb keucht. Der Hunb schreit schon fern oben. Der Hausherr stürzt zum Gewehr. Es ist schon bunkel. Der Hunb schreit immer ferner. Wir laufen in ben obersten Bungalow. Zwei Eng- länber wohnen brin. Sie finb sternhagelbesoffen. Der Tisch mit Whisky- unb Ginflaschen geberft. Es wirb atemlos berichtet. Sie verstehen nicht auf den ersten Hieb, was geschehen ist. Was schreit dieser verdammte Hund so im Dschungel?!' sagt einer. ''Weil die Python ihn im Maul hat!" ruft jetzt erregt, mein Gastgeber. Da verstehen sie. Da besinnen sie sich nicht. Sie holen die Buch en lind stürmen mit elektrischen Taschenlampen ins Dschungel, den .Rufen nach. Es ist völlig Nacht geworden. Das Dschungel halt sie aber fest wie ein NeK. Es sind viele „bloddy, bloddy ZU hören. Bold hier, bolb dort. Sie dringen nicht durch. Zerknirscht, schimpfend kommen sie noch einer Stunde zurück, krachen wütend die Büchsen in eine Ecke. Der Hunb hat zwei Stunden lang oben im Berg in ber B(rt)ungel geschrien. Dann war er still. Wir waren heimgegangen. Die Nacht stieg weiter über das Elesantengras, lag wie ein schwarzes und erstarrtes Wasser über dem klotzigen Berg. Unser Bungalow verschwand in der Finsternis. Wir gehen mit groß geöffneten Augen auseinander und zu Bett. Man kann das Entsetzen nicht vergessen, das in der Stimme des Hundes war, den die Schlange in die Dschungel schleppte. Es war wie ein Schreien am Tor der Hölle. Am nächsten Tag sollte ich abreisen. Um gegen sieben zu dem Zug in Jinja zu sein, mußte ich in der Frühe vor vier Uhr mit dem Auto weg. Der Hnuptboy bekam den Auftrag, mich zu wecken. '„Wirst du auch auswachen?" fragte der Herr. Der Junge antwortete: „Ja, ich werde nicht mit meiner ganzen Seele schlafen." ' , Browning — Jahre Giück. Aus dem Leben einer Dichterin. Don Robert Neumann. Ein Herr Barrett, Sklavenhalter auf Jamaika verkauft feine Plantage und geht nach England. Sein Sohn, fast noch als Knabe mit einer farblos willenlosen Frau vermählt, erbt ferne Art: e>n Sklavenhalter auch er — nur daß seine Plantage der Hausstand ist. Die farblos roiUen- S“ Frau gebiert zwölf Kinder. Eins stirbt klein. Bon den elf Ueber- lebenden heißt eins, das erstgeborene, Elisabeth Diese Elisabeth Barrett ist mit acht Jahren ein Wunderkind, lie s-den Homer, schreibt selbst ein Epos, bald Tragödien, französisch, englisch — was den Mann, der jo musenlos wie eitel ist, dazu bestimmt, ein Opus der Tochter, behandelnd die Schlacht bei Marathon, als Sonderdruck in fünfzig Exemplaren herauszugeben. Die Fünfzehniahrige befallt ein Leiden £)b es Tuberkulose gewesen ist, ob nur ein Sturz vom Pf erb der Anlaß war, das fleht nicht fest. Fest steht, daß ste- von da an stech ift bettlägerig fast immer, heimgesucht von ansaUhasten Atemnöten, und durch all das überschattet von Schwermut. Gespiele ist der Bruder: Stu- üiengenosse, mit dem sie griechische Dichter übersetzt, ist ihr ein Blinder, Darüber wird sie neunundzwanzig Jahre alt, noch immer unfrei und vom Baier überwacht, die Mutter ist gestorben. Man zieht nach London, aber dort verschlechtert sich der Zustand der Kränklichen, und sie erwirkt fick die Erlaubnis, mit ihrem Bruder ans Meer zu gehen. Der Bruder, vom Vater heimgerufen und von ihr zurückgehalten, kentert mit feinem Boote und ertrinkt. Das trifft die Kranke zutiefst und doppelt nun tragend an Selbstquälerei und dem Berfagen des Leibes, fiedelt pe noch einmal noch London über und lebt dort einsam, in einer streng gewahrten Zurückgezogenheit — trotz jungen Ruhm, der in ihren Dichtungen damals sich schon entfaltet. Damit sind wieder zehn Jahre vergangen. 'Neununddreißigjährig, so berühmt wie einsam, lebt sie dahin und liegt zu Bett und wartet.'Und wartet nur noch aus eines: auf den Tod. Und bekommt diesen Brief: „Ich liebe Ihre Berse von ganzem Herzen, liebe Miß Barrett — und bics ist kein leichtfertig hingeworfener Brief, um Ihnen Komplimente zu machen, keine rasche Anerkennung Ihres Genies, die sich von selbst versieht und mit der dieses Schreiben auch schon zu Ende wäre^... Wissen Sie daß ich schon einmal nahe daran war. Sie zu sehen. Sie wirklich zu sehen? Eines Morgens sragie mich Mr. Kenyon: „Würden Sie gerne Miß Barrett kennenlernen?" Dann ging er fort, mich Ihnen anzumel- ben — und kam zurück: Sie waren zu krank. Und jetzt sind Jahre vergangen, und mir ist xs wie ein mißliebiges Reiseerlebnis, als wenn ich nahe, ganz nahe an einem Weltwunder vorbeigekommen, an einer Kapelle oder Krypte — nur einen Vorhang beiseitezuziehen und ich hätte ein- treten können. Aber da gab es — so erscheint es mir jetzt — ein leichtes ein ganz leichtes Hindernis, das den Zugang hemmte, und die halb geöffnete Tür fiel zu, und ich ging heim, taufende Meilen weit. Der Anblick sollte mir nicht werden." Ein langer Brief. Absender: Robert Browning. Der Dichter Robert Browning, dreiunddreißigjährig, stammend von kleinen Leuten, die zu Beamtenstellungen, zu Bildung, ja zu einer ausgeprägten Liebe für alles Poetische sich aufgeschwungen hatten — dieser Browning, heiter und begabt, nicht unschön, jugendlich geblieben in einem Leben ohne Leidenschaften, und wenn als Lyriker noch nicht berühmt wie später einmal, so doch geschätzt als Literat von Rang — der Robert Browning war der fronten Elisabeth Barrett von fernher kein Unbekannter. Das so wenig, daß sie, durch ihre Lebensumsiände gezwungen, den Umgang mit den Menschen sich zu ersetzen, wie es eben anging, sein Bild mit andern Bildern ihr liebgewordener Geister in ihrem Zimmer hängen hatte, als jener Brief kam. So schreibt sie zur Antwort: „Ich danke Ihnen von tiefstem Herzen, lieber Browning. Sie wollten mir mit Ihrem Brief Freude machen — und hätten Sie auch Ihren Zweck nicht erreicht — ich mühte Ihnen ted) danken. Aber Sie hoben ihn durchaus erreicht. Ein solcher Bries aus solcher Hand? Sympathie ist mir teuer — sehr teuer. Aber die Sympathie eines Dichters und gar eines solchen ist mir die Quintessenz aller Sympathien! Wollen Sie dafür meine Darkbarkeit annehmen — wenn anders Sie mit mir darüber einig sind, daß von allem Handel der Welt, von Tyros bis Carthago, dieser Austausch Sympathie gegen Dankbarkeit das fürstlichste Geschäft ist?" . Nun, bei diesem Handel bleibt es nicht. Dieser Austausch von Sympathie gegen Dankbarkeit ist weniger, als Robert Browning, bald entfacht von dieser Frau, die er noch nie gesehen hat, für sich begehrt. Er will zu ihr, will sie besuchen — sie, ruhig erst, erregt dann schon, dann chon ängstlich, weist ihn zurück und weiß es zu verhindern, daß er ihr Krankenzimmer betritt. Winters sei sie leidend, schreibt sie. Spater einmal vielleicht im Frühling, werde sie ihn empfangen. Er drangt. Und endlich nach fünf Monaten Abwehr, läßt sie ihn zu sich kommen, noch zögernd, besorgt noch, ob er trotz aller Vorbereitung nicht doch darüber erschrecken werde, daß eine schöne Seele in einem so wenig schonen, einem so kranken Leib Quartier genommen hat. Do also betritt er ihr Zimmer. Tastende Gespräche, befangen, noch getragen nur von einer scheuen Freundschaft — und zwei Tage später ein Brief, in dem der Dichter Browning, nun erst wirklich entflammend, Leidenschaftlicheres schreibt, als ihrer stillen Neigung damals gemäß war. So hat er dieses Schreiben fpater selbst zerrissen. Nicht zerrissen hat er die Antwort, die ihm von der Kranken geworden ist. Da steht: „Gestern abend und heute früh wollte ich Ihnen schreiben — und konnte nicht — Sie wissen nicht, welchen vchmerz Sie mir bereiten mit solchen maßlosen Reden. Jetzt darf es Ihnen nicht mißfallen, daß ich nun auch meinerseits davon zu fprechen beginne. Ich tue es, um vor Gott und mir selbst ein wenig würdiger, oder sogen wir weniger unwürdig zu erscheinen einer Großherzigkeit, vor der ich triebhaft und von Anfang an und entschieden zurückweiche — und weil im übrigen ein Schweigen auf Ihre Worte die unredlichste Art der Antwort wäre. Horen Sie denn: Sie haben einige leidenschaftliche Dinge gesagt ... Einbildungen, die Sie nicht wieder sagen noch auch widerrufen werden, sondern sogleich vergessen und für immer, daß Sie sie überhaupt gesagt haben; und so werden sie zwischen Ihnen und mir ausgelöscht sein wie ein Druckfehler zwischen Ihnen und dem Setzer. Tun Sie das um meinetwillen, die ich Ihre Freundin bin (Sie haben keine Aufrichtere) — ich verlange es von Ihnen, weil es eine für die zukünftige Unbefangenheit unseres Verkehrs notwendige Bedingung ist." Sie also will dem, was sich da entfaltet, noch ein Halt zurufen, will es für ihn, um dessen Schicksal und Freiheit sie Sorge tragt. Und will das, obgleich sie selbst gerade damals in immer tiefere Bedrängnis, immer tiefer beschämende Unfreiheit in ihrem Tun und Lassen geraten ist. Der Vater, Sohn des Sklavenhalters, ist wieder einmal nicht bei Laune Die Aerzte raten zu einer Reise nach Italien — der Vater erlaubt es nicht. Geschwister, herangewachsen, roollen sich vermahlen, der Vater erlaubt es nicht. Zur Kranken, zu der Neununddreißigjährigen, kommt Browning ins Haus — der Vater erlaubt es nicht. So sehen diese beiden Menschen, tief schon im Leben stehend, sich gezwungen zur schülerhaften Heimlichkeit. Der Weg ins Zimmer der Freundin führt den Dichter Browning, Mann im Bo'llbart, entwürdigend durch Hintertüren. Entwürdigend: nicht nur der Vater, selbst die guten Freunde lauern: Ein Brief der Frau: „Und nun kommt, wer glaubst Du? Mr. Kenyon. Er kam mit seiner Brille und sah aus, als ob seine Augen aufgerifien wären bis an den Rand, und eines seiner ersten Warte war: „Wann haben Sie Browning gesehen?" Von nun an darf ich wohl Anspruch auf Geistesgegenwart erheben: denn ich wechselte zwar die Farbe, und er sah es auch, ober mit halbwegs rasch gefundener Ausflucht antwortete ich: „Er war Freitag hier" und sprach sogleich von anderem, und ließ ihn mir ins Gesicht starren. Liebster, er sah wohl etwas, aber nicht alles. Und wir plauderten und plauderten. Als er aufflanb, um nwgzugehen, erwähnte er Deinen Namen zum zweiten Mal. „Wann sehen Sie Browning wieder?" Woraus ich antwortete, daß ich es nicht wisse ..." Ist das schon ein wahrhaft guter Freund (er hat den beiden später sein Geld vermocht) — man mag ermessen, wie die minder wahrhasten und minder guten gehandelt und gesprochen haben. Bis selbst diesen Sanften all das zuviel wird. Sie beschließen geheime Hochzeit und Flucht. Und schrickt Elisabeth, die aller äußeren Tatkraft so sehr entfremdet ist, im letzten Augenblick auch noch zurück vor einem so grellen und ihrem Leben so ungemäßen Plan — die Notwendigkeit wird drängend und zwingt zum .handeln. Herrn Barretts Haus wird ausgebessert. Auch hat Herr Barrett von den heimlichen Besuchen Brownings Wind bekommen und beschließt mit seinen Kindern aufs Land zu gehen, um diesem Eigenleben, das da hinter seinem Rücken sich zu entfalten anhebt, von Anfang an die Spitze abzubrechen. Dies also gebietet Eile. Elisabeth verlaßt das Haus, vorgeblich zu einem harmlosen Besuch; nicht einmal den Schwestern sich vertrauend, damit die nicht später den Groll des Tyrannen zu tragen hatten — verläßt also das Haus mit einer ergebenen Bedienten und mit ihrem Hund. Sogleich in einen Wagen zu steigen — das fiele auf. So geht man eben zu Fuß. Doch dessen ist man so sehr ungewohnt, und so sehr ist man gleichzeitig beherrscht von der Erregung über die eigne Tat, daß schon zwei Straßenecken weiter die Ohnmacht kommt. Da, Gott sei Dank, ist eine Apotheke. Ein Stärkungsmittel. Und nun endlich die Kirche. Dort wartet Robert Browning. Endlich, in Hast noch immer, die Zeremonie, die den beiden die Freiheit geben soll. Und bann roieber Schwäche — aus bem Lärm ber Gassen rettet man sich zu jenem blinben Freund, mit bem man einmal griechische Dichter gelesen hat, unb ruht dort aus. Anbern Tags Southampton. Unb zu Schiff nach Le Havre. Unb weiter nach Paris. Seltsam: auf biefer Reise ist von ber Krankheit ber Frau fast nichts zu merken Sie ist lebenbig, fröhlich, sie bewegt sich frei — ebelftes Beispiel ber Besiegung eines schwachen Leibes durch ein starkes Herz. Ein starkes Herz, das ist es, was von da an diese sonderbarste und zugleich glücklichste ber Ehen beherrscht. Nicht mehr jung, schon tief ine Leden hineingereift, so reisen biefc beiben ßiebenben gleich Vögeln der warmen Sonne nach. Die Hinfälligkeit der Frau hat sich gemindert unb aufgelockert zu einer Zartheit, einem liebenswerten Gebrechlichsein. Dabei schwillt bas Dichterische in ihr reicher, ftrömenber benn je. Zeugnis dieser Zeit und dieser Liebe sind Gedickte der Jungvermählten, jene berühmt gewordene Sonette, die sie eines Morgens dem Gatten schenkte unb die, ba sie zuviel schon ben beiben zu verraten schienen, ber Oeffentlichkeu übergeben würben als vorgebliche Uedersetzung aus bem Portugiesischen. Das erste ber Sonette: »-™*| “Spunrt S'i-S LmSi-m ,»»<».» <• Wj» ^Milieu Und es geschah mir einst, an Theokrit zu denken, der van jenen süßen Jahren gesungen hat und wie sie gütig waren und gebend und geneigt bei jedem Schritt; und wie ich sah, antikischem Gedicht nachsinncnd, sah ich durch mein Weinen leise die siitzen Jahre, wie sie sich im Kreise ausstellten, traurig, diese van Verzicht lichtlasen Jahre: meine Jahre. Da stand plötzlich jemand hinter mir und ritz aus diesem Weinen mich an meinem Haar. Und eine Stimme rief, die furchtbar war: „Rate, wer halt dich fa?" — „Der lob gewiß." „Die Liebe", klang es wieder, sanft und nah. - ml iten mit H id; um toi iger »I unb 6oi I igen ein t c. .fjöm I . Ifinbil | , ionbern |t haben; in Jruit letroillen, verlang l un|(t(s jfen, will Und Bill ; | 15, immer' i ist. $« wne. Bit l es nicht j ■rlaubt u j Broroniw Mensch», heimlich j Jroronini, end: »ich1 grau: । mit |ti«« i 5 an to: igromninj s nroarl»1 aber i«-1 r Freit«! - re Gesicht, plauberten er feine' ®0r«i| n 5i)ut, alb ent ehrt, th n, bann B. er ihi •‘er (i#; O Unb en, noif bariibn n. einem jimnttt IchtM üichlo, .schreibt, «chreibi, ihm 6w Dieser Liebe entsprießt ein Sohn, ein weiteres unb schönes Kind S’ein Schatten bunfett über solcher Gemeinsamkeit, wenn man nicht einen Schotten nennen will, baß auch nach Jahren unversöhnlich Herr Barrett er jo spat aus seiner väterlichen Zucht Entflohenen noch grollt unb ihr ,nb ihrem Kinb zu begegnen schroff sich weigert. Nein, kem Schatten timkelt Denn baß bie Zeit hingeht und daß darüber dem großen Kind Äobert Browning die sehr stark, sehr zart geliebte Mutter stirbt — bas ft nur jenes Gleiten immer tiefer die Bahn hinab, jenes Bedmgtsein lurch Gesetze, über benen erst das Einzelschicksal sich entfaltet. Und so nar es schließlich auch saft kein Schatten mehr, als unversehens aus den Urmen des Mannes bie leicht Schlafende ein sanfter Tob nut stcy nahm. Robert Browning: „Bis zu ber Zeit, ba ich sie Wiedersehen werde für immer werde ich diese Erinnerung im Herzen tragen: wie ihr Gesteh Im Ausdruck der erfüllten Liede sich verklarte unb wie fie starb, ben Kops in meine Wange gelehnt. ■---------------------------------- Lob des Odenwaldes. Von K. H. R u p p c l. Copyright 1930 by I. L. A. Vb ien. w7r über Lob unb Tabel bes Stäblers erhaben. Ihm war's genug, wenn seinesgleichen ihm Ehre gab. Da die Bürgermeisterstochter so klug unb tapfer rebete buchte ber Karl: „Wo bu mit beiner Weisheit zu End bi ft, fangt ber Annegret >1) Er wollte hinzufetzen: „So is es meinem armen Vater gangen . aber er unterbrürftc bie bittere Regung unb sprach: „Etz auf ben schonen Straften bie sie bie Boulevarbs heißen, ba merkst bu nix von Krankheck unb Elenb. Da is alles eine Pracht unb Herrlichkeit. Mir war s freilich doch zu eng. Hab' als nach Luft geschluckt. Ich muß weit sehn können, sonst is mir net wohl." Die Annegret verstaub seine Empfindungen unb fie ie>ODtelJie in ber Stabt auch gelernt hatte, recht behaglich hatte sie sich bort nicht gefühlt. Sonntags nach ber Kirche war sie zuweilen aus ben Turm gefhegen bloß daß sie non fern bas heimische Gelanbe sah. Die Stäbler hatten Ja feine Ahnung, was es hieß, mit dem »oben, ber einen nährte, verwachsen zu sein. In ber Haushaltungsschule hatten die Bauersmadchen ben Stabte- tinnen gegenüber einen harten Staub. Eine Wormserin trug bie Nase o hoch als ob fie den Mond damit anfpieheii wollte, und führte gegen die bäuerlichen Schülerinnen verächtliche Reden. Der Dun(el hatte fie den umgibt es. Aber man traut* biefer Natur ihren ^"^llen° aus"Äng!° "echt zu. Man mürbe sich ba nicht ins Gras legen wollen aus AmM, Halme zu verbiegen. Es ist bahinlen merkwurb g f ’ -die Natur hat etwas von den großen kühlen Hallen eines rjfl«« Jltu ’leums, in bem man sich zu stiller Zwiesprache mit einem befand g Der Odenwald ist eine morgendliche Landschaft. Man lernt ihn am »leisten kurz nach dem Erwachen lieben, roenn der lichte ^onich des nähen Morgens die Hügel unb Hänge mit einer ichunmeri de <>fui liberfuntelt. Die Landschaft hat da noch feine eigentliche Farbe, hinter ^em schäumenden Weiß der morgendlich aufbrechenden S°nm' äeichne ich die Linien der Wälder und »liefen verlockend wie hinter einem Schleier ab. Man ahnt ein mildes und zartes Gesicht. In der Tatz wenn | iiie funkelnde »erbunftung ber nächtlich von ber ^eucht'gkeit uberkom- nenen Täler vorüber ist, liegt eine freunblidje, «"S vielen kleinen Formen jufammengefeötc Gegend vor einem, bie in nichts mehr an durch chren Namen kundgemachte heroifche Vergangenheit "innert Bon den Jagdgründen des hirfchhetzenden Odin fchemen nur die Lichtungen au ^ie'Nachfahren gekommen zu fein, a u fde rcn heblichgem" stjr tc'n Deppi ) »inn sich weit eher die minnefchlanke Göttin tfreia denn .>p"rschleuder iinb schildzerhaucnbe Helben vorstellen kanir Dennoch ist Jadjelnb I Odenwald der Ort des fchmählichen Verbrechens an dem Hilden Z--' il rieb gewefen. Wenn ich nicht irre, streiten sich sogar mehrere Platze um das Recht der schmerzlich schänen Empfindung, ihre Blumen aus den : Blut des schändlich Gefällten entsprossen fein zu lasten Wie dem auch | «i, sicher ist, daß fein Name heute noch daraus h'ndeutet baß der Odem I »alb jemals ein so uiiliebensroürbiges Amphibium wie ben c.roch Siegsriebssage in seinen Grünben.beherbergt hat. Bewegliche Eidechsen, k bin man hin unb wieder durch die Graser Huschens!), »rufehen -uch degenerierte - Abkömmlinge Isnes gefräßigen Gewürms anzufehen, I ermangelt meines Erachtens ber wiffenschaftlichen Beroeistraf ■ ... Den Odenwald muß man sich von Norden na£6 ~ s ollen Ä ber fboji! »n y Bo > ‘ün erüt1’1 nt b's jii, >,e »M liebten Stück leise und unbemerkt verlieren kann. Der Odenwald, der arm an Denkmälern der Kunst ist, hat sich da ein Zwifchenreich geschaffen, das als ornamentale Natur sozusagen eine Verbindung zwischen frei entwickelter Natur und planvoller Kunftsorm darstellt. Das Auge freut sich an schänen Lichtungen und würdevollen Baumgruppcn, aber es geht ein wenig auf Kosten des Lebendigen. Otzberg, Lichtenberg, Fürstenau, ein paar Odenwaldburgen. Sie sind nicht angeschwärmt wie die Rheinburgen, ihr Ruhm ist bescheidener, von örtlicher Intimität gleichsam. Der Otzberg, breit und plump, ein stumpfer Kegel, liegt wie eine Wachlburg am Eingang des Odenwaldes. Ein Dorf befindet sich ba, eine Stabt, Hering geheißen, ein prachtvoll krummes, buckliges Nest. Nichts auf der Welt vermag zu erklären, wie diese aus Sand und Trockenheit zusammengeklebte windschiefe Architektur zu dem maritimen salzigen Namen kommt. Vielleicht muß bas bei bem dick- föpfigen Berg so sein, aus reiner Lust am Wiberspruch, akkurat so, wie bu es niemals glauben würbest. Otzberg, Motzberg — etwas Ausbegeh- renbes, Widerborstiges liegt darin. Lichtenberg dagegen ist hell und freundlich, ein Cafe, das sich aus Laune als Schloß aufgetan hat. Die das gebaut haben, waren ruhebediirftig und friedlich, mögen auf dem Otzberg Raubritter gehaust haben sich weiß es nicht, historisches Interesse habe ich nie an- den Dingen gehabt, ich träume eben so durch bie Lanbschast durch; war es so, bann freut es mich, war es nicht so, bann bekümmert es mich nicht, niemand braucht zu glauben, was ich sage); die Lichtenberger waren sicher zu Standesherren avanciert unb haben Rüstungen unb Harnische gewiß nur wegen ihrer bekorativen Verwendbarkeit geschätzt. Fürstenau endlich, ein Talschloh, efeuumsponnen, mit einem einladenden, mit weiter Geste grüßenden Torbogen und vielen kleinen verliebten Fenstern, ein kleiner nordischer Tempel der schnell- s listigen Göttin Diane. Man weiß manchmal nicht recht, warum die Odenwaldschlößchen gerade an dieser Stelle stehen; es ist im Grunde keine zwingende Verbindung mit der Landschaft da. Aber man weiß es so wenig wie bei den Blumen, sie stehen doch am richtigen Platz. Mgn kommt eine Anhöhe herab, man ist auf bem Gipfel eines Berges, man schreitet in ber Windung eines Talweges, vlötzlich tauchen die Gebäude auf unerwartet, aber mit einer freundlichen und angenehmen lieber» raschung. Ich habe es schon gesagt, ber Odenwald ist aus vielen kleinen । Formen zusammengesetzt; die wechselnden Ansichten, das von innen Bewegliche ber Lanbschast, gehören zu seinem Wesen. Je weiter es nach Süden geht, desto geräumiger, fester, gefügter wird bie Gegenb. Die Berge bekommen klare und zusanimenhängenbe (Silhouetten, die Wälder stehen in schönen, gefaßten Gruppen, der Boden wird übersichtlich und terrassiert. Kurz vor Eberbach liegt dicht bei ber Bahn ein kleiner, merfroürbig klarer, ständig von kleinen leichten Wellen gekräuselter See. Die Berge treten vom Uferranb ziemlich zurück, so daß sich an heiteren Tagen ber Himmel in ber ganzen Fläche bes Sees spiegelt. Das gibt ihm etwas Durchsichtiges, Schimmernbes unb Kühles, fast wie bei ben Alpenseen. Alles Kleine, Zierliche ist ba völlig ver- fchwunden, bie Lanbschast wirb bestimmt unb markiert sich mit deutlichem Eindruck. Einmal an einem Sommertag bin ich zu sehr früher Morgenstunde I über den Krähberg gekommen. Unter mir Härte ich bie Eisenbahnzüge I burch ben hohlen Berg wie burch ein Gewölbe donnern. Die Sonne bestrich langsam die geraden Fichtenstämme, erst waren nur die Spitzen I in ein kühles, wie nebliges Licht getaucht, bann würbe es wärmer unb I dunkler, es kam tiefer unb spannte sich wie golbene Decken zwischen die Aeste, schließlich legte es funfelnbe, vom Winb wie im Tanz bewegte I Kreise auf ben warm geworbenen Boben. Gerade als so die ganzen I Höhen ins Licht gekommen waren, trat ich aus dem Wald hinaus. Da lag die Landschaft im Dampf und Glanz ber Frühe, und bie Abhänge I ringsum waren goldbespiegelt wie die Wände eines blanken Kessels. Die Dörfer zogen sich, bunte Flecken, vom Tal zur Höhe, unb bie hohen I silbergrünen Halme bes reifenben Getreides spielten wie Wellenkämme I den Hang hinauf, roenn der Morgenwind sie mit anmutiger Gewalt von I unten faßte Ich war noch vom Wunder des wachsenden, auf der Hohe fast brausenden Lichtes erfüllt, als die hellen und scharfen Stimmen der I Glocken in reinen unb kühnen Intervallen zu klingen begannen unb der erwachte Tag sich ankündete im Staub, der in feinen grauen Wolken I heraufgewirbelt kam. Oie pariser. Roman von Alfred Vock. (Fortsetzung.) Mül sich und legte sich nieder. Zu an seine 'Arbeit. — (Fortsetzung folgt.) % Derantwortlich: Or. Hans Thhriot. — Druck r-inb Derlag: Brühl’fche Universitäts-Buch, und Steindruckerei, B. Lange, Gießen vor mich hinbabbeln kann zu viel Respekt, das; ich W oon * Barbara. ** wenig. N W is es ein Vogel ohne Flügel. Ctz ungedankfen* ich net. Und hab' vor unferm Herrgott viel ihn mit Lappali aushalten möcht'." Sie bot der Blutter gute Nacht, entkleidete rN Äl| W( 1% Ijhl Ipe r'ö t »et< kit (9| Mel Iwnt kch i Mteiüe Selb k'M tor1 M it Verstand an." Grundgefcheit war sie und hatte einen praktischen Blick. Das mußte der blasse Neid ihr lassen. — Der Sturm, der tagsüber geruht hatte, setzte mit einem Male wieder ein. Dabei sprühte ein seiner Regen nieder. Eine Zeitlang gingen die jungen Leute dem Wetter entgegen, dann kehrten sie um. 'Als sie das Taubertsgäßchsn wieder erreicht hatten, sagte der Karl: „Im Frühjahr gedenkt meine Mutter ihr Auszugshüusi zu bauen. Dernach sein ich der Herr." Allerlei Pläne schwebten ihm vor. Er wollte die Dränierung erweitern, wollte den Boden nutzbringender bearbeiten. Nicht daß feine Mutter vernünftigen Neuerungen abhold gewesen wäre, nur schien es ihm ungut, ihr ins Werk zu reden, nachdem sie all die Jahre auf ihre Weise gewirtschaftet und sich redlich abgerackert hatte. Nach einem'Vortrag, den der Oekonomierat Horn aus Friedberg kürzlich im „Lamm" gehalten, hatte er sich landwirtschaftliche Bücher angeschasft. Die hatten ihn angeregt, darüber nachzudenken, ob das, was er gedruckt vor sich sah, mit seinen Erfahrungen übereinstimmte. Mancherlei Verschiedenheiten waren durch die örtlichen Verhältnisse bedingt, allein es war offenbar, daß vieles aus dem miitterlichen Hof geändert und verbessert werden-konnte. Die Annegret lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit. Hier war sie ganz in ihrem Element und hielt nun auch mit ihrer Meinung nicht zurück. Ob sie dem Karl recht gab ober eine andere Ansicht vertrat, immer ließ sie die überlegfame Haushälterin erkennen. Man müsse dem Acker viel leihen, wenn er mit Zinsen zurückzahlen solle, das galt ihr als Grundregel jeglichen landwirtschaftlichen Betriebs. Wer gewinnen wolle, dürfe Opfer nicht scheuen. Trotz alledem sei Sparsamkeit für den Landmann die oberste Satzung. Sie unterhielten sich nicht anders wie verständige Brautleute, die sich mit der Absicht trugen, eine Wirtschaft zu übernehmen oder neu einzurichten. Einen Büchsenschuß weit von des Bürgermeisters Hosreite roar’s, daß der Karl, die Hand der Annegret fester saftend, mit stockender Stimme sagte: „Wann im Frühjahr alles so läuft, wies' laufen soll, brauch' ich auch eine tüchtige Frau." e „Ja, Karl, die brauchst im", versetzte sie leise, von einem tiefen Gliicks- geftihl durchdrungen. Weiter wurde die Sache mit keinem Wort berührt. Glock zehn Uhr trennten sie sich. — Als die Annegret in ihre Kammer trat, war die Mutter nebenan noch wach. Sie hotte in der Missionszeitung, die ihr der Postkreuder brachte, eine wundersame Geschichte von der Bekehrung eines schweren Verbrechers gelesen. Danach hatte sie lange gebetet. Das Gebet war ihr eine Wohltat, eine Befreiung. Jedes Wort, das sie emporschickte, dünkte ihr ein Schleuderstein wider den Versucher, der sich ihr als ein Goliath entgegenstellte. Was sie betete, schrieb Gott im Himmel droben auf. Half er nicht gleich, verlor sie darum nicht die Geduld. Er vergaß sie nicht und gab ihr doppelt und dreifach dereinst in freudvoller Ewigkeit. Daß in ihrer Familie so wenig gebetet wurde, daß die Weltgedanken darin die Oberhand hatten, war ihr ständiger Kummer. Die 'Annegret hörte diese Klagen nicht zum erstenmal. „Mutter", sagte sie, „zum Beten soll man teins net nötigen. Das muß jedes mit sich abmachen. Wann das Gebet net aus dem Herz kommt. Doch wollte kein Schlaf in ihre Augen kommen. In ihren Ohren klangen noch die Worte des Spechtskarl: „Wann im Frühjahr alles jo läuft, roie's laufen fall, brauch' ich eine tüchtige Frau." Und sie spürte den Druck seiner Hand. Es war keine Täuschung möglich, er warb um sie, stand am Verlobungsrand. Sie war überfelig. Was war der Karl für ein prächtiger Mann! Die Gutheit leuchtete ihm aus den Augen. Und was er sprach, hatte Sinn und Verstand. Einen Dummrian hätte sie auch nie genommen. Sie schenkte sonst nicht leicht jemand ihr Vertrauen. Das mußte erst Wurzel lassen, mußte langsam wachsen. Merkwürdig! Dem Karl gegenüber roars gleich in die Höhe geschossen wie eine Wunderblume mit Blättern und Blüten. Und alle Schlösser und Schlößchen waren bei ihr aufgesprungen, daß sie nichts, rein nichts vor ihm verbarg. In vielen erinnerte er sie an ihren verstorbenen Bruder, dem sie innig zugetan war. Zuweilen, wenn er herzlich lachte, meinte sie, der Heinrich sei wieder lebendig geworden. Je näher sie ihn kennen lernte, desto mehr wurde sie ihrer Fehler inne. Sie hatte mancherlei Fehler. Bor allem den, daß sie öfter ihrer üblen Laune die Zügel schießen ließ. Sie wollte niemand wehtun. Herz und Zunge waren weit auseinander. Das fuhr heraus, sie wußte nicht wie, und sie rafaunerte über Gott und die Welt. War sie nun mit dem Karl zusammen, fielen Gereiztheit und Mißmut von ihr ab wie Schlacken. Und kam ein wunderbarer Friede über sie, daß sie alles in einem reineren Lichte sah. Eh' daß der Karl ihr Schatz gewesen, hatte sie mit Bangen in die Zukunft geschaut. Der Vater in seiner unbegreiflichen Schwäche gab in die Sagemühle Geld um Geld. Schloß er einmal die Augen — dessen war sie sicher — brachte ihr Bruder, der Philipp, seine Habe durch und machte auch vor dem väterlichen Hof nicht Halt. Schutzlos waren die Mutter und sie seinem Leichtsinn preisgegeben. War der Karl aber erst ihr 'Kann, würde er dem Windbeutel das Handwerk legen und über den Besitz der Familie wachen. Während ihre Gedanken bei dem Liebsten weilten, warf sich dieser ruhelos auf feinem Lager hin und her. Sonst hatte er breit und fest auf feiner Scholle gestanden, jetzt fühlte er den Boden unter sich wanken. Etwas Falsches, Unehrliches war in sein Wesen gekommen, das ihn mit Berger und Scham erfüllte. In der Spinnftube unter den Mädchen war * gedankenlos. VI. Am Südende des Dorfes flaute sich der Hesselbach zu einem kleine« I < Teich und floß bann in südöstlicher Richtung durch ein anmutiges Wiesen > tat. Hier lag, ein Mertelstündchen vom Dors enUernt, die Säaemüijltl des Philipp Wallenfels. Dem Bach zunächst erhob sich der Hauptbau, bieI r ehemalige Rodmühle, mit bem gewaltigen Schaufelrab, besten Iriebtrm; in ble neu errichtete Schneidehalle übergesührt war. Es würben Bohlet I' geschnitten, Bretter, Riegel unb Latten. Das Gatter war stark genuft | bie Spannung mehrerer Sägen auszuhalten. Ein Schlitten schob büi Stämme vor. Die Maschine zu bedienen, lag dem Rohnspeter und bei’, kleinen Hillgärtner von Kallenbach ob. Beide waren gelernte Zimmer- i leute. Während der guten Jahreszeit hatten sie vollauf zu tun, im Winter |1 konnten sie fich's behaglich machen. — In der Frühe eines klaren Novembertags wurden vor der Schneide- Halle Holzer abgelaben. Der Lieferant, der Holzhändler Hahn von Geilshausen, war selbst zur Stelle, mit dem Sägemüller abzurechnen. Der laj noch in den Federn, wie seine Wirtschafterin, die alte Bermel*, meldete. Dem Holzhändler war mancherlei über die leichtfertige Geschäftsftihrurri des jungen Wallenfels zu Ohren gekommen. Er wollte bie GelegenheitI benutzen, einmal auf ben Busch zu klopfen. Der Rohnspeter, ber ein Soha feiner Schwester unb bas Faktotum auf ber Mühle war, konnte ihm hii beste Auskunft geben. Darum nahm er ihn beiseite. „Wie geht bann 's Geschäft?" „So lala." „Alleweil pressiert's net?" „Nee." „Gelle, ihr habt Holz gekauft?" „Ja." „Könnt ihr's bann etz brauchen?" „Freilich. Wir haben boch bie Lieferung fürs Bergwerk." „Das mußt' ich net emaL" „Samstag tarn he aus ber Stabt unb fagt's." „Was kriegt he bann?" „Wink** genung." „Wieviel?" . „Für ben Kubikmeter siebzehn Mark." Der Holzhändler schlug die Hände zusammen. „Siebzehn Mark? Kreuzkränk! Da legt he ja Geld drauf." Der Peter zuckte ble Achseln. I „He benft: besser gehanbelt unb eingebüßt, als daß bas Geschiss! 1 still steht." Der Holzhändler kratzte sich Hinterm Ohr. „Das nimmt kein gut’ End'." „Vorderhand stoppt der Bürgermeister die Löcher zu." „Der tiefst' Born schöpft sich aus. Donner aber auch! Was stellt l|f I sich bann eigentlich vor?" „Daß sieben Pfund Rindfleisch eine gute Supp' kochen", platzte der I Peter los. „Der is lauter Welt. Statt daß er sich um sein Werk tümnutt, I schwefelt er in ber Stabt crum. Ehnber ich auf die Mühl' kommen fein,! war hier bie rein’ polnisch Wirtschaft. Unb is viel uerruiniert morden I Guckt Euch etz emal bie Sägen an. Das ist all fein geschränkt unb ge-1 schärft. He eftimiert das gar net. He is halt aus den Wagen zu kurz un.D I -aus ben Karren zu lang. Mik so Leut' is net auszukommen. DessentwegenI bleib’ ich auch net." Dem Holzhändler schien bie Sache nicht geheuer. Der Philipp schul- I bete ihm eine beträchtliche Summe. Sicherheit bot er nicht. Weil der I Vater vermögend mar, gewährte man bem Sohn Krebit. Aber alles halt'I seine Grenzen. Als umsichtiger Geschäftsmann mußte er vorbauem Da - Richtige war, wenn er versuchte, vom Bürgermeister einen Bürgschaft^ schein zu erlangen. Unb zwar sosort. „Wie lang schläft he bann?" fragte er, auf ben Hauptbau beutend seinen Schwestersohn. Der Peter lachte. „Bis die Kuh ein’ Batzen gilt." „Dann mach’ ich mich fort. Ich hab' für uns' Lehrer im Dorf nw > I er Immer einer der Stillsten gewesen, bei der Annegret redete er n», ein Wassersall, viel mehr als er verantworten konnte. In der Tiefe fein« MM Seele roar’s heut aufgeblitzt: deine Mutter lebt nicht ewig. Was für ein gute Gehilfin könnt' dir das Mädchen roerden. Er hatte ben Gedanke«, IflA den er wie begangenes Unrecht empfand, gleich wieder in sich erstich INH Fehlte nur noch, daß er aus der Rolle gefallen wäre. Oder war ers III nicht schon? Nachgerade war ihm die „Kumedie" zum Ekel. Konnte ir If I nicht auf geradem Weg zum Bürgermeisteramt kommen, auf krummen wollt er’s nicht und leistete lieber Verzicht. Gut gesprochen, recht g„ sprachen. Heut zog sein Mut mit fliegenden Fahnen aus, morgen füll ihm das Herz in die Schuhe. Einmal in den Trug verstrickt, zog ihn eintI' dunkle Gemalt immer tiefer hinein. Bittere Reue mahnte ihn, dem Milk- c chen zu offenbaren, daß er fein.Spiel mit ihm trieb, die Kriegslist gebrt 1 = ihm zu schweigen. Es lag roie Nebel auf feinen Augen, daß er nicht nichti _ wußte, wo aus, wo ein. Sein erwachtes Gewißen läutete Sturm, und «t durfte nicht darauf hören. Denn jetzt bie Karten aufbecken, hieß zun’ Verräter werben an ber eigenen Sache. II bestellen. Ich sein schwinb wieder hier." „Ihr braucht Euch net zu beeilen", sagte der Peter unb ging wieder I