GiehenerZamilienblätter Unterhattungrbeilage Zum Sretzener Anzeiger________ Jahrgang <952 ~Montag, den 22. Februar Nummer 15 Erkenntnis. Von Gottfried Keller. Willst du, o Herz! ein gutes Ziel erreichen, mußt du in eigner Angel schwebend ruhn; ein Tor versucht zu gehn in ftemden Schuhs. Nur mit sich selbst kann sich der Mann vergleichen! Ein Tor, der aus des Nachbars Kinderstreichen sich Trost nimmt für das eigne schwache Tun, der immer um sich späht und lauscht und nun sich seinen Wert bestimmt nach falschen Zeichen! Tu frei und offen, wenn du nicht willst lassen, doch wandle streng aus selbstbeschränkten Wegen und lerne früh nur deine Fehler hassen! Und ruhig geh den anderen entgegen: kannst du dein Ich nun fest zusammenfassen, wird deine Kraft die fremde Kraft erregen. Llnheimlicher Besuch. Ein Erlebnis. Von Wilhelm von Scholz. Copyright 1931 by I. L. A. Wien. Ich weiß nicht, ob ich mit der simplen Geschichte, oder besser: Ausrede, die ich erfand, mehr die Situation oder mich gerettet habe. Die Lage, aus der gerettet werden mußte, war peinlich genug: denn gefährliche Lagen find immer auch peinlich. An einem dämmerigen Spätherbstabend, ich war nahe ans penster geruckt und las noch, hörte ich klingeln. Da niemand außer mir in der Wohnung war, trat ich aus meinem vor der Haustür gelegenen Arbeitszimmer, indem ich rasch Licht machte, leichtsinmg-rweise, melle>cht >m Glauben, der Briefträger sei gekommen, unmittelbar auf den Treppenflur hinaus. Ich stand noch geblendet im dunklen Stiegenhaus als ich hinter nur in meinem Zimmer die Anwesenheit eines großen, stattlichen, mit altmodischem schwarzem Gehrock angetanen Herrn bemerkte der mich höflich bat, näherzutreten. E- blieb mir trotz einigen besorgten Eistaunens nichts anderes übrig, Nis seiner Einladung in mem Zimmer zu so,gen. Ich tat es im Banne des Blickes oder der Gestalt, die nun zu reden anhub. Sie klang von dem vollen, tiefen, sonoren Ton einer s'ch gern hörenden Stimme, die, aus mächtiger Brust schallend, eine selbst für mein geräumiges Arbeitszimmer zu starke Resonanz hatte. Der Besucher verkündete mir zunächst, daß Königsblut durch seine Adern rolle — wobei das Wort „rolle mit R und ,,l reichlich Gelegenheit gab, die klangvolle Stimme ihre Flügel ausbreiten, zu lassen — da er durch einen Großohm mit den Stuarts verwandt sei, er setzte aber — der Besuch fand kurz nach der Begründung der Republik statt — um nicht minder dieser Staatsform gerecht zu werden, hinzu: er se^ durch eine Tante auch mit Herwegh, Blum oder Hecker (das habe ich vergessen) verwandt: „Auch Revolutionsblut rollt durch meine Adern. Die Stimme benutzte gern diese durch die Staatsumwalzung bedlng e doppelte Möglichkeit, zu schwingen, sich und das „Blut rollt zu Horen. Des weiteren verkündete der, auch auf dem jetzt eingenoinmenen Stuhle motze und stattliche Mann, dessen schon gescheiteltes dunkles Haar und gewellter kurzer Vollbart ihm im L'ch"egA der Deckenlamp das Ansehen eines Apostels von Oberammergau gaben d°ß ' /i^ er aller Künste sei und mit seinen Leistungen als D.chter.Musiker, BM- hauer, Gartenkünstler alles übertroffen habe, was die Menschheit bisye 8ef3djf hörte - und dachte nicht gern daran, daß wir beide in der Woh- nung^allein waren. Mit möglichst sichtbarer Te'lnahme wollte ichau '"ÄchLLVschp-'mch, ww <»«-. --- "“’ÄÄ'in” Sle'swiW.b.m.rtung mil d.r «M»! «»: „Siebenundzwanzig hat Beethoven. Ich habe neunundsunszig! Heber das Doppelte an Zahl!" f „Allerdings!" Ich hatte rasch nachgerechnet. „Und wissen Sie, wie ich diese fast sechzig Motive für Jubel gesunden habe? Ich habe drei Frühjahre hintereinander die Lieder der Lerche in Noten mitgeschrieben!" . Er ging zur Bildhauerei, zunächst anschauend, über: „Wieviel Stellungen der Venus von Milo kennen die Menschen? Eine einzige! Ich? Unzählige! Ich sehe sie bewegt, sehe sie lebend!" Die Stimme des Erzählenden hatte an Stärke und Fülle noch gewonnen. Durch ihren Brustton hindurch lauschte ich sorgfältig nach dem vertrauten Knarren der Hauptwohnungstür, ob nicht vielleicht das Mädchen nach Haufe käme. Vergeblich. Alles blieb still. Mein Freund verweilte weiter bei der Plastik und schilderte ein ge- wattiges Relief, das er für eine Kirchhofsmauer geschaffen, eine gött- liche Grablegung. Voran die Propheten des alten Bundes, dann, von den Aposteln getragen, der Leichnam des Herrn. Da streckte sich der große Mann, lediglich von dem verhältnismäßig kleinen Stützpunkt des Stuhles getragen, rechts und links des Rohrgeflechtes in einer edlen, ernsten Waagerechten aus, schloß die Augen des wie auf Holbeins Predella leicht zur Seite gesunkenen Hauptes und stellte so die beherrschende Gestalt des Figurenfrieses eine Zeitlang dar — so daß ich währenddessen wenigstens ins Treppenhaus hätte flüchten können. Aber der Bann des seltsamen Gesellen war zu stark geworden. Ich harrte seiner Rückkehr aus der in einem Jnnenraum doppelt mächtigen Ruhelage in die gewohnte wache Vertikale und ließ mir von dieser dann den gartenkünstlerischen Friedhof schildern, den der alles Übertreffende Schöpfer zusammen mit einem gewaltigen Trauermarfch — den schritt er, dunkle Rhythmen summend, mehrmals durch mein Zimmer — zu seinem Relief entworfen habe. Ich wagte nicht, ihn zu unterbrechen. Er kam glücklicherweise selbst bald auf den Zweck seines Besuches. Ich leitete damals das SchauspiA am Stuttgarter Landestheater. Schon breitete er auf dem Tische vor sich ein im Verhältnis zu seiner Körpergröße und der Größe seiner Mit- teitunoen kleines und dünnes Heft aus und verlangte sofort mem Ehrenwort, "daß ich ihm nach der Vorlesung dieses Menschheitswerkes — , Die bekannte ungeschminkte Wahrheit sagen würde", erwartete ich — nein: daß ich ehrlich bekennen würde, ob dies Werk, das ich nun Horen faßte, über alles hinausrage, was die Menschheit bisher zutage gefordert, oder nicht! , „ , Man hat manchmal selbst in ängstlichen Lagen Anfalle großen Mutes. Ich erwiderte: „Ich will mein Ehrenwort geben! Aber wenn ich dann nicht finde, daß Ihr Drama über alles, was bisher geleistet wurde, hinausgeht?" , . ... Ich mar aufs höchste gespannt, was er antworten, wie er sich vor solcher, auch als Möglichkeit schon unsinnigen, Aussicht verhalten, ob er nicht jetzt mir zeigen würde, was eine Harke Unruhe lies über sein Gesicht. Seine 'Augen flackerten unruhig suchend übet mich bin. Seine Hände bekamen ein leichtes Zikkecn. Dann glitt ein Lächeln über seine Züge, er sagte schlicht, doch sehr bestimmt: „Sie werden es finben’" Seine auch psychologisch für mich reizvolle Entgegnung hatte etwas Erlösendes. Ich brauchte die Kühnheit meiner Frage nicht zu bereuen, wenn ich jetzt auch anfing, den Wunsch nach Alleinsein immer lebhafter zu empfinden- zumal zu der Aengstlichkeit vor dem unheimlichen Genie, da er fein Heft auffchlug, meine noch viel größere Furcht vor Dramen- Manuskripten hinzukam „ Die Geschichte die ich erfand, um mich aus der unbehaglichen Lage zu retten? Ach, sie ist mit den glorreichen und Wort für Wort wahren Mitteilungen meines Gastes, welche die unheimliche Lage herbeiluhrten, oder sie mir wenigstens zum Bewußtsein brachten, nicht zu vergleichen. Ich erzählte einfach, daß es am Landestheater eine Kommission gäbe in öcr ich nur eine verschwindend einzelne Stimme hätte, eine Kommission, die allein gültig ausfagen könne, ob ein Werk über alles hmausgehe, was die Menschheit bisher hervorgebracht: eines so bedeutenden Werkes wie des feinen aber sei es allein würdig, dieser über b>e Jahrhunderte entscheidenden Körperschaft und nicht einem einzelnen Mitgttede der selben oorgetragen zu werden! . Er rollte die kleinen Blätter des gewaltigen Werkes in der Rechten. Er rollte die Augen, lieber feinen großen Blick liefen dabei sichtbar wie Wolkenfchatten über einem tiefen See, ernste Erwägungen. Plötzlich stand der Allkünstler wieder groß wie beim Kommen vor mir: „Sie haben recht' Es wäre nicht angemessen, dies einem einzelnen vorzulesen. Nur der Körperschaft! Bestellen Sie die Herren morgen auf 4 Uhr ins T^Während er seinen breiten schwarzen Schlapphut ergnff und die Klinke faßte Härte ich das Dienstmädchen draußen an der Glastür auf- schließen. Aufatmend gab ich dem großen Genius — wie wir Kinder es einst in der Königin-Augufta-Straße m Berlin bei den häufig vor- Überkommenden bezopften Mitgliedern der chinesischen Gesandtschaft als Mutprobe gemacht hatten — die Hand. ■ George Washington. Zum 200. Geburtslage des amerikanischen Tlationalhelden. Von Dr. Paul Landau. 3ii einem schlecht gedruckten deutschen Kalender rauher pennsylvanischer Bauern ist zu Neujahr 1784 George Washington zuerst des Landes Vater" genannt worden. Seinem Volk und seinem Land hatte er in langen Krieqsjahren die Unabhängigkeit erkämpft. Seme Soldaten suhlten sich als seine Kmder, für die er sich ausgeopsert hat. Aber die Burger ener Staaten, die so eifersüchtig über ihre Selbständigkeit wachten, die nur der Gegensatz zu England mühsam geeint hatte? Sie standen ihm noch vielfach mißtrauisch gegenüber. Auch als Führer im frieden, als erster Präsident der Union, muhte der Feldherr erst der nordamenkanischen Nation eine Gesetzgebung und Verwaltung verleihen, bevor das ganze Volk in ihm das Sinnbild feiner Einheit und Gröhe erkannte und verehrte Als er starb, mar der Gutsherr von Mount Vernon bereits zu einem Mythos geworden, zu einer ins Riesenhaste gereckten Heldengestalt, die kaum noch menschliche Züge trug. Seitdem lernen die amenkangchen Kinder was auf seinem Grabe steht: „Er war der Erste im Kriege, der Erste im Frieden und ist der Erste im Herzen seiner Landsleute — und daß er niemals eine Lüge über seine Lippen gebracht habe. Die Legende hatte eine kalte starre Marmorstatue aus ihm gemacht, einen überirdischen j)eros einen langweiligen Tugendbold, den „Vater des Landes" in einem abstra'tten Sinne, der in ihn den amerikanischen 3bealbürger vergötterte. Erst die moderne Forschung hat dieses steinerne Bild mit warmem Blut und Leben erfüllt, hat die undurchdringliche Maske in ein von Leid und Leidenschaft durchzucktes Antlitz gewandelt, hat hinter der glanzenden und glatten Fassade dieses scheinbar so glücklichen Lebens unendliche Schwierigkeiten und tragische Abgründe ausgeüeckt. 3a, diese Bilderstürmer haben des Guten zuviel getan, wenn sie dem Menschlich Allzu- menschlichen im Leben des großen Mannes nachspürten, seinen Liebeleien mit schwarzen Sklavinnen und Bärgertöchtern, seiner unglücklichen Leidenschaft für eine schöne Dame der Gesellschaft, den Motiven seiner ohne Liebe geschlossenen Ehe, seinem Freidenkertum, das so gar nicht zu den Vorstellungen des amerikanischen Puritanismus paßt. Eins steht fest: George Washington war kein „ausgeklügelt Buch", er war ein Mensch mit seinem Widerspruch, der Sohn einer rauhen und oft rohen Zeit, vielfach gehemmt, lein strahlender Lichtgeist, sondern gemacht aus Licht und Schatten wie alles Ärdifthe, mit seiner langen roten Nase und seinem schlecht sitzenden künstlichen Gebiß kein schöner Mann und Salonheld. Der große Schweiger war zugleich ein großer Schreiber, der seine sentimentalen Träume dem Papier anvertraute, und nur durch die ungeheure Selbstzucht, die Riesenkraft seines Willens gelang es ihm, die stilisierte Maske vorzunehmen, die man so lange für seine wahren Züge gehalten hat. Durch diese Zerstörung einer Legende ist uns aber Washington erst recht nahegbracht und liebenswert geworden. Es ist das Verdienst seines deutsehen Biographen Walther Reinhardt, uns dieses neue Wajhing- ton-Bild in feinem soeben beim Societäts-Verlag in Frankfurt a. M. erschienenen Wer. „George Washington. Die Geschichte einer Staaten* grünbung" in meisterhafter Klarheit dargestellt zu haben. Es ist die schönste deutsche Gabe zu der Washington-Feier, die jetzt die ganze Welt begeht. War Washington ein Genie? Wohl kaum je hat eine Persönlichkeit der Weltgeschichte, die als die höchste Verkörperung ihrer Nation fortlebt, so wenig Blendendes, so wenige hinreißende Züge aufzuweisen. Er war kein Feldherr, der eine neue Strategie entfaltete oder originelle kühne 3been in die Tat umsetzte; er hatte nur das Glück, ein besserer Soldat zu fein als feine Gegner. Auch als Staatsmann hat nicht er die entscheidenden Leistungen der Gesetzgebung und Verwaltung geschaffen, sondern feine Mitarbeiter, besonders Alexander Hamilton. Seine überragende Gröhe lag mehr im Eharakter als im Talent; in dem unerschütterlichen Verfolgen eines Zieles, in dem durch nichts zu brechenden Mut, in der Geistesgegenwart und Sicherheit in schwersten Lagen, in der unbestechlichen Ehrlichkeit, der patriotischen Aufopferung und der bewunderungswürdigen Selbstbeherrschung steht er hinter keinem Helden der alten und neuen Welt zurück. Ein so besonnener Beurteiler wie Friedrich Kapp sagt von ihm: „Er liefert den glänzenden Beweis dafür, wie viel ein nicht übermäßig begabter Mann zum Heil eines Volkes und der Menschheit leisten kann, wenn er feine Kräfte auf einen Punkt konzentriert und den ernsten Willen hat, sich nützlich zu machen. Washington füllte durch das, was er feiner Zeit und feinem Volk war, feinen Platz vollständig aus, er war in feiner Art vollkommen und groß." Sein Leben verlief äußerlich einfach, doch getragen von der großen jungfräulichen Natur Virginias, die die Ansiedler umgab, ihren Blick weitete, ihre Tatkraft an großen Kolonisationsaufgaben erprobte und ihren Mut im Kampf gegen die blutdürstigen und zähen 3nbianer stählte. Aus angesehener wohlhabender Familie entsprossen, lernte er in der wchule des Lebens, war als Landmesser drei 3ahre lang für die Erschließung des virginischen Bodens tätig und wurde durch den Tob seines älteren Bruders — der Vater war ihm schon früh gestorben — Eigentümer und Verwalter des Familienbefitzes Mount Vernon, den er zu einer Musterwirtschaft ausgestaltete und jo erweiterte, daß er der reichste Mann Virginias und einer der reichsten des damaligen Amerika wurde. Auf eignem Grund hotte er sich für den großen Wirkringskreis in Krieg und Politik vorbereitet, und wie ein moderner Cinrinnatus vertauschte er die Pflugschar mit dem Schwert, wenn das Vaterland rief. Seine soldatischen Sporen verdiente er sich in den Kämpfen mit den Rothäuten und gegen die Franzosen, und in diesen Lehrjahren erwies er sich als ein tüchtiger Schütze, glänzender Reiter, kaltblütiger Krieger. Doch auch die Ungunst des Kriegsglückes blieb ihm nicht erspart, da er als Adjutant des englischen Generals Braddock dessen Besiegung durch die Franzosen miterlebte. Als Oberbefehlshaber der virginischen Milizen kehrte er, reich an militärischen Erfahrungen, heim, zum letztenmal im Dienste der Engländer, deren größter Gegner er werden sollte. Washington heiratete im 3ahre 1759 eine reiche Witwe Martha Custis, nachdem er eine lange unglückliche Liebe zu der schönen Sally Fairsax 311 Grabe getragen hatte. Er hatte kein Glück bei Frauen, denn der angefetjene Farmer und gefeierte Offizier wurde in Gesellschaft durch und (rinfilbigteit gehemmt. Diese Ungewandtheit und Verschlossenheit hat ihn auch auf den Höhen des Erfolges nicht verlaffen. Wenn er öffentlich sprechen mußte, tat er es nur nach langer Vorbereitung, und erst die Nachwelt hat erfahren, daß dieser große Schweiger seinen Tagebüchern alle Einzelheiten seines inneren unb äußeren Daseins anvertraute und unendlich viel geschrieben hat. Aus biifen Auszeichnungen blickt uns cm ganz andrer an als der Bürgersoldat von klassischer Einfachheit, als der gradlinige Tatenmenfch; hier finden wir ein Herz, reich an Empfindungen, reich an verhaltener Tragik, das sich vor der Welt ohne Haß, aber nut stolzem Bewußtsein des eianen Wertes verschließt. Auch Ehrgeiz war diesem hohen Geist nicht fremd, unb es war nicht, nur demütiger Opser- finn der ihn nach dem Oberbefehl streben ließ, als der Bruch zwischen dem Mutterland England und den amerikanischen Kolonien unvermeidlich geworden war. Aus dem Milizoffizier unter englischem Kommando wurde der General eines freien Volkes. Was Washington durch die glückliche Beendigung des Unabhängigkeitskrieges vollbracht hat, das kann man nur begreifen, wenn man berücksichtigt, gegen welche Welt von Hinder- niffen, Ränken, bösem Willen unb gemeinem Verrat er sich behaupten mußte. Sein Heer war zunächst eine verwahrloste Rotte, die raubte unb fahnenflüchtig wurde; die einzelnen Staaten erschöpften sich in Eifersüchteleien; die Aristokraten lebten in Saus unb Braus, statt sich um das Vaterland zu kümmern, unb intrigierten gegen den Oberbefehlshaber. Nur eine kleine Minderheit stand zu ihm, der ungebeugt und undurchdringlich auch in der verzweifeltsten Lage feinen stählernen Mut behielt, mit wunderbarem Scharfblick den Angriffen des Feindes wie den Anschlägen der Gegner im eignen Lager die Spitze bot und schließlich doch nach einer Kelte von Mißerfolgen unb Niederlagen die Sonne des Endsteges herauf- führte. Der deutsche S t e 11 b e n , der ihm nach preußischem Muster eine schlaglräftige Truppe ausbildete, der Franzose L a f a y e 11 e waren seine besten Mitarbeiter. Nach dem Entscheidungssieg bei Yorktown rechnet er, den seine Feinde absetzen, den bann Heißsporne zum „König von Amerika machen wollten, mit dem Oberzahlmeister ab. Auf Gehalt hatte er verzichtet, aber 14 000 Pfund Sterling hatte er in den 8'A Kriegsjahren aus feiner eignen Tasche verausgabt. Aermer an Gut, als er gekommen, aber von ewigem Ruhm umstrahlt, kehrte er nach Mount Vernon zurück. Wie er im Kriege feinem Vaterland die Freiheit erobert hatte, fo fällte er ihm auch die Fundamente eines dauerhaften Bestehens schaffen, die noch heute mächtig unb wirksam finb. Um den einzelnen Staaten eine einheitliche Regierung zu geben, wurde er zum ersten Präsidenten der Vereinigten «taaten gewählt, unb seine Reise von Mount Vernon noch Neuyork glich einem Triumphzug. Von 1789 bis 1797 stanb er an der Spitze des jungen Staatswesens, stets über den Parteien, nur das Wohl des Ganzen im Auge. Das Verfassungswerk, das unter [einem Einfluß entstand, hat die heutige Machtstellung der Union begründet. Er hat diese Friedenstat gegen eine Flut von Hetzereien unb Verleumdungen durch- gefctzt und gleichsam besiegelt in der berühmten Abfchieds-Adresse an das amerikanische Volk, die als fein politifches Testament fortlebt. Als im folgenden 3ahr Krieg mit Frankreich drohte, übernahm er noch einmal den Oberbefehl über die Armee, unb nach kurzer Muße ereilte ihn der Tod am 14. Dezember 1799. Um ihn trauerte nicht nur fein Land, das ihn als feinen Vater verehrte, sondern die ganze zivilisierte Welt. „Erster amerikanischer Patriot, größter aller Amerikaner", nennt ihn fein deutscher Biograph. „Keines andern Mannes Werk auf dem westlichen Kontinent hat sich als umfaffenber, bauerhafter, beftänbiger erwiesen." Altes und Neues aus Aegypten. Von unserem E. 6.-Berichterstatter. Luxor, im Februar. Zwei großen, burch 3ahrtausende uoneinanber getrennten Toten ist es wieber gelungen, sich in Erinnerung zu bringen und eine Menge Staub aufzuwirbeln. Es ist Pharao Echnaion, der Gatte Nofreietes und der im 3ahre 1927 verstorbene Wafdiftenführer Zaghlul Pascha. „Darieh Zaghlul Pascha (das Haus Zaghlul Paschas) sollte der Bau heißen, der diesem, von seiner Partei hochverehrten Staatsmann laut Parlamentsbesch'uß als Ehrengrab zugedacht war Seitdem hat sich aber im innerpolitischen Leben Aegyptens vieles geändert. Und als das stattliche Gebäude endlich fertig war, kam der gegenwärtigen Regierung der Gedanke, daß das Land doch noch andere verdienstvolle Staatsmänner zu beklagen habe, die noch dazu keine Gegner der gegenwärtigen Machthaber waren, denen man nach dem Tobe aber nicht so große Ehrungen zuteil werben ließ. SebEi Pascha, der Ministerpräsident, faßte daher den Plan, dieses Totenhaus nicht nur für Zaghlul zu bestimmen, sondern aus ihm eine Ruhestätte für alle, in letzter Zeit dahingegangenen großen Politiker zu machen. 3n den wafdistischen Kreisen war die Empörung darüber groß. Frau Zaghlul, deren man sich als Sprachrohr bedient hatte, zögerte auch nicht, Sedki Pascha mit dürren Worten zu erklären, daß sie unter obwaltenden Umständen gern auf die, auch ihrem Manne zugedachte Ehre verzichte. Nach langwierigen Erwägungen kam die Regierung schließlich zu dem Resultat, das zum Zankapfel gewordene Mausoleum den Pharaonen-Mumien einzuräumen, die feil 3ahren im Museum von Kairo beherbergt werden. Bei vielen Aegyptern, besonders bei der breiten Masse, hatte es nämlich schon immer Anstoß erregt, daß diejenigen, deren ganzes Sinnen bei Lebzeiten darauf gerichtet war, nach dem Tode in einer, ihrer Würde entsprechenden Umgebung zu ruhen, rücksichtslos aus ihren Gräbern gerissen, unb ben neugierigen Blicken eines jeden Fremden ausgesetzt werden. Die Uebersührung der Mumie Tuianchamons aus dem Kairoer Museum nach feinem Grabe im „Tal der Könige" in Theben, wurde wohl auch nicht allein aus dem Grunde unternommen, um die Mumie vor atmosphärifchen Einwirkungen zu schützen. Merkwürdigerweise ärgert es die Leute kaum, wenn Diebe die Gräber erbrechen und plündern. Als aber beispielsweise im 3ahre 1881 der damalige Generalinspektor des Kairoer Museums, Emil Bougsh, im Auftrage der Regierung einen innersten Raum führte ein drei Meter langer Schacht in die Tiefe, in dem Fragmente von Steinsarkophagen lagen, die denen gleichkommen, die Barsanti'in dem Königsgrabe im Jahre 1891 fand. Außerdem kam ein prächtiger Alabasterschrein zutage, der von vier, an den Ecken sitzenden Geiern, beschützt und für die Eingeweide und das Herz Echnatons bestimmt war. Doch auch dieser Schrein ist nicht benutzt worden, weil keine Spur jener schwarzen, harzigen Masse in ihm zu entdecken war, wie sie beispielsweise die Kanopen (Steingefäße; Urnen) Tutanchamons aufwiesen. Unter den weiteren Funden wären erwähnenswert: schone teils guterhaltene Vasen und Kelche aus Granit und Alabaster, mit Namen und Kartuschen früherer Pharaonen. Merkwürdigerweise befinden sich auch darunter Gegenstände, deren Gravierungen und Reliefs aus alte Gottheiten Hinweisen. Wie z. B. von Katzen umgebene Hatorkopfe Kopse der Uräusschlange, und andere Fragmente, die von größeren Bildwerken stammten, die Echnaton aber, soweit er konnte, vernichtete, in der Hoffnung, mit ihnen auch jeden Zusammenhang mit der alten Lehre zu unterbinden. An der Nordgrcnze wurde das große Tor, und oberhalb desselben ein großer Saal aufgedeckt, beide mit Wandmalereien geschmückt die teilweise gerettet werden konnten. Gegenüber diesem Tor stieß man auf Ruinen, die wohl zu dein Palast gehörten, der Nofretete nach dein Tode ihres Gemahls angewiesen wurde. Die neuesten Entdeckungen erstrecken sich auf das Stadtzentrum, das Viertel, in dem sich der kleine Tempel und die königlichen Paläste befanden. Der Teinpel ist bis auf die Grundmauern zusammengesallen. Auf den einzelnen Mauersteinen findet man noch die Worte eingepreßt: „Hat Aton (Hous des Atons). Mit dem Tempel in enger Verbindung standen zwei größere Bauten, von denen der eine Wohnsitz der Priesterschaft war der zweite deren Wirtschaftsräume und die Tempelbäckerei enthielt. Unweit des Tempels wurde ein schon von Flinders Petrie ausgedeckter Bau einer nochmaligen Untersuchung unterzogen. Dabei ergab es sich, daß man es höchstwahrscheinlich mit dem königlichen Privatsitz zu tun hatte, der durch eine lange Brücke, die bis zur Hauptstraße durchfuhrt, mit bem offiziellen Palast verbunden mar. Im ersteren entdeckte man einen Raum, den man qIg ein Maleratelier erkennt, in dem sich Echnaton in feinen Mußestunden als Maler betätigte. Jedenfalls hatte der Herr dlests Raumes den Fußboden als Palette benutzt, wie Farbenspuren noch bezeugen Außerdem fanden sich aber noch auf ihm Pinsel, bemalte Paletten und Fischgräten, die wohl zum Entwurf auszufuhrender Muster Renten. Sehr lustig ist unter den Funden, die in einigen Verkaufsladen geniach. wurden, eine Karikatur, die den unrasierten Komg mit struppigem Bart ^Zu^'Vervollständigung des der Vergangenheit entwundenen Bildes sei noch der wichtigen Arbeit gedacht, die bis zum Kriegsausbruch von der Deutschen Orieiitgesellschast unter dem Gründer und ehemaligen langjährigen Leiter des Deutschen archäologischen Instituts in Kairo, Geheimrat Borchardt, geleistet wurde. Ihm als Mitarbeiter stand zeitweise Professor Hölscher zur Seite, der fetz unter der Flagge des Chicaöo-house" die Aufdeckungen der Tempel und Palastanlage Ramses III in Theben leitet, während Geheimrat Borchardt seinen „foge- nonnten Ruhestand" mit weiteren Forschungen verbringt. Wenn dieser i große Gelehrte von Anfang an die Hoffnung hatte, m Amarna eine altägyptische, noch nicht ganz zerfallene Stadt aus dem «onde der Wüste ans Tageslicht zu bringen, so ist ihm das über Erwarten gelungen. Es führt zu weit, hier alle feine Erfolge auszuführen. Es muh eine prächtige, lebensfreudige und die neue Kunst atmende Epoche gewesen stm, m d e der Nachwelf ein Einblick geschasst wurde. Die aus Lehmziegeln und Holz erbauten Häuser standen vielfach in Gärten. Ihre fronten waren nut leuchtenden Farben bemalt und mit in der Sonne glitzernden Einlagen verziert. Die Privathäuser entsprachen gewiß in jeder Beziehung den An- Ivrüchen ihrer Bewohner. Sogar mit Badeeinrichtungen waren sie ver- leben^ Der Hausaltar stand an bevorzugter Stelle und war derart, daß der Eintretende nach Osten gerichtet war. Unter der Fülle guterljaltcnet Gegenstände die gefunden wurden, sei die Gipsbüste der Königin Nofretete ch^ber Werkstätte des Bildhauers Putmus erwähnt, und der berühmte Klappaltar der wohl als Urbild des christlichen Altars gedacht werden kann^ Nicht einmal die Flasche für die Blumenopser fehlte, und ein zum Opfer notwendiger Wasserbehälter, der seitwärts eingemauert ist. Nur das Altarbild stellt die Sonnenfcheibe dar, deren in Hande ausloufenöe Strahlen eine Szene aus dem königlichen Familienleben beleud)ten, m der die Königin Nofretete nicht fehlt. Daß ihre leichtzerbrechliche Bu die in dem verhärteten Schutt gefunden wurde, der Nachwelt erhal.cn blieb sahen die Ausgräber als ein Wunder an; fie erklären es dcuurch, daß das Kunstwerk in weichen Nilschlamm gefallen sei. Stine. Roman von Theodor Fontane. (Fortsetzung.) . Hierauf zog fie sich in der Tat zurück und ging in bie Küche wo sie das Nötigste für die Komödie zu finden hoffte. Die Pittelkow folgte. Bald danach aber erschienen beide wieder in Front der Wohnung, wo man sofort die nach der Nebenstube führende Flügeltür öffnend, innerhalb eben 'dieser Türöffnung ein tariertes Plaid auszuspannen und in etwa Aianneshöhe zu befestigen begann. Dahinter nahm setzt Wanda ihren Stand und druckte das Plaid gerade weit genug herunter, um bequem darüber fortsehen zu können. Und nun verkündigte fie: »Audish und Holofernes Trauerspiel in zwei Akten von Tussauer, ohne Musik. Wir beginnen mit dem ersten Akt (.sehr gut ..merkwürdig) ober, was das- ieihe (naen will mit der Zeltgasse des Holofernes. . link? nach dieser Ankündigung schnellte das Plaid wieder in d,e Hohe, und an Stelle von Wandas brünettem Gesicht er|d)ien eine mcif}getleibete Kartosfelprinzessin mit rotem Turban und rotem Siegelack-Mund. Natürlich Judith Diese verneigte sich, geschickt dirigiert vor dem Publikum, sah abwechselnd nach links und rechts, wie wenn fie jemanb erwarte, und begann bann in etwas heiserem Ton: Er ist es, Holofern, ber schwergeprüfte Mann, -zch fxh sein großes Schwert unb einen Klunker brau. aroften Funb von Königsmumien unb ihren Schätzen aus Theben nach Sairo aus ihrem Versteck bringen sollte, da wissen noch alte Leute in Luror zu erzählen, zu welchen Protesten sich bie Dorfbevölkerung hm- rcihen ließ. Die Leute folgten bem Regierungsschiff mit seiner wichtigen ßnbung lange Strecken an ben Nilufern, wobei sich bte grauen bie Haare rauften ihr Klagegeheul ausstiehen, unb bie Manner, wie es bei Trauerkundgebungen üblich ist, ihre Gewehre abschossen. Soweit reicht der Fanatismus heute nicht mehr. Die letzte Bestimmung über bie Ver- wenbunq bes Gebäudes würbe aber allseitig als befriedigende Losung ber Streitfrage begrüßt. Daß durch diesen Beschluß ein neuer Streit entfacht werde der diesmal die Aegyptologen auf den Plan rief, unb in deren Kreisen zu Differenzen führt, war eine neue Ueberraschung. Das kam aus folgender Veranlassung: Bevor die Königsmumien zu ihrem neuen Bestimmungsort geschasst wurden, hielt man es für zweckmäßig, fie einer eingehenden Unkr= (uchung zu unterziehen, die unter dem Vorsitz des gegenwärtigen Ge- iieralinspektors des Museums, des Engländers Dr. Engelbach, ausge- fiiiirt wurde. Nach völliger Uebereinstimmung der Kommission wurde nun estgestellt, daß einige Mumien nicht in die Särge gehörten, m denen sie lagen, andere aber nicht diejenigen sind, für die man sie bisher hielt. Das traf vor allein auf Amenophis IV., den Satten der No- Dieser" Pharao der sich später Echnaton, das heißt „der dem Aton genehme" nannte, ist einer der interessantesten Gestalten des, „neuen Reichs". Er war es, ber mit Aton, bem Sonnengott, bie monotheistische Staatsreligion einführte, bie kein Bildnis bes Gottes bulbete, unb dadurch sich die gesamte Priesterschaft des Amon zu Feinden wachte. Um sich den Anfeindungen der Priester zu entziehen, schuf er nördlich von Theben, in Tel ei Amarna, eine neue Residenz, in die er sich mit feiner Familie und feinen Getreuen zurückzog. Dort ftarb er wahrend einer von den Amonpriestern angezettelten Revolte. Wo, und ob er in Tel el Amarna begraben war, ist die offene Frage. Man nimmt m- delsen verschiedentlich an, daß (eine Mumie von seinen Anhängern heimlich fortgebracht und versteckt worden ist. . ’ Im Jahre 1907 entdeckte ber Amerikaner Theodor Davis auch in Theben in einer kleinen Gruft Reste ber Grabausstellung Echnatons unb feiner Mutter Test, außerdem einen Sarg mit einer Mumie. Die Experten, Mr. Weigall unb Dr. Eliot Smith, bie den Fund untersuchten, erklärten die Mumie sei die des „Ketzerkönigs . So wurde der Reformator genannt, nachdem (ein zweiter Nachfolger unb Schwieger ohn, Tutanchamon, unter bem Drucke ber Priester bie alten Gotter wieder zu Ehren brachte, obwohl Dr. Eliot Smith ber Ansicht war baß der Knochenbau dieses Körpers einem jüngeren Manne angehoren konnte, als Echnaton bei feinem Tode war. Daß der Sarg aber Echnatons Königssarg sei, darüber war ihrer Meinung nach kein Zweifel. Die Experten, die im Dezember v. I. im Auftrage der Regierung die Mumie untersuchten, bleiben dagegen bei ihrem Ergebnis Mr Untersuchung, daß weder die Mumie noch der Sarg das geringste mit ( Echnaton zu tun haben. Sie stimmen mit dem Befund von Dr. Eliot Smith insofern überein, daß der Körper, der eines etwa um zehn ; Jahre jüngeren Mannes fei, dessen Schade! aber bie tform eine Wasserkopfes hat, mit bem ber Religionsstifter, aber stine Na^ folger, behaftet war. Was hingegen ben «arg anbetrifst kann es nach ber Entzifferung ber gefunbenen Inschrift bem Geliebten Gchnatons nur ber Sarg einer bem König sehr nahestehenden ^er,on ein. «leW eines feiner Schwiegersöhne, der ein Nachsolger wurde (und das wäre Smenker"), aber nie der Sarg Echnatons. Wer hat nun Recht? Westen Mumie ist es, und westen Sarg? Der Aelteste ber im ßanbe lebenben Aegytologen, .Mr. A. H. Sapec, erklärt dazu, daß er nie geglaubt habe, bie von Davis Munbene Mumie fei Echnatons Körper; benn er hatte bas von W>rsant nn Jahre 1891 geöffnete Königsgrab in Tel el Amarna Mfammen mit DarestY besichtigt unb barin Zwar Lappen von Mumienbinden »nd Reste von Totenaaben aeiehen aber meber einen Sarg noch eine JJlumie. Dann be,uch?e er aber auch halb nach ber '^^ung jene ®™ft 'ln in ber Davis bie erwähnten Funde gemacht hatte. D°rt war a U e rb i n g ein Sarg mit einer Mumie. Der Sarg konnte aber wieder nicht der Echnatons fein, ober feine Mumie war es nicht, met be: Sarg fiir f viel zu kurz war, so baß ihre Fuße h°rausragten D^e Frage nach bem Verbleib bes „verpönten Ketzers wird indessen noch komplizierter.^ seinem Werk „Tutachamon" (deutsch F. A. ^997 ' in Carter, daß unter den Hauptfunden, dst Davis im Jahre 1) Theben machte, bie Mumie unb ber prächtige Konigssarg Echnatons ermähnt werben müssen. Aber in ber Vorrebe zu biefem Werk geben« Profelfor Steinborf Leipzig bie,es Pharaonen mit folgenden Worten. WSÄ feine Laiche vielleicht in ben Ntt geworfen. Nur wenige Stücke seiner Grabausstattung, darunter der prach g Königssarg, mürben in einer kleinen Gruft "" „Tal der. 9 9 borgen." Geheimrat Borchardt, der Gründer und lang ahi'ge ehemalige Leiter des heutfdien Archäologischen Instituts in Kairo, ist aber oer Ansicht, daß bas Grad beim Tobe Echnatons noch unvollendet war, und er niemals darin gelegen habe. . . ..._ Duxch- Der Streit um die Mumie Echnatons hat jetzt zui einer ne ® forschung der Stadt „Tel el Amarna und schon ZU Lebzeiten ^be Grünbers angelegten Königsgraber geführt. Das aeweihte nordöstlich vom „Lichtort", so nannte er ferne neue,!bem Mton gewebte Erab7s^si^b^e?bröckelü' Der'' Stück, mtt dem ü^rZogen ^waren.^ft NakL SWe L Ättter^uL^^nb^^tit ein 70 Meter langer, stellenweise bis 10 Meter bre.er ■ SJuttJugrf emer genauen Untersuchung unterzogen. Die oberste b; ’ aufgeworfen Schutt her, ben Barsanti seinerzeit be. ®^XnTüae « w bem hatte. Aber darunter stieß man auf e.ne große Grabanlage. Wirklich zeigte sich in eben diesem Augenblicke von der einen Seite her eine hagere Rotmantetgestalt mit einer Papierkrone: „Wer bist du, schöne Frau? Wo kommst du hergereist?„ Im Krieg ist mancher Mann manchmalen etwas dreist." „Auch im Frieden", tuschelte Sarastro dem Baron zu. Judith aber fuhr fort: , , „Ergebne Dreistigkeit erleid ich sittig gern, Ich nenne Judith mich und suche cholosern." „So bin ich's, den du suchst ... Wie war ich so allein ..." „Doch nur durch deine Schuld ..." „Es soll nicht länger sein ... Und unter einem halb besehlshaberischen, halb vertraulichen Augen- und Fingerwink aus sein Zelt zuschreitend, folgte Judith, mährend das gleichzeitig im Nebenzimmer erlöschende Licht anzeigte, daß der Vorhang vorläufig falle. Der junge Graf wollte Beifall klatschen, der Oheim aber hielt ihn zurück und erklärte, „daß man sein Feuer, auch in solchen Dingen, nicht zu früh verknattern müsse. Dies alles fei nur Vorspiel und stelle viel, viel Jntrikateres in Aussicht. Er, für seine Person, sei vor allem neugierig, wie Fräulein gewisse szenische Schwierigkeiten, so beispielsweise das Konnubium und in zweiter Reihe die Dekapitgtion, überwinden werde. Freilich bestreite man jetzt das Vorhandensein szenischer Schwierigkeiten, aber alles habe doch seine Grenze." Sarastro würde noch weitergesprochen haben, wenn nicht das sich wieder erhellende Nebenzimmer den Fortgang der Handlung angezeigt hätte. Wirklich erschien im nächsten Augenblicke Judith aufs neue, diesmal, um ihren entscheidenden Monolog zu halten. „Er sterbe ... Muß er's denn? Mir selber ist es leid, Er sprach von einem Schmuck und sprach von einem Kleid, Allein wer bürgt dafür? Ich weiß, wie Männer sind. Ist erst der Sturm vorbei, so dreht sich auch der Wind; Er sprach von Frau sogar, allein was ist es wert? ... Komm denn an meine Brust, geliebtes Racheschwert! Er hat es so gewollt, — ich fasse seinen Schopf, Daß er. mich zubegehrt, das kostet ihm den Kopf." Und im selben Augenblick (die Gestalt des Holofernes war inzwischen aus der Tiefe heraufgestiegen) vollzog sich auch schon der Enthauptungsakt, und der Kopf des Holofernes flog, über die Gardine fort, ins andere Zimmer hinein und fiel hier vor Baron Papageno nieder. Alles klatschte dem Stück und mehr noch dem virtuosen Schwerthiebe Beifall, der alte Baron aber nahm den ihm zu Füßen liegenden Kopf auf und sagte: „Wahrhaftig, bloß eine Kartoffel. Kein Holofernes. Und doch war es mir, als ob er lebe. Was eigentlich auch nicht wundernehmen kann. Denn, früher ober später, ist eine derartige Dekapitation unser aller Los. Irgendeine Judith, die wir ,zubegehren' — beiläufig eine herrliche Wortbildung —, entscheidet über uns und tötet uns so oder so." „Lassen "Sie,s Baron! Wozu diese schwermütigen Betrachtungen. Ich find es einfach superb. Und glücklich der Dichter, der derlei schaffen konnte. Sie, Fräulein Wanda, nannten vorhin einen Namen, aber vielleicht nur, um von sich persönlich abzulenken ... Eigene Schöpfung?" „O nein, Herr Graf." „Nun, wenn nicht von Ihnen, meine Gnädigste, von wem denn?" „Von einem jungen Freunde." „Will sagen, von einem alten Anbeter." „Nein, Herr Graf, von einem wirklichen jungen Freunde, von einem Studenten." „Das sind wir alle. Was studiert er? Darauf kommt es an." „Ich habe das Wort vergessen, und auf seiner Karte steht es immer nur halb. Und fein Museum ist in der Königgrätzer Straße. Da wollen sie, wenn mir recht ist, herauskriegen, wie die Welt entstanden ist und woraus und wann." „Und vielleicht auch warum? Ein sehr interessantes Studium ... Und er dichtet auch?" Wanda bejahte, zugleich hinzuseßend, daß es nichts Leichtes gewesen sei, seiner ernsten Richtung in der Kunst ein Stück wie .Judith und Holofernes' abzugewinnen. „Er werde seine Muse nicht entweihen", feien damals seine Worte gewesen. 2(ber sie habe, Gott sei Dank! Mittel in Händen gehabt, ihn zu zwingen. „Ah, ich verstehe ..." „Nein, nicht das, Herr Graf. Er ist ein sehr verschämter junger Mann und lieft mir bloß seine großen Trauerspiele vor, immer mit einem Vorspiel. Und dabei hofft er auf meine Fürsprache. Damit hab ich ihn in der Gewalt. Freilich, ich muß es sagen, es wird nichts mit ihm. Aber ein guter Junge, der mir alles zuliebe tut." „Glaub ich", lachte der Baron. „Aber, meine Gnädigste, wer wollt es auch anders? Und nun denk ich, wir machen einen Whist." Ein Spieltisch wurde herbeigeschafft und aufgeklappt, und die drei Herren und Wanda nahmen Platz. Auf ein niedriges Tischchen daneben wurde ein Champagnerkühler gesetzt, und der alte Gras in Person machte den Wirt. Eigentlich trank nur Wanda, trotzdem auch ihr ein Spatenbräu sehr viel lieber gewesen wäre. Stine stand hinter Papagenos Stuhl und mußte die Versicherung mit anhören: „Eine reine Jungfrau bringt Glück". Die Pittelkow machte sich wirtschaftlich zu tun und putzte bereits die Gabeln wieder blank. So verging eine gute Weile. Zuletzt aber warf der alte Graf die Karten hin und sagte: „Kommt nichts dabei heraus. Ein Spiel ist eigentlich nur was, wenn es la banque ou la vie geht. Ich glaub, ich habe sieben Mark verloren,und quäle mich nun schon eine Glockenstunde. Wanda, sind Sie bet Stimme? Natürlich; was frag ich noch. Eine Dame wie Sie hat ihre Requisiten immer bei sich" Papageno lachte. Der alte Graf aber fuhr fort: ,,... Welche Perspektive! Auf Ihr Wohl, Wanda! Und auf das Ihre, Fräulein Stine! Pauline braucht unser Wohl nicht, der ist wohl von selbst." „Na, na, Graf. Bloß nich so. Von selbst? Wovon denn? W-ik es Gott, es is auch nich immer 'n Vergnügen." „O vorzüglich, Pauline. Du bist doch die Beste. Stoß an, Kind! Abe» nun singen, Wanda." „Ja, wer begleitet?" „Natürlich der, der allein begleiten kann: Papageno." „Gut, gut." Und der alte Baron schob einen Stuhl ans Klavier, drehte den kleinen Schlüssel und öffnete. „Was soll es sein?" „Nun", sagte der alte Graf, „das wenigstens sind wir dir schuldig, Freund, daß wir mit der Papageno-Arie beginnen. Also: ,Bei Männern, welche Liebe fühlen, fehlt auch ein gutes Herze nicht'. Aber freilich, das ist eine Plattitüde, das ist selbstverständlich. Erst was folgt, ist das Eigentliche. ,Die süßen Triebe mitzusühlen, ist dann des Weibes erste Pflicht'." Der Baron nickte zustimmend und wiederholte den Schluß: „.. ist dann des Weibes erste Pflicht." Wanda aber, die, wie die meisten ihrer Art, an ganz unmotivierten Anstands- und Tugendrückfällen litt, sagte mit einem Male: „Nein, meine Herren, es ist noch zu früh. Ich finde, dies Lied ist schon über der Grenze." Die Herren sahen einander an, weil keiner wußte, was er aus diesem Unsinn machen sollte, die Pittelkow aber, die sich über das „Wandasche Gehabe" ganz aufrichtig ärgerte, fuhr energisch dazwischen und sagte: „Jott, Wanda, bloß keine Geschichten. Jrenze! Wenn eine so was hört! Man is entweder rüber, ober man is nich rüber. Un wenn man erst rüber is, un wir finb rüber, bann is es auch ganz egal, ob es Klock zehn is ober Klock elfe. Nein, Wanba, bloß nich zieren! Immer anftänbig, bafür bin ich, aber zieren kann ich nich leiben." Es schien sich ein Streit entspannen zu sollen, der, bei bem rücksichtslosen Charakter ber Pittelkow, bei ber alles immer biegen ober brechen mußte, leicht zu sehr unliebsamen Erörterungen hätte führen können. Niemanb wußte bas, nach allerpersöulichsten Erfahrungen, besser als ber alte Graf selbst. Er sprang also über ben Streitpunkt rasch weg und sagte: „Sann bin ich, wenn es die .Zauberflöte' nicht sein kann, für den .Alten Feldherrn'. Aber im Kostüm." Das wurde denn auch allerseits freudig ausgenommen, und nach kurzem Rückzug in die Nebenstube trat Wanda wieder ein, rot drapiert und eine Gardinenstange statt des Fahnenstocks in der Hand. „Singen, singen!" „Ich werde ja", sagte Wanda, sich vor ihrem Publikum verneigend, „aber was? Der .Alte Feldherr' hat zwei Stücke." „Nun denn, das Hauptstück: .Fordre niemand mein Schicksal zu hören!' Ein wundervolles Lied und ebenso wahr wie ergreifend. Eigentlich könnt es jeder fingen, vor allem solche alte Feldherren wie wir. Nicht wahr, Papageno, Aber nun anfangen! Schnell, schnell!" Und im nächsten Augenblick brach es los, und durch alle drei Stockwerke hin, so daß selbst die Polzins oben es hören konnten, klang es in immer erneutem Refrain: „Ist mir nichts, ist mir gar nichts geblieben Als die Ehr und dies alternde Haupt." Die Pittelkow hatte sich dabei hinter den Stuhl des alten Grafen gestellt und schlug mit ihrem Zeigefinger den Takt auf seiner kohlen Kopfstelle. Wanda war glücklich und gab immer Neues zum besten, wobei die Pittelkow, die viel Gehör hatte, die zweite Stimme fang, während Sarastro mit seinem Baß und der nach wie vor am Klavier begleitende Papageno mit seinem schadhaft gewordenen Bariton einfielen. Nur der junge Gras und Stine schwiegen und wechselten Blicke. Sechstes Kapitel. So verging noch eine Stunde. Dann brach man endlich auf, und Sarastro und Papageno baten mit aller Dringlichkeit um die Ehre, Fräulein Wanda, „damit ihr nichts zustoße", gemeinschaftlich nach Hause bringen zu dürfen. Der junge Graf schloß sich wohl ober übel an. Die so hoppelt unb breifach Gefeierte brang freilich ihrerseits auf Vereinfachung des Verfahrens, immer wieher versichernb, „daß einer genüge". Sie sah sich aber überstimmt. „Sie Verantwortung sei zu groß." Als alle fort waren, nahm die Pittelkow ihre Schwester um die Taille, walzte mit ihr dreimal im Zimmer umher und sagte bann: „So, Stine, nu wird es erst nett. Eine braune Kanne voll hab ich uns gleich noch beiseite gestellt, unb ein paar Morgensemmeln finb auch noch da. Sie werben nu wall zäh genug fein, aber mit Butter geht es hoch, da rutschen sie... Nein, diese Wanda, nicht zu glauben. Und eine Stimme, wie ’ne Harfenjule." Stine versuchte zum Guten zu reden und warf der Schwester vor, daß sie, wie gewöhnlich, viel zu streng sei. Zudem verrate sie sich; alles, was sie da sage, sei doch bloß aus Eifersucht. Aber sie brauche gar nicht eifersüchtig zu fein, denn alle drei seien ja mitgegangen, und drei seien immer besser als einer. Sie gute Wanda. Nun ja, wenn man wolle, so ließe sich jedem was ans Zeug flicken (ihnen beiden auch), alles in allem aber sei die Grützmacher eigentlich eine nette Person und jedenfalls eine sehr gutmütige. „Ja", sagte Pauline, „das ist sie; man bloß so wichtig und gierig. Und wenn sie sich bann ausgeziert hat, denn ziert sie sich wieder nicht genug und hat so was Johliges und Genierliches." „Su bist heute gut im Zuge", lachte Stine. „Sas also ist Wanda. Und nun sage mir, wie bin ich denn? Aber nein, sag es nur lieber nicht..." „Will auch nicht..." „Sage mir lieber etwas über die drei! Wie steht es mit bem alten Grafen?" „Ein Ekel." „Und mit bem Baron?" „Ein Summbart." „Und mit dem jungen Grafen?" „Ein armes, krankes Huhn." (Fortsetzung folgt.) Berantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Derlag: Drühl’sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.