Gießener Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1952 Zreitag, den 22. Juli Nummer 56 Wo Bismarck liegen soll. Von Theodor Fontane. Nicht in Dom oder Fürste ngrust, Er ruh in Gottes freier Luft Draußen auf Berg und Halde, Noch besser tief, tief im Walde; Widukind lädt ihn zu sich ein: „Ein Sachse war er, drum ist er mein, Im Sachsenwald soll er begraben sein." Der Leib zerfällt, der Stein zerfällt, Aber der Sachsenwald, der hält. Und kommen nach dreitausend Jahren Fremde hier des Weges gefahren Und sehen, geborgen norm Licht trer Sonnen, Den Waldgrund in Efeu tief eingesponnen Und staunen der Schönheit und jauchzen froh. So gebietet einer: „Lärmt nicht so! Hier unten liegt Bismarck irgendwo." Eine Wallfahrt zum Fürsten Bismarck. Eine Erinnerung an den 24. Juli 1892. An einem Samstag des Juli 1892 faßen nach getaner Arbeit drei Freunde in der Weinwirtschaft von Pfeiffer in der Schiippengasse, dem „Boulevard des Schippes", wie die Frankfurter sagten, zusammen, um bei einem Viertelchen Weißwein die Arbeit der vergangenen Woche Revue passieren zu lassen und um Ausschau in die Zukunft zu halten. Fachsimpeleien kamen bei ihnen nicht auf, denn der eine war Redakteur des Frankfurter Journal, -der andere Bankbeamter und der dritte Eisenbahnsekretär. Verschieden im Berus, waren sie aber eins in dem Streben, sich weiter zu bilden und vorwärts zu kommen, nebenamtlich durch Journalistik und Stenographie, worin die beiden letztgenannten es damals schon zu einer in Frankfurt vielbeachteten Fertigkeit gebracht hatten, Geld zu verdienen, um dieses wieder in Bildung umzusetzen. Das Gespräch kam auf den Fürsten Bismarck, auf das betrübende Verhältnis zum Kaiser, auf seine Reise nach Ungarn zur Hochzeit seines Sohnes mit der Gräfin Hoyos und auf die unliebsamen Vorkommnisse, di« sich im Anschluß an diese Reise im Verhältnis zum Wiener Hof abspielten. „Wißt Ihr auch," sagte Eduard, der Redakteur zu seinen beiden Freunden Hermann und Ludwig, „daß Fürst Bismarck Ende Juli nach Ktfsingsn zur Kur kommt, und daß «ine große Huldigungssahrt aus Baden, der Pfalz, Hessen und Frankfurt nach Kissingen geplant ist? Wie wär es, wenn wir an dieser Fahrt teilnehmen könnten. „Ja, gerne, aber woher das Geld nehmen?" Der Gedanke war zu schön, um weitergesponnen zu werden. Beim zweiten Viertelchen Wein kam die Erleuchtung. Man beschloß, die Journalistik und Stenographie wieder einmal in den Dienst der Sache zu stellen. Es gelang im Laufe der nächsten Tage, eine Reihe von Zeitungen für den Gedanken zu erwärmen, einen Bericht aus der Jeder Eduards und die Festreden, namentlich aber die Rede des Fürsten, im Wortlaut auf Grund stenographischer Aufnahme zu bringen. Die finanzielle Grundlage für die Reise war geschaffen. Das Frankfurter Festkomitee war auch rasch für -den Gedanken gewonnen, es wurden Sonderkarten ausgestellt, die bevorzugte Blage im Zug und bei der Feier gewährleisteten, und die Frage der Beschaffung dreier Zylinderhüte, die für die Mitglieder des Festausschusses vorgefchrieben waren, war auch bald gelöst. • ., Am 23. Juli nachmittags fuhren die drei nach Darmstadt, um mit Rücksicht auf die kommenden Anstrengungen und besonders auf die notwendig werdende Nachtarbeit früh zu Bett gehen zu können. Der L£tra= zug der Hessen ging am 24. Juli früh um 3 Uhr von Darmstadt ab. Aus der geplanten Bettruhe wurde aber nichts. Im Hotel fanden sich am Abend eine Reihe von Festteilnehmern ein, das gleiche Ziel, die een Gedanken schufen neue Bekanntschaften, und bald ichlugen d in der Begeisterung so hohe Wellen, daß an ein Loslosen aus Kreise nicht zu denken war. Unter den Tischgenossen befand sich auch der bekannte Odenwalddichter Schaefer, dessen begeisternde Reden auf alle «inen faszinierenden Eindruck ausübten. Um 1-30 Uhr gingen a ' einander iM dem Versprechen, um 3 Uhr am Bahnhof wieder zusammen- zutreffen und nach Möglichkeit ein Abteil zu belegen An Schlafen war nicht mehr zu denken. Pünktlich um 3 Uhr früh setzte sich der vollbesetzte, mit Blumen und Girlanden geschmückte Zug in Bewegung. 4000 Badenser, 1000 Hessen und Frankfurter, 300 Pfalzer und 600 Thüringer Mit den Fahnen des Reichs und der Länder geschmückt, begeistert von dem Gedanken, dem Gründer des Reichs einmal in die Augen sehen zu können, strömten der schönen Bäderstadt Kissingen zu, die alles an Fahnenpracht, Blumen, Gesang und Jubel ausbot, um den Gästen einen würdigen Empfang zu bereiten. Und über all dieser Pracht und Freude und Begeisterung leuchtete eine herrliche Sommersonne. Gegen 14 Uhr begann sich der gewaltige Festzug zu ordnen, wie das Los ihn bestimmt hatte. Unsere drei Freunde mit ihren geliehenen Zylinderhüten marschierten mit an der Spitze. Auf der lustigen Hinfahrt war ein neuer Gedanke aufgetaucht. „Wie wäre es, wenn wir außer den Zeitungsberichten eine geschloffene kleine Broschüre über den Verlauf der ganzen Wallfahrt verfaßten und den Teilnehmern zu einem billigen Preis anböten?" Der Vorschlag fand begeisterten Anklang, auf den einzelnen Haltestellen wurde von einzelnen Herren, namentlich dem Landtagsabgeordneten v. Wersternacher und dem Oberstleutnant Enneccerus Propaganda dafür gemacht und als der Zug in Kissingen einlief, hatten unsere drei Freunde bereits eine Bestellung von insgesamt 2000 Stück in der Tasche. Auf dem Weg von der Stadt nach der Saline war Zeit genug vorhanden, die Einzelheiten der Ausführung des Gedankens zu überlegen. „Donnerwetter, das war doch mal eine Sache." Immer neue Gedanken rauchten auf. „Wie wäre es, wenn man der kleinen Festschrift noch Bilder beifügen könnte?" Der Gedanke scheiterte aber an den leidigen Finanzen und die Schrift wäre auch zu teuer geworden. Tausende und aber Tausende standen zu beiden Seiten der Feststraße, als der Zug wie eine riesige Schlange unter den Klängen froher Marschmusik der oberen Saline zuwanderte. Je näher man dem Ziele kam, desto höher schlug das Herz einem jeden, und als man es endlich erreicht hatte und das ehrwürdige Haupt des Altreichskanzlers an einem Fenster des ersten Stockes sichtbar wurde, da brach ein Jubel aus, so mächtig, so begeistert, wie er wohl selten gehört worden ist. So mancher aber stand stumm und schaute feuchten Auges hinauf zu dem großen Manne, die Stimme versagte ihm in dem überwältigenden Augenblicke. Und der Fürst beugte sich hinaus zum Fenster und maß den nicht endenwollenden Zug mit überraschten Blicken, während in seinem Antlitz gleichzeitig tiefe Ergriffenheit zum Ausdruck kam. Die Fürstin stand hinter ihm und achtete daraus, daß das mächtige Haupt nicht am Fensterkreuz anstieß, als er sich weit vorbeugte, um die Länge des Zuges überschauen zu können. Im Innern des Salinenhofs wurde Aufstellung genommen. Gegenüber dem altersgrauen Salinengebäude war inmitten von grünen Lorbeerbäumen auf einem kleinen Hügel für den Fürsten eine Bank auf- gestellt, und vor ihr standen Schulter an Schulter die Taufende, des ehrwürdigen Augenblicks harrend, da der Fürst vor sie treten, zu ihnen sprechen würde. Da plötzlich durchbrauste ein tausendfacher Jubelruf den weiten Raum. Der Fürst ist am Fenster erschienen, um der versammelten Menge in ihrer Gesamtheit den ersten Gruß zu entbieten. „Deutschland, Deutschland über alles" ertönt feierlich von den Lippen der begeisterten Versammlung. Aber kaum sind die letzten Akkorde verklungen, da bringen neue Jubelrufe hinauf zu dem Fürsten, der nach allen Seiten sich dankend verneigte. Der Fürst hat sich vom Fenster zurückgezogen, um sich in den Hof zu begeben auf den für ihn bestimmten Ehrensitz. Begleitet von feinem Sohne Herbert, feinem Arzt Dr. Schweninger und feinem treuen Hund Ty ras, tritt er unter die Menge, die ihm ehrfurchtsvoll eine Gaffe frei macht und mit unendlichen Jubelrufen begrüßt. Ja, fo kannte man ihn, den alten Recken von den zahlreichen Bildern her. Ein schlichter schwarzer Rock umgibt die gewaltige Gestalt, um den Hals schlingt sich eine einfache weihe Binde, den traditionellen Schlapphut trägt er in der Hand, in der anderen Hand einen derben Stock mit langer eiserner Zwinge. Mit jugendlichem Feuer überblickt das blaue Heldenauge die huldigende Menge, nur bisweilen durchzuckt es wie Rührung die wetterfesten Züge. Der Sturm des Jubels hatte sich allmählich gelegt und nun traten die einzelnen Redner auf, um dem Fürsten Dank, heißen Dank zu sagen, für das was er in jahrzehntelanger Arbeit für unser Vaterland getan hat, ihm zu huldigen und das Gelöbnis unwandelbarer Treue zu Füßen zu legen. Es sprachen die Herren Geheimrat Prosesior Dr. Erdmannsdörfer aus Heidelberg im Namen der Gesamtheit, Bankpräsident Eckhard aus Mannheim für die Badenser, Rechtsanwalt S ch m e e I, Darmstadt, für die Hessen, Kommerzienrat K n L ck e l für die Pfälzer, Rechtsanwalt M u t h e r für die Thüringer, Oberstleutnant a. D. Enneccerus für die Frankfurter und Rechtsanwalt Dr. Wörter widmete der treuen Lebensgefährtin, der Fürstin Worte der Dankbarkeit und Verehrung. Vielfach wurden die Worte der Redner, deren Ausführungen auf einer beachtlichen geistigen Höhe standen, von minutenlangen begeisterten Rufen der Zustimmung unterbrochen. Nun war der ersehnte Augenblick gekommen, da der Fürst zu seinen Getreuen sprechen sollte. Lautlose Stille trat ein, als die Reckengestalt des Fürsten sich erhob. Man merkte ihm an, daß er erst der Rührung Herr werden mußte, tu %Ic Ihn die gewaltige Kundgebung versetzt hakte. Er rang mit den Gedanken, die er in Worte umsetzen wollte, die aber dann so kristallklar und packend zum Ausdruck kamen, so daß er sofort die Tausende in seinen Bann geschlagen hatte. Seme mächtige Stimme hallte weithin über den Platz, so daß seine Rede auch ohne Lautsprecher, die es damals noch nicht gab, bis in die letzten Reihen deutlich zu ver- zu bringen, aber einige Gedanken aus der Fülle besten, was er feinen Zuhörern zu sagen hatte, und die bleibenden Wert haben, sollen aus der Vergessenheit herausgeholt werden. Er dankte zuvörderst herzlich für die Begrüßung, die von einer Großartigkeit sei, wie sic noch niemals einem deutschen Minister der Neuzeit zuteil geworden sei. Mit leiser Ironie fügte er hinzu „auch mir nicht, so lange ich im Dienste war". Er lehnte den Dank für seine Person ab, die Anerkennung gelte dem Werk an dem er mitgearbe,tet habe Es kann der Einzelne, wie ich z. B., den Strom der Zeit nicht Herstellen, er kann auf ihm das Staatsschiff steuern nach feiner Ansicht und Ueber- zeuoung, steuert er es mit Glück, so hat er seinem Lande gut gedient, steuert er es mit Ungeschick, so fällt er in Vergessenheit. Den Strom, den ich meine, das Drängen der deutschen Ration nach Einheit, nach dem Leben einer großen Ration in der/Mitte von Europa, war langst vorhanden, wie ich geboren wurde. Er machte sich kenntlich in den Freiheitskriegen er wurde aber gleichsam galvanisiert von den Bewegungen in dem westlichen Nachbarlande in den Jahren 1830 und 1848. Aber es gelang ihm nicht den Durchbruch, die volle Fahrt zu gewinnen. Ich möchte, um als Jäger zu reden, sagen: .Der erste Versuch brannte von der Psanne'." Er gab nun in wundervoller Klarheit ein Bild von der Entwicklung des deutschen Gedankens, zeigte, daß es notwendig war „daß alle deutschen Stämme den Hammer schwangen, der unsere Einheit geschmiedet hat. Es war notwendig, daß alle zugeschlagen haben, daß sie sich alle mrt Genugtuung und mit Stolz ihrer Beteiligung an dem Krieg erinnern, bet bem wir uns das Deutsche Reich und die deutsche Kaiserkrone aus den französischen Bataillonen herausgeholt haben." Er bewies die Notwendigkeit des Krieges mit Frankreich: „So lange Frankreich Elsaß besah", sagte er, „war Straßburg mit seiner starken französischen Macht stets eine Bedrohung, gegen die wir uns nicht rasch genug wehren konnten, wie die Pfalz und die Badenser leider ja vielfach erfahren haben. ." „Ich habe in meiner politischen Zeit stets die Sorge gehabt daß wir mehrere Großmächte gleichzeitig uns gegenuberstehen haben 'würden, Koalitionen, denen damals unsere Militarkraft noch nicht gewachsen war. Heute glaube ich, würde sie es fein, ich hoffe zu Gott. Der Fürst schilderte eingehend, daß für die Herstellung des Deutschen Reichs ein gewisses Maß von Diktatur und konzentrierter Gewalt notwendig war, denn es sei ein altes Sprichwort: „Um einen Eierkuchen zu backen, muß man Eier entzweischlagen", und das ginge nicht immer ohne Verstimmung ab. Er habe sich dadurch viele Feinde schaffen müssen. „Daß. diese mich noch hassen, ist mir befriedigend. (Bravo)... Die Teilnahme an meinen Arbeiten ist in dem Südwesten Deutschlands stärker gewesen als im übrigen Deutschen Reich. Gott erhalte sie, die Herzlichkeit der Süddeutschen. Der Verstand ohne Leitung des Herzens irrt doch häufiger, als er selber a n n i m m t." „In der auswärtigen Politik find wir Deutsche in der Mitte von Europa. Wir find auf Zusammenhalt angewiesen mehr als irgendeine andere Nation und wir haben leider weniger Anlage dazu wie andere Nationen. Die anderen Nationen sind fügsamer als wir. Bei uns ist die Meinung eines jeden oft schwerer zu bekämpfen, als es bei Polen, Romanen und Slaven der Fall ist. Aber wir müssen zusammenhalten, wenn wir nicht verlorengehen wollen ... Die Einheit ist die erste Bedingung, und das Parteiwesen ist eine bedauerliche Sache. Ob es gelingen wird, es zu bekämpfen, das gebe Gott, aber ich fürchte es heißt auch: Naturam ex- pellas furca tarnen usque recurret." (Treibst du Natur mit dem Knüppel auch aus, sie kommt doch stets zurück.) „In der inneren Politik macht sich die Selbständigkeit der Parteien mit derselben Energie fühlbar, wie die des Individuums. Jede Partei glaubt, daß fie die Alleinherrschaft für sich im Deutschen Reich erwerben kann und lehnt es deshalb ab, den ihr nahestehenden Parteien irgendeine Konzession zu machen, und doch wiederhole ich den Satz: Das ganze Verfassungsleben ist eine Reihe von Konzessionen, die man sich gegenseitig zu machen hat. (Bravo.) DieextremenunsererParteiensind in Deutschland nicht regierungsfähig, wir können weder eine katholische noch eine evangelische Theokratie in Deutschland vertragen. (Zustimmung.) Wir müssen uns als weltlicher Staat regieren. Zu ruhiger Dauer und sicherer Regierung können wir nur dann kommen, wenn wir auf jede extreme Richtung verzichten, nur zu einer Regierung im Sinne der Durchschnittsanschauungen der gebildeten Deutschen — ich sage ausdrücklich der gebildeten Deutschi n — kommen, denn von unten herauf können w i r nicht regiert werden, denn die Jagd nach Stimmen ist stärker, als die vernünftige Erwägung dessen, was zu tun ist. Das ist das Unglück. Ich habe, als ich noch Minister war, versucht, durch eine Verschmelzung der mittleren Parteien diesem Uebelftanbe einigermaßen abzu- helsen. Man kann ja nicht über alles einig werden, aber doch über vieles, und über das, worüber man einig werden kann, sollte man doch nicht zögern, sich zu einigen ... 'Aber nichtsdestoweniger glaube ich, daß alle diejenigen, denen an einer Befestigung unserer verfassungsmäßigen Zustände liegt, daran arbeiten sollten, diese Grenzgräben zwischen den verschiedenen Fraktionen, zwischen den erhaltenden, reichstreuen Fraktionen zu verflachen und wo möglich zum Verschwinden zu bringen. Wir können nur auf diesem Wege den Reichstag, der ein Brennpunkt unserer nationalen Einheit sein soll, auf der Höhe der Autorität erhalten, die ihm verfassungsmäßig zugedacht stehen war. Es ist aus Raummangel nicht möglich, die ganze Rede im Wortlaut au bringen, aber einige Gedanken aus der Fülle dessen, was er seinen war. Sobald der Reichstag ohne eine feste Majorität oder Bündnisse von Fraktionen beieinander ist, so können die acht oder neun selbständigen Faktoren nicht hindern, daß der Reichstag mehr und mehr in seinem Ansehen im Lande und bei feinen Wählern zuruckgehi, und das würde ich für ein großes Unglück hatten. Wir brauchen den Reichstag, wir müssen ihn stützen und fördern, und das können wir nur, wenn wir eine Verschmelzung der gesamten Parteien, die den gebildeten Bürgerstand, wobei ich den höchsten Bürger des Reichs nicht ausschließe, umfaßt, wenn es uns gelingt, dies anzubahnen bei den Wahlen und auf dieser Basis eine wirkliche Verfassung s- mäßige Regierung zu bilden. Wenn der Reichstag in Mißkredit kommt wegen innerer Unverträglichkeit und Mangel an Selbständigkeit, wie ich dies in den letzten Jahren befürchtete, würde das eine große nationale Kalamität fein. Denn der Reichstag f oll der Brenn- punkt unserer nationalen Einheit sein..." Nach der mit brausendem Jubel und begeisterter Zustimmung aufgenommenen Rede des Fürsten sprach noch Fabrikant Thorbecke, Mannheim, der sich um das Zustandekommen der Feier große Verdienste erworben hatte. Seine Worte klangen in einem Hoch auf Graf Herbert Bismarck und seine junge Gemahlin aus. Zum Erstaunen aller erhob sich hierauf der Fürst nochmals, um im Anschluß an die Worte Thorbeckes sein Verhältnis zu Oesterreich klar zu legen und den Gerüchten entgegenzutreten, als sei er, der Schöpfer des Bündnisses, neuerdings ein Gegner desselben. Nach herzlichen Dantes- warten des Grafen Herbert fand die erhebende Feier mit einem Hoch auf Kaiser und Reich ihr Ende. Dei Fürst mischte sich bann unter die Festteilnehmer, dankte Herrn Thorbecke nochmals herzlichst für die gewaltige Kundgebung und tränt aus dem ihm dargereichten Maßkrug mit den Worten: „Ich trinke den Krug auf Ihrer aller Wohl", und mit einem schelmischen Seitenblick auf den ihn betreuenden Leibarzt Dr. Schweninger: „aber nur di- üblichen sieben Schluck". Non den Taufenden, die dieser eindrucksvollen Kundgebung vor 40 Jahren beiwohnten sind viele, sehr viele nicht mehr unter den Lebenden — von den drei Freunden sind zwei auch schon gestorben, den lieben lebenden werden aber die herrlichen Stunden in Herz und Seele geschrieben sein, denen aber, die nicht dabei waren, der heutigen Generation. mögen die Worte des Altreichskanzlers, die heute noch ihre volle Gültigkeit haben, eine ernste Mahnung fein. L. G. Bayerische Seen. Von Käte Brandel-Elschner. Der Starnberger See. Er liegt von München genau nach Süden, zwischen der Großstadt und- dem Gebirge. An Föhntagen scheint die schneebedeckte Kette der Alpen so nahe, als fliege sie gleich hinter dem blauverhangenen Südufer auf Bewaldete Hügel, Gärten mit weißen Villen, herrliche Sommersitze von. Münchener Künstlern liegen dicht um den langgestreckten blaugrünen See. Starnberg, Feldafing, Possenhofen, Tutzing sind die sauberen Orte, die sich am Westufer entlang ziehen. Berühmte Fremdenorte find es heute mit erstklassigen Hotels, — die ehemals kleinen verträumten Fischerdörfer. Vor Feldafing liegt, heute noch wie mit Märchenzauber überspannen, die Roseninsel. Im versallenen Schloß steht einsam die weiße Büste jener unglücklichen Königstochter, die ihre Liebe zu Ludwig II. als österreichische Kam serin vergessen sollte. Weit über dem See, unter dem Ostufer bei Schloß Berg, bezeichnet ein Kreuz im Wasser die Stelle, an der ein tragisches Konigsleben zu Ende ging. Schwimmend wollte der junge bayerische Köniz das Ziel feiner Sehnsucht, die Roseninsel erreichen. Der Tod stellte fidj zwischen ihn und die junge Kaiserin Elisabeth. Vom Mythos umsponnen, lebt heule (ein tragisches Geschick noch im Herzen des Volkes. Sieht das Westufer heule die internationale Wett in den Kurorten versammelt, besonders am schönen Feldafinger Golfplatz, so konnte sich das langgestreckte Ostufer den Frieden reiner Ländlichkeit bewahren. Weitere Uferstreifen dienen als Campingplätze für Wochenendfahrer und Wassersportler. Das riesige Bad am Südsee bei Seeshaupt trägt den stolzen Namen Lido. Ein Lido-Zug führt am Wochenende die sonnenhungrigen Städler an diese schönen Gestade. In drei wundervoll gelegenen Klubs ist der Segelsport am Starnberger See beheimatet. Zu den Regatten, die neben Jollen und Kieljachten: seegehende Kreuzer im Rennen sehen, kommen Segler aus vielen anderen Revieren, vom Wannsee bei Berlin, vom Bodensee, vom Zürichsee aus der Schweiz und von österreichischen Gewässern. Rur 25 Kilometer von München entfernt, ist der Starnberger See auf prächtigen Autostraßen schnell zu erreichen. Rast- und Zielpunkt von Tausenden, so grüßt er von weitem schon aus seinen grünen Uferbergen. Der Ammerfee. Er ist noch weniger von der Kultur heimgefuchl, als fein Bruder von Starnberg. Wenn auch uralte Klöster seine bergigen Ufer krönen, Andechs und Wartaweil bei Herrsching, Stätten ältester Pilgerfahrten, wenn landeinwärts trutzige Burgvesten liegen, — die Uferorte sind kleine Dörfer geblieben, die mehr den stillen Wanderer locken, als den hastigen Reisenden. Unendlich mild ist der Ammersee mit seinen Ufern, seiner durchsichtigen Lust, seinem Glockenklang von Kirche zu Kirche, seiner Ruhe und seinem warmen Wasser. Er ist vorzugsweise das Segelrevier der Augsburger, das Dorado der Paddler und Kanufahrer. Auf biedere Art sind die meisten bei Hotels und Gaststätten eingestellt. .. Von München aus erreicht man zu Bahn ober Auto das Ostuferstadtchen Herrsching in einer knappen Stunde. Es liegt an einer Bucht, von der aus die ganze Seebreite zu überblicken ist. Bei Weslsturrn, wir er manchen Sommer auftrat, bietet sich an der Uferstraße ein grandioses Schauspiel haushoch anrollender Wogen, die in wuchtigen Brechern DampfschifssteS und Mole iiberbrausen. Ein wundervoller Blick ins Hochgebirge tut sich an klaren Abenden vom Nordende des Sees, von Stegen aus auf. Ein Mpenglühn, wie es schone» am berühmten Rosengarten in den Dolomiten nicht leicht gesehen nnrO1- Für Autofahrer bildet Stegen mit Parkplätzen und Tankstellen, besonders aber mit seinen Seerestaurants ein beliebtes Ziel. Schondorf, Uffing, Niederau und Liessen heißen die Dörfer und Weiler, die am Westufer liegen. Der Chiemsee. Es ist etwas Eigenes um diesen größten der bayerischen Seen. Ein Stück südlicher Landschaft ist hier nördlich der Alpen ausgebreitet. Die ungeheure Weite des Wassers — 85 000 Quadratmeter Ausdehnung besitzt der Chiemsee — bewirkt es, daß die fernen User in silbrigem Dunst liegen. Im Süden vom Hochgebirge begrenzt, Hochgern Hochfelln sind die nächsten Gipfel, geht im Osten der See in Sumpf und Moorgelände über, verlaufen die Ufer im Norden in die Gegend uralter Siedelungen. Aus Zeiten der Völkerwanderung sind noch heute Ueberreste im Chiemgau erhalten. Die Hunneninvasion trug ihre Schrecken ins Land. Grauenhaftes Geschick erlitten die weltenfern auf den Inseln liegenden Klöster vor mehr als tausend Jahren. Die Inseln: Mit erhöhten Ufern ragt die größere, Herrenwörth, aus einem Gürtel von hohem Schilf. Hundertjährige Baumriesen beschatten den Weg zum Prunkschloh eines kranken Königs. Ein zweites Versailles, so sollte dieser riesige weiße Bau mit seinen gold- und spiegelüberladenen Sälen Heim und Zuflucht eines gehetzten Kroncnträgers fein. Schon verwirrten Geistes, genoß der phantastische Bayernkönig Stunden einsamer Größe hier. Mit jagenden Pferden aus München fliehend in tiefer Nacht, ließ er am Ufer sein Gefolge zurück, setzte auf kleinem Kahn über den See zu seiner geliebten Insel und schritt einsam die tausend Schritte vom Gestade hinauf, die breiten Treppen, im Angesicht des Schlosses, aus dessen Fenstern Zehntausende von Kerzen strahlten. Scharen von Reisenden ziehen heute schauend und staunend durch die endlosen Galerien und Säle. Ein Tisch aus Lapislazuli, goldenes Gerät daraus — goldene Gitter, Brokate, Benezianisches Glas: es ist eine andere Welt. Noch benommen von Prunk und Glanz sitzt man später auf der Terrasse des Hotels. Weihe Segel ziehen über den See. Wie ein unwirkliches Bild, von den Wellen dicht umspült, am Tage im Sonnenglast strahlend, weih leuchtend in mondhellen Nächten, liegt drüben Frauen- wörth, die Klosterinsel. Uralte Fischerhütten schlafen unter überlebensgroßen Blumenstauden. Das Klima dieser Insel — sie liegt wie unter Treibhausluft — ließ eine grandiose Vegetation erstehen. Mächtiger sind die Bäume, dichter die Büsche, größer und farbiger alle Blüten. In schweren Dolden hängt der Jasmin über Mauern und Zäune. Beträubend ist der Duft Tiefer Frieden breitet sich vom Kloster über die Insel, heute wie in srühesten Zeiten. Ob der weite See in tiefer Bläue regungslos liegt, ob hohe Wogenkamme an die Ufer rollen, ob gar eines jener heftigen Gewitter von der düsteren Kampenwand hereinbricht, das mit Sekundenschnelle alles Leben auf dem See in Gefahr bringt — tief unb eigenartig ist das Erleben dieser Landschaft, dieser Inseln, die im Mittelmeer nicht flammender blühen, in heimischen Breiten nicht ihresgleichen finden können. Der Königsee. Im Berchtesgadener Land, hinter Watzmann und dem Steinernen Meer In steile Felsen eingebettet, schläft der dunkelgrüne Königsee einen unheim- lichen Schlaf. Bis hoch in den Sommer hinein stürzen eisige Gletscherwasser von der Watzmann-Ostwand herab. Kalte Quellen entsteigen den Tie en. Der Schwimmer, so er von einem der nur fußbreiten Uferplatze sich hinauswagt, empfindet so etwas wie panische Angst im Angesicht der steilen Wände über ihm oder der unendlichen Tiefe unter ihm. So klar ist das Wasser, daß bis in größte Tiefen jeder Kiesel wahrgenommen werden kann. Die Einheimischen benutzen zur Ueberfahrt noch jene alten Kähne, die stehend gerudert werden. Den Fremden bringen kleine Motorboote vom Dörfchen Königsee nach dem wundervoll- gelegenen Jagdschloß, dem ehemaligen Kloster St. Bartholomä. Ein schmaler, steiniger Fußpfad fuhrt m dreistündiger Wanderung zum Obersee, der kreisrund von Felswänden umschlossen liegt. Oft ist der Unterpfad von Wellen überspült, ost fuhrt er, steilen Abbrüchen ausweichend, in hundert Meter Hohe durch Ctein- reihen und Bergwald. Der romantische Zauber des Königssees behält immer einen Unterton bedrückender Angst. Zu weltabgeschieden fühlt sich der winZige -Ü ensch auf dem dunklen Wasser, von Bergriesen so nahe umschlossen. Die schweren Weiter, die so manches Opfer forderten, brauen sich ungesehen tatter Seifen- deckung zusammen. Jetzt noch unter blauen Himmel unbewegt dal,egend, bebt der ganze See schon im nächsten Moment von der Wucht emfallend Böen. Schwarz wird das Wasser, von weißen Wog^ikammen siekronll In Fetzen schlagen Regen und Hagelböen von den Bergen. Kem User 'st mehr zu sehen. Verloren ist das kleine Boot, das vom Unwetter überfallen wird. Denn dort, wo viele Marterln d,e glatte Felsw°nd bedecken, ist nicht für Fußesbreite Raum. Hunderte von Malern lockt es alliahrlich hinaus, die ihrer Palette die feltfamen Farben d'-!-- Bergfex abringen möchten. Malerwinkel ist die Stelle genannt von derSt. ^chMoma überm dunklen Wasser zu sehen ist, uberk^nt vom ewigen Schnee der Watzmanngipfel. Selten gelingt es einem Künstler, das tiefe Geheimnis des grünen Königsees zu bannen. Der Tegernsee. Hier ist alles Helle und Luftigkeit. Fröhliche Landschaft grüne Matten, ein eigener Menschenschlag mit unbändiger Freude an Liedern und Tan^ gen. Das Leben wird leichter in diesem Erdenwinkel. Tegeri fij' Ort, sah schon vor Jahrzehnten Freunde aus "Uer Herren Landern^^is Sommergäste. Nun kam Bad-Wiessee drüben °m andern U,er z berühmtheit. Seine starken Jodschwefelquellen bilden e neu Jungbrunnen 'm wahrsten Sinne des Wortes. Aus dem kleinen Bauern-, Fischer- un Iögerdörfchen wurde ein modernes Bad, das trotz ungeheure ^^nter- trotz Hunderten von neuen Hotels, Gaststätten, Villen B Rottach fünften die Menge feiner Gäste nicht fasten kann. In Abwinkl, Rottacy, Egern und Tegernsee suchen sie Unterkunft. Am Südzipfel des Sees, wo Ludwig Thoma, der urwüchsige Bajuware seine Werke schuf, zweigt die herrliche Straße ab nach WilLbad Kreuth und weiter nach Scholastika am Achensee. Links vom Wallberg führt der Weg über einige Höhen nach dem Schliersee hinüber. Lohnende Bergtouren und weite Wege an mäßigen Hängen bieten dem Sommergast Gelegenheit, sich auszulaufen. Reiche Geselligkeit blüht am Tegernsee. Im Klofterbräustüble schwirren des Abends alle Weltsprachen durcheinander Ein Kuraufenthalt bester Art für die, die sich nicht langweilen wolle«. Nachts. Bon Josef Freiherrn von Eichendorfs. Ich stehe in Waldesschatten Wie an des Lebens Rand. Die Länder wie dämmernde Matten, Der Strom wie ein silbern Band. Von fern nur schlagen die Glocken lieber die Wälder herein. Ein Reh hebt den Kopf erschrocken Und schlummert gleich wieder ein. Der Wald aber rühret die Wipfel Im Traum von der Felsenwaad. Denn der Herr geht über die Gipfel Und segnet das stille Land. 3ur „Wald- und Wafferfreude^. Novelle von Theodor Storm. (Fortsetzung.) Außer einigen Gästen, welche aus und ein gingen, bemerkte er nur ein Musikantenpaar, einen Geiger und eine Harfenspielerin, welche neben dem Eingang sahen und der Stunde zu harren schienen, wo der leere Raum sich füllen würde. Wulf Fedders hatte freilich wenig Teilnahme für feine Umgebung, er schmeckte vielleicht nicht einmal die Speisen, die dessenungeachtet rasch genug von seinem Teller verschwanden; denn in feinem Kopfe kreuzten sich allerlei Gedanken. Er hatte eben seinen „Doktor" cum laude absolviert, und da der Tod beider Ellern ihn in die Lage gebracht hatte, ein paar Jahre vorn eigenen Kapital zu zehren, so stand die akademische Lehrkanzel als längst geplantes Ziel vor seinen Augen. Zunächst freilich nach all der angestrengten Arbeit muhte Wulf Fedders sich ein paar Monden Ruhe gönnen; das heiht, was solche junge Büchermenschen Ruhe nennen; denn die Doktorabhandlung, die nur eine Quintessenz enthielt, sollte zu einem epochemachenden Werke ausgearbeitet, allerlei emsig gesammelte Drucke und Exzerpte nun erst gründlich benutzt werden. — Als den Ort seiner Sommerfrische hatte er sich das große, wald- und wasserreiche Dorf ersehen, in dessen patriarchalischer Krugwirtschaft es ihm an manchem Sommertag seiner Primanerzeit so wohl gewesen war. Er dachte es sich lebhaft, wie in solch ländlicher Ruhe das neue Werk gedeihen und wie er außerdem zu gesundheitstärkenden Wanderungen die Muhezeit benutzen werde. Und bann! Ja, auch bas noch kam hinzu: bie Stabt feines Schülerlebens war von bort in ein paar Stunben zu erreichen, unb in jener Stabt — er wußte bas aus bester Quelle — war für bie nächsten Monate eine junge Dame auf Besuch, eine blonbe, blauäugige Majorstochter, bie er int letzten Winter bei einem Professorentee gesehen hatte unb bie jeitbem mit dem epochemachenden Buche sich geschwisterlich in sein Herz teilte.-- Der Doktor Wulf Fedders hatte es nicht bemerkt, daß wahrend seiner nachdenklichen Mahlzeit zwar nicht zwei blaue, aber doch zwei glanzend- chwarze Augen unablässig auf ihn gerichtet waren. Als er jetzt aus- bllckte sah er eine junge ©itarrfpielerin, welche abgesondert mit ihrem Instrumente in der Ofenecke sah. Er erschrak fast, als ihre Blicke sich begegneten; wie um erst sich zu besinnen, wandte er seine Augen ab; bann blickte er roieber hin, um schärfer zu betrachten. Plötzlich ftanb er auf unb ging gerabe auf bas Mäbchen zu, währenb sie, ohne sich zu regen, ihn näher kommen ließ. „Satti!" rief er, als er vor ihr ftanb. Sie ließ ben Kopf auf ihre Brust sinken, „Ja, Kätti", sagte sie leise. Als sie bann bie Augen langsam zu ihm aufhob, machte bie eigentümliche Schönheit des Mädchens ihn fast verstummen. Erft als aus ber Musikantenecke ein herrischer Rus an sie erging, brach es hervor. Also zu benen ba gehörst bu?" rief er — unb es war fast derselbe Ton womit er einst bas faule Schulkinb abgetakelt hatte — „eine fobrenbe Marktfängerin ist aus bir geworden, und ich selber hab wohl gar noch dazu Helsen müssen! Ich tann's mir denken, du hast dich m ben jungen Vagadonben ba verliebt unb bist mit ihm baoongelaufen! Kätki sah ihn ganz erschrocken an unb schüttelte heftig ihr bunkles Köpfchen. „Nicht? Aber weshalb bist bu denn fortgegangen?" ,,Ich weiß nicht", sagte sie schüchtern; „ich glaube, ich mochte nicht mehr mit Sträfelftratel spielen." Er lachte doch. „Was ist das: Sträfelftratel?" „(Jin kleiner Schneider, der bei uns die, Violine spielt!" ' Mamsell!" rief es wieder aus der Musikantenecke. „Kommen Sie an Ihren Platz!" Und weshalb", frug der Doktor, ohne auf diesen Ruf zu achten, „sitzest du hier so abseits? Hast du Streit mit jenen Leuten? Kätti schwieg erst einen Augenblick; „dann sagte sie: „Er ist stech gegen mich gewesen; ich will nicht spielen." Wulf Fedders trat an den Musitantentisch. „Wie kommt Ihr zu dem Mädchen?" frug er drohend; „sie ist guter 1 Leute Tochter/' Der Bursche sah ihn an und nahm einen Schluck aus dem Glase, das er vor sich hatte. „Weiß schon", sagte er, „wo sie zu Haus ist!" „Sie ist ein halbes Kind", fuhr der Doktor fort, „Ihr könnt dafür bestraft werden, Ihr durftet sie nicht mit Euch nehmen!" „Sind Sie dabei gewesen, Herr?" rief der Bursche und stieß mit seiner Geige tönend auf die Tischplatte. „Mitten in der Nacht, da wir mit unserem Fuhrwerk eine Viertelstunde hinterm Dorfe waren, ist sie mit ihrer Gitarre aus dem Busch hervorgesprungen; sie hat sich meinem Bräunchen an den Zügel gehängt, daß ich nicht hab' fahren können, und hat gebettelt und geweint, daß wir sie mit uns nehmen möchten.' Der Geigenspieler hielt einen Augenblick inne; denn der Herr, der zuvor hinausgegangen war, setzte sich draußen vor dem Fenster aus die Bank. „Nun?" ries Wulf Fedders ungeduldig. „Nun, Herr? — Es fand sich just ein leerer Platz im Karren, weil unsere vorige Mamsell uns durchgegangen war. Da^lieh ich sie draus hinsitzen, um dem Lamento nur ein End' zu machen." „Der Tausch mag Euch schon angestanden haben", sagte der Doktor; „Ihr habt Euch wohl nicht gar zu lang bedacht!" „Meinen Sie, Herr? — Nun, allzuviel hat sie uns just nicht zugebracht; sie trägt schon meiner Schwester Hemd am Leibe, und die Schuhe werden auch wohl bald zerrissen sein!" Der junge Doktor warf unwillkürlich einen Blick in die andere Ecke, wo Kätti, den Kopf an ihre Gitarre lehnend, unbeweglich mit geschlossenen Augen saß. Die Schuhe an ihren über Kreuz gelegten Füßchen waren freilich in erbarmungswertem Zustand. x „Aber", sagte er und wandte sich wieder zu dem Geiger, „Ihr seid unehrerbietig gegen das Kind gewesen; was habt Ihr mit ihr vorgehabt?" Der Bursche stieß lachend seine Schwester an, eine Dirne mit harten Zügen, welche, ihre Harfe im Arm, die Pause zur Verspeisung eines Butterbrots benutzte. „Da hör', Gundel!" rief er. „Hörst du, was ich gewesen bin?" Dann wandte er sich wieder zu seinem jungen Gegner und sagte nachdrücklich: „Ich weiß eben nicht, warum ich Euch hier Antwort steh'; aber der Herr da draußen ist einer von unseren Freunden; er hatte sein Späßchen mit der neuen Mamsell, wie er’s mit der anderen auch gehabt hat; aber der schwarze Fratz tat wild wie eine Katze und hat ihm seine Wange aufgerissen!" „Und dann?" frug Wulf und faßte krampfhaft seinen Ziegenhainer, den er vorhin fast unwillkürlich in die Hand genommen hatte. „Dann? — Nun, Herr, Ihr seht's ja, daß ich sie nicht gefressen habe!" Der Mensch zeigte seine weißen Zähne und stieß sein Trinkglas auf den Tisch, daß die Scherben dem Doktor ums Gesicht flogen. Wulf Fedders verlor für einen Augenblick seine sonstige Besonnenheit; ein zorniges Wort, ein Schlag mit dem geschwungenen Ziegenhainer war die augenblickliche Erwiderung. Aber der Schlag ging fehl; Kätti, die bet den heftigen Worten auf ihn zugeflogen war, taumelte mit blutender Stirn an feine Brust. Der junge Vagabond, eine breite, muskulöse Gestalt, war hinter seinem Tische aufgesprungen. Er hatte die Faust, aus der er die Geige fallen ließ, schon dräuend über seinen Kopf erhoben; aber es tarn nicht weiter, er schien sich zu besinnen, der Handel mochte ihm doch bedenklich scheinen. „Mag der Herr die Mamsell behalten, wenn sie sonst noch zu kurieren ist", rief er höhnend; „es laufen der Dirnen noch genug herum!" * Das leicht rieselnde, jungfräuliche Blut hatte indessen die Sache schlimmer erscheinen lassen, als sie war. Die kleine Streifwunde hatte keine Bedeutung, und auch der Schrecken war bald überwunden; für den Doktor aber erschien nun die Pflicht, sich der Berlassenen anzunehmen, nur um so deutlicher; und schon am anderen Nachmittage langten beide wohlbehalten vor der Wald- und Wasserfreude an. Die dicke Magd, welche als perfekte Köchin aus dem früheren Wohnorte mit herübergenommen war, schlug die Hände über den Kopf zusammen, da sie ihren alten Primaner so plötzlich mit ihrer verschwundenen Mamsell aus einem Wagen steigen sah. Uebrigens enthielt sie sich aller unnützen Reden, und als der Doktor nach dem Hausherrn' frug, streckte sie die Hand nach der Fluhseite und sagte: „Ich bin bloß für die Küche; aber gehen Sie nur dreist hinunter!" Und wirklich, hier stand Herr Zippel barfuß bis an die Knie im Wasser, und um ihn her eine Schar von Arbeitern, welche Pfähle in den Fluhgrund rammten. Sein Haar flog im Winde, und Kätti, die hinter ihrem Beschützer herschlich, spähte voll Angst, ob es — wie ihr Bater einstens prophezeit hatte — vor Kummer über sie nicht schon schneeweiß geworden sei. Aber er sah nicht anders aus, als da sie fortgegangen war. Dagegen schien der Augenblick nicht eben angetan, um eine besondere Erregung des Wiedersehens in Herrn Zippels'Herzen zu erwecken. Erst als der Doktor ihn wiederholt mit lautem Ruf begrüßt hatte, kam er an das Ufer gewatet, nachdem er noch zweimal seinen Arbeitern einen Befehl zurückgerufen und ihn bann zum dritten Male widerrufen hatte. Er erkannte sogleich seinen alten Mietsmann und machte ihm einige rasch hervorgestoßene Komplimente über seine stattlichere Gestalt und seinen Backenbart; dann aber, zur Hauptsache kommend, beschrieb er mit ausgespreizten Fingern einen Halbkreis nach dem Lande zu. „Das hier", sagte er, „wenn Sie es früher gesehen haben, Sie werden es nicht wiedererkennen! Nun wollen wir dem Fluß noch seine Ehre tun! Dort sehen Sie die Boote; hier entsteht das neue Bad; in all den tausend Jahren ist das keinem eingefallen! Das reine Wald- und Wiesenwasser, das Entzücken aller Aerzte auf zehn Meilen in die Runde!" In diesem Augenblicke erst bemerkte er seine Tochter, welche ein paar Schritte seitwärts stand. „Kätti! Rosalie! Beim Himmel, die Rosalie!" rief er und schleuderte beide Arme in die Lust. „Herr Fedders", wandt, er sich an diesen, „haben Sie meine Aufrufe in den Blättern gelesen' Die Dummheit yat mir einen Haufen Geld gekostet!" — Aber bamil schien auch die Sache abgetan; das von dem Mädchen so sehr gefürchtet, Wiedersehen ging nach einigen weiteren Ausrufungen wie ein beiläufige, Zwischenspiel in dem großen Werke des Wald- und Wiesenwasserbade; beinahe unbemerkt vorüber. Erst nach Stunden, da er zufällig ins Haus hinaufgelaufen kam, frug Herr Zippe! seine Tochter, ob sie denn mit dem Primaner Fedders - „Doktor" sagte Kätti — also dem Doktor Fedders heimgereift sei, und ol sie unterwegs wohl ein so wundersam belegenes Bad gesehen habe, al; dieses bisher unbekannte Dorf ihm jetzt verdanken werde. „Wenn wi, nur auch den Strätelftrafel wieder hätten!" setzte er hinzu. „Ich hab' ts ausprobiert; die Badenden werden es im Wasser hören können, wen» ihr hier oben musiziert!" „Strätelftratel!" rief Kätti; „was tst mit feem?" Herr Zippel lachte. „Als die Gitarre fort war, ist feie Violine hinter drein gelaufen; er war ohne dich doch auch nur eine magere Verzierung für feie Wald- und Wasserfreude!" Kätti sprang voll Schrecken von ihrem Stuhle auf. „Er ist fort? uni noch nicht wieder da?" „Nein, noch nicht. Ader feer Tausend, ich muß nach meinen Leute« sehen!" Dem Doktor, welcher sich entschlossen hatte, hier feine Sommerfrisch: zu genießen, waren in dem unten am Flußufer belegenen Abnahme- Hause ein paar Zimmer eingeräumt, in denen für feie künftigen Bads gäfte feie erste Einrichtung schon getroffen war. Seine Aufwartung halt: Kätti übernommen, und sie tat alles mit einer so stillen, nie nachlassenden Aufmerksamkeit, daß er dem sonst so flüchtigen Mädchen ost verwundert zusah; auch als nach einigen Tagen seine Kiste mit Bücher« und Papieren anlangte, ging sie so anstellig ihm zur Hand, als wüht: sie von selbst, wohin er jegliches geordnet haben wollte. „Wie dir das ansteht, Kätti!" sagte er scherzend. „Nicht wahr, int läufst nicht wieder in die Well hinaus?" Bei ihrer schmächtigen Gestalt und den herab häng enden Zöpfen, dl, sie in seiner Primanerzeit schon ebenso getragen, konnte er sich nidjt entwöhnen, sie auch jetzt noch gleich einem halben Kinde zu behandeln,, aber sie stand bei diesen Worten plötzlich todbleich vor ihm. „O bitte!' sagte sie und hob flehend feie Augen zu ihm auf. Er warf einen fast erstaunten Blick auf sie. „Verzeih', Kätti", sagt: er dann; „wir reden niemals mehr davon." Zum Singen, wie einstens in der Giebelstube, wurde sie nicht mein von ihm aufgefordert, er selber hatte sein Musizieren wie eine 3ugen> torheit hinter sich gelassen; zum Ausgleich schädlichen Stu>dierensitzens fand er es weit ersprießlicher, stall feer Gitarre sich eine Botanisier trommel umzuhängen und so, zugleich lernend und marschierend, sein: Mußestunden zu verwerten. Zu solchen Wanderungen war hier feie weiteste Gelegenheit; aber es waren nicht feie einzigen, welche von ihm unternommen wurden., schon mehrere Male war er in feer Stadt gewesen und dann immer erst am nächsten Tage heimgekehrt. Bei solcher Rückkunft fand er stets einen frischen Blumenstrauß air feinem Tische; aber obgleich er wissen mußte, daß nur Kätti ihn da hi» gestellt haben konnte, so erhielt diese doch nie ein freundliches Wort darüber. Anfänglich verwunderte sie sich nur; dann aber begann es s» lebhaft zu beschäftigen, und endlich beschloß sie, ihm an solchen Tagen lieber gar nicht mehr vor Augen zu kommen; und so fand er den» künftig neben dem Blumenstrauß auch fein Abendbrot als wie von unsichtbaren Händen aufgetragen, Sie -dachte nicht, daß er auch hierin nid)B Besonderes sand. Einmal aber, da er von solcher Wanderung in sein Zimmer trott, fand er das Mädchen weinend an feer Haustür stehen. Nun sah er fw denn doch. „Kätti! Kind! Was fehlt dir?" frug er. Ihr fehlte nichts; aber Sträkel-strakel war vor einer Stunde per Schub von feer Polizei ins Dorf zurücktransportiert worden. „Uir meinetwegen!" rief Kätti, und ihre Tränen brachen reichlicher hervor. „Und seine Geige — er hat sie versetzen müssen, weil er gehungert Hot, er hat nicht einmal spielen dürfen, denn er hat keine Konzession gehabt!" Der Doktor hörte sie schon nicht mehr, was sie noch weiter sprach», was kümmerte ihn der kleine Fiedelmusikante, feen er nie gesehen hatte! „Aber er muß seine Geige wieder haben!" sagte Kätti; und da der Doktor hierauf nur wie in Gedanken mit dem Kopfe nickte, rief sie, ihm schmalen Hände ringend: „Ich habe kein Geld; ich habe nichts, gar nichts!" Sie wollte dem jungen Mann zu Füßen fallen; da schüttelte er die Träume, die er von der Stadt mit hergebracht hatte, aus feinen blonden-. Haaren und fing sie mit beiden Armen auf. „Kätti, Kätti! Besinne dich! Wie heißt der Mann? Ich wlll ihm seine Geige wiederschaffen!" Dis sie plötzlich fort war, blieb er wie gefangen in feer Glut bet stummen Dankbarkeit, die aus feen dunklen Augen ihm entgegenftrömte. Bald aber, da er allein an seinem Arbeitstische saß, schallt er sich selbst darüber und suchte seine Gedanken auf den Weg zur Stadt zurückzu' bringen. Schon am anderen Tage ging er selbst da-hin, ja er blieb dort au® feen folgenden; als er am dritten Tage endlich wiederkam, schien ei absichtlich Kättis Gegenwart zu meiden. Gekränkt und grübelnd gm$ bas Kind umher: was hatte sie ihm denn getan? Sie verlangte ja nichi- roeiter als freundlichen „guten Tag" unfe „guten Weg"! (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'fche Universitäts-Buch» und Stetndruckerei, 2L Lange, Gießen. it i» 1, »di •i J N «ft hn -Jn linii -tzt et Wos ilie ich 'N «ii .« ich q 4.« !i! N litt «ttt iss fe »( Ä